zartere Frauenempfindungen wenig kümmerte , daß somit Ursula ohne ihr Wissen zur Theilnehmerin einer öffentlichen Darstellung gemacht ward , als auch , daß es eine Ueberraschung für sie sein sollte , ihr ersehntes Glück so plötzlich und ungeahnt zu empfangen - ja Kunz verlangte , sie solle auch bis dahin Stephan gar nicht sehen und im Ungewissen über seine Treue gelassen werden , um dann in ihm mit einem um so glänzenderen Lohn der ihrigen überrascht zu werden . Allein die feiner fühlende Elisabeth drang in Stephan , Ursula wenigstens aus dem qualvollen Zustand zu reißen , in dem sie sich befand , seit sie von seiner Rückkehr wußte , ohne ihn gesehen zu haben , und in dem sie an ihn verzweifeln mußte . Und so eilte er heimlich zu ihr , sobald es geschehen konnte , gab ihr neues Leben und neue Hoffnung , ohne die ihr zugedachte Ueberraschung ihr zu verrathen . Lag in dieser plötzlichen Entscheidung auf dem Maskenfest immerhin etwas Gewaltsames , so hatte sie doch gerade für Ursula das Gute , dadurch , daß sie ihr selbst ganz unvorbereitet kam , sie aller Bedenklichkeit überhoben zu haben und auch ihrem Vater gegenüber vor allen Vorwürfen geschützt zu sein , die sie etwa verdient hätte , wenn sie ihm gegenüber in ein solch ' heimliches Complot sich eingelassen . Im Grunde war auch Gabriel Muffel mit der Entscheidung ganz zufrieden , da sie der König herbeigeführt hatte , und dem Vater nichts übrig blieb , als zu gehorchen . Durch diese persönliche Theilnahme des Fürsten am Geschick Ursula ' s war ja auch ihr Vater geehrt , und keiner der Rathsherren konnte sich rühmen , eine größere Ehre erfahren zu haben . Er war dadurch gewissermaßen an Allen gerächt , die ihm noch immer durch schnöde Zurücksetzungen die That und das Geschick seines Vaters wollten entgelten lassen . Der reiche und stolzangesehene Stephan Tucher war ihm ein ganz erwünschter Eidam - nur mochte er ihn nicht durch eine Demüthigung vor seinem hochfahrenden Geschlechte erringen noch die Geringschätzung seines Vaters ertragen und sich nachsagen lassen , daß er ihm selbst die Tochter verkuppelt gegen den Willen seiner Familie . Nun waren mit Eins alle diese Bedenken weggefallen , der alte Loosunger mußte auch gute Miene zum bösen Spiele machen , und Gabriel Muffel durfte sich freuen , seine einzige Tochter glücklich zu sehen , um die er jetzt immer bekümmert gewesen , wenn er ihr selbst auch oft gezürnt hatte , daß sie - unglücklich war . So war es Ursula nun , als sei sie aus einem bösen Traum erwacht , als sei eine lange finstere Nacht vergangen und umspiele sie nur ein rosiger Sonnentag . In ihrem Herzen , im Hause überall sah sie nur Friede und Freude , wo vorher nichts als Kampf und Schmerz gewesen . Stephan bekannte ihr , daß er die Nachricht von ihrem Entschluß in ' s Kloster zu gehen , geglaubt und daß er versucht habe , sie in den Armen einer verbuhlten Wienerin zu vergessen - und über diese , wie über andere seiner Verirrungen leicht hinweggehend , machte er nicht nur Ursula sondern auch sich selbst glauben , daß er im Grunde seines Herzens ihr doch so treu gewesen , wie sie ihm - die keinen Augenblick aufgehört hatte an ihn zu denken und für ihn zu beten . Ursula glaubte und vergab , und war selig in ihrer Liebe - sie hatte ja den Theuern wieder und war am Ziel ihrer kühnsten Wünsche . So kam der Hochzeitstag heran . Es war ein milder Februartag . Schon einige Tage vorher war der Schnee geschmolzen , und wenn es auch über Nacht wieder fror , so schien doch die Sonne schon warm und hell herab , als freue sie sich selbst über den glänzenden Hochzeitstag , dem sie zur herrlichen Sebaldskirche leuchtete . Dergleichen war auch in Nürnberg noch nicht gesehen , wenn schon es immer viel von prächtigen und absonderlichen Aufzügen voraus hatte . Voran schritten die glänzend geputzten Ceremonienmeister und Stadtmilizen , die dann außerhalb der Kirche ein Spalier bildeten , dem Zuge Platz zu machen . Dann kamen zwölf Jungfrauen aus den edelsten Geschlechtern Nürnbergs , die beiden Schwestern Pirkheimer , Beatrix Imhof und Andere - sie waren die Brautjungfern der Braut und trugen ihr brennende schön bemalte Wachskerzen vor . Ihnen folgte die Braut im reichsten Schmucke , den Stephan ' s Prachtliebe ihr gesendet ; sittsam und bescheiden schritt sie einher , nur wissend , wie glücklich und geehrt , aber nicht wie schön und bewundert sie war . Ihren langen Schleppenmantel von schwerer weißer Seide mit Silber gestickt trugen Edelknaben , die ihr der Kaiser selbst gesendet , und ihre Hand ruhte in der des erlauchten Grafen Eberhard von Würtemberg . Mit warmer Leutseligkeit blickte der hohe Herr zu der zarten Jungfrau herab , und ein befriedigtes Lächeln ward trotz seines großen dunklen Bartes , der ihm den Beinamen gab , bemerkbar . Viel wohler war ihm so bei einem bürgerlichen Familienfeste , das wirklich wenigstens zwei glückliche Herzen selig begingen und das seine Theilnahme ehrte , als bei prunkenden Hof-und Siegesfesten , die oft dem Volke nur Thränen kosteten oder mit seinem Blute erkauft waren . Dann kam der stattliche Bräutigam Stephan in flimmernder Rüstung , den König Max noch vor wenig Tagen gleich seinem Wirth Herrn Christoph Scheurl öffentlich zum Ritter geschlagen und ihnen so die Adelswürde verliehen , die Stephan ' s Vater zwar schon für seine gedruckte Reisebeschreibung über den Orient erhalten hatte , aber doch nur für sich allein , während sie jetzt Stephan und Scheurl auch für ihre Nachkommen erhielten . Ihn geleitete Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen , der immer bereit Frieden und Freude zu stiften und das Gute zu fördern , wo er es konnte , auch Stephan mit dem anfänglich grollenden Vater versöhnt hatte und nun durch seine persönliche Theilnahme , als wahrer Freund des Hauses sich zeigte , das er bewohnte . Ihnen folgte der lange Zug der Verwandten und Gäste . Hans von Tucher führte Elisabeth von Scheurl , die als neue Edelfrau zwar weder stolzer noch prächtiger gekleidet einherschritt , als sie schon immer gethan , aber heute vielleicht noch schöner war als sonst , weil der Strahl einer milden Rührung auf ihrer Stirn ruhte , mit der sie sich sagte , daß es ihr Werk war , daß die geliebte Ursula dies schöne Fest des menschlichen Lebens begehen konnte . Gabriel Muffel führte Frau Eleonore Tucher , Stephan ' s Schwägerin , und so folgten noch viele Paare , bis die Spielleute kamen , die lustige Weisen aufspielten , indeß vom Sebaldsthurme alle Glocken feierlich läuteten , bis der Zug durch die herrliche Brautthür die Weihrauch durchduftete , festlich geschmückte erhabene Kirche betreten hatte und Braut und Bräutigam am Hochaltar vor den trauenden Priester knieeten . Eine große Menschenmenge war in der Kirche versammelt , und als Elisabeth um sich blickte , gewahrte sie Eberhard von Streitberg mit dem Propste Anton Kreß im Gespräch . Sie hatte jenen seit dem Maskenfest nicht wiedergesehen , denn wie schon vor diesem , seit sie nur wußte , daß er hier war , hatte sie jeden Ausgang vermieden , um ihm nicht zu begegnen , und ihn darum auch nicht wiedergesehen , noch von ihm gehört . Was wollte er immer wieder hier , wenn er nicht ihretwillen kam ? was mußte sie von ihm fürchten ? was hatte er mit dem Propst so angelegentlich zu reden und dabei auf sie herabzublicken , als sei sie der Gegenstand des Gespräches ? - Ihr grauete , und doppeltes Weh erfaßte sie an dieser heiligen Stelle , an der sie selbst ein frevelhaftes Ja zu dem ungeliebten Mann gesprochen , weil jener Einst-Geliebte sie um den Glauben an die Liebe und an die Männer betrogen hatte . Sie war froh , als die Trauung vorüber war und sie sich diesen Basiliskenblicken wieder entziehen konnte . In ihrem Hause ward das glänzende Hochzeitsfest gefeiert , dem auch der König mit Kunz von der Rosen und andern seinen Rittern selbst beiwohnte . Auch der Markgraf von Brandenburg war erschienen und noch viele hohe Gäste , sammt Allen , die am Hochzeitszug sich betheiligt . Auch Konrad Celtes war zugegen . König Max selbst hatte seine Gegenwart gewünscht und beschlossen , den Dichter ganz an sich zu fesseln , Elisabeth sah ihren Wunsch erreicht , ihr eigenes Streben dazu war mit einem glücklichen Erfolg gekrönt : in ihrem eigenen Hause sah sie den König und den Dichter vereint und sich nahe gebracht , wie sie schon vor zwei Jahren zu König Max gesprochen : » Mich kümmert es wohl , die beiden einzigen Männer , die ich als die edelsten ihres Geschlechtes verehre , berufen , dem gesunkenen deutschen Reiche wieder aufzuhelfen , Hand in Hand wirken zu sehen und die neue Zeit heraufzuführen , der Alle , welche denken können , sich entgegensehnen . « Elisabeth beobachtete gegen Celtes wie gegen den König eine gleich strenge Zurückhaltung - eine strengere als vordem . Weder dem Einen noch dem Andern hatte sie ein Alleinsein mit ihr gestattet , obwohl der königliche Gast in einer aufgeregten Stunde einen Versuch gemacht hatte . Sie hatte sich Kunz von der Rosen zu ihrem Schützer und vertrauten Freund gewählt und ihm darauf gesagt , daß sie von ihm fordere , dafür einzustehen , als des Königs kluger Rath , daß jener das Recht der Gastfreiheit nicht verletze , noch daß sie selbst genöthigt werde es zu thun . Kunz nahm dabei noch einmal vor der ernsten Frau die Narrenmütze ab und sagte , daß er sich freue , unter allen feinen Kunststücklein Nürnbergs das feinste bei ihr zu finden : das schöne Weib eines alten Gatten , das ihm , selbst dem schönsten und mächtigsten Herrscher gegenüber , die Treue bewahre - und er werde Alles aufbieten , daß solch ' heilig Kunstwerk selbst unverletzt bleibe , ja unbedroht von jedem Vandalismus . Seitdem war ihr der König mit erneuerter Achtung begegnet , und als sie an dem Hochzeitsfest , da er im Gespräch mit Celtes war , in seine Nähe kam , rief er sie zu sich und sagte : » Nun , edle Frau - seid Ihr nun mit mir zufrieden ? Mir fiel eben ein , wie ich einst mit Euch tanzte und Euch versprach , jede Bitte zu erfüllen , die Ihr an mich richten möchtet : Ihr batet für das Brautpaar und für Konrad Celtes - für Euch selbst wußtet Ihr nichts , und endlich besannt Ihr Euch darauf , daß ich einmal in Eurem Hause wohnen möchte . Das ist geschehen und auch das Andere ist erfüllt : das Brautpaar ist heute vermählt und Konrad Celtes wird mich begleiten und im Dienste des römischen Königs Größeres noch wirken können , als in dem des Bischofs von Worms . « » Majestät , « sagte Elisabeth , » verzeiht , wenn ich noch nicht die rechten Worte fand für meinen Dank ! « » Nicht Dank ! « antwortete er . » Als ich Euch die Rose gab , sagte ich Euch , daß ich , wenn Ihr sie mich wiedersehen ließet , Euch jeden Wunsch erfüllen würde , den Ihr daran knüpft . Die Rose habt Ihr wohl mir immer zu Ehren getragen , aber einen Wunsch habt Ihr nicht daran geknüpft . « » Ihr sagt es selbst , « antwortete sie , » daß Ihr heute alle meine Wünsche erfüllt habt - für mich selbst ist nichts mehr übrig zu wünschen - « und zu hoffen ! dachte sie dabei und lächelte befriedigt , weil sie vor uneingestandenen Schmerzen hätte weinen mögen . » Die Rose bleibt mir als Talisman , « fuhr sie fort , » wer weiß , welche Gnade ich noch einst damit von Euch erbitte - heute kann ich Euch nur danken für die schon erwiesene . « Der König schüttelte mit dem Kopf und meinte , sie wolle nicht nur darum nichts von ihm erbitten , damit er nicht dafür zum Danke Unziemliches von ihr verlange - er wendete sich darum fast unwillig , weil er beschämt war von ihrer klaren Frauenhoheit , schweigend von ihr ab . Konrad Celtes blickte sie wohl traurig an , aber er verstand sie doch nicht ganz - nur das weiche Gemüth in Kunz fühlte , welch ' eine Tiefe von Schmerz und Entsagung sich hinter diesem stolzen Lächeln verbarg - er konnte sich nicht helfen : er mußte ihr die Hand drücken und dann einen Augenblick sich abwenden , damit Niemand die Thräne sähe , die in seinem Auge stand . Neuntes Capitel Verurtheilung Im Benediktinerkloster hatte man den beiden Baubrüdern zu ihrem Nachtquartier eine gemeinschaftliche Zelle angewiesen , welche sich etwas gesondert von den eigentlichen Mönchzellen nahe am Thor bei der Wohnung des Pförtners befand . Ermüdet von dem ziemlich weiten Weg , den sie zurückgelegt , und von der Arbeit die sie nach kurzer Ruhe vorgenommen , warfen sie sich bald auf das ihnen bereitete Lager . » Neugierig bin ich , « sagte Hieronymus , » wie sich die Geschichte mit dem Sacramentshäuslein aufklären wird . Wer weiß , welche rohe Hand sich daran mag vergriffen haben . « » Kaum kann es anders als in einem Anfall von Wahnsinn , einen Wuth-Paroxismus geschehen sein , « sagte Ulrich . » Wer weiß , ob nicht ein widerwilliger Novize oder ein Mönch , der vielleicht ein vorschnell abgelegtes Gelübde bereut , diese Empfindungen im tollen Frevel an dem Allerheiligsten ausgelassen ; wer weiß , ob nicht der Abt schon etwas davon ahnte oder wußte und sehr ungelegen durch Dich an seine Pflicht erinnert ward , « bemerkte Hieronymus . » Vielleicht erfahren wir es von dem Bruder Konrad , « antwortete Ulrich , » der schon unsere Ansicht ausgesprochen und doch damit zurückgewiesen worden war . « » Hast Du ihn schon nach dem Bruder Amadeus gefragt ? « begann Hieronymus nach einer Pause ; » der Abt sagte ja , daß dieser noch einmal Bericht über das zerstörte Tabernakel ablegen sollte - und sagtest Du nicht , daß er an Geistesstörungen leiden solle ? « Ulrich antwortete : » Ich sprach nichts mit Konrad , was Du nicht gehört . « Nach einigem Besinnen fügte er hinzu : » Ich traf Amadeus in der Kirche und wollte ihm das Kreuz geben ; da rief man ihn ab - ich konnte nicht wagen weiter mit ihm zu sprechen - er schien mir allerdings nicht recht bei Sinnen zu sein . « Hieronymus sagte nur noch unter Gähnen : » Die Räthsel werden sich wohl lösen , es kommt ja immer Alles an den Tag - ich bin zu müde , um mir jetzt noch lange den Kopf darüber zu zerbrechen . « Bald darauf ließ er ein lautes Schnarchen hören und bewies , daß der ermüdete Körper den Schlaf gefunden , den er bedurfte . Ulrich bedurfte ihn wohl nicht minder , aber ihm blieb er fern . Er setzte sich in seinem Lager auf , stützte den wirren Kopf in die Hand , den Ellenbogen auf eine Strohschicht gestemmt , ob so vielleicht das emporgehobene Haupt ihm leichter werde und der Alp weiche , der auf seiner Brust zu ruhen schien . Das Bild seiner Mutter Ulrike , die er über Alles geliebt , stand vor ihm . Er rief es sich zurück in all ' der zarten Sorge , mit der sie über seine Kindheit gewacht ; er hatte den sanften schmerzlichen Zug der Entsagung nicht vergessen , der ihrem edlen Antlitz seinen eigenthümlichen Ausdruck gab , noch die ganze stille Würde ihres Wesens , mit der sie sich vor den andern Bäuerinnen seines Heimathdorfes auszeichnete , trotzdem sie die niedrigsten Arbeiten verrichtete gleich ihnen , ja oft das Schwerste vollbrachte , indeß der Vater ein faules Leben führte , ihr keine Arbeit erleichterte und nur that , was er mußte . Dieser war ein gewöhnlicher roher Bauer , der die Mutter mit Härte und den Sohn mit Gleichgültigkeit behandelte , oder sich gar nicht um ihn kümmerte . Es war darum doppelt natürlich , daß dieser nur an der Mutter hing , es herausfühlte , daß sie unglücklich war , und darum , als ihm beide Eltern verschwunden , den Verlust des Vaters leicht verschmerzte , über den der Mutter aber lange Zeit untröstlich war . Sie war es auch gewesen , die ihn als Hirtenknaben dem Kloster zugeführt und immer gewünscht hatte , daß er von den weisen Benediktinermönchen mehr lernen möge , als außerhalb des Klosters dem Kinde eines Dorfes möglich war , in dem es keine Schule gab , noch sonst Jemanden , ein Kind zu unterrichten . Ihr eigenes sinniges Gemüth nur , das aus allen Werken und Walten der Natur das Schöne mit offenem Auge herausfand , hatte auch schon früh die Augen des bildsamen Knaben dafür geöffnet und damit den ersten Grund schon unbewußt gelegt zu seiner Liebe für die Kunst . Sechszehn Jahre waren nun seit der Trennung von dieser theuern Mutter vergangen . Man hatte ihn erst lange mit der Hoffnung hingehalten , daß sie wohl wiederkehren werde , und er hatte es sich selbst für unmöglich gedacht , daß sie ihn verlassen und nie wieder nach ihm fragen könne - und da es nicht geschah , nahm er an , sie sei todt , und wenn er dann betete , richtete er seine Gebete , statt an die Mutter Gottes , an seine eigene verschwundene Mutter , die sich ihm zur Heiligen verklärt hatte . Da mußte ihm , als er aus dem Kloster in die Bauhütte zu Straßburg ging , der Benediktinermönch Anselm den doppelten Glauben an seine Mutter durch das Gelübde zu rauben versuchen , das er ihm abnahm : nie nach seiner Mutter zu forschen , weil man Unwürdiges von ihr gesagt . Er hatte diesen Schwur gehalten , die Kunst selbst war ihm sein Alles ; Mutter , Heilige , Geliebte , war seine Religion geworden ; er hatte sich losgerissen von allen irdischen Banden , von allen Wünschen , Plänen und Hoffnungen , die nicht Hand in Hand gingen mit seinem kunstgeweihten Streben - und nun , seit er hier in Nürnberg war , kamen diese Mahnungen an seine Vergangenheit , an seine Mutter . Der Propst Kreß und Amadeus sprachen von ihr wie von einer Unglücklichen , Verirrten , noch Lebenden - Amadeus nannte ihren Namen Ulrike . So gab es zwei Wesen auf der Welt , die dem Sohn von der Mutter Auskunft geben konnten - und vielleicht hatte er diese Auskunft zu scheuen , vielleicht weihete sie ihn der Schande , ward ihm zum Fluch ! Was war denn Amadeus seiner Mutter , was war er denn ihm ? Was redete er denn zu ihm von Liebe zu ihm , die ihn zu einem Frevel getrieben - von Vatermord und Gericht ? War es Wahnsinn ? und war nicht etwas Ansteckendes in diesem Wahnsinn ? Als strecke der Wahnsinn in einer grausen Gestalt seine Krallen nach Ulrich , als setze er sich auf sein Lager , rückte ihm näher und näher und schaue unverwandt auf ihn mit hohlen Augen , aus denen rothglühende Blitze schossen - und als wandele er sich dann in die Gestalt des Mönches Amadeus - so war es Ulrich ! Dann wieder sah er seine Mutter vor sich , die frommen Augen auf ihn gerichtet , segnend und betend , aber dann war er in der Bauhütte , die schwarz ausgeschlagen war ; die Baubrüder umstanden ihn und spieen ihn an , und der Hüttenmeister zerbrach das Richtscheit über ihm , indeß der Pallirer sein Monogramm aus den Steinen kratzte - und dann hing sich Rachel , das Judenmädchen , an ihn - plötzlich erschien die stolze Elisabeth Scheurl und neigte sich über ihn - da war es , als wichen alle Dämonen und alle Qualen - sein Herz ward groß und ruhig . Er wußte nicht , ob das Bilder waren einer wachen , zum Fieber erhitzten Phantasie , eines von mannigfachen Eindrücken geängsteten Gemüthes , oder eines Traumes , der seinen Schlaf beunruhigt - er ward sich nur bewußt , daß von alledem Elisabeth ' s Bild der letzte und bleibende Eindruck gewesen - der Gedanke an sie war ihm durch die Begegnung mit Streitberg gekommen - und er hing ihm noch nach , um eine Weile Amadeus und seine Worte zu vergessen . Am folgenden Morgen wohnten die Baubrüder der gemeinschaftlichen Messe mit bei , dann gingen sie still an ihre Arbeit . So verging eine Woche eintönig und ohne Unterbrechung . Amadeus sahen sie nicht , mit Niemand sprachen sie , nur mit Konrad wechselten sie zuweilen einige Worte . Eines Tages gegen Mittag berief man sie in ' s Conclave . Sie fanden alle Klosterbrüder versammelt . Der Abt saß in der Mitte vor einem schwarzbeschlagenen Eichentisch , auf dem sich Schreibgeräth und Aktenstücke befanden . Zwei Mönche saßen daran ihm zur Seite , die andern standen . Als Alle versammelt waren , erhob sich der Abt und sagte : » Ich habe Euch Alle in einer traurigen Angelegenheit berufen müssen . Ein schweres Verbrechen ist in unsern Mauern , in unserer Kirche verübt worden ; einer unserer Brüder hat es im Wahnsinn begangen . Höret die Mittheilung . « Er winkte dem beisitzenden Mönch , und dieser las nach einer salbungsreichen Einleitung . » Am ersten Tage des Hornung hatte der Bruder Amadeus die Nachtwache in der Kirche . Nach Mitternacht läutete er im Kloster , wo man läutet , wenn ein Feind in der Nähe ist , oder Feuer , oder dem Kloster irgend eine Gefahr droht . Bleich und zitternd vor Schrecken meldete er , daß während er sich in der Kirche an einem Seitenaltar befunden , plötzlich ein Krachen durch die Wölbung gegangen , alle Thüren zusammengeschlagen seien , wie eine Wolke von Staub neben dem Hochaltar aufgestiegen , und er dann hinzueilend gesehen , daß derselbe durch das Herabfallen des oberen Theils des Sacramentshäusleins entstanden . Wir eilten Alle in die Kirche und sahen das Werk der Zerstörung , sonst war nichts darin geschehen und Alles unverändert . Der Novize Konrad stellte auf , daß das Werk nur gewaltsam und von Menschenhand könne abgebrochen sein , aber Niemand konnte dem Glauben schenken . Es ward beschlossen , das Weihbrodgehäuse so schnell und schön als möglich wieder herstellen zu lassen und Einen aus unserer Mitte gen Nürnberg zu senden zu seiner Hochwürden dem Herrn Propst Anton Kreß , uns zwei Baubrüder zu senden . Bruder Amadeus bat um diese Sendung als Gunst , und weil er der Erste gewesen , der die Zerstörung gesehen und den heftigsten Schrecken gehabt , so erhielt er den Auftrag , und da er am Abend zurückkehrte , schien er ihn auf ' s Beste ausgerichtet zu haben . Da behaupteten die herbeigerufenen Baubrüder , daß die Zerstörung nur von Menschenhand geschehen sein könne ; wir beriefen Bruder Amadeus noch einmal genauen Bericht von ihm zu hören . Kein Verdacht hatte sich gegen ihn geregt . Er aber fiel auf seine Kniee und bekannte freiwillig , wie er sagte , durch die Worte Ulrichs von Straßburg im Gewissen getroffen , wie durch die Angst , daß man statt seiner einen Unschuldigen verdächtigen könne , daß er selbst mit eigenen frevelhaften Händen in jener Mitternacht das Kunstwerk herabgerissen und zerschlagen . Nichts hat er angegeben , was ihn zu der ungeheuren , himmelschreienden That verleitet haben könne - er hat die Größe seines Verbrechens eingesehen und ist darauf gefaßt , es mit dem Tode zu büßen . Da er aber schon früher , besonders vor anderthalb Jahren , Spuren und Ausbrüche von Wahnsinn gezeigt , und er sonst nichts begangen , wodurch man ihn einer solchen Versündigung an dem Allerheiligsten für fähig halten könnte , so ist nicht anders anzunehmen , denn daß ihn wieder der Wahnsinn ergriffen hat . Er ist darum in seiner Zelle an die Kette gelegt worden und wird als Wahnsinniger behandelt werden . Alle Tage werden wir für seine Seele beten , damit der böse Geist von ihm weiche . « Wohl Keiner hatte diesen Bericht ohne Schauer vernommen - aber am meisten war Ulrich davon ergriffen . War Amadeus ein Wahnsinniger ? war er es nicht ? Gerade jetzt hielt ihn Ulrich am wenigsten dafür . Die Worte , die ihm so erschienen : » Sie holen mich in ' s Gericht « - und : » ein Mönch , der Euch sein Todesurtheil dankt « - die waren nun sehr klar und wahr . Denn war auch hier kein Todesurtheil ausgesprochen , so hatte Amadeus doch nach seinem Bekenntniß ein solches erwarten können , und das Schicksal , das ihm nun bereitet war , erschien ihm selbst jedenfalls härter als der Tod . Und waren nun die andern Worte auch klar und wahr : » Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel ; ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine Sühne , daß ich durch meinen Sohn sterbe ! « Kalte Schauer durchrieselten Ulrich - eine furchtbare Angst kam über ihn , eine gräßliche Empfindung , die er noch nie gekannt : vielleicht ein Verbrechen wider die Natur begangen zu haben , da er nur meinte , daß er Worte der Gerechtigkeit geredet . Konnte es denn sein ? war denn Amadeus wirklich in einer Beziehung zu seiner Mutter gewesen ? war er ihr Entführer vielleicht in jenem Kampfe , der die Mutter dem Sohn geraubt ? oder hatten sie noch früher , ehe er denken konnte , ehe er war , einander nahe gestanden - war nicht jener Bauer , den er nie geliebt , sein Vater - war es dieser Mönch ? Mußte er ihn dann hassen oder lieben ? War er nicht der Urheber seiner und seiner Mutter Schande - und doch seines Lebens ? Wie sich kreuzende Dolche durchzuckten ihn diese Gedanken , schnitten in seine Seele , wühlten in seinem Herzen . Draußen im Kreuzgang kam er in Konrad ' s Nähe . Wie im Vorübergehen drängte er sich dicht an ihn und sagte : » Ich muß Dich allein sprechen , wann kann es geschehen ? « » Ich komme zu Nacht in Deine Zelle , « antwortete Konrad . » Nein - da ist Hieronymus mit . « Konrad sah Ulrich verwundert an : wie mochte ein Baubruder dem andern nicht trauen ? » Ich will darüber nachdenken und es Dir bei der Arbeit sagen . « » Aber verschieb ' es nicht lange ! « drängte Ulrich . Mehr durften sie nicht wagen zusammen zu sprechen . Ulrich ' s sonst so kräftige und geschickte Hände zitterten bei der Arbeit . Er vermochte kaum das Richtscheit gerade zu halten , noch den Meißel da hineinzusetzen , wo er ihn hin haben wollte . Hieronymus sah ihm verwundert zu . Aber Keiner sprach . Wie gestern arbeiteten die Mönche und Novizen mit ihnen . Da sie von der Arbeit gingen , sagte Konrad zu Ulrich : » Komm um Mitternacht in die Kirche an das Tabernakel . Der Bruder Martin hat die Nachtwache , der stört uns nicht . « » Ich komme gewiß ! « antwortete Ulrich . Als er mit Hieronymus wieder in der Schlafzelle allein war , sagte dieser : » Es ist doch eine sonderbare Geschichte mit dem Sacramentshäuslein - glaubst Du , daß der Mönch wirklich verrückt ist , oder daß man uns nur etwas damit weiß machen will ? « » Meinst Du ? « gegenfragte Ulrich ; » ich weiß nicht , was ich dazu denken soll . Nur ein Wahnsinniger scheint mir so etwas thun zu können , das gar keinen Zweck hat - oder könntest Du Dir hierbei einen denken ? « » Wenn es nun doch ein verzweiflungsvoller Mönch wäre , der das Leben nicht mehr ertragen könnte und vielleicht unfähig zum Selbstmord etwas thun wollte , danach man ihn zum Tode verurtheilte ? « sagte Hieronymus . » Dann hätte er ja seinen Zweck nicht erreicht , « bemerkte Ulrich . Sein Kamerad lächelte : Denkst Du , man wird sich begnügen ihn in Ketten zu legen , bis er etwa wieder zur Vernunft käme ? Man wird ihn darin verhungern und umkommen lassen . « » Meinst Du ? « fragte Ulrich entsetzt . » Ich müßte diese Mönchsjustiz nicht kennen ! « sagte Hieronymus gähnend und legte sich ruhig schlafen . Ja , er kann schlafen ! dachte Ulrich ; er ist ja unschuldig an dem , was dem Unglücklichen geschieht - er hätte vielleicht geschwiegen - nur ich enthüllte den Frevel und forderte Rechenschaft dafür - - Hieronymus kann schlafen - ihm sagt sein Gewissen nicht , daß er vielleicht einen Vater ermordet - ihn klagt das Wimmern dieses Verschmachtenden nicht an als seinen Mörder - und ihm ist nicht die Wahl geboten : nach einer entsetzlichen Enthüllung zu verlangen , oder ihr zu entfliehen und sich die Möglichkeit zu rauben , je Gewißheit über sich selbst zu erhalten . O du glücklicher Hieronymus ! Zum ersten Mal stieg in Ulrich ' s edler Seele etwas auf wie Neid gegen ein anderes Wesen , und aus seiner Brust rang sich ein dumpfer Seufzer , indeß sein Kamerad friedlich und tief Athem holte im ruhigen Schlaf . Leise erhob sich Ulrich , da es schon lange elfmal an der Klosteruhr geschlagen , und schlich durch den finsteren Kreuzgang in die Kirche . Der Mond , der sich zum letzten Viertel neigte , war eben aufgegangen und leuchtete durch die gothischen Fenstern herein , an denen Eisblumen aufblüthen , indeß silberner Schnee in den steinernen Bogen und Zacken hing . Er trat in die Kirche