nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotentums trat ihr entgegen , das wie ein unheimlicher Nachtvogel über dem Hellwigschen Hause kreiste und mit seinen Fängen jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte ... Eine freie , gesunde Weltanschauung , lebhaftes Interesse für alles , was die Welt Schönes und Herrliches hat , und ein fröhliches , inniges Familienleben , das waren die Eigenschaften , die im Frankschen Hause vorwalteten . Felicitas befand sich somit in ihrem eigentlichen Lebenselemente . Es war ihr ein süß wehmütiges Gefühl , sich plötzlich wieder mit all den Schmeichelnamen nennen zu hören , die Tante Cordula ihr gegeben hatte - sie war sofort das Schoßkind des Frankschen Ehepaares geworden . So sah die äußere Wandlung aus , die mit ihr vorgegangen - vor der inneren , tiefgehenden stand sie selbst in süßer Befangenheit ... Sie hatte an jenem Abend auf die Aufforderung des Professors hin ohne weiteres ihre wenigen Habseligkeiten liegen lassen ; in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand in seine Rechte geschmiegt und war mit ihm gegangen , ohne wissen zu wollen , wohin ... Und wenn er sie weiter geführt hätte durch die dunklen Straßen , zum Thore hinaus - sie wäre mit ihm gepilgert über die ganze Erde , ohne ein Wort des Widerspruchs oder des Zweifels . Sie war ein seltsames Geschöpf , das bei aller feurigen Phantasie , bei einem enthusiastischen , hochauffliegenden Geiste doch unerbittlich eine feste Basis für alles Thun und Lassen forderte . Die innigen Liebesbeteuerungen des Professors , sein angstvolles Flehen hatten ihr das Herz zerrissen , aber sie waren weit davon entfernt gewesen , ihren Entschluß zu erschüttern , eine innere Umkehr zu bewirken - es mußte etwas ganz anderes gesprochen werden , um dies Mädchen zu gewinnen , und er hatte es gethan , jedenfalls ohne es zu wissen . Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches gesagt : » Ich kann nicht anders handeln , und wenn mir als Preis die Versicherung geboten würde , daß Sie sofort die Meine werden wollten , ich müßte nein sagen . « Trotz der angstvollen Situation , in welcher sie sich damals befand , hatte ihr Herz doch aufgejubelt - die Kraft des männlichen Entschlusses , der Nachdruck , mit welchem er zur Geltung gebracht wurde , selbst um den höchsten Preis - sie waren die einzige Lösung der Frage gewesen , und da war es nun , das Vertrauen , ohne welches sie sich ein Zusammenleben mit ihm nicht hatte möglich denken können ! Der Professor kam jeden Tag in das Franksche Haus . Er war ernster und verschlossener als je - es lastete viel auf ihm . Der Aufenthalt in seinem mütterlichen Hause war unerträglich . Wahrscheinlicherweise hatte die fortgesetzte , ungewöhnliche innere Aufregung endlich doch die stählernen Nerven der großen Frau erschüttert - sie wurde krank und mußte das Bett hüten . Sie weigerte sich zwar konsequent , ihren Sohn zu sehen - Doktor Böhm mußte sie ärztlich behandeln - aber der Professor war dadurch gezwungen , in X. zu bleiben . Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank , als Kurator der Hirschsprungschen Erben , in das Familiengeheimnis eingeweiht und ihm den festen Entschluß ausgesprochen , das Unrecht sühnen zu wollen . Alle Einwürfe , die der Freund vom juristischen Standpunkte aus versuchte , diese Sühne wenigstens zu beschränken , entkräftete der Professor stets durch die entschiedene Frage , ob er das Geld für ein ehrlich erworbenes halte , und das konnte selbst der Advokat nicht mit » ja « beantworten . Uebrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau Hellwig , wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus , es sei dies ein Streiten um des Kaisers Bart , denn er glaube nicht an die Existenz der Hirschsprungschen Familie . Aber seiner Ansicht nach durfte dem strenggläubigen Verwandten am Rhein , dem hochangesehenen Herrn Paul Hellwig , eine tüchtige Nervenerschütterung nicht erspart werden , und deshalb wurde der wehrhafte Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten zwanzigtausend Thaler aufgefordert . Der fromme Mann antwortete ruhig , mit dem gewohnten salbungsvollen Schwunge , er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel erhalten , als Tilgung einer alten Familienschuld , denn sein Vater sei von der Hellwigschen Hauptlinie übervorteilt worden . Woher der Onkel das Geld genommen , sei ihm völlig gleichgültig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Skrupel - das sei nicht seine Sache . Das Geld befände sich in den besten Händen ; er betrachte sich überhaupt nicht als Besitzer seines Vermögens , sondern als Verwalter und zwar im Dienste des » Herrn « . Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit allen Kräften zu verteidigen wissen und es getrost auf einen Prozeß ankommen lassen ... Ziemlich ebenso antwortete Nathanael , der Student . Ihm war es » sehr egal « , was ein längst vermoderter Vorfahr vor so und so viel Jahren verschuldet hatte - er hielt sich durchaus nicht für verpflichtet , anderer Sünden weiß zu waschen , und wollte sein Erbteil auch nicht um einen Pfennig verkürzt sehen ; auch er erwartete einen Prozeß in aller Gemütsruhe , wie er schrieb , und freute sich bereits auf den Moment , wo die mutmaßlichen Erben die Kosten und sein » überspannter « Herr Bruder seinen hochangesehenen Namen hinterdrein werfen würden . » Da bleibt mir also nichts übrig , « sagte bitter lächelnd der Professor , indem er diese schriftlichen Zeugen Hellwigscher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch warf , » als alles zu opfern , was ich an Erbteil und Ersparnissen besitze , wenn ich nicht auch Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will ! « So war allmählich das Ende der Ferien herangekommen . Frau Hellwig war wieder außer Bett , hatte aber entschieden erklärt , ihren Sohn vor seiner Abreise nur unter der Bedingung noch einmal wiederzusehen , daß er den ganzen » verrückten « Hirschsprungschen Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschluß , Felicitas zu heiraten , widerrufe - das genügte , um Mutter und Sohn für immer zu trennen . Felicitas befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung . Solange sie im Frankschen Hause war , saß sie jeden Nachmittag zur bestimmten Stunde mit klopfendem Herzen am Fenster und sah verstohlen die Straße hinab - dann kam sie endlich um die Ecke , die kräftige , männliche Gestalt mit dem mächtigen Vollbart und der ruhigen Haltung . Es bedurfte jedesmal der ungeheuersten Selbstüberwindung , daß das junge Mädchen nicht aufsprang und ihm bis auf die Straße entgegenging ... Dann kam er näher und näher , er sah nicht rechts , noch links , er grüßte die Vorübergehenden nicht - sein Blick haftete unverwandt auf dem Fenster , hinter welchem der Mädchenkopf sich scheinbar über die Arbeit neigte ; endlich war der Moment gekommen , wo man aufsehen durfte - die vier Augen begegneten sich , ach , das Leben schloß doch ein Uebermaß der Glückseligkeit in sich , von der das junge Herz bis dahin nicht einmal geträumt hatte ! - Der Professor sprach zwar nie mit einer Silbe über seine Liebe , Felicitas hätte denken können , dies Gefühl sei durch die letzten Ereignisse bei ihm völlig in den Hintergrund gedrängt worden , wären nicht eben seine Augen gewesen ; aber diese stahlfarbenen Augen folgten ihr unablässig , sobald sie durch das Zimmer ging oder eine häusliche Verrichtung besorgte ; sie leuchteten auf , wenn sie eintrat , wenn sie den Kopf von der Arbeit hob und ihm das Gesicht voll zuwandte . Sie wußte , daß sie noch » seine Fee « war , » die daheim auf ihn warten und an ihn denken sollte « , und in dem Sinne empfing sie ihn auch bei seinen nachmittägigen Besuchen . Das Mädchen mit dem einst so eisenharten Sinn , mit dem haßerfüllten Blick und der kalt zurückweisenden Haltung ahnte nicht , welch ein Zauber und Liebreiz ihrem ganzen Wesen jetzt entströmte ; alles Schroffe , alle Härten dieses vielgeprüften Charakters waren untergegangen in der süßinnigen , demütigen Liebe des Weibes . Und da sollte nun morgen ein Tag werden , wo sie vergebens da am Fenster sitzen und ihn erwarten würde . In der stets ersehnten Nachmittagsstunde war er bereits weit , weit von ihr entfernt , zahllose fremde Gesichter hatten sich zwischen ihn und seine Fee gedrängt - es verging vielleicht ein ganzes , unermeßlich langes Jahr , ehe sie ihn wiedersehen durfte ; was sollte das für eine Zeit werden , die nun kam ? ... Felicitas blickte in einen öden , leeren Raum , in welchem sie sich nicht mehr zurechtfinden konnte - sie hatte ja ihr Steuer verloren . Am Tage vor der Abreise des Professors saßen die Familie Frank und Felicitas beim Mittagsessen , als das Dienstmädchen eintrat und dem Rechtsanwalt eine Karte übergab . Ein jähes Rot der Ueberraschung schoß in sein Gesicht , er warf die Karte auf den Tisch und ging hinaus ; auf dem kleinen , weißglänzenden Blättchen stand : » Lutz von Hirschsprung , Rittergutsbesitzer aus Kiel . « ... Man hörte draußen in der Hausflur eine männliche Stimme mit vornehmer Ruhe in elegantem Deutsch sprechen , dann gingen die zwei Herren hinauf in das Zimmer des Rechtsanwaltes . Während das Franksche Ehepaar sich über das Auftauchen dieses doch gewissermaßen in das Reich der Fabel versetzten Erben in einen lebhaften Gedankenaustausch vertiefte , saß Felicitas in großer Gemütsbewegung schweigend da ... Das arme Spielerskind , das , losgelöst aus jeglicher Familienverbindung , bisher einsam inmitten Fremder gestanden hatte , befand sich plötzlich unter einem Dache mit einem unbekannten Blutsverwandten ... War es ihr Großvater , oder ein Bruder ihrer Mutter ? Hatte diese ernst ruhige Stimme da draußen , deren Klang dem jungen Mädchen durch Mark und Bein gegangen , einst den Fluch gesprochen über die abtrünnige Tochter derer von Hirschsprung ? Der Ankömmling nannte sich genau wie sein ausgewanderter Vorfahr . Dieser fast antediluvianisch klingende Name lag sehr aristokratisch mit viel Ostentationen auf der kleinen Karte . Man liebt es , die alten Kraftnamen aus dem Schutte und Staube vergangener Jahrhunderte hervorzusuchen - sie lassen unwillkürlich eine eisenklirrende Rittergestalt vor uns aufsteigen und kennzeichnen doch das aristokratische Blut , wenn sie auch unserem heutigen Pygmäengeschlechte im schwarzen Fracke wunderlich genug anstehen ... Diese Linie der Hirschsprungs legte ersichtlich viel Gewicht auf ihre Ahnen ; es ließ sich fast mit Gewißheit voraussehen , daß die Taschenspielerstochter ihre Verwandtschaft mit dem Herrn Rittergutsbesitzer nicht ungestraft würde geltend machen können . Bei dem Gedanken an eine Zurückweisung empörte sich jeder Blutstropfen in Felicitas ; sie schloß die Lippen fester aufeinander , als wolle sie damit jedes rasche Wort zurückdrängen , das ihr möglicherweise in der Aufregung entschlüpfen konnte . Dagegen ließ sich ihr lebhaftes Verlangen , den Mann zu sehen , nicht unterdrücken , und die Gelegenheit sollte ihr werden . Bald nach der Ankunft des Fremden hatte der Rechtsanwalt den Professor zu sich beschieden . Die Konferenz der drei Herren dauerte weit über zwei Stunden . Während dieser Zeit der höchsten Spannung hörte Felicitas den Professor oft , aber mit ruhigem , gemäßigtem Schritte oben auf und ab gehen . Sie sah im Geist , wie der Mann der Wissenschaft gelassen seine schöne , schlanke Hand über den Bart gleiten ließ und dem Aristokraten ruhig Geld und Gut bot , um den Schandflecken von der Ehre seines Namens zu vertilgen ... Später ließ der junge Frank seine Mutter bitten , Kaffee bereit zu halten , er werde mit seinem Besuche nach dem Schluß der Geschäfte in das Wohnzimmer kommen . Felicitas besorgte das Nötige , und während sie noch in der Küche mit dem Ordnen des Kaffeegeschirres beschäftigt war , hörte sie die Herren bereits die Treppe herabsteigen . Fast wollte ihr der Mut sinken , als sie den Fremden langsam und in ein Gespräch mit dem Professor verwickelt durch die Hausflur schreiten sah . Es war eine fast übergroße , schmale Gestalt , die in Haltung und Gebärden den feinen , formgewandten Weltmann , aber auch den gebietenden Herrn , den seiner bevorzugten Stellung sich bewußten Aristokraten unleugbar verriet ... Ihr Großvater war der Fremde keinenfalls , dazu sah der feingemeißelte , sehr kleine Kopf mit dem kurzgeschorenen braunen Haar zu jung aus . In diesem Augenblick spielte freilich um die schmalen , dünnen Lippen ein verbindliches Lächeln , mit welchem er sich zu dem Professor hinüberneigte , aber das schöne , scharfgeschnittene Gesicht mit dem gelblich bleichen Teint war offenbar mehr geübt im Ausdruck herrischer Strenge , als in dem der Güte und des Wohlwollens . Felicitas strich mit bebenden Händen glättend über ihr Haar und trat in das Zimmer , nachdem die Köchin den Kaffee hereingetragen hatte . Die Anwesenden standen sämtlich in der einen großen Fensternische und wandten der leise Eintretenden den Rücken . Sie füllte geräuschlos die Tassen , nahm das Kaffeebrett und bot es mit einigen Worten dem Fremden - er drehte sich jäh um bei dem Klange ihrer Stimme , taumelte aber sofort zurück , als habe ein heftiger Schlag sein erbleichendes Gesicht getroffen , während das entsetzte Auge über die Mädchengestalt irrte . » Meta ! « stieß er hervor . » Meta von Hirschsprung war meine Mutter , « sagte das junge Mädchen mit ihrer tiefen , melodischen Stimme , scheinbar sehr ruhig , setzte aber das Brett auf einen Tisch , weil die Tassen bedenklich zu klirren begannen . » Ihre Mutter ? - Ich wußte nicht , daß sie ein Kind hinter- lassen hat , « murmelte Herr von Hirschsprung , indem er Herr seines Schreckens zu werden suchte . Felicitas lächelte bitter und verächtlich - teilweise wohl über die eigene Schwäche , mit der sie sich , trotz aller guten Vorsätze , hatte hinreißen lassen , diesem Mann gegenüber ihre Abkunft einzugestehen . In seine schreckensvolle Ueberraschung mischte sich auch nicht ein Laut der Liebe oder des schmerzlichen Mitleids - sie fühlte sofort , daß sie eine Reihe von Demütigungen für sich heraufbeschworen hatte , sie mußte sie nun erleiden und hinnehmen in Gegenwart der Umstehenden , die , lautlos vor Erstaunen und Verwunderung , der weiteren Entwickelung des merkwürdigen Vorgangs harrten . Mittlerweile wich die Bestürzung des Herrn von Hirschsprung , aber nur um einer peinlichen Verlegenheit Platz zu machen . Er strich sich mit der Hand über die Augen und sagte leise und stockend : » Ja , ja , ganz recht , diese kleine Stadt X. war es ja , wo die Nemesis die Unglückliche ereilt hat - eine furchtbare , aber leider gerechte Nemesis ! « Es hatte den Anschein , als kehre ihm mit diesem Ausruf die volle Gewalt über sich selbst zurück . Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf und sagte mit der vornehmen Leichtigkeit des vollendeten Kavaliers zu den Umstehenden : » Ah , Pardon , wenn ich mich durch einen augenblicklichen Eindruck hinreißen ließ , zu vergessen , daß ich mich in Gesellschaft befinde ! ... Aber ich glaubte ein Familiendrama für alle Zeiten abgeschlossen und begraben , und nun tritt mir hier ein ungeahntes Nachspiel entgegen ! ... Sie sind also eine Tochter des Taschenspielers d ' Orlowska ? « wandte er sich an Felicitas , sichtbar bemüht , seiner Stimme einen Anflug von Wohlwollen zu geben . » Ja , « versetzte sie kurz und stand ebenso hoch aufgerichtet ihm gegenüber . In diesem Moment trat die Familienähnlichkeit zwischen den beiden Gestalten scharf und schlagend hervor . Stolz war der vorherrschende Ausdruck in diesen edelschönen Linien , wenn er auch auf einer vielleicht grundverschiedenen Anschauungsweise beruhte . » Ihr Vater hat Sie nach dem Tode seiner Frau in X. zurückgelassen ? Sie sind hier aufgewachsen ? « frug er weiter , unverkennbar betroffen durch die imposante Haltung des Mädchens . » Ja ! « » Dem Mann ist freilich nicht viel Zeit verblieben , für Sie zu sorgen - soviel ich mich erinnere , ist er ja wohl vor acht oder neun Jahren in Hamburg am Nervenfieber verstorben . « » Ich erfahre erst in diesem Moment , daß er nicht mehr lebt , « entgegnete Felicitas bebend , während ihre Mundwinkel krampfhaft zuckten und eine Thräne in ihr heißes Auge trat . Aber trotz der Gemütserschütterung , die ihr die Nachricht brachte , fühlte sie doch eine Art von schmerzlicher Genugthuung ; Frau Hellwig hatte ja oft genug gesagt , ihr Vater ziehe als liederlicher Strolch in der Welt umher und frage viel danach , was es anderen Leuten koste , sein Kind aufzufüttern . » Ah , es thut mir leid , daß ich dazu berufen war , Ihnen diese niederschlagende Mitteilung zu machen ! « rief Herr von Hirschsprung , bedauernd den Kopf hin und her wiegend . » Mit ihm haben Sie freilich den einzigen Verwandten verloren , der Ihnen nach dem Tode Ihrer Mutter geblieben ist ... Es gab eine Zeit , wo ich der Vergangenheit dieses Mannes nachforschte - er hat von zarter Jugend an allein gestanden in der Welt - es ist beklagenswert , aber Sie haben niemand mehr von Ihrer Familie . « » Und darf man fragen , Herr von Hirschsprung , in welcher Beziehung die Mutter dieses jungen Mädchens zu Ihrer Familie gestanden hat ? « rief die Hofrätin , empört über die erbarmungslose Art und Weise , wie er Felicitas aus dem Bereiche seiner adeligen Sippe hinauswies . Ein fahles Rot flackerte über sein Gesicht ... So hinreißend das Erröten auf den Wangen der Unschuld ist , so widerwärtig berührt es uns in dem Gesicht eines hochmütigen Mannes , den wir im offenbaren Kampfe sehen , ob er etwas ihn Demütigendes vor uns verbergen soll oder nicht . » Sie war einst meine Schwester , « antwortete er mit klangloser Stimme , aber das Wort » einst « scharf markierend ; » ich habe es geflissentlich vermieden , diese Beziehung zu betonen , « fuhr er nach einer ziemlichen Pause fest fort ; » so wie die Sachen liegen , bin ich zu Erörterungen gezwungen , die mich möglicherweise rücksichtslos erscheinen lassen ... Ich muß dieser jungen Dame Mitteilungen über ihre Mutter machen , die ihr besser erspart geblieben wären ... Frau d ' Orlowska hat in dem Augenblick , wo sie dem Polen die Hand reichte , für alle Zeiten aufgehört , ein Glied der Familie von Hirschsprung zu sein ... In unserem Familienbuche steht nicht , wie gebräuchlich , hinter ihrem Namen , mit wem diese Tochter des Hauses vermählt war - in dem Moment , wo sie zum letztenmal über unsere Schwelle geschritten ist , hat mein Vater mit eigener Hand ihren Namen durchstrichen - das war tausendmal härter für ihn , als wenn er das Totenkreuz hätte hinzeichnen müssen ... Seitdem ist der Name Meta von Hirschsprung spurlos verschollen für uns - kein Freund des Hauses , kein Diener hat je gewagt , ihn wieder laut werden zu lassen ; meine Kinder wissen nicht , daß sie je eine Tante gehabt haben - sie ist enterbt , verstoßen , und war längst für uns gestorben , ehe sie auf eine so schreckliche Weise endete . « Er schwieg einen Augenblick . Die Hofrätin hatte während dieser in wahrhaft vernichtender Weise gegebenen Enthüllungen ihren Arm um Felicitas gelegt und sie mütterlich liebevoll an sich herangezogen ... Und dort stand der Professor - er sprach nicht , aber sein Auge ruhte unverwandt und innig auf dem blassen Gesicht des Mädchens , das abermals für seine tote , » vergötterte « Mutter so schwer leiden mußte ... Es entstand eine momentane , peinvolle Stille . In diesem Schweigen lag unverkennbar eine strenge Verurteilung ; auch der Sprechende vermochte nicht , sich diesem Eindrucke zu entziehen - stockend , mit unsicherer Stimme fuhr er fort : » Seien Sie versichert , daß es für mich eine sehr schwere Aufgabe ist , Ihnen in der Weise weh thun zu müssen - ich erscheine mir selbst in einem so - so unritterlichen Lichte , aber , mein Gott , wie soll ich denn die Dinge anders beim Namen nennen ? ... Ich möchte gern etwas für Sie thun ... In welcher Eigenschaft sind Sie denn hier in diesem sehr ehrenwerten Hause ? « » Als mein liebes Töchterchen , « antwortete die Hofrätin an Felicitas ' Stelle und sah ihn fest und durchdringend an . » Nun sehen Sie , da haben Sie ja doch ein sehr glückliches Los gezogen ! « sagte er zu dem jungen Mädchen , während er sich vor der Hofrätin verbindlich neigte . » Leider ist es nicht in meine Hand gegeben , mit Ihrer edlen Beschützerin zu wetteifern - die Rechte einer Tochter des Hauses dürfte ich Ihnen schon um deswillen nicht zugestehen , als meine Eltern noch leben ; in ihren Augen würde leider der Umstand , daß Sie den Namen d ' Orlowska tragen , vollkommen genügen , um Sie nie vor sich zu lassen . « » Wie , die leiblichen Großeltern ? « rief die alte Dame entrüstet . » Sie könnten um das Dasein einer Enkelin wissen und sterben , ohne sie gesehen zu haben ? - Das machen Sie mir nicht weis ! « » Meine liebe Frau Hofrätin , « entgegnete Herr von Hirschsprung kalt lächelnd , » das stark ausgeprägte aristokratische Gefühl , ein hoher Sinn für die unbefleckte Ehre des Hauses sind Familieneigentümlichkeiten der Hirschsprungs , denen auch ich mich nicht entziehen kann - die Liebe kommt bei uns erst in zweiter Linie . Ich begreife die Anschauungsweise meiner Eltern vollkommen und würde genau so handeln , wenn sich eine meiner Töchter je vergessen sollte . « » Nun , mögen die Männer Ihrer Familie über diesen Punkt denken , wie sie wollen , « sagte die Hofrätin beharrlich , » aber die Großmutter - sie müßte ja ein Stein sein , wenn sie von diesem Kinde hörte und - « » Gerade sie verzeiht am wenigsten , « unterbrach er die alte Dame in sicherer Ueberlegenheit . » Meine Mutter hat verschiedene Glieder alter Grafengeschlechter auf ihrem Stammbaum und hütet den Glanz des Hauses , wie selten eine Frau ... Uebrigens steht es Ihnen frei , meine sehr geehrte Frau Hofrätin , « setzte er , nicht ohne einen leisen Anflug von Spott , hinzu , » einen Versuch für Ihren Schützling zu wagen . Ich gebe Ihnen die Versicherung , daß ich Ihnen nicht nur nicht entgegen sein , sondern Ihr Vorhaben sogar möglichst unterstützen werde . « » O bitte , nicht ein Wort mehr ! « rief Felicitas in namenloser Qual , während sie sich aus den Armen der alten Dame loswand und die Hände derselben beschwörend erfaßte . » Seien Sie überzeugt , mein Herr , « wendete sie sich nach einer momentanen Pause ruhig und kühl , wenn auch mit zuckenden Lippen , an den Herrn von Hirschsprung , » daß es mir nie einfallen wird , mich auf ehemalige Rechte meiner Mutter zu stützen - sie hat sie hingeworfen um ihrer Liebe willen , und nach allem , was Sie soeben ausgesprochen , hat sie dabei nur gewonnen ... Ich bin in dem Glauben aufgewachsen , daß ich allein stehe in der Welt , und so sage ich mir auch jetzt : Ich habe keine Großeltern . « » Das klingt scharf und bitter ! « sagte er leicht verlegen . » Aber , « fügte er mit einem Achselzucken hinzu , » so wie die Verhältnisse nun einmal sind , bin ich genötigt , Sie in dieser Art der Auffassung verharren zu lassen ... Im übrigen will ich für Sie thun , was in meinen Kräften steht . Ich zweifle keinen Augenblick , daß es mir gelingen wird , von meinem Vater eine anständige lebenslängliche Rente für Sie zu erwirken . « » Ich danke ! « unterbrach sie ihn heftig . » Ich habe Ihnen eben erklärt , daß ich keine Großeltern habe ; wie können Sie denken , daß ich von Fremden Almosen annehmen werde ? « Er errötete abermals , allein jetzt war es das dunkle Rot der Beschämung , welche vielleicht zum erstenmal im Leben diese hocharistokratische Seele beschlich . In offenbarer Verlegenheit griff er nach seinem Hute - niemand hinderte ihn daran . Er berührte , sich gegen den Rechtsanwalt wendend , mit einigen fast geflüsterten Worten noch einmal das Geschäftliche ; dann bot er , wie von einem plötzlichen Impuls bewegt , Felicitas die Hand , allein das junge Mädchen verneigte sich tief und zeremoniell vor ihm und ließ ihre beiden Hände langsam an den Seiten niedersinken ... Das war eine herbe Sühne , die das Spielerskind dem stolzen Herrn von Hirschsprung gegenüber für sich verlangte ! Er wich bestürzt zurück , neigte sich mit einem Achselzucken und , für diesen Augenblick aller aristokratischen Hoheit bar , vor den übrigen und verließ , vom Rechtsanwalt begleitet , das Zimmer . Als die Thür hinter ihm in das Schloß fiel , schlug Felicitas mit einer heftigen Gebärde die Hände vor das Gesicht . » Fee ! « rief der Professor und breitete seine Arme weit aus . Sie sah empor und - flüchtete hinein . Die Arme um seinen Hals schlingend , drückte sie ihren Kopf fest an seine Brust ... Der junge , wilde Vogel ergab sich für alle Zeiten , er machte auch nicht den leisesten Versuch mehr , aufzufliegen ; es war süß , in starken Armen geborgen zu rasten , nachdem er im einsamen Fluge durch Sturm und Wetter sich fast zu Tode gekämpft und geflattert hatte . Bei diesem Anblick gab die Hofrätin ihrem vergnügt lächelnden Gemahl einen Wink , und beide gingen geräuschlos aus dem Zimmer . » Ich will , Johannes ! « rief das junge Mädchen und schlug die Wimpern auf , an denen noch die Thränen des kindlichen Schmerzes hingen . » Endlich ! « sagte er und legte seine Arme fester um die zarte Gestalt , sie war ja mit diesem Ausspruche sein eigen . Welch ein Gemisch von Glut und Zärtlichkeit brach aus den strengen , stahlgrauen Augen , die auf das glückselig lächelnde Mädchenantlitz niedersahen ! » Ich habe von Stunde zu Stunde auf dies erlösende Wort gewartet , « fuhr er fort ; » Gott sei Dank , es ist aus eigenem Antriebe gesprochen worden ! Ich wäre sonst heute abend noch gezwungen gewesen , es zu veranlassen ; ob es mir dann so süß geklungen hätte , wie eben jetzt , ich bezweifle es ! ... Böse Fee , mußten erst so bittere Erfahrungen über mich kommen , ehe du dich entschließen konntest , mich glücklich zu machen ? « » Nein ! « rief sie entschieden aus und wand sich los . » Nicht der Gedanke , daß Ihre äußere Lage sich geändert habe , hat mich besiegt ; in dem Augenblick , wo Sie mir konsequent und entschieden die Zurückgabe des Buches verweigerten , kam urplötzlich das Vertrauen - « » Und wenige Augenblicke darauf , als das Geheimnis mir offenbar wurde , « unterbrach er sie und zog sie abermals an sich , » da erkannte ich , daß du bei aller Schroffheit , bei allem Trotz und Stolz , doch die echte , beseligende Liebe des Weibes im Herzen trägst . Du wolltest lieber entsagen , ehe du das Leiden einer schmerzlichen Erfahrung über mich kommen ließest ... Wir haben beide eine harte Schule durchgemacht , und - täusche dich nicht , Fee , über die Aufgabe , die dir wird ! Ich habe meine Mutter verloren , mein Vertrauen auf die Menschheit hat einen starken Stoß erlitten und - auch das muß gesagt sein - ich besitze in diesem Augenblick fast nichts , als meine Wissenschaft ! « » O , ich Glückselige , daß ich neben Ihnen stehen darf ! « unterbrach sie ihn und legte die Hand leicht auf seinen Mund . » Ich darf freilich nicht hoffen , Ihnen das alles ersetzen zu können , aber was ein demütiges Weib irgend thun und ersinnen kann , um das Leben eines edlen Mannes zu erhellen , das soll gewiß geschehen ! « » Und wann wird dieser stolze Mund sich herablassen , mich du zu nennen ? « fragte er , auf sie herablächelnd . Ihr lilienweißes Gesicht errötete bis an die Haarwurzeln . » Johannes , bleibe nicht allzulange fern von mir ! « flüsterte sie bittend . » Ach , hast du im Ernst geglaubt , daß ich ohne dich gehen würde ? « rief er leise lachend . » Wenn es sich in diesem Augenblick nicht so schön fügte , so würdest du heute abend erfahren haben , daß du morgen früh um acht Uhr , in Begleitung unserer lieben Hofrätin , mit mir nach Bonn abreisest . Die liebe , alte Mama hat dir ein wenig Komödie vorgespielt , mein Kind ; droben im Staatszimmer stehen seit gestern die gepackten Koffer , und ich habe , unterstützt von ihrem Rat , selbst das Reisehütchen ausgesucht , das ich auf der trotzigen Stirne da sehen will ... Du bleibst vier Wochen als meine erklärte Braut im Hause der Frau von Berg , und dann - zieht eine kleine Frau neben das Studierzimmer des grimmigen Professors , der Falten auf der Stirne und bitterböse Blicke mit nach Hause bringt . « Herr von Hirschsprung legitimierte sich , respektive seinen noch lebenden Vater , als einzigen Erben , und das Vermächtnis der alten Mamsell wurde ihm ausgehändigt . Er erklärte die Ansprüche der Hirschsprungs an die Familie Hellwig bezüglich der unterschlagenen sechzigtausend Thaler für vollkommen getilgt , nachdem der Professor die dreißigtausend Thaler der Tante Cordula aus seinem eigenen Vermögen verdoppelt und somit das Kapital bis zu seiner vollen Höhe ergänzt hatte . Für das verbrannte Bachsche Opernmanuskript mußte Frau Hellwig bare tausend Thaler erlegen ; sie fügte sich knirschend , weil sie von