immer eine ehrbare Kolonie , aber doch andere Leute geworden wie jene , die den wandernden Invaliden mit Wunderaugen betrachteten und die stattliche Festkavalkade keines Blinzelns würdigten . Es herbergte sich gut auch bei den Bauern von Reckenburg ; droben aber in den herrschaftlichen Gemächern lockte ein allempfundener Zauber die Gäste herbei , denn die alte Dame lächelte gütig , und die junge war schön . Indessen sie hieß noch immer schlechthin Hardine Müller , sie nahm eine Stellung ein , die sich ebensowohl für die bevorzugte Gesellschafterin wie für die Verwandtin eines großen Hauses geschickt haben würde . Ausbildung und Beschäftigungsweise hätten sie für das Familienleben bürgerlicher Kreise geeignet gemacht , Anstand und äußere Form möchte ein hochwohlgeborener Weltmann nicht unter seiner Würde gefunden haben . Und eben weil sie so verschiedenen gerecht schien , sah die Hoffnung jedes Besonderen sich eingeschränkt . Die Bürgerlichen schreckten die Ansprüche der aristokratischen Pflegemutter ; die Aristokraten schreckte die plebejische Herkunft ohne verbriefte Zukunftsaussicht . Eine Zeitlang glaubte man an eine Verbindung mit dem ältesten Sohne des Grafen , einem hübschen , flotten Kavalier . Der junge Herr besann sich aber anders , er wählte eine , die Gott weiß wie viele Ahnen , und nicht , wie die kleine Hardine , zwar zehn Sperlinge auf dem Dach , aber einen sicher in der Hand hatte . Es war das zweifelhafte Erbe der Reckenburg , welches von zwei Seiten die Bewerber zurückhielt , und so müssen wir leider die Tatsache konstatieren , daß die liebliche , vielbewunderte kleine Hardine in ihrem zwanzigsten Jahre sich noch keines Heiratsantrages rühmen durfte . Alle diese Freierzweifel fanden jedoch eine überraschende Lösung , als just in den Hochsommertagen , wo vor zwölf Jahren die Waise des Invaliden an dem Herde der Reckenburg heimisch geworden war , Fräulein Hardine die Verlobung ihrer Pflegetochter bekanntmachte . Der Auserkorene war ihr erster Kindheitsgenosse , der uns bekannte freundliche Gymnasiast , der aber nicht das geistliche Erbamt auf Reckenburg übernommen , sondern nach dem Tode seines Vaters vor ein paar Jahren die juristische Laufbahn mit der ökonomischen unter Fräulein Hardines Augen vertauscht hatte und jetzt als deren Gehilfe die Reckenburg verwaltete . Manche heimliche Hoffnung wurde durch diese Verbindung zerstört , manche neu belebt . Man nahm sie als einen Akt der Verleugnung , wo man einen der Adoption gefürchtet hatte . Nun und nimmermehr konnte dieses Prototyp einer Edelfrau den Stammsitz ihrer Väter , das Erbe , welches deren Namen in die Zukunft leitet , auf die Familie eines Mannes übertragen , der als Bediensteter in ihrem Lohn und Brot stand . Wer reines Blut in seinen Adern fühlte , brachte ein Hoch aus auf die alte Reckenburgerin . In wenigen Wochen waren Ludwig Nordheim und Hardine Müller ein Paar . Die unruhige Spannung aber steigerte sich , als schon am Tage nach der Hochzeit sich die Neuigkeit verbreitete , daß das Fräulein von Reckenburg ein Testament übergeben habe . Sie hatte es ohne notariellen Beistand abgefaßt , Siegelung und jedwede gerichtliche Einmischung in die zur Zeit ihres Todes bestehende Verwaltung untersagt , bis nach dreißigtägiger Frist die Eröffnung stattgefunden haben werde . Mit dieser letzten Klausel mochte es allerdings Weile haben . Die Testatorin war an Geist wie Körper kerngesund , kein Haar auf ihrem Haupte ergraut , der stolze Nacken nicht um eine Linie gekrümmt . Sie zählte sechzig Jahre , vielleicht auch mehr , aber sie schien auf ein Jahrhundert angelegt . Manche unserer heimischen Zeitgenossen werden sich daher des allseitigen Staunens , ja Erstarrens erinnern - dem Herausgeber zittert heute noch die Hand , nun er bei diesem Wendepunkte angelangt ist - , als am 21. September 1837 sich die Kunde von dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauffeuer über die Landschaft verbreitete . So fern sie irgendeinem gemütlichen Zusammenhange außer ihrer Flur gestanden , die Blicke und Gedanken von hoch und gering hatten sich Geschlechter hindurch mit einem allzu lebhaften und mannigfaltigen Interesse auf die beiden ungewöhnlichen Schloßherrinnen geheftet , um sich nicht wie von einem persönlichen Schicksale betroffen zu fühlen , als jetzt die Stelle , die sie eingenommen , plötzlich verödet war . Wer sollte diese Stelle fortan füllen ? Einzelne wie Korporationen forschten ängstlich nach dem leisesten Faden , welcher zu der bewährten Segensquelle leiten konnte . Jedweder sah sich zu einer Hoffnung berechtigt , um so mehr , als keiner zu einem Anspruch berechtigt war und nur Glück oder Gunst ihm ein großes Los in die Hand spielen konnte . Aber es waren nicht diese Glücksjäger allein . Ein umfänglicher Gemeindeverband hatte eine Oberherrin verloren , die sich sein Gedeihen zur Aufgabe eines langen Lebens gesetzt , eine große Zahl Beamteter die gerechteste Gebieterin , auch die Armut eine milde Versorgerin , seitdem durch die Hand eines Bettlerkindes die Tugend der Barmherzigkeit eine Sitte auf Reckenburg geworden war , und es ist nicht zuviel gesagt , daß Tausende mit beklommener Brust der Stunde entgegensahen , die über die Wahl des Erben von Reckenburg entscheiden sollte . Keiner aber empfand diese Beklemmung tiefer als das junge Paar , dessen sorgloses Glück durch den jähen Tod einer Wohltäterin so dunkel getrübt worden war . Erst seit dieser Stunde fühlten Ludwig und Hardine voll und ganz das Bedeuten ihrer früheren Verwaisung , fühlten sie das Bangen der Heimatlosigkeit . Ein warmes , weiches Nest hatte sie bis heute geborgen ; wo aber sollte die Hütte ihrer Zukunft stehen ? Und es war nicht nur die zweifelhafte Zukunft , nicht nur der Kummer der Gegenwart , es war auch das Geheimnis der Vergangenheit , welches die Herzen der armen Kinder so ängstlich zusammenzog . Sie allein von den vielen , welche der letztgültigen Entscheidung über ihre Heimat mit Spannung entgegensahen , sie allein wußten , daß gleichzeitig das Rätsel sich lösen sollte , welches der Waise des Invaliden eine Freistatt in derselben eröffnet hatte . Als an jenem unglückseligen Morgen die jungen Gatten frohen Mutes zum gewohnten Frühgruß in das Zimmer ihrer mütterlichen Freundin traten , fanden sie dieselbe nicht wie alle Tage für ihren Geschäftsbetrieb gerüstet . Das Bett war unberührt , sie selber aber saß im Nachtkleide zurückgesunken in dem Lehnstuhle , der schon in ihrem Vaterhause gestanden hatte . Auf dem Schreibtische vor ihr lag die alte Erbbibel aufgeschlagen bei dem achten Kapitel des Römerbriefes , und die Worte des vierzehnten Verses : » Denn welche der Geist Gottes treibt , die werden Gottes Kinder heißen , « waren sichtbarlich frisch unterstrichen . Neben der Bibel aber fanden sie ein Manuskript , dessen Aufschrift mit den gewohnten kräftigen Handzügen lautete : » Mein Geheimnis . Ohne Zeugen zu lesen von Ludwig und Hardine Nordheim am Abend vor der Eröffnung meines letzten Willens . « Erst spät in der Nacht schien das Siegel auf diese Mitteilung gedrückt worden zu sein , denn die Lackstange wie das Reckenburgsche Wappen zeigten Spuren des kürzlichen Gebrauchs , und die einzige Kerze , welche dem scharfen Auge und der schlichten Gewöhnung der Matrone noch immer genügte , war tief herabgebrannt . Noch hatte sie die Flamme sorglich gelöscht , dann mit gefalteten Händen , im Rückblick oder Aufblick , mochte sie noch eine Weile geruht haben und so entschlummert sein . Nicht , wie die Kinder beim ersten Eindruck hofften , um wiederum zu erwachen , nein , eingeschlummert für immer . Ein Herzschlag hatte sie getötet . Kein Zeichen von Kampf oder Krampf entstellte die ruhigen Züge , ein leises Lächeln umspielte die Lippen , und auf den Wangen war der letzte rötliche Hauch noch nicht entflohen . Das tote Antlitz sah sich schöner an als einst das lebende . Noch zeigte es das milde Entzücken des Heimganges , jenen Adel der letzten Stunde , welcher den Schmerz der Überlebenden zu ewigem Troste verklärt . Die letzte Reckenburgerin war geschieden vor dem Hinsiechen einer Kraft , im bewußten Frieden mit Gott , mit seiner Welt und mit sich selbst . Heute aber lief die Monatsfrist zu Ende , die sie bis zur Enthüllung ihres langbewahrten Geheimnisses anberaumt hatte . Die Sonne des Oktobertages neigte sich , und wir empfinden den feierlichen Ernst , mit welchem wir die jungen Gatten , in tiefe Trauerkleider gehüllt , die Terrasse hinabsteigen und schweigend den Ulmengang bis zum Waldesrande verfolgen sehen . Eine langgehegte Neigung des Herzens hatte Ludwig und Hardine zusammengeführt , und die Liebe , sagt man ja , wählt blind . Aber auch der scharfprüfende Blick ihrer Beschützerin würde kaum zwei Menschen gefunden haben , welche wie diese beiden zur gegenseitigen Ergänzung geschaffen schienen . So klaren Auges , von so kraftvoller Struktur und Färbung , wie die des jungen Mannes , so hoch aufgerichtet wie ihn , würden wir uns einen leiblichen Sprossen des Reckenburger Stammes haben vorstellen können . So sicher seiner selbst und rasch zur Tat mußte der Gehilfe sein , welchen Fräulein Hardine sich in ihrem Amte erwählt hatte . Der frohmütige Gymnasiast , der schon bei der ersten Begegnung das Herz des wandernden Invaliden gewonnen hatte , war ein ganzer Mann geworden und ein guter Mann . Hardine aber , wie sie sich jetzt so dicht an den einzigen Beschützer schmiegt , dessen Schulter der weiche , goldglänzende Scheitel kaum erreicht , jeder Blick des großen , feucht schimmernden Auges eine Frage , jede Biegung der anmutigen Glieder , jede Blutwelle unter der durchsichtigen Haut der Ausdruck eines liebebedürftigen Gemüts , so gleicht sie der jungen Birke , deren Laub im leisesten Hauche zittert , und deren zarter Schaft zusammenknicken würde , wenn Sturm und Wetter sich nicht an dem hochragenden Wipfel des schützenden Eichenbaumes brechen sollten . Es war einer von den seltenen Tagen , deren Sonnengold und Farbenspiel wir so dankbar als letzte Gunst des Jahres genießen . Ludwig und Hardine erstiegen einen Hügel , der , zwischen Garten und Forst , meilenweit über die Flußaue einen Ausblick bietet . Die Herbstspinne hatte die Stoppeln der Felder mit einem silbernen Netze verhüllt , die Zeitlose einen Violenschimmer über die noch immer saftgrünen Wiesen gebreitet . Leise drangen die Glocken der abweidenden Herden herauf ; die Spätlingsdüfte der Reseda mischten sich mit der Würze des Waldes , der in allen Schattierungen des absterbenden Laubes und der immergrünen Nadeln die Landschaft umrahmt . Breit und ruhig wallte der Strom , ein Spiegel reinster Himmelsbläue , bis er fern im Westen im Glanze der sinkenden Sonne verschwand ; gegen Morgen aber stand die feine Sichel des Mondes gleich einem Diadem über dem schwärzlichen Tannenforst , und aus dem Grunde stiegen schon jene weißen Dunstschleier in die Höhe , welche an die Ahnungen unsrer Seele erinnern , wenn Sang und Duft der Jugend erloschen sind . Keine Jahresfärbung steigert die einfachen Formen unserer Landschaft zur Schönheit , wie die des Herbstes , und , war es zum Lebewohl , war es zu einem heimatlichen Glückauf , daß sie heute ihren blendendsten Schmelz entfaltet hatte ? Ludwig und Hardine hatten eine Weile schweigend das reichgesättigte Bild überschaut . Jetzt unterbrach der junge Mann die Stille ; er faßte der Gattin Hand und sprach mit einem Lächeln und herzerschließenden Klang der Stimme : » Ja , es ist eine liebe Heimat , und es müßte köstlich sein , sich aus eigenem Vermögen in ihr ein Bürgerrecht zu erwerben . Aber trockene deine Tränen , meine Hardine . Gehören wir nicht eins dem anderen ? Sind wir nicht durch sie zu froher Tätigkeit gewöhnt ? Du wirst auch anderwärts glücklich sein , mein liebes , sanftes Weib ! « » Überall , Ludwig , überall mit dir ! « flüsterte sie , indem sie den hellen Kopf an seine Brust gleiten ließ . Nach einer Pause aber setzte sie hinzu , und ein Schauer überrieselte die schwanke Gestalt : » Es ist ja nicht das , Ludwig , nicht das allein - - « Sie stockte , er aber sagte : » Nein , es ist nicht das , und ich weiß , was es ist , Hardine . Kein bangeres Geheimnis als das des Blutes . Liegt uns die Zukunft verhüllt , die Vergangenheit wollen wir klar überblicken , wollen die Ahnen kennen , denen wir die Wohltat des Daseins zu danken haben . Und darum - « » Darum ! « hauchte die junge Frau . » Darum , « fuhr jener fort mit einer stolzen Zuversicht , als gälte es einen Zweifel an der eigenen Ehre zurückzuweisen , » darum sage ich : was auch die nächste Zukunft enthüllen mag , nun und nimmer einen Makel auf dem hehren Bilde dieser Frau , die uns beiden eine Mutter geworden ist . « Die Gattin beugte sich und küßte des Mannes Hand zum Dank , daß er ihr ein frohes Bewußtsein bekräftigt habe . Dennoch flossen ihre Tränen noch immer . » Und mein Vater , Ludwig , « schluchzte sie , » mein armer Vater - « » Dein Vater , « versetzte Ludwig , » klammerte sich im Schiffbruche des Lebens an den Strohhalm einer Erinnerung , eines Wahns , um sich selber und sein hilfloses Kind vor dem Versinken zu retten . « Die junge Frau schluchzte krampfhaft . Ihr Mann küßte sie auf die Stirn und zog sie neben sich auf eine Bank , über welche ein Ebereschenbaum seine schweren Traubenzweige hängen ließ . » Fasse dich , mein Kind , « sagte er . » Uns bleibt noch eine Stunde . Laß uns die Enthüllungen , welche wir vermuten , durch unsere Erinnerungen vorbereiten . Niemals würde ich mir solch eine Aussprache selber mit meinem geliebten Weibe gestattet haben , solange ihre Augen über uns wachten . Ich fühlte ihre heimliche Mißbilligung . Heute aber , wo ihr eigener Wille das Geheimnis brechen wird , heute frage ich dich , Hardine : hat sie je gegen dich der Vergangenheit erwähnt ? « » Niemals , niemals , Ludwig , « beteuerte die junge Frau . » Und auch gegen mich nur mit einem einzigen ernsten , aber nicht enthüllenden Wort , « sagte Nordheim , von der Erinnerung bewegt . » An jenem glückseligen Morgen , wo sie meine langgehegten Wünsche zum Ausdruck und zur Erfüllung brachte , da fragte sie mich : Kennst du die Abstammung des Kindes , Ludwig , dessen Schutz du von heute ab übernimmst ? Und als ich die Frage bejahte , fuhr sie fort : Sie ist in Ehren geboren ; ihr Vater war ein tapferer Soldat , dessen Wunden die späteren Verirrungen deckten . Sei auch du ein tapferer Soldat und scheue nicht die Wunden in dem immerhin schweren Kampfe des Lebens . Das ist das einzige Mal , daß sie das Andenken August Müllers in mir wachgerufen hat . « Ludwig sprach eine lange Weile über jene erste traurige Zeit . Das Gedächtnis des lebhaften , neugierigen Schülers hatte manches erfaßt und erfahren , was dem blöden kleinen Mädchen entgangen oder entfallen war . Er scheute sich nicht , sie an ihres Vaters verwahrlosten Zustand und selber an ihren eigenen zu erinnern , wie sie , ein zitterndes , halbnacktes Vögelchen , fast stumpfsinnig von Entbehrung und Elend , der Frau unter die Augen getreten sei , die ihren Abscheu vor jeder Art von Verkommenheit bisher noch zu keines Menschen Gunsten verleugnet habe . » Ich kann uns diesen Rückblick nicht ersparen , mein liebes Herz , « sagte er , » auf daß wir die Frau verstehen lernen und ihre Tat . Frage dich nun selber , ob solch eine Erscheinung , mit dem unerhörtesten Anspruche sich zudrängend und sich des schmählichsten Unglimpfes nicht entblödend , ob sie die bisherige Natur , die bisherigen Grundsätze unserer Freundin erschüttern , oder ob sie dieselben schärfen mußte ? « Weiterhin sprach er von den Folgen jener Begegnung . Erst in dieser Stunde erfuhr Hardine , mit welchem Opfer die an Ehrerbietung gewöhnte Matrone ihr Geheimnis bewahrt habe , und beider Wesen beugte sich vor diesem schweigenden Heldenmut , den die junge Frau mit dem ihr geläufigsten Worte » Liebe « nannte . » Nein , « so schloß aber Ludwig seine umsichtige Betrachtung , » nein , es war nicht , was du Liebe nennst , Hardine , nicht ein natürlicher Zug , welcher der strengen Lebensregel dieser Frau und der von ihr hochgehaltenen Meinung der Welt Trotz bieten hieß . Und es war auch nicht der übernatürliche Trieb der Christin , der Schmach und Verfolgung als eine Seligkeit auf sich nimmt . « » Und was denn , Ludwig ? « hauchte die junge Frau , » was denn ? « » Ein Geheimnis , wie sie es selber nennt , ein Geheimnis , das , wenn es sich löst , uns lehren wird , daß wir die Macht besitzen , auch gegen unsere Neigung das Rechte zu tun . Gewissen heißt sie , jene himmlische Macht , auf welche in erster Ordnung alles Menschliche sich gründet . Diese Frau erfüllte eine Pflicht . Sie erfüllte sie voll und ganz nach ihrer groß geschaffenen Natur . Und wenn im Laufe der Zeit der rückwirkende Segen der Liebe ihrer Tugend entquoll , so sind wir zweimal ihre Schuldigen geworden : zuerst um des Kampfes willen , welchen sie bestand , und dann um des Sieges willen , welcher sie zu unserer Mutter machte . « Ludwig Nordheim erhob sich nach diesen Worten , ergriff die Hand seiner Gattin und fuhr nach einer Pause mit warmer Bewegung fort : » Und darum , meine Hardine , ehe wir das letzte Wort aus ihrem Munde vernehmen , lege deine Rechte in die meine zu einem unverbrüchlichen Entschluß . Was diese Frau uns enthüllen oder vorenthalten wird : wir wollen es verehren als die Offenbarung einer Mutter ; was sie uns heißen oder verbieten wird , wir wollen ihm gehorchen als dem Gesetz einer Mutter . Sollen wir arm und auf uns selbst gestellt in die Fremde ziehen , wir zweifeln nicht ; es war die Weisheit einer Mutter , welche den Stachel der Not zu unserer Reife erkannte . Zeigt sie uns einen Pfad : wir wandeln ihn ; eröffnet sie uns ein Amt : wir warten sein , stark durch den Rückblick auf sie . Endlich aber , meine Hardine : wenn unter ihrer Hand ein Bild sich entschleiern sollte , welches die Enkel verehren möchten , und vor welchem sie errötend die Augen niederschlagen , so zählen wir unser Geschlecht von dem Tage an , wo diese Frau dem losgelösten Kinde eine Freistatt in ihrem Herzen eröffnet hat ; und wir wollen unsere Häupter hoch tragen , gerade darum , denn die freie Liebe einer Mutter hat sich zwischen uns und den nächtigen Schatten gestellt . « Er schwieg . Die Gattin hatte ihre beiden Hände in seine Rechte gelegt und er hielt sie eine Weile mit kräftigem Drucke umschlossen . Es war Abend geworden , das letzte Rot verglüht , der erste Stern am Horizonte aufgestiegen , die weißen Nebelgestalten der Aue drangen immer dichter und dichter zu den dunklen Föhrenwipfeln empor . Noch einen Abschiedsblick in die Runde , dann wendeten Ludwig und Hardine sich rasch und gingen schweigend , aber mit lebhafteren Schritten , als sie gekommen , dem Schlosse zu . Ohne Aufenthalt betraten sie das einfache Turmgemach , das noch unverrückt die Spuren des entschwundenen Lebens trug . Fräulein Hardine hatte im Laufe des Sommers einem namhaften Künstler zu dem einzigen Bilde gesessen , welches von ihr existiert und welches jetzt , seiner Bestimmung gemäß , in dem Ahnensaale der Reckenburg das letzte Feld einnimmt . Von der kinderlosen Erbauerin war dieser Platz dem fürstlichen Gemahle zugedacht , um die Reihe mit einem Purpur abzuschließen . Nun weilt der Beschauer sinnend vor der schlichten Gestalt , welche der Künstler gut gemalt , aber besser noch aufgefaßt hat . Wir haben eine lange Reihe hinter uns . Zu Anfang die nach Natur und Kunst ziemlich grobschlächtigen , ritterlichen Damen und Herren in Schaube und Barett , in Koller und Panzerhemd . Dann , zahlreich vertreten , der Kavalier und sein Gespons , in Lockenperücke und Zopf , uniformiert und besternt , Puder , Toupet und Schönpflästerchen , tanzmeisterliche Haltung und Höflingspas . Endlich die kleine Figur der Gräfin mit dem scharfen Vogelprofil , ein neunperliges Krönchen in der hochgetürmten Frisur , wie sie vor den Ruinen der alten Burg den Bauplan des neuen Schlosses in der beringten Hand entrollt . Die Spanne fast eines Jahrhunderts liegt zwischen diesem Bilde und dem , welches die Reihe schließt . Und welches Jahrhunderts ! Mit Siebenmeilenstiefeln rennt die gewaltigste Umwälzung , welche die Weltgeschichte kennt , an unserem Geiste vorüber . Der Fuß tut einen Schritt - und wir stehen vor der Gestalt Fräulein Hardines . Alle Frauen der Galerie und selber die Mehrzahl ihrer männlichen Vorgänger überragend , ist sie in einer Waldeslichtung und im Vorwärtsschreiten dargestellt , den Blick mit ruhiger Zuversicht in die Gegend gerichtet , von welcher das Licht in die Szene fällt . Schlicht gescheiteltes Haar , ein jagdgrünes Gewand , in der Hand einen Eichenzweig : so wie wir ihr täglich auf ihren Flurgängen begegnet sind . Auf der Brust als einzigen Schmuck das schwarzweiße Ordenszeichen der Befreiungsjahre . Ist es auch nur der Lauf und Ablauf eines Geschlechts , die Gesamtheit spiegelt sich uns in diesem Einzelbilde . Unser Herz war beklommen , nun schlägt es getrost . Wir fühlen uns gemahnt an jene Menschheitspfeiler , welche , an die Grenzen zweier Zeiten gestellt , aus der alten hinaus die Brücke in eine neue schlagen , gemahnt durch das gute Bild von unserem Fräulein Hardine . Dieses Bild war erst nach dem Tode der Dame von dem Maler abgeliefert und von den Kindern mit einem Asternkranze umrahmt , für die heutige Weihestunde über dem Lehnstuhle befestigt worden , auf welchem die Teure den letzten Atemzug ausgehaucht hatte . Dem Bilde gegenüber nahmen sie ihren Platz vor dem altväterlichen Eichentische , auf welchem die Bibel bei dem achten Kapitel des Römerbriefes aufgeschlagen geblieben war . Hardine zündete die Kerzen an und legte ihre zitternde Hand in die ihres Gatten . Nach einem tiefen Atemzuge löste er die Siegel des Schriftstückes , und ohne Unterbrechung , als die eines liebreichen Blickes auf die still weinende Frau oder auf das Bild in der Höh , las er den Inhalt , den wir dem Leser vorausgegeben haben bis zu dem Tode des Invaliden . Das Geheimnis der Vergangenheit war enthüllt , dem Geiste nach so , wie Ludwig Nordheim es der Gattin vorausgekündigt hatte . Nur wenige Blätter blieben noch in seiner Hand ; er ahnte , daß sie das Gesetz für ihre Zukunft enthalten müßten , und nach einer langen , langen Pause las er den letzten Abschnitt von der Geschichte der seltenen Frau . Dreizehntes Kapitel Der Jungbrunnen Das Schlußkapitel meiner Geschichte haben wir miteinander durchlebt , liebe Hardine . Es wird Dir wenig erzählen , dessen Du Dich nicht erinnertest , und soll nur ein Fazit sein von dem , was wir uns gegenseitig schuldig geworden sind . Du glaubst , es sei eine warme Hand gewesen , welche die Waise von der Leiche des Vaters unter ein heimisches Dach geführt hat . Wie oft habe ich mit Scham den Dank Deiner Tränen auf dieser Hand empfunden ! Mein Kind , es war ein sehr frostiges Geleit , und es hat lange gewährt , bis ich - Dich lieben etwa ? - o nein , bis ich Deinen Anblick nur ertragen lernte . Es war ein Moment in meinem Leben , in welchem die letzte matte Spur von dem , was die Menschen Anzügliches für mich gehabt hatten , zu erlöschen drohte . Das Schicksal , dessen Zeuge ich gewesen , hatte mich erschüttert , nicht erweicht . Aus Liebe war Dorothee zur Sünderin geworden ; aus Liebe der Mann , der sein ganzes Leben auf sie gestellt hatte , ein Betrogener ; in einem unbestimmten Drange der berechtigtsten Empfindung August Müller zu einem Ehrenräuber und Verleumder ; und ich selber , hatte ich nicht in der Jugend den sicheren Ankergrund meines Lebens einer gefühlvollen Anwandlung preisgegeben , um im Matronenalter den Geifer der Welt als gerechte Strafe dafür einzuernten ? » Das Herz macht uns zu Schwächlingen und Toren ! « rief ich mit einer Bitterkeit , wie ich sie niemals gekannt hatte . Denn ich spürte den allseitigen Abfall von meiner Person um so tiefer , da ich ihn nicht zu spüren schien , und da ich mich bis zum letzten gegen seine Möglichkeit gesträubt hatte . Keiner dieser Menschen , auch nicht der Graf , war meinem Gemüte ein Verlust ; nicht erst an ihrer Schätzung hatte sich mein Selbstgefühl entwickelt . Aber Ehre und Ehrerbietung , gleichen sie nicht der Luft , die den Atem in der Brust unterhält , den Atem , der um so stärker ringt , je schwächer der Pulsschlag des Herzens den inneren Kreislauf belebt ? Alle diese Menschen , auch das wußte ich recht gut , führte über kurz oder lang Eitelkeit und Eigennutz mit dem Schein der Ehrerbietung zu mir zurück . Aber ich wußte auch , daß das Grundwesen der Ehrerbietung für alle Zeit vernichtet war . Und die Ehre ist nicht selbstgenügsam wie das Gewissen , sie lebt nur durch und in dem Widerstrahl . Es ist ein einsames Feuer , das in dem Wartturme brennt , aber es leuchtet dem Schiffer zu seinen Füßen , und erlischt es , steht der Turm als ein zweckloses Gehäus . Wie solch ein ausgelöschter Leuchtturm kam ich mir vor . Und was hatte ich als Entgelt dafür , daß der Ehrenname der Reckenburg unter Spott und Hohn verhallen sollte ? Eine Aufgabe für den tatkräftigen Sinn ? Eine Herzenslust , ja nur die Erinnerung daran - für welche schon manche Ruf und Ruhe in die Schanze geschlagen hat ? Nun , die Versorgung eines Bettlerkindes war kein Heldenstück für die reiche Frau , die ohne Opfer Hunderten ein Gleiches hätte erweisen dürfen ; aber eine Herzensfreude war sie noch weniger als ein Heldenstück . Wenn es noch ein Knabe gewesen wäre ! Ein frischer , fröhlicher Gesell , wie Ludwig Nordheim etwa , der sich zu einem tüchtigen Arbeiter auf meinem Felde heranziehen ließ . Aber ein Mädchen ! Was sollte mir und meiner Reckenburg solch ein schwächliches , zerbrechliches Ding , das bestenfalls Stricknadel und Kochlöffel regieren lernte ? Und ein verkümmertes , trübseliges Geschöpf obendrein , in dem kein Zug mich an das Paar erinnerte , das mir den Jugendsinn der Schönheit erweckt und bisher allein befriedigt hatte . Gründete ich dem Kinde eine bürgerlich behagliche Existenz , für welche ich es , nach seiner körperlichen Erholung , in einer braven Predigerfamilie erziehen ließ , so war mein gegebenes Wort und damit meine Aufgabe gelöst . Die Sorge für diese körperliche Erholung hatte ich meiner Kammerfrau übertragen , auf die ich mich verlassen durfte wie auf mich selbst . Denn » gleiche Herrn , gleiche Diener « , das Axiom galt seit der Neubegründung der Reckenburg . Das Kind wurde gekleidet , genährt , gebadet , gepflegt auf ein Titelchen nach der Vorschrift des Medikus oder meinem eigenen Befehl mit der nämlichen Akkuratesse , wie meine Wäsche gebügelt oder meine Zimmer entstäubt wurden ; aber auch nicht einen Funken über den Diensteifer hinaus . Ich konnte dessen versichert sein , ohne nachzuschauen . Indessen schaute ich nach , sooft ich vor und nach meinen Flurwegen auch die Gesindestuben im Parterre revidierte . Es fehlte an keiner Schuldigkeit , und das Kind war sichtlich gesund . Aber es hockte müde , mit leeren , wässerigen Augen im Ofenwinkel oder in einer sonnigen Ecke auf der Terrasse , sprach ungefragt kein Wort und legte gleichgültig das Spielzeug beiseite , das man ihm in die Hand gegeben hatte . » Das Kind ist idiot ! « sagte ich , indem ich ihm den Rücken wendete . Monate waren in dieser Stimmung vergangen , die häßlichsten , weil hoffnungslosesten meines Lebens . An einem Novembermorgen erhielt ich das königliche Patent , das mich zur gnädigen Frau erheben sollte . Ich erkannte die gute Absicht , eine verpfuschte Sache wieder ins Schick zu bringen , schrieb meine Danksagung und legte den huldreichen Akt zu den Akten . Später als andere Tage trat ich aus diesem Anlaß meinen Flurgang an . Auf der Terrassentreppe saß das Kind . Seine Augen , gewöhnlich halbbedeckt und schläfrig geradeaus gerichtet , waren heute groß zum Himmel aufgeschlagen , an welchem die Sonne , noch hinter einem Nebelflor , um den Durchbruch kämpfte . Der Blick frappierte mich ; ich ging schweigend vorüber , aber nach etlichen Schritten kehrte ich um und fand das Kind noch in dem nämlichen Aufschauen , unbekümmert , daß der schwarze Neufundländer , mein häufiger Begleiter , seine Bekanntschaft suchte , indem er das Frühstückbrötchen aus den kleinen Händen zu sich nahm . Ich konnte den Blick nicht loswerden . Es war zum ersten Male , daß meine Gedanken sich mit dem Kinde beschäftigten . Ich kürzte meinen Morgengang ab , kehrte des nämlichen Weges zurück und stand still vor einem Bildchen , das , wäre ich ein Maler gewesen , ich augenblicklich skizziert haben würde . Die Kleine saß noch auf derselben Stelle , und der große schwarze Hund geduldig neben ihr . Sie hatte die Ärmchen um seinen Hals geschlungen und den Kopf in sein zottiges Fell gewühlt . Die Sonne , die jetzt klar und fast sommerwarm niederschien , breitete einen Goldschimmer über das lose , flatternde Haar ; ich bemerkte erst jetzt , daß es sich anmutig kräuselte , daß auch die steckenartigen Glieder sich gebleicht und gefüllt hatten , und die Bäckchen , die im Augenblick ein leises Rot überhauchte , sich kindlich zu runden begannen . Ein friedliches Behagen prägte sich aus über der kleinen Gestalt . Bei meinem Nahen hob