ihr Daheim zu nennen so gewohnt war , daß sie es auch noch jetzt nicht lassen konnte , obwohl sie eben von den Eigenen kam und nicht wußte , wie lange sie noch hier bleiben durfte . Sie begrüßte das Haus , schon da sie nur dessen hohen Dachstuhl über die anderen Häuser herüberragen sah , mit dem Gefühl des Wanderers , welcher eine liebe Stätte , den Schauplatz seiner frohesten Tage , nach langer , mühevoller Reise wieder betritt mit dem festen Vorsatze , nun - wenn ' s irgend möglich - für immer dazubleiben und unbekümmert um die Welt , die er nun genugsam kennt , sich hier so nützlich und angenehm als nur immer möglich zu machen . Aber wie es dann gewöhnlich solchen Wanderern begegnet , daß sie nicht mehr alles finden , wie sie auf mühevoller , unsicherer Fahrt sich ' s träumten , so fand auch Dorothee nicht mehr alles , wie sie es erwartet hatte und gewohnt war . Etwas freilich mochte davon kommen , daß sie jetzt auch zu scharf beobachtete , zu ängstlich jedes an sie gerichtete Wort auf der Goldwaage wog , um nicht sowohl Hansen als die Stigerin ganz erstaunlich verändert zu finden . Was die Stigerin heute morgens noch mehr als Vermutung aussprach , indem sie der Liebe zum gutmütigen Sohne und der Abneigung gegen Jos folgte , hörte Hans nach dem Gottesdienste überall so bestimmt behaupten , daß ihm die Sache mehr als bedenklich zu werden begann . Die Leute glaubten , es geschehe dem Burschen gewiß ein großer Dienst , daß er noch so ziemlich ungeschlagen aus der Geschichte gewickelt werde ; doch sie täuschten sich . Wenn Dorothee so falsch war , dann konnte man an keine Tugend mehr glauben und keinem Menschen trauen . Das aber wäre Hansen unerträglich gewesen . Er glaubte fest noch immer an Dorotheens Unschuld , daher war es ihm nicht genug , daß das Gerede ihn selbst jetzt schonte . Unschuldig mußte das Mädchen sein , aber seine Neigung zum Jos - ja , die hielt er jetzt für eine ausgemachte Sache , und das wurmte ihn mehr , als er sogar sich selbst gestehen wollte . Davon wohl kam es hauptsächlich , daß er den Vorschlag der Mutter , Dorotheen um jeden Preis und so schnell als möglich aus dem Hause zu bringen , immer vernünftiger fand . Ärgerlich , daß nun das frohe Zusammenleben mit Dorotheen , die ihm die Schwester ersetzte , noch auf so unangenehme Weise zu Ende sein sollte , erklärte er sein Einverständnis mit dem Plane der Stigerin auf eine Weise , daß diese nicht wußte , was sie daraus machen sollte . » Mit diesen Weibsbildern « , murrte er , » sollte man gar nichts zu tun haben oder , wenn das nicht geht , gleich die Allerärgste heiraten , damit sie sich für einen gegen die anderen Weibsleute wehre . Dieses Gelärm wird mir denn doch zu arg , seit auch ein Geistlicher dahintersteckt , der das Unheiligste bekreuzigt und segnet , daß jeder schon zum voraus verdammt ist , der sich noch dagegen wehren will . Dorothee muß heiraten , und wenn sie noch keinen hätte , so tat gleich ich sie nehmen aus purem Trotz ; aber man kann ja darüber reden . « Unter der Kinderlehre kam Hans zu dem Entschluß , das Mädchen gleich offen zu fragen , ob es lieber ihn oder den Jos zum Manne möchte . Nach dem Gottesdienste eilte er gleich heim , obwohl er wußte , daß in der Kronenwirtschaft eine Versteigerung stattfinden sollte , bei der er nicht ungern auch ein wenig mitgetan hätte . Ungeduldig wartete er nun auf die Magd ; aber die wollte nicht kommen . Das verdarb ihm von neuem seine Stimmung , und bald war er mit der Stigerin wieder übers Kreuz , da er sich nun gar nichts mehr sagen lassen wollte . So , unzufrieden über das lange Ausbleiben und noch aufgeregt vom Wortwechsel mit der Mutter , traf ihn die Magd , welcher er jetzt um alles kein gutes Wort hätte geben können . » Ich hab ' schon gedacht , du machest eine Wallfahrt nach Einsiedeln oder Rankweil « , brummte er . » Mädchen , die man nicht mehr losspricht , suchen gern die Beichtväter dort auf , die sie nicht kennen und längst allerlei Brocken gewohnt sind . « Solchen Gruß erwartete das Mädchen nicht . Die Wirtin schien also ganz recht zu haben , wenn sie besorgte , daß es hier nicht lange mehr gut tun werde . Etwas hastig antwortete sie Hansen : » Ich kann schon auch hier losgesprochen werden , wenn ich nur verspreche , was man will . « Hans bereute zwar seine Rede ; doch um sich das nicht anmerken zu lassen und weil er hoffte , mit dem armen Mädchen schon so nach und nach wieder einlenken zu können , fragte er mit erzwungener Härte : » Was will man denn ? « » Daß ich dich - daß ich den Dienst verlassen soll « , antwortete das Mädchen , welches durch diese Frage und diesen Ton sich aufs neue verletzt fühlte . » Das ist wohl auch das allergescheiteste « , bemerkte die Stigerin , welche beide nicht ungern auseinandergeraten sah . » Man muß sich immer in die Zeiten oder die Menschen schicken , wie sie sind , und dafür sorgen , daß die Kirche noch im Dorfe bleibt . Wir sind lange friedlich beieinander gewesen und wollen uns nun auch im Frieden trennen , wenn einem Gerede , das dir mehr als uns schadete , nur dadurch noch abzukommen ist . « Dorothee hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und sagte nun mit halberstickter Stimme : » Oh , dieses Reden alles braucht es nicht . Nur durch euere Güte bin ich hergekommen als armes Kind und gehe nun mit dankbarem Herzen . Mit schwerem Herzen freilich auch ; aber ihr verzeiht mir es wohl , wenn ich nicht so leicht ein Haus verlasse , wo so viele Lieb ' und Güte mich fast vergessen ließ , daß es nicht meine Heimat sei . Nun , Gott wird mich weiter führen « , fügte sie nach einer Pause bei und wollte , da sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte , das Zimmer verlassen . » Wohin denn gleich ? « fragte die Stigerin etwas unsicher . » Meine Sachen einpacken « , antwortete Dorothee . » Das tut nicht gar so not « , wehrte die Stigerin . » Gleich schon zum Jos hinein wirst du denn doch nicht wollen , heim aber kommst du noch lang . Man gönnt jeder Magd so viel Zeit , daß sie sich gehörig auf den Umzug vorbereiten kann . - Und du bist mir mehr gewesen als Magd « , fügte sie immer weicher werdend bei . » Ich merke so etwas an mir selbst . Ich hab ' mir fest vorgenommen , für dich zu sorgen , und will es auch halten , drum darf dir für die Zukunft nicht gar zu bange sein . Komm nur , wenn dir etwas mangelt , und auch an einem hübschen Zehrpfennig soll ' s nicht fehlen . « Dorothee schüttelte traurig den Kopf . » Ich hätte gewiß nie nur einen Kreuzer Lohn von euch genommen , wenn ' s mir nicht um die armen Eigenen gewesen wäre . Aber etwas dafür nehmen , daß man jetzt meiner los wird , kann ich sogar diesen zuliebe nicht . « » Aber dir zuliebe dürftest und wirst du , wenn du wieder zu dir selbst kommst , doch nehmen , was wir dir als Beweis unserer Zufriedenheit von Herzen gern geben . « » Solche Beweise hab ' ich täglich bekommen und mich daran gefreut , ohne mich einer Sünde zu fürchten . Jetzt aber sind wir fertig . Meinen Lohn hab ' ich heute den Eigenen gebracht und - ich muß offen sagen - auch da wieder von Herzen für die Rettung aus dem Hause drüben gedankt . Aber jetzt - Mutter - Stigerin - laßt uns scheiden und uns das Herz nicht noch schwerer machen - « » Das wird mir nun doch gar zu ernsthaft « , sagte Hans in einem Tone , welcher deutlich verriet , wie sehr die letzten Worte des immer schöner und schuldloser vor ihm stehenden Mädchens ihn ergriffen . » Wo um Gottes willen wolltest du doch gleich wieder ein ordentliches Unterkommen finden ? « » Dafür « , antwortete Dorothee , » haben Gott und gute Menschen schon gesorgt . Ich kann gleich heut ' noch als Magd bei der Kronenwirtin einstehen . « Hansen hatte wohlgetan , sich das arme Mädchen ganz von ihm abhängig zu denken . Nie hatte sich sein Kopf stolzer aufgerichtet als bei dem Gedanken , daß er dieses holde Wesen aus seiner Niedrigkeit erheben und auf einen seiner würdigen Platz stellen könne mit einem Worte . Schmerzlicher traf ihn noch nichts als die Mitteilung , daß das Mädchen ohne sein Wissen und Zutun sich geholfen habe . Er fuhr auf , wie wenn ihn eine Wespe gestochen hätte . » Also darum « , rief er zornig , » hat die Mutter vom Jos heut ' so viel mit der Wirtin zu zischeln gehabt unter der Kirchentür . « » Ich weiß das nicht . « » Aber ich weiß nun , daß du falsch bist wie Galgenholz . Alles war heimlich abgekartet . Uns ging das nichts mehr an . Wir haben jetzt lange genug für dich gesorgt . « » Sei das , wie es wolle « , beruhigte die Stigerin den Sohn , welchen seine Aufregung kaum noch auf dem Stuhle litt . » Jeder Mensch hat ein Recht , für sich selbst auf seine Weise zu sorgen , und er soll das auch , wenn er sich einmal seinen Erziehern entwachsen glaubt . Der Platz in der Krone ist nicht schlecht , wenn man mit der Alten auszukommen weiß . « » Ich wünsch ' ihr Glück « , sagte Hans unmutig , » und mehr scheint sie von uns nicht mehr zu wollen . « Dorothee ging oder vielmehr wankte weinend in ihr Zimmer ; Hans holte einen großen Sack aus der Rumpelkammer , warf ihn vor die Mutter auf den Tisch und rief : » Den da kann man ihr bringen , wenn sie gleich einpacken will . « » Sei doch nicht so ungeschickt ! « bat die Mutter . » Ja , gelt , daß sie mir nicht noch überall Böses nachredet wie eine fortgejagte Wäscherin ? Oh , nicht eine Hand tat ich dafür umkehren . Sie soll nur machen , wie sie will , denn schon zu lange hat sie sich immer verstellen müssen , daß man glaubte , Roß und Wagen könnten sie nicht von uns bringen . « » Es ist aber doch recht , daß sie geht « » Ganz recht . Jos könnt ' am End ' gar noch eifersüchtig auf mich werden . Drum wird sie so große Eile haben . « » Du hast vergessen , was das Gerede der Leute dabei tat . « » Ich wäre fest gestanden , und sie hätt ' es neben mir wagen dürfen . Aber da muß man sich immer nach dem Nebel richten wie die Weiber bei der Wäsche . Zuerst lauter Wörtlein , so eben und glatt , daß man darauf leicht fallen und den Kopf verlieren könnte ; dann läutet ' s eine ganz andere Glocke , und nun macht man einen Kopf und dreht sich und geht wie ein Bettler von einem Wucherer . « » Du bist sonst im Urteilen so billig als einer . « » Ich hab ' auch noch nie so was Unbilliges erlebt . Was heißt das bißchen Lärm gegen das , was Angelika leidet ; aber die ist noch nicht davongelaufen , obwohl es auch einen geben tät , der sie besser zu schätzen wüßte als ihr Mann . « » Großer Gott « , jammerte die Stigerin , » muß ich meinen Buben so sündhaft reden hören von dem Weib eines anderen ! Schäme dich vor dem hellen Tag ! « » Ich bin nicht schuld , daß sie das Weib eines anderen wurde . « » Nun « , begütigte die Mutter , » ich hab ' jetzt nichts mehr gegen die Verwandtschaft , und Zusel , die hübschere , ist noch zu haben . « » Ja , falscher , treuloser als Dorothee kann sie gewiß nicht sein , und dabei ist sie zu herzhaft , um sich wegen einem Gerede zu kümmern . Immer lustig , hübsch , klug ; ja , die Zusel ist nicht so übel und dabei der Angelika fast ähnlich . « Während Mutter und Sohn sich so allmählich wieder näherten , hatte Dorothee ein Kleidungsstück nach dem anderen in den Überzug ihrer Bettdecke zu packen begonnen . Sie kam damit um so langsamer vorwärts , weil sie immer wieder daran denken mußte , bei welcher Veranlassung sie dies und jenes erhielt Erst jetzt empfand sie es recht lebhaft , wieviel sie diesen Leuten zu verdanken hatte . Zuerst glaubte sie , so , noch halb im Unfrieden und mit dem Gefühl , daß ihr sehr unrecht geschehen sei , werde sie am leichtesten gehen ; doch beim Anblick der vielen Geschenke Hansens und der Stigerin nahm ihre Aufregung bedeutend ab . Endlich aber fragte sie sich : » Bist du denn gar so in diese Herrlichkeiten vernarrt ? « » Nein ! « rief sie , indem sie alles ordnungslos aufeinander warf , um dann so schnell als möglich von hier fortzukommen . Dennoch war es schon beinahe dunkel , bis endlich alles beisammen war , was sie nicht einzupacken vergaß . » Nun , in Gottes Namen ! « sagte sie , indem sie ihr Bündlein anfaßte , sich noch einmal die großen Tropfen von den Wangen wischte und dann mit geschlossenen Augen das Zimmer verließ . In der Stube war ihr nicht mehr anzumerken , wieviel sie in den letzten Viertelstunden gelitten hatte . » Ich will Euerer Erziehung immer Ehre machen « , sagte sie beinahe heiter zur Stigerin , welche die Fassung des Mädchens um so mehr in Erstaunen setzte , da sie selbst das Weinen kaum erwehren konnte . » Geh mit Gott , und der heilige Schutzengel begleite dich und zeige dir gute Wege und gute Menschen ! « sagte sie , indem sie in das Weihwasserkrüglein hart neben der Türe langte und des Mädchens Stirne segnend bekreuzigte . Dorothee bat noch , ihr Hansen , welcher nirgends mehr zu sehen war , herzlich zu grüßen und ihn um Verzeihung zu bitten wegen allem Unrechten , was sie je aus Schwäche oder Unwissenheit gesagt und getan habe . Dann verließ sie die Stube und das Haus . Jetzt war sie im Freien , im Weiten , allein . Ihre Erzieher hatte sie verlassen , ihre größten Wohltäter . Nun wollten wohl auch die Eigenen nichts mehr von ihr hören , und den guten Jos hatte sie abschwören müssen ! Im ersten Augenblicke kam ihr das alles wie eine ungeheure Übereilung vor , und sie wußte nicht , ob sie vorwärts gehen sollte oder wieder zurück . Dann aber entsann sie sich des Geschehenen und jedes gewechselten Wortes ganz genau und ohne dabei wieder weich zu werden . » Wo es einmal so klingt , ist gut gehen « , sagte sie sich und schritt rasch durch das Herrendorf hinaus , dann hinunter zur Kirche und der Kronen Wirtschaft zu . Der alten Stigerin hat ihre Rechnung jämmerlich gefehlt . Hans kam erst recht ins Gerede hinein , als am anderen Tag , am Fest Allerheiligen , jedermann davon erzählte , Dorothee sei nun doch noch losgesprochen worden , weil sie den Dienst auf dem Stighofe verlassen hab ' und bei der Kronenwirtin eingestanden sei . Zweiundzwanzigstes Kapitel Bei der Brunnenstube Die wackere , noch etwas altmodische Wirtin und Dorothee kamen sehr gut miteinander aus . Das Mädchen gewöhnte sich viel schneller an das unruhige Leben einer Wirtsmagd , als selbst die Wirtin erwartet hatte . Gerade das ewige Kommen und Gehen , die Gespräche über die verschiedensten Angelegenheiten und Verhältnisse , das ganze Durcheinander der Gaststube war Dorotheen schon darum erwünscht , weil es sie den ganzen Tag niemals zu sich selbst kommen ließ . Recht lieb war ihr auch , daß sie nur jeden Gast gehörig , ja sogar reichlich bedienen , sonst aber nicht besonders viel Wesens machen mußte . Die Kronenwirtschaft war ein recht eigentliches Bauernwirtshaus . Die Wirtin schien das Geschäft nur zu Ehren des verstorbenen Mannes fortzuführen , um es einst dem einzigen Töchterlein im alten guten Rufe abtreten zu können . Die Gäste , die hier kamen und gingen , waren um so mehr geachtet , je williger sie sich von der guten Frau auch ein wenig bemuttern ließen . Man durfte ihr aber das Vertrauen schon schenken . Sie schien nicht nur die Sprüche und Redewendungen ihres unvergeßlichen Seligen , sondern etwas , ja sogar viel von seinem ganzen Wesen geerbt zu haben . Da war alles einfach , aber solid , wie in ihrer Hauseinrichtung , die auf den ersten Blick recht bäuerlich altmodisch aussah , aber durch ihre Zweckmäßigkeit jeden befriedigte . Nützlich , vernünftig und klar , das waren ihre Lieblingsworte , und mit diesen ließen sich auch all ihre Reden und Handlungen bezeichnen . Um so mehr setzte Dorotheen ein Auftrag in Erstaunen , den sie am Abend vor dem Martinstag erhielt . Sie gebot sich aber so schnell , daß die Wirtin den Schatten gar nicht bemerkte , der dabei über das Gesicht des Mädchens flog . Es war ein Glück für Dorotheen , daß sie gerade nicht besonders scharf beobachtet wurde , denn es handelte sich um einen alten Brauch , den man im Hause seit Urgroßvaters Zeit - und kein Mensch wußte , wie lange vorher schon - übte und über den die sonst so nüchterne Frau sich um so weniger zweifelnd oder gar spöttelnd hätte befragen lassen , weil auch sie mit ganzem Herzen daran hing . Dorothee langte schon nach dem Weihwasserkrüglein an der Wand neben der Stubentür , um sich gleich in ihr freundliches Dachkämmerlein zur Ruhe zu begeben , als sie von der Wirtin mit eigen feierlicher Stimme , die etwas Wichtiges zu verkünden schien , in die Küche gerufen wurde . Sie folgte , so schnell sie konnte , denn ihr war ' s lieb , wenn es noch etwas zu tun gab an diesem wunderbar schönen und doch so stürmischen Abend . Vorhin , als sie den die Stube lang sich hinziehenden Zechtisch abgeräumt hatte und ihren Blick alsdann durchs mondbeglänzte Tal schweifen ließ und der Sturm einige Fensterläden zuschlug , wurde sie wieder so wach , daß sie viel lieber noch an irgendeine Arbeit als gleich ins Dachkämmerlein ging . Auf dem schneeweiß gescheuerten Schranke in der geräumigen Küche , über dem sich ein vierfacher Rahmen voll glänzenden Porzellangeschirrs an der Wand hinzog , stand ein großer Topf , den die Wirtin soeben mit Weißbrot , Butter , Honig und Schweizerkäse - von ihrer Alp - füllte . Als sie Dorotheen bemerkte , sagte sie : » Leg ' dich noch einmal ordentlich an , daß dir der Föhn nichts schadet , und bring das alles unserem Brunnen . « Dorothee sah die Wirtin erstaunt fragend an . Wohl hatte sie von dem schon damals ziemlich aus der Übung gekommenen Brauche gehört , am Martinsabend die im Jahre gebrauchten Quellen - Ursprünge - zu speisen , aber es kam ihr doch sonderbar , beinahe lächerlich vor , da sie eine sonst so nüchterne , wohlberechnete Frau die Sache noch so ernsthaft nehmen sah . » Ich hab ' das noch gar nie getan « , flüsterte sie beinahe bittend , » ich weiß auch nicht , wie man es machen muß , und es wär ' mir lieb , wenn Ihr diesmal den Knecht schicken tätet , der doch heut ' auch sonst nicht mehr besonders viel anfangen wird . « » Das geht nicht . « » Warum ? « fragte Dorothee , nachdem sie eine Sekunde schaudernd das Tosen des immer mächtigeren Sturmes gehört hatte . » Es muß ein Mädchen , eine Jungfrau sein . « Dorothee , die es ordentlich fröstelte , wagte nochmals zu fragen : » Warum ? « » Meines Mannes Großvater selig « , erzählte die Wirtin , » soll das einmal unterlassen haben , dafür hat ihm dann der Ursprung im nächsten Sommer auch kein Wasser mehr gegeben . Seitdem ist ' s immer getrieben worden , und mein Mann selig soll auch in dem Stücke mit mir zufrieden sein . Vielleicht haben auch die Ursprung ' ihren eigenen Schutzpatron , wie das Feuer den heiligen Florian , dessen Bild man in jedem christlichen Hause findet . Jedenfalls heiß ' ich dich nichts Schlimmes , nur das , was ich selbst als Magd in diesem Hause früher jeden Martinsabend habe tun müssen . « » Und wie habt Ihr es denn gemacht ? « fragte das Mädchen , welches nun seinen Mut wieder wachsen fühlte . Die Wirtin stellte zwei Teller vor sich auf den Küchenschrank und begann : » Siehst du , das rechts ist die Fluh und das links der Fuß vom Liggstein . Drin , da zwischen den Bergen in der Enge , wo am längsten Sommertag die Sonne nur wenige Stunden zu sehen ist , hart neben dem Weg , den die Schleichhändler und Alpknechte benützen , wenn ' s einmal Eile hat , grad ' wo der Wald angeht , mitten in einem Buchenkranz , unter hölzernem Deckel , ist im Boden ein ausgehöhltes Holz , ein Trog . Das ist unsere Brunnenstube , wo mehrere Ursprünge gesammelt sind , um in einer Leitung bis zu unserem Hause geführt zu werden . Da gehst du hin . Die Schaufel darfst du aber nicht vergessen , denn mit der mußt du hart neben die Brunnenstube gegen Sonnenaufgang vergraben , was ich dir da zusammengerichtet habe . Ich summte dabei gewöhnlich ein frommes Lied , und mein Lebtag nie hab ' ich mich so gern gehört als da . Noch weiß ich ' s ganz gut , als ob es gestern gewesen , wie da die fallenden Tropfen klangen und rauschten , die Baumwipfel flüsterten und es dann wieder , wie in der Kirche unter der Wandlung , still , ganz still worden ist . Ich tät am liebsten selbst gehen und lang , lang drüben bleiben , wie vor zwanzig Jahren . Wie wird mir doch so eigen , und alles liegt noch so lebhaft vor mir , daß ich dir gleich erzählen muß , wie mir damals gegangen ist . « Beide setzten sich auf die an der Fensterwand hinlaufende Bank ; Dorothee knüpfte den ihr übergebenen Topf mit zitternden Händen in ein weißes Tuch , die Wirtin aber erzählte : » Ich bin da Magd gewesen , aber du mußt nicht glauben , daß meine Eigenen den lächerlich kleinen Lohn gerade nötig gehabt hätten . Von der Stickerei wußte man damals noch nicht viel , aber ein Vater , der nicht eben gebunden war , hätte sein Mädchen auch um den schönsten Lohn ungern das ganze Jahr in der Stube sitzen lassen . Man meinte , gerade wohlhabenden Mädchen , denen später vielerlei durch die Hände geh ' , könne es nicht schaden , wenn sie schon in den jungen Jahren ein bißchen herumgepudelt würden und die Arbeit so lernten , daß auch die eine Freude daran hätten , die nicht mit der Verliebtheit des Vaters oder der Mutter urteilten . Besonders der Dienst in einem ordentlichen Wirtshaus ward einem jungen Mädchen recht herzlich gegönnt , wenn es sich nur auch gehörig zu stellen wußte . Nun , mir hat es an dem nicht gefehlt und auch nicht an Burschen , die ich hätte haben können . Es gab manchen Spaß , und ich mag oft schuld gewesen sein , daß einer länger dablieb , als es bisher seine Gewohnheit war . Ich meinte , den jungen Wirt müsse es freuen , wenn ich ihm so Kundschaft warb , und nichts hat mir so weh getan , als ihn immer stiller und unfreundlicher gegen mich zu sehen . Zuweilen wollte ich ihm einmal gehörig das Kapitel lesen , aber zu dem bin ich Schwache doch nie gekommen , denn ich hab ' gleich gemerkt , daß ich ihm noch viel eher den Dienst aufkünden könnte . Das aber wollt ' ich wirklich tun . Da kam der Martinsabend und sah just aus wie der heutige . Ich wußte schon , was ich zu tun hatte , doch sann ich über ganz anderes , und so kam es denn , daß ich Einfalt zur Brunnenstube hinauflief und vergaß , was ich zur Speisung hätte mitnehmen sollen . Der Wirt mußte mein Versehen schon bemerkt haben , und eben das war mir zehnmal ärger als der Gang zurück , den ich nun wieder noch machen mußte . Der Spott des Wirtes über jedes Versehen war in der letzten Zeit so spitz , daß man zehnmal eher einen kräftigen Vorwurf ertragen hätte , auf den sich wieder etwas Gesundes entgegnen ließ . Das tut ' s da nicht mehr , und du mußt fort auf einen anderen Platz ! rief ich überlaut und erschrak dann selbst über den sonderbar fremden Klang meiner Stimme . Wenn du allein am Ursprung stehst unter den gelben , flüsternden Wipfeln und du das Murmeln und Plätschern hörst , ganz allein , als ob es nur für dich da wär ' , dann beginnt sich das Fallen der Tropfen , das einen Saitenklang von sich gibt , in die Weise eines wunderbaren Liedes zu ordnen , das dir ganz bekannt ist , obwohl du es auf der Welt noch nie gehört haben kannst . Dann wird ' s dir weit und wohl , alles ist dir gut und recht , und du bist nicht mehr fähig zu einem Entschluß , der irgend etwas ändern könnte . Mir wenigstens ist es so gewesen . Ich bin dagesessen wie verzückt , bis das gefallene Laub unter den Buchen raschelte und auf einmal - der Wirt mit dem Vergessenen hart vor mir gestanden ist . Trifft man dich doch einmal allein , wo man ein vertrautes Wort mit dir wechseln kann ? fragte er . Jawohl , hab ' ich gesagt , wenn deine Spottsucht auch ein vertrautes Wort aufkommen läßt . Jetzt redeten wir lang hin und her , wir räumten uns erst gehörig herunter , dann wurde alles klar zwischen uns , und acht Wochen später sind wir Brautleute gewesen . Drum denk ' ich noch jeden Martinsabend an den Ursprung am Alpweg und bleibe treulich beim alten Brauch , wie sehr der auch sonst aus der Übung gekommen ist . « Dorothee , welche zuerst das ihr Übergebene den hungrigen Eigenen weit besser als dem Ursprung am Alpwege gegönnt hätte , ward tief ergriffen von der Erzählung , aus der sie eine so schöne Neigung zu dem Seligen heraus klagen und jubeln hörte . Der ihr befohlene Gang ward nun fast zu einer gottesdienstlichen Verrichtung . Sie mußte der Wirtin zum Abschiede die Hand drücken , was wohl die meisten Bregenzerwälderinnen noch nie in solchen Fällen gesehen , geschweige denn selber getan haben . Hastigen Schrittes verließ Dorothee das Haus . Die Wirtin ward ihr das bewundernswerte Weib , indem sie sich als Stellvertreterin ihres Seligen dachte . So , meinte Dorothee , hätten die meisten Menschen einen Gedanken , ein Gefühl , woran sie sich in allen Stürmen mit Herz und Seele festhalten könnten . Ach , und sie stand einsam , abgerissen überall , und ein furchtbarer Eid bannte sie und trennte sie sowohl von den Ihrigen , deren Selbstsucht sie dazu zwang , als auch von dem Geliebten , dessen Bild jetzt bei Tag und Nacht vor ihrer Seele stand . Wann sollte das enden , wann sie das aufklärende , versöhnende Wort finden ? Schaudernd blickte sie hinüber zu dem stattlichen Hause des Krämers , wo noch alle Zimmer beleuchtet schienen . Es ward ihr kalt und heiß , als sie daran dachte , daß ihre Erlösung an das Verderben jenes Mannes geknüpft sei . Lange Zeit lehnte sie an dem schon etwas morschen Stamm einer vielästigen Buche , so in Gedanken verloren , daß sie das Tosen des immer wilderen Sturmes kaum bemerkte , bis derselbe einen halbdürren Ast von ihrer Buche brach und surrend hart neben ihr niederwarf , daß die vielen Zacken sich mehr als fußtief in den Boden bohrten . Einen lauten Schrei ausstoßend , sprang das Mädchen von der gefährlichen Stelle weg und empfand , als einmal der erste Schreck überstanden war , ein ganz eigenes Behagen , alle Glieder nach Belieben regen zu können . Sie hatte ein Gefühl , als ob ihr Leben und Gesundheit aufs neue wiedergeschenkt worden sei . » Es ist doch schön auf der Welt ! « rief sie , emporblickend zu den stillen , ernsten Bergen , die jetzt mit Sternen bekränzt schienen . Nie noch hatte sie den Liggstein , der stolz und wie ein Wächter des Tales über den Schnepfauer Wald gegen die Kanisfluh hinüberragte , so aufmerksam betrachtet und so klar gesehen , wie jetzt im Scheine des Mondes . Die Schatten der vom Sturme geschüttelten Tannen , welche zwischen den übereinander gewölbten Steinschichten hervorwuchsen , zogen an dem rot und bläulich schimmernden Felsen auf und ab und schienen ihr zu winken . Der Wald dort , welcher sich in der noch nicht