: mehrere Zeitungen , zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch einen großen eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten , geb . von Briest . Die Empfängerin unterschrieb , und nun ging der Postbote wieder . Die Zwicker aber überflog die Friseuranzeigen und lachte über die Preisermäßigung von Shampooing . Effi hörte nicht hin ; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief zwischen den Fingern und hatte eine ihr unerklärliche Scheu , ihn zu öffnen . Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln gesiegelt und ein dickes Couvert . Was bedeutete das ? Poststempel : » Hohen-Cremmen « , und die Adresse von der Handschrift der Mutter . Von Innstetten , es war der fünfte Tag , keine Zeile . Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die Längsseite des Briefes langsam auf . Und nun harrte ihrer eine neue Überraschung . Der Briefbogen , ja das waren eng geschriebene Zeilen von der Mama , darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten Papierstreifen drum herum , auf dem mit Rotstift , und zwar von des Vaters Hand , der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet war Sie schob das Konvolut zurück und begann zu lesen , während sie sich in den Schaukelstuhl zurücklehnte . Aber sie kam nicht weit , die Zeilen entfielen ihr , und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort . Dann bückte sie sich und nahm den Brief wieder auf . » Was ist Ihnen , liebe Freundin ? Schlechte Nachrichten ? « Effi nickte , gab aber weiter keine Antwort und bat nur , ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen . Als sie getrunken , sagte sie : » Es wird vorübergehen , liebe Geheimrätin , aber ich möchte mich doch einen Augenblick zurückziehen ... Wenn Sie mir Afra schicken könnten . « Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück , wo sie sichtlich froh war , einen Halt gewinnen und sich an dem Polysanderflügel entlangfühlen zu können . So kam sie bis an ihr nach rechts hin gelegenes Zimmer , und als sie hier , tappend und suchend , die Tür geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte , brach sie ohnmächtig zusammen . Einunddreißigstes Kapitel Minuten vergingen . Als Effi sich wieder erholt hatte , setzte sie sich auf einen am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Straße hinaus . Wenn da doch Lärm und Streit gewesen wäre ; aber nur der Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege und dazwischen die Schatten , die das Gitter und die Bäume warfen . Das Gefühl des Alleinseins in der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere . Vor einer Stunde noch eine glückliche Frau , Liebling aller , die sie kannten , und nun ausgestoßen . Sie hatte nur erst den Anfang des Briefes gelesen , aber genug , um ihre Lage klar vor Augen zu haben . Wohin ? Sie hatte keine Antwort darauf , und doch war sie voll tiefer Sehnsucht , aus dem herauszukommen , was sie hier umgab , also fort von dieser Geheimrätin , der das alles bloß ein » interessanter Fall « war und deren Teilnahme , wenn etwas davon existierte , sicher an das Maß ihrer Neugier nicht heranreichte . » Wohin ? « Auf dem Tische vor ihr lag der Brief ; aber ihr fehlte der Mut , weiterzulesen . Endlich sagte sie » Wovor bange ich mich noch ? Was kann noch gesagt werden , das ich mir nicht schon selber sagte ? Der , um den all dies kam , ist tot , eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht , in ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein , und das Kind wird man dem Vater lassen . Natürlich . Ich bin schuldig , und eine Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen . Und wovon auch ? Mich selbst werde ich wohl durchbringen . Ich will sehen , was die Mama darüber schreibt , wie sie sich mein Leben denkt . « Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder , um auch den Schluß zu lesen . » ... Und nun Deine Zukunft , meine liebe Effi . Du wirst Dich auf Dich selbst stellen müssen und darfst dabei , soweit äußere Mittel mitsprechen , unserer Unterstützung sicher sein . Du wirst am besten in Berlin leben ( in einer großen Stadt vertut sich dergleichen am besten ) und wirst da zu den vielen gehören , die sich um freie Luft und lichte Sonne gebracht haben . Du wirst einsam leben und , wenn Du das nicht willst , wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen . Die Welt , in der Du gelebt hast , wird Dir verschlossen sein . Und was das traurigste für uns und für Dich ist ( auch für Dich , wie wir Dich zu kennen vermeinen ) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen sein ; wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten , keine Zuflucht in unserem Hause , denn es hieße das , dies Haus von aller Welt abschließen , und das zu tun , sind wir entschieden nicht geneigt . Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein Abschiednehmen von dem , was sich Gesellschaft nennt , uns als etwas unbedingt Unerträgliches erschiene ; nein , nicht deshalb , sondern einfach , weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt , ich kann Dir das Wort nicht ersparen , unsere Verurteilung Deines Tuns , des Tuns unseres einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes , aussprechen wollen ... « Effi konnte nicht weiterlesen ; ihre Augen füllten sich mit Tränen , und nachdem sie vergeblich dagegen angekämpft hatte , brach sie zuletzt in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus , darin sich ihr Herz erleichterte . Nach einer halben Stunde klopfte es , und auf Effis » Herein « erschien die Geheimrätin . » Darf ich eintreten ? « » Gewiß , liebe Geheimrätin « , sagte Effi , die jetzt , leicht zugedeckt und die Hände gefaltet , auf dem Sofa lag . » Ich bin erschöpft und habe mich hier eingerichtet , so gut es ging . Darf ich Sie bitten , sich einen Stuhl zu nehmen . « Die Geheimrätin setzte sich so , daß der Tisch , mit einer Blumenschale darauf , zwischen ihr und Effi war . Effi zeigte keine Spur von Verlegenheit und änderte nichts in ihrer Haltung , nicht einmal die gefalteten Hände . Mit einem Male war es ihr vollkommen gleichgültig , was die Frau dachte ; nur fort wollte sie . » Sie haben eine traurige Nachricht empfangen , liebe , gnädigste Frau ... « » Mehr als traurig « , sagte Effi . » Jedenfalls traurig genug , um unserem Beisammensein ein rasches Ende zu machen . Ich muß noch heute fort . « » Ich möchte nicht zudringlich erscheinen , aber ist es etwas mit Annie ? « » Nein , nicht mit Annie . Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus Berlin , es waren Zeilen meiner Mama . Sie hat Sorgen um mich , und es liegt mir daran , sie zu zerstreuen oder , wenn ich das nicht kann , wenigstens an Ort und Stelle zu sein . « » Mir nur zu begreiflich , sosehr ich es beklage , diese letzten Emser Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen . Darf ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen ? « Ehe Effi darauf antworten konnte , trat Afra ein und meldete , daß man sich eben zum Lunch versammle . Die Herrschaften seien alle sehr in Aufregung : der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen , und am Schluß seien große Manöver , und die Bonner Husaren kämen auch . Die Zwicker überschlug sofort , ob es sich verlohnen würde , bis dahin zu bleiben , kam zu einem entschiedenen » Ja « und ging dann , um Effis Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen . Als gleich danach auch Afra gehen wollte , sagte Effi : » Und dann , Afra , wenn Sie frei sind , kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir , um mir beim Packen behülflich zu sein . Ich will heute noch mit dem Sieben-Uhr-Zuge fort . « » Heute noch ? Ach , gnädigste Frau , das ist doch aber schade . Nun fangen ja die schönen Tage erst an . « Effi lächelte . Die Zwicker , die noch allerlei zu hören hoffte , hatte sich nur mit Mühe bestimmen lassen , der » Frau Baronin « beim Abschiede nicht das Geleit zu geben . » Auf einem Bahnhofe « , so hatte Effi versichert , » sei man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepäck beschäftigt ; gerade Personen , die man liebhabe , von denen nähme man gern vorher Abschied . « Die Zwicker bestätigte das , trotzdem sie das Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte ; sie hatte hinter allen Türen gestanden und wußte gleich , was echt und unecht war . Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich fest versprechen , daß die Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle ; wer mal in Ems gewesen , der komme immer wieder . Ems sei das schönste , außer Bonn . Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt , nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon , sondern draußen auf der Veranda , an demselben Tisch , an dem sie kaum zehn Stunden zuvor mit Effi das Frühstück genommen hatte . Sie freute sich auf den Brief , der einer befreundeten , zur Zeit in Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte . Beider Seelen hatten sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen Männerwelt geltenden starken Skepsis ; sie fanden die Männer durchweg weit zurückbleibend hinter dem , was billigerweise gefördert werden könne , die sogenannten » forschen « am meisten . » Die , die vor Verlegenheit nicht wissen , wo sie hinsehen sollen , sind , nach einem kurzen Vorstudium , immer noch die besten , aber die eigentlichen Don Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung . Wo soll es am Ende auch herkommen . « Das waren so Weisheitssätze , die zwischen den zwei Freundinnen ausgetauscht wurden . Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr als dankbaren Thema , das natürlich » Effi « hieß , eben wie folgt fort : » Alles in allem war sie sehr zu leiden , artig , anscheinend offen , ohne jeden Adelsdünkel ( oder doch groß in der Kunst , ihn zu verbergen ) und immer interessiert , wenn man ihr etwas Interessantes erzählte , wovon ich , wie ich Dir nicht zu versichern brauche , den ausgiebigsten Gebrauch machte . Nochmals also , reizende junge Frau , fünfundzwanzig oder nicht viel mehr . Und doch hab ich dem Frieden nie getraut und traue ihm auch in diesem Augenblicke noch nicht , ja , jetzt vielleicht am wenigsten . Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine wirkliche Geschichte dahinter . Dessen bin ich so gut wie sicher . Es wäre das erste Mal , daß ich mich in solcher Sache geirrt hätte . Daß sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte , das und der gelegentliche Gretchenblick , der jedesmal versicherte , kein Wässerchen trüben zu können - alle diese Dinge haben mich in meinem Glauben ... Aber da kommt eben unsere Afra , von der ich Dir glaub ich , schon schrieb , eine hübsche Person , und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch , das ihr , wie sie sagt , unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe ; die blau angestrichene Stelle . Nun verzeih , wenn ich diese Stelle erst lese ... Nachschrift . Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie gerufen . Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege sie diesen Zeilen bei . Du siehst daraus , daß ich mich nicht geirrt habe . Wer mag nur der Crampas sein ? Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann auch noch die des anderen aufbewahren ! Wozu gibt es Öfen und Kamine ? Solange wenigstens , wie dieser Duellunsinn noch existiert , darf dergleichen nicht vorkommen ; einem kommenden Geschlechte kann diese Briefschreibepassion ( weil dann gefahrlos geworden ) vielleicht freigegeben werden . Aber so weit sind wir noch lange nicht . Übrigens bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und finde , eitel wie man nun mal ist , meinen einzigen Trost darin , mich in der Sache selbst nicht getäuscht zu haben . Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich . Ein schwächerer Diagnostiker hätte sich doch vielleicht hinters Licht führen lassen . Wie immer Deine Sophie « Zweiunddreißigstes Kapitel Drei Jahre waren vergangen , und Effi bewohnte seit fast ebenso langer Zeit eine kleine Wohnung in der Königgrätzer Straße , zwischen Askanischem Platz und Halleschem Tor : ein Vorder- und Hinterzimmer und hinter diesem die Küche mit Mädchengelaß , alles so durchschnittsmäßig und alltäglich wie nur möglich . Und doch war es eine apart hübsche Wohnung , die jedem , der sie sah , angenehm auffiel , am meisten vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel , der , dann und wann vorsprechend , der armen jungen Frau nicht bloß die nun weit zurückliegende Rheumatismus- und Neuralgiekomödie , sondern auch alles , was seitdem sonst noch vorgekommen war , längst verziehen hatte , wenn es für ihn der Verzeihung überhaupt bedurfte . Denn Rummschüttel kannte noch ganz anderes . Er war jetzt ausgangs Siebzig , aber wenn Effi , die seit einiger Zeit ziemlich viel kränkelte , ihn brieflich um seinen Besuch bat , so war er am anderen Vormittag auch da und wollte von Entschuldigungen , daß es so hoch sei , nichts wissen . » Nur keine Entschuldigungen , meine liebe , gnädigste Frau ; denn erstens ist es mein Metier , und zweitens bin ich glücklich und beinahe stolz , die drei Treppen so gut noch steigen zu können . Wenn ich nicht fürchten müßte , Sie zu belästigen - - denn ich komme doch schließlich als Arzt und nicht als Naturfreund und Landschaftsschwärmer - , so käme ich wohl noch öfter , bloß um Sie zu sehen und mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen . Ich glaube , Sie würdigen den Ausblick nicht genug . « » O doch , doch « , sagte Effi ; Rummschüttel aber ließ sich nicht stören und fuhr fort : » Bitte , meine gnädigste Frau , treten Sie hier heran , nur einen Augenblick , oder erlauben Sie mir , daß ich Sie bis an das Fenster führe . Wieder ganz herrlich heute . Sehen Sie doch nur die verschiedenen Bahndämme , drei , nein vier , und wie es beständig darauf hin und her gleitet ... und nun verschwindet der Zug da wieder hinter einer Baumgruppe . Wirklich herrlich . Und wie die Sonne den weißen Rauch durchleuchtet ! Wäre der Matthäikirchhof nicht unmittelbar dahinter , so wäre es ideal . « » Ich sehe gern Kirchhöfe . « » Ja , Sie dürfen das sagen . Aber unserein ! Unsereinem kommt unabweislich immer die Frage , könnten hier nicht vielleicht einige weniger liegen ? Im übrigen , meine gnädigste Frau , bin ich mit Ihnen zufrieden und beklage nur , daß Sie von Ems nichts wissen wollen ; Ems , bei Ihren katarrhalischen Affektionen , würde Wunder ... « Effi schwieg . » Ems würde Wunder tun . Aber da Sie ' s nicht mögen ( und ich finde mich darin zurecht ) , so trinken Sie den Brunnen hier . In drei Minuten sind Sie im Prinz-Albrechtschen Garten , und wenn auch die Musik und die Toiletten und all die Zerstreuungen einer regelrechten Brunnenpromenade fehlen , der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache . « Effi war einverstanden , und Rummschüttel nahm Hut und Stock . Aber er trat noch einmal an das Fenster heran . » Ich höre von einer Terrassierung des Kreuzbergs sprechen , Gott segne die Stadtverwaltung , und wenn dann erst die kahle Stelle dahinten mehr in Grün stehen wird ... Eine reizende Wohnung . Ich könnte Sie fast beneiden ... Und was ich schon längst einmal sagen wollte , meine gnädige Frau , Sie schreiben mir immer einen so liebenswürdigen Brief . Nun , wer freute sich dessen nicht ? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe ... Schicken Sie mir doch einfach Roswitha . « Effi dankte ihm , und so schieden sie . » Schicken Sie mir doch einfach Roswitha ... « , hatte Rummschüttel gesagt . Ja , war denn Roswitha bei Effi ? war sie denn statt in der Keith- in der Königgrätzer Straße ? Gewiß war sie ' s , und zwar sehr lange schon , gerade so lange , wie Effi selbst in der Königgrätzer Straße wohnte . Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen , und das war ein großer Tag für beide gewesen , so sehr , daß dieses Tages hier noch nachträglich gedacht werden muß . Effi , hatte damals , als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen kam und sie mit dem Abendzuge von Ems nach Berlin zurückreiste , nicht gleich eine selbständige Wohnung genommen , sondern es mit einem Unterkommen in einem Pensionate versucht . Es war ihr damit auch leidlich geglückt . Die beiden Damen , die dem Pensionate vorstanden , waren gebildet und voll Rücksicht und hatten es längst verlernt , neugierig zu sein . Es kam da so vieles zusammen , daß ein Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu umständlich gewesen wäre . Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang . Effi , die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch in Erinnerung hatte , fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung der Pensionsdamen sehr angenehm berührt , als aber vierzehn Tage vorüber waren , empfand sie doch deutlich , daß die hier herrschende Gesamtatmosphäre , die physische wie die moralische , nicht wohl ertragbar für sie sei . Bei Tisch waren sie zumeist zu sieben , und zwar außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin ( die andere leitete draußen das Wirtschaftliche ) zwei die Hochschule besuchende Engländerinnen , eine adelige Dame aus Sachsen , eine sehr hübsche galizische Jüdin , von der niemand wußte , was sie eigentlich vorhatte , und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern , die Malerin werden wollte . Das war eine schlimme Zusammensetzung , und die gegenseitigen Überheblichkeiten , bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise nicht absolut obenan standen , sondern mit der vom höchsten Malergefühl erfüllten Polzinerin um die Palme rangen , waren unerquicklich ; dennoch wäre Effi , die sich passiv verhielt , über den Druck , den diese geistige Atmosphäre übte , hinweggekommen , wenn nicht , rein physisch und äußerlich , die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre . Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte , war vielleicht überhaupt unerforschlich , aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Atem raubte , war nur zu gewiß , und so sah sie sich , aus diesem äußerlichen Grunde , sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen Wohnung gezwungen , die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand . Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Straße . Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahrs beziehen , hatte das Nötige dazu beschafft und zählte während der letzten Septembertage die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat . An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegras-Sofa auszuruhen - wurde leise an ihre Tür geklopft . » Herein . « Das eine Hausmädchen , eine kränklich aussehende Person von Mitte Dreißig , die , durch beständigen Aufenthalt auf dem Korridor des Pensionats , den hier lagernden Dunstkreis überallhin in ihren Falten mitschleppte , trat ein und sagte : » Die gnädige Frau möchte entschuldigen , aber es wolle sie jemand sprechen . « » Wer ? « » Eine Frau . « » Und hat sie ihren Namen genannt ? « » Ja . Roswitha . « Und siehe da , kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte , so schüttelte sie den Halbschlaf von sich ab und sprang auf und lief auf den Korridor hinaus , um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu ziehen . » Roswitha . Du . Ist das eine Freude . Was bringst du ? Natürlich was Gutes . Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen . Ach , wie glücklich ich bin , ich könnte dir einen Kuß geben ; ich hätte nicht gedacht , daß ich noch solche Freude haben könnte . Mein gutes altes Herz , wie geht es dir denn ? Weißt du noch , wie ' s damals war , als der Chinese spukte ? Das waren glückliche Zeiten . Ich habe damals gedacht , es wären unglückliche , weil ich das Harte des Lebens noch nicht kannte . Seitdem habe ich es kennengelernt . Ach , Spuk ist lange nicht das schlimmste ! Komm , meine gute Roswitha , komm , setze dich hier zu mir und erzähle mir ... Ach , ich habe solche Sehnsucht . Was macht Annie ? « Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um , dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten gefaßt waren . Endlich aber fand sie sich und sagte , daß der gnädige Herr nun wieder aus Glatz zurück sei ; der alte Kaiser habe gesagt , » sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug « , und auf den Tag , wo der gnädige Herr wieder dasein würde , darauf habe sie bloß gewartet , wegen Annie , die doch eine Aufsicht haben müsse . Denn Johanna sei wohl eine sehr propre Person , aber sie sei doch noch zu hübsch und beschäftige sich noch zuviel mit sich selbst und denke vielleicht Gott weiß was alles . Aber nun , wo der gnädige Herr wieder aufpassen und in allem nach dem Rechten sehen könne , da habe sie sich ' s doch antun wollen und mal sehen , wie ' s der gnädigen Frau gehe ... » Das ist recht . Roswitha ... « » Und habe mal sehen wollen ob der gnädigen Frau was fehle und ob sie sie vielleicht brauche , dann wolle sie gleich hierbleiben und beispringen und alles machen und dafür sorgen , daß es der gnädigen Frau wieder gut ginge . « Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen geschlossen . Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte : » Ja , Roswitha , was du da sagst , das ist ein Gedanke ; das ist was . Denn du mußt wissen , ich bleibe hier nicht in dieser Pension , ich habe da weiter hin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt , und in drei Tagen will ich da einziehen . Und wenn ich da mit dir ankäme und zu dir sagen könnte : Nein , Roswitha , da nicht , der Schrank muß dahin und der Spiegel da , ja , das wäre was , das sollte mir schon gefallen . Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären , dann sagte ich : Nun , Roswitha , gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu , denn wenn man gearbeitet hat , dann will man doch auch trinken , und wenn du kannst , so bring uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof mit , du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüberbringen - , ja , Roswitha , wenn ich mir das denke , da wird mir ordentlich leichter ums Herz . Aber ich muß dich doch fragen , hast du dir auch alles überlegt ? Von Annie will ich nicht sprechen , an der du doch hängst , sie ist ja fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem , für Annie wird schon gesorgt werden , und die Johanna hängt ja auch an ihr . Also davon nichts . Aber bedenke , wie sich alles verändert hat , wenn du wieder zu mir willst . Ich bin nicht mehr wie damals ; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung genommen , und der Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um mich bemühen . Und wir werden eine sehr kleine Wirtschaft haben , immer das , was wir sonst unser Donnerstag-Essen nannten , weil da rein gemacht wurde . Weißt du noch ? Und weißt du noch , wie der gute Gieshübler mal dazukam und sich zu uns setzen mußte und wie er dann sagte : So was Delikates habe er noch nie gegessen . Du wirst dich noch erinnern , er war immer so schrecklich artig , denn eigentlich war er doch der einzige Mensch in der Stadt , der von Essen was verstand . Die andern fanden alles schön . « Roswitha freute sich über jedes Wort und sah schon alles in bestem Gange , bis Effi wieder sagte : » Hast du dir das alles überlegt ? Denn du bist doch - ich muß das sagen , wiewohl es meine eigne Wirtschaft war - , du bist doch nun durch viele Jahre hin verwöhnt , und es kam nie darauf an , wir hatten es nicht nötig , sparsam zu sein ; aber jetzt muß ich sparsam sein , denn ich bin arm und habe nur , was man mir gibt , du weißt , von Hohen-Cremmen her . Meine Eltern sind sehr gut gegen mich , soweit sie ' s können , aber sie sind nicht reich . Und nun sage , was meinst du ? « » Daß ich nächsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe , nicht am Abend , sondern gleich am Morgen , und daß ich da bin , wenn das Einrichten losgeht . Denn ich kann doch ganz anders zufassen wie die gnädige Frau . « » Sage das nicht , Roswitha . Ich kann es auch . Wenn man muß , kann man alles . « » Und dann , gnädige Frau , Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu fürchten , als ob ich mal denken könnte : Für Roswitha ist das nicht gut genug . Für Roswitha ist alles gut , was sie mit der gnädigen Frau teilen muß , und am liebsten , wenn es was Trauriges ist . Ja , darauf freue ich mich schon ordentlich . Dann sollen Sie mal sehen , das verstehe ich . Und wenn ich es nicht verstünde , dann wollte ich es schon lernen . Denn , gnädige Frau , das hab ich nicht vergessen , als ich da auf dem Kirchhof saß , mutterwindallein , und bei mir dachte , nun wäre es doch wohl das beste , ich läge da gleich mit in der Reihe . Wer kam da ? Wer hat mich da bei Leben erhalten ? Ach , ich habe soviel durchzumachen gehabt . Als mein Vater damals mit der glühenden Stange auf mich loskam ... « » Ich weiß schon , Roswitha ... « » Ja , das war schlimm genug . Aber als ich da auf dem Kirchhof saß , so ganz arm und verlassen , das war doch noch schlimmer . Und da kam die gnädige Frau . Und ich will nicht selig werden , wenn ich das vergesse . « Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu . » Sehen Sie , gnädige Frau , den müssen Sie doch auch noch sehen . « Und nun trat auch Effi heran . Drüben , auf der anderen Seite der Straße , saß Rollo und sah nach den Fenstern der Pension hinauf . Wenige Tage danach bezog Effi , von Roswitha unterstützt , ihre Wohnung in der Königgrätzer Straße , darin es ihr von Anfang an gefiel . Umgang fehlte freilich , aber sie hatte während ihrer Pensionstage von dem Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches gehabt , daß ihr das Alleinsein nicht schwerfiel , wenigstens anfänglich nicht . Mit Roswitha ließ sich allerdings kein ästhetisches Gespräch führen , auch nicht mal sprechen über das , was in der Zeitung stand , aber wenn es einfach menschliche Dinge betraf und Effi mit einem » Ach , Roswitha , mich ängstigt es wieder ... « ihren Satz begann , dann wußte die treue Seele jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat . Bis Weihnachten ging es vorzüglich ; aber der Heiligabend verlief schon recht traurig , und als das neue Jahr herankam , begann Effi ganz schwermütig zu werden . Es war nicht kalt , nur grau und regnerisch , und wenn die Tage kurz waren , so waren die Abende desto länger . Was tun ? Sie las , sie stickte , sie legte Patience , sie spielte Chopin , aber diese Nocturnes waren auch nicht angetan , viel Licht in ihr Leben zu tragen , und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und außer dem Teezeug auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine Scheiben geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte , sagte Effi , während sie das Pianino schloß : » Rücke heran , Roswitha . Leiste mir Gesellschaft . « Roswitha kam denn auch . » Ich weiß schon , die gnädige Frau haben wieder zuviel gespielt ; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke . Der Geheimrat hat es doch verboten . « » Ach , Roswitha , der Geheimrat hat leicht verbieten , und du hast es auch leicht ,