die Glaubensfragen einstweilig freisinnig beiseite setzend , mich auf , das Christentum wenigstens dieser geistigen Bedeutung nach anzuerkennen und darauf zu hoffen , daß es in seiner wahren Reinheit erst noch erscheinen und seinen Namen behaupten werde ; etwas Besseres sei einmal nicht da , noch abzusehen . Hierauf erwiderte ich aber der Geist könne wohl durch einen Menschen leidlich schön geäußert , niemals aber erfunden werden , da er von jeher und unendlich sei ; daher die Bezeichnung der Wahrheit mit einem Menschennamen einem Raub am unendlichen Gemeingute gleichkomme , aus welchem der fortgesetzte Raub des Autoritätswesens aller Art entspringe . In einer Republik , sagte ich , fordere man das Größte und Beste von jedem Bürger , ohne ihm durch den Untergang der Republik zu vergelten , indem man seinen Namen an die Spitze pflanze und ihn zum Fürsten erhebe ; ebenso betrachte ich die Welt der Geister als eine Republik , die nur Gott als Protektor über sich habe , dessen Majestät in vollkommener Freiheit das Gesetz heilighielte , das er gegeben , und diese Freiheit sei auch unsere Freiheit , und unsere die seinige ! Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der Unsterblichkeit , so sei mir auch jede Morgenwolke die goldene Fahne der Weltrepublik ! » In welcher jeder Fähndrich werden kann ! « sagte freundlich lachend der Schulmeister ; ich aber behauptete die moralische Wichtigkeit dieses Unabhängigkeitssinnes scheine mir sehr groß und größer zu sein , als wir es uns vielleicht denken könnten . Zwölftes Kapitel Das Konfirmationsfest Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende ; wir mußten auf unsere Ausstattung denken , um würdig bei der Festlichkeit zu erscheinen . Es war unabänderliche Sitte , daß die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack machen ließen , den Hemdekragen in die Höhe richteten und eine steife Halsbinde darum banden , auch die erste Hutröhre auf den Kopf setzten ; zudem schnitt jeder , wer jugendlich lange Haare getragen , dieselben nun kurz und klein gleich den englischen Rundköpfen . Dies waren mir alles unsägliche Greuel , und ich schwur , dieselben nun und nimmermehr nachzumachen . Die grüne Farbe war mir einmal eigen geworden , und ich wünschte nicht einmal meinen Übernamen abzuschaffen , der mir noch immer gegeben wurde , wenn man von mir sprach . Leicht wußte ich meine Mutter zu überreden , grünes Tuch zu wählen und statt eines Frackes einen kurzen Rock mit einigen Schnüren machen zu lassen , dazu statt des gefürchteten Hutes ein schwarzes Sammetbarett , da Hut und Frack doch selten getragen und wegen meines Wachstums also eine unnütze Ausgabe sein würden . Es leuchtete ihr um so mehr ein , als die armen Lehrlinge und Tagelöhnersöhne auch keinen schwarzen Habit zu tragen pflegten , sondern in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern erschienen , und ich erklärte , es sei mir vollkommen gleichgültig , ob man mich zu den ehrbaren Bürgerskindern zähle oder nicht . So breit ich konnte , schlug ich den Halskragen zurück , strich mein langes Haar kühn hinter die Ohren und erschien so , das Barett in der Hand , am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen , wo noch eine vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte . Als ich mich unter die feierliche , steif geputzte Jugend stellte , wurde ich mit einiger Verwunderung betrachtet ; denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein vollendeter Protestant da ; weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich eher zu verbergen suchte , so verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter beachtet . Die Ansprache des Geistlichen gefiel mir sehr wohl ; ihr Hauptinhalt war , daß von nun an ein neues Leben für uns beginne , daß alle bisherigen Vergehungen vergeben und vergessen sein sollten , hingegen die künftigen mit einem strengern Maße gemessen würden . Ich fühlte wohl , daß ein solcher Übergang notwendig und die Zeit dazu gekommen sei ; darum schloß ich mich mit meinen ernsten Vorsätzen , welche ich insbesondere faßte , gern und aufrichtig diesem öffentlichen Vorgange an und war auch dem Manne gut , als er angelegentlich uns ermahnte , nie das Vertrauen zum Bessern in uns selbst zu verlieren . Aus seiner Behausung zogen wir in die Kirche vor die ganze Gemeinde , wo die eigentliche Feier vor sich ging . Dort war der Geistliche plötzlich ein ganz anderer ; er trat gewaltig und hoch auf , holte seine Beredsamkeit aus der Rüstkammer der bestehenden Kirche und führte in tönenden Worten Himmel und Hölle an uns vorüber . Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit steigender Spannung auf einen Moment hin gerichtet , welcher die ganze Gemeinde erschüttern sollte , als wir , die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden , ein lautes und feierliches Ja aussprechen mußten . Ich hörte nicht auf den Sinn seiner Worte und flüsterte ein Ja mit , ohne die Frage deutlich verstanden zu haben ; jedoch durchfuhr mich ein Schauer , und ich zitterte einen Augenblick lang , ohne daß ich dieser Bewegung Herr werden konnte . Sie war eine dunkle Mischung von unwillkürlicher Hingabe an die allgemeine Rührung und von einem tiefen Schrecken , welcher mich über dem Gedanken ergriff , daß ich , so jung noch und unerfahren , doch einer so uralten Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft , von der ich ein unbedeutendes Teilchen war , abgefallen gegenüberstand . Am Weihnachtsmorgen mußten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen , um nun das Abendmahl zu nehmen . Ich war schon in der Frühe guter Laune ; noch ein paar Stunden , und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange , frei wie der Vogel in der Luft ! Ich fühlte mich daher mild und versöhnlich gesinnt und ging zur Kirche , wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht , mit welcher man nichts gemein hat , daher der Abschied aufgeräumt und höflich ist . In der Kirche angekommen , durften wir uns unter die älteren Leute mischen und jeder seinen Platz nehmen , wo ihm beliebte . Ich nahm zum ersten und letzten Mal den Männerstuhl in Beschlag , welcher zu unserm Hause gehörte und dessen Nummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte . Er war seit dem Tode des Vaters , also viele Jahre , leer geblieben , oder vielmehr hatte sich ein armes Männchen , das sich keines Grundbesitzes erfreute , darin angesiedelt . Als er herankam und mich in dem Gehäuse vorfand , ersuchte er mich mit kirchlicher Freundlichkeit , » seinen Ort « räumen zu wollen , und fügte belehrend hinzu , in diesem Reviere seien alles eigengehörige Plätze Ich hätte als ein grüner Junge füglich dem bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen können ; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten im Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune ; auch wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmaßung bestrafen , und endlich tat ich dieses nur in dem Bewußtsein , daß der Abgewiesene alsobald wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne , und dieser Gedanke machte mir das größte Vergnügen . Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen aufsuchen sah , nahm ich mir vor , ihm am andern Tage anzudeuten , daß er sich immerhin meines Stuhles bedienen solle , indem ich denselben nicht brauche . Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen , wie es mein Vater getan . Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche , denn alle hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute , indem er den großen und guten Geist , welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah , alsdann besonders fühlte und verehrte . Weihnachten , Ostern , Himmelfahrt und Pfingsten waren ihm die herrlichsten Freudentage , an welchen es mit Betrachtungen , Kirchenbesuch und frohen Spaziergängen auf grüne Berge hoch herging . Diese Vorliebe für Festtage hatte sich auf mich vererbt , und wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem Berge stehe in der kristallklaren Luft , so ist mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die allerschönste Musik , und ich habe schon oft darüber spintisiert , durch welchen Gebrauch bei einer allfälligen Abschaffung des Kirchentumes das schöne Geläute wohl erhalten werden dürfte . Es wollte mir jedoch nichts einfallen , was nicht töricht und gemacht ausgesehen hätte , und ich fand zuletzt immer , daß der sehnsüchtige Reiz der Glockentöne gerade in dem jetzigen Zustande bestehe , wo sie fern aus der blauen Tiefe herüberklangen und mir sagten , daß dort das Volk in alten gläubigen Erinnerungen versammelt saß . In meiner Freiheit ehrte ich dann diese Erinnerungen wie diejenigen der Kindheit , und eben dadurch , daß ich von ihnen geschieden war , wurden mir die Glocken , die so viele Jahrhunderte in dem alten schönen Lande klangen , wehmütig ergreifend . Ich empfand , daß man nichts » machen « kann und daß die Vergänglichkeit , der ewige Wandel alles Irdischen schon genugsam für poetisch sehnsüchtigen Reiz sorgen . Der Freiheitssinn meines Vaters in religiöser Hinsicht war vorzüglich gegen die Übergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und Verknöcherung reformierter Orthodoxen gerichtet , gegen absichtliche Verdummung und Heuchelei jeder Art , und das Wort Pfaff war bei ihm daher öfter zu hören . Würdige Geistliche ehrte er aber und freute sich , ihnen Ergebenheit zu zeigen , und wenn es womöglich ein erzkatholischer , aber ehrenwerter Priester war , welchem er Ehrerbietung beweisen konnte , so machte ihm dies um so größeres Vergnügen , gerade weil er sich im Schoße der Zwinglischen Kirche sehr geborgen fühlte . Das Bild des humanen und freien Reformators , der auf dem Schlachtfelde gefallen , war meinem Vater ein geliebter sicherer Führer und Bürge . Ich aber stand nun auf einem andern Boden und fühlte wohl , daß ich bei aller Verehrung für den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein würde , während ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die Unabhängigkeit meiner Überzeugung gewiß war . Dieses friedliche Ausscheiden in Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn , welches ich arglos voraussetzte , feierte ich nun in dem Kirchenstuhle , indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte ; und als die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied : » Dies ist der Tag , den Gott gemacht ! « anstimmte , sang ich es für meinen Vater laut und froh mit , obgleich ich Mühe hatte , den richtigen Ton zu halten ; denn rechts stand ein alter Kupferschmied , links ein gebrechlicher Zinngießer , welche mich mit den seltsamsten Arabesken von der rechten Bahn zu locken suchten , und dies um so lauter und kühner , je standhafter ich blieb . Dann hörte ich aufmerksam auf die Predigt , kritisierte sie und fand sie gar nicht übel ; je näher das Ende rückte und mir die Freiheit winkte , desto trefflicher fand ich die Predigt , und ich nannte in meinem Herzen den Pfarrer einen wackern Mann . Meine Stimmung wurde immer heiterer ; endlich fand das Abendmahl statt ; aufmerksam verfolgte ich die Zurüstungen und beobachtete alles sehr genau , um es nicht zu vergessen ; denn ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen . Das Brot besteht aus weißen Blättern von der Größe und Dicke einer Karte und sieht feinem glänzendem Papiere ähnlich . Der Küster backt es , und die Kinder kaufen sich bei ihm die Abfälle als einen unschuldigen Leckerbissen , und ich selbst hatte mir manchmal eine Mütze voll erworben und mich gewundert , daß man eigentlich doch nichts daran äße . Zahlreiche Kirchendiener teilen es aus , den Reihen entlang , worauf die Andächtigen eine Ecke davon brechen und die Blätter weitergeben , während andere Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nachfolgen lassen . Manche Leute , besonders die Frauen und Mädchen , behalten gern ein Blättchen zurück , um es andächtig in ihr Gesangbuch zu legen . Auf ein solches , das ich im Buche einer meiner Basen gefunden , hatte ich einst ein Osterlämmchen gemalt mit einem Amor , der darauf reitet , und bei der Entdeckung ein strenges Verhör nebst Verweis zu bestehen gehabt ; als ich jetzt mehrere solcher Blätter in der Hand hielt , erinnerte ich mich daran und mußte lächeln ; auch gelüstete es mich einen Augenblick lang , eines zurückzubehalten , um irgendein lustiges Erinnerungszeichen an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen . Aber ich besann mich , daß ich in dem väterlichen Stuhle stand , und gab das Brot weiter , nachdem ich eine Ecke davon in den Mund gesteckt , zum andächtigen , aber allerletzten Abschiede von der Kinderzeit und der Kinderspeise , die ich beim Küster gekauft hatte . Als ich den Becher in der Hand hielt , blickte ich fest in den Wein , ehe ich trank ; aber es rührte mich nicht , ich nahm einen Schluck , gab die Schale weiter , und indem ich , mit den Gedanken schon weit auf dem Wege nach Hause , den Wein hinabschluckte , drehte ich ungeduldig mein Sammetbarett in der Hand und mochte kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten , da es anfing , mich gewaltig an den Füßen zu frieren und das Stillstehen schwierig wurde . Als die Kirchentüren sich auftaten , drängte ich mich geschmeidig durch die vielen Leute , ohne die Freude meiner Freiheit sichtbar werden zu lassen und ohne jemanden anzustoßen , und war bei aller Gelassenheit doch der erste , der sich in einiger Entfernung von der Kirche befand . Dort erwartete ich meine Mutter , welche sich endlich in ihrem schwarzen Gewande demütig aus der Menge hervorspann , und ging mit ihr nach Hause , gänzlich unbekümmert um meine geistlichen Unterrichtsgenossen . Es war kein einziger darunter , mit welchem ich in näherer Berührung stand , und viele derselben sind mir bis jetzt noch gar nicht wieder begegnet . In unserer warmen Stube angekommen , warf ich vergnügt mein Gesangbuch hin , indessen die Mutter nach dem Essen sah , welches sie am Morgen in den Ofen gesetzt hatte . Es sollte heute so reichlich und festlich sein , wie unser Tisch seit den Tagen des Vaters nie mehr gesehen , und eine arme Witwe war dazu eingeladen , die der Mutter manche kleine Dienste leistete und sich jetzt pünktlich einfand . Am Weihnachtstage wird immer das erste Sauerkraut genossen , und so wurde es auch hier aufgestellt mit schmackhaften Schweinsrippchen Die Beurteilung desselben gab den Frauen einen guten Anfang zum Gespräche . Die Witwe war von ebenso gutmütiger als polternder Gemütsart ; als hierauf eine kleine Pastete kam , schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und versicherte , sie esse gewiß nichts davon , es wäre schade dafür . Den Schluß machte ein gebratener Hase , den der Oheim gesendet hatte . Diesen , ermahnte die Frau , sollten wir unangetastet lassen und auf den zweiten Feiertag versparen , es sei nun schon mehr als genug ; trotzdem aßen wir alle und saßen lange bei Tisch , aufs beste unterhalten von der armen Frau , welche die Tischreden mit der Erzählung ihres Schicksales durchflocht und die Schleusen ihres Herzens weit öffnete . Sie hatte vor langer Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnutzigen Mann gehabt , der in alle Welt gegangen mit Hinterlassung eines Sohnes , welchen sie mit großer Not so weit gebracht , daß er als Geselle bei Dorfschneidern sich kümmerlich umhertreiben konnte , während sie in der Stadt ihr Brot mit Wassertragen , Waschen und solchen Dingen verdienen mußte . Schon die Beschreibung ihres Mannes , des Lumpenbundes , wie sie ihn nannte , machte uns höchlich lachen , doch noch mehr das Verhältnis , in welchem sie zu ihrem Sohne stand . Während sie ihn als eine Frucht des Lumpenhundes mit der größten Verachtung bezeichnete , war derselbe doch der einzige Gegenstand ihrer Liebe und ihrer Sorge , so daß sie fortwährend von ihm sprach . Sie gab ihm alles , was sie irgend konnte , und gerade die Kleinheit dieser Gaben , die für sie so viel waren , mußten uns rühren und zugleich zum Lachen reizen , wenn sie die » Opfer « , welche sie fortwährend bringe , mit gutmütiger Prahlerei aufzählte . Letzte Ostern , erzählte sie , habe er ein rot und gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten , auf Pfingsten ein Paar Schuh , und zu Neujahr hätte sie ihm ein Paar wollene Strümpfe und eine Pelzkappe bereit , dem miserablen Kerl , dem Knirps , dem Milchsuppengesicht ! Seit drei Jahren hätte er an zwei Louisdor nach und nach von ihr empfangen , der Säuberling , die elende Krautstorze ! Aber für alles müsse er ihr eine Bescheinigung zustellen , denn , so wahr sie lebe , müsse ihr Mann , der Landstreicher , ihr jeden Liard ersetzen , wenn er sich nur einmal sehen ließe . Die Bescheinigungen ihres Sohnes , des Stuhlbeines , seien sehr schön , denn derselbe könne besser schreiben als der eidgenössische Staatskanzler ; auch blase er die Klarinette gleich einer Nachtigall , daß man weinen müsse , wenn man ihm zuhöre . Allein er sei ein ganz miserabler Bursche , denn nichts gedeihe bei ihm , und so viel Speck und Kartoffeln er auch verschlinge , wenn er mit seinem Meister bei den Bauern auf Kundschaft gehe , nichts helfe es , und er bleibe mager , grün und bleich wie eine Rübe . Einmal habe er die Idee ausgeheckt zu heiraten , da er nun doch dreißig Jahr alt sei . Weil aber gerade ein Paar Strümpfe für ihn fertig geworden , habe sie selbige unter den Arm genommen , auch eine Wurst gekauft , und sei auf das Dorf hinausgerannt , um ihm die saubere Idee auszutreiben . Bis er die Wurst fertig gegessen , habe er auch sich endlich in sein Schicksal ergeben , und nachher habe er noch auf das schönste die Klarinette geblasen . Er könne nähen wie der Teufel , so wie auch sein Vater nicht auf den Kopf gefallen sei und die besten Garnhäspel zu machen verstehe weit und breit ; allein es wäre einmal ein böses Blut in diesen verteufelten Burschen , und daher müsse der junge Säuberling im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorsichtig verfahren werden . Sie lobte das Essen unaufhörlich und pries jeden Bissen mit den überschwenglichsten Worten , nur bedauernd , daß sie ihrem Galgenstrick nichts davon geben könne , obschon er es nicht verdiene . Dazwischen brachte sie die Geschichte von drei oder vier Meisterfamilien an , bei denen ihr Söhnchen gearbeitet , die unschuldigen Zerwürfnisse mit denselben und lustige Vorfälle , welche sich in den Dörfern ereignet , wo Meister und Geselle geschneidert hatten , so daß die Schicksale einer großen Menge unser Mahl würzten , ohne daß diese etwas davon ahnte . Nach dem Essen nahm die Frau , durch ein paar Gläser Wein lustig geworden , meine Flöte und suchte darauf zu blasen , gab sie dann mir und bat mich , einen Tanz aufzuspielen . Als ich dies tat , faßte sie ihre Sonntagsschürze und tanzte einmal zierlich durch die Stube herum ; wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und waren alle höchst zufrieden . Sie sagte , seit ihrer Hochzeit habe sie nicht mehr getanzt ; es sei doch der schönste Tag ihres Lebens , wennschon der Hochzeiter ein Lumpenhund gewesen ; und am Ende müsse sie dankbar bekennen , daß der liebe Gott es immer gut mit ihr gemeint und für ihr Brot gesorgt , auch ihr noch jederzeit eine fröhliche Stunde gegönnt habe ; so hätte sie noch gestern nicht gedacht , daß sie einen so vergnügten Weihnachtstag erleben würde . Dadurch wurden die beiden Frauen veranlaßt , ernsthaftere und zufriedene Betrachtungen anzustellen , indessen ich Gelegenheit fand , einen Blick in das Leben einer Witwe zu werfen , welche aus ihrem Sohne einen Mann machen möchte und hiezu nichts tun kann , als demselben Strümpfe stricken . Auch mußte ich gestehen , daß meine Lebensverhältnisse , welche mir oft arm und verlassen schienen , wahrhaftes Gold waren im Vergleich zu der dürftigen Verlassenheit und Getrenntheit , in welcher die Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten . Dreizehntes Kapitel Das Fastnachtsspiel Einige Wochen nach Neujahr , als ich eben den Frühling herbeiwünschte , erhielt ich vom Dorfe aus die Kunde , daß mehrere Ortschaften jener Gegend sich verbunden hätten , dieses Mal zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine großartige dramatische Schaustellung zu verherrlichen . Die einstige katholische Faschingslust hat sich als allgemeine Frühlingsfeier bei uns erhalten und seit einer Reihe von Jahren die derbe Volksmummerei nach und nach in vaterländische Aufführungen unter freiem Himmel verwandelt , an welchen erst nur die Jugend , dann aber auch fröhliche Männer teilnahmen ; bald wurde eine Schweizerschlacht dargestellt , bald eine Handlung aus dem Leben berühmter Helden , und nach dem Maßstabe der Bildung und des Wohlstandes einer Gegend wurden solche Aufzüge mit mehr oder weniger Ernst und Aufwand vorbereitet und ausgeführt . Einige Ortschaften waren schon bekannt durch dieselben , andere suchten es zu werden . Mein Heimatdorf war nebst ein paar anderen Dörfern von einem benachbarten Marktflecken eingeladen worden zu einer großen Darstellung des Wilhelm Tell , und infolgedessen war ich wieder durch meine Verwandten aufgefordert worden , hinauszukommen und an den Vorbereitungen teilzunehmen , da man mir einige Erfahrung und Fertigkeit besonders als Maler zutraute , um so mehr , als unser Dorf in einer fast ausschließlichen Bauerngegend lag und in solchen Dingen wenig Gewandtheit besaß . Ich war vollständig Herr meiner Zeit , auch eine Unterbrechung zu solchem Zwecke zu sehr im Geiste meines Vaters , als daß die Mutter dagegen Bedenken erhoben hätte ; also ließ ich es mir nicht zweimal sagen und ging jede Woche für einige Tage hinaus , wobei mir schon das stete Wandern zu dieser Jahreszeit , manchmal durch die schneebedeckten Felder und Wälder , die größte Freude machte . Ich sah nun das Land auch im Winter , die Winterbeschäftigungen und Winterfreuden der Landleute und wie dieselben dem erwachenden Frühling entgegengehen . Man legte der Aufführung Schillers Tell zugrunde , welcher in einer Volksschulausgabe vielfach vorhanden war , darin nur die Liebesepisode zwischen Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz fehlte . Das Buch ist den Leuten sehr geläufig , denn es drückt auf eine wunderbare Weise ihre Gesinnung und alles aus , was sie durchaus für wahr halten ; wie denn selten ein Sterblicher es übel aufnehmen wird , wenn man ihn dichterisch ein wenig oder gar stark idealisiert . Weitaus der größere Teil der spielenden Schar sollte als Hirten , Bauern , Fischer , Jäger das Volk darstellen und in seiner Masse von Schauplatz zu Schauplatz ziehen , wo die Handlung vor sich ging , getragen durch solche , welche sich zu einem kühnen Auftreten für berufen hielten . In den Reihen des Volks nahmen auch junge Mädchen teil , sich höchstens in den gemeinschaftlichen Gesängen äußernd , während die handelnden Frauenrollen Jünglingen übertragen waren . Der Schauplatz der eigentlichen Handlung war auf alle Ortschaften verteilt , je nach ihrer Eigentümlichkeit , so daß dadurch ein festliches Hin- und Herwogen der kostümierten Menge und der Zuschauermassen bedingt wurde . Ich erwies mich als brauchbar bei den Vorbereitungen und wurde mit manchen Geschäften betraut , welche in der Stadt zu besorgen waren . Ich stöberte alle Magazine durch , wo sich etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden mochte , und suchte das Tauglichste vorzuschlagen , besonders da andere Beauftragte geneigt waren , zuerst nach dem Grellen und Auffallenden zu greifen . Ja , ich kam sogar mit den Beamten der Republik in Berührung und fand Gelegenheit , mich als einen tapfern Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen , da mir die Auswahl und Übernahme der alten Waffen übergeben wurde , welche die Behörde unter der Bedingung treuer Sorgfalt bewilligte . Weil aber gerade diesmal mehrere ähnliche Feste stattfanden , so mußten beinahe alle Vorräte geräumt werden , und nur die wertvollsten Trophäen , an welche sich bestimmte Erinnerungen knüpften , blieben zurück . Überdies stritten sich die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen ; alle wollten dasselbe haben , obschon es nicht für alle sich schickte ; eine Anzahl großer Schlachtschwerter und Morgensterne , welche ich für meine Eidgenossen ausgesucht , wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden , ungeachtet ich ihm vorstellte , daß er für die Zeit , aus welcher seine Leute eine Handlung darstellen wollten , ganz anderer Gegenstände bedürfe . Ich berief mich endlich auf den Zeugwart , welcher mir recht gab , und der ansehnliche starke Wirt aus den Dörfern , welcher hinter mir stand , um die Sachen wegzuführen , triumphierte und belobte mich freundlich . Allein die Gegner hielten mich nun für einen gefährlichen Burschen , der das Beste vorwegnähme , und gingen mir auf Schritt und Tritt nach in dem alten Zeughause , gerade das ausersehend , was ich ins Auge faßte , so daß ich nur mit der äußersten Beharrlichkeit noch einen Wagen voll Eisenhüte und Halmbarten für meine reisigen Tyrannenknechte zur Seite brachte . So kam ich mir sehr wichtig vor , als ich mit den Aufsehern das Verzeichnis der verabfolgten Sachen feststellte , obgleich der Wirt der eigentliche Gewährsmann war und dasselbe unterschrieb . Dann hatte ich wieder auf dem Lande vollauf zu tun und begab mich mit einigen Paketen Farbstoff und mächtigen Pinseln hinaus , um ein neues Bauernhaus an der Straße noch völlig in Stauffachers Wohnung umzuwandeln mittelst bunter Zieraten und Sprüche ; denn nicht nur sollte da die Unterredung zwischen Stauffacher und seinem Weibe stattfinden , sondern der Zwingherr vorher selbst heranreiten und seine böse Harangue loslassen . Im Hause des Oheims war ich ein eigentliches Faktotum und eifrig bestrebt , die Kleidung der Söhne so historisch als möglich zu machen und die Töchter , welche sich sehr modern aufputzen wollten , von solchem Beginnen abzuhalten . Mit Ausnahme der Braut wollten sich alle Kinder des Oheims beteiligen , und sie suchten auch Anna zu überreden , welche überdies von dem leitenden Ausschusse dringend eingeladen war . Allein sie wollte sich durchaus nicht dazu verstehen , ich glaube nicht nur aus Zaghaftigkeit , sondern auch ein wenig aus Stolz , bis der Schulmeister , für diese Veredlung der alten roheren Spiele langher begeistert , sie entschieden aufforderte , auch das Ihrige beizutragen . Nun war aber die große Frage , was sie vorstellen sollte ; ihre Feinheit und Bildung sollte dem Feste zur Zierde gereichen , während doch alle hervorragenden Frauenrollen jungen Männern zuteil geworden . Ich hatte mir aber längst etwas für sie ausgedacht und überzeugte bald meine Basen und den Schulmeister von der Trefflichkeit meines Vorschlages . Obgleich die Rolle der Berta von Bruneck gänzlich wegfiel , so konnte sie doch als stumme Person das ritterliche Gefolge Geßlers verherrlichen . Dieses war sonst vom Volkshumor ziemlich schofel und wild und besonders der Tyrann sehr fratzenhaft und lächerlich dargestellt worden ; dagegen hatte ich nun durchgesetzt , daß der Aufzug des Landvogts recht glänzend und herrisch sein müsse , weil der Sieg über einen elenden Widersacher nichts Absonderliches sei . Ich selbst hatte den Rudenz übernommen ; auch sein Verhältnis zum Attinghausen fiel weg , und erst am Schlusse hatte er zum Volke überzugehen , so daß mir viel Freiheit und Zeit zu mancher Aushilfe und vor allem wenig zu sprechen blieb . Einer der Vettern machte Rudolf den Harras , und Anna konnte also sich im Schutze von zwei Verwandten befinden . Zufällig war die Originalausgabe von Schiller gar nicht bekannt im Hause , und selbst der Schulmeister las diesen Dichter nicht , weil seine Bildung nach anderen Seiten hinstrebte ; also ahnte kein Mensch die Beziehungen , welche ich in meinen Plan legte , und Anna ging arglos in die ihr gestellte Falle . Das Schwerste war , sie zum Reiten zu bringen ; ein kugelrunder gemütlicher Schimmel stand im Stalle meines Oheims , welcher nie jemandem ein Haar gekrümmt hatte und auf welchem der Oheim über Land zu reiten pflegte . Auf dem Boden befand sich ein vergessener Damensattel aus der alten Zeit ; dieser wurde mit rotem Plüsch neu bezogen , den man einem ehrwürdigen Lehnstuhle entnahm , und als Anna zum ersten Mal sich darauf setzte , ging es ganz trefflich , besonders da der reitkundige Nachbar Müller einige Anleitung gab , und Anna fand zuletzt großes Vergnügen an dem guten Schimmel . Eine mächtige hellgrüne Damastgardine , welche einst ein Himmelbett umgeben hatte , wurde zerschnitten und in ein Reitkleid umgewandelt ; auch besaß der Schulmeister als ein altes Erbstück eine Krone von silbernem Flechtwerke , wie sie ehemals die Bräute getragen ; Annas goldglänzendes Haar wurde nur zunächst der Schläfe zierlich geflochten , unterhalb aber in seiner ganzen Länge frei ausgebreitet und dann die Krone aufgesetzt , auch ein breites goldenes Halsband umgetan , auf meinen Rat einige Ringe über die weißen Handschuhe gesteckt , und als sie zum ersten Mal diesen ganzen Anzug probierte , sah sie nicht nur aus wie ein Ritterfräulein , sondern wie eine Feenkönigin , und das ganze Haus war in ihrem lieblichen Anblick verloren . Aber jetzt weigerte sie sich aufs neue , an dem Spiele teilzunehmen , weil sie sich selber so fremd vorkam , und wenn nicht die ganze Bevölkerung in ihren ehrbarsten Familien bei der Sache gewesen wäre , so hätte man sie nicht dazu gebracht . Unterdessen hatte ich nicht geruht und mit meinen Herren Vettern ein wenig ins Sattlerhandwerk gepfuscht , indem wir die nicht sehr sauberen Zügelriemen des Oheims mit rotem Seidenzeuge umnähten , welches wir von einem Juden billig gekauft ; denn Annas Hände sollten das alte Lederwerk nicht unmittelbar berühren . Meinen eigenen Anzug hatte ich längst in Ordnung gebracht und