mit Gisa zu flüchten , starrte er entsetzt auf die Stätte , wo sein Haus gestanden : der Termin war abgelaufen , und die Drohung erfüllt : sein Haus zerstört , sein Weib , sein Kind verschwunden . Rasend stürmte er durch ganz Italien , uns zu suchen . Endlich entdeckte er , als Priester verkleidet , seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum : ihren Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt . Mein Vater bereitet mit ihr alles zur Flucht : sie entkommen um Mitternacht über die Mauern des Klostergartens . Aber am Morgen fehlt die Büßerin bei der Hora : man vermißt sie , ihre Zelle ist leer . Die Klosterknechte folgen den Spuren des Rosses , - sie werden eingeholt : grimmig fechtend fällt mein Vater : meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht . Und so furchtbar drücken die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermürbte Seele , daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt . Das sind meine Eltern ! « » Und du ? « » Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand , ein Waffenfreund meines Großvaters und Vaters : - er entriß mich , mit des Königs Beistand , den Priestern und ließ mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen . « » Und dein Gut , dein Erbe ? « » Verfiel der Kirche , die es , halb geschenkt , an Theodahad überließ : er war meines Vaters Nachbar , er ist jetzt mein König ! « » Mein armer Freund ! Aber wie erging es dir später ? Man weiß nur dunkles Gerede - du warst einmal in Griechenland gefangen ... - « Teja stand auf . » Davon laß mich schweigen ; vielleicht ein andermal . Ich war Tor genug , auch einmal an Glück zu glauben und an eines liebenden Gottes Güte . Ich hab ' es schwer gebüßt . Ich will ' s nie wieder tun . Leb wohl , Witichis , und schilt nicht auf Teja , wenn er nicht ist wie andre . « Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden . Witichis sah lange schweigend vor sich hin . Dann blickte er gen Himmel , in den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden , die des Freundes Worte in ihm geweckt . Er sehnte sich nach ihrem Licht voll Frieden und Klarheit . Aber während des Gesprächs war Nebelgewölk rasch aus den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel überzogen : es war finster ringsum . Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein einsames Lager . Drittes Kapitel . Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und zechten , ahnten sie nicht , daß über ihren Häuptern in dem Gemach des Königs eine Verhandlung gepflogen ward , die über ihr und ihres Reiches Schicksale entscheiden sollte . Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander . Endlich schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben , nochmal vorzulegen , was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet . Aber der König unterbrach ihn . » Halt , « flüsterte der kleine Mann , der in seinem weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte , » halt - noch eins ! « Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz , schlich durch das Gemach und hob den Vorhang , ob niemand lausche . Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner leise am Gewand . Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes , der die kleinen Augen zusammenkniff : » Noch dies . Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten sollen - auf daß sie eintreten können , wird es gut sein , ja notwendig , einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich zu machen . « - » Daran hab ' ich bereits gedacht , « nickte Petros . » Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister , der grobe Hildebad , der nüchterne Witichis . « - » Du kennst deine Leute gut , « grinste Theodahad , » du hast dich tüchtig umgesehen . Aber , « raunte er ihm ins Ohr , » einer , den du nicht genannt hast , einer vor allen muß fort . « » Der ist ? « » Graf Teja , des Tagila Sohn . « » Ist der melancholische Träumer so gefährlich ? « » Der gefährlichste von allen ! Und mein persönlicher Feind ! schon von seinem Vater her . « » Wie kam das ? « » Er war mein Nachbar bei Florentia . Ich mußte seine Äcker haben - umsonst drang ich in ihn . Ha , « lächelte er pfiffig , » zuletzt wurden sie doch mein . Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe , nahm ihm sein Gut dabei und ließ mir ' s - billig - ab . Ich hatte einiges Verdienst um die Kirche in dem Prozeß - dein Freund , der Bischof von Florentia kann dir ' s genau erzählen . « » Ich verstehe , « sagte Petros , » was gab der Barbar seine Äcker nicht in Güte ! Weiß Teja - ? « » Nichts weiß er . Aber er haßt mich schon deshalb , weil ich sein Erbgut - kaufte . Er wirft mir finstere Blicke zu . Und dieser schwarze Träumer ist der Mann , seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen . « » So ? « sagte Petros , plötzlich sehr nachdenklich . » Nun , genug von ihm : er soll nicht schaden . Laß dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt für Punkt vorlesen ; dann unterzeichne . Erstens . König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und die zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs : nämlich Dalmatien , Liburnien , Istrien , das zweite Pannonien , Savien , Noricum , Rätien und den gotischen Besitz in Gallien , zugunsten des Kaisers Justinian und seiner Nachfolger auf dem Throne von Byzanz . Er verspricht , Ravenna , Rom , Neapolis und alle festen Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu öffnen . « Theodahad nickte . » Zweitens . König Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken , daß das ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen geführt werde . Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen . Der König wird dafür sorgen , daß jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben muß . Drittens . Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König Theodahad und seiner Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit , und viertens « - » Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen « , unterbrach Theodahad , nach der Urkunde langend . » Viertens beläßt der Kaiser dem König der Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze , die dieser als sein Privateigentum bezeichnen wird , sondern auch den ganzen Königsschatz der Goten , der allein an geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt ist . Er übergibt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria bis Cäre , von Populonia bis Clusium , und endlich überweist er an Theodahad auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen Einkünfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmäßigen Herrn zurückerworbenen Reiches . Sage , Petros , meinst du nicht , ich könnte drei Viertel fordern ? « - - » Fordern kannst du sie , allein ich zweifle sehr , daß sie dir Justinian gewährt . Ich habe schon die Grenzen , die äußersten , meiner Vollmacht überschritten . « » Fordern wollen wir ' s doch immerhin , « meinte der König die Zahl ändernd . » Dann muß Justinian heruntermarkten oder dafür andre Vorteile gewähren . « Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln : » Du bist ein kluger Handelsmann , o König . - Aber hier verrechnest du dich doch , « sagte er zu sich selbst . Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran und eintrat ins Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem , mit silbernen Sternen besätem Schleier Amalaswintha , bleich von Antlitz , aber in edler Haltung , eine Königin trotz der verlornen Krone : überwältigende Hoheit der Trauer sprach aus den bleichen Zügen . » König der Goten , « hob sie an , » vergib , wenn an deinem Freudenfeste ein dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten . Es ist zum letztenmal . « Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen . » Königin « - stammelte Theodahad . » Königin ! O wär ' ich ' s nie gewesen . Ich komme , Vetter , von dem Sarge meines edeln Sohnes , wo ich Buße getan für all meine Verblendung , und all meine Schuld bereut . Ich steige herauf zu dir , König der Goten , dich zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld . « Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten , prüfenden Blick . » Es ist ein übler Gast , « fuhr sie fort , » den ich in mitternächtlicher Stunde als deinen Vertrauten bei dir finde . Es ist kein Heil für einen Fürsten als in seinem Volk : zu spät hab ' ich ' s erkannt , zu spät für mich , nicht zu spät , hoff ' ich , für mein Volk . Traue du nicht Byzanz : es ist ein Schild , der den erdrückt , den er beschirmen soll . « » Du bist ungerecht , « sagte Petros , » und undankbar . « » Tu nicht , mein königlicher Vetter , « fuhr sie fort , » was dieser von dir fordert . Bewillige nicht du , was ich ihm weigerte . Sizilien sollen wir abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege - ich wies die Schmach von mir . Ich sehe « , sprach sie , auf das Pergament deutend , » du hast schon mit ihm abgeschlossen . Tritt zurück , sie werden dich immer täuschen . « Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich : er warf einen mißtrauischen Blick auf Petros . Da trat dieser gegen Amalaswintha vor : » Was willst du hier , du Königin von gestern ? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren ? Deine Zeit und deine Macht ist um . « - » Verlaß uns , « sagte Theodahad , ermutigt . » Ich werde tun was mir gutdünkt . Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden in Byzanz zu trennen . Sieh her , vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein . « Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde . » Nun , « lächelte Petros , » kamst du noch eben recht , als Zeugin mit zu unterzeichnen . « » Nein , « sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden Männer , » ich kam noch eben recht , euren Plan zu vereiteln . Ich gehe geradeswegs von hier zum Heere , zur Volksversammlung , die nächstens bei Regeta tagt . Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Anträge , die Pläne von Byzanz und dieses schwachen Fürsten Verrat . « » Das wird nicht angehn « , sagte Petros ruhig , » ohne dich selbst zu verklagen . « » Ich will mich selbst verklagen . Enthüllen will ich all meine Torheit , all meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden , den ich verdient . Aber warnen , aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom Ätna bis zu den Alpen ; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn , und retten werd ' ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr , in die mein Leben sie gestürzt . « Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach . Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten : lang fand er keine Worte : » Rate , hilf - « , stammelte er endlich . » Raten ? Da hilft nur Ein Rat . Die Rasende wird sich und uns verderben , läßt man sie gewähren . Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen . Dafür mußt du sorgen . « » Ich ? « rief Theodahad erschreckt ; » ich kann dergleichen nicht ! Wo ist Gothelindis ? Sie , sie allein kann helfen . « » Und der Präfekt , « sagte Petros - » sende nach ihnen . « Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle heraufbeschieden . Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin , ohne jedoch dem Präfekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen . Kaum hatte er gesprochen , so rief die Königin : » Genug , sie darf es nicht vollenden . Man muß ihre Schritte bewachen , sie darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen - sie darf den Palast nicht verlassen . Das vor allem ! « Und sie eilte hinaus , vertraute Sklaven vor Amalaswinthens Gemächer zu senden . Alsbald kehrte sie wieder . » Sie betet laut in ihrer Kammer , « sprach sie verächtlich . » Auf , Cethegus , laß uns ihre Gebete vereiteln . « Cethegus hatte , mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt , die Arme über der Brust gekreuzt , diese Vorgänge schweigend und sinnend mit angehört . Er erkannte die Notwendigkeit , die Fäden der Ereignisse wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen . Er sah Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen : - das durfte nicht weiter angehn . » Sprich , Cethegus , « mahnte Gothelindis nochmals , » was tut jetzt vor allem not ? « » Klarheit , « sagte dieser sich aufrichtend . » In jedem Bunde muß der Zweck , der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein : sonst werden sie stets sich durch Mißtrauen hemmen . Ihr habt eure Zwecke - ich habe den meinen . Eure Zwecke liegen am Tage : ich habe sie euch neulich schon gesagt : du Petros , willst , daß Kaiser Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche : ihr , Gothelindis und Theodahad , wollt dies auch , gegen reiche Entschädigung an Rache , Geld und Ehren . Ich aber - ich habe auch meinen Zweck : was hilft es , das zu verhehlen ? Mein schlauer Petros , du würdest doch nicht lange mehr glauben , daß ich nur den Ehrgeiz habe , dein Werkzeug zu sein , und dereinst Senator in Byzanz zu werden . Also auch ich habe meinen Zweck : all eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie entdecken , weil er zu nahe vor Augen liegt . Ich muß ihn euch selbst verraten . Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe : sein Italien . Drum will er , wie ihr , die Goten fort haben aus diesem Land . Aber er will nicht , wie ihr , daß Kaiser Justinianus unbedingt an ihre Stelle trete : er will nicht die Traufe statt des Regens . Am liebsten möchte ich , der unverbesserliche Republikaner - du weißt , mein Petros , wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Athen und ich bin es noch : aber du brauchst es dem Kaiser , deinem Herrn , nicht zu melden , ich hab ' es ihm lange selbst geschrieben - die Barbaren hinauswerfen , ohne euch hereinzulassen . Das geht nun leider nicht an : wir können eurer Hilfe nicht entbehren . Doch will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken . Kein byzantinisch Heer darf diesen Boden betreten , als um ihn im letzten Augenblick der Not aus der Hand der Italier zu empfangen . Italien sei mehr ein von den Italiern dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung für Justinian . Die Segnungen der Feldherrn und Steuerrechner , die Byzanz über die Länder bringt , die es befreit , sollen uns erspart bleiben : wir wollen euern Schutz , nicht eure Tyrannei . « Über Petros ' Züge zog ein feines Lächeln , das Cethegus nicht zu bemerken schien ; er fuhr fort : » So vernehmt meine Bedingung . Ich weiß , Belisarius liegt mit Flotte und Heer nah bei Sizilien . Er darf nicht landen . Er muß heimkehren . Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen . Wenigstens nicht eher als ich ihn rufe . Und sendest du , Petros , ihm nicht sofort diesen Befehl zu , so scheiden sich unsre Wege . Ich kenne Belisar und Narses und ihre Soldatenherrschaft und ich weiß , welch ' milde Herren diese Goten sind . Und mich erbarmt Amalaswinthens : sie war eine Mutter meines Volks . Deshalb wählet , wählet zwischen Belisar und Cethegus . Landet Belisar , so steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten : und dann laß sehn , ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreißt . Wählt ihr Cethegus , so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich dem Kaiser als seine freie Gattin , nicht als seine Sklavin . Wähle , Petros . « » Stolzer Mann , « sprach Gothelindis , » du wagst uns Bedingungen zu setzen , uns , deiner Königin ? « Und drohend erhob sie die Hand . Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig herab . » Laß die Possen , Eintagskönigin . Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz . Vergißt du deine Ohnmacht , so muß man dich dran mahnen . Du thronst , solange wir dich halten . « Und mit so ruhiger Majestät stand er vor dem zornmütigen Weib , daß sie verstummte . Aber ihr Blick sprühte unauslöschlichen Haß . » Cethegus , « sagte jetzt Petros , der sich einstweilen entschlossen , » du hast recht . Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine Hilfe , weil nichts ohne sie . Wenn Belisar umkehrt , so gehst du ganz mit uns und unbedingt ? « » Unbedingt . « » Und Amalaswinthen ? « » Geb ' ich preis . « » Wohlan , « sagte der Byzantiner , » es gilt . « Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an Belisar und reichte sie dem Präfekten : » Du magst die Botschaft selbst bestellen . « Cethegus las sorgfältig : » Es ist gut , « sagte er , die Tafel in die Brust steckend , » es gilt . « » Wann bricht Italien los auf die Barbaren ? « fragte Petros . » In den ersten Tagen des nächsten Monats . Ich gehe nach Rom . Leb ' wohl . « » Du gehst ? Und hilfst uns nicht das Weib - die Tochter Theoderichs verderben ? « fragte die Königin mit bittrem Vorwurf . » Erbarmt dich ihrer abermals ? « » Sie ist gerichtet , « sagte Cethegus , an der Tür sich kurz umwendend . » Der Richter geht - der Henker Amt hebt an . « Und stolz schritt er hinaus . Da faßte Theodahad , der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln sehn , mit Entsetzen dessen Hand : » Petros , « rief er , » um Gott und aller Heiligen willen , was hast du getan ? Unser Vertrag und alles ruht auf Belisar und du schickst ihn nach Hause ? « » Und läßt diesen Übermütigen triumphieren ? « knirschte Gothelindis . Aber Petros lächelte : der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz . » Seid ruhig , « sagte er , » diesmal ist er überwunden , der Allüberwinder Cethegus , besiegt von dem verhöhnten Petros . « Er ergriff Theodahad und Gothelindis an den Händen , zog sie nahe an sich , sah sich um , und flüsterte dann : » Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt : der bedeutet ihm : all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint , ist nichtig . Ja , ja , man lernt , man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz . « Viertes Kapitel . Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter Gefangenschaft . So oft sie ihre Gemächer verließ , so oft sie einbog in einen Gang des Palastes , jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten auftauchen , hingleiten , verschwinden zu sehen , die ebenso eifrig bedacht schienen , all ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken zu entziehen : kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht niedersteigen . Umsonst fragte sie nach Witichis , nach Teja : sie hatten gleich am Morgen nach dem Krönungsfest in Aufträgen des Königs die Stadt verlassen . Das Gefühl , vereinsamt und von bösen Feinden umlauert zu sein , ruhte drückend auf ihrer Seele . Schwer und düster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen Regenwolken auf Ravenna herab , als sich Amalaswintha von dem schlummerlosen Lager erhob . Unheimlich berührte es sie , daß , als sie an das Fenster von Frauenglas trat , ein Rabe krächzend von dem Marmorsims aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Flügelschlag langsam über die Gärten dahinflog . Die Fürstin fühlte schon daran , wie geknickt ihre Seele war durch diese Tage von Schmerz , Furcht und Reue , daß sie sich des finstern Eindrucks nicht erwehren konnte , den ihr die frühen Herbstnebel , aus den Lagunen der Seestadt aufsteigend , brachten . Seufzend blickte sie in die graue Sumpflandschaft hinaus . Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge . Und ihr einziger Halt der Gedanke , durch freie Selbstanklage und volle Demütigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres Lebens . Denn sie zweifelte nicht , daß die Gesippen und Bluträcher der drei Herzoge ihre Pflicht vollauf erfüllen würden . In solchen Gedanken schritt sie durch die öden Hallen und Gänge des Palastes , diesmal , wie sie glaubte , unbelauscht , hinunter zu der Ruhestätte ihres Sohnes , sich in den Vorsätzen der Buße und Sühne an ihrem Volk zu befestigen . Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen dunkeln Gewölbgang einlenkte , huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer Nische hervor - sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben - drückte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab verschwunden . Sie erkannte sofort - die Handschrift Cassiodors - . Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer : es war Dolios , der Briefsklave ihres treuen Ministers . Rasch die Tafel in ihrem Gewande bergend eilte sie in ihr Gemach . Dort las sie : » In Schmerz , nicht in Zorn , schied ich von Dir . Ich will nicht , daß Du unbußfertig abgerufen werdest und deine unsterbliche Seele verloren gehe « . Flieh aus diesem Palast , aus dieser Stadt : dein Leben ist keine Stunde mehr sicher . Du kennst Gothelindis und ihren Haß . Traue niemand als meinem Schreiber und finde Dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein . Dort wird Dich meine Sänfte erwarten und in Sicherheit bringen , nach meiner Villa im Bolsener See . Folge und vertraue . Gerührt ließ Amalaswintha den Brief sinken : der vielgetreue Cassiodor ! Er hatte sie doch nicht ganz verlassen . Er bangte und sorgte noch immer für das Leben der Freundin . Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im blauen Bolsener See ! Dort hatte sie , vor vielen , vielen Jahren , als Gast Cassiodors , in voller Blüte der Jugendschönheit , Hochzeit gehalten mit Eutharich , dem edeln Amalungen , und , von allem Schimmer der Macht und Ehren umflossen , ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert . Ihr sonst so hartes , aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich mächtige Sehnsucht , die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen . Schon dies Eine Gefühl trieb sie mächtig an , der Mahnung Cassiodors zu folgen : noch mehr die Furcht - nicht für ihr Leben , denn sie wollte sterben - , die Raschheit ihrer Feinde möchte ihr unmöglich machen , das Volk zu warnen und das Reich zu retten . Endlich überlegte sie , daß der Weg nach Regeta bei Rom , wo in Bälde die große Volksversammlung , wie alljährlich im Herbst , statthaben sollte , sie am Bolsener See vorüberführte . Also war es nur eine Beschleunigung ihres Planes , wenn sie schon jetzt in dieser Richtung aufbrach . Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn , um , auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte , ihre warnende Stimme an das Ohr des Volks gelangen zu lassen , beschloß sie einem Brief an Cassiodor , den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen konnte , ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller Pläne der Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen . Bei geschlossenen Türen schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder : heiße Tränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament , das sie sorgfältig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab , es sicher nach dem Kloster Squillacium in Apulien , der Stiftung und dem gewöhnlichen Aufenthalt Cassiodors , zu befördern . * * * Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages . Mit ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotene Hand ergriffen . Erinnerung und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures Asyl : dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden . Sie hielt sich sorgsam innerhalb ihrer Gemächer , um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum Verdacht , Gelegenheit , sie aufzuhalten , zu geben . Endlich war die Sonne gesunken . Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha , ihre Sklavinnen zurückweisend und nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend , aus ihrem Schlafgemach in den breiten Säulengang , der zur Gartentreppe führte . Sie zitterte , hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu stoßen , gesehen , angehalten zu werden . Häufig sah sie sich um , vorsichtig blickte sie sogar in die Statuennischen : alles war leer , kein Lauscher folgte diesmal ihren Tritten . So erreichte sie unbeobachtet die Plattform der Freitreppe , die Palast und Garten verband und weiten Ausblick über diesen hin gewährte . Scharf überschaute sie den nächsten Weg , der zum Venustempel führte . Der Weg war frei . Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden Platanen auf die Sandpfade nieder , gewirbelt von dem Winde , der fern , jenseits der Gartenmauer , Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her trieb : es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner grauen Dämmerung . Die Fürstin fröstelte , der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und Mantel : einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern , lastenden Steinmassen des Palastes hinter sich , in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und aus dem sie nun einsam , scheu , verfolgt wie eine Verbrecherin flüchtete . Sie dachte des Sohnes , der in den Tiefen des Palastes ruhte . - Sie dachte der Tochter , die sie selbst aus diesen Mauern , aus ihrer Nähe verbannt hatte . Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen : sie wankte , mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer der Terrasse : ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der Verlassenheit an ihrer Seele . » Aber mein Volk ! « sprach sie zu sich selbst , » und meine Buße - ich will ' s vollenden . « Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe hinab und bog in den von Efeu überwölbten Laubgang ein , der quer durch den Garten führte und an dem Venustempel mündete . Rasch schritt sie voran , erbebend , wann zu einem der Seitengänge das Herbstlaub wie seufzend hereinwirbelte . Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und ließ ringsum die suchenden Blicke schweifen . Aber keine Sänfte , keine Sklaven waren zu sehen , rings war alles still : nur die Äste der Platanen seufzten im Winde . Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr . Sie wandte sich : um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten ein Mann . Es war Dolios . Er winkte , scheu umherspähend . Rasch eilte die Fürstin auf ihn zu , folgte ihm um die Ecke : und vor ihr stand Cassiodors wohlbekannter gallischer Reisewagen , die bequeme und vornehme Carruca , von allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk umschlossen , und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt . » Eile tut not , o Fürstin , « flüsterte Dolios , sie in die weichen Polster hebend . » Die Sänfte ist zu langsam für den Haß deiner Feinde . Stille und Eile , daß uns niemand bemerkt . « Amalaswintha blickte noch einmal um sich . Dolios öffnete das Tor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe hinaus . Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch : der eine bestieg den Sitz des Wagenlenkers vor ihr : der andre schwang sich auf eines der beiden gesattelt vor dem Tore stehenden Rosse : sie erkannte die Männer als vertraute Sklaven Cassiodors : sie waren wie Dolios mit Waffen versehen . Dieser sperrte wieder sorgfältig das Gartentor und ließ die Gitterladen des Wagens herab . Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das Schwert : » Vorwärts ! « rief er . Und von dannen jagte der kleine Zug , als wär ' ihm der Tod auf der Ferse . Fünftes Kapitel . Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes , der Freiheit , der Sicherheit