diesem Traum gekommen war . Am Abend vorher hatte ich Oswald im Schmerz von mir Abschied nehmen sehen ; an diesem Tage sollte ich meiner Mutter nach langer , langer Zeit zum ersten Male gegenübertreten . Mein Vater hatte diese Zusammenkunft vermittelt ; er wünschte , mich auf einer Gesellschaft zu haben , die man zu geben beabsichtigte - ich mochte dem guten Vater diese Bitte nicht abschlagen . Ich ging am Morgen zur Visitenzeit hin . Das Wiedersehen war weniger peinlich , als ich erwartet hatte . Es war glücklicherweise viel Besuch da - Clotens , Barnewitzens etc. , auch ein Officier - ein Fürst Waldernberg - ein außerordentlich stattlicher , stolzer , wenn auch nicht schöner Mann . Er ließ sich mir natürlich vorstellen und bat mich um den ersten Walzer . Bald darauf brach der Besuch auf , ich mit . Emilie von Cloten - ich habe Dir schon von ihr geschrieben - gratulirte mir , während sie mich in ihrer Equipage nach der Pension zurückfuhr , zu meiner » Eroberung . « Ich erwiderte ihr , daß ich für Eroberungen , die so leicht zu machen wären , danke . Das ist Geschmacksache , antwortete Emilie lachend . Ich für mein Theil finde , daß , was man nicht im Fluge erobert , nicht des Eroberns werth ist . Bei mir heißt es immer : l ' amour ou la vie . Freilich ich bin eine Schwalbe und lebe von Mücken . Königsadler , wie Du , müssen , eine stolze Beute haben , die sich auch nöthigenfalls zur Wehr setzen kann . Mir ist diese fürstliche Beute , offen gestanden , zu stolz . Aber für Dich - c ' est autre chose . Gleich und gleich gesellt sich gern . Die leichtfertigen Worte der Schwätzerin hatten meine Neugier rege gemacht ; ich nahm mir vor , während der Gesellschaft den Fürsten etwas genauer zu beobachten . In der Stimmung , in der ich war , kam es mir gelegen , meinen Stolz an dem Stolz eines Andern zu messen . Hatte ich mir doch zugeschworen , nie wieder einem weicheren Gefühl Eingang in mein Herz zu verstatten ; und da war es mir eine Art von Beruhigung , daß es noch andere Menschen gäbe , die ebenso dächten , wie ich . Meine Mutter empfing mich am Abend des folgenden Tages mit einer Güte - die ich zum mindesten nicht um sie verdient hatte . Es war offenbar ihre Absicht , mir zu zeigen , daß sie es auf eine wirkliche Versöhnung abgesehen habe . Sie küßte mich auf die Stirn , nahm mich bei der Hand und führte mich zu den Damen , die mich ebenfalls mit Zuvorkommenheiten überhäuften . Es schien , als ob das ganze Fest nur meinethalben gefeiert würde ; als ob sich Alles nur um mich drehte . Wo ich saß und stand , hatte ich einen Kreis von Herren und Damen um mich , wie eine Königin . Es war das erste Mal , seit ich von Grenwitz fort bin , daß ich mich wiederum unter Meinesgleichen in stattlich schönen Zimmern bewegen konnte . Ich fühlte , deutlicher , als ich es je gefühlt , daß dies die Umgebung sei , in der ich einzig frei auftreten , daß dies die Luft , in der ich einzig frei athmen könne , daß ich , mit einem Worte , zum Herrschen und nicht zum Dienen geboren sei . Es erschien mir auf einmal als eine keineswegs schwere Aufgabe , den Schwur zu halten , den ich in der Nacht mit glühenden Thränen in meine Seele gebrannt hatte ; ich lächelte über - die Phantasien des Mädchens in der Pension ! und lächelnd nahm ich die Huldigungen entgegen , die man mir verschwenderisch zu Füßen legte . Unter diesen Huldigenden befand sich auch Fürst Waldernberg . Ich brauchte mich nicht näher nach seinen Verhältnissen zu erkundigen . Alle Welt beeilte sich , mir darüber Auskunft zu geben . Es ist ein geborener Russe und unermeßlich reich . Die Güter seiner Mutter , einer Fürstin Letbus , liegen in allen Theilen Rußlands ; Fürst von Waldernberg ist er ebenfalls durch seine Mutter , die aus diesem Hause stammt . Seit er zur Succession kam , ist er aus russischem in unsere Dienste getreten . Sein Vater ist ein Graf Malikowsky . Die Eltern leben noch beide , er ist das einzige Kind . Du siehst , liebe Mary , hier tritt zum ersten Male in meinen Briefen ein wirklicher Grande auf , der Euren stolzen Herzögen und Marquis ebenbürtig ist ; und ich dachte an Dich , während die schwarzen Augen des Fürsten , mochte er noch so fern von mir stehen , beständig zu mir herüberblitzten , ob ich in Deinen Augen , wärest Du zugegen , wohl ein aufmunterndes Lächeln sehen und darin lesen würde : Er ist Deiner werth ! Ich hoffte es , denn das Aussehen und die Haltung des Fürsten ist so vornehm , wie sein Rang . Ich bemerkte mit einiger Beschämung , wie traurig sich unsere jungen Herren neben ihm ausnahmen und wie sie sich alle vergeblich bemühten , seine Art zu gehen und sich zu tragen , nachzuäffen . Er unterhielt sich mehremals angelegentlich mit mir . Eine seiner Aeußerungen ist mir im Gedächtniß geblieben , weil sie mir aus der Seele gesprochen war . Ich fragte ihn , weshalb er , der Tausende und aber Tausende von Leibeigenen habe , in der Armee diene , wie unsere jungen Adeligen , die nichts auf der Welt besäßen , als ihren Degen ? Weil , antwortete er , ich zu stolz bin , da herrschen zu wollen , wo ich es nicht im strengsten Sinne des Wortes kann . - Wie das , Durchlaucht ? - Ich bin nicht Souverain . Meine Ahnen waren es ; ich muß jetzt büßen für die Schwäche meiner Ahnen . - Würden Sie nicht die Oberhoheit aufgegeben haben ? - Nimmermehr ! erwiderte er - und es war dies das einzige Mal , wo ich eine Art von Bewegung in seinem kalten , stolzen Gesicht sah - nimmermehr ! tausendmal lieber mein Leben ! Aber , fügte er nach einer kleinen Pause hinzu , ich kenne Jemand , der auch lieber sterben , als sich demüthigen würde . - Und wer wäre das ? - Sie selbst , mein gnädiges Fräulein . Die Gesellschaft endete tief in der Nacht . Papa ließ mich in unserer Equipage nach Hause fahren . Mama versprach , am nächsten Tage - das war heute - meinen Besuch zu erwidern . Wirklich war sie am Vormittag bei mir . Sie war wiederum sehr gütig , sagte mir viel Schmeichelhaftes über mein Benehmen gestern Abend und daß sie ( ebenso wie der Vater ) dringend wünsche , mich wieder bei sich zu Hause zu haben . Indessen solle es ganz bei mir stehen , ob ich überhaupt , und wann ich zurückkommen wollte . Du hast nicht ganz Deinen freien Willen gehabt , als Du gingst , sagte sie ; so will ich wenigstens die Beruhigung haben , daß Dein Kommen ganz freiwillig ist . Und Vetter Felix ? - Er reist in einigen Tagen nach Italien . Es versteht sich von selbst , daß ich Dir nicht zumuthe , mit ihm zusammen in unserm Hause zu sein . In der That , wenn meine Mutter es nicht redlich mit mir meint , so hat sie zum mindesten den rechten Weg zu meinem Herzen getroffen . Ich bin halb und halb entschlossen , zu thun , wie sie und der Vater wünschen . - Das junge Mädchen saß , die Arme über dem Busen gekreuzt , in den Stuhl zurückgelehnt und starrte , in Träumen versunken , vor sich hin . Mechanisch horchte sie auf das Sausen des Nachtwindes in den Pappeln vor dem Fenster , in das sich von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner des am Ufer aufrauschenden Meeres mischte . Diese Musik rief mit den Erinnerungen frühester Kindheit ganz andere Empfindungen wach , als die , in welche sie sich zuletzt hineingeschrieben . Da plötzlich fuhr sie zusammen und lauschte athemlos nach dem Fenster . Durch die klagenden Laute des Windes ertönte der Gesang einer weichen , tiefen Stimme . Dann rauschte der Wind wieder laut auf , und die Stimme verwehte ; dann klang es wieder deutlich herauf . Helene bebte an allen Gliedern . Sie wußte , daß der Sänger nicht bis in das hochgelegene Zimmer sehen konnte ; aber ihr war , als ob seine Augen - die blauen träumerischen Augen - auf ihr ruhten . Sie wagte nicht , sich zu rühren , sie wagte kaum zu athmen . Noch einmal , aber schon ferner , kaum noch vernehmlich , sang es : Und muß nun sterben so jung ! Helene dachte des Bildes im Traum , des blassen Gekreuzigten , der so wehmuthvoll sein Haupt schüttelte , als der Priester über sie den Segen sprach ; und sie dachte an den Dolch , der bis zum goldenen Griff ihm in die Seite gestoßen war , und an die Blutstropfen , die lang und langsam herunterfielen , und sie drückte schaudernd ihr Antlitz in beide Hände . Fünfundzwanzigstes Capitel Oswald war in dieser Zeit haltloser und unglücklicher , als er es je gewesen . Bergers Lehre von der dreimaligen Verachtung war ein böser Same , der bei ihm auf einen nur zu fruchtbaren Boden gefallen . Und seit er sich von Melitta verrathen glaubte , um mit größerer Leichtigkeit an ihr zum Verräther werden zu können , hatte er den besten Theil seiner Selbstachtung unwiderbringlich eingebüßt . Es half ihm nicht , daß er bei dem Bruch seines Verhältnisses zu Melitta alle Schuld auf sie wälzte , daß er sie eine herzlose Kokette nannte , die ihn auf die schmählichste Weise betrogen habe und jetzt in den Armen ihres Buhlen über das arme Opfer lache . Immer wieder raunte ihm eine Stimme , die nicht zum Schweigen zu bringen war , zu : Du lügst , Du lügst ! ein Weib , das so tiefe , liebevolle Augen hat , ist nicht herzlos ; ein Weib , das solcher Liebe fähig ist , ist keine Kokette ; ein Weib , das so edel fühlt und denkt , verräth den Mann nicht , von dem sie weiß , daß sie sein Glück und seine Seligkeit ausmacht . Und selbst seine Liebe zu Helene war nur noch ein schwacher Abglanz jener himmlisch reinen Flamme , die während seiner Liebe zu Melitta sein Herz , wie der Mond die Nacht , erhellt hatte . Es war in dieser Liebe viel von dem düster lodernden Feuer einer gierigen , verzehrenden Leidenschaft , einer Leidenschaft , die keine heilige Scheu vor ihrem Gegenstande kennt . Zu dem Allem kam , daß er sich in seiner Stellung grenzenlos unbehaglich fühlte . Seine Thätigkeit am Gymnasium widerte ihn an , nachdem er kaum damit begonnen hatte . Schon die dumpfe Luft einer Schulstube und der Lärm einer ausgelassenen Knabenschaar waren eine Qual für seine überreizten Nerven . Und nun die Herren Collegen : dieser von verwaschener Humanität überfließende Director Clemens ; dieser stocksteife , hölzerne Professor Snellius ; dieser bei so wenig Witz so äußerst behagliche Doctor Kübel ; diese gelehrten Löwen Wimmer und Breitfuß ? Gulliver , als er den Jahoo ' s begegnete , konnte gegen sie keinen größeren Widerwillen empfinden , als Oswald gegen diese Schaar , mit der in tagtägliche genaue Berührung zu kommen , seine Stellung ihn zwang . Und diese Jahoo ' s waren noch dazu äußerst zuvorkommend und zuthunlich ; schienen gar keine Ahnung ihrer Häßlichkeit zu haben ; überhäuften den Ankömmling mit allen möglichen Liebenswürdigkeiten ; luden ihn unablässig zu Kegelabenden , Whistpartien , ästhetischen Thee ' s und dramatischen Lesekränzchen ein ! schienen sich an seine reservirte Haltung , an seine zurückweisende Kälte gar nicht zu kehren - im Gegentheil , das Alles nur für die Unbehülflichkeit eines jungen Mannes zu halten , der sich noch nicht eben viel in guter Gesellschaft bewegt hat und nothwendig aufgemuntert werden muß . Auch die Damen mußten von dieser Idee ganz erfüllt sein , besonders Frau Director Clemens , die offen erklärte , sie wolle den scheuen jungen Menschen , der so allein in der Welt stehe , ein wenig unter ihre mütterlichen Flügel nehmen , und bereits angefangen hatte , diese Drohung in Ausführung zu bringen . Ich mag Sie gern , lieber Stein , sagte die energische Dame ; Sie haben sich durch Ihren » Hauptmann « einen Platz in unserm Lesekränzchen und in meinem Herzen erobert . Ich halte es für meine Pflicht , unsere jüngeren Collegen heranzubilden . Die wahre Humanität lernt sich nur im Umgange mit gebildeten Frauen . Sehen Sie unsern Collegen Wimmer ! Was war das für ein schüchterner , unbeholfener Mensch , als er vor zwei Jahren von Halle hierher kam , und was für einen charmanten jungen Mann hab ' ich seitdem aus ihm gemacht ! Nun , mit Gottes Hülfe wird ' s mir mit Ihnen nicht schlechter gelingen . Oswald übersah die wirkliche Gutherzigkeit , die diesen und ähnlichen Ergüssen zu Grunde lag und hielt sich nur an die lächerliche Form , die er mit Albert , welchen er jetzt regelmäßig des Abends aufsuchte , schonungslos verspottete . Aber es gab in Grünwald , außer der Directrice des dramatischen Kränzchens , eine andere Dame , welche älter und bessere Rechte auf die Humanisirung des jungen Wildfangs zu haben glaubte und ihrer Rivalin die Rolle , welche dieselbe sich angemaßt hatte , um so weniger gönnte , als sie von ihr noch anderweitig in ihren heiligsten Gefühlen auf das tödtlichste beleidigt war . Primula zitterte noch immer , so oft sie an den schrecklichen Abend dachte , wo man sie hatte zwingen wollen , der Mörder eines großen Feldherrn und Helden zu werden , und ihr einziger Trost war , daß sie die ihr zugemuthete schmähliche Rolle kaum angefangen , geschweige denn zu Ende gelesen . Aber wie dem auch war , ihr Haß und ihre Verachtung gegen die Menschen , welche sie so unwürdig behandelt hatten , blieben sich gleich . Sie erklärte , daß der plötzliche unvermuthete Anblick der Director Clemens für sie von den allergefährlichsten Folgen sein könne . Ja , sie trieb in den ersten Tagen nach dem Ereigniß die Vorsicht so weit , so oft sie ausging , ihren Gatten oder den Diener Lebrecht zwanzig Schritt vor sich hergehen zu lassen , um rechtzeitig von der etwaigen Annäherung des » Gorgonenhauptes « benachrichtigt zu werden ; und obgleich sich allerdings nach kurzer Zeit diese krankhafte Reizbarkeit einigermaßen legte , so versetzte doch noch immer das bloße Aussprechenhören von dem Namen der Uebelthäterin sie in eine nervöse Stimmung . Indessen ein so gleichsam passiver Widerstand gegen eine Nebenbuhlerin genügte dem unternehmenden Geiste Primula ' s nicht . Die Feindin , und nicht bloß sie , sondern ihre ganze Sippe und ihr ganzer Anhang , durften nicht bloß stillschweigend verachtet , sondern mußten positiv gedemüthigt werden . In ' s Herz mußte man sie treffen , oder , wie die Dichterin sich ausdrückte : Der flammende Brand mußte ihnen auf den eigenen Herd geschleudert werden . Das konnte aber nur auf eine Weise geschehen , nur dadurch , daß man das dramatische Kränzchen in die Luft sprengte , indem man ein anderes Kränzchen neben jenem errichtete , welches , unter Primula ' s Vorsitz , die ganze Intelligenz von Grünwald in sich vereinigte und das der Schulleute so verdunkelte , wie der Mond einen Fixstern letzter Größe . Einem solchen Kränzchen in Grünwald vorzustehen , war Primula ' s seligster Traum gewesen , als sie noch im sanften Schein der Abendröthe an der Seite des Fragmentisten durch die Felder von Faschwitz wandelte und sich , in holder Ahnung der Triumpfe , die sie dereinst feiern würde , von blauen Cyanen einen Kranz für ihr blondes Haar wand . Diesen Traum glaubte sie der Erfüllung nahe , als sie , den Wallenstein in der Hand und die Rolle der Thekla Wort für Wort im Kopf , über die Schwelle des Empfangszimmers bei Director Clemens schritt . Mußte doch dieser Abend zu einem Triumphe für sie werden ! stand es doch zu erwarten , daß , sobald sie die ersten Verse gelesen , ein ungeheurer Beifallsturm ausbrechen , Alle sich erheben und Männer und Frauen wie aus einem Munde rufen würden : Heil , dreimal Heil dem stolzen Licht , Das jetzt in unser Dunkel bricht ! O , Sängerin mit hohem Sinn Sei Du nun unsre Königin ! O , sag ' zu unsren Bitten : ja , Liederreiche Primula ! Nun freilich war es sonnenklar , daß sie den falschen Weg zum Ziele eingeschlagen . Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen . Was sollte sie , die sinnige Kornblumenkränzewinderin bei dem Kampfe tragischer Leidenschaften , die Dichterin hochberühmter Oden in einem dramatischen Kränzchen ? Ein lyrisches Kränzchen mußte es sein , und ein solches lyrisches Kränzchen im offenen ausdrücklichen Gegensatz zu dem dramatischen Kränzchen der Director Clemens zu gründen , war der große Gedanke , der » wie ein mächtiger Frühlingssturm , lind und doch unwiderstehlich , tausend Keime weckend und doch alles Andre vor sich niederwerfend , durch ihrer Seele tiefste Schluchten brauste . « - Wer mochte solchem Anhauch der Begeisterung widerstehen ? gewiß nicht der Fragmentist , der von einem gleichen Ehrgeize erfüllt und durch das Benehmen der Schulmänner in seiner Eitelkeit auf das empfindlichste beleidigt war . Er wurde der erste Schüler der Prophetin . Aber eine Prophetin und ihr Schüler , meinte Primula , machen noch keine Gemeinde aus , und Mann und Frau , sie mögen so geistreich sein , wie sie wollen , sind , wenn sie des Abends an ihrem Theetisch sitzen , noch kein Kränzchen . Die erste Bedingung für das Zustandekommen eines solchen war daher , daß sich die Prophetin und ihr Schüler Theilnehmer für ihr Kränzchen zu gewinnen suchten . Die Sache war nicht so leicht . Der Professor Jäger war in der Grünwalder Societät , die er als armer Student nur aus der Ferne gesehen hatte , verhältnißmäßig wenig orientirt . Seine Gemahlin dagegen kannte als siebente Tochter des weiland Grünwalder Superintendenten Doctor Dunkelmann freilich die Gesellschaft , aber die Gesellschaft , für die sie lange , lange Jahre durch ihre Ueberspanntheiten ein Gegenstand des Schreckens und des Spottes zugleich gewesen war , kannte sie auch ; und obgleich die blonde Fischerin schon seit mehreren Tagen vom Morgen bis zum Abend am Ufer saß und das Netz auswarf , hatten sich doch erst sehr wenige Fische fangen lassen . Das würde nun für die ehrgeizige Dichterin höchst schmerzlich gewesen sein , wenn unter den wenigen Gefangenen nicht auch ihr erklärter Liebling Oswald gewesen wäre . Sein Benehmen an jenem Abend hatte ihm das Herz Primula ' s , von dem er schon ein großes Stück besaß , ganz gewonnen und auch bis zu einem gewissen Punkte das Herz des Fragmentisten . Beide hatten ihn dringend gebeten , die » Gastfreunde von Argos in den Ebenen des Skamander « nicht zu vergessen und Oswald war in einer Anwandlung von boshafter Neugier der Einladung gefolgt , hatte sich während des Besuches mit dem Professor und der Professorin in Sarkasmen gegen die Schulmänner und ihre Damen überboten und war zuletzt , als Primula ihren Kränzchenplan auf ' s Tapet brachte , mit dem größten Enthusiasmus darauf eingegangen . Er hatte versprochen , Herrn Geometer Albert Timm , der als geistreicher Kopf Jedermann in Grünwald bekannt war , für die Sache zu interessiren und die Dichterin hatte ihn für diesen glücklichen Gedanken vor den Augen ihres Gemahls umarmt . Seit diesem Besuch war kein Tag verflossen , an welchem nicht ein poetisches Epistelchen von Primula an Oswald eingelaufen wäre , in welchem sie sich nach dem Fortgang seiner Bemühungen erkundigte - Epistelchen , die Oswald sorgfältig aufhob , um sie am Abend im Rathskeller einer geschlossenen Gesellschaft vorzulesen , welche sich das » Rattennest « nannte und in welche er seit einigen Tagen von Albert Timm eingeführt war . Es war etwa eine Woche nach dem Ball bei Grenwitzen ' s , als ihm abermals eine dieser auf rosa Papier geschriebenen Anfragen durch des Professors Diener Lebrecht überbracht wurde . Es mußte diesmal etwas Besonderes sein , denn Leberecht , ein junger , blasser , verhungert aussehender Mensch von fünfzehn Jahren , der bis noch vor wenig Monaten Waisenknabe gewesen war , blieb an der Thür stehen und sagte mit seiner hohlen Waisenhausstimme : Um Antwort wird gebeten . Der Brief war abermals ein poetischer und lautete : An einen jungen Aar , der durch die Wolken flog . Der junge stolze Aar , Warum doch weilt er fern In grauer Krähenschaar , Er , meines Lebens Stern ? Hab ' ich es doch so gern Das braune Adlerhaar Des hochgebornen Herrn Mit blauem Augenpaar ! Weiß nicht , wie mir geschah ! O köstlicher Gewinn ! Seit ich in ' s Aug ' ihm sah , Ist meine Ruhe hin . Doch sternhoch ist sein Sinn , Er schätzt nicht , was ihm nah , Daß ich ihm gar nichts bin , Ich weiß es , - Primula . Oswald las die Verse zwei , dreimal durch , ohne zu begreifen , wie man auf solchen Unsinn eine Antwort verlangen oder geben könne , bis er ganz unten in der Ecke ein mikroskopisches tournez s ' il vous plaît entdeckte . Er wandte das Blatt um ; auf der andern Seite stand : Lieber O. , ich muß mich ausnahmsweise einmal zur Prosa zwingen . Ich war neulich in einer hochadeligen Gesellschaft , aus der ich Ihnen allerlei erzählen kann , wenn Sie es hören wollen . Heute Abend besucht mich eine Dame ( aus eben der Gesellschaft ) , die sehr deutlich den Wunsch hat blicken lassen , mit Ihnen bei mir zusammenzutreffen , und die Ihnen etwas mitzutheilen hat , was vielleicht für Ihre Zukunft entscheidend wird . Allerdings sollte es mich innig schmerzen , wenn ich Sie verlöre ; aber meine Freundschaft für den jungen Adler ( s.p. 1 ) ist so rein , wie das Element , das er mit seinen mächtigen Flügeln peitscht . Wollen Sie um sieben Uhr sein bei Ihrer Dienerin Primula . Ein freudiger Schrecken überfiel Oswald . Wer anders konnte die junge Dame sein als Helene ? Freilich der Schritt war kühn ; aber was wagt die Liebe nicht ? - Er warf mit fliegender Feder ein paar Zeilen auf ' s Papier und gab sie Lebrecht mit der ernsten Mahnung , das Briefchen ja nicht zu verlieren - eine Mahnung , die durch das äußerst stupide Aussehen des gewesenen Waisenknaben einigermaßen gerechtfertigt schien . Die Stunden , die er noch bis zum Abend hinzubringen hatte , schienen ihm zu schleichen . Dazu wollte das Unglück , daß er gerade an diesem Nachmittag zwei Lectionen geben mußte in einer höheren Klasse , deren Schüler er durch sein ungleichmäßiges Benehmen gegen sich aufgebracht hatte . Sie ließen es heute , wo ihr junger Lehrer launischer schien als je , nicht an Neckereien und Widerspenstigkeiten aller Art fehlen , und Oswald ließ sich dadurch zu einer leidenschaftlichen Heftigkeit hinreißen , die zwar die Ruhe in der Klasse sofort wieder herstellte , über die er sich aber mehr ärgerte , als über alles Andere . Mißmuth und Zorn im Herzen verließ er das Gymnasium . Nicht weit davon begegnete ihm Franz . Keine Begegnung konnte ihm in diesem Augenblick ungelegener sein . Er hatte die Freundschaft dieses trefflichen Menschen sehr wenig gepflegt , kaum daß er ein oder das andere Mal ( und meistens nicht in der Absicht , Franz zu treffen ) bei Robrans gewesen war . Er wußte , daß er sich durch dies Benehmen gegen einen Mann , dem er so viel verdankte , einer häßlichen Undankbarkeit schuldig machte ; aber lieber das , als das peinliche Gefühl der Demüthigung , welches er jedesmal empfand , so oft der prüfende Blick des Freundes auf ihm ruhte . Wie geht ' s , Oswald ? sagte Franz , von der andern Seite der Straße herüberkommend und ihm herzlich die Hand schüttelnd . Sie müssen verteufelt viel zu thun haben , daß Sie sich gar so selten sehen lassen . Nicht eben viel ; erwiderte Oswald ; aber das Wenige , was ich zu thun habe , ist desto unangenehmer . Wie so ? Diese Schule ! eine einzige Stunde in der schnöden Tretmühle verdirbt mir die Laune für die übrigen dreiundzwanzig des Tages . Lieber Straßenkehrer , als Schulmeister . Ich wußte es zum voraus , daß Ihnen das Ding anfänglich nicht behagen würde , sagte Franz mit seinem freundlichen warmen Lächeln ; aber , Oswald , Sie wissen ja : es nimmt ein Kind der Mutter Brust - und so weiter ; und dann , bedenken Sie doch : Entsagung , Opferfreudigkeit erfordert jeder Beruf und wäre es der - eines Straßenkehrers . Adieu , Oswald ; ich muß in dies Haus hinein . Kommen Sie recht bald einmal zu uns ; ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen . Damit ging Franz in das von ihm bezeichnete Haus ; Oswald setzte seinen Weg fort . Entsagung , Opferfreudigkeit , murmelte er ; das klingt sehr schön von den Lippen Jemandes , der sich in seinem Beruf behaglich fühlt . Es ist doch nichts widerwärtiger , als ewig mit solchen allgemeinen Phrasen geschulmeistert zu werden , die auf die Situation , in der wir uns befinden , passen , wie die Faust auf ' s Auge . Timm hat wirklich recht : Franz ist ein langweiliger Pedant . Er lenkte seine Schritte nach der Wohnung seines Pylades . Albert wohnte im Schatten der Brigittenkirche , in dem Hause des Küsters Tobias Gutherz , eines Mannes , der in dem Geruch ganz besonderer Heiligkeit stand , so daß Niemand recht begreifen konnte , weshalb der höchst unheilige Miether gerade diesen Miethsherrn gewählt hatte , und noch weniger , wie sich Beide schon seit langen Jahren so gut vertragen konnten . Albert war zu Hause . Er lag auf seinem Sopha und las . Der Duft einer feinen Havannah erfüllte das Gemach , welches in seiner grenzenlosen Unordnung ein ausnehmend passender Rahmen für den jungen Wüstling war . Ah , sieh ' da , Pompei , meorum prime sodalium , sagte er , bei Oswald ' s Eintreten das Buch auf die Erde schleudernd und sich aufrichtend ; ich dachte so eben an Dich , ob Dir wohl der Horaz , wenn Du ihn Deinen Buben vom Katheder herab interpretirst , ein so vergnügtes Gesicht macht , wie mir , wenn ich ihn hier bei einer echten Havannah auf dem Sopha lese . Ist das ein famoser Bengel ! ich denke mir ihn immer als einen kleinen Kerl mit etwas kahlem Kopf , einer Andeutung von einem Bäuchelchen , lebhaften schwarzen Augen und üppigen kußgewohnten Lippen , der , die Hände auf dem Rücken , durch die Straßen Roms schlendert , nach links einer hübschen Dirne zuwinkt , nach rechts eine malitiöse Bemerkung über einen Spießbürger macht und dessen ganze Moral sich in die Worte zusammenfaßt : Vivat Falerner und schöne Mädchen , ohne sie leben , lohnt nicht der Müh ' . Habe ich recht ? Ich glaube wohl . O Himmel , diese Grabesstimme ! Was ist denn nun wieder los ? Hast Du einen Wechsel zu bezahlen ? Diese verdammte Schule ! Ist ' s weiter nichts ? Schick ' sie zum Teufel , der sie erfunden hat . Mais il faut vivre , wie der Schneider zu Herrn von Talleyrand sagte . Je n ' en vois pas la nécessité , wie Herr von Talleyrand antwortete , zum wenigsten nicht die nécessité , so zu leben . Wie den anders ? ich habe noch etwa dreihundert Thaler ; wenn ich damit zu Ende bin , und das dürfte bald sein , muß ich arbeiten , oder mir eine Kugel durch den Kopf jagen . Daß Du ein Narr wärst ! Ein Kerl , wie Du , der tausend Mittel und Wege hat , fortune zu machen ! Zum Exempel ? Zum Exempel , wenn er die kleine Grenwitz heirathet , die , meiner Meinung nach , nichts eifriger wünscht . Das ist leichter gesagt , als gethan . Vielleicht doch nicht , wenn man den rechten Weg einschlägt . Und der wäre ? Mache , daß man Dir das Mädchen geben muß , man mag wollen oder nicht . Ws ist mit diesem Räthselwort gemeint ? Du bist heute merkwürdig schwer von Begriffen . Albert legte sich in die Sophaecke zurück und blies blaue Ringe in die Luft ; Oswald brütete düster vor sich hin . Er überlegte , ob er Timm wohl das Geheimniß des Rendez-vous , zu dem er heute Abend eingeladen war , mittheilen könnte . Endlich kam , fast gegen seinen Willen heraus : Ich habe heute einen curiosen Brief von Primula empfangen ; ich möchte wohl wissen , ob Du besser daraus klug werden kannst , als ich . Laß hören , erwiderte Albert , in die Bewunderung eines prachtvollen Ringes , den er so eben zu Stande gebracht hatte , verloren . Oswald las die Ode an den jungen Aar und das mysteriöse Postscript . Albert sprang vom Sopha in die Höhe . Kerl , Du bist der wahre Hans im Glück ! rief er ; die Sache ist ja sonnenklar . Die junge Dame kann Niemand anders sein , als die kleine Grenwitz . Das Mädchen ist wahrhaftig zehnmal gescheiter und muthiger , als ihr jüngferlicher Galan , der die edle Kunst , die Gelegenheit beim Schopf