alte Frau war schwer mit Elend geschlagen . Ihr Mann hatte doch wenigstens seine Arbeit ; er konnte den Kummer da draußen im Acker vergraben . Aber sie lag hier oben allein , ohne ein Glied rühren zu können . Die Kinder waren nun alle aus dem Hause , in der Fremde . Keine Menschenseele hatte sie zur Pflege . Hin und wieder kam einmal eine mitleidige Nachbarsfrau , nach ihr zu sehen . Dann hatte sie wenigstens für kurze Zeit jemanden , mit dem sie weinen konnte ; das war ihr einziges Labsal . Zu ihrer Gicht war noch Wassersucht getreten , die sie gänzlich bewegungslos machte . Sie sehnte sich aufrichtig nach dem Tode . Die Bäuerin , welche des Nachts nur wenig schlief , traute ihren Sinnen kaum , als sie in der auf diesen Sonntag folgenden Nacht plötzlich den Bauern aufstehen und sich ankleiden sah . Wo er zu dieser Stunde hin wolle , fragte sie ihn . Eine Kuh sei krank , erwiderte er und ging . Sie verfolgte seine Schritte und vernahm mit ihrem durch das lange Stilleliegen geschärften Gehör in der tiefen Nachtstille , daß er sich unten mit den Geschirren zu schaffen machte . Und nach einiger Zeit war es ihr , als höre sie ihn mit einem Gespanne den Hof verlassen . Was sollte alles das vorstellen ? Mitten in der Nacht aufzustehen und zur Feldarbeit zu gehen ! War der Bauer am Ende gar übergeschnappt ? Früh beim Morgengrauen erst kam er zurück , schmutzbedeckt und erhitzt , wie von angestrengter Arbeit . Er kleidete sich aus , legte sich noch einmal zu Bett und schlief bis tief in den Tag hinein . Die Bäuerin konnte sich nicht entsinnen , je zuvor etwas Ähnliches an ihrem Eheherrn erlebt zu haben . - Im Kretscham sammelten sich inzwischen die Bieter . Heute sollte ja laut Zeitungsanzeige die Vereinzelung des ehemalig Büttnerschen Bauerngutes stattfinden . Halbenau machte Feiertag an diesem Montage . Denn wenn auch nicht jeder bieten konnte , so wollte doch jeder zum mindesten dabei gewesen sein . Es kamen etwa sechzig Morgen in kleineren Parzellen zur Versteigerung . Der Bauernhof mit einem Areal von etwa vierzig Morgen nahm der Besitzer von der Auktion aus , ebenso den Wald . Ein Stück von - zehn Morgen hatte der Kretschamwirt bereits vorher erstanden zu einem auffällig niedrigen Preise , wie gemunkelt wurde . Nun , er war ja gut Freund mit Samuel Harrassowitz ! - Die Stimmung war eine angeregte , es schien Kauflust vorhanden . Der Händler kannte seine Leute , wußte , womit man den kleinen Mann ködert . Der Landhunger war auch bei den Halbenauern ausgeprägt . Die ärmsten Schlucker , die sich das Geld womöglich hatten zusammenborgen müssen zur Anzahlung , wollten diese Gelegenheit , zu eigenem Grund und Boden zu gelangen , nicht ungenützt vorübergehen lassen ; die Erwägung , ob sie jemals imstande sein würden , nur die Zinsen des Kaufgeldes herauszuwirtschaften , bewegte diese Köpfe nicht . Kaufmännisch zu verfahren oder auch nur ihren Vorteil im voraus zu bedenken , war nicht die Sache von Leuten , die aus der Hand in den Mund lebten und nichts zu verlieren hatten . Mit Spannung sah man der Ankunft des Händlers entgegen , ohne den die Auktion nicht beginnen konnte . Endlich kam das Wägelchen , auf dem Bocke der Kutscher , mit dem blauen Rocke und der silbernen Tresse am Hute , die in Halbenau nicht mehr unbekannt waren . Harrassowitz hatte den jungen Advokaten Riesenthal mitgebracht , der ihm die Kontrakte mit den Käufern gleich fix und fertig machen sollte . Mit freudigem Blicke überschaute Sam die Schar der Kauflustigen . » Die Kerle sein wie verrickt ! « raunte ihm Kaschelernst zu , als er den Geschäftsfreund am Wagen begrüßte . » Recht so ! « meinte Sam . » Wir wollen ja auch nichts verschleudern . « - Nach einiger Zeit begab man sich hinaus aufs Bauerngut . Die Versteigerung sollte an Ort und Stelle vorgenommen werden . Der Anblick des Feldes und der Früchte , die darauf standen , würde die Kauflust noch erhöhen , taxierte Sam . Der Händler und der Gastwirt gingen etwas hinter dem allgemeinen Troß drein . Auf einmal gab es ein Recken der Hälse und Zusammenstecken der Köpfe , Rufe des Staunens , untermischt mit Gelächter ! » Was gibt ' s denn ? « fragte Harrassowitz . Die Leute wiesen auf ein Stück frisch gepflügten Ackerlandes . Kaschelernst stieß einen Ruf des Schreckens aus , lief ein paar Schritte vorwärts , blieb dann stehen mit rotem Kopfe und weitgeöffnetem Munde , ähnlich wie am Tage zuvor sein Schwager Traugott Büttner . Von dem pfiffigen Lächeln , das er sonst zur Schau zu tragen pflegte , war in diesem Augenblicke keine Spur zu entdecken . Die Leute kicherten und nickten einander schadenfroh zu . Das war Kaschelernsten einmal gesund ! Wo gestern abend noch eine dunkelgrüne Kornsaat geprangt hatte , lag jetzt braune Stürze . Das hatte der alte Büttner in einer Nacht mit dem Pflüge umgeackert . III. Die Sachsengänger waren mit ihren Arbeiten rüstig vorwärts geschritten . Den Rüben war bereits die dritte Handhacke gegeben worden . Der trockene Sommer hatte die Reise des Getreides stark gefördert ; bereits Ende Juni verkündete die weißgelbe Farbe der Kornähren die herannahende Ernte . Die Erntezeit bedeutete für die Wanderarbeiter eine Änderung ihrer ganzen Arbeitsweise . Bis dahin hatten sie hauptsächlich in Stücklohn gearbeitet . Es war ihnen überlassen worden , sich Beginn und Dauer der Arbeitszeit selbst zu legen . Erwerbsbeflissen , wie sie waren , hatten sie bei grauendem Tage die Arbeit aufgenommen und niemals vor sinkender Nacht aufgehört , nur mit kurzen Unterbrechungen für Frühstück , Mittagbrot und Vesper . So hatten sie durch große Emsigkeit schöne Einnahmen erzielt . Und die Güte der Arbeit hatte doch nicht unter dem Eifer , möglichst viel vor sich zu bringen , zu leiden gehabt , denn Gustav Büttner stand als strenger Aufseher hinter ihnen . Gustav setzte seinen Ehrgeiz darein , daß bei seiner Gruppe nicht über Schleuderarbeit geklagt werden durfte . Das Auge des schneidigen Herrn Inspektors schien oft genug nach einer Gelegenheit zu Tadel oder gar zu Lohnabzügen zu suchen , wenn er plötzlich an die rübenhackenden Leute herangesprengt kam ; aber bis dahin hatte er keine Möglichkeit gefunden , seine wohlwollende Absicht auszuführen . Anders gestaltete sich die Sache , als die Erntezeit herankam . An Stelle des Stücklohnes sollte nun laut Kontrakt Tagelohn treten . Die Arbeiter , die sich ausgerechnet hatten , daß sie nun nicht mehr den guten Verdienst haben würden , den sie bei der Akkordarbeit erzielen konnten , sahen der Änderung des Lohnsatzes mit Unlust entgegen . Es war darüber schon viel hin und her gesprochen worden unter den Leuten . Man hatte es dem Aufseher nahe gelegt , wegen Aufhebung dieses Vertragspunktes mit dem Arbeitgeber zu verhandeln . Aber Gustav hatte erklärt , was geschrieben sei , sei geschrieben , und an dem Kontrakte dürfe nicht gerüttelt werden . Darüber erhob sich Murren unter den Leuten ; einzelne erklärten , im Tagelohn würden sie faulenzen . Häschke gab das Gelegenheit , seinem Herzen gründlich Luft zu machen . Er schimpfte auf den Arbeitsherrn und seine Beamten , gebrauchte Worte , wie » Lohnsklaverei « und » Ausbeutung des Arbeiters « . - Gustav warf ihm daraufhin vor , er sei ein » Roter « . Häschke nahm den Vorwurf pfiffig lächelnd hin ; die » Roten « seien noch nicht so schlimm wie die » Goldnen « , meinte er . Eines Tages kam der Inspektor an die Arbeitergruppe herangeritten und teilte ihnen in protzig barschem Tone mit , daß morgen mit beginnender Roggenernte der Tagelohn in Kraft trete . Er erwarte pünktlichsten Beginn der Arbeit bei Sonnenaufgang und größten Fleiß ; Bummelei werde er nicht dulden . Schließlich drohte er mit Lohnabzügen und Fortjagen auf der Stelle . Damit sprengte er an der Reihe entlang , daß den Leuten Sand und Erdklöße ins Gesicht flogen . Häschke blickte dem jungen Beamten mit einem eigentümlichen Lächeln nach . » Daß de dich nur nich geschnitten hast , Kleener ! « meinte er . » Wenn wir früh vor fünfen antreten , so is das freiwillig . Sollen wir Überstunden machen , dann megt Ihr hübsch drum bitten . So steht die Sache , Freundchen ! « Am nächsten Morgen war ein Teil der Arbeiter nicht dazu zu bewegen , vor fünf Uhr zur Arbeit zu gehen trotz Gustavs bald drohendem , bald gütlichem Zureden . Der Stimmführer dieser Aufsässigen war Häschkekarl . Im Kontrakte stehe nichts davon , daß sie zu Überstunden verpflichtet seien . Der Arbeitstag laufe von fünf Uhr früh bis sieben Uhr abends . Ungebeten würden sie nicht eine Minute länger arbeiten , als sie es nötig hätten . Gustav war in übler Lage . Er konnte Häschke nicht widerlegen , und wiederum durfte er als Aufseher eine Auflehnung gegen die Brotherrschaft nicht dulden . Was aus alledem entstehen konnte , war nicht abzusehen . Schwerer denn je drückte die Verantwortung , die er für so viele Köpfe übernommen , auf ihn . Er versprach schließlich , die Wünsche der Leute dem Inspektor vortragen zu wollen . Dadurch beruhigten sich die erregten Gemüter etwas . Während der Mittagspause ging er aufs Vorwerk zum Inspektor . Der Beamte riß erstaunt die Augen auf , als er den Aufseher zu ungewohnter Zeit bei sich eintreten sah . Als er vernommen hatte , um was es sich handle , geriet er in maßlose Wut . » Was ! Ihr wollt Forderungen stellen ? Das ist Betrügerei ! Was steht im Kontrakte ? Ich kann euch allezusammen entlassen - ohne weiteres ! Überstunden ! Nicht einen Pfennig zahle ich mehr . Wer Morgen früh nicht Punkt vier Uhr auf dem Posten ist , dem ziehe ich drei Mark ab . Rasselbande ! Mit euch wird man wohl noch fertig werden ! - « Gustav hörte sich das Schimpfen des erbosten Menschen nicht bis zum Ende an , machte kurz Kehrt und verließ das Zimmer . Gustav war anfangs im Zweifel gewesen , ob die Forderungen , welche er im Namen seiner Leute gestellt , auch wirklich berechtigt seien ; nunmehr war er fest entschlossen , der Überhebung des Beamten seinen Trotz entgegenzusetzen . Als er zu den Arbeitern zurückkehrte und ihnen brühwarm berichtete , wie er behandelt worden sei , brach das Gefühl langverhaltener Erbitterung bei allen durch . Häschke sprach die Ansicht der Mehrzahl aus , als er erklärte , daß die gebührende Antwort hierauf nur Niederlegen der Arbeit sein könne . Obgleich Gustav die ihm und seinen Leuten widerfahrene Ungerechtigkeit tief empfand , erschien ihm der Gedanke einer Arbeitseinstellung doch bedenklich . Häschke hatte nicht unrecht , wenn er ihm hohnlachend vorwarf , ihm säße noch die » Vorgesetztenangst « vom Militär her in den Gliedern . Der Plan , die Arbeit niederzulegen , kam Gustav ungeheuerlich vor ; das grenzte an Desertieren , an Meuterei . Er wollte und konnte so etwas nicht gutheißen . Aber Häschke stellte ihm die Sache mit beredtem Munde noch einmal vor : man war in seinem guten Rechte . Der Inspektor war es , welcher den Kontrakt brechen wollte , nicht sie . Wenn sie sich hierin nachgiebig zeigten , würden bald noch andere Übergriffe von seiten des Arbeitgebers und seiner Beamtenschaft erfolgen . Es handele sich hier nicht bloß um die paar Groschen , um deretwillen der Streit entbrannt war , sondern um die Sache . Sie dürften der Ehre halber nicht klein beigeben , denn das könnte aussehen , als hätten sie Furcht . Der Aufseher aber müßte in erster Linie für seine Leute und ihre Rechte eintreten , denn nur in diesem Vertrauen wären sie ihm hierher gefolgt . Im Stiche dürfe er sie nicht lassen . - Mit solchen , auf Gustavs Ehrgefühl berechneten Gründen kam Häschke zu seinem Ziele . Im Stiche lassen wolle er sie nimmermehr , erklärte der Aufseher . Und Ungerechtigkeit würde er nicht dulden . » Hurra , jetzt machen wir Strikke ! « rief Häschkekarl . Er wisse genau , wie dergleichen gemacht werden müsse , behauptete er . Wenn die Arbeiter nur wüßten , was sie wollten und untereinander festhielten , dann könne es gar nicht fehlen , dann müßten schließlich die Aussauger , die Brotherren , klein beigeben . Dann diktiere der Arbeitnehmer seine Forderungen . Häschke nannte das mit geheimnisvoller Miene » Boykott « ! Er hielt eine Art von Ansprache an die Leute , die gespickt war mit hochtrabenden Redensarten aus unverdauten Zeitungsartikeln . Seiner Zuhörerschaft imponierte er mit diesen dunklen Wendungen gewaltig . Je weniger sie verstanden , desto stärker fühlten sie sich überzeugt . Die Mädchen hatte er so wie so auf seiner Seite , denn die waren dem Schwerennöter alle zugetan . Selbst die nüchterne , überlegte Ernestine zeigte sich für den Plan , die Arbeit niederzulegen begeistert . Das Ende war , daß die Sachsengänger vom Felde abzogen und das bereits gemähte Getreide unaufgestellt liegen ließen . Sie begaben sich in die Kaserne . Es herrschte jene gehobene Stimmung unter ihnen , wie sie in der Schule nach einem gelungenen Streiche zu folgen pflegt . Die Männer legten sich ins Gras vor das Haus und zündeten ihre Zigarren an . Die Mädchen hatten sich in ihren Schlafsaal im ersten Stock zurückgezogen , zu Näh- und Flickarbeit . Bald ertönte Gesang von hellen Frauenstimmen durch die geöffneten Fenster . Ernestine war die Chorführerin . Nach einiger Zeit antworteten unten vom Rasen her tiefere Töne ; Häschkekarl leitete den Männergesang . Und so löste ein Lied das andere ab ; die Mädchen stimmten an , die Burschen fielen ein . Auf einmal erschienen Köpfe von außen an den Fenstern des Schlafsaales . Die Burschen waren es , die mit Hilfe der Dachrinne und eines Simses da hinauf geklettert waren . Die Mädchen stoben schreiend auseinander . Nur Ernestine fand Geistesgegenwart genug , die Fenster schnell zu schließen und zu verriegeln . Häschke und seine Kumpanen stiegen , nachdem sie genugsam Grimassen geschnitten und sich an den Schrecken , den sie eingejagt , geweidet hatten , wieder zum Erdboden hinab . Nach dieser Heldentat legten sie sich von neuem auf den Rasen , rauchten ihre Pfeifen , die Hände unter dem Kopf , die Beine übereinander geschlagen und ließen sich von der Sonne bescheinen , deren Strahlen an der kalkgetünchten Wand abprallten . Auf einmal wurden die Faulenzer von wohlgezielten Wasserstrahlen getroffen . Schreiend und sprudelnd sprangen sie auf und konnten über sich gerade noch die lachenden Mädchen verschwinden sehen . So gab es noch mancherlei Kurzweil und Schabernack an diesem Nachmittage . Man hatte sich nun einmal in ein Unternehmen eingelassen , dessen Ausgang zweifelhaft war ; und in verwegenem Galgenhumor meinte man , daß es auf ein paar Dummheiten mehr oder weniger nicht ankomme . Einer war , dem sehr wenig nach Lachen und Scherzen zumute war : Gustav . Das junge Volk hatte nichts zu verlieren ; die waren ohne Verantwortung . Was bedeutete es ihnen , wenn sie brotlos wurden ? Aber er , der für Weib und Kind zu denken und zu sorgen hatte ! - Gegen Abend ließ der Inspektor sagen , er wünsche mit dem Aufseher zu sprechen . Gustav begab sich hinüber . Häschke legte ihm noch ans Herz , er solle » die Ohren steif halten « und » auf keinen Fall klein beigeben « . Der Inspektor empfing den Aufseher auf ganz andere Weise als zu Mittag . Von der hochfahrenden Miene war nichts mehr zu sehen , sein Ton war wesentlich freundlicher , er bot Gustav sogar einen Stuhl an , was noch nie bisher vorgekommen war . Kein Zweifel , der Ausstand der Wanderarbeiter kam ihm äußerst ungelegen . Man hatte auf den ausgedehnten Besitzungen des Herrn Hallstädt noch mehrere Abteilungen von Sachsengängern in Lohn ; wenn nun der Ausstand zu den anderen Gruppen übersprang ! Jetzt , wo gerade die Ernte auf dem Felde stand und geborgen sein wollte ! Wo sollte er denn jetzt andere Leute herbekommen ? Ringsum herrschte Arbeiternot . Der Inspektor verlangte von Gustav , er möge noch einmal auseinandersetzen , was die Leute eigentlich wollten ; mittags habe er es nicht ganz verstanden . Der Aufseher wiederholte seine Forderungen . Der Inspektor kratzte sich hinter dem Ohr . Wenn ' s nach ihm gehe , sagte er , würden die Arbeiter alles bewilligt bekommen , was sie verlangten ; aber Herr Hallstädt habe sehr bestimmte Ansichten und auf eine Bezahlung der Überstunden im Tagelohn werde er niemals eingehen . Gustav meinte , dann könne er ja mal zu Herrn Hallstädt nach Welzleben gehen . Aber davon wollte der Beamte durchaus nichts wissen . Er riet dringend davon ab , ja er warnte davor . Der Aufseher würde damit gar nichts erreichen . Herr Hallstädt sei völlig unzugänglich und habe ein für allemal verboten , daß die Arbeiter direkt mit ihm verhandelten . » Sie sind ja ein vernünftiger Mann , Büttner ! « sagte der Inspektor . » Treiben Sie die Sache nicht auf die Spitze ! Reden Sie mal mit Ihren Leuten . Sie haben ja auch noch andere Mittel in der Hand . - Ich meine , als Aufseher haben Sie ja schließlich großen Einfluß . - Ich denke , wenn wir zweie einig sind , werden wir mit der Gesellschaft schon fertig werden . Herrn Hallstädt wollen wir lieber nicht erst einmischen , das hätte keinen Zweck . - Also ich denke , wir sind einig ! - Ich werde auch dafür Sorge tragen , daß Sie am Schlusse der Arbeitszeit eine anständige Gratifikation erhalten , Büttner ! « - Aber Gustav ließ sich nicht so leicht kirren . Wenn er auch nicht so viel Scharfblick besaß , um sofort herauszufinden , wie schwach in Wahrheit die Position des Gegners war , so bewahrte ihn doch seine Redlichkeit davor , auf Vorschläge einzugehen , die ihm nützten , aber seine Leute schädigten . Mit trotziger Zähigkeit , ein Erbteil seines Vaters , hielt er , ohne sich auf die Redensarten des anderen einzulassen , an seiner Forderung fest . Alle Ungeduld nutzte dem Inspektor nichts , seine Vorstellungen drangen in diesen harten Bauernschädel nicht ein . So ging man auseinander , ohne daß es zu einer Einigung , gekommen wäre . Am nächsten Morgen schliefen die Streikenden aus . Während die Gespanne des Vorwerks an der Kaserne vorüberratterten , legten sie sich noch einmal gemütlich aufs andere Ohr . Häschkekarl war in übermütigster Laune . Die Sache ging ausgezeichnet . Drüben auf dem Hofe hatte er in Erfahrung gebracht , daß der Inspektor in größter Schwulität sei . Wer sollte ihm die Ernte einbringen ? Das Getreide mußte ja auf dem Halme faulen , wenn die Hände der Sachsengänger feierten . Häschke hätte am liebsten die Gelegenheit benutzt , um noch ganz andere Forderungen zu stellen . Nur um Gottes willen nicht bescheiden sein ! Den Arbeitgebern seine Bedingungen diktieren ! Der großbrodigen Gesellschaft mal zeigen , daß der Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts kein Fronknecht mehr sei . Es war Zeit , daß der kleine Mann seinen Vorteil wahrnahm ; bisher hatten die Großen , die » Lerchenfresser « , nur immer von allem das Fett abgeschöpft . Aber derartige Ansinnen scheiterten an Gustavs maßvollem Sinn . Er wollte nichts haben , als was sie mit gutem Rechte fordern durften . Die politischen Prinzipien , die sein Freund Häschke bei dieser Gelegenheit durchsetzen wollte , ließen ihn kalt . Das waren gefährliche Ideen , die jener auf der Landstraße aufgelesen ; von denen hielt man sich besser fern . Ohne es zu wissen , vertrat der Bauernsohn die angeborene konservative Gesinnung des Landmannes dem vagierenden Kinde der Straße gegenüber , das in Pennen , Fabriksälen und Versammlungen sich mit einer auf Umsturz gerichteten Anschauung erfüllt hatte . - Noch im Laufe des Morgens erschien der Inspektor persönlich in der Kaserne . Er verlangte den Aufseher nochmals zu sprechen . Die Verhandlung währte diesmal nur kurze Zeit . Die Forderungen der Arbeiter wurden bewilligt . Eine Stunde darauf schon hatten die Leute ihre Arbeit wieder aufgenommen . IV. Die Wanderarbeiter waren in der Weizenernte beschäftigt . Das Feldstück gehörte zu den Außenschlägen des Vorwerks und lag ziemlich weit von der Kaserne entfernt . Der Aufseher hatte daher angeordnet , daß mittags nicht heimgegangen werde . Um das Essen für die Leute aufs Feld zu bringen , wurde meist eines der Mädchen entsandt . Heute war Ernestine daran . Als die Turmuhren der Nachbarschaft ihre zwölf Schläge taten , warf man die Sensen hin . Jeder suchte sich ein Fleckchen im Straßengraben . Dort ruhten sie , die Männer mit den Jacken unter dem Kopfe , die Mützen über dem Gesichte , zum Schutze gegen die Augustsonne . Die Frauen mit bloßen Armen und Füßen , in ihren bunten Kopftüchern . So lagen sie im grellen Mittagslicht und warteten auf das Mittagsbrot . Zum Reden hatte niemand Lust . Bleierne Schläfrigkeit lastete auf den Ermatteten . Es war nichts Kleines , von früh um vier Uhr bis mittags , mit einer Unterbrechung von nur einer halben Stunde , Getreide mähen , abraffen , binden und aufstellen . Häschke hatte sich nicht mit in den Graben gelegt zu den anderen ; unbemerkt war er beiseite getreten . Erst langsamer , solange er im Gesichtsfelde der Genossen war , dann mit weitausgreifenden Schritten , wie einer , der mit Eifer einem ersehnten Ziele zustrebt , eilte er in der Richtung nach der Kaserne hinab . Nach einiger Zeit erblickte er die Gestalt , nach der er schon lange ausgeschaut hatte : Ernestine , die in zwei Henkelkörben das Essen herantrug . Häschkekarl stieß einen Freudenschrei aus und eilte ihr in langen Sätzen auf dem Feldwege entgegen . Sie hatte die Körbe niedergesetzt , sobald sie den bärtigen Burschen auf sich zukommen sah , erwartete ihn , die Hände auf die Hüften gestemmt . Erschreckt schien sie nicht . Im Gegenteil ! Sie lachte über das ganze Gesichte , zeigte ihre Perlenzähnchen . Er umfaßte sie , hob sie ein paarmal um und um und raubte ihr einen Kuß , ohne daß sie , wie es den Anschein hatte , in solchem Verfahren etwas Ungewohntes erblickt hätte . Sie zupfte sich das rote Kopftuch zurecht , das ihr zurückgerutscht war , und meinte dann , er solle ihr die Körbe tragen , sie habe sich nun genug damit geschleppt . Häschkekarl war der letzte , um solch eine Bitte zu verweigern ; aber eigentlich hätte er die Hände lieber frei behalten . Sie setzten sich in Bewegung . Das Mädchen ging mit leichten Schritten vor ihm her . Seine Augen verschlangen ihre Gestalt . Was machte es ihm , daß ihre Füße bestaubt waren , daß ihr einfaches Kleid die Spuren der Feldarbeit an sich trug . Sein Blick durchdrang die Hüllen , erkannte das Weib , das er begehrte , so wie sie war . Häschke , der Leichtfertige , hatte seine Meisterin gefunden . Um Ernestines willen war er in Halbenau geblieben , um ihretwillen hatte er sich den Sachsengängern angeschlossen ; nur um dieses Mädchens willen hatte er es solange bei einer Beschäftigung ausgehalten . Die kleine Ernestine war sich der Macht vollkommen bewußt , die sie über den Mann ausübte . Trotz ihrer siebzehn verstand sie es , seine Wünsche im Zügel zu halten . Er hatte das Ziel seines Verlangens noch nicht erreicht . Ernestine hatte stets ihren Kopf für sich gehabt . Eine gewisse Selbstachtung war ihr eigen , die sonst nicht ein hervorstechender Zug bei Landmädchen ist . So , wie Toni , sich wegwerfen an den ersten besten , das sollte ihr nicht passieren ! - Sie hatte ihn gern , ganz gewiß ! Aber das äußerte sich nur in einer Art munteren Kameradschaftlichkeit . Auch in ihr steckte ein jungenhafter Zug wie in vielen Mädchen , ehe die Frau zur Entfaltung gelangt ist . - Sie hatte bisher seinen Anträgen gegenüber die Besonnenheit nicht verloren . So gingen die beiden auf dem Feldwege hin . Sie kehrte sich gelegentlich lachend nach ihm um . Es machte ihr Spaß , ihn unter der unwillkommenen Last der Körbe einherschreiten zu sehen . Ernestine hatte eine Gerstenähre aus dem Felde gerauft und kitzelte ihn damit an der Nase , bis er niesen mußte . Ehe er die Körbe niedergesetzt , war sie schon zehn Schritte und mehr von ihm entfernt . Die Hitze war groß ; er verspürte keine Lust zu einem Wettlaufe mit der Leichtfüßigen . Häschke machte gute Miene zum bösen Spiel und versuchte , während sie so dahinschritten , ein Gespräch im Gange zu halten . Aber sie lachte nur zu allem , was er sagte . So war sie nun ! Wie ein Fisch : wenn er sie zu halten glaubte , entschlüpfte sie ihm glatt und geschmeidig . Eine harte Probe für den Erfolggewöhnten ! - Schon einigemal hatte er sie eingeladen , Sonntags mit ihm nach Haderbaum hinüberzugehen zum Tanze . Ein Tänzchen in Ehren , was war da weiter dabei ! Er hatte den Vorschlag so harmlos wie nur möglich vorgebracht . Doch Ernestine war nicht auf den Kopf gefallen . Sie tanzte für ihr Leben gern ; aber man wußte schon , daß sich das Mannsvolk damit nicht begnügte . Auch heute war all die Beredsamkeit , mit der Häschke ihr das Parkett , die Militärmusik , die Getränke und die sonstigen Genüsse des Festes schilderte , an sie verschwendet . Sie sagte nicht ja und nicht nein , kicherte nur und summte sich ein Liedchen . Der Bursche kochte vor Wut . Er hätte das Frauenzimmer auffressen mögen . Wenn sie nur nicht so verdammt niedlich ausgesehen hätte ! Nicht weit vom Wege standen ein paar große Roggenstrohfeimen , weit und breit in der baumlosen Gegend sichtbar . In Häschkes Kopfe blitzte beim Anblick der mächtigen Strohhaufen ein Gedanke auf . Stehen bleibend , meinte er , hier könne man sich ein wenig im Schatten verschnaufen . Mit dem Mittagsbrot habe es keine solche Eile , die anderen würden ihnen nicht davonlaufen . Sie traten in den Schatten der Feimen . Er stellte die Körbe beiseite und sagte : » Hier is gut sein , Mädel ! « Damit umfaßte und küßte er sie nach Herzenslust . Sie ließ sich das eine Weile lachend gefallen , dann aber setzte sie sich zur Wehr . Er sollte sich mal seinen kratzigen Bart abnehmen lassen , meinte sie . » Ich tu ' s glei , Ernstinel ! « sagte er , sie immer noch festhaltend und ihr verliebt in die Augen blickend . » Aber du mußt mir och was zu Gefallen tun ! « - » Was denne ? « » Du weeßt schon ! « » Du bist ein schlechter Kerl ! « » ' s is nich schlecht , wenn man sich lieb hat . « » Laß mich ! « » ' s sieht uns ja keen Mensch hier - Ernstinel ! « Sie wehrte ihn mehr mit ihrem kühlen Blicke ab als mit ihren Händen . Der starke Bursche konnte nichts gegen das Mädchen ausrichten . Sie hatte keine Spur von Furcht vor ihm . Er mußte die Hände von ihr lassen . Sie lachte ihn aus . Wie ein Strahl Wasser in eine heiß lodernde Flamme wirkte das auf seine Leidenschaft . Er warf sich ins Stroh , verzweifelnd , das Gesicht gegen den Boden , als wolle er nichts mehr sehen . Das Mädchen stand neben dem Liegenden . Er sollte keine Faxen machen , meinte sie ; die anderen würden sich wundern , wo sie blieben . Er sagte , zu den anderen werde er nicht mehr zurückkehren ; er wollte fortlaufen , sie sei zu schlecht gegen ihn . Er fand Töne echter Verzweiflung . Sie kniete neben ihn nieder und streichelte ihm den struppigen Kopf . Er drehte ihr sein rotes Gesicht halb zu und schlang die Arme um sie . Er werde sich ein Leid antun , schwor er , wenn sie ihn nicht erhöre . » Was willst de denne ? « fragte sie , während er sie mit starkem Arme schon halb zu sich herabgezogen hatte . » Red ' nich so dumm , Ernstinel ! « flüsterte er ihr ins Ohr . Und damit lag sie nur noch halb widerstrebend neben ihm im Schatten der Strohfeime . * * * Es gab unter den Wanderarbeitern mancherlei Streitigkeiten und Ränke , aber auch Zuneigung und Eifersucht . Gustav , in seiner Stellung als Aufseher , bekam davon wenig zu merken . Die Liebeleien , die es etwa unter den jungen Leuten geben mochte , wurden vor ihm nach Möglichkeit verborgen . Die drei männlichen Arbeiter , die nach der Flucht des Polen noch da waren , vertrugen sich untereinander leidlich . Häschke hatte durch Anlagen und Erfahrung so sehr die Oberhand , daß ein Aufkommen gegen ihn ausgeschlossen war . Welke , der gewesene Stallbursche , war eine harmlos ehrliche Haut . Von den Mädchen wurde er vielfach gehänselt . Er tat ihnen den Gefallen , verlegen zu werden und sich zu ärgern , was man bei seiner hellen Hautfarbe leicht am Rotwerden erkennen konnte . Fumsack , der ehemalige Schmiedegeselle , war ein großer ungeschlachter Geselle , stark wie ein Bär , schwerfällig , wortkarg . Er war imstande , einen geschlagenen Tag zuzubringen , ohne seinen Mund zu öffnen , außer zum Essen und Gähnen . Des Nachts wußte er sich um so entschiedener durch furchtbares Schnarchen Gehör zu verschaffen . Fumsack hatte eine Liebschaft . Die Sache war schon älteren Datums . Wahrscheinlich hatte er sich