hauptsächlich im Interesse des Bruders unternommen hatte ; ich hatte in jenem Briefe den Beweis seiner Schuld in Händen gehabt und - vernichtet . Es schien , als ob man etwas derart vermuthete . Plötzlich tauchte in den Verhören , die man mit mir anstellte , der Name des Steuerraths auf ; ich wurde auf ' s schärfste dahin inquirirt , was ich von dem Verhältnisse des Herrn von Zehren zu seinem Bruder wisse . Ich sagte und blieb dabei , daß ich nichts wisse . » Verehrtester , « sagte der Assessor Perleberg , » weshalb wollen Sie den Mann schonen ? Erstens verdient er nicht , geschont zu werden , denn er ist ein schlechtes Subject , man mag ihn nehmen von welcher Seite man will ; zweitens verschlimmern Sie Ihre Lage in irreparabler Weise . Ich sage es Ihnen vorher : Sie kommen nicht unter fünf Jahren weg ; denn erstens - « » Um Gotteswillen , lassen Sie mich in Ruhe ! « schrie ich . » Sie werden von Tag zu Tag weniger traitabel , « sagte der Assessor Perleberg . Und darin hatte er vollkommen Recht , aber es würde auch ein Wunder gewesen sein , wenn es anders gewesen wäre . Ich saß nun schon beinahe ein halbes Jahr in einem eisenvergitterten , halbdunklen Gemache , das ich mit fünf Schritten der Länge und vier Schritten der Breite nach durchmessen konnte . Das war schlimm für einen jungen Menschen meinesgleichen ; schlimmer , viel schlimmer aber waren die Qualen , die mein Gemüth zu erdulden hatte . Das Vertrauen zu den Menschen , das bisher mein Herz erfüllt - es war dahin . Wenn ich früher durch sie dahingewandelt wie der Adam des Paradieses auf alten Bildern durch die Reihen der Geschöpfe , so waren meine Augen jetzt aufgethan und ich sah , daß es sich mit Tigern , Schlangen und Krokodilen nicht hausen ließ . Ja , wie Tiger , Schlangen und Krokodile waren sie gewesen , grausam , falsch und heuchlerisch ! Daß Keiner mich in meinem Gefängniß besuchte , konnte ich freilich nur Herrn Justizrath Heckepfennig auf Rechnung setzen , der es für unumgänglich nöthig hielt , einem so hochgefährlichen Verbrecher jede Communication mit der Außenwelt gänzlich zu verbieten ; aber daß Menschen , denen ich nichts gethan , denen ich höchstens einmal in meiner täppischen Weise , ohne die mindeste böse Absicht , zu nahe getreten war , es sich angelegen sein ließen , den Gefallenen noch tiefer in den Staub zu treten - das konnte ich nicht verzeihen . Zehn Zeugen waren vorgefordert , mir ein Sittenzeugniß auszustellen , und von diesen Zehn hatte nur der Eine , den ich unbedingt am meisten gekränkt und beleidigt - Professor Lederer - - ein schüchternes Wort der Entschuldigung und Fürbitte einfließen lassen . Alle Anderen - Hausfreunde meines Vaters , Nachbarn , Väter von Söhnen , die meine Freunde gewesen waren - Alle konnten sie nicht Worte finden , um zu sagen , welch ein böser Bube ich Zeit meines Lebens gewesen . Und , großer Gott , was hatte ich ihnen gethan ? Ich hatte dem Einen vielleicht Holzspäne in die Tabakspfeife gestopft , dem Andern vielleicht ein paar Tauben weggefangen , die Söhne des Dritten vielleicht mit blutigen Nasen nach Hause geschickt ! Und deshalb , deshalb ! Ich konnte es nicht begreifen , aber , was ich davon begriff , erfüllte mich mit unsäglicher Bitterkeit , die sich einmal sogar in heißen Thränen Luft machte , und dies Einemal war , als ich von meinem Vertheidiger erfuhr , daß Arthur - mein einst so sehr geliebter Arthur - über sein Verhältniß zu mir befragt , ausgesagt hatte , daß ich schon seit Jahren davon gesprochen , Schmuggler werden zu wollen , und ihn sogar selbst zum Schmuggler zu machen ersucht habe , daß ich mit Schmied Pinnow von jeher in dem intimsten Verkehr gestanden , und daß , wenn man ihn frage : ob er mich der bezichtigten Verbrechen für fähig halte , er unbedingt mit Ja antworten müsse . » Das bricht Ihnen den Hals , « sagte Assessor Perleberg , » Sie kommen nicht unter sieben Jahren weg , denn erstens - « Ich wischte mir die Thränen , die mir stromweis über die Wangen gelaufen waren , weg , lachte gell auf , verfiel dann in eine an Raserei grenzende Wuth , die schließlich in gänzliche Apathie überging . Ich hatte nur noch eine Art von Interesse für die Sperlinge , die ich daran gewöhnt hatte , jeden Morgen zu kommen und mein Gefängnißbrod mit mir zu theilen . Alles Andere war mir gleichgiltig . Ich hörte , ohne etwas Besonderes dabei zu empfinden , daß Konstanze von ihrem fürstlichen Liebhaber , der den Bitten und Drohungen seines Vaters nachgegeben , bereits wieder verlassen worden ; daß Hans von Trantow kürzlich von seinem Gute verschwunden sei , ohne daß eine Menschenseele wisse , wo er geblieben , so daß man vermuthen müsse , er sei im Walde oder im Moore verunglückt ; ich hörte , daß der alte Christian sich über die Flucht seines Fräuleins , über den Tod seines Herrn , über die Zerstörung des alten Schlosses nicht habe beruhigen können , und daß man ihn eines Morgens auf der Brandstätte , von der man ihn gar nicht habe wegbringen können , todt gefunden ; die Pahlen dagegen aus dem Kreisgefängnisse in B. , wohin man sie geführt , ausgebrochen sei . Ich hörte dies Alles gleichgültig an , und mit derselben gleichgültigen Miene vernahm ich mein Urtheil . Assessor Perleberg hatte erstens und zweitens Recht behalten . Ich war zu sieben Jahren Gefängniß verurtheilt , abzusitzen in dem Zuchthause zu S. » Sie können sich gratuliren , « sagte der Assessor Perleberg ; » ich hätte Sie zu zehn Jahren und zum Zuchthause verurtheilt ; denn erstens - « Sicher war es ein Zeichen jugendlichen Leichtsinns , daß ich für die gelehrte und gewiß auch sehr belehrende Auseinandersetzung meines Vertheidigers wiederum - und noch dazu zum letztenmale ! - keine Ohren hatte . Aber ich dachte wirklich an etwas Anderes . Ich dachte : was wohl der wilde Zehren thun würde , wenn er noch lebte und erführe , daß sie seinen treuen Knappen in ein Gefängniß gesperrt und seinen eigenen Bruder über ihn zum Hüter gesetzt hätten ? Zweiundzwanzigstes Capitel . Es war an einem Abende im Mai , als der von zwei Gensdarmen zu Pferde begleitete Wagen , in welchem ich transportirt wurde , sich meinem Bestimmungsorte näherte . Links von der mit krüppelhaften Obstbäumen besetzten Landstraße sah ich viele Leute an der neuen Chaussee arbeiten , welche meine Vaterstadt mit der Hauptstadt des Regierungsbezirkes verbinden sollte ; rechts breitete sich welliges Wiesenland aus bis zur See , von der ein breiter , dunkelblauer Streifen herübergrüßte . Jenseits des Wassers stiegen in sanfter Linie grünende Felder von dem niedrigen Sandufer aufwärts zu mäßiger , von Wald gekrönter Höhe . Es war die Insel , die hier der Küste des Festlandes viel näher trat , als bei meiner Vaterstadt , und die ich jetzt zum erstenmale wiedersah . Vor mir , aber wohl noch eine halbe Meile entfernt , ragten ein paar Thürme mächtig über den Hügelrücken , den wir eben langsam hinauffuhren . Mir war wunderlich zu Muthe . Ich hatte bisher den ganzen Weg nach nichts durch die Ritzen des kleinen Planwagens ausgeschaut , als nach einer Gelegenheit zur Flucht . Aber wie entschlossen ich auch war , jede noch so geringe sofort zu benützen , es hatte sich nicht die geringste geboten . Die zwei Gensdarmen , von denen der eine schon auf der Insel auf mich vergeblich Jagd gemacht , waren , ohne kaum ein Wort mit einander zu sprechen , rechts und links neben dem Wagen hergeritten , die schnauzbärtigen Gesichter fortwährend geradeaus über die Ohren ihrer Pferde auf den Weg oder seitwärts auf den Wagen gerichtet . Es war gar kein Zweifel , daß die Kolben ihrer Carabiner bei dem ersten Fluchtversuche des Gefangenen sofort mit ihren Schnauzbärten in Berührung gekommen sein würden . Mit zwei wohlbewaffneten , wohlberittenen , zum Aeußersten entschlossenen Männern aber anzubinden , hätte nicht die Freiheit , hätte den Tod suchen heißen . Und auch sonst war keine von den Möglichkeiten eingetreten , die sich meine Phantasie ausgemalt hatte . Wir waren keine Brücke passirt , über deren Geländer ich dreißig Fuß hinab in einen reißenden Fluß hätte springen , wir waren über keinen von Menschen wimmelnden Marktplatz gekommen , wo ich mich hätte in einen Volkshaufen stürzen und an der Hand eines unbekannten Menschenfreundes entrinnen können . Nichts der Art war geschehen ; wir hatten im Schritt oder kurzem Trabe die paar Meilen lange Strecke ohne einen Aufenthalt , ohne einen Zwischenfall irgend einer Art zurückgelegt , und dort vor mir ragten die Thürme , in deren Schatten mein Gefängniß lag ! Dennoch konnte ich in dieser entscheidenden Stunde nicht zornig und ingrimmig sein , wie ich es die ganze Zeit in der Untersuchungshaft gewesen war . Die paar Stunden in freier Luft hatten mir unsäglich wohl gethan . Vorhin hatte es eine zeitlang geregnet ; ich hatte meine Hände hinausgestreckt , um die Tropfen zu fühlen ; ich hatte den frischen Hauch , der durch den Wagen strich , mit Entzücken eingesogen . Jetzt war die Sonne wieder hervorgekommen und warf , kurz vor dem Untergehen , röthliche Streifen über die grünenden Saaten , über die schimmernden Wiesen . In den Bäumen an der Wegseite zwitscherten und sangen die Vögel ; vor uns , gen Osten , auf dunklem Gewölk , stand ein glänzender Regenbogen , mit dem einen Fuße auf dem Festlande , mit dem andern auf der Insel . Es war so gar nichts von Haß und Zorn in dieser ruhigen , sanften Natur - im Gegentheile , ein so lieblicher Friede , eine so milde Schöne - und ich , der ich mich von Kindesbeinen Eines gefühlt mit der Natur , konnte mein Herz der süßen Lockung nicht verschließen . Es sang mit den Vögeln , es schwebte auf den feuchten Schwingen des sanften Windes segnend über die Wiesen , über die Felder ; es schimmerte trostverheißend aus dem farbigen Bogen , der sich von der Erde in den Himmel und von dem Himmel wieder zur Erde spannte . Ich war das Alles : Vogelsang und Windeswehen und Regenbogenpracht , und in dem Gefühle , daß ich es war und dennoch hier im Gefangenen-Wagen als ein Gefangener saß , überkam mich ein seltsam Mitleid mit mir selbst , wie ich es nie zuvor empfunden . Ich verbarg mein Gesicht in den Händen und weinte und schluchzte vor Glück und Jammer , vor Lust und Schmerz . Die Sonne war untergegangen und das Gewölk im Westen und Osten glühte in den wunderbarsten Farben , als der Wagen über die Brücken durch die Thore der Festung rollte , ein paar ziemlich schmale und sehr schlecht gepflasterte Straßen hinaufrumpelte und endlich vor einer Thorfahrt an einer hohen kahlen Mauer still hielt . Die Thorflügel thaten sich langsam auseinander , der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und fuhr quer über einen weiten , von hohen , kahlen Mauern und großen unheimlichen Gebäuden ringsum eingeschlossenen Hof zum Portale des größten und unheimlichsten und hielt dort still ; ich war da angelangt , wo ich sieben Jahre bleiben sollte , weil ich meinen Freund und Beschützer vor den Folgen eines Verbrechens hatte bewahren wollen , das ich selbst verabscheute . Sieben Jahre ! Ich war entschlossen , daß es nicht so lange dauere . Zwar der Graf von Monte-Christo schlummerte zu jener Zeit noch in dem erfindungsreichen Haupte seines Verfassers , und ich wußte also noch nichts von den Wunderthaten des Gefangenen auf Castell If ; aber die Aventuren des Baron von Trenck hatte ich gelesen , und wie man es möglich mache , ellendicke Mauern zu durchbrechen und riesige Festungswälle zu unterminiren . Was ihm gelang , konnte mir , mußte mir auch gelingen . So war denn mein Erstes , daß ich meine Zelle , als sich kaum die Thür hinter dem brummigen Aufseher geschlossen , so genau untersuchte , wie es eben das geringe noch vorhandene Tageslicht erlauben wollte . Wenn alle Gefangenen so gut untergebracht waren , gab es unter ihnen gewiß manche , die als freie Leute schlechter gewohnt hatten . Allerdings waren die Wände des eben nicht großen Gemaches einfach weiß ; aber so war auch meine Dachkammer im väterlichen Hause gewesen . Dann war da eine eiserne Bettstelle mit einem , wie es schien , sehr guten Bette , eine Waschkommode , an dem einzigen Fenster ein großer Tisch mit einem verschließbaren Kasten , ein paar hölzerne Stühle und - was mich Wunder nahm - ein altertümlicher , mit Leder überzogener , sehr großer , bequemer Lehnstuhl , der mich auf das Lebhafteste an den in meiner Stube auf Schloß Zehrendorf erinnerte . Nun ja , ich war ja wieder bei einem Zehren zu Gaste , wenn es diesmal auch blos ein Zuchthaus-Director war . Ich sollte die Zehren nun einmal aus meinem Leben nicht los werden . Sie hatten mir wenig Glück gebracht , und der ehrwürdige Glanz , der früher für mich auf dem Namen gelegen , war mittlerweile sehr verblichen . Der Steuerrath , in welchem der Knabe die Verkörperung höchster irdischer Autorität gesehen , was war er in den Augen des Gefangenen anders als ein Gleißner und Lügner , der das schlimme Loos von Leuten , die besser waren als er , zehnfach und hundertfach verdient hatte . Und der hier , welcher , aus solcher Familie entsprossen , sich zu einem solchen Amte hatte hergeben können - er mußte ja noch schlimmer als der Gleißner und Lügner sein . Aber ich wollte ihn meine ganze Verachtung fühlen lassen , sobald ich mit ihm zusammentraf ; ich wollte ihm sagen , daß er , wenn er schon einmal Kerkermeister sei , wenigstens nicht den Namen seines edlen Bruders führen sollte , der lieber gestorben war von eigene Hand , als daß er in die Gewalt derer fiel , die ihn hierher gebracht haben würden , hinter diese dreifach verriegelte Thür , hinter dieses mit zolldicken Eisenstangen vergitterte Fenster . Das Fenster war bei weitem nicht so hoch angebracht , als die in der Custodie , und ich warf einen neugierig forschenden Blick durch die Eisenstangen . Die Aussicht hätte schlimmer sein können . Zwar hemmte eine hohe und ganz kahle Mauer nach links den Blick vollständig , dafür aber sah man nach rechts auf einen mit Bäumen bepflanzten Hof , auf welchem in nicht großer Entfernung ein zweistöckiges Haus mir seinen mit Weinspalieren bekleideten Giebel zuwendete . Hinter dem Hause schien ein Garten zu liegen ; wenigstens schimmerten blühende Obstbäume herüber . Das sah sehr friedlich und lieblich aus in dem matten Lichte des Frühjahrsabends , und das schrille Zirpen der Schwalben , die vor meinem Fenster schaarenweise hinüber- und herüberschossen , hätte mich vergessen machen können , daß ich in einem Gefängnisse mich befand , wäre ich durch die scharfe Kante einer der Eisenstangen des Gitters , an die ich meine Stirn gelegt , nicht allzu schneidend daran erinnert worden . Ich faßte mit beiden Händen hinein und rüttelte aus Leibeskräften . Die sechs Monate Gefangenschaft hatten die Kraft meiner Muskeln noch nicht zu brechen vermocht . Ich fühlte es wohl ; mir war , als müßte ich das ganze Gitter mit einem Ruck herausreißen können . Aber vorsichtig ! vorsichtig ! Es war ja nicht das Gitter allein , welches mich zum Gefangenen machte . Und wäre das Fenster unvergittert gewesen - es lag mindestens dreißig Fuß über dem Steinpflaster des Hofes . Und wenn ich drunten war , so gab es jedenfalls andere und wieder andere Hindernisse zu überwinden , und ein mißglückter Fluchtversuch mußte meine Lage unberechenbar verschlimmern . Ich hörte ein Geräusch auf dem Gange . Tritte näherten sich und kamen bis an meine Thür . Ich sprang von dem Fenster zurück und stand mitten in dem Gemach , als jetzt draußen Schlüssel klapperten , die Thür sich aufthat und an dem Aufseher vorüber die hohe Gestalt eines Mannes hereintrat , hinter der sich die Thür alsbald wieder schloß . Der , welcher eingetreten , blieb einen Augenblick an der Schwelle stehen und kam dann mit einem eigenthümlich leisen Schritte auf mich zu . Von den Abendwolken fiel noch ein schwaches rosiges Licht in mein Gemach ; in diesem rosigen Lichte sehe ich den Mann immer , wenn ich an ihn denke - und wie oft , wie oft denke ich an ihn ! mit welchem stets gleichen Gefühle innigster Dankbarkeit und Liebe ! Da , über dem Tische , an welchem ich dies schreibe , hängt sein Porträt , von lieber Hand gemalt . Es ist von sprechender Aehnlichkeit ; es könnte mir jeden Zug , den ich etwa vergessen , in ' s Gedächtniß rufen ; aber ich habe keinen vergessen . Und wenn ich die Augen schlösse , so würde er vor mir stehen , wie er an jenem Abende vor mir stand , umflossen von dem rosigen Licht , und nicht minder deutlich würde ich seine Stimme hören , deren sanften , tiefen Klang ich da zum ersten Male vernahm und deren erstes Wort ein Wort des Mitleids und Erbarmens war : » Armer junger Mann ! « Wie tief mußte die Gefängnißluft mein Herz vergiftet haben , daß mich dies Wort und der Ton , in welchem es gesprochen , nicht rührten . Ach ! es gehört zu meinen schmerzlichsten Erinnerungen , daß dies möglich war , daß ich die Hand des edelsten Menschen so schnöde zurückstoßen , daß ich das beste Herz geflissentlich verwunden konnte ! Aber da ich keinen Roman , sondern die Geschichte meines Lebens schreibe , die keinen Werth hätte , wenn sie nicht ganz treu und ehrlich wäre , darf ich auch dies nicht verschweigen . Und dann habe ich oft gedacht , ob ich ihn wohl so hätte lieben können , wenn ich weniger trotzig gegen ihn gewesen wäre , wenn ich ihm keine solche Gelegenheit gegeben hätte , die Fülle seiner Güte und Liebe über mich auszuschütten . Aber das ist wohl kaum richtig gedacht . Es giebt Steine von einem so hohen Werth , von einem so hellen Glanze , daß sie einer dunklen Folie nicht bedürfen . » Armer junger Mann ! « sagte er noch einmal und hob die weiße , durchsichtige Hand und ließ sie wieder sinken , als ich , anstatt sie zu ergreifen und ehrfurchtsvoll an meine Lippen zu drücken , wie ich es gethan haben würde , hätte ich ihn damals schon gekannt , meine Arme über der Brust verschränkte und , ich glaube , einen Schritt zurücktrat . » Ja , « sagte er , und seine Stimme klang wo möglich noch milder als zuvor , » es ist sehr hart , sehr grausam das Loos , welches Sie getroffen hat für ein Verbrechen , das , was es auch immer vor dem Richter ist , der nach dem starren Buchstaben seines Gesetzbuches richten muß , in den Augen Anderer einen so schlimmen Namen gewiß nicht verdient , am wenigsten in den meinen . Ich bin der Bruder des Mannes , dessen Schuld Sie büßen müssen . « Er schien eine Antwort von mir zu erwarten oder wenigstens ein Wort der Erwiederung , das ich ihm nicht gönnte . Ich wollte meinem Kerkermeister nicht den Gefallen thun , ihm bei dem Versuche zu helfen , sich in einem anderen Lichte zu zeigen , als in welchem ich ihn sah . » Es ist ein eigener Zufall , « fuhr er nach einer kleinen Pause immer in derselben stillen , sanften Weise fort , » daß der eine Bruder an Ihnen gewissermaßen sühnen soll , was der andere an Ihnen gesündigt hat - ein Zufall , für den ich dankbar bin und den ich im rechten Sinne aufzufassen glaube , wenn ich - doch darüber werden wir uns ein anderes Mal aussprechen . Heute liegt der trübe Schatten des ersten schlimmen Eindrucks , den dieser Ort auf ein Gemüth , wie das Ihre , nothwendig machen muß , zu schwer auf Ihnen ; ich würde , und wenn ich mit Engelszungen redete , vergeblich nach einem Eingange zu Ihrem Herzen suchen , das Zorn und Haß verschlossen halten . Ich bin nur gekommen , eine Pflicht zu erfüllen , die mir mein Amt und , ich darf wohl sagen , mein Herz vorschreibt . Und auch dies ist meine Pflicht , und Sie dürfen mir also frei antworten , ohne fürchten zu müssen , daß Sie Ihrem Stolze etwas vergeben ; haben Sie Wünsche , die zu erfüllen in meiner Macht steht ? « » Nein , « sagte ich mit Ironie , » denn einen Jagdtag auf den Haiden von Zehrendorf könnten Sie mir doch wohl nicht gestatten . « Ein schwermüthiges Lächeln spielte um die feinen Lippen des Zuchthaus-Directors . » Ich habe gehört , « sagte er , » daß Sie mit meinem unglücklichen Bruder viel auf der Jagd und selbst ein ausgezeichneter Jäger gewesen sind . Die Jägernatur ist eine eigene Natur . Ich glaube sie zu kennen , denn ich bin auch wohl eine . Aber auf den Höfen des Gefängnisses und selbst in den Gärten giebt es nichts zu jagen . Urlaub habe ich selten und benütze ihn noch seltener ; ich habe nach dieser Seite vor meinen Gefangenen wenig voraus und will auch nichts voraus haben . Da wäre ich nun übel daran , wenn zu der alten Leidenschaft die alte Kraft noch reichte ; und so ist es denn fast ein Glück für mich , daß sie mich 1813 in der Schlacht bei Leipzig in die Lunge geschossen haben und mir die weitesten und reichsten amerikanischen Jagdgründe nichts mehr helfen könnten . Ich habe seitdem gelernt , auf einem engeren Felde in meiner Weise thätig zu sein . Meine liebste Erholung ist an der Drehbank . Es ist eine leichte Arbeit und doch wird sie dem Invaliden jetzt manchmal schon schwer . Wahrscheinlich werde ich in kurzer Zeit auch darauf verzichten und mir noch eine bescheidenere Handtierung wählen müssen . Nur gänzlich möchte ich nicht zur Unthätigkeit verurtheilt werden . Sie wissen es jetzt noch nicht , aber Sie werden es noch lernen , wie ein großer Segen für den Gefangenen eine mechanische Beschäftigung ist , die seine schweifenden Gedanken auf ein Naheliegendes , leicht Erreichbares , unter seinen Augen , unter seinen Händen Fertigwerdendes bannt und seine stockenden Säfte in heilsame Circulation bringt . Und nun will ich Sie verlassen . Ich habe noch ein paar Besuche und meinen allabendlichen Rundgang durch die Anstalt zu machen . Und noch Eines : der alte Mann , der Sie bedienen wird , ist trotz seiner rauhen Manieren ein grundguter Mensch , den ich seit vielen Jahren kenne und der mir im Leben die wichtigsten Dienste geleistet hat . Sie können ihm unbedingt vertrauen . Schlafen Sie wohl und träumen Sie von der Freiheit , die Ihnen hoffentlich früher werden wird , als Sie glauben . « Er nickte freundlich mit dem Kopfe und verließ mit dem leisen , langsamen Schritt , in welchem er hereingekommen war , das Zimmer . Ich blickte ihm mit starren Augen nach und strich mit der Hand über die Stirn ; es war mir , als ob es plötzlich dunkel geworden wäre in dem stillen Gemach . Ich stand noch auf demselben Fleck , unfähig , einen bestimmten Gedanken zu fassen , ja kaum mich zu regen , als die Thür sich abermals öffnete und der alte Schließer , der mich vorhin in Empfang genommen , mit einem brennenden Lichte hereintrat , das er auf den Tisch setzte . Dann wieder bis zur Thür gehend , nahm er dort einer weiblichen Person , die nur eben sichtbar wurde , ein Präsentirbrett ab , auf welchem ein treffliches Abendbrot bereitet war . Auch an einer Flasche Wein fehlte es nicht . Er deckte eine Ecke des großen eichenen Tisches mit einer schneeweißen Serviette , stellte und legte Alles säuberlich und ordentlich zurecht , trat einen Schritt zurück , warf erst einen wohlgefälligen Blick auf sein Werk , dann einen , der bös genug aussah , auf mich und sagte mit einer Stimme , die auffallend dem tiefen Knurren glich , das aus der breiten Brust einer mächtigen Dogge aufsteigt : » Will man es sich nun schmecken lassen ! « » Es scheint , daß dies für mich sein soll ! « sagte ich in gleichgiltigem Tone . » Wüßte nicht , für wen sonst , « knurrte der Alte . Der Braten auf dem Teller duftete sehr verführerisch ; ich hatte seit einem halben Jahre keinen Tropfen Wein getrunken , und , was die Hauptsache war , gegen den groben Schließer fühlte ich nicht die Erbitterung , wie gegen den sanft sprechenden , höflichen Director ; aber ich war entschlossen , an diesem Orte und von diesen Menschen keine Wohlthaten anzunehmen . » Ich verdanke dies der Güte des Herrn Directors ? « sagte ich , indem ich vom Tische zurücktrat . » Dies und noch Mehreres , « sagte der Alte . » Zum Beispiel ? « sagte ich . » Zum Beispiel , daß man hier die beste Zelle bekommen hat mit der Aussicht auf den Wirthschaftshof , anstatt eine nach dem Gefängnißhofe , in den weder Sonne noch Mond scheint . « » Verdanke ich ihm , « sagte ich , » vielleicht sonst noch etwas ? « » Und daß man seinen schönen Stadtanzug tragen darf , anstatt eines Anzuges aus ungebleichtem Drillich , der auch sehr gut kleidet . « » Verdanke ich ihm , « sagte ich , » sonst noch etwas ? « » Und daß man den Wachtmeister Süßmilch zum Aufseher bekommen hat . « » Mit dem ich die Ehre habe ? « » Mit dem man die Ehre hat . « » Sehr verbunden . « » Viel Ursach ' . « Ich blickte auf , mir den Mann genauer anzusehen , dessen Gegenwart für mich so ehrenvoll und verbindlich sein sollte . Es war ein Mann in Mittelgröße , mit einem unverhältnißmäßig großen Oberkörper , der die Fünfzig wohl schon weit überschritten hatte , aber noch auffallend fest auf seinen kurzen und , wie ich jetzt sah , stark nach außen gebogenen Beinen zu stehen schien . An den breiten Schultern hingen ein Paar sehr lange Arme mit großen , braunen , behaarten Händen , die gewiß noch kräftig genug zufassen konnten . Aus seinem von tausend Falten und Fältchen durchfurchten Gesicht , das vor Jahren einmal schön gewesen sein mochte , blickten unter buschigen grauen Brauen ein paar helle freundliche Augen , die sich vergeblich Mühe gaben , wild und grausam dreinzuschauen . Ein kurzes , krauses , graues Haar umstand noch dicht genug die braune Stirn und ein mächtiger , grauschwarzer Schnurrbart hing unter einer großen Adlernase bis weit über das energische Kinn herab . Der Wachtmeister Süßmilch ist mir lange Jahre ein treuer Freund gewesen ; er hat mir in schweren Stunden unschätzbare Dienste geleistet , er hat meine beiden ältesten Buben noch reiten gelehrt und als wir ihn vor fünf Jahren zu seiner letzten Ruhe trugen , haben wir Alle um ihn von Herzen geweint ; aber in diesem Augenblicke überlegte ich , einen wie großen Widerstand er mir wohl in einem Falle , den ich für wahrscheinlich hielt , würde entgegensetzen können , und daß es mir leid thun sollte , wenn ich dem alten Kauz , der so köstlich grob war , an ' s Leben müßte . » Wenn man den Wachtmeister Süßmilch nun genug angesehen hat , würde man gut thun , sich an das Abendbrot zu machen , das durch Stehen nicht besser wird , « sagte er . » Für mich kann es noch lange stehen , « erwiederte ich . » Ich habe keinen Appetit auf des Herrn Directors Braten und Rothwein . « » Das hätte man gleich sagen können , « meinte Herr Süßmilch , indem er anfing die Sachen wieder auf das Präsentirbrett zu stellen . » Ich weiß den Kukuk , was hier der Brauch ist , « sagte ich trotzig . » Hier ist sonst der Brauch , daß man erst gearbeitet haben muß , wenn man essen will . « » Das ist nicht wahr , « sagte ich . » Ich bin kein Arbeitshäusler und kein Zuchthäusler , ich bin zu sieben Jahren Gefängniß verurtheilt und hätte eigentlich auf die Festung kommen müssen , wohin anständige Leute gehören . « » Womit man sich meint , « sagte Herr Süßmilch . » Womit man sich meint , « sagte ich . » Und doch irrt man sich , « erwiederte Herr Süßmilch , der mittlerweile vollständig abgeräumt hatte . » Im Gefängniß muß man arbeiten , wenn man keinen Vater oder sonst Jemanden hat , der für den Unterhalt aufkommt . Man hat freilich einen Vater und durch seinen Vater zehn Silbergroschen täglich . « » Herr Süßmilch ! « rief ich , indem ich dicht vor den Alten trat , » ich nehme an , daß Sie mir die Wahrheit sagen , und da gebe ich Ihnen mein Wort : lieber will ich verhungern wie eine Ratte im Loch , ehe ich von meinem Vater einen Pfennig nehme . « » Man wird morgen anderer Meinung sein . « » In alle Ewigkeit nicht . « » Dann wird man eben arbeiten müssen . « » Das wird sich finden . « » Jawohl , das wird sich finden . « Süßmilch ging , blieb aber an der Thür stehen und sagte ,