und es war Zeit , daß diese keusche Erhabenheit zu uns herniederstieg ! Man könnte den Seladon beneiden , wenn seine strahlende Freude nicht auf die bisherige Armuth seines Lebens schließen ließe . Man könnte ihn beneiden , diesen armen Burschen ! Und beneidenswerth kam Herbert sich auch vor , als er in der Stille der Nacht an seinem Fenster stand ! - Er glaubte sie noch zu fühlen , die schlanke , volle Gestalt , die er in seinen Armen , an seiner Brust gehalten hatte . Sein Herz klopfte , sein Sinn war aufgeregt , aber hell und klar . Er erinnerte sich jeder ihrer Mienen , jedes ihrer Worte , er fühlte sich von frischem Leben durchdrungen , wie über sich und seine ganze Vergangenheit erhoben . Er hätte es laut ausrufen mögen , wie voll Freude und voll Wonne er sei . Das große , hohe Zimmer war ihm zu eng , er konnte nicht auf einem Flecke , nicht ruhig bleiben . Er mußte in das Freie , auf die Terrasse hinaus . Mit schneller Hand öffnete er die Flügelthüren , die frische Luft strömte ihm voll entgegen , es war hell wie am Tage . Der Mond stand hoch am Himmel , Wölkchen , so klar , daß sie kaum die funkelnden Sterne verdeckten , zogen langsam schwebend vorüber . Der Sang der Nachtigallen lockte in weichen , herzlösenden Tönen aus den vollbegrünten Büschen . Herbert war es , als sei das Alles nur um seinetwillen da . Mit dem stolzen , frohen Empfinden , das der Besitz verleiht , ging er auf der Terrasse umher . Es schlief Alles im Schlosse , Niemand theilte mit ihm die Wonne dieser Stunde , dieser Nacht , sie war ganz sein . So allein , so einsam hatte er vor wenig Jahren die Nächte durchlebt , wenn es ihn nicht ruhen lassen , am leise rauschenden Meeresstrande zu Neapel und zu Bajä ; so einsam war es gewesen auf den steinernen Sitzen des Colosseums zu Rom , und doch , es war ihm jetzt noch anders zu Sinne , als damals . Denn wie sich in der Stunde des Schmerzes alles Leid vergangener Jahre unabweislich an uns herandrängt , so nahen sich uns in dem Augenblicke , der uns günstig ist , wie von magnetischer Kraft herbeigelockt , die schönsten Erinnerungen unseres Lebens , daß wir unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart als Eines , als ein großes , ganzes Glück empfinden ; und wer solche von guten Geistern umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat , der geht arm aus der Welt und aus dem Leben ! An seinen Vater dachte Herbert , und wie der ihn eingeführt in das erhabene und doch so offenbare Reich der Schönheit und der Kunst ; seine Mutter hatte er neben sich und sie erzählte ihm , dem einzigen Kinde , wie da oben hinter den weißgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen Himmelslichte sich wiegten und den guten Kindern rosige Träume herabträufelten mit dem Thaue der Nacht . Und die Lieder seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne lösten sich auf und gestalteten sich neu , bis sie in jenen wunderbaren Melodien verklangen , in welchen die Gondoliere auf den Canälen von Venedig die Stanzen ihres Tasso singen . Und dann wieder umstrickte ihn die Stille der Nacht so sanft , daß kein Gedanke Form und Gestalt annehmen konnte und er nichts empfand , als ein liebevolles Glück , als die Wonne , zu leben und zu athmen inmitten der Natur . Vor einem der Gartentische blieb er stehen . Sein Auge heftete sich an das Federball-Spiel , welches auf demselben liegen geblieben war . Er nahm das Racket in die Hand , dessen Angelika sich bedient hatte . Der rothe Sammetreif umspannte das Netz von goldenen Schnüren , der Thau hatte es mit seinen Perlen übergossen . Das war der Zauberstab , der ihm den heutigen Abend , der ihm diese selige Stunde heraufbeschworen . Der gefiederte Ball lag noch darauf , er warf ihn fast absichtslos ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf . So war es ihm heute überhaupt gegangen , so war ihm das wundervolle Abenteuer , das süße Erlebniß fast ohne sein Zuthun von der Stunde Gunst beschieden worden , und es dünkte ihm darum noch lieblicher und zauberischer . Aber sie irrten beide , der Marquis und dessen Schwester ; Herbert war kein solcher Neuling im Leben und er liebte die Baronin nicht . Es war kein Liebesrausch , keine Verblendung durch ein eitles Hoffen gewesen , die ihn an dem Abende so gesprächig und so witzig gemacht , wie der Marquis die Erregtheit des Baumeisters bezeichnet hatte . Es war ein zärtliches Mitleid , eine großmüthige Sorge , die er für Angelika in seinem Herzen trug , und leise , aber doch erkennbar genoß er die Genugthuung , den Stolz dieser vornehmen Frau , der ihn manchmal beleidigt und verletzt hatte , so hingeschmolzen , und sie trostsuchend an seiner Brust gesehen zu haben . Er erinnerte sich des Augenblickes , da er mit freier Seele vor sie hingetreten war und sie ihm das Bewußtsein aufgedrängt hatte , daß er ihr mißfalle . Jetzt , deß war er sicher , dachte sie anders über ihn ; aber wenn er sich auch fragte , was Angelika bestimmen mögen , einen Mann , den sie nicht geringschätzen konnte , alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu behandeln , so war er sich seines Werthes doch zu sehr bewußt und zu sehr gerührt von den Thränen der schönen Frau , als daß sich in sein befriedigtes Selbstgefühl und in seine Theilnahme für die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt hätte . Er wollte versuchen , ihr näher zu treten , ihr Vertrauen zu gewinnen . Er stellte sich vor , daß sie gegen ihren Willen des weit älteren Mannes Frau geworden sei , daß man sie gezwungen habe , einer früheren Liebe zu entsagen . So wie mit ihm , mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch die duftende Dämmerung des Frühlings gewandelt sein , so mochte sie mit einem Geliebten von milder Höhe hinabgesehen haben in ein stilles Thal , und nun hatte Herbert ihr die Erinnerung an verlorenes Glück , an dauerndes Entbehren wach gerufen . Sie hatte dem Entfernten , dem Vermißten nachgeweint , Thränen der Erinnerung waren es sicherlich gewesen , welche sie an seiner Brust vergossen hatte ; und wie er sich mehr und mehr in diese Vorstellung versenkte , so standen auch jene Frauen vor ihm , denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens Neigung und Liebe und Leidenschaft entgegengebracht hatte . Die schöne Empfindung jener wechselnden Stunden erwärmte und durchglühte ihn , und er liebte seine Erinnerungen und die Frauen und das Lieben , und wenn er sich seiner fröhlichen Vergangenheit und seines Glückes freute , so dachte er dazwischen doch immer wieder der Baronin , die solchen Glückes Fülle sicher nicht gekannt hatte , und der Vorsatz , ihr beizustehen , ihr nahe zu bleiben , entzückte ihn , weil die Liebe ihn so entzückte . Der Tag kam herauf , als er endlich in sein Zimmer zurückkehrte , um sich zur Ruhe zu legen ; aber er konnte nicht mehr schlafen , und hätte er es vermocht , es wäre ihm nicht viel Zeit dafür vergönnt gewesen . Er mußte früh hinaus , da er mit dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte , der noch innerhalb der Herrschaft , aber doch mehr als zwei Meilen von Richten entfernt lag und dessen Material man für den Bau zu verwenden gedachte . Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof , an den die große und lange Allee von Lerchen-und Ebereschen-Bäumen sich anschloß . Die thaufrischen Blätter und Spitzen der Zweige nickten , von dem leisesten Lufthauche bewegt , und sprühten ihre Thautröpfchen auf den Reiter herab . Zu beiden Seiten wogte das dichte , kurze Grün der lang sich hinstreckenden Hafer- und Gerstenfelder , daß es wie ein wallendes , glänzendes Wasser anzusehen war , wenn die Sonne sich in dem Thaue bespiegelte . Aus dem Walde von Aehren schossen die Lerchen empor und schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel auf , die kleinen Kehlen in schmetterndem Gesange bewegend . An dem Rande der Gräben , an den Rainen blühte die Kornblume , nickte der rothe Mohn , und über die Dornhecken und die blühende wilde Rose schlang die Winde , sich weithin spannend , ihre Ranken . Wohin man blickte , war Alles voll Leben , voll Bewegung , voll Klang und Sang . Die Biene , der Käfer , der Schmetterling und der Vogel , jeder that sich was zu Gute in dem warmen Sonnenscheine , und selbst die Hunde vor den Häusern sprangen heraus , kläfften und bellten , liefen dem Pferde nach , liefen ihm voraus und wendeten wieder um , und man konnte es den klugen Thieren wohl anmerken , daß sie das Pferd und den Reiter nicht anzuhalten dachten , sondern nur ihr Spiel haben wollten . Nach der sanften Feier des letzten Abends , nach der magischen Stille der Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens dem jungen Manne ein doppeltes Vergnügen , und mit seinen strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend , ließ er das Pferd weit ausgreifen und athmete mit tiefem Behagen den Luftstrom ein , der ihm entgegenkam . Da , wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser stand , der nach Rothenfeld wies , blickte Herbert nach dem Schlosse zurück . Die grünen Fensterladen waren noch überall geschlossen . Der Baron und Angelika , der Marquis und die Herzogin , Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe , und sammt und sonders thaten sie ihm leid . Es war ihm so wohl , er hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mögen , und selbst Angelika ' s leise Mahnung : » Da oben bauen wir keine Capelle ! « machte ihm keine Sorge . War es keine Capelle , so konnte man irgend einen Tempel , einen Freundschafts-Tempel da oben errichten , und zu einem solchen Angelika ' s Zustimmung zu gewinnen , hoffte er zuversichtlich , weil er ihre Freundschaft zu erwerben trachtete . Wohlgemuth ritt er durch das Thor des Amtshofes ein . Er war ein gern gesehener Gast auf demselben und es behagte ihm dort immer , wenn er von dem Schlosse kam . Denn wie das Stattliche und Schöne ihn erfreute , das Vornehme im Leben und in der Kunst ihm einen großen Eindruck machten , so hatte er daneben doch eine angeborene Freude an dem Nützlichen und Nothwendigen , und nach der breiten Terrasse des Schlosses , nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern desselben , nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen ihm der Wirthschaftshof mit seinem Röhrbrunnen , an welchem die große Heerde getränkt ward , das schwerfällige , alte Haus mit der niedrigen Thüre und der breiten Rampe , über der sich die Aeste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in einander verschlungen hatten , immer ganz besonders wohl . Man sah es den dicken Mauern auch an , daß das Haus im Winter warm , im Sommer kühl sein müsse . Gleich vor der Thüre luden die breiten Bänke und der große steinerne Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein , und die Blumenstöcke , welche auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne genossen , die Rabatten des kleinen Gartens , aus deren fetter , brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die glänzenden , vielblätterigen Nelken hervorhoben , waren so wohlgepflegt , der gefleckte Jagdhund auf der Schwelle , der aufsprang , als der Reiter in den Hof ritt , und die gelbe Katze , welche nur blinzelnd die schläfrigen Augen öffnete und den dicken Kopf dann langsam niedersenkte , um die sonnenerwärmte Stelle wieder einzunehmen , waren so rund und so blank , daß man es merkte , hier leide Niemand Mangel . Auch dem Hausherrn , dem jungen Amtmanne , konnte man das ansehen . Er war fast gleichen Alters mit dem Baumeister und auf dem Gute geboren und erzogen . Schon sein Urgroßvater hatte die Arten ' schen Güter bewirthschaftet und von Vater auf Sohn hatte sich das Amt , und mit ihm die Liebe für den Grund und Boden und die Anhänglichkeit an die Herrschaft vererbt . Die Steinert ' s waren hier zu Hause und angesehen , beinahe wie die Herren von Arten selbst . In der ganzen Umgegend hatten sie Verwandte , überallhin waren sie durch die Heirathen ihrer Töchter und Söhne mit den Amtleuten , den Gutsbesitzern , den Pfarrern und Förstern verschwägert , und wer im Lande Rath und That bedurfte , der ging zum Amtmanne nach Rothenfeld , denn die Steinert ' s waren Landwirthe , wie es wenige gab , und der jetzige Amtmann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen , daß er einmal sehen möchte , was aus dem Herrn werden würde , wenn man im Amtshause nicht das Auge auf Alles hätte und gelegentlich die Hand auf Manches legte , was nicht angetastet werden dürfte , ohne daß dem ersten Capitalangriffe der zweite nachfolgen müsse . Ein treuer Diener muß auch widersetzlich sein , wo ' s Noth thut ! hatte der Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt , und sie lag so zu sagen den Steinert ' s im Blute , diese treue , ehrliche Widersetzlichkeit . Man brauchte die Männer nur anzusehen . Sie waren ein großes , starkes , vollblütiges Geschlecht , die Männer wie die Frauen , und der junge Amtmann und seine Schwester machten keine Ausnahme davon , wie er denn auch Adam hieß gleich seinem Vater und Großvater und gleich denen , die vorhergegangen waren . Weil aber Adam der einzige Sohn gewesen und erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen in das Haus geboren worden war , so hatte der Vater gemeint , wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe , so müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen , und Adam und Eva waren auch die einzigen Kinder geblieben , waren mit einander groß geworden , hatten von Vater und Mutter den tüchtigen Sinn geerbt , die Arbeit und die Wirthschaft erlernt und befanden sich so wohl mit einander , daß noch keiner von ihnen an das Heirathen gedacht hatte , obschon der Amtmann dreiunddreißig Jahre alt war und die Eva auch schon in den ersten Zwanzigen stand . Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester . Beide waren sie groß , beide stark von Bau und von frischer Farbe mit hellen , blauen Augen . Des Amtmanns Krauskopf war eben so blond wie das dicke , gewellte Haar , welches Eva ' s Schläfen umgab , und beide sahen jung und lachend wie der Morgen aus , als sie bei Herbert ' s Ankunft vor die Thüre und auf die Rampe hinaustraten . Die grüne , breitschooßige Pekesche mit den blanken Knöpfen , die gelbe Lederhose und die faltigen Reitstiefel saßen dem Amtmanne wie aufgegossen . Man sah , daß er etwas auf sich hielt , daß er etwas auf sich wenden konnte , und obschon er sein Haar nicht mehr puderte , weil es damit , wie auch Herbert der Baronin bedeutet hatte , in Wind und Wetter nichts war , so hatte er es doch noch mit einem schönen Bande in breitem Haarbeutel zusammengebunden , grade wie der Herr Baron , und der kleine dreieckige Hut saß ihm keck auf dem Kopfe und warf seinen Schatten über seine starke , feste Stirne . Willkommen , werthester Herr Baumeister ! rief er dem Reiter entgegen , als dieser vor der Thüre hielt . Sie sind ein Mann von Wort ! Er zog die Uhr mit der schön gefleckten Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin . Halb sieben Uhr auf den Punkt . Damit trat er an das Pferd heran , und er und Herbert schüttelten einander die Hände . Man ist ja in dem Wetter froh , versetzte dieser , wenn man herauskommt , und den Mann möchte ich sehen , den ' s schlafen ließe , wenn er weiß , daß Mamsell Eva die Langschläfer nicht leiden mag ! - Er nahm den Hut grüßend vom Kopfe ; Eva nickte ihm freundlich zu und meinte , sie könne gar Vieles nicht leiden , zum Beispiel das Warten nicht . Haben Sie denn auf mich gewartet ? fragte er . Gott bewahre , Mosje Herbert , dazu habe ich Morgens keine Zeit ; aber ich warte jetzt auf Sie ! Auf mich - wie das ? Mit dem Frühstücke ! entgegnete sie . Herbert meinte , es solle gleich fortgehen , indeß der Amtmann und Eva wollten davon nichts hören . Sie werden doch nicht der Erste sein wollen , Herr Architekt , meinte der Amtmann , der um die Frühstücksstunde hier ohne Imbiß fortgeht ? Und Eva sagte : Sie können immer einmal die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade allein einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken . Wenn man gute Gesellschaft am Morgen hat , giebt ' s immer einen guten Tag ; denn daran glaube ich ganz fest , Gutes und Böses kommen nie allein ! Schönen Dank , Mamsell , daß Sie mich für etwas Gutes halten ! rief Herbert , während er vom Pferde stieg ; der Amtmann hatte einen Knecht herbeigewinkt , der ihm das Pferd abnahm , und die beiden Männer folgten Eva in den Hausflur , in welchem auf dem großen Eichentische Brod und geräuchertes Fleisch aufgetragen waren , neben denen der zinnerne Bierkrug und die feine Flasche mit Kirschbranntwein nicht fehlten . Den Hausflur hatte Herbert gar so gern . Die großen , altersgeschwärzten Eichenschränke , welche auf ihren massiven Kugelfüßen die beiden Seitenwände des Flures einnahmen , der schwere Tisch in der Mitte , die alte , große Hausuhr , welche einen Monat ging und die seit mehr als fünfzig Jahren auf dieser Stelle stand , ohne je einer Reparatur bedurft zu haben , die handfesten Stühle und die dreifachen Reihen von Erntekronen und Erntekränzen , die an den Wänden hingen und deren Bänder zum größten Theile schon ganz verblichen waren , das Alles zeugte von Dauerhaftigkeit ; und dazu warf das Sonnenlicht , welches durch die Blätter der Linden in den Flur hineinfiel und um die welken Aehrenkränze spielte , daß sie ganz frisch darunter aussahen , eben seine hellsten Strahlen auf das goldene Haar von Eva , welche , am Tische stehend , den Rücken der Hausthüre zugewandt , die beiden sitzenden Männer bediente . Sie haben übrigens Recht , Mamsell Eva , nahm Herbert das Wort wieder auf ; ich finde auch , daß das Glück niemals allein kommt . Denn ich habe eine köstliche Nacht verlebt , und der Morgen beginnt mir eben so günstig und schön ! - Er verneigte sich dabei , um ihr das Compliment anzueignen . Sie beachtete es aber nicht , sondern fragte : Was haben Sie denn die Nacht gethan ? O , ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht , sie war so still und schön ! - Eva sah ihn an , als erwarte sie eine Fortsetzung seines Berichtes , und da er nichts hinzufügte , fragte sie : Und das war Alles ? Weiter nichts ? Der Amtmann lachte , Herbert mußte mitlachen ; Eva ' s unbefriedigter Blick und der Ton ihrer Stimme forderten dazu heraus , aber Herbert war dabei doch nicht wohl zu Muthe . Es verdroß ihn , daß Eva komisch finden konnte , was ihn so hoch entzückt hatte , und dabei wußte er kaum , ob er mit dem Mädchen , oder mit sich selber nicht zufrieden wäre . Sie scheinen auch das Wachen also nicht zu lieben , meinte er , und er sagte das mit absichtlichem Spotte . Sie nahm es aber nicht so auf , sondern antwortete ruhig : Nein , gar nicht , wenn es zu nichts führt . In guter Gesellschaft und wenn ' s einen Tanz giebt , oder wenn es bei einem Kranken nöthig ist - ja , dann ist ' s etwas Anderes . Aber sonst - sie hielt inne und sagte , als könne sie den rechten Ausdruck nicht finden und müsse sich auf andere Weise helfen : Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage schlafen , wie ' s im Schlosse oft geschieht , das wäre mir grade , als sollte ich den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen ! Das geht mir wider den Strich ! Sie wandte sich dabei von den Männern fort , um aus dem einen Schranke noch ein Messer herbeizuholen . Als Herbert ihr nachsah , fand er ihre kräftige , große Gestalt in dem aufgeschürzten blauen Zitzkleide , mit dem sauber gefalteten Tuche um Brust und Schultern außerordentlich schön , und die Röthe des Nackens und der Oberarme sah so gesund aus , daß er unwillkürlich den Ausruf that : Ich glaube , Sie könnten gar nicht anders als Eva heißen ! Der Bruder , welcher seine Freude an dem Mädchen hatte , verstand , was Jener meinte , und gab ihm Recht ; Eva aber stützte sich mit den Händen vor ihnen auf den Tisch und sagte : Mosje Herbert , ich glaube , für Sie ist ' s auch Zeit , daß der Bau bald fertig wird und daß Sie aus dem Verkehr mit dem lächerlichen Herrn Marquis fortkommen , der hier zuweilen wie eine Bombe einfällt ! Sie lernen ihm nur seine Redensarten ab ! Das mit dem Eva heißen habe ich nun schon zweimal hören müssen , und man möchte doch auch einmal etwas Neues haben ! Sie nahm dabei eine schmollende Miene an , die sie vollends reizend machte , und Herbert fühlte so großes Vergnügen in ihrer Gesellschaft , daß der Amtmann ihn an den Aufbruch mahnen mußte . Herbert dankte also für die genossene Gastfreundschaft , Eva entgegnete , wenn es ihm gefallen und geschmeckt habe , so möge er bald und vor allen Dingen zum Erntefeste wiederkommen . Er reichte ihr die Hand zum Abschiede , und als er schon im Fortgehen war , fragte sie , was denn die gnädige Frau mache und ob sie wohl sei . Er berichtete , daß die Baronin sich am Abende nicht gut befunden habe . Eva machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und schüttelte bedenklich den Kopf . Die wird auch nie mehr ganz gesund , sie hat ' s nie verwunden , sagte sie seufzend und mitleidsvoll , und ich möchte auch nicht an ihrer Stelle sein ! Herbert wollte wissen , weßhalb nicht . Sie antwortete nur , indem sie , ohne eine Erklärung zu geben , mit einem : O nein , gewiß nicht ! ihre vorige Aeußerung bekräftigte , und da inzwischen die Pferde vorgeführt worden waren , so trennte man sich , ohne daß Herbert eine Antwort von dem Mädchen erhalten hatte . Während des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegenheit zu weiteren Fragen dar , obschon Eva ' s Aeußerung ihm nicht aus dem Sinne wollte . Die Gegend , durch welche sie kamen , war Herbert neu , und der Amtmann hatte seine Genugthuung daran , den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens bekannt und auf alle die Vortheile aufmerksam zu machen , welche eine sorgfältige Cultur diesem Boden abzugewinnen verstanden hatte . Dafür aber verlangte er dann auch von Herbert zu hören , wie es sonst in der Provinz und in der Welt aussähe , auf deren Händel und Entwickelungen das Auge des jungen Landwirthes wie das eines jeden Mannes in jenen Tagen gerichtet war . Indeß so lange man zu Pferde blieb , war an ein rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken , aber als man in der Nähe des Steinbruches , wo der Boden aufstieg und das Thal sich verengte , absteigen mußte , um den Rest des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen , ward die Gelegenheit zur Unterhaltung günstig . Man ließ die Pferde an dem Hause eines der Steinbrecher zurück , und wie man nun in dem kühlen Thale vorwärts ging , richtete der Amtmann seine Fragen auf sein Lieblingsthema , auf die Männer und die Ereignisse , von denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten und noch berichteten . Herbert sollte ihm von den Helden der französischen Revolution erzählen , bei deren Beginn der Baumeister sich noch in Paris befunden hatte und deren wahrscheinlicher Ausgang jetzt alle Geister beschäftigte . Er sollte Mirabeau beschreiben , und schildern wie Camille Desmoulins aussehe , die er gesehen , er sollte erklären , wie ein Volksaufstand sich mache , und während der Amtmann mit leidenschaftlicher Spannung an seinen Berichten hing , erwärmte sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten , bis beide junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleichheit der Stände , wider alle Vorrechte und wider jede Art von Vorurtheilen ausgesprochen hatten , die ihnen in ihrem Leben bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie später eine Beeinträchtigung fürchten konnten , wie verschieden ihre Berufsthätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren . Herbert , welcher in der Schloßgesellschaft beständige Rücksichten zu nehmen hatte , fand es angenehm , sich frei gehen lassen zu können und einen so dankbaren Zuhörer zu haben . Der Amtmann , der sich nach seinen Kenntnissen , seiner Tüchtigkeit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edelleute überlegen wußte , die in der Nachbarschaft und zu Zeiten auch im Schlosse die großen Herren spielten , und vor denen er sich , wie gering er sie auch schätzte , zu demüthigen und zu beugen genöthigt war , fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre und in der Unterhaltung des Architekten , welchen der Freiherr als seinen Gastfreund und Hausgenossen ehrte , während dieser sich als ein Gleicher neben den Amtmann stellte ; und da die Jugend überhaupt zu geselligem Anschließen geneigt ist , fanden die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen , das ihnen recht von Herzen kam . Man war von den Mittheilungen über Frankreich und die Revolution auf die Emigranten im Allgemeinen zu reden gekommen und dadurch auch auf die Gäste im Schlosse geführt , und der Amtmann meinte : Es muß solchen Herrschaften spanisch vorkommen , wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch einmal ein Ende hat . Wenn man aber hört , wie sie ' s dort getrieben haben , und weiß , wie ' s auch hier herum vieler Orten zugeht , so kann man sich denken , daß sie drüben kein groß Mitleiden mit ihnen fühlen . Ich wollte nicht sehen , was hier passirte , wenn ' s auch hier einmal zum Klappen käme ! Glauben Sie denn , daß hier zu Lande das Material für eine Revolution vorhanden ist ? fragte der Baumeister . Der Amtmann besann sich , ehe er antwortete , die Vorsicht des Bauers steckte auch ihm im Blute . Es kommt darauf an , sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen , was man Revolution nennt ! Nun ! versetzte Herbert , mich dünkt , das wäre klar . Ist man hier unzufrieden ? Hat man große Beschwerden gegen den König und sein Regiment ? Gegen den König und sein Regiment ? wiederholte der Amtmann , das könnte ich nicht sagen . An den König denken sie hier nicht viel , d.h. sie denken an ihn nur , wie an den lieben Herrgott , der ebenfalls weit weg ist und von dem sie auch nicht wissen , ob er sie hört oder nicht hört . Die Leute hier sehen nicht über die Feldmark hinaus . Jeder hat hier sein Theil Plage für sich und steht also meist auch nur für sich . Er hat ' s mit mir zu thun , der ich hier befehle , und mit der Herrschaft , für die ich befehle . Was er zu fürchten und zu hoffen hat , seine Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit , das liegt Alles hier , Alles dicht neben einander wie sein Haus und sein Grab . Darüber hinaus hat er sich sonst nicht leicht um etwas gekümmert , und wenn ' s ihm nicht allzu schlecht gegangen ist , ist er zufrieden gewesen . Und jetzt ! ist ' s jetzt anders ? Der Amtmann besann sich wieder eine Weile , dann sagte er sehr bestimmt : Ja ! anders als vor fünf und vor zehn Jahren , als zu den Zeiten , da ich von der Schule und von der Universität kam , denn mein Vater hat mich anderthalb Jahre auf die Universität geschickt , schaltete er mit Selbstgefühl in seine Rede ein , anders ist ' s jetzt hier allerdings . Es ist , als ob ' s in der Luft läge . Sie pariren nicht wie sonst , sie raisonniren viel . Aber worüber ? Ueber Alles ! Also zum Beispiel ? fragte Herbert . Ueber die Frohnen , über die Hand- und Spanndienste , über Alles ! Und wie das geht , da sie immer zusammenstecken , hetzt Einer den Andern auf , und was der Eine nicht ausheckt , das klaubt der Andere hervor . Man wird bald Noth haben , sie zur Arbeit zu bekommen , denn um Ausreden sind sie ohnehin niemals verlegen . So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunkt zu haben , oder es pflegte irgend Jemand da zu sein , der den Anführer macht . Ist vielleicht ein bestimmter Anlaß zu der Unzufriedenheit gegeben worden , ist irgend Einem ein besonderes Unrecht zugefügt ? Sie gingen , als Herbert diese Frage that , über die lange und schmale , aus Knüppeln und Rasen gemachte Brücke , welche hier den Fluß überspannend auf die Seite desselben leitete , auf welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag