Sie dafür andere Leute desto hübscher ; ich zum Beispiel , obgleich ich sehr kurzsichtig bin , besonders hier in diesem Baumgange , wo es so dunkel ist , daß man wahrhaftig nicht die Hand vor den Augen sehen kann . - Fürchten Sie sich , kleine Marguerita ? Nein ? warum klopft denn Ihr Herz so ? oder hätten Sie mich gar aus Versehen ein bischen lieb ? Haben Sie mich ein bischen lieb , Marguerite ? Geniren Sie sich gar nicht ; mir kann man Alles sagen . Oder sagen Sie lieber nichts und geben Sie mir einen Kuß ! Sie wollen nicht - so ! das ist vernünftig : Ihr Franzosen und besonders Ihr Französinnen seid eine charmante Nation . Aber warum weinst Du denn , kleiner Narr ? Ist es bei Euch denn ein Staatsverbrechen , einem ehrlichen Kerl einen Kuß gegeben zu haben , und noch dazu im Dunkeln ... Verdammt , da kommt der alberne Mensch , der Doctor mit seinem Grasaffen ... Bon soir , meine Herren , wir können hier Begegnen spielen . Oder Blindekuh , sagte Oswald , und noch dazu ohne Binde . Ich dächte , wir gingen hinein . Wenn ich nicht irre , hat die Baronin schon nach Mademoiselle gerufen . Herr und Frau Pastor Jäger hatten sich unter vielen Danksagungen und Freundschafts- und Ergebenheitsversicherungen empfohlen , um auf dem Einspänner in die idyllische Ruhe von Faschwitz und unter » ihr niedriges Dach « zurückzukehren ; Oswald und Herr Timm - Bruno hatte sich schon einige Minuten vorher entfernt - stiegen die Wendeltreppe des Thurms hinauf , um sich auf ihr Zimmer zu begeben . Das ist Ihr Zimmer , so viel ich weiß , Herr Timm , sagte Oswald , vor einer der vielen Thüren stehen bleibend , die auf denselben Corridor gingen , welcher Stufen auf , Stufen ab , in vielfachen Biegungen durch alten Theil des Schlosses , wo Oswald und die Knaben wohnten und mehrere der weniger stattlichen Gastzimmer lagen , führte . Und wo ist denn Ihre Bude , Herr Doctor ? Ein paar Thüren weiter . Sind Sie sehr müde ? Nicht besonders . So erlauben Sie mir , noch ein paar Minuten mit zu Ihnen zu kommen . Ich empfinde das sehr natürliche Bedürfniß , nach all dem Unsinn , den ich geschwatzt , und habe schwatzen hören , in vernünftiger Gesellschaft eine gute Cigarre zu rauchen . So kommen Sie , sagte Oswald , der viel lieber allein geblieben wäre , aber eine zu hohe Meinung von der Pflicht der Gastfreundschaft hatte , um eine so indirecte Anrufung derselben zurückzuweisen ; ob Ihnen freilich meine Cigarren gut und meine Gesellschaft vernünftig genug - Um Gotteswillen , für heute nicht noch mehr Complimente ! rief Herr Timm ; ich bin mit dem bereits Genossenen vollkommen zufrieden . Bitte ! spazieren Sie voran - Eine reizende Bude , sagte Herr Timm , als sie in das Zimmer getreten waren , und Oswald die Lampe auf dem runden Tisch vor dem Sopha entzündet und ein Kistchen mit Cigarren aus seinem Secretair geholt hatte ; eine allerliebste Tonne für einen Cyniker , der gelegentlich bei den Sybariten in die Schule geht ; wirklich famos behaglich , für meinen Geschmack fast zu behaglich . Der große Lehnstuhl in der tiefen Fensternische , von dem man auf der einen Seite so bequem in den Garten , und auf der andern » still und bewegt « nach dem schönen Apollokopfe dort auf dem Schranke blicken kann , Natur und Kunst vis-à-vis , und man selbst mitten dazwischen , wie der Mann sagte , als er aus dem Luftballon fiel . - Die Cigarre ist superb , wirkliche Havannah und keine Stinkadores - rauchen Sie nicht ? nein ? und halten sich für Ihre Freunde und Bekannten ein solches Blatt ! - Edelster der Menschen ! der heilige Crispinus ist ja ein Straßenräuber im Vergleich mit Ihnen ! Was haben Sie denn da in der höchst verdächtig aussehenden Flasche oben auf dem Bücherbrett ? ich glaube gar Cognac - Und noch dazu alten , echten , sagte Oswald , wenigstens versichert es mein Freund , der Inspector Wrampe , der mir diese , jedenfalls geschmuggelte Flasche aufgenöthigt hat - Und noch nicht einmal entkorkt - Me herculem ! Da müssen wir doch einmal untersuchen , ob der Inspector Sie nicht belogen hat . Trinken Sie auch ein Glas Grog ? Ich nicht , aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten , sagte Oswald gutmüthig , die Flasche herabnehmend und entkorkend ; ich will auf meiner Maschine Wasser heiß machen - Bewahre ! wozu die Umstände ! kaltes Wasser thut dieselben Dienste , besonders in geringer Quantität - das ist ja ein reizender Abend , sagte Herr Timm , sich vergnügt die Hände reibend . Nun setzen Sie sich gefälligst in die Sophaecke , damit ich die Ueberzeugung gewinne , daß Sie sich so behaglich fühlen , wie sich Jemand , der nicht raucht und trinkt , überhaupt fühlen kann ; ich werde mir den Lehnstuhl heranrücken - was der Kerl für eine Wucht hat ! - und nun lassen Sie uns eins plaudern , wie es sich für zwei ehrliche Kerle geziemt , die dem ganzen Blödsinne der sogenannten guten Gesellschaft ein Schnippchen schlagen . So sprach Herr Timm , zog mit dem Fuße noch einen Rohrstuhl herbei , um seine Beine darauf zu legen , und streckte sich behaglich , den Kopf etwas hintenübergebogen , um dem Rauch seiner Cigarre bequemer und länger nachschauen zu können . Der Schein der Lampe fiel ihm dabei voll ins Gesicht und Oswald bemerkte jetzt zum ersten Male , daß Herrn Timms Züge , besonders im Profil gesehen , wo die kecken , saubern Linien zur vollen Geltung kamen , wirklich überraschend hübsch und interessant waren . Diese Entdeckung war für Oswald durchaus nicht gleichgültig . Er ging noch einen Schritt weiter als Voltaire , und hielt dafür , daß nicht nur von den Büchern , sondern auch von den Menschen das genre ennuyeux das schlimmste sei , und bei einem überaus regen und durch Studien vielfach gebildeten Formensinn ließ er sich von seiner leidenschaftlichen Liebe für malerische und plastische Schönheit in einer Weise herrschen , daß sein Gefühl des Wahren und Guten dabei Gefahr lief , nicht unterdrückt , aber doch getrübt zu werden . So war es in diesem Falle . Herrn Timm ' s formenloses Wesen und nur dünn verschleierter derber Realismus hatten ihn im Laufe des Abends ein paar mal recht empfindlich beleidigt , und er war schon entschlossen gewesen , den Verkehr mit dem übermüthigen Gesellen während dessen Verweilen in Grenwitz auf das Unvermeidliche zu beschränken ; aber während er jetzt die Umrisse des hübschen Gesichtes im Geiste nachzeichnete , hatte er den kaum gefaßten Vorsatz schon halb und halb vergessen . Wollen Sie einmal ein paar Minuten so sitzen bleiben ? sagte er , unwillkürlich nach einem Bleistift greifend , und auf dem ersten Blatte , das ihm auf den mit Büchern und Papieren bedeckten Tische in die Hände fiel , anfangend , Albert ' s Profil zu skizziren . Eine halbe Stunde , wenn Sie wollen , sagte dieser ; ich liege vortrefflich ; wenn ich nur dabei rauchen , sprechen und gelegentlich einen Schluck dieses irdischen Nektars nehmen darf . Lassen Sie sich gar nicht stören , sagte Oswald , eifrig zeichnend . Es ist doch ein merkwürdiger , alter Kasten , dies Schloß , phantasirte Albert ; ich glaube , ich habe verdammt wenig Sinn für Romantik , aber ich brauche nur den Fuß auf die Wendeltreppe zu setzen , die in diesen Flügel führt und mich umwehen Schauer des Mittelalters . Selbst meine Sprache wird eine andere , wie Sie hören , und kriegt einen Beigeschmack von van der Velde und Tromlitz . Welche Mauern ! man würde jetzt ein Dutzend daraus machen . Wenn es damals , wie zu vermuthen steht , auch Leute gegeben hat , mit denen man Thüren und Wände einrennen konnte , welche dicken Schädel müssen die gehabt haben ! Wollen Sie gefälligst einmal die Brille abnehmen ? sagte Oswald . Mit Vergnügen . Hätte ich im Mittelalter gelebt , würde ich mir nicht an der Lectüre schlecht gedruckter Schmöker die Augen verdorben haben . Wenn das Mittelalter überhaupt einen Vorzug vor unserer Zeit hatte , so ist es der , daß die Leute nichts zu lernen brauchten . Denken Sie sich : keine Schulen , keinen Cornelius Nepos , keine Geschichte des Mittelalters , keine Examina ; blos ein paar Fechtstunden bei einem alten Haudegen von Knappen , der , wie der Klosterbruder im Nathan , der Herren gar viel gehabt und von dem einen noch immer ein hübscheres Schelmenstückchen zu erzählen weiß , als von dem andern ; und dann etwa , wenn man Anspruch auf höhere Bildung machte , ein paar Lectionen auf der Laute bei einem lustigen , fahrenden Gesellen , der voller hübscher Lieder und toller Schwänke steckt , der vor tausend Thüren gesungen und eben so viel schöne Mädchen geküßt hat - das muß doch ein famoses Leben gewesen sein ! Und vor Allem diese Leichtigkeit der Ortsveränderung , diese unbedingte , oder höchstens durch ein paar handfeste Bursche , die einem in dem ersten besten Hohlweg den Schädel ein ganz klein wenig einschlagen , bedingte Freizügigkeit ! George Sand hat einmal ein hübsches Wort gesagt , das einzige , das ich aus allen ihren vielen Romanen behalten habe , wahrscheinlich weil es mir aus der Seele geschrieben war : » Was giebt es schöneres , als eine Landstraße ? « Ist das nicht prächtig ? Ist das nicht die ganze Poesie , zum wenigstens die Poesie des Abenteuerlichen , in einem Worte ? Ich könnte die Frau küssen für das Wort , obgleich sie ein Blaustrumpf ist , und ich die blauen Strümpfe hasse , wie den Teufel , oder vielmehr ärger als den Teufel , der doch im Grunde nur ein verkanntes Genie ist und als solches auf die Sympathie jedes Gebildeten Anspruch machen kann . Aber wenn Einen in unserer Zeit der Teufel und seine Helfershelfer und Diener auf Erden , die Gläubiger , plagen , wo soll man hinfliehen vor ihrem Angesicht ? Damals , in der guten alten Zeit , packte man eines schönen Morgens vor Sonnenaufgang sein Ränzel , oder in Ermangelung dessen , sich selbst , marschirte zum Thor hinaus und war , wenn man nach einer Stunde das Weichbild der Stadt hinter sich hatte , in Sicherheit , und , ehe der Abend kam , mußte einem schon so viel Abenteuerliches begegnet sein , daß man die alte Stadt und das hübsche braune Mädel darin , für die man gestern noch leben und sterben wollte , bis auf die Erinnerung vergessen hatte . - Sind Sie fertig ? Na , lassen Sie einmal sehen . Hm ! Sie zeichnen , wie der Maler Conti in der Emilia Galotti , nicht , was die Natur geschaffen hat , sondern was sie hätte schaffen sollen , wenn sie in dem betreffenden Augenblicke nicht unglücklicherweise blind gewesen wäre . Sehr hübsch in der That , aber das Original ist mir doch lieber . Und Dichter sind Sie auch , wie ich sehe . Wie so ? Nun , die andere Seite des Blattes ist ja von oben bis unten mit Versen beschrieben . Und noch dazu Sonette , die ich über Alles liebe . Ich darf sie doch lesen ? Es ist nicht des Lesens werth , sagte Oswald , den Alberts Frage sichtbar verlegen machte . - Die Verse waren an Melitta , waren in der Erinnerung an die erste köstliche Zusammenkunft im Waldhäuschen geschrieben ! Er glaubte das Blatt sicher in seinem Pult verwahrt , und bereute bitter seine Unvorsichtigkeit , die es jetzt seinem übermüthigen und , wie er fürchten mußte , keineswegs sehr discreten Gast in die Hände gespielt hatte . Glücklicherweise war Melitta ' s Name nicht genannt . Nicht des Lesens werth ? sagte Albert ; das wollen wir gleich einmal sehen . Dichter haben kein objectives Urtheil über ihre Producte . Denken Sie einmal , ich hätte der Verse gemacht und fühlte mich gedrungen , sie Ihnen verzulesen . Hören Sie zu ! Sie liebt mich ! Der Anfang ist weniger originell , als wahr . Aber Sie werden mir zugeben , daß man ein so uraltes Thema nicht immer wieder neu behandeln kann . Also : Sie liebt mich ! Herz , hör ' auf so wild zu schlagen ! Halt aus , mein Herz ! Du darfst nicht auch zerspringen , Weil er zersprang , der erste von den Ringen , Die Du so lange Jahre hast getragen ! Sie liebt mich ! wie die Wolken eilend jagen Da droben auf des Nachtwinds feuchten Schwingen ! Die Wälder rauschen und die Quellen klingen , Und Wolken , Wälder , Quellen - Alle sagen : Sie liebt mich ! O , noch schwebt auf meinem Munde Der süße Kuß , den sie mir hat gegeben In dieser holden , gnadenreichen Stunde ; Noch fühl ' ich ihre Brust an meiner beben - Die stumme , wunderbar beredte Kunde Von ihres Herzens tiefgeheimstem Leben . Wie finden Sie das ? Ich dächte , ich hätte das erste , stürmische Entzücken eines Liebenden in dem Augenblicke , wo er sich der Gegenliebe des angebeteten Wesens versichert hat , gar nicht so übel gezeichnet . Aber hören Sie weiter , wie das Allegro in ein Adagio verklingt : O sterngeschmückte , milde , heil ' ge Nacht ! Du grabesstiller , tiefer Gottesfrieden ! Du heilst die Kranken und erquickst die Müden Nach ihrer wirren , tollen Lebensjagd . Und Du hast mich so überreich bedacht , Du hast mir gnädiglich ein Glück beschieden , Wie es so groß und schön noch nie hienieden Der Erdenkinder einem hat gelacht . O Mutter Nacht , die Du uns hast geboren , Die Du uns trugst in Deinen weichen Armen , An deren Brust wir Kraft und Ruhe trinken - O , ginge einst mein holdes Glück verloren , Dann , große gute Mutter , üb ' Erbarmen , Dann laß zurück in Deinen Schooß mich sinken ! Albert hatte die Verse ohne alle Affection klar und verständig , ja mit einem gewissen Anflug von Wärme vorgetragen . Oswald wußte ihm Dank dafür . Er hatte schon gefürchtet , die Gedichte , auf die er freilich nur in sofern Werth legte , als sie ein treuer Ausdruck seiner Empfindungen waren , von dem frechen Spötter ihm gegenüber schonungslos profanirt zu sehen . Er war froh , so leichten Kaufs davon gekommen zu sein . Machen Sie nie Verse ? fragte er , indem er das Blatt nahm und in ein Heft legte , das noch andere Poesien zu enthalten schien . Ich ? sagte Herr Timm , einen tiefen Schluck aus seinem Glase thuend ; bewahre ! dazu bin ich viel zu praktisch . Die praktische Weltanschauung und die poetische vertragen sich wie Hund und Katze . Wenn das Kätzchen Poesie gerade am zärtlichsten miaut , bellt der Hund Prosa mit seiner groben Stimme dazwischen und die kleine Schwärmerin verstummt . Warum wollen Sie zum Beispiel Knall und Fall sterben , wenn Ihnen das » holde Glück « , wie Sie es nennen , verloren geht ? Das ist doch so unpraktisch wie möglich . Warum sagen Sie nicht statt : » Dann laß zurück in Deinen Schooß mich sinken « - » Dann laß mich schnell in andere Arme sinken « - oder dergleichen , wodurch das Gemüth des Hörers beruhigt und vor seinem Auge eine höchst angenehme Perspective aufgethan würde . Was habt Ihr Poeten denn überhaupt davon , einem das bischen Vergnügen , das man sich noch allenfalls auf diesem melancholischen Planeten verschaffen kann , geflissentlich zu verkümmern ! Aber freilich , ich spreche davon , wie ein Blinder von der Farbe . Vielleicht befindet Ihr Euch dort oben in Wolkenkukuksheim , Alles in Allem , doch besser , als wir auf der höckrigen Erde , wo man von Hühneraugenschmerzen und anderen irdischen Empfindungen , die Euch luftigen Gesellen erspart sind , gar viel zu leiden hat . Ich habe mir schon manchmal gewünscht , ich hätte ein bestimmt ausgesprochenes Talent für diese oder jene Kunst : Poesie , Musik , Hühneraugenoperiren , Malerei , Grimmassenschneiden , Plastik , Gliederverrenken - gleichviel , nur irgend einen Sparren , an dem man sich halten kann , wenn einem die Wellen des Lebens über den Kopf zusammenschlagen . Ich erinnere mich , einmal in einer Thierbude an einem Dachs gesehen zu haben , welcher Segen im Unglück ein solches Talent ist . Die übrigen talentlosen Bestien liefen wie verrückt in ihren Käfigen umher , oder brüllten vor Wuth und Hunger , oder ergaben sich im besten Falle einer stummen Verzweiflung . Meister Dachs dagegen , seinem angeborenen künstlerischen Triebe folgend , arbeitete unverdrossen an einer imaginären Höhle in dem Boden seines Käfigs , kratzend , kratzend , immer kratzend , vom Morgen bis zum Abend . Er vergaß dabei augenscheinlich Hunger und Kälte , vergaß , daß er gefangen war ; in der Ausübung seines Talents , selbst unter so verzweifelt ungünstigen Verhältnissen , seine Seligkeit findend . Ich wollte , ich wäre so ein Dachs ! - Der Cognac ist wirklich superb , Sie sollten auch ein Glas trinken , Doctor , um die Wolken von Ihrer Apollostirn zu verscheuchen . - Aber ich habe zu Allem Talent , das heißt zu Nichts . In meiner Jugend war ich weit und breit als ein Wunderkind verschrieen , weil ich wie ein Staarmatz Alles nachpfiff , was mir die Andern vorpfiffen . Der Junge wird ' s einmal weit bringen , sagten die albernen Menschen , wenn ich wieder einmal so eine erstaunliche Probe meines Gedächtnisses , in welchem alles Dumme und Kluge gleich fest haftete , zum Besten gab . Ich wollte , ich hätte sitzen und schwitzen müssen , wie die andern armen Jungen , denen ich damals die Exercitien machte und die dafür jetzt gemachte Leute sind , während ich nicht viel Besseres bin , wie ein Vagabund . Aber , vive la joie et vive la bagatelle ! Es muß auch Vagabunden geben , aus dem einfachen Grunde , weil es sonst keine soliden Leute gäbe . Die Vagabunden sind das Salz der Erde , oder wenigstens der fliegende Same , der die sonst fest am Boden klebende , und am Boden verrottende Cultur über die ganze Erde verbreitet . Vagabunden gründeten Karthago . Vagabunden gründeten Rom . Was soll ein ehrlicher Kerl , der in Europa nicht mit einer echten Havannah-Cigarre im Munde geboren ist , anders thun , als nach Amerika auswandern , wenn er das sehr natürliche Bedürfniß empfindet , einmal eine echte Cigarre zu rauchen , und sie nicht gerade stehlen will , oder nicht das Glück hat , einen so liebenswürdigen Menschen aufzutreiben , wie Sie , der Sie sich echten Cognac und echte Cigarren für Ihre Bekannten halten und dabei noch die Gutmüthigkeit haben , dem Geschwätze dieser Bekannten zuzuhören , obgleich Ihnen die Augen beinahe vor Müdigkeit zufallen . Der Tausend ! Der Inhalt der Flasche hat sich fast um den dritten Theil seines Volumens verringert . Wie vergänglich doch alles Irdische ist ! Buona notte , Don Oswaldo ! dormite bene und träumen Sie dolce von den bei occhi della donna bella , amata , immaculata Ihrer Sonette . Ich für mein Theil will , wie Hamlet , beten gehen , denn nicht einmal zum Schlafen habe ich Unglücklicher Talent , geschweige denn zum Träumen . Gute Nacht , Dottore ! Gute Nacht ! sagte Oswald , sich schlaftrunken aus seiner Sophaecke erhebend und Albert bis zur Thür begleitend . Keinen Schritt weiter , Dottore ! sagte dieser , Alles hat seine Grenzen ! und als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte , blieb er noch einen Augenblick stehen , legte den Daumen seiner rechten Hand an die Nase , die übrigen vier Finger schnell bewegend - eine Geste , die für Oswald weniger schmeichelhaft , als für das kindlich-harmlose Gemüth des Herrn Timm bezeichnend war . Dreißigstes Capitel Der drückenden Hitze , die in der letzten Zeit geherrscht hatte , folgten einige kühle regnerische Tage . An solchen Tagen erschien Schloß Grenwitz noch öder und einsamer , als gewöhnlich . Sonst kam , wenn auch Niemand anders , doch wenigstens der Sonnenschein zum Besuch , und blieb bis zum Abend und drang in alle Räume , selbst in die verschlossenen Gesellschaftszimmer des oberen Stocks , wo er flüchtig über die Stühle und Sophas mit den kostbaren , obgleich ein wenig verblichenen Damastüberzügen weghuschte und hier und da ein Bild an der Wand begrüßte , das er schon seit hundert Jahren und darüber kannte . Sonst waren , wenn weiter auch Niemand , doch wenigstens die Spatzen lustig und guter Dinge , die in den Löchern des alten Thurmes und in den Stuckornamenten des Neubaues nisteten und schon vom frühesten Morgen sich so ungenirt über ihre Angelegenheiten unterhielten und zankten , als ob das Baronenschloß ihnen nicht mehr Achtung abnöthigte , als eine Bauernscheune . Und wem es trotz alledem zu einsam und öde im Schlosse wurde , der konnte in den Garten hinabgehen , wo die Blumen in noch viel schöneren und vor allem frischeren Farben prangten , als die Tapeten und die Stühle und die Sophas drinnen in den Prunkzimmern , wo über den bunten Blumen sich bunte Schmetterlinge wiegten , wo die Vögel jubilirten , die Bienen geschäftig summten und für den , welcher Augen hatte , zu sehen , und Ohren , zu hören , allüberall ein wundersames , still geschäftiges , an Leiden und Freuden reiches Leben herrschte . Das war nun Alles anders an Regentagen . Da konnten sich die Bilder an der Wand ohne Furcht vor dem neugierigen Sonnenschein mit den Stühlen und Sophas alte , gemeinsam erlebte Geschichten erzählen , so viel sie wollten ; da ließen selbst die Spatzen ihre ewigen Streitigkeiten für den Augenblick ruhen , oder bissen sich in aller Stille um die besten und trockensten Plätze ; und in dem Garten ließen die Blumen die regenschweren Köpfchen hangen ; und all ' das bunte , reiche Leben schien erstorben . In den nassen Gängen und über die Beete weg spielten die Winde Haschens und zerzausten dabei mitleidslos die armen Blumen , und warfen die Bohnenstangen um und fuhren die Bäume hinauf , und schüttelten und rüttelten an den Aesten , daß die schlanken Zweige hinüber und herüber rauschten . Dies melancholische Wetter paßte nur zu gut für Oswalds Stimmung . Seit dem Tage in Barnewitz war eine Veränderung mit ihm vorgegangen , die er sich selbst kaum zu erklären wußte . Es war , als ob ihm plötzlich ein dichter Schleier über die Augen gefallen wäre , durch den hindurch ihm Alles farblos und reizlos erschien ; es war , als ob ihm eine feindliche Hand Wermuth in den Kelch des Lebens gemischt hätte , aus welchem er in der letzten Zeit mit so vollen , gierigen Zügen getrunken . Selbst das Bild der schönen lieben Frau , die in dem Allerheiligsten seines Herzens thronte , schien seine Wunderkraft verloren zu haben . Wo war all ' die Seligkeit geblieben , die ihn sonst bei der Erinnerung an sie und an die einzig wonnigen Stunden , die er mit ihr verlebt hatte , erfüllte ? wo die ruhelose Sehnsucht nach ihrem Anblick , nach dem Ton ihrer Stimme ? wo die fieberhafte Ungeduld , mit der er die Sonne in ihrem Lauf verfolgte und die Nacht herbeiwünschte , unter deren Schutz er sich die enge Treppe , die dicht neben seinem Zimmer in den Garten führte , hinabstahl , um zu ihr zu eilen , die seiner in der verschwiegenen Kapelle harrte ; ihm oft schon , ohne Furcht vor den Schauern der Nacht und der Einsamkeit , in dem Walde unter den hohen , ernsten , finstern Bäumen entgegenkommen war ! - Und doch wußte er , daß sie jetzt einsam um ihn trauerte , daß sie ihm längst vergeben hatte , was sein knabenhafter Trotz und seine kindische Laune an ihr gefrevelt : daß kein strafendes Wort , kein vorwurfsvoller Blick ihn empfangen würden , wenn er zu ihr zurück käme ; daß sie freudig ihre Arme ausbreiten und ihn an ihr liebevolles Herz ziehen würde . Ach ! nicht an ihr zweifelte er , nicht an ihrer Liebe , aber an sich selbst , an seiner Liebe ! Wie dumpfes Glockenläuten , wie Grabgesang tönten ihm noch immer die letzten Worte Oldenburg ' s : Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben ? wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz ? und eine Stimme , die er nicht zum Schweigen bringen konnte , raunte ihm zu , wo er auch ging und stand und selbst des Nachts in seinen wirren Träumen : Du nicht ! Du nicht ! - In den Linien Deiner Hand steht es ja geschrieben ! Das braune Weib im Walde sah es ja auf den ersten Blick : Du kannst nicht treu sein : Du nicht ! Du nicht ! - Und als Du zu Melitta ' s Füßen sankst , und den Schwur der Liebe und Treue stammeltest , schloß sie Dir den Mund , ängstlich , hastig , als wollte sie Dir das Verbrechen des Meineids ersparen : o , schwöre nicht ! Ich kann Dir Liebe schwören nun und Treue auf immerdar , aber Du nicht ! Du nicht ! - Regenwetter ! wie der Wind die Tropfen gegen die Fensterscheiben jagt , daß sie trüb werden wie verweinte Augen ! wie schwer und tief die Wolken schleppen , die grauen Trauermäntel , als würden sie mit dem Saum die Wipfel der Pappeln drüben auf dem Schloßwalle streifen ! Wer doch da draußen läge in der schwarzen nassen Erde , überhoben aller Qual des Zweifels und der Reue ! Wer doch Theil haben könnte an dem ewigen Frieden der Natur ! wer doch Eines sein könnte mit den Elementen ! mit dem Winde über die Erde brausen , mit der Flamme zum Himmel lodern , mit dem Wasser des Stromes im Ocean verrinnen könnte ! Hat die schwermüthige Weisheit der Inder Recht ? und ist das ganze Menschenleben nur ein ungeheurer Irrthum ? sind wir Alle , Alle nur verlorne Söhne , die das Haus des guten alten Vaters verließen , um uns von Träbern zu nähren ? Und ist es wahr , daß wir zu jeder Zeit zu ihm zurückkehren können ? daß wir zurücksinken können in den Schooß der lieben Mutter Nirwana , der uranfänglichen Nacht , wenn wir es nur von ganzem Herzen wünschen ? Von ganzem Herzen ? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz zum Leben und zum Sterben ? Du nicht ! Du nicht ! - O , wer sich selbst vertrauen könnte ! Wie in eine Götterwolke gehüllt , würde er die Gefahren des Lebenskampfes unverletzt durchwandeln , und , wenn er fällt , als Held fallen , mit der Todeswunde auf der stolzen Stirn , in der muthigen Brust . So aber ringst du mit dem feigen Zweifel , dem jähen Schwindel , der uns auf steiler Felsenhöhe packt , unser Blut gerinnen macht , die Kraft unserer Sehnen löst , und uns zuletzt rettungslos in den Abgrund schleudert . Oswald hob seufzend den Kopf von dem Fensterkreuz und lauschte . Eine helle Tenorstimme sang ein lustiges Wanderlied . Wohl Dir , murmelte Oswald ; der Du singend die Straße des Lebens einherziehst und der Gefahren des Weges spottest . Er schwankte einen Augenblick , dann ging er , seinen munteren Stubennachbar aufzusuchen . Albert brauchte nicht mehr Zeit , sich an einem fremden Orte einzurichten , wie ein Araber , um sein Zelt aufzuschlagen . Und von einer Einrichtung konnte eigentlich bei ihm keine Rede sein . Er überließ es jeder seiner Sachen , deren nicht viele waren , sich in seinem Zimmer einen Platz zu suchen . Wollte der eine Stiefel lieber auf dem Stuhle stehen und der andere mit dem Absatz nach oben auf der Erde liegen - er hatte nichts dagegen . Fand es der Frack , das einzige , einigermaßen respectable Kleidungsstück , dessen er sich erfreute , behaglich , in einer Ecke des kleinen , melancholisch aussehenden Koffers zu einem unförmlichen Bündel geballt , zwischen schmutziger Wäsche sein Dasein zu vergessen , - er wollte ihn in seinem Vergnügen nicht stören . Und er selbst , der glückliche Besitzer all ' dieser emancipirten Herrlichkeiten , stand trotz des kühlen Wetters in Hemdsärmeln über ein großes Reißbrett gebeugt und pfiff und sang und zeichnete , und lachte Oswald wegen seiner Leichenbittermiene , wie er es nannte , aus . Dottore , Dottore ! rief er , Sie sehen aus , als ob Sie von dem Grog , den ich gestern Abend getrunken , den wildesten Katzenjammer gehabt hätten ! Wahrhaftig , Sie beschämen das Wetter ! Die Wolken draußen sind ja verglichen mit denen auf Ihrer Stirn in hundert bunten Farben schimmernde Seifenblasen ! Haben Sie je als Junge an einem schönen hellen Sommermorgen in der Bodenluke gesessen und aus einem kleinen Stummel von Thonpfeife bunte Seifenblasen in die blaue Luft hinausgesandt , während unten zwischen den bleiernen Soldaten auf dem großen Tisch der Kinderstube ein angefangenes lateinisches Exercitium lag , für dessen fragmentarischen Zustand Sie ein paar Stunden darauf von Ihrem Lehrer die schönsten Prügel besahen : Sehen Sie , das ist das Bild des Lebens . Unser Wissen ist Stückwerk , und unsere besten Exercitien bleiben Stückwerk , die buntesten Seifenblasen zerplatzen , und die derbsten Prügel fühlt man eine Stunde nachher nicht mehr