hinaus . Der Gerufene erschien . » Ihr gedenket noch der Weinlese « , redete ihn der Abt an , » und des Streiches , den Euch ein gewisses Milchgesicht geschlagen , dem eine phantasiereiche Herzogin itzt gewisse Grundstücke zuwenden will ... « » Ich gedenke des Streichs « , sprach Rudimann , verschämt schmunzelnd , wie eine Jungfrau , die nach dem Geliebten gefragt wird . » Den Streich hat einer zurückgegeben , saftig und scharf , Ihr könnet zufrieden sein . Lest . « Er reichte ihm des Gunzo Pergamentblätter . » Mit Erlaubnis ! « sprach Rudimann und trat ans Fenster . Er hatte schon manchen braven Wein gekostet der Pater Kellermeister , seit daß er sein Amt führte , aber selbst damals , als ihm der Bischof von Cremona etliche Krüge dunkelbraun schäumenden Asti übersendet , hatte sein Antlitz nicht so rötlich froh gestrahlt wie jetzo . » Es ist doch eine herrliche Gottesgabe um ein gründlich Wissen und einen schönen Stil « , sagte er . » Das Ekkehardlein ist fertig . Es kann sich nimmer an freier Luft sehen lassen . « » Noch nicht ganz « , sagte der Abt , » aber was nicht ist , kann werden . Der gelehrte Bruder Gunzo hilft uns dazu . Seine Epistel darf nicht ungelesen vermodern , lasset etliche Abschriften nehmen , lieber sechs als drei . Der junge Herr muß von Hohentwiel weggebissen werden . Ich liebe die jungen Schnäbel nicht , die feiner singen wollen als die Alten . Schnee auf die Tonsur ! das soll ihm gut tun . Wir werden unserem Mitbruder in Sankt Gallen ein Brieflein schicken , daß er ihm die Rückkehr anbefehle . Wie steht ' s mit seinem Sündenregister ? « Rudimann hob bedächtig die linke Hand auf und begann mit den Fingern zu zählen . » Soll ich ' s hersagen ? Zum ersten : In währender Weinlese den Frieden unseres Klosters gestört , indem er ... « » Halt ! « sprach der Abt , » das ist abgetan . Alles , was vor der Hunnenschlacht geschehen und anhängig worden , sei erledigt , ab und zur Ruhe ! So haben ' s einst die Burgunder in ihr Gesetz211 geschrieben , das soll auch bei uns noch gelten . « » Dann ohne Fingerzählung « , sagte der Kellermeister . » Des heiligen Gallus Pörtner ist , seit er sein Kloster ließ , dem Hochmut und der Anmaßung untertan worden , ohne Gruß der Lippen geht er an Brüdern vorüber , deren Alter und Verstand seine Reverenz fordern , er hat sich herausgenommen , am heiligen Tag , da wir die Hunnen schlugen , die Heerpredigt zu halten , wiewohl ein so wichtig Amt der Rede einem der hochwürdigen Äbte zugestanden wäre ; hat sich ferner herausgenommen , einen heidnischen Gefangenen zu taufen , wiewohl die Taufe vorgenommen werden soll vom ordentlichen Pfarrer des Bezirks , und nicht von einem , der an die Pforte des heiligen Gallus gehört . Was aber aus stetiger Berührung des vorlauten Jünglings mit seiner neuen Gebieterin noch werden mag , weiß nur der , der Herz und Nieren prüft ! Bereits hat man bei der Hochzeit jenes getauften Heiden wahrgenommen , wie er sich der einsamen Unterredung mit jener Herrin in Israel nicht entzieht und etlichemal geseufzt hat gleich einem angeschossenen Damhirsch . Auch hat man mit Betrübnis gesehen , wie eine unstet irrlichtelnde griechische Jungfrau , genannt Praxedis , um ihn her ihr Wesen treibt ; was die Herrin unverdorben läßt , mag die Dienerin einreißen , von der nicht einmal sicher ist , ob sie eines orthodoxen Glaubens sich erfreue . Ein leichtfertig Weib aber ist bitterer denn der Tod , sie ist ein Strick der Jäger , ihr Herz ein Netz , ihre Hände sind Bande , nur wer Gott gefällt , mag ihr entrinnen . « Es stund Rudimann , dem Beschützer der Obermagd Kerhildis , wohl an , daß er die Worte des Predigers so getreulich im Herzen trug . » Genug « , sprach der Abt . » Hauptstück neunundzwanzig : Von der Rückberufung auswärts Weilender . Es wird durchschlagen . Mir ahnt und schwant , bald wird die wetterwendische Herrin droben um ihren Felsen herumflattern wie eine alte Schwalbe , der ihr Junges aus dem Nest gefallen , - Ade Herzkäfer ! ... und Saspach wird des Klosters ! « » Amen ! « murmelte Rudimann . Fußnoten A1 Heute Saint-Amand-les-Eaux im französischen Departement Nord . A2 Römischer Satiriker , 180-102 v. Chr. Die angezogene Äußerung in Horaz ' » Satiren « , 1 , 4 , 9 f. A3 D.h. Auslegung . A4 » Weh euch , Schriftgelehrte und Pharisäer , ihr Heuchler , die ihr die Becher und Schüsseln auswendig reinlich hattet , inwendig aber ist ' s voll Raubes und Fraßes ! « Achtzehntes Kapitel . Herrn Spazzo , des Kämmerers , Gesandtschaft . An einem kühlen Sommermorgen schritt Ekkehard den Burgweg entlang in die wehende Frühluft hinaus . Eine schlaflose Nacht lag hinter ihm ; er war auf seiner Stube auf und nieder geschritten , die Herzogin hatte wilde Gedanken in ihm aufgejagt . In seinem Kopf summte und schwirrte es , als streiche ein Flug Wildenten drin herum . Er mied Frau Hadwigs Anblick und sehnte sich doch in jeder Minute , da er fern , in ihre Nähe . Die alte frohe Unbefangenheit war verflogen , sein Wesen zerstreut und fahrig geworden ; jene Zeit , die noch keinem Sterblichen erspart ward , die der brave Gottfried von Straßburg hernachmals ein » stetes Leid bei stetiglicher Seligkeit « geheißen , brach über ihn herein . Vor sinkender Nacht hatte ein Gewitter getobt . Er hatte sein Fensterlein geöffnet und sich der Blitze erfreut , wenn sie das Dunkel durchzuckten , daß ein greller Schein die Ufer des Sees hell heraushob , und hatte gelacht , wenn ' s wieder finster ward und der Donner schütternd über die Berggipfel rollte . Jetzt war sonniger Morgen . Auf dem Gras perlten tauige Tropfen , zwischendrein im Schatten auch dann und wann ein ungeschmolzenes Eiskorn . Schweigend lag Berg und Tal , aber die gebräunte Frucht der Felder ließ ihre Halme geknickt zu Boden hangen , Hagelschlag hatte in der hochstrebenden Ernte gewütet . Aus den Felsen des Berges rieselten trübfarbige Bächlein talabwärts . Noch regte sich ' s nicht auf der Flur : es war kaum nach dem ersten Hahnenschrei . Nur fern über das Hügelland , das im Rücken des hohen Twiel sich wellenförmig ausdehnt , kam ein Mann geschritten . Das war der Hunn ' Cappan . Er trug Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an seine Arbeit , den Feldmäusen nachzustellen . Fröhlich pfiff er auf einem Lindenblatt , - das Bild eines glücklichen Neuvermählten , ihm war in der langen Friderun Armen ein neues Leben aufgegangen . » Wie geht ' s ? « fragte ihn Ekkehard mild , als er an ihm vorüberschritt und ihn demütig grüßte . Der Hunn ' deutete in die blaue Luft hinauf : » Wie im Himmel ! « sagte er und drehte sich vergnügt auf seinem Holzschuh . Ekkehard wandte sich . Noch lang ' tönte des Schermausfängers Pfeifen durch die Morgenstille , er aber schritt zum Abhang der Felsen . Dort lag ein verwitterter Stein ; ein Fliederbusch wölbte sich drüber mit üppig weißen Blüten . Ekkehard setzte sich . Lang ' schaute er in die Ferne , dann zog er ein von zierlicher Decke umfaßtes Büchlein aus seiner Kutte und hub an zu lesen . Es war kein Brevier und kein Psalterium . » Das hohe Lied Salomonis ! « hieß die Überschrift ; das war kein gut Buch für ihn . Sie hatten ihn zwar einstens gelehrt , der lilienduftige Sang gelte dem brünstigen Sehnen nach der Kirche , der wahren Braut der Seele ; er hatte es auch in jungen Tagen studiert , unangefochten von den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und palmbaumschlanken Hüften der Sulamitin ; jetzt las er ' s mit anderem Sinne . Ein süßes Träumen umfing ihn . » Wer ist die , welche hervortritt wie die aufgehende Morgenröte , schön wie der Mond , erwählet wie die Sonne und schrecklich wie eine wohlgeordnete Schlachtordnung ? « Er schaute hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel , die im Frührot glänzten , und wußte die Antwort . Und wieder las er : » Ich schlafe , aber mein Herz wachet . Da ist die Stimme meines Geliebten , der anklopfet : Tue mir auf , meine Schwester , meine Freundin , meine Taube , denn meine Stirn ist voll Taues und meine Haarlocken voll perlender Tropfen . « Ein Luftzug schüttelte ihm die weißen Fliederblüten aufs Büchlein , Ekkehard schüttelte sie nicht ab , er neigte sein Haupt und saß regungslos ... Unterdes hatte Cappan wohlgemut sein Tagewerk begonnen . Es war ein Grundstück drunten in der Ebene an der Grenze des Hohentwieler Bannes ; dort hatten die Feldmäuse ihr Heerlager aufgeschlagen , die Hamster schleppten ganze Wintervorräte des guten Korns in ihren Backentaschen von dannen , und die Maulwürfe zogen ihre Schachte in den kiesigen Boden . Dahin war Cappan beordert . Wie ein Staatsmann in aufruhrdurchwühlter Provinz sollte er ein geordnet Verhältnis herstellen und das Land säubern vom Gesindel . Die Fluten des Gewitters hatten die verborgenen Gänge aufgespült ; leise grub er nach und schlug manch eine Feldmaus im Frührotscheine tot , ehe sie sich dessen versah , dann stellte er sorgsam seine Schlingen und Weidenruten , an andere Orte streute er ein giftig Lockspeislein , das er aus Aaronswurz und Einbeer zusammengekocht , und pfiff fröhlich zu seinem Mordwerk und ahnte nicht , was für schwere Wolken sich über seinem Haupte zusammenzogen . Das Grundstück , wo er hantierte , stieß an Reichenauer Feldmark . Wo der alte Eichwald seine Wipfel regte , ragten etliche Strohdächer ins Waldesgrün hinein : das war der Schlangenhof . Der gehörte dem Kloster zu mit viel Huben Ackerland und Waldes ; eine fromme Witfrau hatte ihn dem heiligen Pirminius zum Heil ihrer Seele vergabt . Jetzt saß ein Klostermeier darauf , ein wilder Mann mit knorrigem Schädel und harten Gedanken drin ; er hatte viel Knechte und Mägde und Roß und Zugvieh und gedieh wohl , denn die kupferbraunen Schlangen , die in Stall und Hof nisteten , pflegte er rechtschaffen und ließ die Milchschüssel in der Stallecke nie leer werden , also daß sie ganz zahm und fröhlich in dem Stroh herumspielten und niemanden ein Leides taten . » Die Schlangen sind des Hofes Segen « , sprach der Alte oftmals , » das ist bei uns Bauern anders als an des Kaisers Hof . « Seit zwei Tagen aber hatte der Klostermeier keine gute Stunde mehr gehabt . Die schweren Gewitter schufen ihm Sorge für Frucht und Feld . Als ihrer drei sonder Schaden vorübergegangen waren , ließ er anspannen und einen Sack vormjährigen Roggen aufladen und fuhr hinüber zum Diakon am Singener Kirchlein . Der lachte auf seinem Stockzahn , wie des Klostermeiers Gespann aus dem Walde vorgefahren kam , er kannte seinen Kunden . Seine Pfründe war mager , aber aus der Menschen Torheit fiel ihm immer noch ein Hinlängliches ab , daß er seine Wassersuppen schmälzen konnte . Der Klostermeier hatte seinen Kornsack bei ihm abgeladen und gesagt : » Meister Otfried , Ihr habt Euer Sach ' brav gemacht und von meinen Äckern das Wetter ordentlich weggebetet . Vergeßt mich nicht , wenn ' s wiederum zu donnern kommt . « Und der Diakonus hatte ihm geantwortet : » Ich denk ' , Ihr habt mich gesehen , wie ich unter dem Kirchentürlein stand , nach dem Schlangenhof gewendet , und aus dem Weihbrunn drei Kreuze gegen das Wetter gespritzt hab ' und den Spruch von den heiligen drei Nägeln dazu , der hat Schauer und Hagel landabwärts gejagt212 . Euer Roggen könnt ' ein gut Brot geben , Klostermeier , wenn noch ein Stümplein Gerstenkorn dazugefügt wäre . « Da war der Klostermeier wieder heimgefahren und gedachte just ein Säcklein mit Gerste zu richten als verdiente Zulage für seinen Anwalt beim Himmel . Aber schon wieder türmte sich ein giftschwarz Gewölk auf , und wie es tiefdunkel über dem Eichwald stand , kam ein weißgrau Wölklein heraufgezüngelt , das hatte fünf Zacken , wie Finger einer Hand , und schwoll an und schoß Blitze und war ein Hagelwetter , fährlicher als alles frühere . Der Klostermeier war zuversichtlich unter seiner Einfahrt gestanden : » Der von Singen sprengt mir ' s wieder weg « , hatte er gedacht ; aber wie die schweren Eisgeschosse in sein Kornfeld einschlugen und die Ähren umsanken wie pfeilerschossene Jugend im Feldstreit , und alles geknickt lag , da schlug er mit geballter Faust auf den Eichentisch : » Verflucht sei der Lügner in Singen ! « In heller Verzweiflung wollt ' er jetzt ein althegauisches Hausmittel anwenden , nachdem des Diakon Zauber fruchtlos : Er riß ein paar Eichenzweige vom nächsten Stamm und zupfte das Laub zu einer Streu zusammen , das tat er in sein altehrwürdiges Hochzeitgewand und hing ' s an die mächtige Hauseiche . Aber die Hagelkörner schlugen fort und fort in die Kornernte trotz Hochzeitrock und Eichblattstreu . Wie festgebannt schaute der Klostermeier auf den im Regen schwebenden Bündel , ob sich der Wind draus erhebe , der den Regen verjagt : der Schönwetterwind blieb aus . Da zogen sich seine Augbrauen grimmig zusammen , er biß sich die Lippen und schritt in seine Stube . Die Knechte wichen ihm auf zehn Schritte aus , sie wußten , was es hieß , wenn ihr Meister die Lippen biß . Schier zusammengebrochen warf er sich an den eichenen Tisch und sprach lang ' kein Wort . Dann tat er einen fürchterlichen Fluch . Wenn der Klostermeier fluchte , war ' s schon besser . Der Großknecht kam schüchtern herbei und stellte sich ihm gegenüber ; er war ein riesiger Sohn Enaks , aber vor seinem Meister stand er blöd wie ein Kind . » Wenn ich die Hexe wüßte ! « sprach der Meier , » die Wetterhexe , die Wolkentrude ! Die sollte ihren Rock nicht umsonst über den Schlangenhof ausgeschüttet haben ... Daß ihr die Zunge im Mund verdorre ! « » Braucht ' s eine Hexe zu sein ? « sagte der Großknecht . » Seit das Waldweib am Krähen drüben landflüchtig worden , läßt sich keine mehr gespüren . « » Schweig ! « schalt der Klostermeier grimmig , » bis du gefragt bist . « Der Knecht blieb stehen , er wußte , daß es noch an ihn kommen werde . Sie schwiegen eine Zeit . Dann fuhr ihn der Alte an : » Was weißt ? « » Ich weiß , was ich weiß « , sagte der Knecht pfiffig . Sie schwiegen wiederum eine Weile . Der Klostermeier hatte zum Fenster hinausgeschaut , die Ernte war vernichtet . Er wandte sich . » Sag ' s ! « rief er . » Habt Ihr die Wetterwolke gesehen « , sprach der Knecht , » wie sie übers Dunkel hingefahren ist ? Was war ' s ? Das Nebelschiff war ' s ! Es hat einer unser Korn den Nebelschiffern verhandelt ... « Der Klostermeier schlug ein Kreuz , als wollt ' er ihm die weitere Rede wehren . » Ich kenn ' s von meiner Großmutter her « , fuhr der Knecht fort . » Die hat ' s im Elsaß drüben oft erzählen hören , wenn das Wetter über den Odilienberg sauste . Aus dem Land Magonia kommt ' s hergesegelt , das Nebelschiff , weiß über die schwarzen Wolken , Fasolt und Mermuth sitzen drinnen , die hageln die Körner aus den Halmen , wenn ihnen der Wetterzauberer Macht drüber gegeben , und heben unser Getreide ins Luftschiff hinauf und fahren wieder heim nach Magonia und zahlen einen guten Lohn213 . Das Nebelschiff rufen , trägt mehr ein , als Messe lesen ; uns aber bleiben die Hülsen . « Der Klostermeier ward nachdenklich . Dann griff er den Knecht am Kragen und schüttelte ihn . » Wer ? « rief er heftig . Der Knecht aber legte den Finger auf den Mund . Es war späte Nacht geworden . In der gleichen Frühstunde , da Cappan dem Ekkehard begegnet war , ging der Klostermeier mit dem Großknecht über die Felder , den Schaden zu beschauen . Sie sprachen kein Wort . Der Schaden war groß . Aber das Land jenseits war minder verheert , als ob die Eichen des Waldes eine Grenzscheide für Einschlag des Hagels gezogen . Auf dem nahen Grundstück trieb Cappan seine Arbeit . Er hatte das Stellen der Fallen beendet und gedachte eine Weile zu ruhen . Er zog aus dem Gürtel ein Stück schwarz Brot und eine Speckseite , die glänzte weich und weiß wie frischgefallener Schnee , und war so schön , daß er mit Rührung seiner neuen Ehefrau gedenken mußte , die ihm solche Atzung zugesteckt . Und er dachte an allerlei , was sich seit der Hochzeit zwischen ihm und ihr zugetragen , und schaute sehnsüchtig zu den Lerchen empor , als sollten sie hinüberfliegen zur Kuppe des hohen Stoffeln und ihm Haus und Ehebett grüßen , und es ward ihm so wohl zumut ' , daß er wieder einen mächtigen Luftsprung tat . Weil sein schlankes Ehgemahl nicht anwesend , gedachte er sich jetzt des langen Weges zur Erde zu legen , um seinen Imbiß zu verzehren , denn daheim hatte er sich immer noch zum Sitzen bequemen müssen , so sauer es ihm auch ward . Da schoß ihm durch den Sinn , daß ihm Friderun zu besserem Segen bei seiner Hantierung einen Spruch gelehrt , das Ungeziefer zu beschwören , und ihm streng aufs Herz gelegt , solchen Spruch nicht zu versäumen . Sein Frühmahl hätt ' ihm nimmer geschmeckt , bevor er dem Befehl gehorchet . An des Feldes Grenze war ein Stein , drein ein Halbmond gehauen , Frau Hadwigs Herrschaftszeichen . Er trat vor , zog seinen Holzschuh vom rechten Fuß , trat barfüßig auf den Grenzstein und hob die Arme nach dem Wald hin . Der Klostermeier und sein Knecht gingen zwischen den Eichen ; sie blieben stehen , er sah sie nicht und sprach den Spruch , wie Friderun ihn gelehrt : » Aius , sanctus , cardia cardiani ! Maus und Mäusin , Talp und Talpin , Hamster und Frau Hamsterin , lasset das Feld , wie es bestellt ; fahrt in die Welt ! Fahret hinunter , hinüber ins Moor , Fieber und Gicht laß euch nimmer hervor ! Afrias , aestrias , palamiasit214 ! « Der Klostermeier und der Großknecht hatten hinter den Eichen der Beschwörung gelauscht ; jetzt schlichen sie näher . » Afrias , aestrias , palamiasit ! « sprach Cappan zum zweitenmal , da fuhr ihm ein Schlag ins Genick , daß er zu Boden stürzte , seltsame Laute klangen an des Überraschten Ohr , vier Fäuste arbeiteten sich müd auf seinem Rücken , wie Flegel der Drescher in der Scheune215 . » Gesteh ' s , Kornmörder ! « rief der Klostermeier dem Hunnen zu , der nicht wußte , wie ihm geschah , » was hat dir der Schlangenhof für Leids getan , Wettermacher , Mausverhetzer , Teufelsbraten ? « Cappan hatte keine Antwort , ihm schwindelte . Das erzürnte den Alten noch mehr . » Schau ihm ins Aug ' ! « rief er dem Knecht zu , » ob ' s trieft und ob ' s dich verkehrt abspiegelt , den Kopf nach unten . « - Der Knecht tat , wie geheißen . Aber er war ehrlich : » Im Aug ' sitzt ' s nicht « , sprach er . » So lupf ' ihm den Arm ! « Er riß dem Darniedergeschlagenen das Obergewand ab und prüfte den Arm : Wer mit bösen Geistern Verbindung pflog , war irgendwo am Leib gezeichnet . Aber sie fanden kein Fehl an dem Mitleidswerten , nur etliche altvernarbte Wunden . Da wären sie schier wieder zu seinen Gunsten gestimmt worden ; die Menschen waren dazumal , wie ein Geschichtschreiber sagt , in ihren Leidenschaften nach Art der Wilden auffahrend und jäh veränderlich . Aber des Knechts Blick fiel von ungefähr aufs Erdreich , da kroch ein großer Hornschröter des Weges ; violschwarz glänzten die Flügeldecken und die rötlichen Hörner standen ihm stolz , wie ein Geweih . Er hatte sich des Cappan Mißhandlung angeschaut und wollte jetzt feldeinwärts , denn er fand kein Wohlgefallen dran . Der Knecht aber fuhr erschrocken zurück . » Der Donnergugi ! « rief er . » Der Donnerkäfer ! « rief der Klostermeier desgleichen . Jetzt war Cappan verloren . Daß er mit dem Käfer das Wetter gemacht , litt keinen Zweifel mehr , Hornschröter zieht Blitz und Hagel nieder . » Mach ' Reu ' und Leid , Heidenhund ! « sprach der Meier und griff nach seinem Messer . Es fiel ihm etwas ein : » Auf dem Grab seiner Brüder soll er ' s büßen « , sprach er weiter . » Er hat das Wetter beschworen , die Hunnenschlacht zu rächen , Art läßt nicht von Art. « Der Knecht hatte indes den Hornschröter zwischen zwei platten Feldkieseln zermalmt und grub die Steine in den Boden216 . Jetzt schleppten sie den Cappan vorwärts übers Blachfeld und schleppten ihn zum hunnischen Grabhügel und schnürten ihm mit Weidenruten Hand und Fuß zusammen ; dann sprang der Knecht zum Schlangenhof hinüber und rief seine Mitknechte . Wild und mordlustig kamen sie heran , etliche davon hatten auf Cappans Hochzeit getanzt , das stand nicht im Weg , daß sie jetzt zu seiner Steinigung auszogen . Cappan fing an nachzudenken . Was ihm zur Last gelegt ward , begriff er nicht , wohl aber , daß Gefahr da . Darum tat er einen Schrei , der klang gell und durchdringend durch die Luft , wie der Schrei eines wunden Rosses in der Todesstunde ; davon ward Ekkehard aus seinen Träumen unter dem Fliederbaum aufgejagt , er kannte die Stimme seines Täuflings und schaute hinunter . Ein zweites Mal klang Cappans Schrei auf , da vergaß Ekkehard sein hohes Lied und eilte die Berghalde hinab . Er kam zu rechter Zeit . Sie hatten den Cappan an das Felsstück gelehnt , das den Hügel deckte , und standen im Halbkreis dabei . Der Klostermeier tat kund , wie er ihn auf handhafter Tat des Wettermachens betroffen , und fragte herum , da sprachen sie ihn schuldig , gesteinigt zu werden . In die unheimliche Versammlung sprang Ekkehard . Die Männer geistlichen Standes waren dazumal minder verblendet , als etliche hundert Jahre später , wo Tausende unter gleich begründeter Anschuldigung auf dem Scheiterhaufen verenden mußten und der Staat sein » von Rechts wegen « drunter setzte und die Kirche ihren Segen dazu gab . Und Ekkehard , so sehr er sonst an zauberische Kunst glaubte , hatte selber einstmals im Kloster des frommen Bischofs Agobard Schrift gegen unsinnige Volksmeinung von Hagel und Wetter abgeschrieben ; zürnender Unwille schuf ihm Beredsamkeit . » Was tut ihr , Unsinnige , die ihr richten wollet , wo euch zu beten geziemt , daß ihr nicht selber möget gerichtet werden ! Hat der Mann gefrevelt , so wartet bis zum Neumond , wenn der Leutpriester von Radolfszell das Sendgericht217 hält , dort mögen ihn die sieben Eidmänner verbotener Kunst zeihen , wie es des Kaisers und der Kirche Vorschrift ! « Aber die Männer vom Schlangenhof trauten ihm nicht . Ein drohend Murren erhob sich . Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemütern eine andere Saite anzuklingen . » Und glaubt ihr wirklich , ihr , die Söhne des Landes der Heiligen , der Gott wohlgefälligen schwäbischen Erde , daß ein so arm hergelaufener Hunnenmensch Macht haben könnte , unsere Wolken zu beschwören ? Glaubt ihr , daß die Wolken ihm gehorchen ? daß nicht vielmehr ein guter Hegauer Blitz ihm das Haupt zerschmettert hätte zur Strafe des Frevels , daß ein fremder Mann ihn angerufen ? « Wenig fehlte , so hätte dieser Grund den heimatstolzen Gemütern eingeleuchtet . Aber der Klostermeier rief : » Der Donnerkäfer ! Der Donnerkäfer ! Wir haben ihn mit eigenen Augen zu seinen Füßen kriechen sehen ! « Da erscholl es von neuem : » Steiniget ihn ! « Ein Feldstein flog herüber und schlug den Armen blutrünstig . Da warf sich Ekkehard unverzagt über seinen Täufling und schirmte ihn mit seinem eigenen Leib . Das wirkte . Die Männer vom Schlangenhof schauten einander an ; allmählich wurden sie stumm , dann machte einer im Kreise kehrt und ging feldeinwärts , andere folgten , zuletzt stand der Klostermeier allein : » Ihr haltet ' s mit dem Landverderber ! « rief er zürnend , aber Ekkehard antwortete nicht , da ließ auch er den erhobenen Stein zur Erde sinken und ging brummend von dannen . Cappan war übel zugerichtet . Auf einem Rücken , den alemannische Bauernfäuste durchgearbeitet , wächst jahrelang kein Gras . Der Steinwurf hatte eine Wunde in den Kopf geschlagen , die blutete stark . Ekkehard wusch ihm das Haupt mit Regenwasser und machte das Zeichen des Kreuzes drüber , das rinnende Blut zu stillen , dann verband er ihn notdürftig . Er gedachte ans Evangelium vom barmherzigen Samariter . Der wunde Mann schaute dankbar aus den gekniffenen Augen zu ihm empor . Langsam führte ihn Ekkehard zur Burg hinauf , er mußte ihm zureden , bis er ' s wagte , sich auf seinen Arm zu stützen . Auch der Fuß mit der Narbe aus der Hunnenschlacht tat ihm weh , stöhnend hinkte er bergaufwärts . Auf dem hohen Twiel gab ' s großen Lärm , wie sie ankamen . Alle waren dem Hunnen gut . Die Herzogin kam in den Hof herunter , sie nickte Ekkehard freundlich zu ob seiner Barmherzigkeit . Der Klosterleute Frevel an ihrem Untertan versetzte sie in zürnende Aufregung . » Das soll nicht vergessen sein « , sprach sie ; » sei getrost , Mausfänger ! Sie sollen dir ein Wehrgeld zahlen für den wunden Schädel , das einer Aussteuer gleichkommt . Und für den gestörten Herzogsfrieden setzen wir ihnen die höchste Buße , zehn Pfund Silbers soll nicht genug sein . Die Klosterleute werden frech wie ihre Herren . « Am wildesten war Herr Spazzo , der Kämmerer . » Hab ' ich darum mein Schwert von seinem Haupt zurückgezuckt « , schalt er , » wie er mit zerstochenem Schenkel vor mir lag , daß ihm ' s die Lümmel vom Schlangenhof mit Feldsteinen pflastern sollen ? Und wenn er auch unser Feind war , jetzt ist er getauft , und ich bin sein Pate und hab ' für seiner Seele und seines Leibes Heil Sorge zu tragen . Sei vergnügt , Patenkind ! « rief er ihm zu und klirrte mit seinem Schwert auf dem Steinboden , » wenn deine Schramme geflickt ist , begleit ' ich dich zum ersten Spaziergang , da wollen wir mit dem Klostermeier rechnen , Hagel und Wetter , rechnen wollen wir , daß ihm die Späne vom Kopf fliegen ! Mit den Meiern kann ' s so nicht mehr fortgehen ! Die Burschen führen Schild und Waffen wie Edelleute , richten statt ziemender Bauernjagd Hunde auf Wildschweine und Bären und blasen auf ihren Weidhörnern , als wären sie die Könige der Welt . Wo einer den Kopf am höchsten trägt , ist ' s ein Meier , man mag darauf wetten218 ! « » Wo ist der Frevel geschehen ? « fragte die Herzogin . » Sie haben ihn von der Feldmark , wo der Halbmond ausgehauen steht , bis an den hunnischen Grabhügel geschleppt « , sagte Ekkehard . » Also mitten auf unserem Grund und Boden « , zürnte Frau Hadwig , » das ist zu viel ! Herr Spazzo , Ihr werdet reiten ! « » Wir werden reiten ! « sprach der Kämmerer grimmig . » Und vom Abt auf der Reichenau noch heute Wehrgeld und Friedbruchbuße und volle Genugtuung verlangen . Unsern landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen ! « » ... durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen ! « wiederholte Herr Spazzo noch grimmiger denn zuvor . Selten war ihm ein annehmlicherer Auftrag geworden . Er strich seinen Bart. » Wir werden reiten , Herr Abt ! « sprach er und ging hinauf , sich zu rüsten . Aber sein grünsamtnes Unterwams und seinen goldverbrämten Kämmerermantel ließ er geruhig im Kasten hängen ; er suchte ein abgetragen grau Jagdgewand aus und legte die großen Beinschienen an , mit denen er in die Schlacht geritten , und die größten Sporen dran und probierte etlichemal einen festen Tritt . Auf den Eisenhut aber steckte er der wallendsten Federn drei und tat sein Schlachtschwert um . So kam er in den Burghof herunter . » Schaut mich einmal an , holdselige Jungfrau Praxedis « , sprach er zu dieser , » was mach ' ich heut für ein Gesicht ? « Er hatte den Eisenhut aufs linke Ohr gerückt und sein Haupt hochfahrend über die rechte Schulter gedreht . » Sehr ein unverschämtes , Herr Kämmerer « , war der Griechin Antwort . » Dann ist ' s recht ! « sprach Herr Spazzo und schwang sich auf den Gaul . Er ritt aus dem Burgtor , daß die Funken stoben , mit dem erfreulichen Gefühl , daß heute Unverschämtheit Pflicht sei . Unterweges übte er sich . Das Wetter hatte eine Tanne niedergeworfen ; im Wurzelwerk haftete noch das vom Sturz mit aufgerissene Erdreich . Die schweren Äste sperrten den Pfad . » Aus dem Weg , geistlicher Holzklotz ! « rief Herr Spazzo der