, doch feuchten Auges schloß der Greis seine Rede . Dezimus aber , der Junge schlecht und recht , fiel wie erlöst zu seines Vaters Füßen , preßte dessen beide Hände gegen sein Herz , und heiße Tropfen rannen darauf nieder . Ein vernehmliches Wort aber sprach er nicht . Am anderen Tage , obgleich es der Abschiedstag war , ging er wie auf Federn ; ja wahrlich , der stämmige Enakssohn , er schwebte , so leicht war sein Herz . Sein Abiturientenzeugnis hatte brav gelautet , und die Trennung währte ja nur kurz ; zum heiligen Christ war er wieder da ! Er empfahl sich in beiden Gemeinden Haus bei Haus ; selbst bei seinem Vizepaten versuchte er vorzudringen , zu seiner Genugtuung indessen vergeblich . Auch Lydia war nicht sichtbar ; Frau von Hartenstein aber entließ ihn mit mütterlichen Tränen , und ihre beiden jüngsten Töchter schenkten ihm die Andenken , die ihm schon zum Geburtstage bestimmt gewesen waren . Die kleine Phöbe hatte eigenhändig 365 Blätter je mit einem Bibelverse beschrieben . Alle Morgen sollte ihr guter Dezimus , so wie es im pröpstlichen Hause gang und gäbe war , sich auf einem dieser Blätter die Tageslosung ziehen . Fräulein Priszilla aber brachte gar ein schönes Album , auf das sie unter einem Kornblumenkranze seinen Namen gestickt hatte und in welches sich , mit Ausnahme des kranken Vaters , sämtliche Familienglieder eingetragen hatten ; auch Max , dazumal noch hoffnungsvoller Bräutigam , war darin verewigt , wennschon nicht mit einer eigenen Inspiration , so doch mit einer dem Schüler gemäßen Horazischen Sentenz . Lydia hatte geschrieben : » Dring durch die Kreise bis zum fernsten , Vor dessen Licht kein anderes sich behauptet . « Dante war einer der wenigen Dichter , welche Lydia , als Vorleserin ihres Vaters , gründlich kannte und vielleicht der einzige , welchen Max nicht las . Am Abend war in dem Hause , aus welchem der Sohn scheiden sollte , die tapfer verhaltene Wehmut nicht länger zu bannen . Kein Scherz und kein Ernst wollten mehr verfangen ; ein jeder zögerte , mit dem Aufbruch zu beginnen . Erst als es Mitternacht schlug , erhob sich der Vater , legte schweigend die Hände auf des Jünglings Haupt und stieg hinunter in das geistliche Gemach . » Ich sehe dich noch , mein Dezimus , « sagte die Mutter , indem sie rasch das Zimmer verließ . Bruder und Schwester waren allein . Sie schlang die Arme um seinen Hals und sagte zwischen Schluchzen und Lachen : » Daß du mich nur liebbehältst , alter Dezem , unter den Scharteken und Rohren deiner dummen Universität ! « Dann lief sie , beide Hände vor dem Gesicht , der Mutter nach . Das liebe , närrische , kluge Röschen , wie wäre es nur möglich gewesen , daß irgendwo und wie und wann ihr alter Dezem sie nicht liebbehalten hätte ! Er dachte den Weg , wie dazumal auf der Suche nach der fremden Blume , zu Fuß zu machen , legte sich daher gar nicht nieder , sondern saß an seinem Kammerfenster , bis der Morgenstern in voller Herbstpracht aufgegangen war . Dann brach er auf . Als er die Haustür leise öffnete , kam die Mutter ihm nach , drückte ihn an ihr Herz und schluchzte , ja sie schluchzte : » Vergiß nur die Wäschzettel nicht , mein Dezem ! « Die liebe , närrische , kluge Mutter , als ob ein Sohn , den sie erzogen hat , die Wäschzettel vergessen könnte ! Der nächste Weg zur Landstraße führte über den Friedhof . Während er zu einem Abschiedsgruß vor dem Hügel der Mutter stand , deren Liebe ihm eine Fremde ersetzt hatte , trat hinter dem weißen Marmorkreuz , das den Namen Joachim von Hartenstein trug , eine dunkle Gestalt hervor . Es war Lydia , die an dieser Stelle täglich die Sonne aufgehen sah . Er konnte es nicht lassen , er trat an sie heran und reichte ihr die Hand . Sie hielt sie eine lange Weile in der ihren , und schweigend schieden sie . Als er unter der Pforte sich noch einmal umblickte , stand die hohe , dunkle Gestalt regungslos wie zuvor neben dem weißen Kreuz . Und so war das letzte Bild , das er aus der Heimat in sein neues Leben trug , das der Jungfrau , über welcher der Morgenstern leuchtete . Die ersten Prüfungen Die akademische Zeit ist dem Zeitraum nach kein Stufenjahr . Es gibt aber wohl manchen studierten Mann , der mit dieser ersten Sprosse auf der Freiheitsleiter auch die oberste erklommen hat , und keinen einzigen wird es geben , dem , wenn er schon lange Jahre den Berg des Lebens abwärts steigt , nicht ein Rosenflor der Jugend die welken Wangen überflöge , sooft Gedanke oder Rede rückwärts schweifen auf die kurze Spanne , wo er das Gaudeamus sang und Unsinn Weisheit nannte . Und da will uns denn bedünken , als ob das Wertzeichen des Zustandes , welchen wir einen glücklichen nennen , weit weniger der Genuß sei , welchen er gewährt , als die Erinnerung , welche er hinterläßt . Denn , ach , wie bleiern drückte oftmals die Gegenwart , die im Gedächtnis so goldig leuchtet ! Wie viele freie Musensöhne gab es - und gibt es vielleicht auch heute noch - , denen , wenn sie abends im engen Dachstübchen matt und müde sich auf ihr schmales Federbett niederwarfen , der Kopf geraucht hat nicht nur von den unlösbaren Problemen der Weisheitsschulen , sondern weit mehr noch von den Pauklektionen , in welchen sie den Tag über noch manch dickhäutigeres Haupt als das eigene rauchen machten ; die , nur halbsatt vom Freitisch im Konvikt und vom barmherzigen Wandertisch , nach dem Bierseidel und der Knasterpfeife , den mundstopfenden Mächten des knurrenden Magens , vergeblich schmachteten ; wie viele , denen , wenn sie sich morgens die bedenklich ausplatzenden Stiefel wichsten und am fadenscheinigen Rock die abgesprungenen Knöpfe festnähten , wenn sie die Kragen und Manschetten , welche das einzige Wochenhemd schamhaft verhüllen sollten , auf die umgekehrte Seite wendeten , denen dann wiederum der Kopf geraucht hat über das Problem der fälligen Wäschgroschen und Schustertaler ! Ach , wie viele freie Musensöhne , die - ade , Humor ! - sehnsüchtig des goldenen Handwerksbodens daheim gedachten , mit Seufzen die Bissen berechneten , die Vater und Mutter für dieses Martyrium der Gelehrsamkeit dem eigenen Munde absparten , und die dann , » grollend schon in Blütentagen « , ausriefen : » O du Galeere , du Sklavenmarkt von Welt ! « Ja , groß war auch in des Hirtensohnes von Werben Zeit und Zone die Zahl dieser Märtyrer der Wissenschaft , welche die beste Jugendkraft verbrauchten , die Dornen und Steine aus ihrem Wege zu räumen , um dann , vom Bücken gekrümmt , ihre Straße sachte bergan zu schlendern und erst beim Rückblick aus weiter Ferne das Haupt wieder zu heben und zu rufen : » Es war doch schön ! « Aber der glückliche Hirtensohn und Stipendiat von Werben gehörte nicht unter diese Zahl . Auch er kehrte abends in ein Dachstübchen zurück ; aber es hatte , wie seine heimische Kammer , einen freien Horizont ; und schon im zweiten Semester ragte es über die Baumkronen des schönen Gartens , der die Sternwarte umgab , hinweg , und er hatte seinem Hausherrn , dem jetzt urgreisen Chaldäer , statt des Zinses nicht mehr als diesen und jenen Handlangerdienst in seiner Wissenschaft zu entrichten . Auch er hatte sich mit dem Überschwang des Bejahens und Verneinens in den antagonistischen Theologen- und Philosophenschulen abzufinden ; aber er zermarterte sich nicht Herz und Hirn über den festen Punkt , an den er sich in diesem Wirrsal zu klammern habe , denn er wußte eine Ausflucht , wo ihm der ewige Gottesgedanke in ursprünglicher Reine entgegenleuchtete , und war er dann und wann übersatt von unverdaulicher Buchstabenspeise , so ward der Durst nach jenem Born , aus welchem wohl Probleme , aber keine Kontraste rieseln , doch niemals gestillt ; sei es , daß er sich morgens unter dem mathematischen Katheder ernüchterte , sei es , daß er nachts durch mächtige Refraktoren eine neue Welt im Himmelsozean auftauchen sah . Auch er gab in freien Stunden Lektionen und Repetitorien , aber in dem Gebiete , das ihm das geläufigste war , und nur an so weit Vorgeschrittene , bei denen er , indem er lehrte , noch zu lernen vermochte . Auch er setzte dann und wann die Füße unter den Tisch einer freundlichen Studentenmutter ; aber nur als geladener , gern gesehener Gast . Er brauchte nicht mit Manschetten und Hemdskragen zu knausern , denn das Waschhaus in der Werbener Pfarre war ein flottes Institut , und wenn er auch seine Stiefel eigenhändig wichste und seine Kleider eigenhändig bürstete , Knöpfe und Bänderchen brauchte einer , der sich Frau Hanna Blümels Sohn nannte , sich nicht eigenhändig anzunähen . Er war ein kerngesundes Blut , das mit sechs Stunden festen Schlafes übergenug und darum von vierundzwanzigen achtzehn freie Zeit hatte für die Verrichtungen , zu denen der Mensch wache Sinne braucht . Er hatte sich keiner der neuzeitlichen gottesgelehrten Verbindungen eingereiht , war auch weder Burschenschafter noch Korpsbruder irgendwelcher Couleur ; demnach ein Kamel , aber doch ein kreuzbraver Kamerad und nach wie vor Peter Kurzens , des standfesten Teutonen , spezialster Spezial , sein zweiter Freund ; denn der erste war , » natur- und vernunftgemäß « , Peter Kurze selbst . - Er hat sich wenig in Fechthut und Paukhandschuhen auf der Mensur geübt , aber die Flinte lernte er während seiner freiwilligen Dienstzeit gleich im ersten Jahre handlich regieren . Er hatte eine durstige Studentenleber , für alle Tage indessen doch nur auf klaren Born , und durfte er sich auch nicht der Charakterstärke rühmen , die das Übel und Weh der ersten Knasterpfeife mit stoischem Gleichmut überwindet , um es in der Fertigkeit des Giftverdampfens so weit als möglich zu bringen , ein Spaßverderber war er darum nicht . Er konnte sonder Widerwillen Tabaksqualm riechen und mit Lust einen Salamander reiben helfen , konnte singen , allenfalls auch springen und ließ den Spitznamen des » stillvergnügten Hünen « sich gefallen , als ob es ein Ehrentitel gewesen wäre , würde auch schwerlich Blut darum vergossen haben , wenn ein witzboldiger Kumpan den Hünen in einen Philister umgetauft hätte . Alles in allem : er gehörte auch in dem akademischen Stufenjahre zu den Glücklichen , die schon in der Gegenwart rufen : » Es ist doch schön ! « Ach , die köstlichen Sonntagsstunden , wenn er nach einer Sternennacht und dem Morgengottesdienst den allerneckischsten Röschenbrief erbrach , in Gedanken die vergangene Woche Hand in Hand mit dem lieben Kinde nachlebte und am Abend den Gegengruß , berechnet für das Ohr der gesamten Familie , im allerehrbarsten Dezemsstil niederschrieb ! Und dann jene allerköstlichste Zeit - zusammenaddiert ein volles Viertel des Jahres - , die er als alter Pfarrdezem in der Heimat verlebte ! Fand er die herrlichen Eltern nicht jedesmal wohlauf und frohmütig wie zuvor ? Schienen sie nicht von ihrem Seelenfrieden geschirmt wie von einer Glocke , die sie absperrte gegen den zerstörenden Altershauch ? Und fand er nach jeder Pause sein Röschen nicht immer lockender zur Rose erblüht ? Klopfte das Herz ihm nicht immer bänglicher , wenn er schied ? Wußte er aber nicht auch , daß die Liebeshütte , an der er geschäftig baute , kein leeres Luftschloß war ? Ging er dann freilich aus der Pfarre hinunter in das Schloß , da durchschauerte ihn , je länger je mehr , ein frostiger Odem , als ob er aus einem blühenden Garten in einen sonnenlosen Kreuzgang träte , und das Bild , das er von der ersten Idealgestalt seines Lebens in sein Studentenstübchen zurücktrug , beunruhigte ihn wie ein Rätsel , dessen Lösung dem Klarheit suchenden Sinne nicht gelingt . Lydia war kaum minder schön als während der kurzen Wochen , da der Schmelz der Liebe ihre Wangen überhauchte ; ja vielleicht schöner ; klassischer würde ein Künstler gesagt haben ; das Auge erweitert , die Haltung majestätischer , die Konturen gefesteter , marmorbleich und marmorgleich . Aber er sah in ihr nicht mehr einen Verheißung blinkenden Stern , und unwillkürlich erneuerte sich nach jeder Begegnung in des Jünglings Seele der Eindruck jener Vollmondsnacht , die als lebhaftestes Ereignis aus seinen Knabenjahren ragte . Die Blicke haften an der stilleuchtenden Scheibe wie an einem friedreichen Menschenangesicht ; da jählings breitet der Erdschatten sich über sie , und als sie vor dem hundertfältig geschärften Auge wieder auftaucht , starrt er auf ein versteinertes Landschaftsbild mit weißen Graten und dunklen Abgründen zwischen ihnen , aber ohne belebenden Strahl und Strom : eine erstorbene Welt oder eine werdende ? Das ist das Rätsel . Was fehlte Lydia ? Der Vater , vor dem sie sich lebenslang gebeugt ? Der Geliebte , der sie ein paar Frühlingswochen hindurch umfangen hatte ? Gibt es für solches Entbehren keine ausgleichende Macht , nicht einmal die der Zeit ? Schritt sie nicht unwandelbar auf einer ihrer Natur gemäßen Bahn ? Hatte sie nicht das Bewußtsein unerschütterlicher Treue , das ja Genügen geben soll ? Hatte sie nicht einen tiefgewurzelten Glauben , der ja beseligen soll ? Ihr Haus glich einem Kloster . Aber spricht man nicht von kindlich stillen , glücklichen Nonnenaugen ? Auch Lydias Augen waren still , aber glückliche Kinderaugen waren es nicht . Was fehlte Lydia ? fragten mit dem Jüngling auch die Freunde in der Pfarre , für welche das herrliche Menschenbild , ebenso wie für ihn , fast unnahbar geworden war . » Freude fehlt ihr , « schalt Röschen , » nichts als Freude . Wozu ist einer auf der Welt , als seines Lebens froh zu sein und andere sich seiner froh zu machen ? « » Wo das Herz traurig ist , hilft keine Freude , « sprach Vater Blümel dem weisen Salomo nach . » Die liebe Eitelkeit fehlt ihr , nichts als die liebe Eitelkeit , « brummte Peter Kurze . » Und das soll ein Mangel sein ? « entgegnete lächelnd Pastor Blümel . » Wenn es der pure , blanke Hochmut ist , der dieses lebenspendende Fluidum - universal verbreitet wie der Sauerstoff der Luft ! - aufsaugt , mehr als ein Mangel , Papachen , ein Frevel gegen die menschliche Gesellschaft und eine spontane Verkümmerung des eigenen höchst werten Ich , « eiferte Peter Kurze ; und setzte erläuternd , mit einem galanten Kratzfuß gegen Schönröschen hinzu : » Wenn die Rose selbst sich schmückt , schmückt sie auch den Garten , hat der - na , der unsterbliche Wieland gesagt . « » Beschäftigung fehlt ihr , ausfüllende Tätigkeit , « meinte Mutter Hanna , und ihr Konstantin dagegen : » Ja , was soll sie denn tun ? « Ja , was sollte sie tun ? Sie tat , was sie vermochte , oder was ihr zu tun gestattet schien . Der Hausstand war nach wie vor in der Mutter Hand verblieben , aber sie sorgte für ihre Familie wie ein Vater , und da es seit dem Vermächtnis Fräulein Thusneldens in der Gemeinde wenig Notleidende mehr gab , ein wohltätiges Eindringen in das Einzelnleben daher unstatthaft geworden war , förderte sie in den Nachbarstädten die Vereine , welche unter dem Namen der inneren Mission allmählich , wenn auch nur schwächlich in Aufnahme kamen . Mit besonderem Eifer , weil durch eine Persönlichkeit angeregt , widmete sie sich aber den Interessen der äußeren Mission . Einer der getreuesten Freunde ihres Vaters , der Bruder des Professors Hildebrand , hatte , nachdem er seiner Pfarrstelle verlustig geworden , gefolgt von Weib und Kind , sich der englischen Missionsstation in Palästina angeschlossen und daselbst in religiösem wie in ethnographischem Betracht einen ausgiebigen Wirkungskreis gefunden . Sein » Palmental « war der jungen Freundin vertraut wie eine Heimat geworden , aus seiner Seele zog in die ihre das Verlangen , dem protestantischen Deutschland eine bis dahin schlummernde Teilnahme für die Heilsbestrebungen der englischen und amerikanischen Stammes- und Glaubensgenossen an dieser hehrsten Stätte anzuregen . Sie las , korrespondierte , spendete , sammelte für diesen Zweck , sie schrieb zu seiner Förderung sogar in Zeitschriften , die ihm zu dienen geeignet waren , und da ein verwandtes Streben gleichzeitig in höchstgestellten Kreisen wach geworden war , wurde der Name Lydias von Hartenstein zu einem weithin genannten , während doch ihre Person in fast unnahbarer Zurückgezogenheit verharrte . Eine fürstliche Frau bot ihr einen Wirkungskreis in ihrer unmittelbaren Nähe , mit vom Hofleben befreienden Befugnissen an . Lydia lehnte ihn ab . Die Pflicht , der sie ihr Glück und ihren Herzensfrieden zum Opfer gebracht hatte , war noch nicht erfüllt ; sobald sie es sein würde , hegte sie den Plan , in dem neuerrichteten evangelischen Krankenhause der Hauptstadt abschließend einen Beruf zu suchen . Auch bewog sie ihre Schwester Priszilla , in der Zwischenzeit für sie einzutreten . » Nicht , « wie sie dem abmahnenden Pastor Blümel sagte , » nicht , daß das lebensfrohe Kind in diesem schweren Dienst eine dauernde Aufgabe finde , nur eine Schule , wie jedes Mädchen sie durchmachen sollte , um der ernstesten und wichtigsten weiblichen Aufgabe gerecht zu werden . « Und bevor ein Jahr ablief , hatte das schöne , lebensfrohe Kind aus dieser ernsten Schule einen allerseits befriedigenden Ausschlupf gefunden . Ein Kranker , den sie gepflegt , ein nicht mehr ganz junger Beamter , mäßig mit Glücksgütern gesegnet , aber von guter Familie und strenggläubiger Richtung , daher voller Aussicht zu einer gedeihlichen Laufbahn , bot ihr seine Hand . Sie wurde von Herzen angenommen , und Phöbe , eben herangewachsen , rat an der Schwester Stelle , um nach kaum Jahr und Tag denselben natürlichen Ausweg zu finden . Ja , vielleicht könnte es sich heute noch zutragen , daß einem jungen Fräulein , zumal wenn es sanft und schön wie die Hartensteinschen ist , leichter im Krankensaal als im Ballsaal die Myrte blüht . Als Dezimus Freys Studienzeit zu Ende lief , lebte Lydia mit der Mutter auf dem Schlosse allein ; sie lebten würdig , friedlich und einig nebeneinander , wenn auch nicht miteinander oder ineinander . Frau von Hartensteins Tage waren nach Bedürfen ausgefüllt . Sie schrieb viel mütterliche und empfing viel kindliche Briefe ; sie hatte Aussteuern herzustellen , Hochzeiten auszurichten , endlich ein erstes Enkelkind zu wiegen . Was braucht eine Ottilie mehr ? Lydia aber , glich ihr Leben denn nicht dem » der hohen freien Geister « , für welches ihr Vater sie zu bilden gehofft hatte , erhaben über die gemeine Not ? Und dennoch sagte Konstantin Blümel in jener Zeit von ihr zu seinem Sohn : » Sie siecht an ihrem Ideal ! « Vor keinem Menschen hatte Lydia jemals den Namen ihres einstigen Verlobten wieder genannt ; auch Sidonie würde für sie eine Verschwundene gewesen sein , wenn Pastor Blümel , dem die Aussöhnung der Familie eine Herzenssache war , sie ihrem geistigen Gesichtsfelde nicht beharrlich genähert hätte . Die erste Anknüpfung bot der folgende Brief , welchen Dezimus an seinem nächsten Geburtstage erhielt . » Da die vorjährigen guten Wünsche uns in der Kehle steckengeblieben sind , erhalten Sie , wertgeschätztes Johanniskind , die Dosis heuer verdoppelt . Ich sehe im Geiste Sie umschichtig sich erlaben an den Tafeln der Leviten und Chaldäer und rufe ehrlichen Glaubens : Wohl bekomms ! Ein braver Hirtenmagen verträgt sauer und süß . Nächstdem sollen Sie gebeten sein , sooft Sie etwas zu schreiben wissen , mir einen Brief zu schreiben , frisch von der Leber weg , sonder drapierende Gazewolken , die in unserem biderben Deutsch die Welt allemal gleichsam mit Brettern verschlagen und für geschmackvolle Leute , wie Sie und ich , vollständig aus der Mode gekommen sind . Auch sollen Sie gleiche Gunst von ihrer Rose erbitten ; unter dem lockigen Strudelköpfchen blüht manche Blume auf , deren Duft mich erquicken würde . Ich grüße die gemütliche Pfarrfreundschaft in corpore ; die heilige Schloßfreundschaft nicht einbegriffen ; denn ich grüße nur solche , mit denen ich es gut meine , und gut meine ich es mit meiner sublimen Sippe noch immer keineswegs . Aber nicht mehr wegen der Johannisoffenbarung vom vorigen Jahr und ihren Konsequenzen . Aus reiner Idiosynkrasie . Der Lilienduft ist für meine Nerven zu stark . Im übrigen verweise ich , konform dem Gesetz der reinen Vernunft , auf Mama Brigittens Deklaration und rechne darauf , daß der Reverend Primrose Numero zwei mich mit seinem Notpfennig aus dem Werbenschen Opferkasten fortan in Frieden lasse . Sela . Ein Stücklein von Held Martin muß ich indes doch noch zum besten geben , bevor ich hinter die feindliche Basenschaft ein Punktum mache ; ein Romanstreich , unverkennbar seiner spezifischen Phantasie entsprungen und doch korrekt ein pröpstlich Hartensteinsches Bravourstück . Vernehmen Sie also , daß er mir in optima forma seine tapfere Hand angetragen hat . Mir sage ich , und bin heilig davon durchdrungen , daß er mit diesem Mir nicht Papa Mehlborns gelegentliche Erbin , sondern die von seiner Familie gekränkte Unschuld im Sinne gehabt hat , wie ich gleicherweise davon durchdrungen bin , daß er unter dem Druck des erhaltenen Korbes nicht an Herzbrechen sterben wird . Und so möge sein ritterlicher Wille ihm mit einer Lorbeerkrone vergolten werden . In Parenthese und zu Ihrem Nutz und Frommen , hoffnungsvoller Candidatus theologiae und matrimoniae : es gibt keine zärtlichere Paarung , als wo das Fräulein klug und mit einem kleinen Verdruß irgendwelcher Art behaftet , das Männlein statt dessen mäßig gewitzigt , aber schön und womöglich ein Jahrzehent jünger ist . Umgekehrt , will sagen : das weibliche Anwesen jung und einfältig und der Gespons ältlich und hell , da mag der Engel mit dem feurigen Schwert immerhin schon ein wenig auf der Lauer stehen . Wo aber der göttliche Intellekt halbiert ist und Adam dem Evchen , Evchen dem Adam mit gleichscharfen Augen auf die Finger passen , die nach der verbotenen Apfelfrucht langen , da ist der Weg vom Paradies zum Infernum ein Katzensprung ; wennschon es auch von dieser Erfahrungsregel gesegnete Ausnahmen gibt , wie ich selbiges an dem philosophischen Konsortium , zu dem ich neuerdings in Kindschaft getreten bin , Tag für Tag erfreulich wahrzunehmen habe . Nun aber endlich zu den Fragen , mit welchen ich die hochwürdige Blümelei im Chorus mich bestürmen höre : Wie treibts die kleine Sidi ? Wie geht es , wie gefällt es ihr in der arktischen Zone , nach welcher sie urplötzlich aus Arkadien verschlagen wurde ? Ei nun , leidlicher und lustiger , Freunde , als Ihr es Euch träumen lassen mögt ; wennschon es ein eigen Ding bleibt , sich die Kindlichkeit anzugewöhnen in einem Stadium , das sich die Würden einer Respektsperson gefallen lassen könnte . Meine Mutter ist keine von den Musen und Grazien , die ich als Nonplusultra der Weiblichkeit zu verehren gewöhnt worden bin ; aber eine gescheite , grundredliche , grundtüchtige Frau . Ich merke mit Staunen , wieviel von ihrem Blute in meinen Adern rinnt . Ja , hätte ich mich ihrer physischen Naturkraft zu erfreuen , wer weiß , ob ich nicht im allereigentlichsten Sinne ihre Tochter geworden wäre . Aber diese Natur ! Freund Peter Kurze möge hören und staunen ! Nie im Leben hat ihr ein Finger weh getan ; ich bin überzeugt , daß sie uns Kinder vom Baume geschüttelt hat ; nie im Leben hat sie einen Nerv zucken gespürt ; härter noch als ihr Wille ist ihre Haut . Stellen Sie sich vor , daß sie bis tief in den Herbst hinein in unserem See badet , während mir mitten im Sommer die Hand abstirbt , wenn ich sie eine halbe Minute aus dem Boot in das eisige Wasser tauche . Reines Nixenblut ! Der Professor - er prätendiert nicht , daß ich Papa zu ihm sage , sondern begnügt sich mit dem guten Freund - ist ein Ehrenmann . Gentleman würde in gewissem Sinne viel zu wenig und in einem anderen ein wenig zuviel für ihn sein . Kurzum wir vertragen uns , sonder anstrengende Toleranz . Das Land sagt mir zu ; wenn nicht in Italien , wüßte ich nicht , wo ich lieber leben möchte . Für meinesgleichen kommt gleich nach der hohen Kunst die hohe Natur und die hohe Gesellschaft erst ein weites Spatium hinterdrein . Indessen ist es auch mit der letzteren nicht ganz so eidgenössisch nüchtern , wie ich gefürchtet hatte , bestellt . Wir verkehren fast nur - wennschon nicht absolut aus freier Wahl - mit Ausländern , will sagen zumeist Deutschen : Flüchtlingen , Mißvergnügten , Phantasten , Narren , aber auch etwelchen tüchtigen und vielen gebildeten Köpfen dermang . Frau Brigitte Zacharias spielt unter diesen Römern in spe die Rolle einer inspirierenden Egeria ; ihr Fräulein Tochter die einer preußischen Volumnia oder dergleichen . Will sagen , die kleine Sidi spielt die Patriotin im Ernst . Die schwarzweiße Kokarde ist ja ihr einziges Hartensteinsches Erbe . Leider , daß sie es nicht mit ihrem Bruder teilen kann . Sie wissen ja aber wohl , wie man dem armen Jungen im Vaterlande mitgespielt hat . Doch ich bin noch nicht mit der kleinen Sidi zu Ende , da ich ja kein Wort von ihrem wesentlichsten Ingredienz , der edlen Musika , erwähnt habe . Und da hat das Blatt sich denn so kurios gewendet , daß sie , in Ermangelung von fertigen Meistern , mit sehr unfertigen Schülern fürliebnimmt und - hört , hört ! - und - na dreist heraus ! - Klavierstunden gibt ; Tag für Tag vier bis sechs Stück à vier bis sechs Frank , wobei sie sich das Jahr netto auf tausend Taler steht . Wie die alte Harfenmuhme vor Lachen sich schütteln wird , wenn sie aus hohem Himmelsfenster dieses Treiben einer Werbenschen Geschlechts nach folgerin erspäht ! Denn bis zur reifenden Traurigkeit , Papa Blümel , wird sie es binnen Jahr und Tag dort oben wohl schwerlich gebracht haben . Tat sie sich doch noch in ihrer letzten Stunde etwas darauf zugut , in diesem irdischen Jammertale eine Achtzigerin geworden zu sein , ohne , es sei denn im Wickelbunde , eine Träne vergossen zu haben . Item , es ist ein gutes Geschäft bis auf die rebellischen Nerven . Ihrethalben bin ich indessen schon wiederholentlich auf den Einfall gekommen , in meine sogenannte Heimat zurückzukehren und mich allda redlich , aber etwas gesundheitlicher zu nähren , indem ich mit dem Material Papa Mehlbornscher Kuhställe eine Molkerei im großen begründete . In der Schweiz lernt sich so etwas , und fertig brächte ich allenfalls auch das . Die klügste aller Pfarrmütter hatte , irre ich nicht , schon vorig Jahr , etwas derart mit mir im Sinn . In jenem sturmflutigen Zustand war es zu früh dazu , und heute wahrscheinlich auch noch . Wenn Mama Blümel mir indessen im Milchkeller des Talgutes jährlich tausend Taler verbürgen könnte - denn auf das liebe Geld bin ich ein Vogel , der es Vater Mehlborn wettmacht - , wer weiß , ob ich nicht die patriotische Paukmamsell in der Diaspora aufgäbe und Euch das idyllische Rührstück vorführte : Sidonia in der Käserei ! Und nun zu guter Letzt noch einen Blick auf den , dessen Stern , ist er gleich aus der Region Ihrer regierenden Jungfrau gestürzt , Ihnen , getreuer Hirtensohn , denke ich , doch immer noch anziehender leuchten wird als der , welcher über dem Haupt der Melkerin der Zukunft kulminiert . Nun , auch mein Mäxchen läßt es sich gefallen , so wie er es treibt , treibt er es auch just nicht so , wie Sie und andere Leute es für ihn in Aussicht genommen hatten . Der Mensch zieht ja nun einmal einen Mißstand seiner Wahl dem Wohlstande vor , den sein bester Freund für ihn ausgeklügelt hat , und nennt seine Freiheit das , was er im Grunde seine Unfreiheit nennen sollte . Kurz und gut : das Mäxchen ist auf dem Wege nach Rom in Paris hängengeblieben - dem rechten Platze , häßliche Erfahrungen zwar nicht zu verwinden , aber zu vergessen - , und er schwingt allda tapfer nicht bloß die Adlerfeder des Poeten , sondern , wie tutti quanti , auch die Hahnenfeder des Publizisten . ( Falls sein jüngster Ruhm noch nicht bis in Ihre Pflegstätte deutscher Wissenschaft gedrungen sein sollte , erlasse ich Ihnen , denselben auszuposaunen . ) Mag er ! Singt er sich auch nicht in eine Fürstengruft , wird der Huf seines Pegasus auch keine Republik der Gleichheit und Brüderlichkeit aus unserem biderben vaterländischen Boden stampfen , solange er bei diesem oder irgendwelchem anderen unschuldigen Zeitvertreib sich frei fühlt und froh , wird frei und froh sich fühlen auch der kleine Trabant , der , nur mit bewaffnetem Auge erkennbar , sich um diesen bis jetzt noch sehr veränderlichen Stern bewegt . Woher kommt denn alles Glück , freilich auch alles Unglück in der Welt , als daß wir , coûte que coûte , uns an ein Individuum hängen müssen , oder sei es meinetwegen an ein Ding ? Bleiben Sie darum den hohen Himmelsaugen treu , Hirtensohn . Sie riskieren mit ihnen weniger von Ihrem Johannissegen als mit allen , die Ihnen hienieden blitzen und blinken würden . Solches wünschend verbleibe ich meines standfesten Freundes Polarius gleicherweise standfeste Freundin Sidi . « Die Freunde in der Pfarre spürten zwischen den scherzhaften Worten manchen unterdrückten Seufzer und manche unterdrückte Träne heraus ; und wenn es eine gute Art des Mitleids ist , anderen Mitleid ersparen zu wollen , so wurde die Absicht hier nicht erreicht . Der Eindruck wiederholte