Schubladen zu schauen , welche offenstanden , und in Briefe , welche geöffnet dalagen . Er hob den welken Blumenstrauß , den die Base Schlotterbeck auf den Gräbern von Anton und Christine Unwirrsch gepflückt hatte , an die Nase und warf ihn dann mit Verachtung wieder hin . Er fand den Brief des biedern Oheims Grünebaum und studierte ihn mit Behagen . Dann nahm er das Schreiben der Base auf ; - er fühlte sich angenehm gerührt und gekitzelt durch diese Laute aus jener längst abgetanen Welt und zog einen Stuhl an den Tisch , um sich seinen gemütlichen Empfindungen mit Bequemlichkeit hingeben zu können . Er gähnte , als er den Brief der Base öffnete ; aber er schloß den Mund gleich darauf , nachdem er die ersten Zeilen entziffert hatte . Schnell drehte er sich nach dem Kranken um und erhob sich halb vom Stuhl , den Brief in der Hand zusammenknitternd . Hans Unwirrsch stöhnte tief , aber er lag jetzt mit geschlossenen Augen , Theophile konnte seine Lektüre ungestört beendigen . Er las , biß sich auf die Unterlippe und lachte ; er sah nicht , daß der Jugendfreund die Augen von neuem geöffnet hatte und ihn mit dem starren , unheimlichen Blick des Fiebers anstarrte . » Wie toll ! Wie närrisch ! Wie albern ! « sagte Theophile , das Schreiben mit Bedacht wieder glättend . » Lächerlich originell ! « sagte er , die Arme auf der Brust kreuzend . » Aber der Tölpel könnte endlich doch unbequem werden ; es wird das beste sein , ihn aus dem Hause zu schaffen . Wir wollen sehen ; - nimm dich in acht , liebster Hans ; jedes Übermaß muß gefährlich werden , selbst ein Übermaß von Gemüt . « Er stand auf und schob den Stuhl ziemlich heftig zurück . Wieder trat er an das Bett des Kranken . So völlig geistig gebunden glaubte er den armen Hans , daß er es für gänzlich unnötig hielt , sich irgendeinen Zwang aufzulegen ; aber er irrte sich Hans sah klar , ganz klar , erschrecklich klar . Zwischen Sein und Nichtsein , Bewußtsein und Bewußtlosigkeit kam ihm die Erkenntnis gleich einem Blitz . Er sah die Augen des Mannes , der vor ihm stand , leuchten wie die eines bösen Geistes , der sich an einem Unglück weidet . Die ganze Herzlosigkeit dessen , den er einst seinen Freund nannte , offenbarte sich in diesen Augen , diesem Lächeln . Hans Unwirrsch fühlte zum erstenmal in seinem Leben , was der Haß sei ; er haßte die schlüpfrige , ewig wechselnde Kreatur , die sich einst Moses Freudenstein nannte , von diesem Augenblick an mit ganzer Seele . Er hätte laut aufschreien mögen , aber seine Zunge war nicht in seiner Gewalt ; er hätte aufspringen mögen , um diesen Moses Freudenstein mit den Fäusten und Zähnen zu packen ; allein , sein armer Körper war eine bewegungslose Masse , über die er keine Macht hatte . Aber mit dem Auge konnte er ihn erreichen ! - Theophile Stein fuhr zusammen und zurück ; er lächelte nicht mehr ; - Johannes Unwirrsch versank abermals in die Phantasien des Fiebers , doch die Gewißheit nahm er in sie mit hinüber , daß er sich einen unversöhnlichen Feind erworben habe . Als er von neuem aufwachte , war manch ein Tag vergangen . Zwei andere Gesichter und Gestalten sah er neben seinem Schmerzenslager . Zu Füßen des Bettes saß der Geheime Rat Götz , gelblichbleich , müde und kummervoll , ganz ohne Mechanik , aber als ein gebeugter Mann , der teilnehmen konnte an fremdem Elend ! Und neben ihm - neben ihm , mit der Hand auf seiner Schulter , stand - Franziska - das Fränzchen , mitleidig und mild wie immer , und mit Tränen in den Augen , des Leutnants Rudolf liebliches Fränzchen ! Und dieses Fränzchen hatte keine Ahnung davon , wie scharf der Kranke auch in diesem Augenblick sah . Es war doch sonst so ziemlich Herrin über seine Gesichtszüge , zum Beispiel der Herrin des Hauses gegenüber bei manchen bösen Gelegenheiten ; aber in dieser Stunde gab es sich nicht die geringste Mühe , sie zu beherrschen . Es erschrak auch sehr , das Fränzchen , und errötete tief , als es plötzlich bemerkte , daß Hans Unwirrsch wache und sehe . Hans mußte die Augen schließen , und als er sie wieder öffnete - er konnte die Zeit nicht recht angeben - , waren auch diese beiden Gestalten nicht mehr da . Sie hatten der alten , rohen Wärterin aus dem Hospital Platz gemacht ; aber es schadete nichts . Die Sonne war aufgegangen in Hans Unwirrschs Seele ; es wußte , daß er nicht sterben würde , und er wußte ein noch viel Wichtigeres : er hatte erkannt , weshalb der vagabundierende Bettelleutnant Rudolf Götz ihn in dieses Haus , in so großes Ärgernis und unbehagliches Wesen gebracht hatte ! Nach allen Seiten hin nahmen die bösen Geister die Flucht . Segen über den Leutnant Rudolf Götz ! Gottes Segen über des Leutnants Fränzchen ! Es war großer Jubel in der hungrigen Seele des Kandidaten Johannes Unwirrsch , und es schadete auch nichts , daß ihm noch einmal die Sinne vergingen ; es war alles gut . Die Fieberphantasien wiederholten sich nicht ; es kamen die Tage der Genesung . Weder Franziska noch der Doktor Theophile Stein zeigten sich ferner in dem Zimmer des Kranken ; aber der Geheime Rat Götz zeigte sich öfters , und zwar von einer sehr guten Seite . Er war an dem Bette seines kranken Hausgenossen ein ganz anderer Mensch als in seiner Studierstube oder gar in den Gemächern seiner Gemahlin . Hans , der geglaubt hatte , das Haus und seine Bewohner durch und durch zu kennen , erfuhr erst durch seine Krankheit , daß ihm doch noch manches da verborgen geblieben sei . O über die einsamen , nachdenklichen , grübelnden Stunden der Genesung ! Es kam der Tag , an welchem der Herr Hauslehrer , sehr hager und etwas schwindlig , die Treppe wieder hinab in den Salon stieg , um der gnädigen Frau und Kleophea für alle bewiesene Güte seinen Dank abzustatten . Die Sache war sehr schnell abgetan . Ein paar kalte Worte der Geheimen Rätin , einige Anspielungen auf die vielen Unannehmlichkeiten , welche durch diesen » accident « im Hauswesen hervorgerufen worden waren - und das in dieser Beziehung Nötige war besprochen ! Kleophea sagte gar nichts ; Aimé aber schien das Wiedererscheinen seines Lehrers für eine persönliche Beleidigung zu nehmen . Am folgenden Tage hatte die gnädige Frau eine zweite Unterredung mit dem Kandidaten und drückte den Wunsch aus , bis zum Tage des Heiligen Christfestes das bestehende Verhältnis zu lösen . Sie sprach ihre Meinung dahin aus , daß sie die Einwirkung des Herrn Kandidaten auf ihren Sohn für nicht allzu segensreich erachten könne , und dagegen konnte Hans nicht das geringste einwenden . Betäubt wankte er in sein Zimmer hinauf und murmelte nur den Namen : » Franziska ! « Zweiundzwanzigstes Kapitel Es hatte sich sehr vieles während der Krankheit des Kandidaten Unwirrsch zum Schlimmern verändert . Wie sich die Verhältnisse im Hause des Geheimen Rates Götz weiter ineinander verschoben hatten , erkannte er nur allmählich ; aber daß es Herbst geworden war in der Welt , sah er mit Schrecken auf den ersten Blick . Der Rasen und die Wege unter den Bäumen des Parkes waren bereits mit den abgefallenen Blättern bedeckt , der Park selbst fing an , einem verschossenen Teppich mit sehr vielen Motten drin zu gleichen : es war fast ein Glück zu nennen , daß Hans keine Zeit hatte , sich darum zu bekümmern . Der Doktor Theophile hatte das Spiel der schönen , geistvollen Kleophea gegenüber vollständig gewonnen . Kleophea liebte diesen Mann mit aller Leidenschaft , deren eine Natur wie die ihrige fähig war . Es gehörte ein feines Gefühl dazu , um das Feuer zu merken , welches unter dem blumengeschmückten Boden glimmte , aber es war da , und durch es stand für den Augenblick der Garten in noch herrlicherer Pracht - es war sehr traurig , es war eine Geschichte zum Weinen ! Der Geheime Rat war , seit Hans wieder auf den Füßen stand so unnahbar wie früher für ihn geworden : seine Frau hatte gesprochen , und er - er fügte sich dieser höhern Macht . Hans sah ein , daß dieser Mann die seinem Hause drohende Gefahr nicht abwehren könne und daß eine Warnung jedenfalls nichts helfen , vielleicht sogar noch schaden und die Sache verschlimmern werde . Bei der gnädigen Frau hatte Theophile so trefflich vorgearbeitet , daß von dieser Seite auch nicht das geringste zu erwarten war : und Kleophea , die stolze , prächtige Kleophea würde sicher jeden Versuch der Einmischung in diese ihre eigensten , innersten Angelegenheiten mit tiefster Verachtung zurückgewiesen haben . Sie hatte viel zu oft mit Theophile über den » Hungerpastor « gelacht , um sich nun von demselben warnen zu lassen . Falschheit und freche Selbstsucht , bejammernswerte Schwäche , störrische Dummheit und frömmelnde Hoffart , Leichtsinn , Überhebung , Übermut , Spott und Hohn auf allen Seiten o es war wahrlich eine Welt , um darin Hunger zu empfinden , Hunger nach der Unschuld , der Treue , der Sanftmut , der Liebe . O Fränzchen , Fränzchen Götz , welch ein sanftes , süßes Licht umstrahlte deine holde Gestalt in diesem fratzenhaften Gewimmel ! Wo anders konnte Friede , Schutz und Ruhe sein als bei dir ? O Fränzchen , Fränzchen , wie konnte es doch geschehen , daß du dem armen Hans so seltsame Schmerzen bereitetest ? Wie konnte es doch geschehen , daß du um ihn so seltsame Schmerzen zu ertragen hattest ? Wie konntet ihr beide euch gegenseitig so sehr quälen , und noch dazu so ganz gegen den Willen und die gute Absicht des Herrn Leutnants a. D. Rudolf Götz ? Ach , der Herr Leutnant Rudolf war auch nicht im Rat der Vorsehung angestellt , er hatte mit sich selber oft die liebe Not : das Geschick hat seinen eigenen Lauf , und jede Prüfungszeit will ihr Ende auf ihrem eigenen Wege finden in diesem hungrigen Erdengetriebe . Seit der Kandidat genesen war , wich ihm Fränzchen nicht mehr so scheu aus . Je mehr Macht der Doktor Theophile Stein im Hause erhielt , desto mehr sah die arme Nichte ein , daß zwischen dem Doktor und dem guten Hans das Verhältnis doch nicht ganz so sein könne , wie sie sich ' s zuerst vorgestellt hatte , und nicht ohne Berechtigung . An dem Tage , an dem die Tante dem Kandidaten sein Präzeptorentum kündigte , saß das Fränzchen in ihrem Gemach und weinte Freudentränen und murmelte dazu den Namen ihrer Mutter , wie solche armen verwaisten Dinger gerne tun , wenn ihnen ein großes , unerwartetes Glück begegnet ist . Und dann trocknete sie ihre Tränen und lachte in ihr letztes Schluchzen und ihr feuchtes Taschentuch hinein . » Dank dir , Dank , du lieber Onkel Rudolf ! Siehst du - nein , ja - Dank dir , Dank dir ! « Dann kam sie herab , um ihren Platz an der Mittagstafel einzunehmen , und obgleich die geistige Atmosphäre während dieses Mahles noch drückender als gewöhnlich war und die Tante giftspitziger als je , so hatte des Fränzchens liebliches Herz seit langer , langer Zeit nicht so frei und leicht geklopft . Und es war , als ob der Kandidat Hans Unwirrsch das auf der Stelle verspüre . Auch er sah unbefangener und wohliger auf die Leute ringsum ; ihr Sagen und Tun hatte nicht mehr den früheren schlimmen Einfluß auf ihn ; Fränzchen Götz wich seinen Augen nicht mehr aus , und frei konnte er Atem holen . Es war nicht anders ; - was sich so lange in eintöniger Unerquicklichkeit hingeschleppt hatte , mußte sich endlich in seiner ganzen Nacktheit und Trostlosigkeit zeigen . Die Krisis war nahe zur Hand , und wenn gegenwärtig das Übel sich ohne greifbare , faßbare Äußerlichkeiten fortspann , so konnte der elektrische Schlag , der das stille , vornehme Haus des Geheimen Rates in die größtmöglichste Verwirrung setzte und es zum Gespräch im Maule der ganzen Stadt machte , nicht ausbleiben . Die böse Hand ballte sich und schlug dröhnend an die Pforte , um aller Verblendung , aber auch allem Schlaf ein Ende zu machen . In den ersten Tagen des Oktobers folgten auf den langen , widerlichen Regen einige Tage , in denen die Natur über ihre Mißlaunigkeit Reue zu empfinden schien und sich bestrebte , durch verdoppelte Liebenswürdigkeit sich wiederum angenehm zu machen . Die Sonne brach durch die Wolken , für sechsunddreißig kurze Stunden zeigte sich das Jahr in seiner matronenhaften Schönheit , und wer den holden Augenblick benutzen konnte und wollte , mochte - sich beeilen ; denn so ganz ist doch eigentlich selten irgendeiner Reue zu trauen . Die gnädige Frau gab ihrem Eheherrn den Befehl , für einen oder zwei Tage Urlaub zu nehmen , und entführte ihn wie den teuern Aimé nach dem nicht allzu fernen Landgute einer befreundeten Familie , die über den längst angekündigten Besuch höchstwahrscheinlich sehr erfreut war . Kleophea hatte sich nicht mitentführen lassen ; sie haßte das Land gründlich und jene landbebauende Familie fast noch mehr . Und sowenig sie Sinn für Naturschönheiten besaß , sowenig Geschmack fand sie an dem heiratsfähigen Erstgeborenen jener achtbaren Familie , der das schöne Mädchen mit seinen glänzenden , gesunden , aber leider etwas glotzenden Augen und seinen schüchternen , meistens mißlingenden Konversationsversuchen bis zum Tode langweilen konnte . Kleophea Götz , die nicht gewohnt war , über ihre Grillen , Launen , Wege und Gänge Rechenschaft zu geben , blieb daheim , sah ihre Eltern mit einem Seufzer der Befriedigung abfahren , litt den Nachmittag an Migräne , ließ den Doktor Theophile abweisen und fuhr am Abend mit einer ihr befreundeten Familie in die Oper , wo sie den Doktor Theophile nicht abweisen konnte . Mit heftigem Kopfweh kam sie nach Hause und schloß sich in ihr Zimmer ein , nachdem sie seltsamerweise vorher ihrer Kusine einen Kuß gegeben und sie ein » armes , gutes Kind « genannt hatte . Sie mußte wirklich eine unruhige Nacht gehabt haben , denn am andern Morgen kam sie sehr spät und sehr abgespannt und nervös zum Vorschein . Als sie von Fränzchen mitleidig auf den Sonnenschein aufmerksam gemacht wurde , erklärte sie , daß sie nichts darnach frage , und nannte die Kusine ein » einfältiges Ding , welches keinen Willen habe , außer zum Leiden « . Dabei weinte sie , setzte sich aber im folgenden Augenblick an den Flügel , um sich in ein Gewirbel der gellendsten Arien zu verlieren . Gegen Mittag wurde sie fast ausgelassen heiter , und während des Mahles forderte sie Hans auf , zu gestehen , daß er in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft erschrecklich in sie verliebt gewesen sei , daß sein ehrbarer Charakter allmählich aber das Richtige gefunden und sich jetzt zum » sanften Fränzchen « gewandt habe . Sie hatte sehr heiße Wangen und lachte sehr laut über die Verwirrung , in welche sie ihre Tischgenossen stürzte . Sie sprach mit sehr unkindlichem Achselzucken von ihrer Mutter , nannte ihren Vater einen » armen Wurm « und ihren Bruder einen » Wurm « , ohne Beiwort . Sie forderte ihre Kusine auf , zu gestehen , daß dieses Haus eine » Hölle « für sie gewesen sei , und den Kandidaten bat sie , offen zu sagen , daß er behaglichere Orte zum » Atemholen « kenne . Sie zeigte sich über alle Beschreibung heftig gegen den aufwartenden Diener und jagte ihn hinaus , um zu gestehen , daß sie ein sehr » unartiges Mädchen « und daß Franziska ein » armer Liebling « sei . Sie trank auf das Wohl von Hans und Fränzchen und bat , daß man Nachsicht mit ihr haben möge . Dann bekam sie von neuem die Migräne und verriegelte sich abermals in ihrem Zimmer . Gegen fünf , als es bereits dämmerig wurde , ging sie aus . Hans saß den Nachmittag über an seinem Fenster , ohne imstande zu sein , etwas Vernünftiges vorzunehmen . Er schlug ein Buch auf , legte es aber wieder fort , stopfte mit geheimem Zittern die Pfeife , die er von dem untersten Grunde seines Koffers heraufholte ; sie ging ihm jedoch bald wieder aus , als wisse auch sie , daß in diesem Hause nicht geraucht werden dürfe . Auf das Gewimmel der drunten vorbeiziehenden Reiter , Fußgänger und Wagen sah er wie gewöhnlich hinunter und versuchte seine Aufmerksamkeit auf den alten , schnauzbärtigen Leierkastenmann mit der Waterloo-Medaille zu richten ; aber auch das wollte nicht recht gehen . Alles zog ihn immer wieder in das Innere des Hauses zurück , und von einer unwiderstehlichen Macht wurde er gezwungen , auf die leisesten Laute in den Gängen und auf den Treppen zu horchen . Ihr leichter Fußtritt ? ... Nein , nein , es war nur das Schleichen der Kammerkatze , die samt dem betreßten Jean beauftragt war , ein scharfes Auge sowohl auf den Herrn Hauslehrer wie auch auf das Fräulein Franziska zu haben , um über jeglichen Vorfall später genauen Bericht geben zu können . Ihre süße Stimme ? Torheit ; es war ein altes Weib draußen in der Allee , das geräucherte Heringe den Liebhabern anbot . Ach , wenn Seufzer die Welt verbessern könnten , sie wäre längst keiner Verbesserung mehr fähig . O wie oft und wie sehr der Kandidat Unwirrsch an diesem ungesegneten Nachmittag seufzte ! Er starrte auf seine Stubentür und dachte an alle jene behaglichen Märchen , in denen die Fee stets zur rechten Stunde ungerufen und gerufen kommt . Als sie nicht kam und er sich hundertmal gesagt hatte , daß er ein Narr sei , ging er zum fünfzigstenmal zum Fenster zurück , um wieder in das lustige Leben drunten hinabzustarren . Er legte die Stirn an die Fensterscheibe und stand wieder lange so ; aber auf einmal fuhr er schnell zurück und sah schärfer hin . Ein Schatten glitt durch das bunte Gewühl , ein schwarzer , bleicher Schatten . Unter den Bäumen hervor kam langsam ein ärmlich gekleidetes , hageres junges Weib und stand still , dem Hause des Geheimen Rates Götz gegenüber , und sah zu den Fenstern desselben empor . Hans aber erkannte dieses Weib , obgleich er es nur zweimal gesehen hatte und obgleich es sich seit der Zeit so sehr verändert hatte . Es war die kleine , einst so lustige Französin , die er in der Wohnung des Doktors Stein getroffen hatte , und es war , als ob ihre Augen in schmerzlichster Hülflosigkeit ihn , ihn , Hans Unwirrsch , suchten . Es überkam ihn so seltsam bange ; - er hatte nach seinem Hute gegriffen und befand sich auf der Treppe , ehe er sich Rechenschaft über diese Gefühle geben konnte . Er trat aus dem Hause und schritt schnell um den Springbrunnen und den Rasenplatz , er schritt über den Fahrweg zu den Bäumen des Parkes ; aber da war der schwarze Schatten verschwunden , und vergeblich sah Hans sich suchend nach ihm um . Hatte ihn seine Phantasie wieder einmal in die Irre gelockt ? Er stand einen Augenblick in Zweifeln ; aber die Sonne schien , die Luft war so erfrischend - er kehrte nicht in das Haus zurück , sondern wandelte langsam weiter unter den Bäumen . Natürlich verließ er bald die breiten Wege , wo die meisten Leute gingen . Die gewundenen , einsamen Pfade , welche sich durch das Gebüsch zogen , suchte er auf , diese Pfade , auf denen alle die , welche mit gesenktem Haupte gehen und gern ohne einen Grund stehenbleiben , am häufigsten zu finden sind . Aber es gab an diesem Tage kaum einen gänzlich verödeten Weg . Sie waren alle draußen - alle ! Da waren die Leute , welche zu Mittag gegessen hatten , und die , welche zuviel zu Mittag gegessen hatten , und die , welche gar nicht zu Mittag gegessen hatten . Da waren die Leute , welche fahren konnten , und die , welche auf Krücken gehen mußten . Da waren die altklugen Kinder , welche es unter ihrer Würde hielten , durch den Reifen zu springen , und die kindischen Greise , welche gern durch den Reifen gesprungen wären , es jedoch nicht konnten und statt dessen nun den jungen Mädchen verliebte Blicke nachsandten . Es war sehr schwierig , eine noch unbesetzte Bank zu finden . Auf den Plätzen , die jedermann sehen konnte , saßen die Leute , welche nichts zu verbergen oder gar noch etwas zu zeigen hatten , in den Verstecken saßen die Liebespaare oder die Leute , welche sich ihrer schlechten Röcke schämten ; und von der einzigen Bank , welche Hans endlich noch leer fand , verscheuchte ihn eine unorthographische Notiz an der Rücklehne . Mit Bleistift stand da gekritzelt : » Da ich es vonwegen Louwisen nicht aushalten kann , so will ich nach Amerikah , und wenn Berger aus Koblenz hierherkommen sollte und dies lesen , so wärs ein Freundschaftstück , wenn er meine Alten in die Glockengasse die Sache mit Maniehr beibrächte , auf daß sie sich nicht allzusehre von Tage täten und mits Essen warteten . « Nun war freilich kein vernünftiger Grund vorhanden , daß der Kandidat Unwirrsch es sich zu Herzen gehen ließ , wenn der Taugenichts durchbrannte und Berger aus Koblenz nach der Glockengasse spazierte - er tat ' s aber doch . Nachdem Hans eine Weile darüber nachgedacht hatte , ob es nicht seine eigene Pflicht sei , in der Glockengasse nachzufragen , ob der Koblenzer dagewesen sei und ob die Alten auch nicht mehr mit dem Essen auf den verlorenen Sohn warteten , sprang er auf , um sich einen andern Sitz zu suchen . Auf dieser Bank litt es ihn nicht mehr . Ein kurzer Weg führte ihn zu jenen romantischen Wasserflächen , jenen fettiggrünen Kanälen , die den entferntern Teil des Parkes verschönen und das Herz jedes Liebhabers des Mikroskops und der Infusionstiere mit Entzücken füllen müssen , jedenfalls aber in jedem neuen Frühling wahrhaft pharaonischen Froschscharen ein fröhliches und melodisches Dasein möglich machen . Hier war ein Plätzchen , wo keine Liebespaare sich hinsetzten , eine Bank vor einer tiefern Wasserstelle , aus der man schon öfters einen Leichnam ans Land gezogen hatte , eine recht versteckte Bank an einem recht feuchten und dumpfigen Orte , eine Bank , welche man selbst in dieser Jahreszeit , wo schon so manche Bäume und Büsche ihre Blätter verloren , nicht leicht auffand . Man bekam sie ganz plötzlich zu Gesicht , indem der schmale Weg sich um ein dicht Verwirrtes , dorniges Gesträuch wand , um an dem Wasser zu enden ; und es fehlte weiter nichts als ein schwarzer Pfosten mit einem schwarzen Arm , der in die regungslose , sumpfige Flut wies , um den kläglichen , unbehaglichen Eindruck vollständig zu machen . Mit gesenktem Haupte folgte Hans dem engen Wege und trat hinter dem Gebüsch hervor , blieb aber starr und erschreckt stehen : dicht Vor ihm auf der halbverrotteten Bank saß das , was er gegen seinen Willen suchte , was ihn vorhin aus dem Hause des Geheimen Rates Götz gezogen hatte - das Schattenbild des kleinen französischen Mädchens , welches einst so hell in Theophiles Zimmer gelacht hatte über seine Unbeholfenheit . Jene Französin war es unzweifelhaft , und doch war von ihrer früheren Erscheinung kaum noch etwas übriggeblieben . Sie schien krank , recht krank zu sein , sie trug noch Handschuhe , aber sie waren zerrissen wie ihre kleinen , einst so hübschen Zeugstiefelchen ; der Schal , in welchen sie sich fröstelnd gehüllt hatte , war abgenutzt und verblichen ; - ganz , ach ganz und gar das arme Grillchen ihres Landsmanns Monsieur Jean de la Fontaine ! Und sie erkannte den Kandidaten Unwirrsch auf der Stelle , denn schnell erhob sie sich , zog ihren Schal zusammen und griff hastig nach dem Taschentuch , welches auf der Bank neben ihr lag . Mit angstvollem , etwas theatralischem Zorn sah sie auf den Kandidaten Unwirrsch . » Ah , ce monsieur ! « Sie wollte an ihm vorüber , aber er trat ihr in den Weg und hielt den verächtlichen Blick ihrer schwarzen Augen ruhig aus . » Monsieur , Ihr Freund ist eine canaille ! « rief sie , die Hand ballend . » Lasse Sie mik vorbei - wolle Sie ? « » Mein Fräulein « , sagte Hans Unwirrsch sanft und traurig , » der Doktor Theophile Stein ist mein Freund nicht . Hören Sie mich , mein Fräulein ! « » Ik will Sie nik mehr hör ! Ik will Sie nix seh ! Ik will nix mehr seh von der Welt als ma figure in dies hier Wasser ! « Das wurde mit einer Heftigkeit , einer Wildheit gerufen , daß Hans unwillkürlich ihren Arm faßte , um sie vom Sprung in den Sumpf zurückzuhalten ; sie aber riß sich los , lachte bitter , um dann mit beiden Händen das Gesicht zu bedecken und ebenso bitter zu weinen . » Mein Fräulein « , rief Hans , » Sie haben harte Worte gegen mich gesprochen , Sie haben mich tief betrübt . Ich bin mir keiner Schuld gegen Sie bewußt , und ich will Ihnen helfen , wenn ich es kann ; - ich wiederhole es Ihnen : ich bin nicht der Freund des Doktors Stein ; - ich bin es nicht mehr ! « Sie ließ langsam die Hände sinken und sah abermals dem Kandidaten in die Augen . » Auch Sie klagen den an , welchen Sie eben nannten ? Nennen Sie mir den Teil seiner Schuld , den ich auf mich zu nehmen habe ! « sagte Hans leise , und sie - sie musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen , und dann - es war so seltsam ! - , dann überflog ein schwaches Lächeln ihre kummervollen , kranken Züge : » Sie sind nicht sein Freund ? « fragte sie . » Ich bin es nicht mehr , und es ist ein großer Schmerz für mich . « Jetzt faßte die Französin die Hand des Kandidaten , und ihre Finger waren wie Eisen . » Monsieur le curé , ik bin ein armes Mädchen und ganz allein in die fremde Land . Ik bin krank und ein leichtsinnlich Geschöpf . Ik abe geabt ein ganz klein Kind , aber es ist tot ; - ik bin ganz alleingelassen in die fremde Land ! O monsieur , das ist eine böse , slekte Mensch , und wenn Ihr nik seid seine Freund , so verzeihe Sie mir , was ik eben gesakt - je n ' ai plus rien à dire ! « Hans verstand ihr gebrochenes Deutsch sehr schlecht und ihr schnelles Französisch gar nicht , aber ihre Bewegungen , ihr Mienenspiel vervollständigten das , was zum Verständnis fehlte . Er führte sie zu der Bank zurück , und sie ließ ihm ihre Hand , als er sich neben sie setzte und ihr sanft und beruhigend zusprach . Es war fünf Uhr , die Sonne sank eben hinter die Bäume , aus den Teichen stieg der weißliche Nebel ; es wurde kalt und grau - es war die Stunde , in welcher die schöne Kleophea Götz ihr elterliches Haus verließ . So gut er es vermochte , erzählte Hans dem französischen Mädchen das Nötige über sein Verhältnis zu dem Doktor Stein , und dann erfuhr er allmählich die traurige Geschichte ihres Lebens und die häßliche Rolle , welche Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße darin spielte . Henriette Trublet war nicht dazu gemacht , auf den gradesten Wegen durch das Leben zu gehen , und es war sehr wahrscheinlich , daß der Doktor Theophile in dieser Hinsicht wenig an ihrem Schicksal veränderte . Sie trug ein abenteuerliches Köpfchen auf den Schultern und glaubte nur an den Augenblick . Sie war die Gehülfin einer Modistin zu Paris gewesen , und so hatte sie Theophile kennengelernt und gewonnen . Geliebt hatte sie ihn eigentlich nicht , aber er hatte ihr gefallen , und die Pariser Freunde des Doktors , seine Art , das Leben zu genießen , sagten ihr zu . Sie war die schillernde Schleife an einem sehr bunten , lustigen Kranze , und als derselbe , wie es zu geschehen pflegt , zerriß und der Doktor Theophile nach Deutschland zurückgegangen war , bekam sie bald die Sehnsucht nach dem Doktor . Sie hatte mancherlei wunderliche Geschichten gehört von dieser armen guten » Allemagne « . Die Leute waren da so ehrlich und so musikalisch und so blond ; - sie waren wohl auch ein bißchen zurück in der Zivilisation und etwas einfältig ; aber es war doch ein ganz ander Ding als um die albernen , langen Engländer . Und sie holten alle ihre Hüte und Hauben und ihre künstlichen Blumen und ihren Champagner aus Paris , diese guten Deutschen ; und jedes hübsche , kluge Kind der » Belle France « mußte sein Glück dort bei ihnen machen trotz allem Nebel , Eis und Schnee , trotz allen Wölfen und Eisbären , Erlkönigen , Nixen und sonstigen Ungeheuern . Eines Morgens fand sich Henriette auf dem Straßburger Bahnhof ein mit einem Lederkoffer und ungemein vielen und verschiedenartigen Schachteln und Schächtelchen - und gute Reisegesellschaft zum Rhein fand sie auch allons enfants de la patrie gen Homburg , Baden-Baden usw. - où le drapeau , là est la France , ubi bene , ibi patria ! Und