Hölle noch in vielen anderen der umliegenden Ortschaften ihre Filialen . So war es in Sweti , in Hradeck , in Problus . So in Pardubitz , wo , als es die ersten Preußen besetzten , ... über tausend Schwerverwundete , Operierte und Amputierte umherlagen , teils sterbend , teils schon gestorben , Leichen zwischen Verscheidenden und solchen , welche ihr Ende ersehnten . Viele nur in blutigen Hemden , daß man nicht einmal wissen konnte , welches Landes Kinder sie waren . Alle die , welche noch Spuren des Lebens in sich trugen , schreiend nach Wasser und Brot , sich krümmend unter den Schmerzen ihrer Wunden , und um den Tod gleichwie um eine Wohlthat flehend . « » Roßnitz , « so schreibt Doktor Brauer in seinen Briefen , » Roßnitz , dieser Ort , dessen Bild bis in meine Sterbestunde vor meinem Gedächtnisse stehen wird , Roßnitz , wohin ich am 6. Tage nach der mörderischen Schlacht von den Johannitern geschickt wurde und wo das größte Elend , welches sich menschliche Einbildungskraft vorzustellen vermag , noch an diesem Tage herrschte . Ich fand daselbst unsern R. mit 650 Verwundeten , welche in elenden Scheunen und Ställen , ohne Verpflegung , mitten unter Toten und Halbtoten , teilweise seit Tagen in ihrem eigenen Kote lagen . Hier war es , wo ich nach Errichtung des Grabhügels des gefallenen Oberstlieutenants v. F. so von Schmerz überwältigt wurde , daß ich eine Stunde lang die heißesten Thränen vergoß und mich trotz des Aufwandes meiner ganzen moralischen Kraft kaum zu fassen vermochte . Obgleich ich als Arzt gewohnt bin , menschliches Elend in allerlei Gestalt zu erblicken und in der Ausübung meines Berufes es lernte , den Jammer der gequälten menschlichen Natur zu ertragen , so entquollen doch in der That hier meinen Augen unaufhaltsame Thränen . Hier in Roßnitz war es , wo ich am zweiten Tage , als ich erkannte , daß unsere Kräfte solchem Elend nicht gewachsen seien , den Mut verlor und zu verbinden aufhörte . « - - - » ... In welchem Zustand waren diese 600 Männer ( diesmal spricht Doktor Naundorff ) . Es ist unmöglich , dies mit Wahrheit zu schildern . An den noch immer offenen Wunden saugten Mücken , mit denen sie bedeckt waren ; im Fieber funkelnde Blicke irrten forschend umher und suchten nach irgend einer Hilfe - nach Labung , nach Wasser , nach Brot ! Mantel , Hemd , Fleisch und Blut bildeten bei den Meisten eine widerliche Mischung . Würmer begannen sich darin zu erzeugen und einzufressen . Ein abscheulicher Geruch erfüllte jeglichen Raum . Alle diese Soldaten lagen auf der nackten Erde , nur Wenige fanden etwas Stroh , auf welches sie ihre elenden , verstümmelten Körper betten konnten . Einige , welche nur lehmigen , durchgeweichten Boden unter sich hatten , sind in dem Schlamme desselben halb versunken ; sie vermögen nicht , sich aus ihm emporzuarbeiten ; Andere liegen in einer Pfütze gräulichen Schmutzes , den zu beschreiben jede Feder sich sträuben muß . « » ... In Masloved « - so erzählte Frau Simon - » ein Ort von ungefähr fünfzig Nummern , lagen - acht Tage nach der Schlacht - 700 Verwundete . Nicht sowohl ihr Jammergeschrei als ihre trostlose Verlassenheit drang zum Himmel empor . In einer einzigen Scheune waren allein 60 dieser Unglücklichen aufgeschichtet . Eine jede ihrer Wunden war an sich schon schwer , durch den hilflosen Zustand , den Mangel an Pflege und Nahrung waren dieselben hoffnungslos geworden ; fast Alle waren brandig . Zerschossene Glieder bildeten nur noch faulende Fleischstücke , Gesichter nur noch eine mit Schmutz bedeckte , zerronnene Blutmasse , in welcher eine unförmliche schwarze Öffnung den Mund vorstellte , welchem gräßliche Töne entquollen . Die fortschreitende Verwesung trennte ganze abgestorbene Teile von diesen elenden Körpern . Lebendige liegen neben Toten gebettet , die in Fäulnis überzugehen beginnen und für welche die Würmer sich rüsten . Diese sechzig Menschen , so wie der größte Teil der Übrigen , lagen seit einer Woche auf derselben Stelle . Ihre Wunden waren entweder gar nicht , oder nur in unzureichender Weise verbunden worden ; seit dem Tage der Schlacht lagen sie , unfähig sich von der Stelle zu bewegen , nur mangelhaft genährt , ohne hinreichendes Wasser . Unter sich ein durch Blut und Unrat verfaulendes Lager , so verbrachten sie acht Tage ! Lebendige Leichname , durch deren zuckende Glieder eine vergiftete Blutwelle nur noch träge ihren Umlauf vollendet . Sie hatten noch nicht sterben können , und doch - wie durften sie erwarten , je wieder lebendig zu werden ? Was ist dabei des Staunens werter « - beschloß Frau Simon diesen Bericht - » die unendliche Lebenskraft der menschlichen Natur , welche das erduldet und noch zu atmen vermag , oder der Mangel an zureichender Hilfe ? « Das Staunenswerteste ist - will mich bedünken - daß Menschen einander in solche Lage bringen , - daß Menschen , die so etwas gesehen , nicht kniend hinsinken und den leidenschaftlichen Eid schwören , gegen den Krieg zu kriegen : daß sie nicht - wenn sie Fürsten sind - das Schwert von sich schleudern oder - wenn sie keine Macht besitzen - nicht fortan ihr ganzes Wirken , in Wort und Schrift , in denken , Lehren und Handeln dem einen Ziele widmen : Die Waffen nieder ! - - - - - - - - - - - - - - - Frau Simon - sie nannten sie » die Lazareth-Mutter « - war eine Heldin . Wochenlang hatte sie in jenen Gegenden geweilt und alle Drangsale und Gefahren ertragen . Hunderte sind durch sie gerettet worden . Tag und Nacht arbeitete , schaffte , befehligte sie . Bald verrichtete sie die demütigsten Dienste an den Krankenlagern , bald kommandierte sie Transporte oder requirierte Lebensmittel . Wenn sie an einem Orte Hilfe geschafft , so eilte sie ohne Rast an einen andern ; sie ließ aus Dresden eine reiche Sendung kommen und führte dieselbe , trotz allen entgegenstehenden Schwierigkeiten , nach den Punkten , welche der Hilfe bedurften ; sie übernahm die Vertretung der patriotischen Vereine auf böhmischem Boden und errang sich da eine Stellung gleich derjenigen , welche Florence Nightingale in der Krim eingenommen . Und ich ? Gebrochen , trostlos , von Schmerz und Ekel überwältigt - nichts habe ich zu helfen vermocht . Schon in der Kirche - unsere erste Etappe - fiel ich auf den Stufen jenes Marienaltars erschöpft zusammen und Doktor Bresser hatte alle Mühe , mich wieder aufzurichten . Von dort schleppte ich mich an seiner Seite eine Strecke weiter und wir kamen in eine solche Scheune , welche ein Bild bot , wie es Frau Simon beschrieben . In der Kirche wenigstens war ein weiter Raum , wo die Unglücklichen neben einander lagen , hier aber waren sie auf- und ineinander geschichtet - haufen- und knäuelweise ; in die Kirche waren doch Pflegende - vielleicht ein durchmarschierendes Sanitätskorps - gekommen , welche zwar mangelhafte , aber doch einige Hilfe geboten hatten ; hier aber waren lauter ganz ungefunden Gebliebene - eine krabbelnde , wimmernde Masse halbverfaulter Menschenreste ... Erstickender Ekel packte mich an der Kehle , bitterster Jammer am Herzen - mir war als fühlte ich Letzteres entzwei brechen - und ich stieß einen gellenden Schrei aus . Dieser Schrei ist das letzte , was mir von jener Scene in Erinnerung geblieben . Als ich wieder zur Besinnung kam , befand ich mich in einem fahrenden Eisenbahnwagen . Mir gegenüber saß Doktor Bresser . Als er gewahrte , daß ich die Augen geöffnet und erstaunt und forschend um mich schaute , ergriff er meine Hand : » Ja , ja , Frau Martha , « sagte er , » dies ist ein Koupee zweiter Klasse - Sie träumen nicht . Sie sind hier in Gesellschaft einiger leichtverwundeter Offiziere und Ihres Freundes Bresser , und wir fahren nach Wien . « So war es . Der Doktor hatte einen Transport Verwundeter von Horonewos nach Königinhof gebracht , und von dort war ihm ein anderer Transport zur Beförderung nach Wien anvertraut worden . Mich Ohnmächtige - in der doppelten Bedeutung des Wortes ohnmächtig - hatte er mitgenommen und brachte mich nach Hause . Ich hatte mich auf jenen Stätten des Elends als völlig unnütz und unfähig erwiesen , als ein Hindernis und eine Bürde ; Frau Simon war sehr froh , als Doktor Bresser mich fortschaffte . Und ich mußte zugeben , daß es so am besten war . Aber Friedrich ? - Ich hatte ihn nicht gefunden . Gott sei Dank - daß ich ihn nicht gefunden : so war noch nicht alle Hoffnung tot : und hätte ich gar den geliebten Mann unter jenen Jammergestalten erkennen müssen - ich wäre wahnsinnig geworden ! Vielleicht würde ich zu Hause einen Brief meines Friedrich vorfinden ... Diese Hoffnung - nein , Hoffnung ist zu viel gesagt : der Gedanke an diese bloße Möglichkeit - goß mir einen Balsam in die wunde Seele . Ja wund - wund fühlte ich mein Inneres ... Das Riesenweh , welches ich gesehen , hatte mir so tief ins eigene Herz geschnitten , daß mir war , als sollte es nie mehr ganz geheilt werden können . - Auch wenn ich meinen Friedrich wiederfände , auch wenn mir eine lange Zukunft von Glanz und Liebe bescheert würde , könnte ich denn jemals vergessen , daß so viele andere meiner armen Menschenbrüder- und -Schwestern so unsägliches Unglück tragen müssen ? So lange tragen müssen , als sie nicht zur Einsicht kommen , daß dieses Unglück nicht Verhängnis , sondern Verbrechen ist . - - Ich schlief beinahe während der ganzen Fahrt . Doktor Bresser hatte mir ein leichtes Narkotikum eingegeben , damit ein langer und fester Schlaf meine durch die Erlebnisse von Horonewos so erschütterten Nerven wieder einigermaßen beruhige . Als wir auf dem wiener Bahnhof ankamen , stand schon mein Vater da , mich abzuholen . Doktor Bresser , der an Alles dachte , hatte nach Grumitz telegraphiert . Ihm selbst wäre es nicht möglich gewesen , mich dahin zu begleiten , da er seine Verwundeten in das Hospital zu bringen hatte und dann unverzüglich wieder nach Böhmen zurückkehren wollte . Mein Vater umarmte mich schweigend und auch ich fand kein Wort zu sagen . Dann wandte er sich an Doktor Bresser . » Wie soll ich Ihnen danken ? Hätten Sie nicht diese kleine Verrückte in Schutz genommen - - « Aber der Doktor drückte uns eilig die Hände . » Ich muß weg , « sagt er , » ich habe Dienst . Kommen Sie glücklich nach Hause . Die junge Frau braucht Schonung , Excellenz ... ist stark erschüttert worden ... keine Vorwürfe , kein Ausfragen ... schnell ins Bett : ... Orangenblütenwasser ... Ruhe , Adieu ! « Und fort war er . Mein Vater legte meinen Arm in den seinen und führte mich durch das Gedränge dem Ausgang zu . Da stand wieder eine lange Reihe von Ambulanzwagen . Wir mußten eine Strecke zu Fuß gehen , um zu der Stelle zu gelangen , wo unser Wagen wartete . Die Frage : » Ist mittlerweile Nachricht von Friedrich gekommen ? « stieg mir wiederholt zu den Lippen empor , ich fand aber nicht den Mut , sie auszusprechen . Endlich - wir waren schon ein Stück gefahren und mein Vater war noch immer stumm - brachte ich dieselbe hervor : » Bis gestern Abend nicht , « lautete die Antwort . » Möglich , daß wir heute Nachricht finden . Ich bin nämlich schon gestern , gleich nach Empfang des Telegramms , zur Stadt gefahren . Ach , hast Du uns Angst gemacht , Du närrisches Ding ! Auf die Schlachtfelder fahren , dem grimmigen Feind entgegen - diese Leute sind ja wie die Wilden ... Durch ihre Spitzkugelsiege sind sie ganz berauscht ... und überhaupt : disziplinierte Soldaten sind sie ja nicht , diese Landwehrleute - von solchen kann man sich auf die ärgsten Unthaten gefaßt machen , und Du - eine Frau - läufst da mitten hinein ; Du - nun der Doktor hat mir verordnet , Dir keine Vorwürfe zu machen - « » Wie geht es meinem Sohne Rudolf ? « » Der schreit und heult nach Dir , sucht Dich im ganzen Haus , will nicht glauben , daß Du weggereist seiest , ohne ihm einen Abschiedskuß zu geben . Und nach den Anderen frägst Du nicht ? nach Lilli , Rosa , Otto , Tante Marie ? Du kommst mir überhaupt so teilnahmslos vor - « » Wie geht es Allen ? Hat Konrad geschrieben ? « » Gut geht es Allen . Von Konrad kam gestern ein Brief - es ist ihm nichts geschehen . Lilli ist selig . Du wirst sehen , von Tilling wird nächstens auch gute Nachricht eintreffen . Leider ist in politischer Hinsicht nichts Gutes zu erwarten . Du hast doch von dem großen Unglück gehört ? « » Welches ? ... Ich habe in der Zeit gar nichts Anderes gesehen , als großes Unglück . « » Ich meine Venetien - unser schönes Venetien fortgeschleudert - dem Intriganten Louis Napoleon auf dem Präsentierteller gereicht ! Und das nach solchen glänzenden Siegen , wie wir sie bei Custozza errungen haben ... Statt unsere Lombardei zurückzunehmen , auch noch unser Venedig hingeben ! Freilich , dadurch sind wir die Feinde im Süden los , haben auch den Louis Napoleon für uns und können jetzt mit aller Wucht für Sadowa Rache nehmen , den Preußen aus dem Lande hinauswerfen , ihn verfolgen und uns Schlesien holen . Benedek hat große Fehler begangen , jetzt aber wird der Oberbefehl in die Hände des glorreichen Feldherrn der Südarmee gelegt ... Du antwortest nicht ? Nun denn , so will ich Dir , immer nach Bressers Verordnung - Ruhe lassen . « Nach zweistündiger Fahrt kamen wir in Grumitz an . Als unser Wagen im Schloßhof einfuhr , stürzten uns die Schwestern entgegen . » Martha , Martha « - riefen Beide schon von weitem : » Er ist da ! « Und nochmals - am Wagenschlag » Er ist da , Martha ! « » Wer ? « » Friedrich , Dein Mann . « Ja - so war es . Erst gestern , spät am Abend , war Friedrich mit einem Verwundetentransporte von Böhmen nach Wien und von dort hierher gebracht worden . Er hatte eine Kugel in das Bein bekommen , eine Wunde , die ihn augenblicklich dienstunfähig und pflegebedürftig machte , die jedoch gänzlich ungefährlich war . Aber auch die Freude ist schwer zu ertragen . Die mir von meinen Schwestern so unvorbereitet zugerufene Nachricht : » Friedrich ist da « wirkte ebenso , wie die Schrecknisse der vergangenen Tage : sie raubte mir die Besinnung . Man mußte mich aus dem Wagen in das Schloß tragen und zu Bett bringen . Hier verbrachte ich - war es die Nachwirkung des Narkotikums , war es die Heftigkeit des Freudenschlages ? - mehrere Stunden in bald schlafender , bald delirierender Bewußtlosigkeit . Als ich zu mir kam und mich in meinem Bette sah , da glaubte ich , daß ich aus einem schweren Traum erwachte und daß ich von Grumitz gar nicht fortgekommen war . Der Brief Bressers , mein Entschluß nach Böhmen abzureisen , meine Erlebnisse dortselbst - die Rückfahrt , die angekündigte Heimkehr Friedrichs : Alles nur geträumt ... Ich blickte auf . Am Fuße des Bettes stand meine Kammerjungfer . » Ist mein Bad bereit ? « fragte ich , » ich will aufstehen . « Jetzt stürzte aus einer Ecke des Zimmers Tante Marie hervor : » Ach Martha , armer Schatz , bist Du endlich wach und bei Sinnen - Gott sei Dank ! Ja , ja , steh auf - und ja , ja , nimm Dein Bad , das wird wohl thun ... wenn man so von Straßen- und Eisenbahnstaub bedeckt ist , wie Du - « » Eisenbahnstaub - was meinst Du denn ? « » Schnell , steh ' auf - Netti , richten Sie Alles vor . Friedrich vergeht schon vor Ungeduld , Dich zu sehen . « » Friedrich , mein Friedrich ! ! ! « Wie oft hatte ich in den letzten Tagen diesen Namen so schmerzlich ausgerufen - aber jetzt war es ein Jubelruf - denn nunmehr hatte ich verstanden ; es war kein Traum ; ich war fortgewesen und heimgekehrt und sollte den Gatten wiedersehen ! Eine Viertelstunde später trat ich bei ihm ein . Allein . - Ich hatte mir ausgebeten , daß Niemand mit mir komme . Bei unserem Wiederfinden sollte kein Dritter anwesend sein . » Friedrich ! « - » Martha ! « Ich war auf das Ruhebett hingestürzt , auf dem er lag und schluchzte an seiner Brust . - - - - - - - - - - - - - - - Es war dies das zweite Mal im Leben , daß mir der geliebte Gatte aus den Gefahren des Krieges zurückgegeben ward . » O , die Seligkeit , ihn wieder zu haben ! Wie kam ich , gerade ich dazu , mitten aus der Schmerzensflut , in der so Viele untergegangen , an ein sicheres , glückliches Ufer gelangt zu sein ? Wohl Denen , die in solcher Lage freudig den Blick zum Himmel heben und dem Lenker oben warmen Dank emporsenden ; durch diesen Dank , den sie , weil er demütig gesprochen wird , auch für demütig halten , von dem sie gar nicht ahnen , wie anmaßend und selbstüberhebend er im Grunde ist , fühlen sie sich entlastet ; damit haben sie für den ihnen verliehenen Vorzug , den sie Huld und Gnade nennen , nach ihrer Meinung genügend quittiert . Ich war das nicht im stande . Wenn ich an die Elenden dachte , die ich an jenen Jammerstätten gesehen , und an die beklagenswerten Mütter und Frauen dachte , deren Lieben von demselben Schicksal , das mich begünstigt hatte , in Qual und Tod gestürzt worden - da konnte ich unmöglich so unbescheiden sein , diese Begünstigung als eine göttlich beabsichtigte anzunehmen , für die ich berechtigt wäre , zu danken . Mir fiel ein , wie neulich einmal Frau Walter , unsere Haushälterin , mit einem Besen über einen Schrank fuhr , worauf eine Schar zuckerwitternder Ameisen wimmelte - so fegte das Schicksal über die böhmischen Schlachtfelder weg ; - die armen schwarzen Arbeiterinnen waren zumeist zerdrückt , getötet , verstreut , nur Einige blieben unversehrt . Wäre es wohl von Diesen vernünftig und angemessen gewesen , wenn sie der Frau Walter dafür innigen Dank emporgesendet hätten ? ... Nein , ich konnte durch die Freude des Wiedersehens , so groß diese auch war , das Weh aus meinem Herzen nicht vollständig bannen - ich konnte nicht und wollte nicht . Zu helfen war ich nicht im stande gewesen ; verbinden , pflegen , warten - wie jene barmherzigen Schwestern , wie die tapfere Frau Simon es gethan - dazu hatten meine Kräfte nicht gereicht . Aber die Barmherzigkeit , die aus Mitgefühl besteht , die habe ich den armen Mitgeschöpfen doch angedeihen lassen und die durfte ich nicht , in egoistischem Vollvergnügen , ihnen wieder entziehen - ich durfte nicht vergessen . Aber wenn auch nicht frohlocken und danken - lieben , den Wiedergefundenen hundertfach zärtlich in mein Herz schließen : das durfte ich wohl ... » O Friedrich , Friedrich ! « wiederholte ich unter Thränen und Liebkosungen , » habe ich Dich wieder ! « » Und Du wolltest mich suchen und pflegen ? Wie heldenhaft und wie thöricht , Martha ! « » Thöricht , ja - das sehe ich ein . Die rufende Stimme , die mich fortzog , war Einbildung , war Aberglaube , denn Du riefst mich nicht . Aber heldenhaft ? Nein . Wenn Du wüßtest , wie feig ich mich dem Elend gegenüber erwies ! Nur Dich - nur wenn Du dort gelegen - hätte ich pflegen können . Ich habe Entsetzliches gesehen , Friedrich , was ich nie vergessen werde . O unsere schöne Welt , wie kann man sie nur so verderben , Friedrich ? Eine Welt , in der zwei Wesen einander so lieben können , wie ich und Du - in der solches Feuerglück lodern kann , wie unser Einssein - wie mag die nur so thöricht sein , die Flammen des tod-und jammerbringenden Hasses zu schüren ? » Ich habe auch etwas Entsetzliches gesehen , Martha - etwas , das ich nie vergessen kann . Denke Dir - auf mich losstürzend , mit gehobener Klinge , - es war während eines Kavalleriegefechts bei Sadowa - auf mich losstürzend - Gottfried von Tessow . « » Tante Korneliens Sohn ? « » Derselbe . Er hat mich zur rechten Zeit erkannt und senkte die bereits hiebbereite Waffe - « » Da hat er eigentlich gegen seine Pflicht gehandelt , wie ? Einen Feind seines Königs und Vaterlandes verschont - unter dem nichtigen Vorwand , daß derselbe ein lieber Freund und Vetter sei ... « » Das arme Bürschchen ! Kaum hatte er den Arm sinken lassen , so sauste ein Säbel über seinem Kopf ... Es war mein Nebenmann , ein junger Offizier , der seinen Oberstlieutenant schützen wollte und - « Friedrich hielt inne und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen . » Getötet ? « fragte ich schaudernd . Er nickte . » Mama , Mama ! « kam es vom Nebenzimmer her und die Thür wurde aufgerissen . Es war meine Schwester Lilli , den kleinen Rudolf an der Hand . » Verzeih ' , daß ich euer Wiedersehen-tête-à-tête störe , aber Dieser da verlangt gar zu stürmisch nach seiner Mama . « Ich eilte dem Kind entgegen und preßte es leidenschaftlich an mein Herz . - Ach die arme , arme Tante Kornelie ! Noch am selben Tag kam der aus Wien telegraphisch gerufene Chirurg im Schlosse an und nahm Friedrichs Wunde in Behandlung . Sechs Wochen äußerste Ruhe - und die Heilung würde eine vollständige sein . Daß mein Mann den Dienst quittieren würde , das stand nun bei uns Beiden fest . Natürlich konnte dies erst nach Beendigung des Krieges ausgeführt werden . Übrigens konnte man den Krieg füglich als beendet betrachten . Nach dem Verzicht auf Venedig war der Konflikt mit Italien beseitigt , Napoleons Freundschaft war gewonnen und man würde im stande sein , mit dem nordischen Sieger einen glimpflichen Frieden abzuschließen . Unser Kaiser selbst wünschte sehnlichst , dem unglücklichen Feldzug ein Ende zu machen und wollte nicht noch seine Hauptstadt einer Belagerung aussetzen . Die preußischen Siege im übrigen Deutschland , so der am 16. Juli stattgefundene Einzug der Preußen in Frankfurt a / M. , verliehen dem Gegner einen gewissen Nimbus , der - wie alle Erfolge - auch bei uns zu Lande Bewunderung erzwang und eine Art Glauben weckte , daß es eine geschichtliche Mission sei , welche da von den Preußen mittelst gewonnener Schlachten ausgeführt wurde . Das Wort » Waffenstillstand « - » Frieden « war nun einmal gefallen , und da konnte auf dessen Verwirklichung ebenso sicher gerechnet werden , wie man in Zeiten , wo die Drohung des Krieges einmal ausgesprochen , über kurz oder lang auf den Ausbruch des Krieges rechnen muß . Selbst mein Vater gab jetzt zu , daß unter den obwaltenden Umständen ein Aufheben der Feindseligkeiten angemessen wäre ; die Armee war geschwächt , die Uberlegenheit des Zündnadelgewehres mußte anerkannt werden und ein Vormarsch der feindlichen Truppen nach der Hauptstadt , die Beschießung Wiens und nebstbei auch die Zerstörung von Grumitz : das waren Eventualitäten , welche auch meinem kampflustigen Herrn Papa nicht sonderlich zulächelten . Sein Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der österreichischen Truppen war durch die Thatsachen denn doch erschüttert worden ; und es ist überhaupt eine Neigung des menschlichen Geistes , von den laufenden Ereignissen anzunehmen , daß sie serienweise auftreten : daß auf Erfolg wieder Erfolg , auf Unglück wieder Unglück folgen müsse . Besser also , in der Unglücksserie innehalten - die Zeit der Genugthuung und der Rache würde schon kommen ... Rache und immer wieder Rache ? Jeder Krieg muß einen Besiegten aufweisen und wenn dieser nur in einem nächsten Krieg Genugthuung finden kann , einem nächsten , der natürlich wieder einen genugthuungheischenden Besiegten schaffen wird - wann nimmt das ein Ende ? Wie kann Gerechtigkeit erlangt , wann altes Unrecht gesühnt werden , wenn als Sühnemittel immer wieder neues Unrecht angewendet wird ? Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen , Tintenflecken mit Tinte , Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen - nur Blut , das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden ! Die in Grumitz obwaltende Stimmung war allgemein eine düstere . In der Ortschaft herrschte Panik : » die Preußen kommen , die Preußen kommen « war auch hier - trotz den von mancher Seite gehegten Friedenshoffnungen - immer noch die ausgegebene Angstparole , und die Leute verpackten und vergruben ihre Kostbarkeiten ; auch bei uns im Schlosse hatten Tante Marie und Frau Walter dafür gesorgt , daß das Familiensilber in ein geheimes Versteck gebracht werde . Lilli war in steter Sorge um Konrad , von welchem jetzt seit einigen Tagen die Nachrichten ausgeblieben waren ; mein Vater fühlte sich in seiner patriotischen Ehre gekränkt und wir beide , Friedrich und ich , trotz des still in unseren Herzen ruhenden Glückes über unsere Wiedervereinigung , waren von dem miterlebten , so heftig mitempfundenen Unglück der Zeit auf das schmerzlichste erschüttert . Und von allen Seiten floß diesem Schmerze immer wieder neue Nahrung zu . In sämtlichen Zeitungsberichten , in allen Briefen aus Verwandten- und Bekanntenkreisen nichts als Klage und Trauer . Da war ein Brief von Tante Kornelie , welche ihr Unglück noch nicht kannte , worin sie in so rührenden Worten von der Furcht sprach , ihr einziges Kind etwa verlieren zu müssen - ein Brief , über den wir Zwei bittere Thränen vergossen . Und wenn wir abends im Kreise beisammen saßen , da gab es nicht heiteres , scherzgewürztes Geplauder , Musik , Kartenspiel und anregende Lektüre , sondern immer nur - gesprochen oder gelesen - Geschichten von Jammer und Tod . Wir lasen nichts anderes als Zeitungen und diese waren mit » Krieg « und nichts als » Krieg « gefüllt , und was wir sprachen , bezog sich meist auf die Erfahrungen , welche Friedrich und ich von den böhmischen Schlachtfeldern zurückgebracht hatten . Meine Abreise dahin wurde mir zwar von Allen sehr übel genommen , dennoch lauschten sie gespannt , wenn ich von den dortigen , teils selbsterlebten , teils mitgeteilten Ereignissen erzählte . Rosa schwärmte für Frau Simon und schwor , falls der Krieg andauern sollte , sich der sächsischen Samariterin anzuschließen Dagegen protestierte natürlich unser Vater : » Mit Ausnahme der barmherzigen Schwestern und der Marketenderinnen , hat kein Frauenzimmer im Krieg ' was zu suchen ... ihr seht ja , wie untauglich unsere Martha sich erwiesen hat . Das war ein unverzeihlicher Streich von Dir , Du tolles Kind - Dein Mann sollte Dich noch nachträglich dafür züchtigen . « Friedrich streichelte meine Hand : » Ja , eine Thorheit war ' s - aber eine schöne . « - Wenn ich von den Schrecknissen , die ich selber gesehen , oder die mir meine Reisegefährten mitgeteilt , in gar zu unverhüllter Weise sprach , wurde ich oft von Tante Marie oder von meinem Vater rügend unterbrochen : » Wie kann man so abscheuliche Dinge wiederholen ? « Oder : » Schämst Du Dich nicht , als Frau , als zarte Dame , so häßliche Worte in den Mund zu nehmen ? « Als ich gar eines Abends von den Verstümmelten sprach und das Los derer beklagte , die im Namen des Mannesmuts , der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben , von dort zurückkehren müssen , ihrer Mannheit auf ewig beraubt - - » Martha ! Vor den Mädchen ! ! ! « stöhnte Tante Marie , im Tone der höchsten sittlichen Entrüstung . Da riß mir die Geduld : » O über eure Prüderie - und o über eure zimperliche Wohlanständigkeit ! Geschehen dürfen alle Greuel , aber nennen darf man sie nicht . Von Blut und Unrat sollen die zarten Frauen nichts erfahren und nichts erwähnen , wohl aber die Fahnenbänder sticken , welche das Blutbad überflattern werden ; davon dürfen Mädchen nichts wissen , daß ihre Verlobten unfähig gemacht werden können , den Lohn ihrer Liebe zu empfangen , aber diesen Lohn sollen sie ihnen zur Kampfesanfeuerung versprechen . Tod und Tötung hat nichts unsittliches für euch , ihr wohlerzogenen Dämchen - aber bei der bloßen Erwähnung der Dinge , welche die Quellen des fortgepflanzten Lebens sind , müßt ihr errötend wegschauen . Das ist eine grausame Moral , wißt ihr das ? Grausam und feig ! Dieses Wegschauen - - mit dem leiblichen und mit dem geistigen Auge - das ist an dem Beharren so vielen Elends und Unrechts schuld ! Wer nur erst den Mut hätte , hinzuschauen , wo Mitgeschöpfe in Leid und Elend schmachten und den Mut hätte , über das Geschaute nachzudenken - « » Ereifere Dich nicht « , unterbrach Tante Marie , » wir können doch nicht , so viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten , das Übel von der Erde wegschaffen - dieselbe ist nun einmal ein Jammerthal und wird es immer bleiben . « » Das wird sie nicht « , entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort . » Die Gefahr , daß Frieden geschlossen wird , rückt immer näher « , klagte eines Tages mein Bruder Otto . Wir saßen eben wieder um den Familientisch - Friedrich auf seinem Ruhebett daneben -