? « Forbeck vermochte nicht gleich zu antworten . » Kann man lieben , ohne zu hoffen ? « » So habt ihr euch noch nicht ausgesprochen ? « klang es in rascher Folge . » Nein ! « Werner atmete tief , als wäre ihm die schwerste Sorge von der Seele gefallen . » Liebe begehrt . Sie kann nicht anders . Vielleicht darf ich auch glauben , daß ich ihr nicht gleichgültig bin , daß es mir gelingen könnte , ihre Liebe zu verdienen . Aber was dann ? Ihr Vater hat dafür gesorgt , daß sie gerade jetzt die Schranke , die zwischen uns beiden liegt , in rauher Wirklichkeit vor Augen sieht . « » Was meinst du damit ? « fragte Werner und hörte schweigend zu , als ihm Forbeck von Tassilos Verlobung mit Anna Herwegh erzählte , von dem Bruch zwischen Vater und Sohn . » Dieses Zerwürfnis wird ihm den Weg zu seinem Glück erschweren , doch nicht verlegen . Der Mann , wenn ihm eine Vergangenheit zerstört wurde , kann sich eine Zukunft bauen . Aber ein Mädchen ! Das mit hundert Banden an die Familie gekettet ist , an alle Erinnerungen der Kindheit , an jeden Grundsatz , in dem es erzogen wurde ! Ich liebe sie mit jeder Fiber meines Herzens , ich vergehe in meiner Sehnsucht , aber was liegt an mir ! Wenn nur ihr erspart bleibt , was auf mich gefallen ist . Ich muß fort , Werner ! Haben diese Tage in ihr ein wärmeres Gefühl für mich erweckt , so kann es nur erst der Keim einer Empfindung sein , den die Zeit wieder ersticken wird , ohne tieferen Schmerz . Was mit mir geschieht , ist gleichgültig . Aber ich will nicht die Ursache sein , daß auf ihren Lebensweg nur ein einziger Schatten fällt . Sie ist geschaffen für die Sonne . « » Hans ! Das war ein braves Wort ! Ein anderer in deiner Lage hätte wohl anders gehandelt . Es ist schwer , die schreiende Stimme seiner Sehnsucht stumm zu machen . Da rennt man vor seiner treibenden Leidenschaft einher , taumelt blind hinein in den Rausch des Augenblicks und will im Erwachen nicht begreifen , daß man für immer verlor , was man zu gewinnen meinte ! « Werner legte den Arm um Forbecks Schultern . » Die Redlichkeit deines Herzens hat böse Dinge verhütet . « » Wie bettelarm wäre meine Liebe , wenn sie nicht die Kraft besäße , mehr an den Frieden des geliebten Wesens zu denken als an den eigenen Hunger . Du würdest mich begreifen , Werner , wenn du sie gesehen hättest . Sie ist wie eine Blüte , die ein Frühlingsmorgen eben erst aus der Knospe weckt . Als ich sie zum ersten Male sah , was ich da empfand ! Ich meinte , es wäre die Himmelsfreude des Künstlers , der plötzlich fühlt , daß vor seinem gefesselten Können ein Riegel sprang ! Wenn du wüßtest , wie es gekommen ist - « » Das sollst du nicht erzählen ! Nicht jetzt ! Es würde dich nur erregen . Und wie soll es gekommen sein ? Wie es immer kommt ! Das Spiel , das die brave Mutter Natur mit ihren sogenannten Mustergeschöpfen treibt , ist immer das gleiche . Zur Abwechslung ändert sie nur den Stil . Wie ihr die Laune steht , läßt sie den alten Einfall bald als Posse mimen , bald als Trauerspiel . Ich kenne das , Hans ! Mehr als mir lieb ist ! « » Werner ! « stammelte Forbeck . » Das hättest du erfahren ? An dir selbst ? « Ein kurzes Schweigen . » Ich ? Nein ! Aber mit fünfzig Jahren hat man sich umgesehen in der Welt . « Werner blickte über den finsteren See hinaus . » Ich habe meine Mutter geliebt , meine Kunst und dich ! « » Was ich dir schulde , hab ' ich nie so drückend empfunden wie jetzt . Du hast mir die Hälfte deines Lebens geschenkt , hast dir das Anrecht auf mein ungeteiltes Herz erworben . Und wie komm ich zu dir zurück ? « » Rede keinen Unsinn , lieber Junge ! Was solltest du mir schulden ? Du weißt , wie ich über gewisse Dinge denke . Es liegt als unerschütterliche Überzeugung in mir , daß es mit uns Menschen für immer ein Ende hat in dem Augenblick , in dem wir die Lider schließen . Wozu noch eine Ewigkeit ? Das Leben vergönnt uns Zeit genug , um das zu erfüllen , was der Zweck eines Menschen sein kann . Aber man ist eitel . Es ist unbehaglich zu denken , daß wir mit unserer fliegenden Phantasie und unserem bohrenden Intellekt nicht viel höher stehen sollen als der Hund , den wir füttern , als der Ochse , der den Weg alles Fleisches über unseren Teller nimmt . Man möchte dauern ! Das lehrt den einen glauben und beten , den anderen schaffen . Dieser Trieb ist auch in mir . Ich will nicht vergehen ohne Spur . Hinter mir soll etwas bleiben , nicht nur ein totes Werk meiner Hände , auch ein Pulsschlag meines Lebens , ein Funke des Feuers , das in mir brannte . Ich habe gesucht . Und es war nur mein Glück , daß ich gerade dich gefunden habe . Ich erkannte dein Talent und sagte mir : Hier ist gute Erde , hier kannst du säen ; was du ihr anvertraust , wird Früchte tragen , wenn du nicht mehr bist . « » Werner ! « » Was anderen ihre Seele ist , das bist mir du ! Ich gebe dir , was ich habe , weil du mir bist , was ich brauche . Aus keinem anderen Grund . Warum also Dank ? Wir beide sind quitt . Fühlst du dich im übrigen noch ein bißchen verpflichtet durch die Erbschaft , die ich auf die gelegt , so richte dich auf , Hans , sei so stark , wie du redlich bist ! Nütze dein Leben , laß Glück oder Schmerzen kommen , wie sie mögen ! Und ehe dir die Hände sinken , lege den Kern deines Wesens wieder in das Herz eines anderen . Dann wirst du dauern ! « Werner erhob sich . » Komm ! Das alles reden wir heute nicht zu Ende . Wir brauchen Ruhe , um morgen mit klarem Kopf unseren Weg zu suchen . Und wenn du jetzt nach Hause kommst , dann brenn ' dir die Lampe an und setze dich vor dein Bild . Dieser erste dicke Regenguß , der von recht in die Kronen der Bäume schlägt , scheint mir denn doch ein bißchen zu aschig in seinem schweren Grau . Da sollte mehr Durchsicht bleiben , sonst macht dir das ein böses Loch in die Farbe . Auch im tiefsten Schatten steckt noch immer ein Licht . Nur herausholen muß man ' s. Komm ! « Forbeck schwieg , und langsam wanderten sie über den finsteren Weg zurück . In tiefer Stille lag der Seehof mit der verödeten Terrasse . Ein großes Boot war halb an die Lände gezogen , und glucksend schlug das Wasser gegen die Bretter . 2 Im Zimmer der Kleesberg waren die beiden Fenster geöffnet . Morgensonne lag auf den Gesimsen und ein leuchtender Streif zog sich über den Teppich gegen den Frühstückstisch . Tante Gundi saß in einem Fauteuil , den verbundenen Arm in der Schlinge , den Schoß von einem flaumigen Guanacofell bedeckt , das Graf Egge vor Jahren mit anderen Trophäen von einer südamerikanischen Jagdreise mit nach Hubertus gebracht hatte . Still blickte sie vor sich hin und ließ sich von Kitty bedienen , die den Tee mit einem Ernst bereitete , als hinge von seinem Geschmack die Genesung der Patientin ab . Kittys Wangen waren von einer müder Blässe , ihre Augen von dunklen Ringen umzogen ; aber sie schien vor Gundi Kleesberg alle Kunst ihrer Selbstbeherrschung zu üben und brachte es sogar fertig , mit gleichmäßiger Ruhe zu plaudern : » Das wird ein herrlicher Tag heute . Der Doktor wird dir sicher gestatten , einige Stunden im Freien zuzubringen . Das wird dich zerstreuen . « Kitty beugte sich über den Tisch , um die Spiritusflamme unter dem summenden Kessel zu mustern . » Vielleicht findet sich auch ein bißchen Gesellschaft für dich . Herr Forbeck war gestern zweimal hier , um sich nach deinem Befinden zu erkundigen . Wenn er heute wiederkommt , mußt du ihn wohl empfangen . « » Meinst du ? « fragte die Kleesberg mit der Scheu eines Kindes , das einen stillen Wunsch nicht offen zu gestehen wagt . » Gewiß ! Es ist doch begreiflich , wenn er sich sorgt um dich ! « Kitty verstummte , weil sie die Tür gehen hörte . Fritz brachte eine Karte . » Herr Forbeck ? « fragte Kitty , die Wangen von einer feinen Röte überhaucht . » Nein , Konteß , ein mir unbekannter Herr . Er bat , der gnädigen Konteß gemeldet zu werden , und entschuldigte sich wegen der frühen Stunde . « Verwundert nahm Kitty die Karte . Als sie gelesen hatte , sah sie betroffen auf . » Das ist aber sonderbar ! Denk ' dir , Tante Gundi ! - Professor Werner ! « Gundi Kleesberg machte eine so jähe Bewegung , daß die Guanacodecke von ihrem Schoße glitt . » Aber Gundi , so rede doch ! « stammelte Kitty in wachsender Erregung . » Was soll ich tun ? « ' Sie wandte sich an den Diener . » Wo ist er ? « » Ich habe den Herrn ins Billardzimmer geführt . « Kitty warf die Visitenkarte in Tante Gundis Schoß . Wie im Flug ging ' s über die Treppe hinunter . Vor der Tür des Billardzimmers stand sie still und drückte die Hände auf die brennenden Wangen . Als sie eintrat , erhob sich Werner . Seine Augen glitten über die zierliche Mädchengestalt und blieben an dem schmalen Antlitz haften , das in der breit durch die Fenster quellenden Morgensonne wie von zartem Goldton überhaucht erschien . Auf Werners Lippen erwachte jenes milde Lächeln , und es war etwas gewinnend Herzliches in der Art , wie er auf Kitty zuging . » Verzeihen Sie die Störung , Komtesse , die ein Fremde Ihnen verursacht . « » Kein Fremder ! « unterbrach sie , halb noch befangen . » Was Sie sind , weiß man , und wir haben in diesen Tagen so viel von Ihnen gesprochen , daß ich mich doppelt freue , Sie kennenzulernen . « Sie reichte ihm die Hand . » Aber darf ich bitten ? « Ihre Hand befreiend , ging sie zum Erker und deutete auf einen Fauteuil . Als Werner sich niederließ , spähte sie verstohlen nach seinem Gesicht , und es kamen ihr jene Worte Tassilos in Erinnerung : » Denke dir Forbeck um fünfundzwanzig Jahre älter ; so sieht Werner aus ! « Es war doch seltsam , diese Ähnlichkeit ! » Sie haben sich wohl schon gefragt , was mich zu Ihnen führt ? « » Ja , Herr Professor , ich habe mir ein bißchen den Kopf zerbrochen . « Der heitere Ton , den sie anzuschlagen versuchte , gelang ihr nicht recht . » Aber welche Ursache Sie auch zu uns führt , ich bin ihr dankbar . Herr Forbeck hat immer mit so großer Liebe und Verehrung von Ihnen gesprochen - « Es leuchtete in Werners Augen . » Da muß ich ihn widerlegen . Hans überschätzt mich . Aber da wir schon von ihm sprechen - ich komme in seinem Auftrag , um Ihnen für die geduldige Mühe zu danken , mit der Sie seine Arbeit unterstützten . « Kittys Augen öffneten sich weit , als würde für sie das Rätsel dieses Besuches immer dunkler . » Auch soll ich Ihnen sagen , wie herzlich er bedauert , daß es ihm leider nicht mehr vergönnt ist , sich persönlich von Ihnen zu verabschieden . « » Verabschieden ? « stammelte Kitty . » Herr Forbeck verreist ? So plötzlich ? Und das hat solche Eile , daß er nicht einmal eine Minute mehr findet , um - « Sie vermochte nicht weiterzusprechen . Auch Werner schwieg . Diesen erschreckten Mädchenaugen war ein Bekenntnis eingeschrieben , das er mit Sorge zu lesen schien . » Aber ich bitte Sie , Herr Professor ! Wie ist denn nur das gekommen ? So unerwartet ? « » Er muß so rasch wie möglich nach München . « » Rasch ? So rasch ? Aber - « Kittys Stimmung begann sich in unverhehlten Ärger zu verwandeln . » Deswegen fährt der Zug nicht früher . Da wäre noch Zeit genug gewesen ! Verzeihen Sie , Herr Professor , ich selbst komme dabei nicht in Frage , aber meine Tante , die sich doch wohl ein bißchen Rücksicht bei Herrn Forbeck verdiente - « Kitty verstummte , ein jähes Erblassen ging über ihre Wangen . » Er kann nicht kommen ? Er ist krank ? Verwundet ? Das will er vor uns verheimlichen , um uns nicht besorgt zu machen . « Jetzt war mit dem Rätsellösen die Reihe an Werner . » Hans ? Verwundet ? Wie kommen Sie auf eine solche Vermutung , Komtesse ? « » Hat er Ihnen denn nicht erzählt , was geschehen ist ? Die unglückselige Geschichte mit dem Adler , der aus dem Käfig entflog ? « Kittys Worte sprudelten . » Wäre Herr Forbeck nicht gewesen , es wäre mir übel ergangen . Diesmal ebenso wie damals am Wetterbach ! Denken Sie , mit beiden Händen faßte er den Adler ! Ich war zu Boden gestürzt - aber Tantchen wollte Herrn Forbeck zu Hilfe kommen , und dabei hat sie die beiden Griffe in den Arm bekommen . Aber wir glaubten , daß wenigstens Herr Forbeck unverletzt wäre - « » Das ist er auch ! Beruhigen Sie sich ! « » Nein ! Er verheimlicht es auch vor Ihnen . Deshalb will er so schnell nach München . « Wieder stockte sie . » Aber nein ! Er ist doch in Hubertus gewesen , gestern , sogar zweimal ! Das stimmt nicht ! « Verstört sah sie zu Werner auf . » Mir scheint , ich rede ein bißchen wirr durcheinander . Freilich , es wäre kein Wunder . « Werner meinte den Sinn dieser Worte zu verstehen ; neben allem , was die vergangene Minute ihn erkennen ließ , mußte er auch der Dinge denken , die er von Forbeck über Tassilo gehört hatte . Der Abschied , zu dem es zwischen Bruder und Schwester gekommen , mochte in dem Herzen des Mädchens noch mit schmerzlicher Wirkung nachzittern . » Ich bitte um Vergebung , Komtesse - es war unrecht von mir , daß ich meinem jungen Freund diesen letzten Besuch - « Es lag ihm auf der Zunge : ersparen wollte . Er korrigierte sich : » daß ich diesen Weg für ihn übernahm . Ich würde das unterlassen haben , wenn ich gewußt hätte , daß Hans der Dame , von der Sie sprachen , verpflichtet ist . Nun ist es geschehen , und es war gutgemeint . Ich bitte Sie , nehmen Sie Hans dem berechtigten Unmut Ihrer Tante gegenüber in Schutz , und legen Sie alle Schuld auf mich ! Und Sie selbst , Komtesse - « Er hatte Mühe , seine Bewegung zu verbergen . » Zürnen Sie ihm nicht ! Die Notwendigkeit dieser Reise hat sich so plötzlich ergeben , er hat noch mancherlei zu ordnen . Halten Sie ihm das zugute , und nehmen Sie seinen Abschied aus meiner Hand entgegen . « Kitty hatte sich erhoben und reichte Werner die Hand . Ihren Augen war es anzumerken , daß sie mehr auf alles hörte , was in ihrem Innern redete , als auf die Worte , die an ihr Ohr schlugen . » Und wenn es der Zufall bringen sollte , daß Ihre Wege und die seinen von nun an auseinanderführen , so bewahren Sie ihm ein freundliches Gedenken ! Daß er diese Tage nicht vergessen wird , dafür ist gesorgt . Die Begegnung mit Ihnen wurde für ihn zu einem Wendepunkt seines Lebens , weckte das Beste seiner jungen Künstlerseele und gab ihm die Kraft für ein Werk , das seinem Namen Ehre machen wird . Und wenn Sie in kommender Zeit erfahren werden : Hans Forbeck hat sich unter den Ersten seiner Kunst einen Platz erkämpft - so dürfen Sie sagen : Dabei hab ' ich mitgeholfen . Dieser Gedanke wird Ihnen Freude machen . Nicht wahr , Komtesse ? « Kitty vermochte nicht zu sprechen ; sie nickte nur , während sie auf Werner niedersah , der ihre zitternde Hand an seine Lippen zog . Als er ging , machte sie einen Schritt , wie um ihn zur Tür zu begleiten . Eine Stuhllehne geriet ihr unter die tastende Hand , und da blieb sie stehen , so bestürzt , als hätte sich etwas Unbegreifliches ereignet . Werner verließ das Haus . Als er aus dem Schatten der Veranda in die Sonne trat , holte Fritz ihn ein : das » gnädige Fräulein « ließe den Herrn Professor bitten . Werner stand in sichtlicher Unruhe . Was konnte Kitty ihm noch zu sagen haben ? Zögernd folgte der dem Diener . Als er in das Billardzimmer treten wollte , wies ihn Fritz zur Treppe . Sie stiegen hinauf , und der Diener öffnete eine Tür . Werner trat ein und sah sich einer bejahrten Dame gegenüber , deren Gesicht er nur unklar zu unterscheiden vermochte , weil es im Schatten der durch die Fenster flutenden Sonne lag - ein Gesicht mit den welken Zügen des Alters und den blühenden Farben der Jugend . » Verzeihen Sie , Gnädigste , aber hier scheint ein Irrtum - « Werner verstummte ; er hatte den verbundenen Arm bemerkt , den die Dame in einer seidenen Schlinge trug . In erwachender Teilnahme trat er näher und sah ihre Augen auf sich gerichtet wie in Kummer und Angst ; ohne Bewegung saß sie im Lehnstuhl . Schon wollte er sprechen , da sagte sie zaghaft : » Sie erkennen mich nicht mehr ? « » Ich vermag mich nicht zu erinnern - « » Es ist lange her ! Und ich habe mich nicht zu meinem Vorteil verändert . Ich bin alt geworden . Und häßlich . Wer mich heute sieht , möchte in mir nicht mehr das lustige Mädel von damals vermuten - die närrische Gundi Kleesberg . « Dieser Name wirkte auf Werner , als wäre ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren . Er tastete nach einem Stuhl . Nun saßen sie wortlos , Auge in Auge . Durch die offenen Fenster tönte das Rauschen der Fontäne . Werner hing an diesem gealterten Gesicht , als könnte er unter der Schminke und zwischen dem Vernichtungswerk der Jahre noch einen Zug aus vergangener Zeit entdecken . Doch sie wollten einander nicht gleichen , diese bemalte Welkheit und das Bild seiner Erinnerung : ein schmucker Lockenkopf mit munteren Augen , mit vorwitzigem Näschen und mit den kirschroten Lippen , nach deren Kuß er einst gedürstet hatte . Tief atmend , sagte er leis : » Es wäre besser gewesen , wenn uns diese schmerzende Begegnung erspart geblieben wäre . Hätte ich ahnen können , wen ich in Schloß Hubertus finden würde , ich hätte dieses Haus nicht betreten . « So hilflos wie ein gescholtenes Kind , ließ Gundi Kleesberg das Kinn auf die Brust winken . » Das war hart , Werner ! « » Ich wollte Sie nicht kränken . Aber ich habe so viele Jahre gebraucht , um ruhig zu werden , daß es mir nicht zu verdenken ist , wenn ich eine Störung dieser Ruhe gern vermieden hätte . « Eine Pause trat ein . Scheu blickte Gundi zu ihm auf : » Sie wußten nicht , daß ich in Hubertus bin ? « » Nein . Der Tod Ihres Vaters und Ihr Eintritt in das Stift war die letzte Nachricht , die mir vor fünfzehn Jahren ein Zufall von Ihnen brachte . « » Ein Zufall nur ? Sie selbst haben nie den Wunsch empfunden , von der Gundi Kleesberg zu hören ? « Werner schwieg . Um seinen Mund huschte jenes Lächeln , das seine Freunde an ihm kannten , und von welchem Tassilo gesagt hatte : » Eine Kunst , die sich bitter lernt - es mag keine heitere Geschichte gewesen sein , hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lächeln . « Gundi Kleesberg schien die stumme Sprache dieses Lächelns zu verstehen . Dunkle Röte glühte durch die Schminke ihrer Wangen . » Auch Sie , Werner ? Auch Sie sind einsam geblieben ? « » Einsam ? Nein ! Ich hatte meine Kunst . Ich halte wenig von dem , was ich heute gelte in der Welt , habe die Arbeit immer nur geliebt um ihrer selbst willen . Dennoch sag ' ich es vor Ihnen mit einer verzeihlichen Regung von Stolz : Aus dem Werner ist was geworden . Er hat bewiesen , daß er das verächtliche Mißtrauen nicht verdiente , mit dem Ihr Vater ihn von seiner Schwelle wies . « Zitternd bedeckte Gundi Kleesberg die Augen . » Ach , Werner , man hat uns ein schönes Glück zerstört ! « » Das taten nicht die anderen . Das haben wir selbst getan . « » Ich ! Ich allein bin die Schuldige . Mit meiner Feigheit ! Hätt ' ich den Mut gehabt , alles wäre gut geworden ! Nur Feigheit war es , als ich mich in deine Arme warf , um in Heimlichkeit zu erzwingen , was ich offen von meinem Vater nicht zu fordern wagte . Feigheit war es , als ich schwieg , bis ich sprechen mußte ! Feigheit , als ich mich jedem Zwang meines Vaters fügte - « Ihre Stimme erlosch , während sie trostlos vor sich niederstarrte . » Alles wäre noch gut geworden , hätte nur mein Kind gelebt ! « » Meinst du ? « sagte Werner hart . » Dein Vater hätte auch in diesem Falle Mittel und Wege gefunden , die Sache auf seine Art zu erledigen und den Skandal , wie er sich auszudrücken liebte , aus der Welt zu schaffen . Sogenannte brave Leute , die sich für ein paar hundert Mark einen Kostgänger gefallen lassen , hätten sich ohne Mühe gefunden , irgendwo in einem Winkel , aus dem keine Stimme zu den Ohren der guten Gesellschaft reicht . Und alles wäre in schönster Ordnung gewesen . Freilich , das Kind ! Aber was liegt an solch einem unbequemen Geschöpf ! Wenn nur der Klatsch zur Ruhe kommt . Nicht wahr ? Das Kind kann mißhandelt werden und hungern , verderben an Leib und Seele ! « » Nein , nein ! « stammelte Gundi Kleesberg . » Besser tot ! « » Und wär ' es gewachsen und hätte , von der Natur mit gutem Kern begabt , alles Elend einer solchen Kindheit überwunden ? Und ein unglückseliger Zufall hätte ihm seine Herkunft verraten , ohne ihm den Vater oder den Namen der Mutter zu nennen , der bei dem Geschäft mit den braven Leuten klug verschwiegen wurde ? Was dann ? Es war doch wohl ein Knabe ? Oder nicht , Gundi ? Der Brief , in dem mir dein Vater den Tod des Kindes zur Mitteilung brachte , war ein bißchen unklar . Aber was dann ? « Schmerzvolle Bitterkeit wühlte in Werners Stimme . » Der arme Junge hätte an seinen Füßen eine Kette durchs Leben geschleppt und in seinem Herzen einen quälenden Stachel getragen . Jeder Gedanke an den Vater wäre ihm zu einer Verwünschung geworden , jeder Gedanke an die Mutter - « Werner verstummte . Und Gundi Kleesberg versank zwischen den Lehnen des Fauteuils . Tränen rollten ihr über die Wangen . » Es war hart für mich , daß ich mein Kind verlieren mußte . Ich hab ' es geliebt und hab ' es nie gesehen . Mit seinem kleinen Leben ist meine letzte Hoffnung erloschen . Aber besser so , wie es ist . Hätt ' es gelebt und alles wäre gekommen , wie du sagst - ach , das arme Kind ! « Alle Bitterkeit schwand aus Werners Zügen , und in seinen Augen erwachte ein warmer Glanz , als fände er in diesem welken , von Tränen und zerflossener Schminke bedeckten Gesicht jetzt , da auf ihm die Sprache des Schmerzes geschrieben stand , jene Erinnerung der entschwundenen Jugend wieder , die er vor wenigen Minuten umsonst gesucht hatte . » Gundi ! Liebe Gundi ! « Er zog ihr die Hand von den Augen . Scheu blickte sie zu ihm auf . » Wie gut du bist ! Sei ohne Sorge ! Ich will dir nicht vorjammern von mir , von dem bösen , zwecklosen Leben , das meine Feigheit über mich brachte . Um deinetwillen hätt ' ich mir den Wunsch versagen sollen , dich noch einmal zu sehen . Doch ich wollte nur hören , daß dir das Leben leichter und schöner wurde als der Gundi Kleesberg . Sag ' mir das , Werner , und ich bin zufrieden ! « Er streichelte ihre Hand und sagte mit seinem milden Lächeln : » Leicht ? Nein , Gundi ! Aber die Arbeit war mir ein Trost . « » Nur die Arbeit ? « Ihre Augen öffneten sich weit , ihre Stimme wurde leiser . » Nicht auch dein Sohn ? « Ein kaum merklicher Schreck . Dann dieses ruhige Wort : » Deine Frage ist mir unverständlich . « Sie machte eine schüchterne Bewegung mit der Hand . » Ich begreife , Werner , er soll es nicht wissen . Und niemand . Sein Leben soll ohne Kette sein , sein Herz ohne Stachel . Ich habe jedes deiner Worte behalten . Du versagst deinem Herzen , was er dir bieten könnte als Sohn - und gibst ihm als Freund alles , was ein Vater nur geben kann ! Du bist ihm , was du auch unserem Kind gewesen wärst , wenn es hätte leben dürfen . Ich kenne dich , Werner ! Vor mir brauchst du es nicht zu verbergen . Aber sag ' mir zu meinem Trost , Werner : daß du eine Freude fandest , ein Glück , das dich vergessen ließ , was früher war ! « » Das kann ich nicht sagen . Denn ich habe nicht vergessen . Nie ! Daß ich Betäubung suchte ? Es wäre sinnlos und unehrlich , das zu leugnen . Kunst und Entsagung ? Das verträgt sich nicht - auf die Dauer . Aber ich ? Und Glück ? Nein , Gundi ! Da irrst du dich ! Sollte dir das nicht ein Trost sein , den du lieber hörst ? « Heftig schüttelte sie den Kopf . » Sag ' es mir , Werner , ich bitte dich ! « » Es ist die Wahrheit : Ich habe die Frau , die Forbeck seine Mutter nannte , nie im Leben gesehen . Ich war einsam und suchte nach einem Menschen , den ich lieben könnte . So fand ich diesen verwaisten Jungen . Ich erkannte seine überraschende Begabung und hab ' ihn erzogen zu einem Kind meines Geistes . « Tiefer Ernst war in Werners Augen . » Ich hätte Freude an ihm erleben können . Und wie hab ' ich ihn jetzt gefunden ! Warum hast du mich nicht gefragt , was mich heute in dieses Haus führte ? Ich kam , ohne daß er es wußte - weil ich ihm den Abschied leichter machen wollte . Errätst du nicht , weshalb ? Ich habe mein Können und Denken in ihn gelegt . Zu meiner Freude gleicht er mir in vielen Dingen . Aber die Ähnlichkeit des Schicksals hätt ' ich ihm lieber erspart gewußt ! « Erschrocken stammelte Gundi Kleesberg : » Er ? Und Kitty ? « Werner nickte . » Sein Leben wird werden wie das meine . « Eine Weile saß die Kleesberg wie versteinert . » Ach du allgütiger Himmel ! Auch dieses Unglück noch ! Wie hat es denn nur geschehen können ? Ich hab ' s nicht kommen sehen und hab ' es doch gefürchtet von der ersten Stunde an . Wo hatte ich nur meinen Kopf ? Ich war so ganz versunken in mich selbst ! Was sein Anblick in mir weckte , das machte mich ganz verdreht . Sooft ich ihn ansah , war mir , als stünde die vergangene Zeit wieder auf . Und während ich alte Närrin die Augen verdrehte , ist das Unglück über die Kinder gekommen ? Und nun sollen sie elend werden wie wir ? Nein , Werner ! Jetzt will ich Mut haben . Den Anfang hab ' ich schon gemacht . Oder weißt du nicht , was geschehen ist ? Sieh her , Werner ! « Mühsam versuchte sie den verbundenen Arm zu heben . Nur Werners Augen redeten ; sein Mund blieb streng geschlossen , als wäre ihm bange vor jedem Wort , das ihm die Erregung des Augenblicks entreißen könnte . » Feig bin ich gewesen , immer feig , solang es um mich gegangen ist , um mein eigenes Glück . Jetzt will ich Mut haben . Denn sage mir , was du willst - dein Wort in Ehren - aber er ist dein Sohn ! Solche Ähnlichkeit bringt kein Zufall und keine Seelenharmonie . Schon das erstemal , bei der