selbst als Schauspieler Lohn erhielt . Er hatte ja nun so viel , so schrecklich viel Geld - auch der Mutter konnte er etwas davon zurücklassen . Ja , nach Lemberg - das heißt natürlich nur , wenn nicht etwa Nadler inzwischen von sich hören ließ und ihn anderswohin berief . Denn ihm wollte er treu bleiben und auch redlich mit ihm teilen , wenn der edle Mann noch immer in Not war . » Wo nur der Marschallik bleibt ? « meinte die Mutter . » Jetzt « , fuhr sie lachend fort , » wird er mir wohl auch andere Partien für dich wissen , als ältliche Witwen und bucklige Mädchen . Und nicht wahr , wenn sich was Rechtes findet , du wirst nicht Nein sagen ? « Sender drückte stumm ihre Hand . Bejahen konnte er die Frage nicht und verneinen mochte er sie nicht . Sollte er ihr diese Stunde der Freude trüben , die erste seit langer , langer Zeit , die ihr wieder gegönnt war ? » Und was denkst du nun zu ergreifen ? « fragte sie . » Ich mein ' , du bleibst vorläufig bei Dovidl , bis sich was Passendes für dich findet . Aber ich will dir nicht zureden ; ein wohlhabender junger Mann kann auch eine Weile so zusehen ... « » Ich bleibe bei ihm « , sagte Sender . Es war ihm gleichgültig , wo er die wenigen Monate bis zum Oktober verbrachte , wenn ihm dabei nur Zeit für seine Studien blieb . Am Abend kamen der Marschallik und der Kutscher Simche mit ihren Familien zum Glückwunsch , und Frau Rosel bewirtete sie festlich . Sie hatte eine halbe Gans besorgt und sogar die ganze Leber dazu , eine Riesenschüssel geschmalzter Kartoffeln , dazu als Dessert die höchste Delikatesse : » Grieben « , im eigenen Fett geröstete , klein gehackte Gänsehaut . Dann Weißbrot , und als Getränk Met . Aber nur die Gäste waren laut und fröhlich , Frau Rosel saß still da ; die Freude war ihr so ungewohnt ! Auch auf ihre gesellschaftlichen Pflichten als Wirtin verstand sie sich schlecht . Sie bat wohl zuweilen : » Langet doch zu , es reicht ja für alle ! « oder fragte : » Nicht noch ein Gläsele ? « Aber sie unterließ das » Nötigen « , wie es die Sitte gebot . Die Wirtin darf sich weder um das Nein , noch um eine abwehrende Bewegung des Gastes kümmern , sondern hat ihm mit sanftem Zwang , oder wo es nicht anders geht , mit Gewalt noch einen Brocken auf den Teller zu bringen und selbst sein Glas zu füllen , auch wenn sie es ihm zu diesem Zwecke in längerem Ringen mühsam entwinden muß . Aber das verübelten ihr die Gäste nicht , es war ja das erste Fest , seit sie dies Haus bewohnte , und so erfüllten ihre Freundinnen , Frau Chane Türkischgelb und Frau Surke Turteltaub , abwechselnd statt ihrer diese Pflichten der Hausfrau , und zwar ganz gründlich . Sogar Frau Rosel wurde von ihnen » genötigt « , und das war gut , sie hätte sonst keinen Bissen gegessen , und überflüssig war es auch bei Sender nicht . Er , der bei Festen anderer so laut war , saß stumm da , und selbst die besten Witze seines alten Freundes entlockten ihm kaum ein Lächeln . Natürlich ließ es der Marschallik auch an Trinksprüchen nicht fehlen , und zwar selbstverständlich in Knüttelversen , wie es die Sitte seines Handwerks gebot . Der erste auf Frau Rosel weckte Rührung und Heiterkeit , der andere wahre Lachstürme , denn er galt dem eigentlichen Schöpfer dieses Glücks , Jossele Alpenroth . Nun war es an Sender , auf die Gäste zu trinken . Aber er schwieg . Er , der sonst noch kühnere Reime fand , als der Marschallik ! Da geschah ihm nur recht , wenn nun Frau Chane das Wort ergriff und die Gründe aufzählte , aus denen Sender keinen Trinkspruch verdiene . Und da nun einmal heute » die verkehrte Welt « war , so hielt auch Frau Surke einen Spruch aus gleicher Tonart ... » Ihr , Mädele , beschämt ihr ihn ! « rief sie ihrer Tochter Lea und Jütte zu . Lea kicherte verlegen , aber Jütte blitzte den Geneckten aus ihren braunen Augen munter an und rief , das Messer ans Glas legend und über das ganze runde Gesicht erglühend , zu ihm hinüber : » Ihr oder ich - entscheidet Euch ! « Da erhob er sich und sprach : » Ihr lieben Leut ' , wär ' mir das Herz minder voll und ihr nicht unsere besten Freund ' , wie viel wollt ' ich reden . So aber sag ' ich nur : Ich dank ' euch ! Und wie es auch kommen mag , erhaltet mir eure Freundschaft . « Das war alles . » Wie es auch kommen mag ? « rief der Marschallik . » Und wenn du noch tausend Gulden gewinnst , ich bleib ' dein Freund ! « Auch das Necken der anderen ging jetzt erst recht los . Nur Jütte schwieg . Es war ihr selbst rätselhaft , woher sie es wußte - vielleicht hatte sie es in seinen feuchten Augen gelesen - aber sie wußte es : » Dieser Mensch hat etwas vor , woran sein ganzes Herz hängt , etwas Großes , Schweres ! Und weil er ein guter Mensch ist , so wird es wohl etwas Gutes sein . Möge es ihm gelingen ! « Aber auch ihm wurde eigen zu Mut , als er ihrem warmen , teilnahmsvollen Blick begegnete . Er streckte ihr sein Glas entgegen und ließ es an das ihre anklingen . » Ich dank ' euch « , sagte er leise . Wofür ? - er hätte es selbst nicht zu sagen gewußt . Einundzwanzigstes Kapitel In den nächsten Tagen lernte Sender auch die Lasten eines solchen Glücksfalls kennen . Kaum konnte er sich der Bettler erwehren , die ihn im Laden und daheim bestürmten ; auch allerlei Plänemacher rannten ihm die Tür ein , der eine wollte mit seinem Gelde einen Kramladen , der andere ein Viehgeschäft , der dritte eine Brauerei eröffnen . Vor allem machten ihm die Geldmakler zu schaffen ; dreihundert Gulden waren - und sind noch heute - in einer galizischen Kleinstadt ein großes Kapital . Der eine bot ihm zwanzig , der andere gar dreißig und mehr Prozent Zinsen , und es waren Leute darunter , die für den Betrag gut waren . Aber Sender trug sein Geld zur Sparkasse , obwohl sie nur fünf vom Hundert bezahlte . Selbst die Mutter ließ dies nicht ohne heftigen Widerspruch geschehen , den anderen vollends war seine Handlungsweise unfaßlich . Nur die Mildesten meinten : » Eben ein Pojaz , wie sollt ' der mit Geld umzugehen wissen ? « wogegen Dovidl rief : » Ein Verrückter - ich fahr ' aus der Haut ! « Zu dieser ohnehin schwer erfüllbaren Drohung ließ sich übrigens der Winkelschreiber jetzt seinem Schreiber gegenüber seltener hinreißen als sonst , der » Kapitalist « hatte ihn nun ja nicht mehr nötig . Sogar Senders Verlangen , nun täglich zwei Freistunden mehr zu erhalten , führte zu einer gütlichen Einigung , nachdem er auch vom Lohn einen Gulden geopfert . Nur ein Zwischenfall hätte der Beziehung fast ein Ende gemacht , denn in Dingen der Rechtgläubigkeit verstand Morgenstern keinen Spaß , schon aus Geschäftsgründen . Da brachte nämlich eines Tages , als Sender abwesend war , der Postbote ein Paket für ihn , für das neun Gulden Nachnahme zu bezahlen waren . Da ein Lemberger Buchhändler als Absender darauf stand , legte Dovidl den Betrag aus ; er wollte wissen , welche Gesetze da der künftige Konkurrent heimlich bezogen , und ihm scharf ins Gewissen reden . Er war angenehm enttäuscht , als er , eine Sprachlehre und einen » Briefsteller « abgerechnet , deren Nutzen auch ihm einleuchtete , im Paket lauter » dummes Zeug « fand ; wozu brauchte ein Winkelschreiber eine Weltgeschichte , ein Lesebuch und ähnliches ? Daneben lag aber noch ein dünnes Büchlein , und als Morgenstern dieses aufschlug , und nur zwei Zeilen las , ließ er es entsetzt fallen . Denn diese Zeilen lauteten : » Frage . An wen glaubst du ? Antwort : An meinen Herrn und Heiland Jesum Christum ... « Es war entsetzlich , es war grauenvoll , aber nicht zu bezweifeln : Sender war entweder bereits heimlich getauft oder bereitete sich dazu vor . Einen solchen Menschen aber durfte er nicht länger unter seinem Dache dulden , sonst traf ihn selbst der Bannstrahl des Rabbi . Und darum harrte er dem Eintreten Senders in wildester Erregung entgegen und rief ihm dann kreischend zu : » Gib mir neun Gulden , nimm deine Bücher und geh ' ... Abtrünniger , weh ' dir ! « Sender blickte ihn verblüfft an , zog , nachdem er den Zusammenhang begriffen , sein Beutelchen , zählte die neun Gulden auf den Tisch , griff nach den Büchern und fragte dann ruhig : » Seid Ihr wirklich so beschränkt wie Rabbi Manasse , oder stellt Ihr euch nur so ? « » Ich platz ' ... Schlag ' das Büchlein auf ... Ich rühr ' s nicht an - das dünne da ... Nun ? « Sender las : » Katechismus für katholische Volksschulen ... Das hab ' ich nicht bestellt . « » Nicht bestellt ? Ich fahr ' aus der Haut ... Und was steht in dem Brief da ? « Er hielt ihm den Begleitbrief der Buchhandlung unter die Nase . Die Firma schrieb , sie habe , da die Post ihr den Brief verspätet übergeben , den Auftrag erst jetzt ausführen können und die verbreitetsten unter den gewünschten Büchern gewählt , gern sei sie eventuell zum Umtausch bereit . » Doch können wir Ihnen « , schloß der Brief , » keinen anderen Katechismus als den beiliegenden senden , da wir nur diese offizielle , vom erzbischöflichen Ordinariat approbierte Ausgabe führen , und es unseres Wissens Katechismen für einzelne Stände nicht gibt . « Nun war Sender die Sache klar . » Esel « , murmelte er , obgleich die Schuld an ihm lag . Er hatte einen » Katechismus für einen künftigen Schauspieler « bestellt . Laut aber sagte er : » Ein Mißverständnis . Ich schicke das Büchlein vor euren Augen zurück . Genügt euch das ? « » Nein ! « rief der Winkelschreiber . » Ich muß doch wissen , was vorgeht . So gesteh ' s doch , du willst Christ werden . « Erst nachdem ihn Sender darüber mit den feierlichsten Eiden beruhigt , gab sich Dovidl zufrieden , sofern er noch den Brief an den Buchhändler zu lesen bekomme . Aber dies konnte ihm Sender nicht versprechen , er gedachte seine Bestellung deutlicher zu wiederholen und für die Sendung Fedkos Adresse anzugeben . Dovidl war der letzte , den er in seine Pläne hätte einweihen mögen . » Entscheidet euch « , sagte er . » Genügt euch mein Schwur nicht , so sind wir geschiedene Leute . Und ebenso gehe ich , wenn Ihr jemand eine Silbe von dem Katechismus erzählt . « Dovidl fluchte und jammerte , dann gab er nach . Die nächsten Wochen vergingen Sender in stiller , fleißiger Arbeit . Er konnte sich ihr ungestört widmen , im Freien , im Laden , in seinem Hause ; die deutschen Bücher mehrten ihm nun sogar den Respekt bei den Leuten , sie gehörten ja zu seinem Geschäft . Nicht ohne Rührung trat er zuweilen in jenen Schloßhof , wo ihn vor Jahresfrist der unglückliche » Furbes « das Lesen gelehrt ; das Schicksal hatte ihn doch wohl geleitet , wie ungleich näher fühlte er sich nun seinem Ziele ! Aber nicht allein um dieses Zieles willen schuf ihm die Arbeit Behagen , er freute sich des unbekannten , nie geahnten Lebens , in das er nun zu blicken begann . Die Erde , ihre Bewohner , ihre Geschichte , begannen sich ihm sacht zu enthüllen , er erkannte , daß er wie ein Blinder dahingelebt , oder richtiger wie ein Kind , das sich für den Mittelpunkt allen Treibens hält und sein Stücklein Welt für die einzige , die es gibt . Weil seine Erkenntnis wuchs , erkannte er deutlich , welche ungeheuren Lücken sie hatte , und daß er erst ein winziges Teilchen von dem wußte , was es zu wissen gab , ja noch mehr , erst ein Atom von dem , was ihm zu wissen nötig war . Aber weder diese Erkenntnis , noch die instinktive Empfindung , daß er von dem Wenigen , was ihn seine Bücher lehrten , vieles falsch und verkehrt auffasse , vermochte seine Zuversicht zu trüben ; er mußte Lehrer haben , gewiß - der rechte Fortschritt begann erst in Lemberg , aber der war ihm ja auch gewiß . Der Herbst , - wenn er nur erst da war ! Er wünschte der Zeit Flügel , jeder einzelne dieser langen , heißen Julitage wollte gar nicht enden . Aber neben der Arbeit half ihm auch der Gedanke über diese Pein des Harrens hinweg , daß dies die letzte Zeit war , wo er der Mutter Liebe mit Liebe vergelten konnte . Sein Verhältnis zu ihr war nun inniger und zärtlicher geworden als je vorher , vielleicht , weil sich beider Wesen seit seiner Krankheit gewandelt . Sein Übermut hatte sich gelindert , kopfschüttelnd gedachte er nun selbst zuweilen der unzähligen tollen Streiche , in denen sich einst der dunkle Drang , der nun das rechte Ziel gefunden , ausgetobt . Die harte , verbitterte Frau aber war vollends immer weicher , und nun im Sonnenschein des Glücks fast fröhlich geworden . Freilich schien es ihm , als ob diese hellere Stimmung sich ihr wieder ein wenig getrübt hätte ; sie seufzte zuweilen oder starrte stundenlang sinnend in das Licht der Lampe . Aber er glaubte den Grund zu wissen , der Marschallik fand sich ja wieder oft ein , und sie flüsterten dann immer lange miteinander ; offenbar wurde abermals über eine neue Partie verhandelt , und diesmal war wohl auch Morgenstern irgendwie dabei beteiligt , denn auch er erschien ab und zu im Mauthause oder Frau Rosel in der » Prifat-Agentschaft « . Es wurde dann drinnen so leise gesprochen , daß er kein Wort verstand , aber er war nicht neugierig ; gleichviel wie die Braut hieß , sie mühten sich vergeblich . Mehr Unbehagen machte es ihm , daß er jenen » Katechismus « noch immer nicht erhalten hatte ; endlich schrieb ihm der Buchhändler , er könne das Buch ohne genaue Angabe des Titels nicht auftreiben . Aber auch dies war nicht gar so schlimm , da mußte er den August und September eben anderswie nützen . Nun war er ja so weit , um nach Nadlers Rat die Werke Lessings und Schillers lesen zu können , und die standen ihm in der Bibliothek des Klosters zu Gebote . Sein Freund Fedko war unschwer zu finden ; er saß noch immer jeden Abend in seiner Stammkneipe . Der Alte war aufrichtig gerührt , als ihm Sender sein Anliegen vortrug . » O , ich habe es geahnt « , sagte er . » Neulich habe ich einen merkwürdigen Traum gehabt ; ich bin auf dem Marktplatz gelegen und war so schwer besoffen , daß ich mich nicht rühren konnte . Dann hat es zu regnen begonnen - lauter Slibowitz - in den Mund hat es mir hineingeregnet . Wie ich aufstehe , sage ich gleich : Fedko , sage ich , das bedeutet etwas Angenehmes - vielleicht stirbt der Prior - ein Totenmahl , und es muß ein neuer gewählt werden - ein Festmahl . Oder vielleicht kommt der verrückte Jude wieder ! Also - der Prior lebt - aber du bist wieder da ! Nun - wann willst du zu den Büchern ? « » Morgen « , erwiderte Sender . » Gut ! Morgen ! Aber den Slibowitz könntest du schon heute zahlen . « Sender war dazu bereit . Mit strahlendem Gesicht setzte sich der Alte hinter den Schänktisch . Als er jedoch das Gläschen zum Munde führen wollte , verfinsterte sich plötzlich seine Miene . » Teufel ! « murmelte er bestürzt , » daran habe ich ja noch gar nicht gedacht ! « » Woran ? « fragte Sender . » Hm ! Da haben sie nämlich - « Er stockte und sann nach ! Dann griff er nach dem Gläschen und leerte es . » Ach was ! « murmelte er , » alle Menschen sind doch nicht verrückt wie dieser Jude da ! Und wenn man nur vorsichtig ist ... Also morgen , lieber Senderko , morgen mittag ! « Am nächsten Tage geleitete er ihn um die erste Nachmittagsstunde , kurz nach dem Mittagsläuten in die Bücherei . » Es ist freilich eine Gefahr dabei « , murmelte er » wir müssen leise auftreten . « » Warum ? « fragte Sender . » Hm - nein - nichts ! « stotterte der Alte und wurde dunkelrot , er war das Lügen nicht gewohnt . Aber da standen sie schon vor der Tür der Bibliothek . » Auch ich bin seitdem nicht dagewesen « , sagte Fedko treuherzig , indem er öffnete , » das Herz hat mir zu weh getan . So ohne dich - ohne einen Zweck ... Du findest alles wie früher . « Sender trat ein , die Riegel schlossen sich hinter ihm . Es war in der Tat alles genau so , wie er es verlassen . Nur war ein Fensterflügel geöffnet , da drang die Sommerluft herein . » Vielleicht hat der Sturm den Flügel eingedrückt « , dachte Sender Aber als er näher zusah , gewahrte er noch eine Veränderung . Auf dem Tische des Ämilius lagen einige vergilbte Hefte . Er schlug sie auf und begann zu lesen . » Ho-mo homi-ni lu-pus . « Er konnte kein Wort verstehen , es war lateinisch . War einer der Mönche inzwischen hier gewesen ? Möglich , aber was störte das ihn ! Er begann nach Schillers Werken zu suchen , fand sie jedoch nicht . Hingegen fiel ihm ein anderes Buch in die Hände , das er gleichfalls schon dem Titel nach kannte , es war im Lesebuch oft erwähnt : » Faust « von Goethe . Er blätterte hin und her . Es befremdete ihn , daß er kein Personenverzeichnis fand , keine Einteilung in Akte . Dann aber begann er wohlgemut zu lesen : » Habe nun , ach , Philosophie , Juristerei und Medizin « und so weiter bis zum Vers : » Heiße Magister , heiße Doktor gar « - Da stutzte er zuerst : » Magister ? « Das war der Titel des Provisors in der Apotheke , der Magister der Pharmazie war - » Ist dieser Faust Apotheker und Arzt zugleich ? « dachte er . » Aber warum nicht , da er so vielerlei studiert hat ? « Und weiter las er bis zum Vers : » Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel « , da hielt er abermals inne und fragte laut : » Was plagt ihn nicht ? Was heißt Skrupel ? « » Ist das das einzige , was du nicht verstehst ? « Es war eine sanfte , leise Stimme , die diese Worte hinter ihm sprach , aber Sender erschrak tödlich und das Buch kollerte auf den Boden . » Gott über Israel ! « stieß er entsetzt hervor und wandte sich um . Vor ihm stand ein gebückter , klein gewachsener Greis im weißen Ordensgewande der Dominikaner . » Erschrick nicht so « , sagte er lächelnd . » Wie kommst du her ? « » Ver-zei-hen Sie - « stammelte Sender und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an . » Hat dich der Fedko eingelassen ? « » Ja . « » Und was suchst du hier ? « » Bücher - deutsche Bücher ! « Er brachte es nur mit Mühe hervor , und bebend fügte er hinzu : » Ich habe nichts genommen - alles stelle ich wieder an seinen Platz . « Der Greis trat näher - Sender wich zurück . » Fürchte dich nicht « , sagte der Mönch milde . » Von mir kommt dir nichts Schlimmes ! « Er ließ sich auf den Sessel des Ämilius nieder . » Warum suchst du die Bücher hier ? « fragte er . » Wo könnt ' ich sie sonst finden ? « erwiderte Sender . » Aber ich will nichts , als sie lesen - bei Gott im Himmel ! « Wieder lächelte der Greis - es war ein gütiges , mildes Lächeln in dem feinen , bleichen , durchfurchten Antlitz . » Das glaub ' ich dir ! Diebe lassen sich nicht vom Pförtner einschließen , um den Monolog des Faust lesen zu können . Aber ich meine , du könntest dies Buch und ähnliche auch anderswo finden . Beim Stadtarzt zum Beispiel , der ebenfalls ein Jude ist . « » Gewiß « , erwiderte Sender . » Der hat viele Bücher und ist ein guter Mann , er würde sie mir vielleicht leihen und es auch niemand sagen . Aber ein Zufall kann es doch enthüllen , ich hab ' gedacht : ich bin nirgendwo so sicher wie hier . « » Aber warum diese Heimlichkeit ? « » Unser Rabbi ist streng und die anderen auch . Man darf höchstens die notwendigsten deutschen Bücher lesen , aber keine solchen . Das ist Sünde , glauben sie . « » Das glauben auch manche andere Leute « , sagte der Mönch . Und wie im Selbstgespräch fügte er leiser hinzu , indem er die Hand auf die Schriften des Ämilius legte : » Der da hat recht gehabt , es ist überall dieselbe Geschichte , nur die Tracht ist verschieden ... « Dann fragte er : » Warum tust du , was der Rabbi verbietet ? « » Weil ich nicht anders kann ! « Der Greis nickte , als hätte er diese Antwort erwartet . » Wieder einer , den der große Durst quält , nicht wahr ? « Sender schwieg ; er verstand nicht , was der Mönch meinte . » Die großen Rätsel haben dich angefaßt und du möchtest die Antwort finden , dich den Klauen der Sphinx entreißen ? « Sender schüttelte langsam und zaghaft den Kopf . Der Greis blickte ihn schärfer an . » Du verstehst mich nicht ? « fragte er . » Wegen Rätseln bin ich nicht gekommen « , sagte Sender schüchtern . » Was suchst du in den Büchern ? « » Wissen « , sagte Sender . » Die Bildung . « Der Greis nickte . » Warum suchst du sie ? « » Herr - Herr- « Sender suchte nach der richtigen Titulatur . » Herr Prior , das ist eine lange Geschichte - « » Sag ' nur : Pater Marian oder auch Pater Poczobut , dies ist mein Name , ich bin nicht Prior . Und wie heißt du ? « » Sender - Alexander Kurländer ... « » Also , Alexander , erzähle mir die Geschichte . « Und als er den jungen Juden zaudern sah , setzte er hinzu : » Du kannst mir vertrauen , gewiß ! « » Ja « , sagte Sender , » das weiß ich . « Der Mann vor ihm trug eine Tracht , die ihm seit seiner Kindheit Furcht , ja Grauen eingeflößt , aber das war das Antlitz , die Stimme , der Blick eines guten Menschen . Und dann - » ertappt bin ich nun einmal « , dachte er , » vielleicht überzeugt er sich wenigstens , daß auch ich kein schlechter Mensch bin . « Und er erzählte alles , seine Schicksale , seinen Lebenszweck - und viel ausführlicher , als er vorhatte , weil Pater Marian durch Zwischenfragen , durch den Ausdruck seiner Züge bewies , daß ihn die Erzählung lebhaft interessierte . » Merkwürdig « , sagte er , nachdem Sender geschlossen . » Sehr merkwürdig . Ich hätte derlei kaum für möglich gehalten . Und doch « , fuhr er in jenem langgezogenen , halblauten Tone fort , in dem er laut zu denken pflegte , » was ist da zu verwundern ? ! ... Wo immer so ein Funke entglimmt , oft mitten im tiefsten Dunkel , und zur Leuchte wird , ist auch etwas Rätselhaftes dabei - den letzten Grund kennen wir nicht . Wir glauben , daß diese Funken sehr selten sind auf dieser dunklen Erde - das mag nicht richtig sein , sie sind häufig genug , nur daß wir von den meisten nie erfahren , weil sie das Dunkel wieder verschlingt ... Und wie wird es diesem da ergehen ? « Er heftete seine Augen gedankenvoll auf das kluge , bleiche , scharfgeschnittene Antlitz des jungen Mannes , mit den feurigen , rasch blickenden Augen . » An Ausdauer wenigstens scheint es dir nicht zu fehlen « , sagte er . » Ich weiß nicht , wie viel dir deine Studien im Winter genützt haben , aber jedenfalls hast du einen hohen Preis dafür gezahlt . Denn deine Erkältung hast du dir offenbar hier geholt . « » Vielleicht « , erwiderte Sender . » Ich hab ' nicht darüber nachgedacht . Aber was liegt daran ? Jetzt bin ich gesund . « » Was liegt daran ? « wiederholte der Greis . » Der Funke scheint echt . Und warum sollte sich nicht Ähnliches zum zweiten Mal begeben ? Du hast doch zweifellos « , wandte er sich wieder an Sender , » von deinem berühmten Schicksalsgenossen gehört ? Er war auch nur ein armer , unwissender Judenknabe , ein Pojaz wie du , und ist ein großer deutscher Schauspieler geworden . « » Natürlich hab ' ich von ihm gehört ! « rief Sender freudig . » Er ist sogar mein Beschützer , Adolf Nadler . Wissen Sie vielleicht , wo er jetzt ist ? « » Nadler ? Den kenn ' ich nicht . Ich habe Bogumil Dawison gemeint . Ich habe ihn vor zwei Jahren einmal in Breslau gesehen , als Shylock , und werde den Eindruck nie vergessen . « » Den spielt auch der Herr Nadler sehr gut « , sagte Sender . » Und auch ich werde ihn gut spielen - das weiß ich . « Der Greis mußte lächeln . » Wie alt bist du ? « » Bald einundzwanzig . « » Wenn es nur nicht schon - « begann er , » zu spät ist « , hatte er sagen wollen . Aber wozu den armen Menschen entmutigen ? - Im September wollte er ohnehin nach Lemberg . » Du gefällst mir « , sagte er . » Kann ich dir in den zwei Monaten noch etwas nützen , soll es gern geschehen . « » Ich dank ' Ihnen ! « rief Sender freudig und tat einen Schritt vorwärts . Er wollte die Hand des Greises fassen , aber er traute sich nicht . Als sie ihm der Pater jedoch reichte , beugte er sich ehrfurchtsvoll auf diese zitternde , runzlige Hand nieder und hätte sie geküßt , wenn sie sich ihm nicht rasch entzogen hätte . » Wenn das dein Rabbi gesehen hätte ! « sagte Poczobut . » Übrigens - wer weiß , ob ich dir nützen kann . Du willst Stücke lesen , sagst du ? Aber dann doch nicht als erstes den Faust - den kannst du ja jetzt unmöglich verstehen . Lieber ein Stück von Schiller - « » Ich hab ' keins finden können « , entschuldigte sich Sender . » Übrigens , mein erstes wär ' s nicht . Von Lessing hab ' ich schon vieles gelesen . Den Nathan und - « » So ? Nathan den Weisen ? Aber hast du ihn auch richtig verstanden ? Hältst du nun alle drei Ringe für gleich echt ? « Sender zuckte verlegen die Achseln . » Ich weiß nicht . Aber mein Ring ist jedenfalls echt . Denn er ist ja der älteste , kann also gar nicht einem anderen nachgemacht sein ! « Der Mönch mußte lachen , so pfiffig war dabei das Gesicht des » Pojaz « . » Nach dieser Probe zu schließen « , sagte er dann ernst , » würde es dir vielleicht nicht schaden , den Nathan noch einmal zu lesen ... Aber nicht mit mir « , fuhr er fort . » Wir wollen alles vermeiden , was dich verwirren oder gar dein Mißtrauen gegen mich wecken könnte . Ich will dich nicht zur Taufe bereden , Alexander , wahrhaftig nicht ! « » Ich glaub ' s Ihnen « , erwiderte der Jude . » Aber sagen Sie Sender - Alexander , damit fang ' ich erst in Lemberg an . Also Sie wollen so gut sein und ein Stück von Schiller mit mir lesen ? Aber sind die Bücher hier ? « Der Mönch wies nach der Stelle ; freudig brachte Sender die Bände herbei . » Aber wenn Fedko erfährt , daß ein Mönch darum weiß - « » Ich werde schweigen ! Und es soll mir lieb sein , wenn du es auch tust . Denn auch ich habe einen Gestrengen über mir , wie du den Rabbi ... Übrigens können wir ruhig sein , die anderen kommen nie hierher ... « » Sie sind wohl oft hier ? Aber wie kommt ' s , daß Fedko