bezeichnet , der sein väterliches Erbteil auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu verputzen dachte und am Laster des Bücherdruckens » mit geschmackvollen und stilvollen Einbänden « ( nebst Inhalt als Beilage ) litt . Um denselben zu kapern , beschloß also der leidlich schlaue Graf , die Redaktion des » Bunten Allerlei « anzusuchen , deren Chef an der fixen Idee litt , Talente zu entdecken - falls ihm dies nichts kostete und der Autor sich seine Protektion gefallen ließ . Doctor Gotthold Ephraim Wurmb empfing den Grafen mit verbindlicher Höflichkeit , gemäßigt durch eine gewisse steife Zurückhaltung . Er war ein ziemlich behäbig aussehender Herr von untersetzter Statur und duftete stark nach Moschus . Seine geblähten Nasenflügel zeugten für Aufgeblasenheit und versteckte Brutalität . Seine breiten lüsternen Lippen umspielte eine überlegene Ironie , die auf den tieferen Beobachter als recht gezwungen wirkte . Seine blonden Haare sträubten sich über einer breiten Denkerstirn und sein schmaler blonder Ziegenbart versteckte nur halb ein wohlgenährtes Pfaffenkinn . Unter seiner Brille funkelten ein Paar mausgraue Aeuglein listig in die Welt hinein , die unter Umständen tückisch genug schillern konnten . Unendlich durchdrungen von der Wichtigkeit seiner Stellung und dem Gewicht seiner Autorität , empfand er doch mit der echten Unterwürfigkeit des Parvenu-Plebejers einen angenehmen Kitzel , einen Grafen von so berühmtem altem Adel bei sich antichambriren zu sehen . Die Gedichte eines Grafen Krastinik zu veröffentlichen , konnte dem » Bunten Allerlei « in jedem Fall nur als Folie dienen . » Ja , « sagte er , » geschätzter Graf , Ihre Verse haben mir wohlgefallen , gewiß . Ich erkenne in denselben jene wohlthätige Mischung von Idealismus und Realismus , welche ich vertrete . Lesen Sie darüber die trefflichen , vornehm gehaltenden Artikel eines Heinrich Edelmann und Rafael Haubitz , welche ich öfters bringe . « Der Graf erinnerte sich , etwas davon gelesen zu haben . Es ward ihm von alledem so dumm , als ging ihm ein Mühlrad im Kopfe herum . Es kam ihm vor , als ob hier lauter offene Thüren eingerannt und truisms , wie die Engländer selbstverständliche Trivialitäten nennen , mit hochtrabendem Wortschwall vorgekäut würden . Doch lag dies ja vielleicht an seiner laienhaften schwachen Einsicht . Doctor Wurmb fuhr fort : » Die sogenannten Realisten sind meist bloße Rhetoriker . Hüten Sie sich vor diese , vor allem vor Friedrich Leonhart , den ich früher zum Schaden des Blattes protegirte ! Den kennen Sie nicht ? Nun , Sie werden ihn noch kennen lernen in seiner ganzen Größe . Der Schrecklichste der Schrecken ist Leonhart in seinem Großenwahn , - Apropos , kennen Sie meine Ausgewählten Gedichte ? « Krastinik mußte verneinen . » Ah ! Nun , ich gehöre nicht zu denen , die ihre Werke hausiren tragen . In vornehmer Absonderung von dem großen Haufen der Journalisten verschmähe ich jegliches persönliches Hervordrängen . Doch , ich darf es sagen , Herr Graf , meine Gedichte müssen Sie kennen lernen . Hier liegt grade zufällig ein Prospekt , der in 100000 Exemplaren vom Verleger versandt wird ! Hier , lesen Sie ihn ! Sie finden darin Urteile jeder Schattirung ... sogar Leonhart hat darüber geschrieben . « Er drückte dem Fremdling ein gelbes Plakat in die Hand . Die horrende Rechnung von achthundert Mark , die der Verleger ihm grade heute über den Prospekt gesandt , zeigte er freilich nicht . » Eigentlich mißbillige ich auch diese vornehme Art der Reklame , Todfeind jedes Humbugs wie ich bin . Doch , mein Gott , wenn der Verleger durchaus will ! « Krastinik bekräftigte , daß dies gar keine Selbstreklame sei . Im Vergleich dazu erzählte Wurmb einige Schaudergeschichten von dem dreisten Selbstlob eines Leonhart und Consorten . » Ich sage nochmals , hüten Sie sich vor dem , Herr Graf ! Beim dritten Mal , wo Sie mit ihm zusammen sind , gerathen Sie in Zank mit ihm - passen Sie auf ! Also Ihre Gedichte drucke ich alsbald . Es ist zwar eigentlich bei mir Grundsatz , die Autoren , ehe Sie Aufnahme im Bunten Allerlei finden , etwas zappeln zu lassen , « das Letzte begleitete er mit humoristisch seinsollendem Lachen , » damit dieselben energisch dem Ziel entgegenstreben , des Bunten Allerlei und seines erlesenen Mitarbeiter-Kreises würdig zu werden . Es mag Ihnen arrogant scheinen , bester Herr Graf , aber ich versichere Sie , die Leute kommen zu mir mit einer Beharrlichkeit , die mich tief rührt . Keine Ablehnung schreckt sie ab . Man hat eben Vertrauen zu mir , wie denn zwischen mir und meinen Mitarbeitern und dem Publikum ein herzliches Verhältniß besteht . Ich hoffe , mein lieber Herr Graf , « er hatte sich im Verlauf seiner Ansprache ordentlich in einen gnädigen Ton hineingeredet , » daß ich Ihnen die Spalten des Bunten Allerlei offen halten werde . Sie sind nun glücklich Mitarbeiter geworden und es wird nur an Ihnen liegen , ein intimes Verhältniß anzubahnen . Wie gesagt , Ihre Gedichte drucke ich ausnahmsweise sofort . « Daß er dies ausnahmsweise nur deshalb that , weil der Name » Graf Krastinik « ihm imponirte , verschwieg er freilich . Man muß die Leute nicht übermüthig machen . Auch als der Graf sich empfahl , verabschiedeten ihn die hochtönenden Worte : » Es mag Ihnen arrogant erscheinen , aber in meiner Schule hat sich schon mancher ungeschliffene Diamant polirt . Unter mir haben sich Kritiker und Dichter , wie Heinrich Edelmann , Rafael Haubitz und so weiter , entwickelt . Selbst Leonhart schlug unter mir einen besonnenen Ton an . Eine unpartheiliche Central-Leitung schwebt gleichsam über den Ereignissen der Kunst und Litteratur in der Redaction des Bunten Allerlei . Dies schien ein dringendes Bedürfniß in unserer Zeit des Selbstlobs , der Reklame , des eiteln Größenwahns . Ja , es mag Ihnen arrogant erscheinen , mein bester Herr Graf , allein ich bin der geborene Redacteur ! ! Mit bescheidenem Stolze darf ich mir dies selbst gestehn . Also Adieu , auf Wiedersehn ! « Noch auf der Treppe summte es in Krastiniks Kopf von » Buntem Allerlei « und » geborenem Redacteur « und ähnlichen Chosen . Er hatte es nie in seiner Einfalt für möglich gehalten , daß man sich der Redacteurschaft in einer Weise rühmen könne , als sei dies eigentlich etwas viel Höheres als Dichter- und Künstlerthum . Er wußte noch nicht , daß bei dem Worte » Schriftsteller « den deutschen Biedermann der Menschheit ganzer Jammer anpackt , eine Art horror vacui . Hingegen » Redacteur « - wie anders wirkt dies Zeichen auf ihn ein ! Das erinnert so an » feste Anstellung « und andere ersprießliche Dinge . Wie sollten die Redacteure daher in ihres Werthes durchbohrendem Gefühle nicht tief auf die Schreiber herabschauen , deren Manuscripte sie zum Druck befördern ! Also eine neue Spezies - der Redacteur-Größenwahn ! dachte Krastinik . III. Mitten in seiner Ungewißheit , ob er sich bezwingen oder noch weiter sich um Kathi kümmern solle , erhielt Rother einen langen Brief seines Münchener Freundes , des genialen Genremalers Knorrer . Der Brief lautete : » Lieber Kamerad ! Ich sitze hier in der Nähe von Meran , in Ulten . - Bis zum Gardasee war ich in den Früh-Frühling Südtirols hineingebummelt . Hei , Früh-Frühling , sanfte Himmelstochter ! Wie überall ein neues Wesen aus Allem weht und flüstert ! Die Stelle am Bache , wo das Vergißmeinnicht deutungsvoll uns mahnen soll , wird erst geahnt . Froh erstaunt schleicht man hin durchs Brautgeheimniß der Natur . Verzeih diesen lyrischen Schwulst ! Aber hier wird man , hol mich ' der Teufel , par ordre de Mufti ein poetischer Duselfritze . ' s ist doch hier alles wie sonstwo auch . Das Weibervolk ( aha , da kommt ' s ! hör ' ich Dich lachen ) , das Weibervolk , meine spezielle ägyptische Plage , ist doch hier dasselbe wie überall . Ein großes Mutterschaf ohne andre Bestimmung , als - - , das dabei von ätherischen Gefühlen blökt ! Meine Wirthin geilt mich an . Ihr Mann sei u.s.w. Die Natur ist eine infame Kupplerin . Man gruselt sich heimlich vor der ganzen Schmutzerei . O ich fühle es : Keuschheit allein macht stark . Und diese stumpfsinnige Selbstverständlichkeit , womit diese Cochonnerien sich in Scene setzen ! Meine Aufwärterin hier , ein äußerlich anständiges Mädchen , nahm einen Zehn-Gulden-Schein verständnißinnig entgegen und besucht mich Nachts . Nachher gestand sie mir , sie nahe dem Kap der guten Hoffnung , und da komme es auf Einen mehr oder weniger nicht an . Jaja , das sind so unsre kleinen Ehebrüche ! Pfui , Pfui darüber ! Und neben uns klebrigen Erdwürmern diese leblose Natur in ihrer vornehmen Ruhe , so keusch , so ernst , so stolz ! Von Mori fuhr ich nach Riva an den Gardasee - wie wurde mir da ! Diese grauen Kalkfelsen , die senkrecht in die wunderbare Bläue des Seespiegels hineinstürzen ! Diese Schneefäden , sich von den Bergen , die noch wie spitze Zuckerhüte herübernicken , in die Rebenterrassen hineinschlängelnd ! Rings das feine Silbergrau der zierlichen Olivenblätter , das helle Grün der Maulbeerbäume , das frische Weinlaub , der saftig derbe Ton des Citronenbaumes . Und auch unser heißgeliebtes Feigenblatt hängt überall in seiner fünfzackigen Helle , wie ein Panier der Unnatur , eine Selbstironie der Natur . Das Alles von einem durchsichtigen silbrigen Schleier umsponnen , der sich über See , Bergkette , Maisfelder , Villen und Bastionen schlingt . Riva ' s kleine Festungswerke bilden die letzte Grenzmark Oesterreichs , der Dampfer auf dem See bedeutet schon italienischen Boden . Ach , man schwelgt in malerischen Motiven . Mein Skizzenbuch füllte sich , ich male jetzt hier in Ulten nach meiner dortigen Studie den Ponale-Fall am Gardasee . Weiße Gartenmauern . Feurig glühende Rosen . Moosbewachsene Mühlen . Dunkeläugige Bübchen und Mädel in entzückend schmutzigen Röckchen , die uns eine Bastonada auf die Fußsohlen versprechen , falls wir ihnen nicht einen Soldo verabreichen . Mächtige Stier-Fuhrwerke , Schiffe im Hafen , alte bröckelnde Thürme und Thore . All das hart an die Felsen angeklext , deren großartige Linien der Schöpfungsmeister so klassisch componirte . Hier und da in die Landschaft ein paar spitze Cypressen mit ihren dunkeln pyramidenförmigen Laubkegeln oder ein Häuschen mit rothem Dach oder ein zerfallenes Gemäuer als ornamentale Sprengsel hineingesetzt . Wirkt wahrhaftig , als habe die Natur hier mal im größten Stil der Renaissance ( denk ' an den landschaftlichen Hintergrund aus Cadore ' s Gebirgen in Tizian ' s Gemälden ! ) ein monumentales Landschaftsbild kunstvoll angelegt . Welcher pastose Farbenvortrag , wie markig auf die Aether-Leinwand des Horizonts aufgetragen , und dann wieder wie fein mit dünnem Pinselvortrag abgetönt ! Aber so gar nicht Impressionalistisch , weiß der Teufel ! Dicke Massen Bleiweiß mit dem Spachtel nebeneinander kleben und dann unter einer falsch gewertheten Perspektive der Lichtreflexe mit Finger und Pinsel dran herumschmieren - das verschmäht diese italienische Natur . Sie hat doch einen ganz besonderen antiken Charakter , diese sonnendurchgohrene Italia , einen gewissen altrömischen Faltenwurf ihrer Toga , den ihr Germania mit ihren Tannenzöpfen nicht nachmacht . Man merkt hier überall den Michelangelesken Formensinn , die klare Würde Rafael ' scher Composition , die markig satte Farbentiefe der Venetianer . Sogar die Weiber - - ( ah , da sind sie wieder ! lacht mein Freund Eduard , nicht ? ) - Da sah ich in Trient , eskortirt von einem schlangenäugigen Abbate ( o wieviel Grandezza und Weltgeschichtlichkeit steckt in jedem italienischen Pfaffen ! ) eine fette Wildsau mit lüstern schmatzenden Lippen , aber doch einem großen Zug im Profil . Aber die Tochter - ah , diese ungesuchte Vornehmheit einer alten Race , einer uralten Cultur , im italienischen Typus ! Diese versteckte schläfrige Glut , diese schwärmerische Inbrunst , diese göttliche Faulheit und glückliche Beschränktheit in den süßen Augen ! - - Die Tyrolerinnen sind rohe Töpferwaare dagegen . Da hast ein Liedl zum Fidibus-Anstecken ! « Das » goldne Dachl « . Keusche Margaretha Maultasch , Landesmutter und Regent , Deines Innern Lücken stopfte Nur ein ganzes Regiment . Neidisch schaut Dein goldnes Dachl Jede Jungfrau in Tyrol - Liebevolles Gretchen Maultasch , Warft , vielleicht nur ein Symbol ! Weißt , man kommt wahrhaftig hier in die Stimmung zur Dichteritis hinein - hier , wo die alten Minnesänger geweilt , wo immer noch ein Geigenstrich , stahlscharf wie von Volker ' s Fiedelbogen , über die Thäler hinzutönen scheint ; hier wo Walter von der Vogelweide geboren , dem seine Heimathstadt Bozen endlich ein Denkmal gesetzt . Ich liebe Bozen . Ich liebe diesen Fruchtmarkt , diesen dunklen Wein in Krystallflaschen ( die öl-verpichten Stroh-Amphoras in Wälschland sind freilich einem Künstlerauge anheimelnder ) , diese Mischung von echtem Risotto und Mehlknödelei - soll heißen : von Italienischem und Tyrolisch-Bajuvarischem . Ich liebe die bogigen schattenkühlen Arkaden der heißen Thalkessel-Stadt . Ich liebe den spitzen Thurm auf dem großen Platz , der sich in den Aether bohrt mit all den Spitzbogen und Schildereien mittelalterlichen Meißels , wenn der Mond an ihm vorbeischifft mit dem Wolkensegel . Wie reist er so schnell ! Eben stand er noch links , nun steht er rechts vom Thurm . Wie , Närrchen ? Nicht der Mond , wir selber reisen ja . Die Erde kreiste und uns alle riß er fort , der Sturm des tauben Weltgesetzes , während wir sicher zu ruhen wähnen beim Schöppchen Wein ! Holla , Kamerad , es ist doch zum - zum metaphysisch werden . So spielt er mit uns Kegel , wahrhaftig , der große Unbekannte , der Welt-Regisseur , der die Coulissen verschiebt und die Aktschlüsse arrangirt und die Stichworte soufflirt ! Die Stichworte ! Ja , da komm ' ich nun auf eine tolle Geschichte . Den großen Männern gelten solche Rollen-Stichworte zum Auf- und Abtreten doch zumeist . Und da ist nun hier , wo ich heut grad sitze , in Ulten , ein solches Stichwort gefallen . ' s ist eine seltsame Geschichte und ich will sie Dir erzählen . Weiß der Henker , die Sache klingt mir so plausibel und der Stoff ist so patent , daß ich in einer Frühlingslaune mal den Pinsel wegwarf und sie Dir ganz schriftstehlerig demonstriren werde . Vielleicht bringst den Krempel irgendwo an in eurem geschäftsmäßigen Berlin , wo man goldne Eier legt und gackert und bei jedem winzigen Ei ein Wesens macht , als müsse ein Phönix herauskriechen . Da hast meine Stümperei - lies sie halt als Kamerad und College als ein ulkiges G ' spaß Deines handfesten Knorrer . Man könnte mein Geschreibsel etwa überschreiben : Der Jugendtraum eines großen Mannes . Es war Mai in Ulten , diesem entlegenen Seitenthale Merans , wo der thauige Hauch der grünen Schluchten an die Nordalpen erinnert . Im » Mitterbad « zogen die Gäste ein , um die Glieder in dem vitriolischen Eisenwasser der berühmten Quelle zu erfrischen . Der Mai und Südtirol - die zwei Dinge gehören zusammen . Die ersten rothen Pfirsichblüten flackern unter den duftwarmen Bogengängen der Gärten auf , die Wiesen gleißen in blendendem Smaragd , und die Schatzkammern König Laurins , den die Sage hier sucht , thun sich in den Nebengewölben auf . Von allen Höhen donnerten Böllerschüsse , die sich im schläfrigen Echo der Thäler melodisch fortsetzten , aber die Holzhäuser erzittern machten . Glockenklänge durchschwammen die stille , heißbrütende Morgenluft . Von der Kirche her mahnten Orgel und Posaunen , das heute das große Freudenfest der katholische Kirche , Frohnleichnam , sei . Rings auf den sanft Bergpfaden wand sich die Prozession entlang , mit bunten Fahnen und quirlendem Weihrauch . An der Hecke des Gartens am Wirthshaus des Badedorfes , wo die Rosen in dichtem Flore einander grüßten und Gluthnelken , Schwertlilien und Windrosen farbig im leisen Morgenwinde wogten , schritt ein einsamer Wanderer entlang , abseit dem Festlärm der Prozession . Die Wolken standen in glänzenden Lichtballen über den Bergen , wo spätgefallener Schnee unzerichmolzen glitzerte . Sie glichen einer Lawine , welche vom türkisblauen Aether sich auf die winzigen Joch herabsenkt . Der Silberdunst , welcher wie Weihrauchdampf in Becken und Schalen zwischen den Abhängen sich gestaut hatte , löste sich . Und über dem bunten Mummenschanz da unten flammte die Hostie der Schöpfung , flammte die Sonne empor . Die ganze Landschaft funkelte in der verschwenderischen Gluth des Maimorgens wie eine Goldmine . Ein ungeheures Netz von goldigem Dunste und zartem Sonnenstaub , dessen Millionen Maschen millionenfach wie ein Meer von Leuchtkäfern und Glühwürmchen auf- und niederzitterten , spann sich in verwirrendem Strahlentanz über die Matten . Es schien ein wundersamer Feenschleier , den die Natur sich in dieser blumigen Einsamkeit gewoben - als harre sie , in züchtige Bräutlichkeit vermummt , auf ihren Liebsten , den alles belebenden Sonnengott . Aber von alledem sah der Wanderer nichts . Hastig , wie von innerer Unruhe gepeinigt , schritt er dahin , weit ausholend mit den mächtigen Gliedern , daß die Eidechsen , die hier in Rudeln listig äugelnd ihre zierlichen Schuppen sonnten , nicht rasch genug in die Steinabhänge senkrecht hinuntergleiten und sich im rankenden Epheu verstecken konnten . Nur eine alte Eidechse trotzte selbst dem Stöckchen , das der Wanderer mechanisch schwang , so daß der Kies umherstäubte . Auf einem Felsblock hockend , stierte sie den großen Menschen mit boshafter Ironie an . Errieth er den bemitleidenswerthen Geisteszustand des großmächtigen Thierbruders ? Machte sie als erfahrenes , vielgereistes , kühles Schuppenwesen sich über die thörichte Krankheit des menschlichen Säugethiers lustig und verglich damit die stille Seligkeit amphibienhafter Kälte ? Ach ja , Eidechsen sind nicht verliebt , sie lieben nichts als den Sonnenschein und nahrhafte Insekten . Eidechsen sind gar glücklich . Der junge Mann in städtischer Kleidung gehörte sicher nicht zum Ort , er war Curgast . Kein Tiroler , wohl nicht einmal ein Süddeutscher . Seine eckigen und doch strammen Bewegungen ließen auf einen Sprößling unsres Nordens schließen . Seine Gestalt erschien hünenhaft . » Der Held war wohlgewachsen , von Schultern breit und Brüsten , von Beinen war er lang , « gleich dem grimmen Hagen . Und war auch sein blondes Haar keineswegs » gemischt mit einer greisen Farbe , « so konnte man die schöne Bezeichnung » und schrecklich von Gesichte « in gewissem Sinne wohl auf seine Züge deuten . Denn ein seltsam überraschender Ausdruck hartnäckiger Entschlußkraft und unbeugsamer Energie ballte diesen Mund so ehern , blähte die Nüstern der kurzen etwas aufgeworfenen Nase , prägte sich in dem massiven Kinn aus . Aber noch etwas mehr , wie diese Eigenschaften rücksichtsloser Activität , blitzte in dem hellblauen durchdringenden Auge unter buschigen Wimpern hervor . Dieser Blick hatte etwas Fascinirendes , wie überhaupt die ganze Erscheinung des Menschen . Trotz der markigen Festigkeit des Ausdrucks ließ sich jedoch keineswegs ein damit gepaarter träumerisch-weicher Zug verkennen , der auf reich entwickeltes Gemüthsleben und Empfindungsvermögen schließen ließ . Jeder Einsichtige mußte sofort erkennen , daß eine ungewöhnliche Originalnatur in diesem etwa vierundzwanzigjährigen Jüngling schon durch die Erscheinung sich anzeige Etwas eminent Männliches sprach aus diesem Auge , das selbst , wenn ungebundener Humor in den Mundwinkeln zuckte , von einer eigenthümlichen meertiefen Schwermuth umdunkelt schien - jener bekannten Melancholie bedeutender Menschen in früher Jugend . Indem er rastlos die Hecke umkreiste , lugte er fortwährend nach einem Fenster des Wirthshauses hinauf . Umsonst , es blieb verschlossen . Der Morgen wandelte höher am Himmel empor . Die Mehrzahl der Prozessionswaller kehrte heim durch die Dorfgasse , welche die Mädchen des Zuges mit Blumen bestreut hatten . Ein schwerer Tritt ließ sich vor dem Wirthshaus hören , die Thür ward aufgerissen , zugleich hörte der Horchende einen scharfen Wortwechsel , nachher ein Geräusch , als ob ein Protestierender unsanft hinausgeworfen würde . Dann wurde die Thür zugeschlagen . - Aber es blieb nicht still , sondern eine jammernde Stimme ließ sich in einem halblauten Selbstgespräch vernehmen , indem sie näher und näher zu des Lauschenden Standpunkt vorüberkam . Wie , was ? War das nicht der » Badhiesl « aus St. Paukraz , der immer als Botenläufer von Obermals ( Meran ) der eifrige Vermittler der Liebeskorrespondenz gewesen , welche der junge Norddeutsche mit der schönen Bewohnerin dieses Ultener Wirthshauses , Josefa Holzner , der Wirthstochter , unterhielt ? Hören wir ! » ' s is a Sünd und a Schand ! « jammerte der Hinausgeworfene vor sich hin . » Solch ' an Staatskerl und solch a fein ' s Madli ! Himmelherrgottsakerment , das reut euk ( euch ) noch . - Ach und gar so gut ' zahlt hat er mich ! « » Badhiesl ! « rief der junge Mann hastig . » Was hast ? « Dieser aber fuhr erschrocken auf , starrte seinen Auftraggeber einen Augenblick trostlos an und stieß dann krampfhaft hervor : » Rausg ' schmissen hat mi der Alte . Aussi is , aussi ! « Und damit macht er als weichmüthiger Naturbursche sich plötzlich auf die Hacken und lief davon . Tief aufathmend blieb der Norddeutsche vor der Schwelle des Wirthshauses stehen . Er hatte so etwas geahnt . Wäre es möglich , daß der alte Holzner die grenzenlose Ehre , deren man ihn würdigen wollte , verschmähte ? Schwiegervater eines preußischen Junkers zu werden - giebt es eine süßere Aussicht ? ! Wie lange hatte der junge Junker mit sich selbst gerungen , ehe er zu dem Entschluß kam : Josefa Holzner , das schönste Mädchen in Ulten , die Perle von Tirol - sie muß sein eigen werden , koste es was es wolle . Vor zwei Jahren hierher verschlagen , hat ihn der goldne Pfeil Amors aus ihren Augen durchbohrt . Und er ist regelmäßig wiedergekommen , Jahr für Jahr - und jetzt weiß er ' s : Sie oder keine ! » Sie liebt mich wieder , so sollt ich doch denken . Ja , sie thut es . Und ob uns stärkere Schranken trennen , als die Mainlinie leider Süd- und Norddeutsche spaltet - diese Schranken will ich wenigstens brechen , wenn ich auch die Deutschen nicht eins machen kann . Die Kerls alle , meine Nebenbuhler , diese schmachtlappigen Zierbengel von Kurgästen , die um sie herumschwenzeln - ich hab sie alle eingeschüchtert und ' rausjejrault . Holla , ich bin ein Mann ! So will ich denn jetzt das letzte und äußerste thun . Meine Geliebte wird Josefa nicht , denn ich liebe sie . Meine Frau soll sie werden , und ob all ' meine hochadligen Sippen und Magen sich vor Schreck die Hälse ausrecken ! Qu ' est que cela , la noblesse ? ! Was ist ' s mit dem Adel . Meine Mutter ist eine Bürgerliche , gar keine Geborene . Sie nennen mich junkerhaft - weil ich stolz bin , nicht auf meine Junkerei , sondern auf meine Mannheit . Ja , ich bin preußischer Junker , ich ehre den Adel , dessen Glied ich bin - aber der wahre Adel , der steckt im Menschen selbst . Im Volke steckt die wahre Kraft . Bildung - ich pfeife was drauf ! Ob Josefa französisch parliren und das Klavier stümpern kann , das ist mir gleichgültig . Sie ist schön , sie ist klug , sie ist gut und ich liebe sie . Das ist genug ... Ja , Kampf wird ' s kosten . Aber ich will ihn schon durchfechten , ich ! Ich hab ' Schneid ' genug , mir allein durchs Leben zu helfen . Habt ' s a Schneid ' ! sagen wir hier , wir Tyroler . - Nun so laßt doch seh ' n , was der Alte will . « Er hatte am vorigen Abend an den Alten per Badhiesl geschrieben , als dieser ihm gedroht , man werde nun Josefa einsperren und ihr jeden Umgang mit ihm untersagen , er wolle in allen Ehren um ihre Hand werben . Er bitte hiermit ihm Josefa zur Frau zu geben , und werde dankbar dafür sein ! Nach der Frohnleichnamprocession werde er sich die Antwort holen . Was mußte ihn , einen obskuren märkischen Adligen ohne Vermögen und Konnexionen , aufgewachsen in altererbten nichtigen Vorurtheilen des sogenannten » Standesgefühls « und Kastenunfugs , dieser Entschluß gekostet haben , der vielleicht seine ganze Zukunft zerriß ! War er » sentimental « oder » poetisch « ? Gott bewahre ! Eine eminent praktische Natur . Aber er trug jene elementare Leidenschaft in sich , welche bedeutende Menschen besonders in der » Liebe « zu Thorheiten verleitet , die mittelmäßigen Durchschnittsnaturen stets erspart bleiben . Ob » praktisch « oder » poetisch « , ob Dichterling oder Staatshämorrhoidarius bleibt sich gleich - auf die Bedeutendheit kommt es an . » Sentimental « ! Das Genie ist nie sentimental , aber es scheint für kleinlich rechnende Gemüther darum oft etwas Kindlich-Jugendliches und darum Lächerliches auszustrahlen , weil es den Maßstab einer eigenen Wahrheit und Wahrhaftigkeit in sich beschlossen fühlt und daher die Anschauungen der Welt verachtet . Das Genie ist nie lächerlich , denn es ist sein eignes Gesetz . Es stellt einen geistigen Vollblutmenschen andrer Ordnung dar , der das ewig Menschliche in höherer Form und energischer zum Ausdruck bringt , als die andern . Mit schnellem , entschlossenem Schritt betrat er Schwelle , drückte auf die Klinke der Gaststubenthur und - stand dem alten Holzner gegenüber . Im selben Augenblick verschwand eine weibliche Gestalt auf ein barsches » Geh ' ? naus ! « durch eine Nebenpforte . Nur eine Sekunde lang traf das glühende Auge des jungen Mannes den in Thränen schwimmenden Blick des Mädchens . Ihre Züge waren klassisch geschnitten - die zartliniirte gebogene Nase , der kleine Mund , die wunderschön geformten Schläfen und Augen . Obwohl die Innsbruckerinnen im ganzen als die schönsten in Tirol gelten , findet man doch die vornehmsten und feinsten Profile in Südtirol . Es ist die alte gothische Nasse . - Aber dies schöne Bild entschwand wie eine Vision , und die rauhe Stimme des alten Wirths , einer sechs Schuh langen Hünengestalt , über gewöhnliches Leibesmaß wie er selber , weckte ihn aus dem minutenlangen süßen Delirium seiner Leidenschaft . Als die beiden sich so gegenüberstanden und wie Kämpen vor dem Zweikampf maßen , schienen sie selbst zwei auferstandene Gothen , Dietrich von Bern und der alte Hildebrand ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Abgewiesen ! Schmählich ; für immer ! Einen langen Blick warf er nach den verschlossenen Fenstern im Oberstock empor : dort in der Ecke lag ihr Kämmerlein . Aber nichts regte sich , nichts . Vielleicht schluchzte sie dort auf den Knieen , vielleicht starrte sie verstohlen hinaus , um die geliebte Gestalt , bis sie entschwand , zu verfolgen . Aber sie zeigte sich nicht mehr . War wohl auch besser so . Es konnte ja doch nichts werden ! Bauern sind praktisch und Bäuerinnen erst recht . » Gelten ' s ? « Der Vater hat es wohl lange gesagt und erst der Herr Pater - nur gleich und gleich gesellt sich gut ... In stummem , kochendem Grimm schritt er fürbaß , immer drauf los . Er wollte zur nächsten Stellwagen-Station ; seine Sachen waren gepackt , er konnte sie sich nachschicken lassen . Nur fort , fort ! » Einem Ketzer , der vielleicht nicht mal ein Christ sei und an Gott glaube - leichtfertig genug rede er ja dazu - seine Tochter geben ? « Das sollte dem alten Holzner einfallen ! Nein , nein und dreimal nein ! Versuche der Ketzer nicht , sich noch mal Josefa zu nähern - sein feierlicher Fluch solle sie treffen . Er habe mit dem hochwürdigsten Pater Eusebius gesprochen . Na ! der sei ganz außer sich gewesen . Eher sterben und verderben solle die Josefa , als in die Krallen des Satans fallen ! Und somit Gott befohlen ! - Und sie ? Nun , sie fügte sich ! Verwünschung auf Verwünschung knirschte der abgewiesene Freier zwischen den fest aufeinander gepreßten Zähnen hervor , als er seinen einsamen Weg fortsetzte , und sein Stöckchen tobte sich an Bäumen , Sträuchern und Blumen in schneidigen Hieben aus . Wer ihn jetzt beobachtet hätte , den würde das Löwenhaft-Wilde , fast Brutale seines Wesens frappirt haben . Schmetterlinge und schillernde Käfer schwirrten durch die Obstbäume und Farnkräuter , durchs roth-weiß-gelbe Gewimmel der Wiesen und das unabsehbare Wirrsal des allüberfluthenden Grüns . Citronenfalter flatterten über neu entfalteten Knospen . Ueber dem Vergißmeinnichtblau der Berge zuckten goldige Glorien auf , während jene in rhythmischen Linien wie eine weihevolle Farben-Symphonie zu verschwimmen schienen . Das Wasser sickerte melodisch in seinen launenhaften Windungen . Aus sonnverbranntem Gestrüpp der Halde klingelten die Ziegenglöckchen . Der betäubende Geruch blühender gelb-blumiger Berberizen quoll durch die grünen Ackergassen . Dünne Säulen milchigen Rauches , aus der Thalmulde aufqualmend , zeigten an , wo in breitem Bogen Wasserfälle geschmeidig über rothe Porphyrhänge rollen , sich in der Luft überschlagend und mit metallischem Aufdröhnen millionenfach wie in Elfenbeinspäne zersplitternd . Der endlose schnellende Bühel hohen Grases schien die unermeßliche Maikraft , den Keimmonat , zu versinnbildlichen . Es war , als ob Wesen und Dinge in stiller Seligkeit verschmölzen . Aber ein nahendes Gewitter tummelte seine kupferrothen Wolken um die jähen Spitzen , welche ihren Kegelschatten tiefer senkten . Ueber den weinbestandenen Terassen des schrägen Gebirges , über dem Kirchlein , zu dem sich einzeln Hütte an Hütte hinanzog - an die Bergwand angeklext und vom Wetterschein jetzt geisterhaft bemalt - thürmte sich , starr und blaß wie der Tod , die eisbekrustete zerrissene Dolomitenkette empor . So starrt die Leidenschaft ,