bittenden Fingerchen aus . Aber wohin sollte er gehen ? Die Lokale , die er gewöhnlich besuchte , waren ihm momentan über Alles verhaßt . Er konnte es nicht über sich gewinnen , eins oder das andere aufzusuchen . Jetzt nur keine bekannten Räume , die , gegenständliche Erinnerungskeime , von irgend welchen Erlebnissen zu erzählen wußten ! Und jetzt nur keine bekannten Gesichter ! Es aber mit einer Bierwirthschaft aufzunehmen , die ihm noch fremd war , davon hielt ihn eine starke , unerklärliche Scheu zurück , vielleicht ein Mißtrauen gegen neue Objecte , denen er sich bei seiner nervösen Zerfahrenheit und geistigen Ungleichmäßigkeit zur Zeit nicht gewachsen fühlte . Er mußte über sich lächeln , konnte sich aber nicht zwingen , aus seiner lächerlichen Unentschlossenheit herauszugehen . So trollte er weiter . Und jetzt bog er plötzlich in eine Thür ein , die zu einem Lokale führte , in dem er früher öfter verkehrt hatte . Er wußte nicht , wie er so jäh und unvermittelt dazu kam , hier einzutreten . Er schüttelte den Kopf und öffnete mechanisch die Thür . Nun stand er im Zimmer und suchte nach einem Platze . Es war ein Restaurant ziemlich untergeordneten Ranges . Im Winter gab es Tingeltangel hier , und Adam war einige Male mit Bekannten hier ' reingefallen , um sich den geschmacklosen , stumpfsinnigen Ulk anzusehen . Im vorderen Theile des Raumes lag noch Abendhelle , spinnendes , merkwürdig keusches Zwielicht . Hinten in der Nähe des Buffets brannte schon eine trübe , gelangweilte Gasflamme . Sie schien sich ziemlich anachronistisch vorzukommen . An den rohen , mit beleidigender Bestimmtheit aneinandergestellten Tischen saßen ein paar Gäste . Gesprochen wurde nicht viel . Ab und zu klapperte ein Bierseidel . Die Athmosphäre war warm , schweißdunstig , dazu der impertinent scharfe Gestank von schlechten Cigarren . Adam setzte sich an den ersten besten Tisch in der Mitte des Zimmers . Aus dem Hintergrunde , aus der Nachbarschaft des Buffets , kam eine Kellnerin auf ihn zu . » Sie wünschen - ? « fragte sie mürrisch , abstoßend . » Ein Bairisch und ' was zu essen - « » Ein belegtes Brötchen , Frankfurter Würstchen , Aal in Gelèe oder - ? - « » Bringen Sie mir ' n belegtes Brötchen - « » Mit Wurst , Schinken , Käse - ? « » Ach Gott , das ist gleichgültig ... also meinetwegen mit Käse , Schweizerkäse - es ist ja ganz egal - - nur ' n Bissel hurtig , mein Fräulein - - « Die Kellnerin begnügte sich , eine verächtliche Kopfbewegung zu machen und ging ab . Jetzt stellte sie das Bier vor Adam hin und zündete eine zweite Gasflamme an . Adam schräg gegenüber , am Nebentische , saß ein junger Kerl , der darauf zu brennen schien , sich mit dem neuen Ankömmling in ein Gespräch einzulassen . Er war augenscheinlich nicht mehr ganz nüchtern . Seine Hände zitterten , wenn er nach dem Glase griff , er fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin und her und tolpatschte unbeholfen an seinem Cigarrenstummel herum , den er schon ganz zerkaut und zerdrückt hatte . » Ick bin Sie man nämlich heute nur in absentia hier ... « lallte er jetzt zu Adam hinüber - » eigentlich bin ick sozusagen von Hause aus , wissen Se , gelernter Klempner , aber Sie müssen doch zugeben , wenn Unsereener mit Bismarcken oben ... na ! wie heeßt nur das Nest ... ja ! in Stralsund Theolojie studirt hat - - « » Greifswald wollen Sie wohl sagen - « bemerkte Adam lächelnd und nahm sein Käsebrötchen in Empfang , das ihm eben die Kellnerin mit brutaler Nachlässigkeit hinschob . » Ein klein Wenig höflicher dürftest Du auch sein , mein Kind - das könnte wahrhaftig nichts schaden - - « Das zur Ordnung gerufene Fräulein warf ihrem Kritiker nur einen finsteren , drohenden Blick zu und setzte sich an den Nebentisch . Sie sagte kein Wort . » Wat meenen Se ? . Greifs ... Greifswald ? Mir solls Recht sin ... hähähä ... ick bin ja heute , müssen Se wissen , nur in absentia hier - und wenn Eener mit Bismarcken Theolojie studirt hat , kann er ooch wohl cen kleenet Wörtchen mitreden in de Weltgeschichte , verstehen Se mich ! ... Habe ich etwa nicht Recht - ? ... « » Na ! und wie haben Sie Recht , mein Bester ! Ich bin nämlich auch bloß in absentia hier - wir sind ja Alle nur in absentia auf der Welt - - « » Na ! Ick habe doch also Recht ! . Sage ick denn det nich - ? . « » Meinetwegen ! Aber jetzt lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Quatsch zufrieden , lieber Mitmensch - ja - ? « Der brave Klempnergeselle war sehr verschüchtert . Er sah Adam groß , erschrocken an , setzte dann ein blödes Verlegenheitslächeln , das ironisch und pfiffig sein sollte , auf seine häßlichen , scharfen Züge , die gelblichgrau und runzlig waren wie rauhe Elephantenhaut , und tastete unsicher nach seinem Glase . » Und ick bin man doch bloß in absentia hier ... det sage ick und dabei bleibe ick - « murmelte er in seinem Kauderwälsch von reinem Schriftdeutsch und Berliner Dialect vor sich hin ... » Bringen Sie mir noch ' n Glas ! « commandirte Adam nach einer Weile , während der er sein frugales Brötchen und den ersten Krug des ziemlich warmen und abgestandenen Bieres bewältigt hatte . Jetzt setzte sich die Kellnerin mit an seinen Tisch . Sie sah ihn mit ihren kalten , dunklen Augen fest an . » Was habe ich Ihnen nur gethan , mein Fräulein - ? « fragte Adam , dem diese energische Musterung unangenehm , unbequem war . Das Mädchen schüttelte ein ganz klein Wenig den Kopf und fixirte Adam ruhig weiter . » Wollen Sie die Blume trinken - ? « » Ich danke - « Jetzt spielte Adam den Beleidigten . Er sah das kleine , knurrige Weib herausfordernd an . Dabei bemerkte er , daß die Donna kein uninteressantes Gesicht hatte . Die Züge waren nur etwas scharf , herb , zu nuancirt gefaltet , die Haut zerrissen und porös , als ob sie früher stark geschminkt worden wäre . Neue Gäste kamen . Handwerker mit den breitspurigen Gerüchen ihrer Werkstätten , Arbeiter : gebückt , gekrümmt , nachlässig , schleppend und schwerfällig im Gang , unreinlich , abgeschunden , zerrissen , rußig , allenthalben mit Fabriksspuren und Arbeitsnarben besät , in den Gesichtern Gleichgültigkeit , Stumpfsinn , oft auch zehrenden Gram , der sich in den Physiognomie ' n seinen bestimmten Ausdruck geschaffen , hier und da Spuren einstiger Intelligenz , aber stark verwischt und verkümmert . Ab und zu erschien wohl auch Einer , der nach Kleidung und Benehmen einer » besseren « Gesellschaftsklasse angehörte . Das Sprechen wurde lauter , schriller , die Stimmen vermischten und verwirrten sich . Jetzt brannten alle Gasflammen , das letzte Streifchen , das letzte Pünktchen müden , graublauen Abendlichts war aufgezehrt . Man hatte in den Eingeweiden der Häuser keine Zeit , auf das völlige Hinsterben des Tages zu warten . Der konnte sich draußen auf der Straße , wo die breiten , schwarzen Schatten lagen , auf dem Felde , im Walde mit der siegenden Finsterniß abfinden . Hier lechzte das Leben nach neuen Krystallen . Verblutende läßt man allein . Auch das Licht , das verblutet . Und so bleibt es keusch und makellos . - Hinter dem Busset war der Wirth erschienen . Die Kellnerin lief auf und ab . Sie behandelte die Gäste schroff , herb . Das gefiel Adam . Er ließ sie nicht aus den Augen . Sie mußte das fühlen . Oefter , mit jähem , unvermitteltem Rucke , sah sie sich nach ihm um . Er fing ihren Blick lächelnd , ironisch , wie in halber , kopfnickender Genugthuung lächelnd , auf . Sie zuckte zurück ... und sah doch wieder zu ihm hinüber . Wohl streng und finster ... und doch dünkte es Adam zuweilen , als läge ein heißes , namenlos heißes und brünstiges Flehen in diesem Blick - eine erschütternde Bitte um Hülfe ... Rettung ... Erlösung .... So blieb er sitzen ... und trank - ihr zu Gefallen . Sie interessirte ihn jetzt . Wieder Eine ... wieder Eine ... wieder Eine ... Aber es war nun einmal so . Und er konnte sich des geheimnißvoll zwingenden , immer wachsenden Eindruckes nicht erwehren . Und er trank weiter - ihr zu Gefallen . Sie sah ihn so eigenthümlich an , wenn sie ein frisches Glas Bier vor ihm hinstellte . Und jetzt waren gerade alle Gäste versorgt , und sie hatte einen freien Augenblick . Sie wandte sich langsam nach Adam um . Der winkte ihr mit den Augen . Sie trat zu ihm hin und beugte sich zu ihm nieder . Gesicht lag neben Gesicht , Adam hörte ihr heftiges , hastiges Athmen . » Wie heißt Du - ? « raunte er ihr leise zu . » Leni . Bleib ' noch ' n Bißchen hier - ich muß Dir nachher ' was sagen - - « Und er blieb und blieb und trank und trank weiter - ihr zu Gefallen . Er fühlte , wie das schaale , abgestandene Zeug Gewalt über ihn gewann , wie seine Gedanken kürzer , eckiger , springender wurden , seine Bewegungen schwerer , ungelenker ... er starrte öfter vor sich hin , secunden- , minutenlang , das Sprechen und Schreien und Klappern um ihn herum rann zusammen zu einem schweren , dumpfen , summenden Geräusch , jetzt war es ihm plötzlich einmal , als ob er sich einen Augenblick vorher ganz vergessen hatte , er hatte eine Secunde lang nicht existirt , er hatte stumpf vor sich hingebrütet und war doch zugleich ganz ausgelöscht gewesen , nun rollte er sich wieder auf und gliederte sich , straffte sich ... und da züngelte Leni ' s Blick wieder zu ihm herüber ... und bat ihn ... und fragte ihn ... und flehte ihn an ... und sie kam zu ihm , berührte leise sein Haar , liebkoste ihn ... und bog seinen Kopf zu sich in die Höhe und schaute in seine Augen mit ihren kalten , dunklen , menschenanklagenden Augen . Und er blieb und blieb und trank und trank weiter : dieses warme , abgestandene , zähschleimige Gesöff weiter - ihr zu Gefallen , ihr zu Liebe - Nun lief das Lokal mit all ' dem zechenden , schreienden Menschengesindel , was sich da zufällig in ihm zusammengefunden hatte , um Adam im Kreise herum . Das war fatal . Er hatte die bewußte » Contenance « verloren . Nur eine Prise frischer Luft konnte hier mildern . Der Angezechte hatte eine gewisse Furcht vor dem Aufstehen . Immer wieder sank er in sich zusammen und blieb sitzen . Endlich , ohne daß er es noch einmal bewußt gewollt hatte , schnellte er mit einem verbogenen Rucke in die Höhe und tastete schwerfällig-ungelenk nach seinem Hute . Die Kellnerin kam auf ihn zugelaufen . » Was habe ich - ? « fragte Adam mit schwerer , unsicherer Zunge . » Du willst schon gehen - ? Warum denn - ? « » Mir ist nicht wohl ... Das ist auch ' n Dunst - ' ne Luft - ' n Gestank - hier - nicht zum Aushalten ! . Also wie viel Bier ? . Und ... und ... das ... das Bröt - chen - ? « Leni rechnete mürrisch zusammen . Sie hatte wieder ihr erstes , abweisendes , verächtlich achselzuckendes Benehmen angenommen . Adam warf das Geld auf den Tisch . Das Weib war ihm jetzt verflucht gleichgültig . Nur ' raus aus dieser entsetzlichen Bude ! Er hatte keine Zeit , den Beichtvater zu spielen ... oder verpflichtende Zärtlichkeiten sich abschmeicheln zu lassen . » Adieu ! Ich komm morgen wieder - « » Ach Du ! Geh ' nur ! Du bist ooch nicht anders - « » Du wirst ja sehen , daß ich Wort halte - - « » Meinetwegen brauchst Du nich zu kommen - « » Nu denn nich , meine Theure ! Adieu ! « An der Thür sah sich Adam noch einmal um . Das war ein graues , widerlich verqualmtes , schwerfällig hin- und herschaukelndes Bild , was er da vor sich hatte . Leni war verschwunden , wie hinweggenommen , verschluckt . Nein ! doch nicht . Da hinten am Buffet flirrte ihre rothe Taille in falbem , verhangenem Scheine . Und jetzt kam das matte Flämmchen wieder näher und wurde größer , körperlicher . Adam stieß die Thür auf . Die Luft auf der Gasse war nicht viel frischer . Oefter lief ein kleiner , kühlerer , sanft athmender Wind vorüber , der Adam wohl that . Er wurde bald ruhiger , sicherer , klarer . In den Lüften schwamm noch die letzte , die allerletzte , fast farblose Erinnerung an das weiße Licht des Tages . Bald kam der Mond herauf . Mit einer leisen , discreten Helle überhäufte er zaghaft den Himmel . Einige Tropfen fielen , bald hörte der Regen wieder auf . Adam stapfte weiter und ließ sich alle Stimmungserscheinungen der anbrechenden , schwülen Sommernacht gefallen . Die Straßen waren leerer geworden , das Leben stiller , heimlicher , verhaltener . Adam ward es ganz sonderbar zu Sinn . Er kam sich so grenzenlos allein , vereinsamt vor , wie ausgesetzt , wie ausgestoßen . Er empfand Mitleid mit sich in dieser großen Einsamkeit . Sein Weg ging durch kleine , enge Straßen und Gassen . Selten begegnete ihm ein Mensch , ein unbekannter , aus den Schatten des Abends auftauchender Mensch , ein Einzelner , vielleicht auch ein Vereinzelter , oder Zwei oder Drei . Vor einer Thür , unter einem Fenster , stand wohl auch hier und da ein Pärchen und flüsterte . Adam zog vorüber . Manchmal wunderte er sich im Stillen über das , an dem er vorüberzog , wunderte sich über die warme , geschmeidige Sommernacht , über dies und das aus der Welt und dem Menschenleben , was ihm gerade als schärferer Gedanke , in schärferem Bilde zufiel und aufging , wunderte sich langsam über die bunten Erlebnisse seiner letzten Tage . Er wunderte sich mit der intimen und tolpatschigen Naivetät des Kindes . Er lächelte verstohlen vor sich hin und that sehr geheimnißvoll . Er war sehr glücklich . Nun trieb er durch eine breitere , hellere , belebtere Straße . Und wieder kam das Gefühl grenzenloser Vereinsamtheit über ihn , jetzt noch stärker , bezwingender , noch mehr niederwuchtend und einschnürend . Oefter war es ihm , als müßte er einen Schrei ausstoßen , einen kurzen , harten Schrei ... einen dunklen , verlorenen Ruf durch die Nacht , einen Ruf der Sehnsucht ... einen Schrei brennender Herzensverzweiflung . Unter den Menschen , die da ihm entgegenkamen , die da an ihm vorübergingen , mußte doch so Mancher sein , der ihn verstehen würde , wenn er ihm seine Brust öffnete , der sich zu ihm gesellen , der mit ihm weitergehen würde , wenn er seine Sehnsucht und sein heimliches Weh erfahren . Oh ! Wenn er riefe - gewiß ! sie würden kommen , froh , daß sie Einen und Andere gefunden , die ihresgleichen wären . Aber er ging weiter , in sich versunken , der Ruf erstickte und erstarb in seinem Munde , er schrie nicht , er hatte nicht den Muth dazu . Der Mond war durchgebrochen . Mit seiner goldgelben , massiven , durch ihre scharfe Plastik und Umrissenheit geradezu aufdringlichen Fülle stand er in einem See flimmernden , stahlblauen Aethers . Ihm zu Häupten und zu Füßen , an seinen Flanken hatten sich vielgestaltige , ungefüge Wolkengruppen hingelagert , mächtige Wülste und Kämme , Schichten , mit sich emporsträubendem oder herabfaserndem , braungelb beleuchtetem Gestreif . Stetig wechselte das Bild , die Formen verschwammen in einander und schoben sich zusammen , gewaltige Thierleiber wuchsen heraus , Drachengestalten und Krokodile mit klaffenden Rachen , Wälle mit Burgen quaderten sich empor ... und in gigantischen Umrissen quollen nicht zu verschwollene Profile von ungeheueren Menschengesichtern auf ... Aber solange Adam mit den Augen der großen Himmelsscene entgegenging , stand der Mond unangetastet , wie in selbstverständlicher Souveränetät , inmitten seines flimmernden , stahlblauen Aethersees . Und um ihn herum , von seinem gelbweißem Lichte übergossen , das imposante Spiel der Phaenomene , die wurden , waren , gewesen waren und wiederum wurden . - Adam sah nach der Uhr . Es ging auf die elfte Stunde . Nun dachte er daran , sich heimwärts zu schlagen . Er war eigentlich recht abgespannt , er hatte gar nicht mehr Alles beisammen , worüber er sonst verfügte . Und doch faßte ihn ein unklares Gefühl an und hielt ihn zurück . Mechanisch trollte er sich weiter . Es war ihm , als ob er vor sich selber immer mehr erlösche , als ob sich alles Geistige in ihm verstofflichte und zur Epidermis hinaustriebe , hinauseiterte . Er mußte über diese Wahrnehmung lachen , der Vorgang dünkte ihn zu dumm . Nun war er mit einem Male in die Nähe des bewußten Parkes gekommen . Es zog ihn hinein , da drinnen mochte es noch mehr Leben geben , als hier auf den schmalen Gassen der Vorstadt . Und plötzlich sehnte er sich nach dem Leben , wie es sich im zärtlichen Widerspiel zweier Menschen , die auf einander gestimmt worden , erfüllt . Das war wohl ein kleinliches , schwächliches Gefühl . Er warf es von sich und suchte nach neuer Speise des Geistes . Er dachte an Lydia , die ja seine Braut sein sollte . Er blieb mitten auf dem Wege stehen , blinzelte zum Monde hinauf , der eben die Finsterniß einer breitleibigen Wolke überwunden hatte und wieder in seinen flimmernden , stahlblauen Aethersee schoß . Adam gab sich alle Mühe , Lydias Gesicht im Geiste deutlich vor sich zu schauen . Es gelang ihm nicht , manchmal blitzte es vor ihm auf , jetzt glaubte er sie deutlich zu fassen , wie sie zu ihm sagte : » Ja ! Du mußt sehr unglücklich sein , Adam - « , aber nur eine Sekunde war ' s , Alles verschwamm wieder , die Linien der Züge wollten sich in der Erinnerung nicht zurückgewinnen lassen , und auch der Ton ihrer Stimme , auf den Adam horchte , ganz still , mit verhaltenem Athem horchte , flirrte nur in undeutlichen : Surren an ihm vorüber . Wie weit war sie ihm , wie wenig intim und unverlierbar gehörte sie ihm , wie nachlässig hatte er im Geiste ihren Besitz gehütet ! Hier und da , von den Bänken her in den Waldnischen , an den Wegen , an den breiten und schmalen Pfaden , gab es leise flüsternde Stimmen . Menschen zu Zweien und Mehreren , schritten still an Adam vorüber , manchmal war ' s dem , als träumte er , als wäre er emporgehoben und schwebte dahin , so leicht erschien ihm auf kurze Spannen das Gehen im dünnen , feinen Staubmehle des Weges . Es war doch Alles sehr merkwürdig auf der Welt , man konnte darüber still vergnügt lächeln , alles Vielfältige , Zerrissene und Vertheilte stand jenseits dieses verschollenen Reiches , in dem man so ganz vergessen durfte , daß es sehr rauhe Reibungen gab und so viele Ecken , Kanten und Spitzen , an denen man sich verwunden sollte . Nun setzte sich Adam auf eine Bank , die gerade leer war . Er dehnte behaglich die Beine weit vor sich hin , steckte die Hände in die Hosentaschen und brütete , nur die leisesten Wirbel in der Seele , vor sich hin , das kleine Stück Ringsum mehr von unten herauf anblinzelnd . Vor ihm lag eine große Wiese , hoch , dicht , üppig standen die Gräser und Kräuter , darüber plänkelte ein dünner , zartwolkiger , grauweißer Nebel , dazu das blasse , verschämt tastende Aschenlicht des Mondes . Von jenseits der Wiese , aus einem Garten wohl hinter der dortigen Waldwand , kam verhaltene Musik , der Wind schob verzettelte Töne vernehmbarer dem Lauschenden heran , der Ruf eines Nachtvogels stieg aus den Lufthöhen nieder . Nun schwieg die Musik . Ein zusammengeschmiegtes Pärchen , das sich in brünstiger Hingegebenheit mehr trug als führte , schleifte sich , laut athmend und erregt tuschelnd , vorbei , es verschwand im Walde . Durch die Gräser und Kräuter der Wiese strich ein murmelnd aufblätternder und raschelnd niedersegnender Nachtwind . Adam war ganz allein , überantwortet den sanften Gewalten der schwülen Sommernacht . Er wurde müde , sprach in bunter Willkür Allerlei vor sich hin , fuhr wieder empor , betastete mit halblauten Worten seine verworrenen Gedanken , schüttelte den Kopf und ließ sich vom Schlafe wiederum übermannen ... Unterweilen wuchs die Sommernacht , Adam Mensch schlief , im Walde , auf einer Bank am Wege , als hätte er , wie Unzählige seiner Brüder und Schwestern , keine andere Stätte , da er sein Haupt niederlegen könne . Und er war doch heute erst im Schooße der Schönheit und des Reichthums eingekehrt . - Eine Stunde wohl saß so Adam in sich zusammengekrümmt da und schlief . Nun mochte ein kühlerer Athemzug des Nachtwindes an ihm gezupft und ihn geweckt haben . Er schlug die Augen langsam auf , starrte verblüfft seine Umgebung an und richtete sich aus seiner halbliegenden Stellung immermehr in die Höhe . Allmählich kam ihm das Bewußtsein seiner Situation . Er lächelte ein klein Wenig , war aber doch sehr mürrisch und suchte nach einer beißenden Glosse auf sich . Er fand keine kräftige , pointirte Wendung , die geistige Münzkraft schien , sich ihm ganz entzogen zu haben . Seine Glieder waren schwer und steif , ein prickelndes Frösteln durchzitterte ihn , seine Augen brannten , seine Stirn war heiß , dicht über den Augen lag ein harter Druck mit trockenem , mechanischem Schmerze . Nun zog er den Hut , der sich arg verschoben hatte , in seine gewöhnliche Lage zurück , knöpfte seinen Rock zu und stand auf . Das Gehen wurde ihm schwer , er konnte den Kopf nicht bewegen , wie er wollte , der Hals war ganz gesteift . Adam sah nach der Uhr , es war nach Mitternacht . Er suchte nach einer Cigarre , gleichsam um außer sich etwas Fremdes , etwas Anderes zu haben , Etwas , das ihn begleitete , das diese Einsamkeit , diese grenzenlose Einsamkeit , die ihn zu erdrücken drohte , zerstreute , unterbrach , verscheuchte , wenigstens mit ihm theilte . Er hatte keinen Genuß an der Cigarre , aber das rothe , runde Auge ihrer Brandstätte tröstete ihn . Mit großen , eiligen Schritten suchte er aus dem Bereiche des Waldes zu entkommen . Die große , monotone , aber ergreifende Poesie der Sommernacht bewegte ihn nicht mehr . Die leidende Creatur konnte nicht über sich hinausgehen . Nun war er wieder in der Stadt , er hatte das Pflaster wieder unter den Füßen , die flankirenden Häuser schienen , wie ein geheimnißvoller Schutz , eine innige Beruhigung auszuathmen . Die lähmende Dumpfheit , die auf ihm gelegen hatte , wich zurück , das Nervenleben erhöhte sich wieder , die Sinne wachten auf , das Leben pulste von Neuem , wenn auch immer matt noch und stockend . Das heftige Laufen hatte ihn angestrengt , eine schwüle , schweißige Schwere lag in seinen Gliedern . Jetzt wollte Adam endlich nach Hause gehen . Es war Zeit dazu . Allerdings , ob er würde schlafen können , bezweifelte er . Er fieberte immer noch stark , stechende Hitzeschauer liefen an seinem Leibe auf und nieder . Wie mechanisch aufgezogen stapfte er vorwärts . Die Cigarre war ausgegangen , er konnte sich nicht dazu bequemen , sie wieder in Brand zu setzen , er bedurfte ihrer schließlich auch nicht mehr . Jetzt ging er eine breite Straße hinunter , die am Tage , besonders in den späteren Nachmittagsstunden , die belebteste der Stadt war . Am Himmel gab es immer noch sanfte , discrete Mondhelle , die Laternen brannten eine um die andere , still , kleinlaut , verträumt standen die gelbroten Flammen in ihren weißen Glasbauern . Da und dort tauchte noch ein Mensch auf , ein später Zecher , eine satte oder suchende Vagantin , zuweilen auch ein kleiner Schwarm behaglich plaudernder Nachtwandler . Allerlei leises , verworrenes Geräusch summte um Adam herum , ein kleiner Bursche mit einem Korbe verwelkter Blumen , verwelkter Veilchen und Rosen , lief ihm in den Weg , beinahe wäre er über das Kind gestolpert , das ihn mit seinen großen , blöden Augen im blassen , häßlichen , früh entwickelten und zerfalteten Gesicht erschrocken ansah . Adam mußte einem jähen Einfalle folgen , er kaufte sich ein verwelktes , nur noch ein schmutziges Parfüm ausathmendes Veilchensträußchen und warf ein Markstück in den Korb . Die blauschwarzen Blumen zog er mit unendlicher Genugthuung ins Knopfloch und lief weiter . Eine große , bohrende Leere war in ihm , nur manchmal schoß ein Ballen verworrener Vorstellungen und Gedanken empor , dann dünkte ihn das Leben unerträglich schaal und überflüssig , es erschien ihm als ein Dämon , als ein Ungeheuer , und der Ekel vor ihm stellte sich in einem zusammenschnürenden , inneren Krämpfe dar . Wieder überfiel ihn das Gefühl seiner Einsamkeit , Alles hatte sich von ihm losgesagt , er war allein , ganz allein . Er wußte , daß er vor einem großen Unglück stände , er biß sich fest hinein in die Furcht vor diesem geheimnißvollen Unglück , er glaubte an dieses Unglück , er schauderte zurück , der Dämon wurde immer gewaltiger in ihm . Alles war ihm reizlos , er verzweifelte . Die Leidenschaften seiner Seele verachtete er , die Lüge seiner Existenz ging ihm in schneidender Schärfe auf , vor seiner Verlobungskomödie mit Lydia spuckte er aus , er fühlte sich herabgewürdigt , er hatte ein dumpfes , unklares Gefühl , als wäre er bis auf den Tod beleidigt , als könnte er nach der Schmach , die ihn getroffen , die er sich hatte gefallen lassen , nicht mehr leben . So kam er auf den Tod . Er dachte an den Tod , er haschte nach klaren , scharfen Eindrücken vom Tode , er wollte sein Bild zwischen die Zähne des Geistes ziehen und knirschend zermalmen . Sie sollte ihm nichts mehr anhaben , die fahle , zerlöcherte Larve . Aber er konnte das stachlige Gefühl wurmender Todesfurcht nicht los werden , all ' sein Anstemmen , sein Empören war vergeblich , schließlich summte er mit verhalten gellender Wut vor sich hin : » O Thanatos , o Thanatos , wie schwarz sind deine Blätter - « Er fürchtete den Tod , er liebte das Leben , die Bewegung , das beflügelte Blut . Plötzlich erschien ihm das Leben sehr werthvoll , er fand mit auffallender Geschicklichkeit tausende seiner Reize , seiner feineren , geistvolleren Freuden . Er beschloß , sich das Leben um jeden Preis zu wahren , selbst wenn er ein Lump , ein Ehrloser , ein Verbrecher darüber werden sollte . Zuweilen hatte er wohl in trister Entsagungsphilosophie gemacht . Er mußte jetzt über diese Bubenstreiche lachen . Er lachte laut , unheimlich laut . Wünsche , Begierden , Hoffnungen , kühne , bedeutende Hoffnungen sproßten auf in seiner Brust . Er wollte leben , wollte leben um jeden Preis . Was ? Entsagen , ohne genossen zu haben ? Da wäre der Tod ein schlechter Witz ohne Pointe . Ah ! das verachtete Leben rächt sich . Adam war damit einverstanden . Er wollte sich an sich selber rächen . Und doch durchschaute er den ganzen , brutalen Egoismus des Weltapparats : die Reize und Freuden des Lebens schoben sich wieder zurück vor ihm , weit , weit in einen dämmerungsverschwommenen Hintergrund zurück . Vor sich sah er jetzt nur steinichte Wege , ziellose Bahnen . Das Andere lag ja Alles nur in der bestechenden Nähe , war Augenblicksgenuß aus geschwollener Börse , mit vollen , kauenden Backen . So dumm ! Und doch gabs große , unabhängige , gebundene Kräfte hier und da in besonderen Menschenherzen , die nach kosmischer Ungebundenheit lechzten . Dabei lebten sie sich aus und entfalteten seltene Schauspiele . War ' s nicht der Mühe werth , da Zuschauer zu sein ? Auch nicht , schließlich auch nicht . Auch nicht der Mühe wert . Und dem Adam eben noch in instinctivem Daseinsgefühl zugejauchzt , das ihn werthvoll gedünkt und begehrenswerth , verwarf er jetzt und verachtete er . Eine große , trübe Leere war in ihm ... und sein Interesse am Weibe , das immer so groß und so stark gewesen , und sein Interesse an der Kunst und an der Natur mit ihren magischen Trostreizen zerstäubte , zerfiel und erstarb in dieser Stimmung , wo er nur noch lebte , weil zufällig über seinen Organismus noch keine andere , fremde , äußere Macht Herr geworden . Adam ging an einem Nachtcafé vorüber . Sollte er eintreten ? Er hatte oft dort gesessen , hatte manchen Scat mit Kameraden und Kumpanen dort gedroschen , manchen faulen Witz gerissen und eine schwere Menge Unflätereien angehört . Sollte er eintreten ? Es hatte keinen Zweck . Diese Talmireize des Lebens sind wirklich zu blöde und zu geschmacklos . Er ging weiter . Eine hellerleuchtete Bahnhofsuhr kam in Sicht . Es war Eins durch . Adam blieb stehen . Eine gewaltige Sehnsucht packte ihn