und in die geheimnisvolle Karolinenlust geschickt . « Dagobert antwortete nicht . Er rüttelte an dem Schloß des Tisches - der Schlüssel fehlte ; nach Eckhofs Aussage aber enthielt ja dieser Kasten , der förmlich festgemauert in seinen Fugen saß , Lothars Brieftasche mit den Dokumenten . Achselzuckend , mit finsterer Stirne wandte sich Dagobert ab , trat , den Vorhang zurückschiebend , in eine der Glasthüren und sah hinaus in das Wetter , während Charlotte die Kouverts achtlos auf den Tisch warf und an das entgegengesetzte Ende des Saales schritt . Da stand ein Flügel - ich hatte ihn neulich bei meiner eiligen Flucht nicht bemerkt . Charlotte schloß ihn sofort auf und griff ohne weiteres in die Tasten , die vielleicht nie wieder hatten berührt werden sollen - sie wenigstens wehrten sich , sie hatten ja Stimmen ; in entsetzlicher Dissonanz , von dem Klirren gesprungener Saiten begleitet , schrillten die Töne so nervenerschütternd gegen die Wände , daß selbst die starke Charlotte zurückfuhr und entsetzt den Deckel zuschlug . Sie war erschrocken ; aber von jener herzbeklemmenden Scheu , jenem Gefühl ängstlicher Pietät , mit denen ich allen diesen leblosen Gegenständen eine Art von empfindlicher Seele andichtete , schien nicht eine Spur in ihr zu leben . Sie griff nach den Notenheften , die auf dem Flügel lagen , und wühlte zwischen ihnen , bis sie abermals aufschrie und plötzlich mit halb unterdrückter , aber dennoch jubelnder Stimme » Già la luna in mezzo al mare « in den Saal hinein sang . » Dagobert , da ist ' s , was Mama in Madame Godins Salon gesungen hat , da ist ' s - hier , hier ! « unterbrach sie sich und schwenkte das Notenheft in der Luft . Ich hörte nicht , daß ihr Bruder antwortete und wandte mich um . Er stand mit dem Rücken gegen uns und bückte sich über den Schreibtisch . Mit einigen raschen Schritten stand ich an seiner Seite . » Das dürfen Sie nicht ! « sagte ich - ich erschrak vor meiner eigenen Stimme , so tonlos und bebend klang sie ; trotzdem sah ich ihm mutig in das Gesicht . » Ei , was darf ich denn nicht ? « fragte er spöttisch , ließ aber doch die Hand sinken , in welcher er irgend ein Instrument hielt . » Das Schloß erbrechen , « versetzte ich fester . » Ich bin schuld , daß Sie hier sind hinter den Siegeln , ich habe Sie dazu verleitet ; es ist ein großes Unrecht , ich sehe das sehr wohl ein ... Mehr aber darf nun auch nicht geschehen , ich leide es nicht ! « brauste ich auf , als ich sah , daß er trotzdem die Hand wieder hob . » Wirklich ? « lachte er . Das war seltsam - seine Augen irrten über mich hin und entzündeten sich in einem Feuer , wie ich sie nie gesehen . » Wie wollen Sie denn das anfangen , Sie zerbrechliches , quecksilbernes Geschöpfchen ? « fragte er spottend und steckte rasch das Instrument in das Schloß - ich hörte es darinnen knistern und knacken . Angstvoll , aber auch zornig ergriff ich mit beiden Händen seinen Arm und suchte ihn zurückzuziehen - da fühlte ich in demselben Augenblicke meine Taille umschlungen und heftig gepreßt , und Dagobert flüsterte mir in das Ohr : » Kleine wilde Katze , berühren Sie mich nicht und sehen Sie mich nicht so an - es ist gefährlich für Sie ! Ihre berauschenden Augen haben mir ' s schon in der ersten Stunde angethan ! Gerade Ihre wilde Bosheit reizt mich , und wenn Sie wieder nach mir schlagen , wie heute auf der Treppe , dann ist ' s erst recht um Sie geschehen - reizende , geschmeidige Eidechse ! « Ich schrie auf , und er ließ mich los . » Was treibst du denn für Possen , Dagobert ? « schalt Charlotte herbeieilend . » Das Kind läßt du mir in Ruhe - ich bitte mir ' s aus ! Das ist nichts für eure Lieutenantslaunen ... Lenore steht unter meinem Schutz und damit basta ! ... Uebrigens hat sie recht , die kleine Unschuld ! Was wir hier verschlossen finden , dürfen wir nicht gewaltsam öffnen ... Was nützen uns auch die Papiere , wenn wir dabei sagen müßten , daß wir sie nach Spitzbubenart unter den Gerichtssiegeln hervorgeholt haben ? ... Sie liegen einstweilen gut aufgehoben , bis sie eines Tages mit Eklat an das Licht treten werden . Selbst für Onkel Erich sind sie unerreichbar geworden durch die Siegel , die er auf die Thüren hat klecksen lassen . Und wir brauchen nicht mehr hineinzusehen - so gewiß ich atme , so gewiß weiß ich nun , daß wir hier geboren sind , daß wir in dem Hause unserer Eltern , auf unserem eigenen , ererbten Grund und Boden stehen ! « sagte sie feierlich . » Hörst du ? Der Sturm sagt Amen dazu ! « Ja , das war ein Stoß , der den Boden unter unseren Füßen zittern machte , der die Glasthür , die ich neulich im Schrecken nur zugeworfen und nicht geschlossen hatte , schmetternd aufstieß und im Nu den Schreibtisch mit Wasserfluten überschüttete . » Ha , ha , er sagt Amen dazu und will uns zeigen , wie wir ' s machen müssen ! « lachte Dagobert und schloß die Thür wieder . » Er faßt diesen inhaltsvollen Schreibtisch nicht mit Handschuhen an , wie du siehst - da heißt es Gewalt wider Gewalt ! ... Wenn es nach deinem und Eckhofs Sinn gehen soll , dann muß ich bei Onkel Erich um jeden Groschen betteln und Vorwürfe über meine Schulden hören , bis ich graue Haare habe , und du wirst in der verhaßten Abhängigkeit eine alte Jungfer ! « » Die werde ich so wie so , « sagte sie , während eine leichte Blässe ihr Gesicht überlief . » Ich würde mich nie anders als standesgemäß verheiraten - diese Hofgecken sind mir aber in den Tod zuwider ... Ich will auch nicht lieben , ich will nicht ! ... Ich habe ein ganz anderes Ziel - Aebtissin in einem Damenstift will ich werden - da kommt manche unter mein Zepter , die mich getreten hat - sie mögen sich hüten ! ... Uebrigens begreife ich dich nicht , Dagobert , « sagte sie nach einem tiefen Atemholen weiter . » Wir haben doch längst ausgemacht , daß die Sache erst im Januar , wenn du hierher versetzt bist , zum Austrag kommen darf , daß wir unterdes schweigen und so viel wie möglich Material sammeln wollen . Es wird mir schwer genug werden , allein hier auszuharren - kostet es mich doch jetzt schon die größte Ueberwindung , dem Onkel in die Augen zu sehen und nicht sagen zu dürfen : Betrüger , der du bist ! - mit der Fliedner verkehren zu müssen , die das friedfertigste und harmloseste Gesicht macht und uns systematisch bestehlen hilft - die boshafte Katze ! Und ich habe sie wirklich gern gehabt ! ... Es geht fast über meine Kräfte , aber es hilft nichts , es muß sein ! Eckhof hat recht , wenn er uns unausgesetzt die möglichste Ruhe und Vorsicht predigt . « Sie wischte mit ihrem Taschentuch die Nässe vom Tisch und drückte den aufgerüttelten Kasten wieder fest in seine Fugen . Was sie nun trieben und erforschten , ich beteiligte mich nicht mehr daran . Ich hatte mich zwischen die Glasthür und den Schreibtisch geflüchtet und stand da als Schildwache ... Ich meinte , das Zittern des Bodens unter mir daure fort , aber es war in meinen Füßen . Nie in meinem ganzen Leben war mir so entsetzlich zu Mute gewesen , als in dem Augenblick , wo es sich urplötzlich wie lebendige Klammern um mich gelegt hatte . Wäre ich in einen dunklen Abgrund gestoßen worden , ich hätte mich nicht mehr fürchten können , als vor diesem heißen Flüstern einer halberstickten Stimme , das ich zum Teil gar nicht verstand , und das mir doch das Blut in Wangen und Schläfe trieb ... Am liebsten hätte ich alles hinter mir gelassen und wäre gelaufen , soweit mich meine Füße tragen konnten ; allein die Furcht , daß der Schreibtisch schließlich doch noch erbrochen werden könne , hielt mich fest . Stundenlang mußte ich auf meinem Posten ausharren . Mehrere Zimmer , die hinter den von mir entdeckten lagen , und deren letzteres auch in den Saal mündete , wurden durchsucht ... Mittlerweile ließ das Sturmgeheul draußen nach ; das Trommeln auf den Steinplatten des Balkons verwandelte sich in ein sanfteres Plätschern , und durch die blassen Seidenvorhänge der Glasthüren brach ein hellerer Schein , der die Schelmengesichter an den Wänden lustig wieder aufleben ließ . » Das ist unser Wappen , Kleine , sehen Sie sich ' s an , « sagte Charlotte , endlich wieder heraustretend , zu mir . Sie hielt mir einen Siegelring mit einem geschnittenen Stein hin . » Papa hat zwar nie Ringe getragen , wie heute Ihre Hoheit versicherte , trotz alledem existiert dieser und ist augenscheinlich oft als Petschaft benutzt worden - er lag auf Papas Schreibzeug ; ich nehme ihn mit , als das einzige , was ich mir vorläufig aneigne . « Sie ließ den Ring in ihre Tasche gleiten . Ich war erlöst . Wir gingen hinab , und der Schrank wurde wieder an seine Stelle gerückt . Als die wohlberechtigten Erben des Freiherrn Lothar von Claudius , als die Seitensprossen des herzoglichen Hauses waren die Geschwister wieder aus dem dunklen Treppenschacht hervorgegangen , den Charlotte noch unter den Qualen banger Zweifel betreten hatte . Sonnenklar lag die Lösung des Rätsels da - auch für mich - wie war es Herrn Claudius möglich gewesen , mit reiner Stirne und so fester Stimme die Wahrheit zu verleugnen ? ... Und trotzdem , mochte die Sache liegen , wie sie wollte - er hatte doch nicht gelogen ! ... 25 Charlotte griff nach ihrem Shawl ; aber sie ließ ihn erschreckt wieder sinken , lief an das Fenster und riß es auf . » Was gibt ' s , Herr Eckhof ? « rief sie hinaus . Der alte Buchhalter rannte quer über den Kiesplatz nach dem Hause . Er war ohne Hut und sein sonst so beherrschtes Gesicht sah verstört aus - er war augenscheinlich tief alteriert . » In Dorotheenthal ist ein Wolkenbruch niedergefallen ! « rief er atemlos herüber . » Mindestens vierzigtausend Thaler Verlust für die Firma Claudius ! Alles ersäuft und verwüstet , was wir seit Jahren draußen mühsam angelegt und gepflegt haben ! ... Hören Sie den Notschuß ? ... Auch Menschen sind in Gefahr ! « Dorotheenthal war eine Besitzung der Claudius , ein altertümliches , einst adeliges Herrenhaus , das , samt einem Dorf , sehr tief auf ziemlich enger Thalsohle lag . Die Firma stützte ihren Betrieb weit mehr noch auf die Ländereien in Dorotheenthal , als auf die Gärten zu K. Die Holzsämereien waren ganz auf diesen Distrikt verwiesen , und besonders hatten kostbare Koniferenexemplare Dorotheenthal eine Art Ruf verschafft . Die einzelnen Blumengattungen waren hier ackerweise vertreten , und Ananas- , Orchideen- und Kaktushäuser umkreisten in bedeutender Anzahl das Schlößchen . Einige kleine Seen und ein ziemlich reißender Fluß , der das Thal durchschnitt , erleichterten den kolossalen Betrieb ungemein ; aber in diesem Augenblick war das hilfreiche Element zum teuflischen Feind geworden - die Seen waren übergetreten , und der Fluß hatte sich , einen Damm durchsprengend , mit ihnen vereint , wie Eckhof noch herüberrief , ehe er in der Halle verschwand . » Welch ein Unglück ! « rief Charlotte mit totenblassem Gesicht und schlug die Hände zusammen . » Ah bah - was brauchst du da zu erschrecken ? « sagte Dagobert achselzuckend . » Was sind vierzigtausend Thaler für Onkel Erich ? Er kann ' s verschmerzen und schließlich , was geht ' s uns an ? Das ist seine Sache - unser Erbteil schmälert es um keinen Pfennig ! ... Er wird freilich saure Gesichter machen , und die Wegzehrung , die er mir übermorgen mitgeben wird , mag schmal genug ausfallen ... Na , meinetwegen - ich habe mir ' s ja auch gefallen lassen müssen , wenn der Kram in Ordnung war . « Die letzten Worte hörten wir kaum noch . Charlotte lief hinaus , und ich mit ihr ... Menschen waren in Gefahr ? Wie das beängstigend klang ! Ich wollte mehr wissen - ich hielt es nicht aus allein in der Karolinenlust , Charlotte hatte mir ihren Arm gereicht , und so rannten wir , unausgesetzt bestäubt vom Regen , über den schäumenden Fluß , durch die schwimmenden und triefenden Gärten nach dem Vorderhause . Hier und da lief uns ein Gärtnergehilfe mit erschrecktem Gesicht über den Weg , und schon von ferne hörten wir über die Hofmauer her den Lärm durcheinander rufender und klagender Stimmen . Beinahe das ganze Arbeiterpersonal war im Hofe versammelt , als wir eintraten , und vor der Hausthür hielt Herrn Claudius ' Equipage ... Er selbst trat eben , in einen Regenmantel gehüllt und den Hut in der Hand , heraus auf die Thürschwelle ... Es war , als gehe von seinem vollkommen ruhigen Gesicht eine beschwichtigende Kraft aus - das Lärmen verstummte sofort . Er erteilte einige Befehle ; nicht die mindeste Hast oder Ueberstürzung beeinträchtigte seine langsam edlen Bewegungen - man sah , der blonde Kopf dort mit dem ernsten Ausdruck behauptete die Herrschaft in allen Lagen des Lebens . Bei unserem Erscheinen traten die Leute zurück und ließen uns vorüber ; ich hing noch an Charlottens Arm . Da sah uns Herr Claudius über den Hof kommen - schien es doch fast , als erschrecke er ; wie ein Blitz fuhr ein Ausdruck des Zorns über seine unbedeckte Stirne ; er zog die Brauen zusammen , und unter ihnen hervor traf mich ein langer , finster strafender Blick ... Ich schlug die Augen nieder und zog meinen Arm aus dem meiner Begleiterin . » Onkel Erich , das ist ein schwerer Schlag ! « rief Charlotte , während sie zu ihm auf die Schwelle trat . » Ja , « sagte er einfach , ohne jede weitere Bemerkung . Dann wandte er sich in die Hausflur zurück , wo Fräulein Fliedner stand . » Liebe Fliedner , sorgen Sie dafür , daß Fräulein von Sassen sofort in trockene Kleider kommt - ich mache Sie verantwortlich dafür ! « befahl er in seiner gewohnten gelassenen Weise und zeigte auf meine beschmutzten , kläglich zerweichten Atlasstiefeln und mein regennasses Kleid ... In das Gesicht sah er mir nicht mehr . Er bestieg rasch den Wagen und ergriff die Zügel . » Nimm mich mit nach Dorotheenthal , Onkel ! « rief Dagobert , der eben in Begleitung des nunmehr mit Hut und Mantel versehenen Buchhalters aus dem Garten trat . » Es ist kein Platz , wie du siehst , « versetzte Herr Claudius kurz und deutete auf mehrere Arbeiter zurück , die mit angsterfüllten Mienen nach Eckhof einstiegen - sie waren aus Dorotheenthal . Der Wagen brauste hinaus , und Fräulein Fliedner ergriff meine Hand und führte mich in ihr Zimmer . Charlotte kam nach . » Sie sind aber auch naß wie ein gebadetes Kätzchen ! « sagte sie zu mir , während Fräulein Fliedner trockene Kleider herbeitrug . - » Merkwürdig , daß der Onkel in diesem Moment , wo seine Schacherseele Tausende verliert , Augen dafür hatte ! « » Daran können Sie eben sehen , daß er keine Schacherseele ist , « versetzte Fräulein Fliedner . Ihr mildes Gesicht war noch blaß vom Schrecken , und jetzt glitt auch ein bitterer , herber Zug um ihren Mund . » Ich habe Sie schon oft gebeten , Charlotte , dergleichen harte und ungerechte Bezeichnungen vor meinen Ohren nicht laut werden zu lassen - ich kann das wirklich nicht ertragen . « » So - aber Sie schweigen und finden es ganz in der Ordnung , wenn der Onkel mir in Ihrem Beisein den Text liest und in seiner grausam kalten Ruhe durchaus nicht glimpflich mit mir verfährt ! « rief sie heftig . » Wenn er noch ein ehrwürdig alter Mann wäre , dann ertrüge sich ' s leichter - aber mein Stolz bäumt sich auf gegen diesen Mann mit den Feueraugen , der vor meinem Bruder und mir weniger die Erfahrungen der Jahre als die äußere Macht voraus hat . - Er mißhandelt uns ! « » Das ist nicht wahr , « sagte Fräulein Fliedner entschieden . » Er wehrt nur den Neigungen , die er nicht dulden darf ... Wenn Sie freilich eigenmächtig und rücksichtslos handeln , dann müssen Sie sich auch eine Zurechtweisung gefallen lassen , Charlotte ... Es hat heute wieder etwas gegeben , was Sie vermeiden konnten . Während Herr Claudius mit der Prinzessin im Glashause war , hat unser Haustischler an sämtlichen Fenstern Ihrer Wohnung Maß genommen - Sie hätten Jalousien bestellt , sagte er - « » Nun ja - ich habe lange genug die Sonne geduldig auf meine unglückliche Haut scheinen lassen , « unterbrach sie Charlotte trotzig . » An die Sonnenseite gehörten Läden - « » Ganz recht ; aber es war nicht mehr als billig , daß Sie Herrn Claudius darum befragten - es ist sein Haus und sein Geld , über welches Sie dabei verfügen . « » Gott im Himmel , einmal wird doch die Zeit kommen , wo ich diese Ketten nicht mehr werde klirren hören ! « rief Charlotte in ausbrechender Leidenschaft . » Wer weiß , ob sie Ihnen dann nicht eines Tages wieder wünschenswert erscheinen , « sagte Fräulein Fliedner sehr gelassen . » Meinen Sie , liebe , gute Fliedner ? « - Der lächelnde Hohn in der Stimme der jungen Dame klang mir geradezu fürchterlich . » Eine niederschlagende Prophezeiung ! ... Trotzdem bin ich so kühn , zu hoffen , ja ganz gewiß zu erwarten , daß es die Vorsehung denn doch ein klein wenig besser mit mir im Sinne hat . « Sie schritt nach der Thür . » Wollen Sie nicht den Thee bei mir trinken ? « fragte Fräulein Fliedner so freundlich und friedfertig , als sei nicht ein bitteres Wort gefallen . » Ich werde ihn sogleich besorgen - ich bin ja für Fräulein von Sassens Gesundheit verantwortlich gemacht und muß der möglichen Erkältung vorbeugen . « » Ich danke ! « sagte Charlotte in der offenen Thür mit kaltem Tone über die Schulter zurück . » Ich will mit meinem Bruder allein sein ... Schicken Sie mir die Theemaschine hinauf , aber die kleine silberne , wenn ich bitten darf - ich mag nicht mehr aus Messing trinken , und wenn es Dörte auch noch so goldblank putzt ... Adieu , Prinzeßchen ! « Sie ließ die Thür ins Schloß fallen und eilte mit dröhnenden Schritten die Treppe hinauf . Fast unmittelbar darauf rauschten grelle Klavierakkorde durch das stillgewordene Haus . Die alte Dame schrak sichtlich zusammen . » Mein Gott , wie rücksichtslos ! « murmelte sie vor sich hin . » Mir fällt jeder Ton wie ein Schlag auf mein geängstigtes Herz . « » Ich will gehen und sie bitten , aufzuhören ! « sagte ich , nach der Thür springend . » Nein , nein , das thun Sie nicht ! « hielt sie mich ängstlich zurück . » Das ist nun einmal so ihre Gewohnheit , wenn sie sich im Groll zurückzieht , und wir lassen sie darin auch stets gewähren . Aber heute , gerade in diesen Stunden voll Angst und Sorgenqual - - was mögen die Leute im Hause davon denken ! Sie gilt ohnehin für viel herzloser , als sie ist , « setzte sie bekümmert hinzu . Sie drückte mich in die Federkissen des Sofas und begann den Theetisch herzurichten . Zu jeder anderen Zeit wäre es sicher urgemütlich in dem altfränkischen Zimmer der alten Dame gewesen . Die Theemaschine sang ; draußen durch die menschenleere Straße strich seufzend der Wind , und der Regen schlug in gleichmäßigem Tempo gegen die Scheiben . Befriedigt nickte das stilllächelnde Gesicht des Pagoden hinter dem Glas in das leise dämmernde Zimmer herein , und der kleine jähzornige Pinscher lag faul , in sichtlichem Wohlbehagen des Geborgenseins , auf dem Polster ... Aber Fräulein Fliedner strich die Butterbrötchen mit zitternden Händen - ich sah es wohl - und Dörte , die alte Köchin , die einen Teller voll Gebäck hereinbrachte , fragte unter beklommenem Aufseufzen : » Wie mag ' s denn draußen stehen , Fräulein Fliedner ? « Mir schlug das Herz in einer unerklärlichen Angst . Ich empfand einen brennenden Schmerz , wenn ich daran dachte , daß Herr Claudius gerade jetzt zürnend von mir gegangen war - und ich mußte , zu meiner Qual , unausgesetzt daran denken ... Wie kindischeigensinnig und widerspruchsvoll mußte ich ihm erschienen sein , als ich an Charlottens Arm daher gekommen war ! ... Trotzdem hatte er Besorgnis um mich gezeigt - Besorgnis für mich kleines unbedeutendes Wesen in einem Moment , wo ein schweres Mißgeschick über ihn hereinbrach ! ... Leise schlugen mir die Zähne zusammen , und unter Nervenschauern drückte ich mich tiefer in die weiche Sofaecke ... Auf Fräulein Fliedners dringende Bitten schluckte ich eine Tasse heißen Thees hinunter - die alte Dame selbst genoß nichts - still saß sie neben mir . » Ist Herr Claudius auch in Gefahr da draußen ? « rang es sich endlich von meinen Lippen . Sie zuckte die Achseln . » Ich fürchte es - gefährlich mag ' s schon sein - Wassersnot ist fast schlimmer als Feuersgefahr , und Herr Claudius ist nicht der Mann , der in solchen Augenblicken an sich selbst denkt - aber er steht in Gottes Hand , mein Kind ! « Das erleichterte mein Herz gar nicht ... Wie oft hatte ich von Menschen gelesen , die ertrunken waren - unschuldige Menschen , die nichts verbrochen hatten - und er sollte ja einen Mord auf dem Gewissen haben ! ... Stand der Mörder auch in Gottes Hand ? Das Angstgefühl , unter welchem ich litt , trieb mich unwillkürlich , das auszusprechen . » Er ist ja schuld an dem Tode eines Menschen , « sagte ich gepreßt , ohne aufzusehen . Die alte Dame fuhr zurück , und zum erstenmal sah ich ihre sanften Augen im Ausdruck tiefster Empörung auflodern . » Abscheulich - wer hat Ihnen das schon gesagt ? Und in einer solchen schonungslosen Weise ? « rief sie erregt . Sie stand auf und trat für einige Sekunden in eines der Fenster ; dann setzte sie sich wieder zu mir und nahm meine beiden Hände in die ihrigen . » Wissen Sie auch Näheres darüber ? « fragte sie ruhiger . Ich schüttelte den Kopf . » Nun , dann mag sich Ihre junge , in Welt und Leben so unerfahrene Seele allerdings ein grauenhaftes Bild machen - ich kann mir das lebhaft denken - armer Erich ! ... Es ist freilich die dunkelste Stelle in seinem Leben ; aber , mein Kind , er war damals ein junger Mann von kaum einundzwanzig Jahren , ein leidenschaftlich und enthusiastisch empfindender Mann ... Er hat eine Frau lieb gehabt , so lieb - nun das mag ich Ihnen nicht des breitern schildern . Weiter besaß er einen Freund , dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt , und für welchen er sich vielfach aufgeopfert hatte ... Eines Tages nun muß sich der Ahnungslose überzeugen , daß die Frau und der Freund ihn betrügen , daß sie beide treulos sind ... Es ist zu einer heftigen Szene gekommen , und es sind Worte gefallen , die , wie es die abscheuliche Sitte unter Männern verlangt , nur durch Blut gesühnt werden konnten . - Sie haben sich duelliert , der verräterischen Frau wegen ; der Freund - « » Der junge Eckhof ? « warf ich hastig dazwischen . » Ja , der Sohn des Buchhalters - er hat einen Schuß in die Schulter bekommen , und Herr Claudius ist ziemlich schwer am Kopfe verwundet worden - seine Augenschwäche stammt aus jener Zeit ... Die Wunde Eckhofs ist an sich nicht gefährlich gewesen ; aber seine bereits sehr zerrüttete und geschwächte Konstitution hat ihn im Stiche gelassen - nach mehrwöchentlichem Krankenlager hat er sterben müssen , trotz aller Bemühungen der ausgezeichnetsten Aerzte . « » Und die Frau , die Frau ? « unterbrach ich sie . » Ja , die Frau , mein liebes Kind , die hatte Paris längst verlassen , als Herr Claudius von seinem Schmerzenslager aufstand ; sie war mit einem Engländer abgereist . « » Sie war schuld an seinem Leiden und ist nicht gekommen , abzubitten und ihn zu pflegen ? « » Mein kleines Mädchen , sie war eine Dame vom Theater - sie hat dieses Blutopfer als eine Huldigung ihrer gefährlichen Schönheit hingenommen und sich durchaus nicht verpflichtet gefühlt , abzubitten , noch weniger aber die Wunde mit ihren verwöhnten Händen zu heilen ... Damals , kurze Zeit nach seiner Genesung , kam Herr Claudius hierher - sein Bruder war - gestorben und hatte so manche Anordnung in die Hände seines Erben niedergelegt ... Nach langer Trennung sah ich ihn zum erstenmal wieder - ich habe nie in meinem ganzen Leben einen Menschen so furchtbar leiden sehen , als diese junge , aus allen Fugen gerissene Männerseele . « » Er hatte Gewissensbisse ? « » Das weniger - er konnte die Frau nicht vergessen ... Wie wahnsinnig lief er stundenlang durch die Gärten , oder raste mit den Händen über die Tasten - « » Der ernsthafte , ruhige Herr Claudius ? « fragte ich atemlos vor Ueberraschung . » Das war er eben damals nicht ... Er suchte Ruhe und Beschwichtigung in der Musik , und wie spielte er ! Ich begreife sehr wohl , daß ihm Charlottens Trommeln oft geradezu zur Qual wird ... Er hielt nicht lange hier aus . Ein Jahr noch reiste er ziellos durch die Welt , dann kam er zurück , völlig umgewandelt , und nahm als der ernste , strenge , schweigsame Mann , als den Sie ihn kennen , das Geschäft in die Hand ... Ich habe ihn nie wieder eine Taste berühren sehen , ich habe nie wieder ein leidenschaftliches Wort von ihm gehört , eine heftige Bewegung an ihm bemerkt . Er hatte anders überwunden , als sein Bruder , der an seinem Seelenschmerz zu Grunde gegangen war - sein starker Geist hat ihn das richtige Beschwichtigungsmittel , die Arbeit , finden lassen . Und so ist er das geworden , was er heute noch ist , ein Arbeiter im strengsten Sinne des Wortes , ein stahlharter Charakter , der in Ordnung und Thätigkeit den Gesundbrunnen für die Menschenseele sieht und sie überall angewendet wissen will . « Fräulein Fliedner hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen , wie ich sie an der zwar immer anmutig liebenswürdigen , aber auch stets sehr zurückhaltenden alten Dame noch nicht gesehen - sie hatte sich offenbar hinreißen lassen . Und ich saß an ihrer Seite und sah mit zurückgehaltenem Atem in eine ungekannte Welt - ein Wunder war sie für mich , die leidenschaftliche Liebe des Mannes zum Weibe ! Meine geliebtesten Zaubergeschichten erblaßten und verloren ihren Glanz und Reiz neben dieser Erzählung aus der Wirklichkeit ... Und der Mann , der die treulose Frau nicht vergessen konnte , den der Schmerz um ihren Verlust wie wahnsinnig durch die Gärten gejagt hatte , es war Herr Claudius gewesen - er konnte sich wirklich etwas so tief zu Herzen nehmen ? ... » Liebt er wohl die Frau noch immer ? « unterbrach ich mit leiser Stimme das plötzlich eingetretene tiefe Schweigen . » Mein Kind , darauf kann ich Ihnen nicht antworten , « sagte lächelnd die alte Dame . » Meinen Sie wirklich , es wisse irgend ein Mensch , was in Herrn Claudius ' Innerstem vorgeht ? ... Sie kennen ja sein Gesicht und Wesen und nennen es selbst ernsthaft und ruhig - seine Seele ist für alle ein zugeschlagenes Buch ... Uebrigens kann ich mir kaum die Möglichkeit denken ; er muß ja die Frau verachten . « Es war dunkel geworden . Fräulein Fliedner hatte vorhin ein Fenster geöffnet , weil es schwül im Zimmer war ; der plätschernde Regen hatte aufgehört . In der abgelegenen Mauerstraße war es still , aber fern , von den frequenten Plätzen , dem Knotenpunkt der Stadt her , drang in an- und abschwellendem Summen das Getöse des lebendigsten Menschenverkehrs . An der gegenüberliegenden Straßenseite hüpften die Gaslichter eines nach dem anderen auf - sie spiegelten sich in den trüben Regenlachen des Pflasters und zeigten , wie schwarz und dräuend der Himmel noch über der Stadt hänge ... Auch in das Zimmer herein , wo wir lautlos schweigend nebeneinander saßen , fiel ihr schwacher Schein , und ich bat Fräulein Fliedner , keine Lampe anzuzünden , es sei hell genug - ich fürchtete mich , in das Gesicht der alten Dame zu sehen , weil ich wußte , daß es angstvoll und tiefbesorgt aussehen müsse . Da kamen schallende Schritte das Trottoir entlang , und im Vorübergehen , unter dem offenen Fenster , sagte eine hastig erzählende Stimme : » Eine gelähmte Frau , die sich nicht hat retten können , ist ertrunken ! ... Es soll schrecklich draußen sein ! « Wir fuhren empor , und Fräulein Fliedner begann rastlos im Zimmer auf und ab zu gehen ... Nun erscholl auch lebhaftes Sprechen in der Hausflur . » Noch keine Nachricht aus dem Dorotheenthal ? «