solche Dinge nicht recht leiden mögen , denn der Jakob kommt allerweg zu mir in das Schulhaus her , wenn er seine Künste üben will . Da hab ' ich meine Kurzweil und muß oft närrisch lachen . Ich habe dem Jakob einen Pfeifenkopf geschnitzt , dafür schenkt er mir allfort den besten Tabak . So schnitzen , sagt er , das könne er nicht . Die Höflichkeit hat mir noch kein Mensch gesagt , wie der Jakob . Auch macht er mir allerhand Schwänke vor ; auf dem Kopf kann er stehen , bauchreden kann er , wahrsagen kann er und Karten aufschlagen . Meiner Tag ' hab ' ich keinen so geschickten Menschen gesehen . Aber eines habe ich ihn gebeten , in Gegenwart der Schulkinder möge er nicht allzu viel so Künste treiben ; ' s ist mir lieber . Letztlich hat mich der Jakob gar gezeichnet . Auf Ehre , ich hab ' nicht sitzen wollen , aber er hat mich herumgekriegt , bis ich all meinen Staat um mich getan und dort auf dem Holzblock Platz gefaßt habe . Er hat mich gezeichnet und mit Farben bemalt , daß es eine Herrlichkeit ist . Das rote Halstuch ist gar zum Sprechen getroffen . Das Bild hat er mir geschenkt . Ich guck ' es heimlich an ; aber die Schulkinder dürfen mir ' s nicht sehen ! Will ' s wohl fleißig verstecken . Hab ' gemeint , ich werd ' mich recht an ihre Kinder machen . Aber sie sprechen eine welsche Sprache , und die versteh ' ich nicht . Der junge Herr ist fortweg bei Pferden und Hunden ; das Mädchen möchte sich auf den Wiesen umhertreiben bei den Blumen und Käsern . Aber das wird ihr verwiesen . Sie ist schon völlig zu groß , um glückselig sein zu dürfen . Dieser Tage ist Hermann - verzeih ' mir ' s Gott , daß ich ihn allfort noch so nenne - vom Gesenke herübergekommen , um seine Schwester zu besuchen . Die Frau hat sich krank gemeldet . Der Jakob sagt , die beiden hätten kein rechtes Zusammensehen . Die Gnädigste erkenne keine Schwägerin an , die nach Tannenpech rieche . Heute hat die Frau eine Tafel gegeben und dazu den Pfarrer und den Grassteiger eingeladen . Mir ist ein Stück Braten und ein Glas Wein ins Haus geschickt worden . Zum Glück geht ein Bettelmann vorbei , daß mir die Speisen nicht verdorben sind . So sind heute zwei Bettelmänner abgespeist worden . Bei der Tafel sei von mir gesprochen worden , sagt der Jakob . Die Frau habe erzählt , ich hätte als armer Student in dem Hause ihres Vaters eine Weile das Gnadenbrot genossen , dann sei ich aus der Schule davongegangen und als Vagabund zurückgekehrt ; dann hätte mich ihr Vater um Gottes willen in den Wald getan und mir das Brot gegeben . So weißt du ' s nun , Andreas Erdmann ; aber kein graues Haar desweg , es täte die weißen entstellen . August 1848 . Nun sind sie wieder fort . Jakob hat mir ein schwarzes Beinkleid und einen weißen Handschuh dagelassen . Juli 1852 . Die Grundablösungen sind bewilligt worden . Die meisten Bauern von Winkelsteg sind nun ihre eigenen Herren . ' s ist ihnen vom Herzen zu gönnen . Aber ihre Augen sind schlechter geworden ; jeder sieht mich nicht , wenn ich des Weges an ihm vorüberkomme . In diesem Sommer bin ich wieder auf dem Berg gewesen . Hab ' schon gemeint , ich sehe es gegen Mittag hin . Ist aber nur ein Nebelstreifen gelegen . Ich habe mir bei dieser Bergfahrt , ich weiß nicht , durch das grelle Licht der Weiten , oder durch einen scharfen Wärmewechsel , wieder das böse Augenleiden zugezogen , das viele Wochen gewährt und mich an meinem Berufe gehindert hat . Ich denke , dem stummen Peter Reiter sollte man ein wenig Musik lehren . Er muß doch was haben , um sein Herz auszulegen . Es ist unglaublich , wie das weh tut , wenn man alles in sich verschließen muß . 1853 . Der Peter hat Schick ; er spielt schon auf der Zither und auf der Geige . Später muß er mir an die Orgel . Die Winkelsteger werden auch in Zukunft noch ihr Meßlied haben wollen . Ich werde nicht immer sein . Der Grassteiger , oder wie sie ihn jetzt heißen , der Winkelwirt ist mir gut , und er ist gegen jeden gut ; ganz Winkelsteg hat an ihm einen Freund . Aber seine alte Krankheit will sich wiederum melden . Wenn ihn zuweilen etwas erregt , so muß er gar sehr mit sich kämpfen . Ich hab ' gesagt , er sollt ' wieder anheben mit den Rosenkranzkügelchen ; täten aber vielleicht nicht mehr viel helfen ; es ist Gefahr vorhanden , daß er ins Trinken kommt . Der ginge zu Grund ' , wenn er nicht eine so brave Frau hätt ' . Die Juliana weiß mit ihm umzugehen , ihr zu Lieb ' leidet er den bittersten Durst . Der Branntweiner Schorschl - der Hannes ist schon tot - wirft mir dann und wann die Fenster ein . Er hält mich für seinen größten Feind , weil ich die Kinder vor dem Branntwein warne . Die Fenster verklebe ich mit Papier . Die Kinder warne ich vor Schädlichem , so lang ' ich lebe . 1855 . Der Pfarrer ist uns ausgetauscht worden gegen einen blutjungen . Der Blutjunge sagt , die Seelsorge sei arg vernachlässigt , und will das Krumme auf einmal gerade machen . Er ordnet Betstunden , Buß- und Bittgänge an . Seine Predigten sind scharf wie Lauge . Für manche mags taugen . Aber - es gibt so viele wunde Herzen . Seit der neue Pfarrer da ist , bin ich in der Schule schier überflüssig geworden . Er füllt die Stunden mit Glaubensunterricht aus . Die Kinder haben mehr Fähigkeit , als ich je erfahren - den ganzen Katechismus kennen sie auswendig . Der Kaiser und der Papst sollen miteinander ein eigenes Gesetz für das Seligwerden herausgegeben haben , und seit ewigen Zeiten ist zu Winkelsteg nicht so viel vom Teufel gesprochen worden als jetzt . 24. August 1856 . Heute ist öffentliche Schulprüfung gewesen . Der Dechant von der Kreisstadt ist da . In Glaubenssachen ist er sehr zufrieden . Was das Übrige anbelangt , hat er den Kopf geschüttelt . Beim Kommen hat er mich artig gegrüßt , beim Fortgehen hat er mich nicht gesehen . Oft sitze ich eine lange Weil ' da oben im Schachen unter den alten Bäumen . Dieser Schachen ist noch übrig geblieben , von den großen Wäldern , über dessen Gründen sich die Gemeinde breitet , als ein in die Kette der Menschheit eingereihtes Glied . Ich mag unter dem Schachen sitzen , so lange ich will , kein Mensch ruft mich . Wenn die Toten nur nicht gar so fest schliefen ! Ich bin ein alter Späher . Meine Augen sind krank und müd ' und gucken doch zuweilen was aus . Durch den Bretterzaun habe ich es gesehen , wie der Reiter Peter das Schirmtannermädchen an der Hand gefaßt und nicht mehr lassen hat wollen . Durch tausend Gebärden hat er ihr was erzählt , das Blut ist ihm in die Wangen gestiegen , aber das Mädchen hat fortweg gesagt : » Nein , Peter , nein . « Da hat der Junge jählings die Geige bei der Hand und spielt der Rosa ein Stück vor , das ich ihm nicht gelehrt hab ' . Wundersam ist es gewesen , wie ich es meiner Tag nimmer hätt ' gemeint , daß der Peter spielen könnt ' . Ja , und so lange hat er ' s getrieben , bis ihm die Rosa ist an den Hals gefallen : » Hör ' auf , mir tut ' s zu weh ! Peter , ich hab ' dich ja gern . « ' s ist ein Gescheer mit den jungen Leuten . Hat so ein Bursch ' keine Stimm ' zum Schwätzen , so hebt er seine Liebschaften gar mit der Geige an . Zur Winterszeit 1857 . So ein Tagebuch ist doch ein treuer Freund . Was man ihm auch anvertrauen mag , es vergißt nichts und plaudert nichts aus . Wenn ich diese Schriften durchsehe , so kann ich es gar nicht glauben , daß ich das alles mit erlebt und geschrieben habe . Es sind wunderliche Geschichten . Ich bin doch einmal wer gewesen ! Aus einem alten Mann bin ich ein junger geworden ; aus einem jungen wieder ein alter , halbblinder , dem bei dem Meßliede schon die Noten tanzen auf dem Blatt . Die Leut ' haben mich beiseite geschoben ... Mein Gott , anderen geht es auch nicht besser . Ich verlang ' ja nichts ; ich hab ' mein Teil getan und bin ' s zufrieden . 1864 . Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen . Und die Waldleute entstehen , leben und vergehen , dahier und steigen in ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg , wo man die Herrlichkeit kann sehen , und am hellen Wintertag das Meer . Das Meer ! Wie wird es da leicht und weit im Herzen ! Dort zieht ein Kahn , steht ein Jüngling darin , der winkt - Heinrich ! Was ist das ? - Der Narr ! Versitzt seine Lebenszeit im Winkel und hätt ' ein Schiffer werden sollen ! Heiliger Abend 1864 . Die Laufbahn ist kurz . Vom Winkelhüterhause bis hinab zu der Kirchhofsmauer rutschen sie auf ihren Brettchen und Schlittchen dahin über den gefrorenen Schnee . Und wie sie dabei lärmen und die Sache beeifern ! - Ich warte auf den Reiter Peter , er kommt mit seiner Geige , daß wir zusammen das neue Krippenlied versuchen . Einstweilen gucke ich den lustigen Kindern zu und schreibe . Pelzhauben haben sie auf , die Kleinen und eine ganze Weile haben sie zu trippeln und zu schnaufen , bis sie mit ihrem Fahrzeug oben ankommen - und unten sind sie in zehn Augenblicken . Lange Müh ' und kurze Freud ' ! Der Peter kommt mit der Weihnachtsprobe . » Schlaf ' süß , schlaf ' in heiliger Ruh ' ! « Das Lied soll morgen - Das letzte Blatt - morgen - Mit diesem Worte enden die Schriften . Zwei lange Regentage hatte ich gelesen . Aus dem vorigen Jahrhundert hatte ich mich durch ein merkwürdiges Leben herangelesen bis zu dem letztvergangenen Weihnachtsfeste . - morgen - Der Kopf war mir heiß und schwer , ich blickte nach der Tür . Der Mann muß ja hereintreten und weiter schreiben , was am nächsten Morgen gekommen , wie es weiter gewesen war . Denn das ist kein Abschluß und kein Abschied , das ist ein hoffender Blick in die Zukunft , ein Morgenstern . Fast wie eine Überzeugung empfand ich ' s : der Schulmeister lebt . In der Fremde wird er wandern und irren , der arme Mann mit der großen Sehnsucht , die keinen Namen hat . Es ist die Sehnsucht , die wir alle empfinden , ob seichter , ob tiefer , die Sehnsucht nach dem Ganzen , Allgemeinsamen , nach dem Wahren aber Unfaßbaren , in dem unsere drängende , strebende , bangende Seele Ruhe und Erlösung zu finden hofft . Mir war , als müßte ich auf und davon und den alten , guten , kindlichen Mann suchen allerwege . - Was war das für ein großes Streben und Ringen gewesen ! Ein vergebliches Aufraffen nach den Zielen der Gesellschaft ; ein krampfhaft unterdrücktes Auflodern jugendlicher Leidenschaft , ein verzweifeltes Hineinstürzen in die Wirren des Lebens , ein begeisterter Flug durch die Welt , ein furchtbares Erwachen aus Täuschung , ein Fliehen in die Öden der Wildnis , ein stilles , stetes Wirken in Ergebung und Aufopferung , ein großes Gelingen , eine tiefe Befriedigung . Da naht das Alter , ein junges Volk und neue Verhältnisse bieten keine Gelegenheit zu Taten mehr ; ein betrübtes Zurückziehen in sich selbst , Verlassenheit und Einsamkeit , Zweifeln , Grübeln und Träumen und ein stilles Ergeben und Versickern . In Alter , Unbehilflichkeit und Einfalt ist er ein Kind geworden ; ein in Träumen lächelndes , glückliches Kind . Aber die Sehnsucht und das Ahnen des Jünglings ist ihm geblieben . Und ein großer Lohn ist ihm geworden , ein Entgelt , das uns mit seinen Schicksalen versöhnt ; ein Entgelt , wie es die Welt nimmer gibt und geben kann , wie es nur aus treuer Erfüllung des Lebens entsteht : der Frieden der Seele . Die Wachtel der Uhr schlug achtmal . Ich verschloß die Blätter sorgsam in die Lade und ging hinab gegen das Wirtshaus . Es dunkelte schon ; eine frostige Trübe lag allerseits und eine scharfe Luft strich durch den feinrieselnden Regen . Der Lazarus stand vor der Haustür , wendete sein Gesicht nach allen Himmelsgegenden und sagte : » ' s wird anders werden . « Er sagte es zu sich selbst . Er hatte gewiß keine Ahnung , daß der junge , fremde Mensch , der ihm nun nahte , seine ganze Geschichte wisse . Der Wirt war an demselben Abend recht redselig , aber ich war schweigsam und begab mich bald wieder in mein Schulhaus zur Ruhe . Wie sah ich nun alles ganz anders an , als vor zwei Tagen . Fast daheim war ich in diesem Alpendörfchen , in welchem ich gleichsam mit dem Schulmeister jung gewesen und alt geworden . Und der Mann , der die Gemeinde gegründet und großgezogen mit seinem Lebensmark , sollte fremd sein und vergessen ? Nein , er ist überall zu verspüren . Unsichtbar steigt er in Winkelsteg herum Tag und Nacht , zu jeder Stund ' ! - hatte nicht so der Kohlenbrenner gesagt ? Der nächste Morgen war so hell , daß er mir durch das geschlossene Augenlid drang . Als ich es öffnete , sah ich einen lichten , klaren Wintertag . Ich sprang auf . Es hatte geschneit ; die weiße Hülle lag über dem ganzen Tale , auf allen Dächern und Bäumen . Der Himmel war rein . Bald war ich gerüstet zu meiner Alpenfahrt . » Heut ' wohl ! « sagte die Wirtin , » heut ' ist es sein auf der Höh ' , wenn den Herrn der Schnee nicht irrt . Wer Geduld hat , sag ' ich fort , der erwartet alles auf der Welt , gar ein schön ' Wetter in Winkelsteg . Mitnehmen muß der Herr halt wen . « Dann zu ihrem Manne : » Du , leicht will sich der Reiter Peter einen feinen Führerlohn verdienen ? « » Der Reiter Peter , « sage ich , » der ist mir schon recht ; das Schwätzen unterwegs ist mir ohnehin zuwider . « » Ei , der Herr weiß es schon , daß der Peter nicht schwätzt ; ja , der ist fein still , hat er die Geigen nicht bei sich . « Der Peter war jener stumme , junge Mann , der mir vor zwei Tagen nach der Messe an der Kirchtür begegnete . So stieg ich denn mit dem Patenkind des Schulmeisters , mit allem Nötigen wohl versorgt , das Gebirge hinan . Der Schnee war weich und leuchtete in der Morgensonne , und hub an zu schmelzen . Bald standen die niedergedrückten Pflanzen und Blumen wieder auf , und die Vögel sangen und hüpften in dem Geäste und schüttelten die Flocken von den Bäumen . Frisch und neulebendig grünte es zwischen dem rosig angehauchten Weiß , und in einer großen Klarheit lagen die Waldberge . Es war in einer wundersamen Weise der Sommer vermählt mit dem Winter . Wir gingen an dem Schachen des Friedhofes vorüber ; der Peter zog seinen Hut vom Kopfe und trug ihn solange in der Hand , bis wir vorbei waren . Die alten Bäume flochten hoch über den wenigen Gräbern die Äste und Kronen so ineinander , daß es war wie in einem gotischen Dome . Wohl legte sich über den Wipfeln noch der Schneeschleier hin , im Schatten auf den Gräbern aber prangte frisches Gras und Moosgeflechte , und darüber ragten und lehnten an den Stämmen , oder lagen verwahrlost hingestreckt die grauen , bild- und inschriftlosen Holzkreuze . Ich wollte mir die Ruhestätte des Pfarrers Paulus und des Reim-Rüpels zeigen lassen . Der Peter sah mich fragend an ; davon wußte der junge Mann nichts . Später kamen wir auf einen Bergsattel . » Wir sind auf der Lauterhöhe ? « fragte ich meinen stillen Gefährten . Er nickte bejahend mit dem Kopfe . Ich dachte an den zerstörten Ameishaufen , an das Rind , das den Alpenstrauß fraß , an die Schirmtannen da hinten , an den Schirmtanner , und plötzlich fragte ich den Peter : » Die Schirmtanner-Rosel , die kennst du ? « Er wurde rot wie eine Alpenrose . Von diesem Bergsattel aus hatte sich gegen Mitternacht hin eine ganz neue Gegend aufgetan ; Täler und Waldberge zogen sich in tiefer Klarheit hin ; links erhoben sich Felswände , die weit über die Wälder weg einen schründig durchbrochenen Wall bildeten . In dieser Richtung hin dachte ich mir die Gegenden der Lautergräben , Karwässer , der Wolfsgrube und des Felsentales . Der Weg führte talab ; wir aber bogen links ein und stiegen durch Fichtenwald , Zirmgesträuche immer höher empor bis zu den Almblößen , die sich hinanziehen gegen die ragenden Felsmassen . Die Schneehülle war hier zwar etwas dichter und spröder , hinderte aber nicht sonderlich im Wandern . Ein paar Hütten standen da , aus deren Dachfugen Rauch hervordrang und in deren Ställen die Rinder schellten . Diese mußten heute Heu fressen , aber nach dem Schnee sollen gute , warme Tage kommen . In welchem Fenster dieser Hütten wohl der Meisterknecht Paul gesteckt sein mochte ? Wir schritten weiter ; bald merkte ich , daß mein Begleiter selbst den Weg nicht kenne . Der Schnee war hier schon fast geschmolzen in der Sonne . Wir gingen den Felsen zu , stiegen an den Mulden empor , wie ich mich erinnerte , daß der Schulmeister gegangen war , und endlich kamen wir auf das Grat . Das Bild war unvergleichlich . Der Schulmeister hat es geschildert . Wir gingen dem Grat entlang , ruhten dann ein wenig , um uns mit Brot und Fleisch zu laben und die Steigeisen an die Füße zu schnallen . Hierauf gingen wir langsam über das Gletscherfeld hinan gegen den Kegel . Die Luft war außerordentlich rein und ruhig ; ich empfand in mir eine Frische und ein Wohlbehagen zum Aufjauchzen . Je näher wir der Spitze kamen , je flinker förderten wir unsere Schritte ; auch der Peter war lustig geworden . Nun waren wir oben , standen auf der Spitze des Zahn . Mir war zumute , als wäre ich schon früher mehrmals auf dieser Höhe gewesen . Um uns lag in einer unendlichen Ruhe - wie der Schulmeister sagt - die Krone der Alpen . Selbst dort hinter den weiten Wäldern , im sonnendurchwobenen Mittag ragten die Kanten und Spitzen eines fernsten Gebirgszuges noch deutlich , und darüber hinaus , schnurgerade hingezogen lag ein schimmerndes Band - das Meer ! Mir war zumute , als müßte ich fortrasen hinab von Fels zu Fels und hin über Berg und Tal , den Schulmeister zu suchen , ihm zuzurufen : » Kommet und sehet ! « In lauter Begeisterung und in stiller Versunkenheit habe ich wohl lange hinausgestarrt . Dann stiegen wir einige Schritte niederwärts unter den Steinvorsprung , wohl denselben , an welchem der Mann vor fünfzig Jahren gesessen war und geträumt hatte . Hier war noch ein wenig Schnee . Wir setzten uns auf trockene Klötze und hielten Mahlzeit . Der Peter spielte mit seinem Stock im Schnee ; er zeichnete Buchstaben hin ; ich meinte , er wolle mir etwa seine Gedanken und Empfindungen aufschreiben . Aber er zerstörte die Zeichen wieder und es war nur loses Spiel . Mein Auge schweifte hinaus , flog von einem Berg zum andern , bis zu den fernsten , italischen Höhen . Es glitt hin , es trank vom Meere . Über den Wassern sah ich das Lichtwogen der mittägigen Sonne ... Plötzlich gellte neben mir ein Schrei . Der Bursche war emporgesprungen und wies mit beiden Händen auf den hügeligen Schneeboden hin . Ich forschte nach der Ursache , da waren noch des Jungen Buchstabenreste , da war aufgewühlter Flaum , da war - Es war grauenhaft zu sehen . Von der Schneehülle halb bloßgelegt starrte ein Menschenhaupt hervor . Nur wenige Augenblicke war der Bursche schreckerstarrt , tatlos dagestanden ; dann eilte er , die Erscheinung von der Schneehülle vollends zu befreien . Mit Fieberhast arbeitete er , und als ein ganzer Menschenkörper dalag , da verbarg er sein Gesicht , sank mir in die Arme und wimmerte . Da lag ein mumienhafter Mann , gerollt in einen braunen Mantel , die Züge eingetrocknet , die Augen tief gehöhlt , die wenigen Locken des Hauptes wirr - - - » Kennst du ihn ? « fragte ich den Burschen . Er neigte traurig den Kopf . » Ist es der Schulmeister ? « rief ich aus . Der Peter neigte das Haupt . - Als wir endlich einige Fassung gewonnen hatten , huben wir an , den Toten näher zu betrachten . Er war sorgsam in den Mantel geschlagen , an die Schuhe waren Steigeisen geschnallt , daneben lag ein Bergstock . In dem halb offenen Ledertäschchen fanden sich einige verdorrte Brotkrumen und ein zusammengeknülltes feuchtes Papier . Nach diesem griff ich und zog es auseinander . Da standen Worte , Worte in schiefen , regellosen Zeilen , mit Bleistift unsicher hingedrückt . Die Worte sind leserlich und lauten : » Christtag . Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht verloren . « - - - So hatte er sein Ziel geschaut . Als Erblindeter hatte er das Blatt beschrieben , das letzte Blatt zu seinen Schriften . Dann hatte er sich wohl hingelegt auf den Steinboden , hatte die eisige Winternacht erwartet und war in derselben gestorben . Wir bauten aus Steinen einen Wall um den Toten und wölbten ihn notdürftig ein . Dann stiegen wir nieder zu den Almen und den kürzeren Weg über Miesenbach nach Winkelsteg . Des andern Morgens zur frühen Stunde stiegen ihrer viele empor gegen den grauen Zahn , und ich mit ihnen . Der alte Schirmtanner war auch dabei , der wußte vieles von dem Schulmeister zu erzählen und seine Worte stimmten mit den Schriften überein . Und so trugen wir den alten Andreas Erdmann , der in der trockenen , kalten Alpenlust fast zur Mumie vertrocknet war , herab in das Tal der Winkel zur Pfarrkirche , die unter seinem Walten erbaut worden war ; trugen ihn auf den Friedhof , den er selbst angelegt hatte im Schatten des Waldes . Die Nachricht , der alte Schulmeister sei aufgefunden worden , hatte sich bald verbreitet in den Winkelwäldern , und alles strömte herbei zum Begräbnisse , und alles pries den guten Mann . Der Winkelwirt weinte wie ein Kind . » Der hat meinen verlassenen Vater gesegnet auf dem Todbett ! « rief er . Den Peter mußte der Schirmtanner von der Bahre hinwegführen . Der Förster vom Herrenhaus war da . Ganz in der Nähe des Grabes wuchs eine Waldlilie . Der Branntweiner Schorschl hielt einigen , die am Friedhofseingange standen , eine Rede ; er habe nichts , gar nichts gegen den Schulmeister gehabt , doch der Schulmeister sei eigensinnig gewesen . Das eine sei zu bedenken : hätte der Schulmeister ein Fläschel Wacholderbranntwein bei sich gehabt , er wäre nicht erfroren . Zur Abendstunde unter Fackelschein ist der gute , alte Mann in die Erde gesenkt worden . Die Schriften , zu denen ich in so eigentümlicher Weise gekommen bin , habe ich mir von der Gemeinde Winkelsteg erbeten , auf daß ich sie der Öffentlichkeit übergebe , als Zeugenschaft von einem armen , reichen , fruchtbaren und selbstlosen Leben in der Verborgenheit des Waldes . In schmerzlicher Bewegung habe ich das letzte Blatt mit den Bleistiftworten zu den Schriften gelegt . Schlage nach , mein Leser , es wird dir ein Umstand nicht entgehen : das erste Blatt ist von einem Kinde an das Jenseits gerichtet . Und von demselben Kinde wird nach der Erfüllung der Zeit das letzte Blatt gleichsam aus dem Jenseits herübergesandt , uns Ringenden auf Erden als des Vermächtnisses Siegel mit der Inschrift : Entsagung und Ergebung ! Fußnoten 1 Dieses » Schreibebuch « ist in den Schriften nicht vorgefunden worden . Der Herausgeber .