, die Mazzini nach altrömischer , d.h. heidnischer Weise , im Kapitol den alten Göttern darbrachte und somit die katholische Kirche absetzte , wie denn auch des Papstes weltliches Regiment abgesetzt war . Aber , o Jammer ! auch im Kirchenstaat war man noch nicht reif für die rote Republik , und sogar verschiedene , wohl applizierte Dolchstöße , vulgo Meuchelmorde , wollten nicht die gehörige Überredungskunst üben . Rom war eingeschüchtert - was sich begreifen läßt ! - gewonnen nicht . Die Banditenwirtschaft , wie wir auf gut deutsch sagen , ging zu Ende , die Banditenhäuptlinge Mazzini und Garibaldi suchten das Weite ; der Papst kam wieder , die Kardinäle kamen wieder , die katholische Kirche brauchte nicht wieder zu kommen , denn es zeigte sich , daß sie , trotz der gräßlichsten Mißhandlung der Geistlichen , immer dagewesen war - und mein Florentin ging nach Amerika . « » Möge er da bleiben ! « rief die Baronin Isabelle aufgeregt . » Ich hoffe , lieber Schwager , Sie nehmen diesen verwilderten Menschen nicht zu Gnaden an . « » Hat er Dir das alles wirklich eingestanden ? « fragte der Graf . » Eingestanden ? « rief Orest ; » o keinegswegs ! Geprahlt hat er mit den Großtaten der heroischen Republikaner ! geprahlt mit der Hingebung an die Befreiung der Völker in politischer und religiöser Beziehung ! geprahlt mit dem Haß gegen Kirche und Priestertum ! « » Auch geprahlt mit dem Meuchelmord ? « fragte Regina . » Mit jener Kälte davon gesprochen , wie andere Deutsche seiner Farbe im Jahre 1848 von dem Morde Lichnowsky ' s , Auerswald ' s , Lamberg ' s , Zichy ' s etc. etc. sprachen . Solche kleine Zufälle haben ja nicht das mindeste bei dem erhabenen Gange der Revolution zu bedeuten ! Was tut ' s , wenn ein paar armselige Reaktionäre , die , als solche , Verräter an der Sache des Volkes und der Freiheit sind , mit einem Stilett bei Seite geschafft werden ! Was tut ' s , daß die halbe Welt untergeht , wenn nur die andere Hälfte als rote Republik floriert ! so redet Florentin und die Florentine - das kennt man zur Genüge ! « » Was machte er denn in Amerika ? « fragte der Graf . » Da gefiel es ihm durchaus nicht , « erwiderte Orest . » Ich fragte ihn , ob er sich dort nicht recht gut als Arzt habe durchbringen können ? Er behauptet Nein ! - Ein Arzt , der zu Fuß seine Patienten besuche - bekäme keine Praxis . Wer Vermögen habe , oder wer sich auf Handels- und Spekulationsgeschäfte gut verstände , der könne in Amerika Seide spinnen . Auch der Urwäldler . Aber Geld und Arbeitskräfte müsse man tüchtig mitbringen . Übrigens habe er gar nicht den Beruf , im freien Amerika zu leben . « » Das glaub ' ich ! « sagte der Graf ; » auf Windeck lebt sich ' s anders ! Nun , was ist denn sein Beruf ? « » Europa zur Freiheit zu verhelfen ! Jetzt sitzt er hier und wartet auf seine Zeit - schwört aber darauf , daß sie kommen müsse . « » Wovon lebt er denn ? « » Darüber rückte er nicht mit der Sprache heraus ! Ob sie eine Bundeskasse haben , welche von den Reichen der Partei genährt wird , ob sie kommunistisch leben , ob er Mitarbeiter an einem Journal ist , ob er Unterricht in der deutschen Sprache gibt , ob das alles zusammen ? ich kann ' s nicht behaupten ! Auch England schien ihm nicht sehr zu behagen . Er machte wütende Ausfälle gegen die Wucht , womit die Klasse der Besitzenden , sowohl in der Aristokratie , als in der Industrie und der Bank , auf der Klasse der Nichtbesitzenden drücke . « » Er muß sich in eine Geßner ' sche Schäferwelt begeben , « sagte die Baronin , » wo die ganze Gesellschaft mit weißen Kleidern mit rosenfarbenen Schleifen zarte Lämmer an himmelblauen Bändern spazieren führt ! denn die ganze wirkliche Welt ist ja zu schlecht für seine erhabene Persönlichkeit . « » Einstweilen wünschte er nach Geßner ' s Heimat zu gehen , nach der Schweiz . In Ermanglung jener Idylle findet er dort Gesinnungsgenossen . Auch ist er dort näher an Deutschland , und darauf hat er nun einmal zärtlichst sein Augenmerk geworfen . « » Nun , und wie kamt Ihr auseinander ? « fragte der Graf . » Hat er sich gar nicht nach Papa und Onkel Levin erkundigt ? « fragte Corona . » Doch ! nach der ganzen Familie . « » Gott sei Dank ! das ist doch wenigstens menschliches Gefühl ! « seufzte die Baronin aus tiefer Brust . » Als ich ihm sagte , Onkel Levin sei heiligmäßig wie sonst , der Papa aristokratisch wie sonst , Hyazinth ultramontan wie sonst , Uriel Gentleman wie sonst , die Damen fromm und andächtig wie sonst , und ich Bruder Lustig wie sonst : da gab er mir zur Antwort : Ja , ihr seid und bleibt Windecker ! - Versteht sich ! rief ich ; ächte Windecker ! Keine untergeschobenen Wechselbälge ! - - Nein , sagte er darauf , kein einziger ist von dem Stoff , dem die Zukunft gehört . Ich wollte ihn herbringen ; aber durchaus nicht ! Unsere Wege sind geschieden - wiederholte er . « » Wenn es so mit ihm steht , hat er recht ! « sagte der Graf . » Das ist der Dank , den Florentin Hauptmann für die Windecker hat ! « » Und wie trenntet Ihr Euch ? « fragte die Baronin . » Er schrieb mir seine Adresse in mein Notizenbuch , « sagte Orest , » und ich gab ihm eine Hundertpfundnote . « » Was ! bist Du rasend ! « rief der Graf . » Lieber Onkel , ich sagte ja , daß er gern nach Geßners Heimat wollte , entgegnete Orest gelassen . « » Was Geßner ! was Heimat ! er ist ein Revolutionär und geht nach der Schweiz , um von dort aus das Gift seiner Prinzipien bequemer zu uns herüberzuspritzen - und das erleichterst Du ihm ! Er würde uns allen ganz getrost das Fell über die Ohren ziehen - und Du fütterst ihn dazu auf ! « » Ja , Onkelchen ! so unterscheidet sich Orest Windeck von Florentin Hauptmann ! er hat mir als Kind das Leben gerettet : dafür bleib ' ich ihm dankbar , so lange ich lebe . Windecker Art knausert nicht um ein paar Gulden ! « » Paar Gulden ! « brummte der Graf ; » eine Hundertpfundnote sind zwölfhundert Gulden ! « » Corpo di Bacco ! zwölfhundert Gulden ! « rief Orest höchst verwundert . » Das ist stark ! - hätte ich das gewußt ! - Aber bei dem unendlichen Ideenreichtum meines Kopfes kann ich unmöglich das Verhältnis der fremden Geldsorten zu den unseren immer gegenwärtig haben . Nun , hin ist hin ! - Morgen will ich aber den Florentin besuchen . Vielleicht treffe ich eine ganze rote Bande beisammen . « » Nimm Dich in acht ! « rief Corona ängstlich ; » sie könnten Dich auch erdolchen ! « » Ich bin für diese Ehre zu gering , « erwiderte Orest lachend . » Aber wo wohnt er denn - der Florentin ? im Westende schwerlich ! « Orest zog sein kleines Notizenbuch hervor und durchblätterte es vorwärts und rückwärts . Plötzlich rief er : » Schau ! der Florentin ! statt seine Adresse einzuschreiben , hat er ganz leise ein Blatt herausgerissen . Mein Besuch war ihm also nicht angenehm . Servus ! die Sache ist abgemacht . - Jetzt , Königin und Krone , verwandelt Euch in Amazonen ! es wird einen herrlichen Ritt geben in der Abendkühle unter den Eichen von Hyde-Park . « - » Welch eine konfuse Welt ! « sprach Regina heimlich zu sich selbst , als sie später mit Hunderten von Reitern und Reiterinnen auf dem smaragdgrünen Rasen und unter den kräftigen Eichen von Hyde-Park ihr Pferd tummelte , während in unabsehbarer Reihe die elegantesten Wagen hinter einander fuhren , lauter ächtes Equipagen-Vollblut , nirgends unterbrochen durch den gemeinen Eindringling Fiakre , dessen Räder noch nie Hyde-Parks aristokratischen Boden entweiht haben . Über diese hochfahrende Herrlichkeit glitt Regina ' s gedankenvolles Auge hinweg und sah im Geiste die rote Republik , die dahinter lauert , und den Abgrund , der daneben gähnt , und in den dieser ganze Weltprunk hineinprasselt , wenn ein Ruck die künstlich empor geschraubte Maschinerie der modernen Civilisation in ihrer schwindelnden Steigerung aufhält . Sie dachte an Florentin und an Judith . Was war aus dem Pflegesohn ihrer Eltern , aus dem brüderlichen Gefährten ihrer Kindheit geworden - und was konnte noch aus ihm werden ? Was war aus dem jungen Mädchen geworden , das mit ihr gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgetreten war und jetzt , außerhalb derselben auf der Bühne stand ? Florentin lebte und webte in Haß und Groll gegen diese goldübertünchte Civilisation ; Judith lebte und webte durch sie und von ihr . Er - ein Revolutionär ; sie - eine Opernsängerin ; beide - durch Zufall zusammengeführt mit den Windeckern im Tempel dieser Civilisation : im Kristallpalast ! - O heiliger Karmel ! eröffne mir deine Einsamkeit , deine Armut , deine Stille , seufzte Regina aus tiefster Brust . Öffne mir deine ascetischen Zellen ! ich verlange nach ihnen , nicht als nach Zaubergrotten voll überirdischer Freudenfeste , sondern als nach den Katakomben , in denen die ersten Christen die Welt besiegten . Die Nachtigall von Cintra Auch Judith war an dem Abend in Hyde-Park und stärkte sich in der erfrischenden Abendluft gegen die qualmende , drückende Schwüle , die ihrer in der Oper harrte , wenn sie zum hundertsten Male als Desdemona das Publikum in einen Rausch des Entzückens versetzte . Sie fuhr in einer leichten , offenen , dunkelblauen Kalesche , die mit weißem Damast ausgeschlagen und mit zwei brausenden Apfelschimmeln bespannt war . Sie saß in ruhender Stellung ganz allein im Wagen . Neben ihr auf dem Sitz stand ein zierliches Körbchen , mit kirschrotem Atlas weich und warm gefüttert , und darin lag ein brasilianisches Äffchen , nicht länger als ihre Hand , das sie zuweilen mit großem Interesse betrachtete . Sie trug ein ganz einfaches weißes Kleid und statt des Hutes die spanische Mantille , von schwarzem Tafft mit breiter schwarzer Spitze , die über den Hinterkopf geworfen und auf der Brust zusammengeschlagen wird . Über dem linken Ohr war , ächt andalusisch , eine prächtige dunkelrote Nelke angesteckt . Ein großer spanischer Fächer , auf dem eine ganze Hirtenwelt aus Arkadien im zierlichsten Rokoko paradierte , diente ihr zugleich als Spielwerk und als Schirm gegen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne . Judith war unbeschreiblich schön . Ihr marmorfarbenes Antlitz ruhte in dem schwarzen Rahmen der Mantille , wie eine zarte antike Gemme in weißen und dunkeln Onyx geschnitten . Daß ihr Mund schon nicht mehr die vollkommene Reinheit der Linien hatte , welche ihren Zügen einen so edlen Charakter gab , daß er schon einen Anflug von dem komödiantenhaften Etwas hatte , das aus der Gewohnheit hervorgeht , Leidenschaften , heftigen Empfindungen , fremdartigen Seelenzuständen den entsprechenden mimischen Ausdruck zu geben , würde höchstens ein Ernest bemerkt haben . Wie bei der italienischen Korsofahrt bewegten sich auch hier die Wagen langsam hintereinander her , hielten auch zuweilen ganz still . Man will nicht bloß Luft schöpfen , man will auch sehen , auch gesehen werden , auch sich unterhalten mit den Reitern , die den Inhaberinnen der Wagen - denn selten sind es Inhaber , oder sie sind doch nicht allein ! - ihre Huldigung bezeigen . Zur Konversation aber hatte Judith nicht die mindeste Lust . Jeden Gruß , den sie beachtete - und sie beachtete nicht jeden - erwiderte sie mit einer ganz leichten Neigung ihres schönen Kopfes , ohne eigentlich den Grüßenden anzusehen . So schnitt sie die Möglichkeit eines Gespräches ab . Man mußte die grenzenlose Unverzagtheit eines Orest besitzen , um sich durch ein so frostiges Benehmen nicht zurückschrecken zu lassen . Orest war an der Wagenreihe hinabgeritten , um sich die Damen und die Pferde in der Nähe zu betrachten . Als er sich Judiths Wagen nahte , fiel es ihm ein , sie in italienischer Sprache zu begrüßen , und es schien ihr angenehm zu sein , denn sie erwiderte ihm zwei Worte . Das war ihm gerade genug , um zu sagen : » Welchen Zauber hat denn dieser Fächer , Signora ? Sie würdigen Ihres Blickes nur seine Bilder - aber nicht das großartige Bild der schönen Welt von Europa . « » Großartig und schöne Welt - sind zwei Worte , die nicht zusammen gehören , « sagte Judith . » Das Großartige liegt außerhalb der schönen Welt . « » Nicht immer ! « entgegnete Orest . » Wenn Sie das ernsthaft behaupten wollen , so bin ich wirklich neugierig auf ein einziges Beispiel . « » Die großartige Schönheit befindet sich mitten in der schönen Welt . « » Selten ! « sagte sie ablehnend . » O Signora ! « rief Orest , » Sie haben ein einziges Beispiel haben wollen und so rede ich auch nur von einer einzigen Schönheit . « » Dies paßt vortrefflich auf meine Nanko , « entgegnete Judith . » Schade , daß sie es nicht versteht . « » Wer ist Ihre Nanko , Signora ? « » Hier mein Äffchen , « sagte Judith , nahm es aus dem Körbchen , steckte den Ring an ihren Finger , der an einem Ende des goldenen Kettchens hing , das um Nankos Hals geschlungen war , und setzte das kleine graziöse Tier auf ihre Hand . » Bei Gott , ein allerliebstes Tierchen ! « rief Orest mit so aufrichtiger Bewunderung , als habe er wirklich Nanko ' s Schönheit im Sinne gehabt . » Sehen Sie , Graf ! « sagte Judith , » Nanko schweigt und meine Fächerbilder schweigen ; darin besteht der Zauber , nach dem Sie fragten . « Ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen , entgegnete er : » Sie haben am allerwenigsten das Recht , dem Schweigen eine Lobrede zu halten ! Ihre Kunst und Ihr Genie sind nicht stumm . « Judith schwieg und bettete ihren Affen wieder in den roten Atlas . Orest fuhr fort : » Wenn wir nun aber einmal der Norma und Desdemona gegenüber so stumm wären , wie Signora Giuditta es uns gegenüber ist - was würden Sie dann sagen ? « » Dann würde ich sagen , daß man sich in London nicht auf die Kunst versteht , « antwortete Judith - und da man eben auf einem Punkt angelangt war , wo die Wagen wendeten , sagte sie zu dem Bedienten : » Nach Hause ! « nickte Orest einen kühlen Gruß zu - und dahin flogen die Apfelschimmel . Schau ! eine perfekte Komödiantin .... aber im großen Stil ! sagte Orest vergnügt zu sich selbst ; der kleine genre ist auch nachgerade langweilig . Und munter sprengte er zu seiner Gesellschaft zurück . - Einige Stunden später war er mit dem Grafen in der italienischen Oper , wo die ganze haute volée beisammen war , um Desdemona ' s tragisches Schicksal zu bewundern und zu beweinen . Denn auf der Bühne war Judith hinreißend , voll Leben , voll Feuer , voll Bewegung , voll tiefer Empfindung und auch im Ausdruck heftiger Leidenschaft immer edel . Ihre mächtige Stimme durchdrang mit einem goldenen Glockenton den ungeheuren Raum , herzerschütternd im tiefen , gehaltenen Ausdruck großer Schmerzen , sinnbezaubernd in den perlenden Fiorituren der Fröhlichkeit , des Glückes , der Zärtlichkeit . Die Damen zerflossen in Tränen , die Herren erschöpften sich in Beifallssturm . Seit der Pasta und der Malibran hatte man keine solche Stimme von solchem Metall und solcher Ausbildung , verbunden mit einem so hinreißenden theatralischen Genie , in der italienischen Oper gehabt . Mit Giuditta ' s goldener Stimme verglichen , hatten die Sontag und die Lind nur Silberstimmen , und deren anmutiges Darstellungstalent verschwand vor den Kunstschöpfungen dieser tragischen Muse . Man erzählte , sie habe geäußert , die Desdemona mache ihr den Eindruck von Orangenblütenduft in einer italienischen Sommernacht - so viel Glut und Zartheit liege in dem Charakter . Das war genug , um einen Regen von Orangenblüten hervorzurufen , mit dem die Bühne überschüttet wurde , als Desdemona auftrat . Die krankhafte Exaltation der Zeit für Erscheinungen in der Theaterwelt hatte sich auch der kühlen , baumwollspinnenden Söhne Albions bemeistert - wenn auch nicht bis zu dem Grad von Wahnwitz gesteigert , der sich auf dem Kontinent an manchen Orten kund gab . Der Gegenstand dieser Bewunderungsexplosion blieb auch auf der Bühne stets in ruhiger Haltung - und das gefiel nur umso mehr . Die Schicksalswendung , welche Judith getroffen hatte , war nicht geeignet , um ihr Welt und Menschen in einem lieblichen Lichte darzustellen . Der gänzliche Umsturz seiner glänzenden Verhältnisse hatte Judiths Vater geistig entkräftet . Er fühlte sich außer Stande , noch einmal - und zwar bei sechzig Jahren - das Riesenwerk des Reichwerdenwollens von vorn wieder anzufangen . Madame Miranes , die ihr Leben lang nichts anderes getan , als Geld ausgegeben hatte , war eine Ausnahme unter den Töchtern ihres Volkes , verstand nichts von Geschäften , von Einschränkung ihres Luxus , von einem Leben nach ganz niedrigem Maßstab der Finanzen , und anstatt ihrem Mann seine traurige Lage tragen zu helfen , erschwerte sie ihm die Last . Judith stand zwischen dem kraftlosen Vater und der verzweiflungsvollen Mutter , ganz bereit , ihn zu unterstützen und sie zu trösten , denn der Verlust des Vermögens und der damit verknüpften gesellschaftlichen Stellung berührte sie nicht tief . Sie war noch jung genug , um zu wähnen , daß man auch ohne das zur Geltung gelangen könne , und es war ihr ungemein schmerzlich , daß sich die Klagen ihrer Eltern hauptsächlich um das Unglück drehten , welches die Aussichten der Tochter betroffen habe . Die Familie ging nach Bordeaux , Vaterstadt der Madame Miranes , wo ihre Brüder , zwei wohlhabende Männer , lebten . Mit der Bereitwilligkeit , Verwandten fortzuhelfen und zu dienen , welche sich nicht immer in christlichen Familien findet , boten beide Schwäger dem Herrn Miranes die Mittel , um einem befreundeten Hause in Lissabon sich anzuschließen . Dies war nun freilich eine ganz beschränkte und untergeordnete Lage im Vergleich zu der früheren ; allein Madame Miranes war herzlich froh , der Heimat zu entrinnen , wo sie unaufhörlich an den entschwundenen Glanz ihrer Vergangenheit erinnert wurde ; und Herr Miranes fühlte nur zu gut , daß ihm nicht mehr die energische Tätigkeit früherer Jahre zu Gebote stehe , um nicht mit dem beschränkten Spielraume zufrieden zu sein . Allein das Glück war ihm nicht mehr hold . Die Geschäfte dieses Hauses nahmen keine günstige Wendung , Herr Miranes kränkelte mehr und mehr , Madame Miranes langweilte sich mehr und mehr ; Judith litt für ihre Eltern . Für sich selbst wäre sie recht glücklich gewesen ! Sie bewohnten ein kleines Landhaus in den Citronenhainen von Cintra , das in seiner poetisch bezaubernden Wildheit vier Stunden landeinwärts von Lissabon an die schroffen Felsenausläufe der Gebirge von Estremadura sich lehnt . Judith erkletterte diese Felsen , durchstreifte diese Bergabhänge voll Kastanienwälder , diese Ebene voll Citronenhaine , wo sich so wenig Spuren von Kultur und Civilisation finden , und die Natur noch so ungestört einen ursprünglichen Stempel von wilder Schönheit und melancholischer Poesie trägt . Aber gerade das , was ihr gefiel , verabscheute ihre Mutter . Madame Miranes begehrte von der schönen Natur nichts weiter , als einen macadamisierten Weg . um spazieren zu fahren - und den gab es nicht zwischen Cintra und Lissabon , vielleicht nicht in ganz Portugal . Was lag ihr an malerischen Bergpartien , die man zu Fuß oder zu Esel mühselig aufsuchen muß ! Auch ihr Landhaus war weit entfernt von der Eleganz ihrer Frankfurter Villa , war fast ärmlich eingerichtet . Die pyrenäische Halbinsel hat das Glück , mit dem erdrückenden Komfort des Lebens noch nicht behaftet zu sein , der wie ein Alp auf Mitteleuropa lastet und es entnervt . Wo die materielle Bedürftigkeit eine so ungeheure Bagage mit sich schleppt , da müssen höhere Bedürfnisse vorkommen . Das soll nicht heißen , als würde diese auf der pyrenäischen Halbinsel besonders gepflegt ; daß es nicht geschieht , hängt mit anderen Gründen zusammen , namentlich mit dem einen , daß die halbe und oberflächliche Bildung gewisser Klassen verkehrten Fortschrittsideen die Oberhand gibt , und dadurch eine Revolutionsphase nach der anderen herbeiführt . Unter manchem Druck , der von England ausgeht , schmachtet die pyrenäische Halbinsel ; allein die Bürde des englischen Komfortes belastet sie noch nicht - und ach ! wie sehr seufzte Madame Miranes gerade danach ! - Judith wurde angesteckt von der Niedergeschlagenheit ihrer Eltern . Sie hing an ihnen mit zärtlicher Ehrfurcht , und der Wunsch , ihrem späteren Alter den Glanz der äußeren Verhältnisse zurückzugeben , wurde immer lebendiger in ihr . Sie wußte nur durchaus nicht , was sie dazu tun könne . Ein Verwandter des Herrn Miranes berührte Lissabon auf seiner Reise von Cadix nach Mexiko . Er sah Judith und bewarb sich auf der Stelle um sie . Er besaß ein kolossales Vermögen und die Eltern zweifelten keinen Augenblick an Judiths bereitwilliger Zustimmung . Aber Judith sagte nein ! sie habe keine Neigung , sich zu verheiraten und wünsche bei ihnen zu bleiben . Umsonst wurden ihr alle Vorzüge dieser brillanten Heirat vorgestellt , umsonst der Luxus ausgemalt , der in Mexiko sie erwarte , umsonst die Pflicht ihr eindringlich gemacht , auf ihre Eltern Rücksicht zu nehmen , die plötzlich aus der Armut befreit , an ihrem Reichtum teilnehmen und mit ihr nach Mexiko gehen würden : Judith blieb bei ihrer Weigerung . Der Vater kam allein und flehte sie an , aus Rücksichten für ihre Mutter diese Verbindung einzugehen ; und die Mutter kam allein und beschwor sie um dieselbe Rücksicht für den Vater . Judith weinte - aber sie sagte nein . Eine Flut von Vorwürfen des Undankes , der Kälte , des Eigensinnes , des Mangels an kindlicher Liebe bestürmte sie . Judith fiel ihren Eltern zu Füßen und bat um Verzeihung - aber ihr nein nahm sie nicht zurück . Der Bewerber reiste höchst beleidigt ab und die Eltern waren geradezu in Verzweiflung , daß ihre Tochter nichts für sie tun wolle , nachdem sie alles für die Tochter getan hatten . Judith verfiel in tiefe Traurigkeit . Welche Zukunft stand ihr bevor ? Die Eltern unglücklich und mißvergnügt über sie ; und sie - um dieser drückenden Lage zu entrinnen - vielleicht veranlaßt , den nächsten Bewerber zu erhören , dessen Vortrefflichkeit in Reichtum bestehe . Sie hatte nie eine Neigung für einen Mann gehabt ; darum begriff sie nicht , weshalb sie heiraten solle - und sie war fest entschlossen , es nicht zu tun , bis - ja bis - sie wußte selbst nicht , ob dieses : bis sie einen Mann liebe , je eintreten werde ; denn sie wollte lieben , um glücklich zu werden , aber Ernest hatte ja einmal gesagt , daß kein Mensch einen anderen je ganz glücklich machen könne , und ihre Schwester war durch die Liebe unglücklich geworden ; das vergaß sie nicht . Madame Miranes fand einen Trost darin , Leidensgefährten zu haben . Eines Tages erzählte sie ihrer Tochter , daß die berühmte Sängerin Sontag , welche seit einer Reihe von Jahren von der Bühne abgetreten war und mit ihrem Manne in der elegantesten Sphäre der Hauptstädte Europa ' s lebte , wieder dem Theater sich zuwende und eine Kunstreise nach England und Amerika beabsichtige , um das zusammengeschmolzene Vermögen ihrer Kinder zu vergrößern . Madame Miranes fügte hinzu : » Hätte ich ein solches Talent , würd ' ich es auch so machen . « Wie ein Blitz flog es durch Judith ' s Sinn : Vielleicht hab ' ich es ! - aber sie äußerte nichts , weil sie ihres Talentes nicht gewiß war und keine vergebliche Hoffnung in ihrer Mutter wecken wollte . In Lissabon war ein vortreffliches Konservatorium der Musik , wie man solche Anstalten nennt , in denen musikalische Talente sowohl für Opern- als Kirchen- und Kammermusik ausgebildet werden . Die große Sängerin aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts , die Catalani , welche zugleich Primadonna und Direktrice der italienischen Oper zu Lissabon gewesen war , hatte auch auf das Konservatorium einen großen bildenden Einfluß gehabt , so daß es nach ihrer Tradition die musikalische Pflanzschule fortsetzte . Judith wendete sich an den Direktor der Anstalt , anfangs nur , um sich seinen Unterricht zu erbitten . Er war , als ein guter Kenner , dermaßen entzückt von Judith ' s Stimme und Schule , daß er ihr erklärte , sie brauche die Ausbildung im Konservatorium und seinen Unterricht eigentlich nicht mehr ; wolle sie sich aber der Bühne widmen , auf der sie ohne Zweifel das glänzendste Phänomen der Zeit werden würde , so müsse sie sich für diesen Beruf unter seiner Leitung eine gewisse Übung und Gewandtheit aneignen , die ihr nicht schwer fallen könne . Dies war gerade alles , was Judith wünschte ! Da sie zu Ende des Sommers das Landhaus in Cintra mit dem Aufenthalte in Lissabon vertauschte , so wurde es ihr ganz leicht , ihre Studien im Konservatorium zu machen , ohne daß ihre Eltern eine Ahnung von ihrer eigentlichen Absicht hatten ; sie glaubten nur , daß Judith in der Kunst und in ihrem Talent Zerstreuung suche für ihr einförmiges häusliches Leben . Der Direktor nahm mit Freude und Stolz wahr , daß Judith ' s theatralisches Talent hinter ihrem musikalischen nicht zurückstehe , ja daß beide recht eigentlich zusammen gehörten , wie der Duft und die Rose , daß ihr Spiel durch ihre Stimme getragen werde und zugleich ihre genialische Kunstfertigkeit plastisch mache . Er nannte sie die goldene Nachtigal von Cintra ; ihren Namen und ihre Verhältnisse kannte er nicht . Gegen den Winter fragte er sie , ob sie geneigt sei , für diese Saison ein Engagement an der italienischen Oper zu Lissabon anzunehmen . Judith entgegnete mit ihrer gewohnten Ruhe , wenn es glänzend sei , wolle sie es tun ; sie betrete diese Laufbahn , um ihren Eltern ein sorgenfreies Alter zu bereiten , und da sie ihres Erfolges gewiß sei , müsse ihr pekuniärer Gewinn demselben entsprechen . Das fand der Direktor ganz in der Ordnung . Er übernahm die Unterhandlungen mit dem Impressario der Oper , d.h. mit demjenigen , der nach italienischem Gebrauch Unternehmer der Oper ist und Sänger und Sängerinnen für eine Winterzett engagiert . Judith wurde die Primadonna . Als das Geschäft vollkommen abgetan war - und das war nicht ganz leicht , weil der Impressario die Forderungen dieser unbekannten Nachtigal von Cintra übermäßig hoch fand - teilte Judith den Eltern ihren Entschluß und ihre Aussichten mit und fügte hinzu , sie hoffe dadurch zu beweisen , daß es ihr nicht an kindlicher Liebe und Dankbarkeit fehle , denn für sich selbst begehre sie weder Reichtum noch künstlerische Berühmtheit . Herr Miranes war gerührt und Madame Miranes entzückt , doppelt entzückt , als Judith sagte , sie sei durch eine Äußerung ihrer Mutter zur Klarheit gekommen über das , was sie zu tun habe , und danke derselben im voraus ihre Erfolge . Da der Impressario sich nun einmal zu dem ungeheueren Wagstück entschlossen hatte , eine gänzlich unbekannte Primadonna dem Publikum vorzuführen : so tat er sein Möglichstes , um ihr einen fabelhaften Ruf von Schönheit und Genie voraus zu schicken . Den Effekt , den sie machen würde , konnte er selbst nicht ermessen , denn Judith sang in der Probe nur mit halber Stimme und spielte mit kaum halber Aktion ; allein daß sie nicht Fiasko machen werde - und folglich auch nicht seine Kasse ! - das stellte sich denn doch beruhigend für den geübten Beurteiler heraus . Als Desdemona trat Judith zum ersten Mal auf und so , daß der Impressario sich eingestand , sie habe ganz Recht , ihre Forderungen hoch zu spannen , und dieser Winter werde wohl der erste und letzte für Lissabon sein , da eine solche Sängerin unstreitig bald einen europäischen Ruf genießen und auf den großen Bühnen von Neapel , Mailand , Paris und London glänzen werde . Judith lebte nun das Leben , welches die gefeierten Heldinnen der Bühne zu leben pflegen , bewundert , vergöttert , angestaunt , beneidet , von Kabalen und Intriguen , von Huldigung und Anbetung umringt - das glänzendste und flüchtigste inhaltlose Schein- und Schaumdasein , welches ein menschliches Wesen leben kann ; zugleich auch das gefährlichste , weil es alle bösen Neigungen des Menschenherzens weckt und aufstachelt . Der Glanzpunkt einer solchen Existenz besteht darin - zu gefallen ! Es heißt zwar nicht so ! es heißt : durch genialische Darstellung bezaubern , durch künstlerische Vollendung entzücken . Aber darauf kann man mit Hamlet erwidern : » Worte ! Worte ! « Die Tatsache ist : man muß gefallen - und zwar den Augen und den Ohren der Menschen - und zwar in solcher Weise , daß sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphäre der menschlichen Vernunft entrückt werden . Die vier- bis fünftausend Personen , welche ein Opernsaal faßt , müssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in einen enthusiastischen Rausch