wohl auf den feinen Stahlstichen , aber sie hätte um alles nicht zu sagen gewußt , ob sie ein Porträt oder eine Landschaft ansehe . Nach halbstündigem Warten erschien endlich die hohe Gestalt ihres Bruders in der Glasthür . Sie ließ das Buch von ihrem Schoße heruntergleiten und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen . Er schien überrascht von dem Empfange , aber es berührte ihn offenbar sehr wohlthuend , die Schwester nach so langer Zeit wieder einmal allein und für seine Bequemlichkeit zärtlich besorgt zu sehen . Rasch eilte er zu ihr hin , allein ein zweiter Blick , den er auf ihr Gesicht warf , machte ihn stutzen . » Fühlst du dich kränker , Helene ? « fragte er besorgt , indem er sich neben sie setzte . Er schob seinen Arm unter ihren Rücken und hob sie sanft ein wenig höher , um besser in ihr Gesicht sehen zu können . Es lag so viel Bekümmernis und zärtliche Teilnahme in seinem Blicke und Tone , daß es ihr war , als zöge plötzlich eine milde Frühlingsluft durch ihr schmerzerstarrtes Innere . Zwei schwere Thränen rollten über ihre Wangen , und sie drückte ihr Gesicht fest an die Schulter ihres Bruders . » Hat Fels in diesen Tagen nicht nach dir gesehen ? « fragte er beklommen . Das Aussehen des jungen Mädchens versetzte ihn offenbar in heftige Sorge . » Nein - und ich habe auch ausdrücklich befohlen , daß man ihn nicht rufen solle . Ich nehme die Tropfen , die er mir für meine Nervenanfälle verschrieben hat ; mehr können er und ich nicht thun ... Aengstige dich nicht , Rudolf , es wird wohl auch einmal wieder besser mit mir ... du hast eine schwere Zeit in Thalleben durchmachen müssen ? « » Ja , « entgegnete er , während sein Auge noch immer ängstlich auf den merkwürdig veränderten Zügen der Schwester ruhte . » Ich fand den armen Hartwig nicht mehr am Leben ; ein Schlagfluß hatte seinen unaussprechlichen Qualen rasch ein Ende gemacht ... Gestern abend wurde er beigesetzt . Seine unglückliche Frau würdest du nicht wieder erkennen , Helene , sie ist über Nacht zur Matrone geworden . « Er teilte ihr noch näheres mit über den Unglücksfall , dann strich er mit der Hand über die Augen , als wolle er damit all den Jammer , den er in den letzten Tagen gesehen , wegwischen . » Nun , und finde ich hier alles beim alten wieder ? « frug er nach einem kurzen Schweigen . » Nicht ganz , « antwortete Helene zögernd , » Möhring hat gestern unser Haus verlassen . « » Ah - Glück auf die Reise ! ... Er ist einer letzten Begegnung mit mir geschickt ausgewichen ... Nun habe ich einen Feind mehr draußen in der Welt - es konnte nicht wohl anders sein , da er zu jenem unheimlichen Nachteulengeschlechte gehört , das ich verabscheue . « » Und auf dem Berge - bei den Ferbers - ist das Glück eingekehrt , « fuhr Helene mit gepreßter Stimme und abgewendetem Gesicht in ihrem Berichte fort . Der Fauteuil , auf welchem sie saß , erhielt plötzlich einen Ruck an der Seite , wo ihr Bruder seinen Arm aufgestützt hatte . Sie sah nicht auf , und deshalb bemerkte sie nicht , wie das Gesicht neben ihr für einen Augenblick mit einer fahlen Blässe überzogen wurde , und wie die bebenden Lippen zweimal vergebens sich mühten , um endlich das einzige Wörtchen » nun ? « hervorzubringen . Helene erzählte die Begebenheit in den Ruinen , während ihr Bruder aufatmend zuhörte . Mit jedem Worte weiter schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen ; er ahnte freilich nicht , daß jedes dieser Worte wie ein zweischneidiges Schwert in dem Herzen der Erzählerin wühlte und daß diese Mitteilung bereits der Anfang eines furchtbaren Opfers war , das sie bringen sollte . » Das ist in der That eine wunderliche Lösung alter Rätsel , « sagte er , nachdem Helene geendet hatte . » Ob aber die Familie es für ein Glück hält , dem Geschlechte der Gnadewitz anzugehören , bezweifle ich . « » Ah , du meinst , « unterbrach ihn Helene rasch , » weil das junge Mädchen einst sehr viel an dem Namen auszusetzen hatte ? ... Ich kann mir nicht helfen , aber ich denke bei dergleichen Dingen manchmal unwillkürlich an die Trauben , die dem Fuchse zu sauer sind . « Sie sprach die letzten Worte mit einer schneidenden Schärfe . So weit ging ihre leidenschaftliche Aufregung und Bitterkeit , daß sie ihre bessere Einsicht verleugnete und die Gesinnungen eines Wesens verdächtigte , das sie nie beleidigt , und welches sie früher bei unparteiischer Anschauung als eines der reinsten bezeichnet hatte . Ein Ausdruck des höchsten Erstaunens erschien in Herrn von Waldes Zügen . Er bog sich nieder und sah forschend in das gesenkte Gesicht der Schwester , als wollte er sich überzeugen , ob es wirklich ihr Mund gewesen sei , der diese herben Worte gesprochen hatte . In diesem Augenblicke sprang Hollfelds Jagdhund die Stufen herauf , machte einige täppische Sprünge durch das Zimmer und verschwand sofort wieder auf einen grellen Pfiff , der über den breiten Kiesplatz herüberscholl . Sein Herr ging drüben vorüber . Er schien nicht zu wissen , daß Herr von Walde zurückgekehrt war , sonst würde er doch gewiß gekommen sein , ihn zu begrüßen . Er schritt eilig vorwärts und bog in den Weg ein , der hinauf nach Gnadeck führte . Helenes Blicke folgten der Gestalt , bis sie verschwunden war , dann sank sie mit krampfhaft gefalteten Händen in den Stuhl zurück ; es sah aus , als versagten ihr momentan die Kräfte . Herr von Walde schenkte ein wenig Rotwein in ein Glas und hielt es an ihre Lippen . Sie sah dankbar auf und versuchte zu lächeln . » Ich bin noch nicht zu Ende mit meinem Berichte , « begann sie wieder und richtete sich auf aus ihrer halbliegenden Stellung . » Ich mache es , wie der Romandichter , der den Haupteffekt bis zuletzt aufhebt « ; es war nicht zu verkennen , daß sie während dieser Vorrede , die scherzhaft klingen sollte , nach Kraft und Festigkeit rang , um das , was sie sagen mußte , ruhig vorzubringen . Ihr Auge haftete angestrengt auf einem der gegenüberliegenden Bosketts , während sie fortfuhr : » Unserem Hause steht ein glückliches Ereignis bevor , Emil - wird sich verloben . « Sie hatte sicher erwartet , ihr Zuhörer werde sofort seine höchste Ueberraschung aussprechen , denn nach einem augenblicklichen Schweigen drehte sie sich erstaunt nach ihm um . Er hatte die Hand auf Stirn und Augen gepreßt , und der Teil des Gesichts , den sie nicht bedeckte , war aschbleich . Bei Helenes Bewegung jedoch ließ er die Hand sinken , erhob sich rasch und trat an das offene Fenster , um frische Luft einzuatmen . » Bist du unwohl , Rudolf ? « rief sie ängstlich hinüber . » Ein vorübergehender Schwindel , weiter nichts , « antwortete er und näherte sich ihr wieder . Seine Züge sahen entstellt aus . Er ging einigemal im Zimmer auf und ab und nahm dann seinen Platz wieder ein . » Ich habe dir gesagt , daß Emil sich verloben will , Rudolf , « begann Helene wieder , jedes Wort markierend . » Das hast du gesagt , « wiederholte er tonlos und mechanisch . » Du billigst diesen Schritt ? « » Der geht mich nichts an . Hollfeld ist sein eigener Herr ; er kann thun , was ihm beliebt . « » Ich glaube , er hat gewählt . Dürfte ich , so wollte ich dir den Namen des jungen Mädchens nennen . « » Ist nicht vonnöten ... Ich werde ihn früh genug hören , wenn er von der Kanzel herab verkündigt wird . « Sein Gesichtsausdruck war eisig , die Stimme klang rauh und abweisend , und aus den Wangen schien auch der letzte Blutstropfen entwichen zu sein . » Rudolf , ich bitte dich , sei nicht so entsetzlich schroff ! « bat Helene flehentlich . » Ich weiß ja , daß du die vielen Worte nicht liebst , und bin an deine lakonischen Antworten gewöhnt ; aber in diesem Augenblicke bist du geradezu abstoßend , und gerade jetzt , wo ich eine Bitte an dich richten möchte . « » Sprich nur ; soll ich vielleicht die Ehre haben , Brautführer des Herrn von Hollfeld zu sein ? « Helene zuckte zusammen vor dem schneidenden Hohne , mit welchem diese Worte gesprochen wurden . » Du bist dem armen Emil abgeneigt , und das macht sich heute wieder einmal recht geltend , « sagte sie vorwurfsvoll nach einer kleinen Pause , während welcher Herr von Walde aufgestanden war und mit raschen Schritten einigemal das Zimmer durchmessen hatte . » Ich bitte dich inständig , lieber Rudolf , höre mich ruhig an ; ich muß heute mit dir über die Angelegenheit sprechen ! « Er lehnte sich mit verschränkten Armen an einen Fensterpfeiler in der Nähe und sagte kurz : » Du siehst , ich bin bereit , zu hören . « » Das junge Mädchen , « hob sie stockend an , diesmal weniger infolge einer Gemütsbewegung , als weil sie der eiskalte Blick ihres Bruders einschüchterte , » das junge Mädchen , das Emil gewählt hat , ist arm . « » Sehr uneigennützig in der That ; weiter ! « » Emils Einkünfte sind nicht sehr bedeutend - « » Der arme Mann hat nur sechstausend Thaler Revenüen ; er muß notwendig dabei verhungern . « Sie schwieg , sichtlich betroffen . Ihr Bruder übertrieb nie ; die Summe , die er aufstellte , war sicher bis auf den Groschen richtig angegeben . » Nun , er mag schon reicher sein , als ich glaubte , « hob sie nach einer kurzen Pause wieder an ; » das kommt übrigens hier ganz und gar nicht in Betracht ... Ich habe die Erwählte sehr , sehr gern « - mit welcher Anstrengung sie sprach ! - » sie hat etwas gethan , wofür ihr mein schwesterliches Herz ewig dankbar sein wird . « Herrn von Waldes verschränkte Arme lösten sich ; er trommelte mit den Fingern der Linken so heftig gegen die Fensterscheibe , daß Helene meinte , das Glas müsse zerspringen . » Sie soll meine Schwester sein , « fuhr sie fort ; » ich will nicht , daß sie Emils Haus arm betrete , und möchte ihr sehr gern die Einkünfte von Neuborn zuweisen ... darf ich ? « » Das Gut gehört dir , du bist majorenn , ich habe hier durchaus nicht das Recht , zu verweigern oder zu erlauben . « » O ja , Rudolf , insofern , als du die nächsten Ansprüche an mich und mein Erbe hast ... Also bin ich deiner Zustimmung gewiß ? « » Vollkommen , wenn du denn durchaus der Ansicht bist , daß sie dazu gehöre - « » Dank , vielen Dank ! « unterbrach sie ihn und bot ihm die Hand ; aber er schien es nicht zu bemerken , obgleich sein Blick auf sie gerichtet war ... » Verdenkst du mir das ? « fragte sie nach einer Weile beklommen . » Ich verdenke es dir nie , wenn du den Wunsch hast , Menschen glücklich zu machen ; du wirst dich erinnern , daß ich dir stets bei dergleichen Gelegenheiten rückhaltlos die Hand geboten habe . Wohl aber mache ich dir den Vorwurf der Uebereilung ; du bist sehr schnell bereit , jenes junge Wesen ins Unglück zu stoßen . « Sie fuhr wie von einer Viper gestochen in die Höhe . » Das ist ein harter Ausspruch ! « rief sie heftig , » dein Vorurteil gegen den beklagenswerten Emil , Gott mag wissen , auf was es sich begründet , geht denn doch zu weit ... du kennst den armen Menschen viel zu wenig - « » Ich kenne ihn viel zu gut , als daß ich ihn noch näher kennen lernen möchte ... Er ist ein ehrloser Schmarotzer , ein erbärmlicher Bursche ohne allen Charakter , an dessen Seite ein Weib , selbst wenn es nur geringe Anforderungen an männliche Ehrenhaftigkeit stellt , elend werden muß ... wehe der Armen , wenn sie zur Erkenntnis kommt ! « ... Seine Stimme wankte im verhaltenen Schmerze . Helene hörte jedoch nur Groll und Ingrimm heraus . » Gott , wie ungerecht ! « rief sie , ihre weinenden Augen nach der Zimmerdecke richtend . » Rudolf , du versündigst dich schwer ... Was hat dir nur Emil gethan , daß du ihn so unversöhnlich verfolgst ? « » Muß man erst persönlich beleidigt werden , um zu wissen , was man von dem Charakter eines andern halten soll ? « frug er zürnend zurück , » Kind , du bist die Schwerbeleidigte , aber du bist verblendet ... Es wird eine Zeit kommen , wo du das , tief gedemütigt , erkennst . Wenn ich dir auch diesen Schmerzenskelch von den Lippen nehmen wollte , es würde zu nichts führen ; du wehrst dich verzweifelt und siehst in mir einen Barbaren , der dich in deinen heiligsten Gefühlen kränkt ... Du zwingst mich selbst , dich deinen Weg allein gehen zu lassen bis zu dem Augenblicke , wo du trostbedürftig an mein Herz zurückflüchten wirst ... Dir ist dann die Umkehr möglich ; was aber bleibt jener anderen übrig , die unauflöslich gebunden ist ? « Er ging in das Nebenzimmer und ließ die Thür hinter sich ins Schloß fallen . Helene saß eine Zeitlang wie betäubt ; dann erhob sie sich mühsam und verließ , sich an Wänden und Möbeln festhaltend , so schnell es ihr möglich war , den Salon . Eine unsägliche Bitterkeit , ja beinahe ein Gefühl von Haß erfüllte sie gegen den Bruder , der heute zum erstenmal das , was jede Faser ihres Herzens liebend umschloß , so rücksichtslos und rauh antastete . Ihr Herz brach fast vor Leid , indem sie sich alle vermeintliche Aufopferung des Geliebten lebendig zurückrief ; ja , es war ihr , als habe sie sich ihm gegenüber schon dadurch der größten Sünde schuldig gemacht , daß jene abscheulichen Schmähungen ihr Ohr berührt hatten . Er sollte nie , niemals erfahren , zu welchen Beschuldigungen ihr Bruder sich hatte hinreißen lassen . Keines , auch nicht das größte Opfer sollte ihr jetzt zu schwer werden , um das Unrecht zu sühnen , das er , wenn auch unbewußt , erdulden mußte . Freilich nun , nachdem ihr Bruder so unumwunden seine schlimme Meinung über Hollfeld ausgesprochen hatte , durfte sie nicht mehr leiden , daß letzterer die Gastfreundschaft in Lindhof genieße . Sie wollte - natürlich ohne Angabe der Gründe - ihn selbst veranlassen , nach Odenberg zurückzukehren ; vorher aber sollte er sein Verhältnis zu Elisabeth feststellen . Mit diesen Gedanken betrat sie das Eßzimmer , und als Hollfeld sich kurze Zeit darauf auch einfand , empfing sie ihn mit einem ruhig freundlichen Lächeln und verkündete ihm , daß ihr Bruder , ohne den Namen der Erwählten erfahren zu haben , ihren Entschluß bezüglich der Mitgabe für die Braut billige . Sie verlangte nun aber auch , Elisabeth heute bei sich sehen zu dürfen , und Hollfeld , sehr erfreut über die ruhige Art und Weise , mit welcher sie sprach , ging darauf ein . Nachmittags um vier Uhr sollte die Zusammenkunft im Pavillon stattfinden . Hollfeld verließ sofort das Zimmer , um einem Bedienten in Helenes Namen den Auftrag zu geben . Wie würde die junge Dame erstaunt gewesen sein , hätte sie hören können , daß dem Diener ganz ausdrücklich die Weisung gegeben wurde , Fräulein Ferber auf drei Uhr einzuladen , während der Haushofmeister den Befehl erhielt , bis zu der genannten Stunde alles Erforderliche im Pavillon zu arrangieren , ja nicht später ! 19 Als der Diener aus Lindhof am Mauerpförtchen läutete , saß Elisabeth in der großen Halle . Sie wand aus Immergrün und Epheu eine lange Guirlande , während Miß Mertens , ihr zur Seite sitzend , einen halbfertigen bunten Asternkranz in den Händen hielt . Das Grab auf dem Lindhofer Gottesacker war vollendet . Heute nachmittag , zwischen fünf und sechs Uhr , sollte der Zinnsarg mit den sterblichen Ueberresten der schönen Lila der Erde feierlich übergeben werden . Hätten Josts gefürchtete Augen neben den Kranzwinderinnen auftauchen können , sie würden gewiß mild und versöhnt geruht haben auf seinem lieblichen Urenkelkinde , welches die frisch vom Waldboden abgeschnittenen grünen Ranken als letzten Schmuck auf den Totenschrein legen wollte . Nach Rücksprache mit der Mutter nahm Elisabeth die Einladung an , um so mehr , da sie nur » auf ein Plauderstündchen « lautete . Bald nachdem der Diener sich entfernt hatte ; kam auch Reinhard . Er sah sehr ernst aus und erzählte auf Miß Mertens ' Befragen , daß sein Herr in einer nicht zu beschreibenden Gemütsstimmung aus Thalleben zurückgekehrt sei . » Die Eindrücke im Trauerhause müssen schrecklicher Art gewesen sein , « bemerkte er , » denn ich erkenne Herrn von Walde nicht wieder . Ich hatte ihm notwendig verschiedene Meldungen zu machen , allein im Laufe meines Vortrags merkte ich wohl , daß ich umsonst sprach ... Er saß vor mir wie gebrochen , wie völlig verloren in qualvolle Gedanken . Merkwürdigerweise fuhr er heftig auf , als ich ihm zum Schlusse die Entdeckung hier oben in den Ruinen mitteilen wollte ; ich habe die Sache bereits zur Genüge gehört , unterbrach er mich zornig und ungeduldig , bitte , lassen Sie mich allein ! « Es entging Miß Mertens nicht , daß Reinhard sich verletzt fühlte durch die Art und Weise , wie sein Gebieter ihn angelassen hatte . » Lieber Freund , « sagte sie beschwichtigend , » in einem Augenblicke , wo ein großer Seelenschmerz uns beherrscht , berührt uns die Außenwelt entweder gar nicht oder sie wird uns peinlich ; wir fühlen uns abgestoßen dadurch , daß in ihr sich alles nach wie vor unbeirrt abwickelt , während unsere innere Welt schwankt und aus dem Geleise getrieben ist . Herr von Walde mag den Verunglückten wohl sehr geliebt haben ... Aber mein Gott , Elisabeth , was thun Sie denn ? « unterbrach sie sich selbst . » Meinen Sie wirklich , daß das hübsch aussieht ? « Sie deutete auf die Guirlande . Elisabeth hatte nämlich , während Reinhard sprach , mit zitternden Händen einige dickköpfige Dahlien ergriffen und dieselben dem schlanken , bis dahin einförmig grünen Gewinde einverleibt . Es war in der That ein arger Mißgriff , auf den sie selbst mit erstaunten Augen und hochgeröteten Wangen niedersah . Die armen Dinger wurden sofort wieder von dem weichen , grünen Pfühle entfernt , an den sie sich behaglich geschmiegt hatten , und mit einer Strenge behandelt , als hätten sie sich eigenmächtig vorgedrängt . Es hatte schon längst auf dem Lindhofer Kirchturme drei geschlagen , als Elisabeth den Berg hinabeilte . Der Onkel hatte sie im Gespräche festgehalten ; er war unwirsch darüber , daß sie der Einladung folgen wollte . » Denn , « meinte er , und zwar nicht mit Unrecht , » das arme Wesen , welches heute eingesenkt werden soll , verdiene es schon , daß man wenigstens einen Tag seinem Andenken allein weihe . « Er hatte freilich keine Ahnung von dem , was in dem Herzen des jungen Mädchens vorging . Er wußte nicht , daß sein kleiner Liebling in den letzten Tagen sehnsüchtig Stunde auf Stunde gezählt hatte , deren jede den Augenblick ja näher rücken mußte , da es heißen würde : » Er ist wieder da ! « und mußte es erleben , daß sein sonst so gehorsames Herzblatt unter seinen Händen wegschlüpfte und wie ein Sturmwind durch das Mauerpförtchen flog . Ihre Füße berührten kaum die Erde . Sie hoffte , durch rasches Laufen den Zeitverlust einigermaßen zu ersetzen , aber beinahe hätte sie Thränen der Ungeduld vergossen , als zum Ueberflusse auch noch ihr leichtes Kleid an einer wilden Rosenhecke hängen blieb und mit sehr vorsichtiger Hand und vieler Langmut losgemacht werden mußte . Fast atemlos erreichte sie den Pavillon . Beide Flügel der Thür standen offen , der Salon war noch leer . Auf dem Tische war eine Auswahl von Erfrischungen , und die eine Ecke im Sofa für Helene bequem hergerichtet . Mit erleichtertem Herzen trat Elisabeth ein und lehnte sich an eines der hinteren Fenster , vor welchem sich die dichte Buschwand hinzog , als sie ein leises Geräusch hinter sich hörte ... Hollfeld hatte hinter einem der vorstehenden Thürflügel gestanden und näherte sich ihr . Sie wollte sofort den Salon wieder verlassen , ohne den Verhaßten eines Blickes zu würdigen ; er trat ihr jedoch in den Weg , wenn auch durchaus nicht in unbescheidener Weise , es lag vielmehr etwas Unterwürfiges und Ehrerbietiges in seiner Haltung , und versicherte , die Damen würden gleich erscheinen . Elisabeth sah erstaunt auf , da war auch nicht der leiseste Rest jenes frechen Tons in seiner Stimme zu bemerken , der ihr neulich jeden Blutstropfen empört hatte . » Ich gebe Ihnen mein Wort , daß Fräulein von Walde jeden Augenblick kommen muß ! « beteuerte er , als sie abermals den Versuch machte , in die Thür zu treten . » Ist Ihnen denn meine Gegenwart hier gar so schrecklich ? « fügte er leiser mit einem Anfluge von Trauer hinzu . » Allerdings , « entgegnete Elisabeth kalt und rückhaltlos , » wenn Sie sich Ihres neulichen Benehmens gegen mich erinnern , so werden Sie wissen , daß es mir unerträglich sein muß , auch nur einen Augenblick mit Ihnen allein zu sein . « » Wie hart und unversöhnlich klingt das ! ... Soll ich den kleinen , unbedachten Scherz wirklich so grausam büßen ? « » Ich rate Ihnen , künftig vorsichtiger zu sein in der Wahl der Leute , mit denen Sie scherzen wollen . « » Mein Gott , ich sehe ja ein , daß es ein Mißgriff war , ich schäme mich dieser Uebereilung ... wie hätte ich aber auch ahnen können - « » Daß man mir Achtung schuldig sei ! ? « unterbrach ihn Elisabeth mit flammenden Augen . » Nein , nein ... das habe ich gar nicht bezweifelt . Gott , wie Sie heftig werden können ! Aber ich konnte doch wahrhaftig nicht wissen , daß Ihnen das Recht zusteht , weit , weit mehr zu beanspruchen . « Elisabeth sah ihn fragend an ; sie verstand ihn offenbar nicht . » Kann ich mehr thun , als Sie kniefällig um Verzeihung zu bitten ? « fuhr er fort . » Die soll Ihnen werden unter der Bedingung , daß Sie mich sofort allein lassen . « » Hartnäckiger Trotzkopf , der Sie sind ! ... Ich wäre ein Thor , wenn ich den kostbaren Augenblick vorübergehen lassen wollte ... Elisabeth , ich habe Ihnen bereits gesagt , daß ich Sie glühend liebe , liebe bis zum Sterben ! « » Und ich bin mir bewußt , Ihnen sehr deutlich erklärt zu haben , daß mir dies sehr gleichgültig ist . « Sie fing an zu zittern ; nichtsdestoweniger blieb ihr Blick fest und ruhig . » Elisabeth , treiben Sie mich nicht zum äußersten ! « rief er aufgeregt . » Vor allem muß ich Sie ersuchen , die einfachste Höflichkeitsform festzuhalten , die uns gebietet , Fremde nicht mit dem Eigennamen anzureden . « » Sie sind ein Satan von Kälte und Bosheit ! « rief er bebend vor Zorn . » Nun , ich gebe zu , daß Sie einen Schein von Berechtigung haben , mich zu quälen , « fügte er , sich mühsam bezwingend hinzu , » ich habe mich gegen Sie vergangen , aber ich will ja alles wieder gutmachen ... Hören Sie mich nur einen Augenblick ruhig an , und Sie werden mir Ihre Härte sicher abbitten ... Ich biete Ihnen hiermit meine Hand . Sie werden wissen , daß ich im stande bin , meiner künftigen Frau , was Rang und Vermögen betrifft , eine glänzende Existenz zu bereiten . « Mit einem triumphierenden Lächeln sah er auf sie nieder . Es war ja so natürlich , daß seine schöne Widersacherin diese beglückende Wendung nicht vermutet hatte , sie mußte wohl starr sein vor freudiger Ueberraschung , aber das geschah unerhörterweise nicht , Elisabeth richtete sich vielmehr stolz auf und trat einen Schritt zurück . » Ich bedauere , Herr von Hollfeld , « sagte sie mit ruhiger Würde , » Sie hätten sich selbst einen unangenehmen Moment ersparen können . Nach allem , was ich Ihnen bis jetzt gesagt habe , fasse ich kaum , daß Sie noch ein solches Wort aussprechen mögen ... Da Sie mich denn durchaus zwingen , so erkläre ich Ihnen hiermit , daß unsere Wege weit auseinandergehen - « » Wie ! « » Und daß ich mich nie entschließen könnte , an Ihrer Seite zu leben . « Er starrte sie einen Moment an , wie geistesabwesend , oder wie gänzlich unfähig , ihre Worte aufzufassen . Seine Gesichtsfarbe wurde grünlich , und seine weißen Zähne gruben sich in die Unterlippe . » Und Sie treiben wirklich die Komödie so weit , mir eine solche Antwort zu geben ? « frug er endlich mit ungewisser , fast heiserer Stimme . Elisabeth lächelte verächtlich und wandte sich ab . Diese Bewegung brachte ihn fast zur Wut . » Die Gründe , die Gründe will ich wissen ! « stammelte er und trat abermals zwischen Elisabeth und die Thür , nach der sie zustrebte . Er haschte mit der Hand nach ihrem Kleide , um sie festzuhalten . Sie erschrak vor dieser Bewegung und wich einige Schritt tiefer ins Zimmer zurück . » Lassen Sie mich ! « rief sie mit fliegendem Atem ; die Angst erstickte ihr fast die Stimme , trotzdem raffte sie ihren ganzen Mut noch einmal zusammen und hob den Kopf stolz und gebieterisch . » Wenn denn nicht ein Funken von Ehre in Ihnen ist , an den ich appellieren kann , so sehe ich mich gezwungen , auch meine Waffen zu gebrauchen , indem ich Ihnen sage , daß ich Sie tief , tief verachte , daß ich Ihren Anblick hasse ; nicht das Zischen einer Schlange könnte mir mehr Abscheu und Schrecken einflößen , als Ihre Worte , mit denen Sie meine Zuneigung zu erringen hoffen ... Niemals hat auch nur die leiseste Regung in mir zu Ihren Gunsten gesprochen ; aber selbst , wenn es der Fall gewesen wäre , sie hätte sofort erstickt werden müssen durch Ihr verachtungswürdiges Betragen gegen mich ... Lassen Sie mich jetzt ruhig gehen und - « Er ließ sie den Satz nicht vollenden . » Das werde ich wohl bleiben lassen , « knirschte er wütend . Sein vorher so bleiches Gesicht glühte , die Augen rollten , er war außer sich vor Leidenschaft und stürzte auf sie zu wie ein Raubtier . Sie floh zu dem Fenster , weil sie die Thür nicht zu erreichen vermochte , und versuchte , den Flügel aufzureißen , um über die sehr niedrige Brüstung hinauszuspringen , aber wie angefesselt vor Schrecken haftete plötzlich ihr Fuß am Boden . Draußen aus dem Buschwerke , dicht an den Scheiben , starrte ein schreckliches Gesicht . Die todbleichen Züge verzerrten sich in einem höhnischen Grinsen , und aus dem Auge , das sich stier in das Gesicht des jungen Mädchens bohrte , glühte der Wahnsinn ... Elisabeth erkannte mit Mühe die stumme Bertha ; sie schüttelte sich vor Entsetzen und wich zurück . Hollfelds Arme fingen sie auf und umklammerten sie mit eiserner Gewalt ; blind vor Aufregung , bemerkte er die Erscheinung vor dem Fenster nicht . Elisabeth drückte die eiskalten Hände auf ihre Augen , um das entsetzliche Gesicht draußen nicht zu sehen ; sie fühlte den heißen Atem ihres Peinigers über ihre Finger hinstreifen , sein Haar berührte ihre Wange , sie schauderte , aber alle physischen Kräfte versagten ihr buchstäblich ; das zwiefache Entsetzen hatte sie momentan gelähmt , nicht einmal ein Laut entrang sich ihrer Kehle ... Bei Hollfelds Anblick erhob Bertha drohend die festgeballten Hände und richtete sie gegen die Scheiben , um das Glas zu zerschmettern ; doch plötzlich wandte sie den Kopf seitwärts , als lausche sie auf ein Geräusch ; sie ließ die Hände sinken , stieß ein grelles Lachen aus und entfloh in das Gebüsch . Das alles war das Werk weniger Augenblicke gewesen . Infolge des häßlichen Geschreies sah Hollfeld erschreckt auf . Einen Moment versuchte sein Auge , in das Gebüsch zu dringen , wo Bertha verschwunden war , aber gleich darauf kehrte es wieder zurück auf die Gestalt , die er in seinen Armen hielt , und die er nur um so fester an seine Brust drückte . Seine ängstliche Vorsicht , sein heuchlerisches Bestreben , seine niedrigen Neigungen vor dem Auge der Welt zu verbergen , waren in diesem Augenblicke völlig von ihm gewichen . Er dachte nicht daran , daß die Zeit da war , wo Helene kommen sollte ; durch die weit offene Thür konnten jeden Moment der Gärtner oder einer von der Dienerschaft hereinsehen , er lag völlig im Banne seiner Leidenschaft und bemerkte deshalb nicht , daß Fräulein von Walde in der That am Arme ihres Bruders auf der Thürschwelle stand ; hinter ihnen erschien die Baronin mit langem Halse und einem nicht zu verkennenden Ausdrucke heftigen Unwillens . » Emil ! « rief sie mit zornbebender Stimme . Er fuhr empor