der Kirchentür warteten . Er führte seine Braut am Arme , reichte dem kleinen Buben die andere Hand , und die neue Familie setzte sich , die Mutter und beide Söhne voraus , das Brautpaar hinter ihnen , in Bewegung . Wer von der Gemeinde den gleichen Weg hatte , ging spöttisch lächelnd an ihnen vorbei : auch konnten sie allerlei Bemerkungen hören . Doch schienen die Leute wenigstens das in der Ordnung zu finden , daß das Paar sich heute am Arme führte ; daß er , ohne gültig verlobt zu sein , Arm in Arm mit ihr durch den Flecken zu der Kirchenkonventsverhandlung gegangen war , hatte bei der herrschenden Sitte noch größeren Anstoß gefunden als ihre vorzeitige Mutterschaft . So langsam sie wegen dieses Zustandes gingen , so gingen doch zwei von den andern proklamierten Paaren noch langsamer hinter ihnen drein , um sich über sie lustig zu machen . » Das ist ein Schwanenpaar ! « sagte der eine Bräutigam . » Im Ludwigsburger Schloßgarten , im See , hab ich auch einmal eins gesehen , die sind grad so gewesen , nur anders , säuberer . « » Die da sind weiß wie ein Ofenloch « , sagte seine Braut . » Es gibt auch schwarze « , fuhr der Bräutigam fort . » Ich hab ' s einmal von einem Reisenden gehört , dem ich den Weg auf den Staufen hab zeigen müssen . Ist ein kurioser Herr gewesen und hat viel Kauderwelsch durcheinander geschwätzt . Sie seien aber eine große Rarität , hat er gesagt . « » Es wird gut für den Flecken sein « , bemerkte die Braut , » wenn die da gleichfalls eine Rarität bleiben . « » Kann denn der Schwan auf trockenem Boden laufen ? « fragte der andere Bräutigam . » Freilich « , versetzte der erste , » aber es macht ihm Müh , er wackelt schier gar so schwer daher , wie die da . « Er deutete auf Christinen , und alle vier brachen in ein rohes Gelächter aus . Friedrich machte seine Arme los und kehrte sich um . » Ihr Spitzruten « , sagte er , » ist ein Ehrentag ein Tag zum Gassenlaufen ? Aber gut , wenn ihr ' s nicht anders haben wollet , so möget ihr ' s haben . Du Michel , grüner Tralle « , wandte er sich an den einen , » du bist so dumm , daß man Riegelwänd mit dir nausstoßen könnt und daß dein Mädle zu dir hat in die Scheuer kommen müssen , statt du zu ihr , aber wenn man euch erwischt hätte , so hätt ' s noch eine ganz andere Konventsverhandlung geben als bei uns . Verstanden ? Und du , Lorenz « , sagte er zu dem andern , » du spitziger Gscheidle , so pfiffig du bist , so weiß ich doch , daß du dich in Zebedä drüben hast nachts von den ledigen Buben müssen in Brunnentrog tunken lassen , zur Abkühlung , wie sie gemeint haben , jedoch ohne alle Not , denn an dir ist nichts Hitzig ' s als dein Geiz , der dich verführt hat , vom Herrn Vikarius drüben , dem reichen Prälatensohn , sein aushraucht ' s Spielzeug um ein Draufgeld einzuhandeln , nachdem dein voriger Schatz gestorben ist , man weiß nicht einmal recht an was . Ich will ' s an dem gnug sein lassen , denn ich seh , daß eure Bräut rot worden sind , und ' s wär gut , sie täten sich der Heuchelei und Splitterrichterei noch mehr schämen als der Sund . Euch zwei Lumpen aber hätt ich gute Lust , über einen wackern Stecken tanzen zu lassen , wenn ich heut nicht so vergnügt wär . Wiewohl , ihr brauchet mir nicht viel gute Wort zu geben , wenn ich euch soll den Gefallen tun . « Die Hirschbäuerin , die mit ihren Söhnen etwas vorausgegangen war , kam eilig zurück , um abzuwehren ; aber weder ihre Ermahnung , noch das vielleicht kräftigere Einschreiten der beiden Söhne war vonnöten , denn die Getroffenen zogen mäuschenstille ab und wagten erst in weiter Entfernung wieder zu schimpfen und zu spotten . Friedrich aber sagte zu seiner Braut : » Christine , bleib standhaft und mach mir kein ' Streich . Du kannst mein ' twegen Hochzeit und Kindbett am gleichen Tag halten , aber nur fein nacheinander , damit nicht ein Segen zu früh kommt und der ander zu spät . « » Sei doch ruhig « , erwiderte sie , » das hat keine Not . « » Der Kuckuck hat ' s gesehen « , fuhr er fort , » daß man sich dreimal proklamieren lassen muß . Gleich das erst ' mal sollt man von der Kanzel vor den Altar kommen , damit einem die Welt keinen Prügel mehr in den Weg werfen könnt . « » Das wär doch nicht gut « , meinte Christine dagegen . » Da könnt ja kein arm ' s Mädle mehr Einspruch tun , wenn ihr Schatz sie sitzen ließ und ließ sich mit einer andern zusammengeben . « » Ist auch wahr « , sagte er . » Um der Untreu der Menschen willen müssen die Treuen mitleiden . Übrigens möcht ich nichts mehr von einem , der mich einmal verkauft und verraten hätt , und was den Einspruch betrifft , so wird eine Arme wunderselten dadurch ihr Recht erlangen , weil gleich alles zusammenhilft , daß sie geschweigt wird . « » Darum ist ' s eben das best , wenn man sich aufeinander verlassen kann « , sagte Christine , » dann sind die drei Wochen Aufschub auch nicht zu lang . « » Gott geb ' s « , erwiderte er , » aber ich wollt , sie wären vorbei . « Die zweite Proklamation , die am nächstfolgenden Sonntage stattfand , machte schon nicht mehr so viel Aufsehen wie die erste ; denn die Menschen fügen sich in vieles , und manche neue Erscheinung , die sie im ersten Augenblick mit Keulenschlägen empfingen , ist ihnen im Lauf der Zeiten vertraut und befreundet oder , oft richtiger gesagt , zur Gewohnheit geworden . An diesem Tage begehrte Friedrich von seinem Vater eine Unterredung , die er die ganze Woche schüchtern aufgeschoben hatte . Er stellte ihm vor , daß es jetzt höchste Zeit sei , an die Einrichtung eines kleinen Hauswesens zu denken , und daß er zu diesem Zwecke sein mütterliches Vermögen heraushaben müsse . » Nun , nun « , sagte der Alte , » es hat ja noch Zeit . Ich seh überhaupt nicht ein , wozu du so viel Geld brauchst . Du hast ja selbst gesagt , du wollest froh sein , wenn du mir als Knecht dienen dürfest . « » Ich bin ' s zufrieden « , entgegnete der Sohn , » aber ich muß doch wenigstens eine Stube haben , wo ich mit meinem Weib drin wohnen kann . « » Als Knecht kannst du bei mir wohnen wie bisher . « » Ja , wollt Ihr denn mein Weib auch zu Euch ins Haus nehmen ? « fragte der Sohn mit einem Freudenschimmer in den Augen . » Das kommt noch aufs Wohlverhalten an « , antwortete der Vater mit einem spöttischen Blick . » Am End wär ' s freilich das best , ich nähm euch beide unter Aufsicht ; ihr könntet ' s vielleicht brauchen . « Der Alte ging seinen häuslichen Verrichtungennach , ohne sich zu einer bestimmten Erklärung bringen zu lassen . Ein paar weitere Versuche seines Sohnes liefen ebenso ab , und er erhielt nichts als ausweichende , rätselnde , stichelnde Antworten , wobei der Alte jedesmal ein Geschäft oder einen Besuch zu benützen wußte , um das Gespräch abzubrechen . Friedrich verging beinahe vor Unmut und Ungeduld , aber er hatte Christinen versprechen müssen , diese letzten Tage der Prüfung vollends in Ruhe auszuharren . - » Sieh , ich hab Eselsgeduld « , sagte er oft zu ihr . Unterdessen war die Sonnenwirtin nicht müßig gewesen , im Wege der Gunst wie des Hasses auf ihre Gönnerin , die Amtmännin , und durch diese auf den Amtmann einzuwirken . » Es wäre ja doch schrecklich « , sagte sie , » wenn so ein eigensinniger , gewalttätiger Trotzkopf vernünftige Leute abzwingen könnte . « Der Amtmann , der sich gleichfalls von ihm überrumpelt sah , hatte , nachdem die erste kirchliche Handlung durchgesetzt war , doppelte Lust gewonnen , die Heirat doch noch am Ziele zu hintertreiben . Er schalt auf die Regierung , welche viel zu liberal sei und das junge Volk , wenn es nur brav Dispensgelder bezahle , ins Blaue hinein heiraten und den Gemeinden zur Last fallen lasse ; übrigens , meinte er , der Sonnenwirt brauche nur den Taugenichts aus dem Hause zu jagen und jede Verbindung mit ihm abzubrechen , dann habe er allen Boden unter den Füßen verloren , und wenn ihn die Regierung zehnmal für volljährig erkläre , so nehme ihn eben die Gemeinde nicht an . » Dafür laß Sie nur mich sorgen , Frau Sonnenwirtin . « » Wenn nur mein Mann nicht so schwach war ! « erwiderte die Sonnenwirtin hierauf . » Er will sich ' s nicht nachsagen lassen , daß er seinen Sohn , der ihm als Knecht zu dienen erbötig ist , von sich gestoßen hab , und doch kränkt ' s ihn auch wieder , daß er ihm sein Mütterlich ' s hinauszahlen soll , denn die Zeiten sind eben gar schwer . Die Eve Marget und die Magdalene haben ihren Anteil auch stehenlassen müssen , mit Vorbehalt , daß sie nachher am Vater mehr erben sollen . Nun besorgt er , wenn der Bruder sein Sach ganz rauskriegt und auf einmal , so könnten die Schwestern auch rebellisch werden . Er glaubt , er hab eigentlich die Nutznießung davon sein Leben lang , aber er weiß nicht gewiß , ob man sie ihm nicht vielleicht strittig könnt machen . « » Jedenfalls « , bemerkte der Amtmann , » ließe sich dieser Streit in die Länge ziehen , ich sehe jedoch nicht ein , zu was das in der Hauptsache führen sollte , denn wenn der Sonnenwirt seinem ungeratenen Sohne die Existenz garantiert , so kann ihn niemand am Heiraten hindern . Übrigens will ich mir die ganze Sachlage noch einmal in Revision nehmen und sehen , ob noch etwas zu machen ist . « Unter solchen Beratungen war die zweite Proklamation vorübergegangen , und der Vorteil des unabänderlichen Laufes der Dinge schien ganz auf Friedrichs Seite zu sein , als der Amtmann die Sonnenwirtin rufen ließ . » Gratuliere , Frau Sonnenwirtin « , sagte er , » zur leibeigenen Schnur ! « » Was ? leibeigen ? « rief die Sonnenwirtin . » Und davon hat das schlecht Gesindel gar nichts gesagt ? Das hebt ja alle Verpflichtungen auf ! « » Vielleicht haben sie es selbst nicht mehr recht gewußt « , sagte der Amtmann , » denn die Sache ist etwas in Vergessenheit geraten . Tatsache aber ist es , daß der Hans Jerg Müller und die Seinigen zu gnädigster Herrschaft im Verhältnis der Leibeigenschaft stehen . « » Dann « , rief die Sonnenwirtin mit einem Strahl von Hoffnung , » ist ' s doch möglich , daß der stolz Bub sein Kopf noch ändert . Eine Leibeigene wird er nicht zur Frau haben wollen . « » Diese Verhältnisse ließen sich ja mit Geld abkaufen « , bemerkte der Amtmann , » denn dazu ist gnädigste Herrschaft stets geneigt . Ohnehin bestund es , in neuerer Zeit wenigstens , aber schon seit lange , in einer jährlichen Geldabgabe . Früher mögen schwerere körperliche Leistungen erfordert worden sein : da es mich nicht interessiert hat , so habe ich auch nicht nachgeschlagen . Die prästierende Abgabe wurde dem Hans Jerg Müller schon vor geraumer Zeit ob summam paupertatem , wie er ja auch schon von der Gemeinde ex pio corpore Unterstützung genossen hat , auf sein untertänigstes Ansuchen nachgesehen , daher es leicht möglich , daß er sich der Verhältnisse selbst nicht klar erinnert . Das einfältige Volk weiß ja niemals , wie es dran ist , noch auf welchen Füßen es steht : die Beamten müssen es ihm sagen , was es zu leisten schuldig ist , und müssen ihm zur Not noch Bittschriften machen , wenn es einige Linderung seiner Lage erzielen möchte . So habe ich auch diesem die betreffende Supplik aufgesetzt , um ihm das Geld zu ersparen , das er einem Advokaten für die Schrift hätte geben müssen , und ihn vor den Entenmaiern zu bewahren , den Winkeladvokaten , die der Leute Verderben sind . Es ist recht undankbar von dem alten Habenichts , daß er , indirekt wenigstens , Ihren Stiefsohn in dessen Unfug und übler Aufführung steift ; aber auf Dank darf man ja bei diesem Volke nicht rechnen . Ich selbst muß freilich von mir auch gestehen , daß ich die Sache bei mir mit den Jahren habe in Vergessenheit kommen lassen ; derlei verwickelte Materien tauchen einem allemal erst wieder auf , wenn man die Akten nachschlägt . Summa Summarum ist jedoch soviel gewiß : der sogenannte Hirschbauer ist nebst seinen Deszendenten leibeigen , und zwar haftet die Leibeigenschaft auf dem Haus . Ob nun , wie es bei diesem Volke nicht ungewöhnlich , die Vererbung des Besitzes samt der darauf haftenden Last seit Generationen direkt vom Vater auf den Sohn stattgefunden hat , ob dabei Töchter hinausgegeben worden sind und ob selbige durch die bloße Emanzipation vom väterlichen Herde infolge des eingegangenen matrimonii - wobei sie ja bloß den Herren wechseln , wie der Frau Sonnenwirtin selbst wissend sein wird , ha , ha ! - ob sie schon hiedurch auch von der Leibeigenschaft emanzipieret sind oder ob sie erst noch specialiter mit Gelde abgelöset werden müssen , ja , darüber könnte man einen langen Prozeß führen , und wehe dem , der die Kosten davon zu bezahlen hätte . Für mich ist jedenfalls so viel klar , daß , wenn auch die fürstliche Regierung diesem jungen Menschen die Majorennität und die Heiratserlaubnis gnädigst bewilligt hat , ich , im fürstlichen Interesse selbst , vorderhand auf der baren Leibeigenschaftsablösung seiner , wenn auch proklamierten , doch immer nur erst prätendierten sponsa bestehen muß , muß demnach namens gnädigster Herrschaft sowohl , als auch seitens dieser Kommune , deren Gericht und Rat ich mit tunlichster Beförderung des näheren instruieren werde , beharren , daß ein gültiger Ehevollzug des Johann Friedrich Schwanen mit der Christina Müllerin nicht eher ins Werk gerichtet werden kann , als bis und bevor gedachter Ablösungsschilling entweder in barem erlegt oder eine durchaus satisfazierende Kaution dafür geleistet ist ; wobei , bewegender Gründe halber , überhaupt zu erfordern sein dürfte , daß sotane Kaution sich auf den gesamten Nahrungsstand des Nupturienten zu erstrecken habe , denn wenn auch , aus Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse und die bei Gericht und Amt notorische Vermöglichkeit des Sonnenwirts , hievon Umgang genommen werden könnte , falls er seinem Sohne zur Seite zu stehen gesonnen ist , so muß doch im vorhandenen Zweifelsfall für den Nupturienten , unerachtet er ein hiesiger Bürgerssohn , genügende Sicherheit verlangt werden , daß er erstlich seine ihm von gnädigster Herrschaft auferlegende praestationes richtig zu erfüllen imstande sei , und zweitens , daß er , wo ihn sein Vater eventualiter außer Brot setzen sollte , gemeinem Flecken nicht mit einem penuriösen und armutseligen Hausstande , mit Ansprüchen an das pium corpus und endlich gar mit einem Heere von mangelhaften Kindern , die um Brot und Kleidung schreien und deren wir hier schon genug und übergenug haben , nicht wissend , wo sie unterzubringen , beschwerlich fallen werde . « Der Amtmann wischte sich den Schweiß von der Stirne ; seine Auseinandersetzung schien ihn etwas angegriffen zu haben . Doch lächelte er zufrieden , denn der Vortrag war nunmehr hinlänglich zu Faden geschlagen , um mit der nötigen Geläufigkeit vor dem Magistrat gehalten werden zu können . Die Sonnenwirtin hatte zwar , trotz der Andacht , mit der sie der Rede zugehört , schon der eingestreuten lateinischen Brocken wegen , sehr viel davon nicht verstanden ; doch begriff sie vollkommen , daß der Heirat ihres Stiefsohnes noch ein Riegel vorgeschoben werden könne . Sie ließ sich über die beiden Hauptpunkte , auf die es ankam , noch einmal belehren und verließ das Amthaus in vollem Triumphe , nachdem sie es übernommen hatte , ihrem Manne und ihrem Sohne die amtliche Eröffnung , welche der erstere sich zu holen aufgefordert wurde , im voraus mitzuteilen . » Ihren Stiefsohn « , rief ihr der Amtmann nach , » lasse Sie mir nur aus dem Haus , mein alter Anwalt sagt immer von ihm , und mit Recht , er führe eben ein ödes Geschwätz , das gar keine Heimat habe . « Aus dem Munde der Stiefmutter erfuhr denn Friedrich , welches neue Gewitter gegen ihn heraufbeschworen worden war . Zuerst nahm er die Nachricht , daß Christine leibeigen sei , mit Gleichmut auf und erklärte , dies ändere nichts in seinen Gesinnungen ; als er vollends hörte , daß diese Abhängigkeit mit Geld gelöst werden könne , machte er sich gar keine Sorge mehr ; aber er war wie aus den Wolken gefallen , als er sehen mußte , wie sein Vater die Sache nahm . » Was ! « rief der Sonnenwirt , » ich soll Bürgschaft stellen für die Bezahlung einer Abgab , die mich mit Haut und Haar nichts angeht ? Ich bin froh , wenn ich meine eigene Schuldigkeit abgetragen hab , bin hoch genug besteuert , kann mich nicht auch noch um anderer Leut ihre Abgaben annehmen . « » Vater « , sagte Friedrich , den diese Äußerung zuerst nur ärgerte , » ich glaub , Ihr werdet altersschwach . Es handelt sich ja gar nicht drum , daß Ihr vom Eurigen etwas zahlen sollet . Gebt mir mein Mütterlich ' s heraus , dann leg ich das Geld dem Amtmann selber hin . « » Du tust immer , als ob du von deinem Mütterlichen die halb Welt kaufen könntest , und hast doch schon genug davon vertan . Du wirst dich wundern , wenn ich einmal mit dir abrechne . « » Nun , so rechnet ab , und wenn Ihr so viel Zeit brauchet , bis Ihr wisset , was Ihr alles in die Rechnung schreiben wollet , so müsset Ihr eben derweil die Bürgschaft leisten . « » Ich nicht . Das Sprichwort sagt : den Bürgen soll man würgen . Und wie kann man denn von mir verlangen , daß ich noch einen weiteren Revers ausstellen soll von wegen deines Fortkommens ? Ich hab dir zwar wohl versprochen , daß ich dich bei mir behalten will , und ich will auch dabei bleiben , wenn du dich hältst , wie ' s recht ist , nämlich besser als bisher . Aber Hand und Fuß will ich mir durch einen Revers nicht binden lassen , denn sonst wärest ja du der Herr , und ich müßt mir zeitlebens gefallen lassen , was dir anständig wär . Nein , der Sklav in meinem eigenen Haus will ich . nimmermehr werden . « Friedrich legte den Kopf eine Weile auf beide Hände , die er auf dem Tische liegen hatte . Als er das Gesicht wieder erhob , war alle Farbe daraus gewichen . » Jetzt seh ich erst , daß es eine abgekartete Sach ist « , sagte er mit einem Blick auf die Stiefmutter und verließ die Stube . Christine weinte bitterlich über dieses neue Hindernis . » Das ist eine Welt ! « sagte der Hirschbauer und kehrte sich nach der Wand . Die Bäuerin heulte und schrie , daß man arme Leute so unterdrücke , die Söhne fluchten , und der kleine Weißkopf , der heute die Welt gar nicht verstand , saß bestürzt und furchtsam in der Ecke . Friedrich aber glaubte zu bemerken , daß der abermals in Zweifel gestellte Erfolg seiner ehrlichen Bemühungen auf die Würdigung seiner Absicht oder wenigstens auf die Schätzung seiner selbst zurückwirke . Die Hirschbäuerin wenigstens schien ihn bereits mit minder günstigen Augen anzublicken ; als sie ausgeheult hatte , machte sie ein Gesicht und gönnte ihm beim Abschiede kaum ein Wort . Christine aber nahm ihm wiederholt das Versprechen ab , auch diese Prüfung womöglich durch Geduld und Gehorsam zu überwinden . Schon die folgenden Tage zeigten ihm , daß er sich in seinen Berechnungen völlig getäuscht habe und für den nächsten Sonntag auf die letzte , bestätigende Proklamation verzichten müsse . Er sprach nichts , war in seinen Verrichtungen fleißiger denn je , aber seine wundgebissenen Lippen , seine mit Blut unterlaufenen Augen verrieten den Sturm , der in ihm arbeitete . Die Narbe auf seiner Stirne trat oft blutrot hervor . Die Leute steckten bei diesem Anblick die Köpfe zusammen und murmelten einander zu , das sei ein Kerl , von dem man sich des ärgsten gewärtigen dürfe . 26 Rasselnd und donnernd fuhren eines Vormittags mehrere Jagdequipagen die Straße herauf . Mitten im vollen Jagen hielt die vorderste vor der Sonne und nötigte dadurch die andern zu einem ebenso plötzlichen Halt . In der Sonne gab es ein Rennen und Jagen treppauf und -ab . Der Herzog Karl selbst war es , der in der ersten Kalesche saß und im raschen Vorbeijagen nach dem Schurwald einen Trunk vom Besten begehrte . Die Ehre war groß , noch größer aber die Eile , mit welcher der Befehl ausgeführt werden mußte , denn es war bekannt , daß der Herr nicht gern wartete und weder im Großen noch im Kleinen ein Hindernis seines Willens gelten ließ . Der Sonnenwirt flog daher wie ein Jüngling von achtzehn Jahren , und wenig fehlte , so wäre er die Treppe hinabgefallen ; doch brachte er den alten Familienpokal glücklich an den Wagen . Sein Sohn sah vom Fenster aus zu , wie ihn der Herzog in Empfang nahm und nach einem guten Zuge wieder zurückgab ; er sah , wie der junge Fürst gnädig , aber immer hastig mit seinem Vater sprach , wie dieser unter tausend freudigen Bücklingen sich weigerte , die Zeche zu machen , aber von dem bei dem Herzog im Wagen sitzenden Hofherrn einen mit einem gebieterischen Wink begleiteten Silbertaler annehmen mußte . Neugierig betrachtete er den von Jugend und Jagdlust strahlenden Landesherrn , dessen Allmacht ihm die Zahl seiner Jahre voll machen und doch den Wunsch seines Herzens nicht erfüllen konnte : das vornehme , freie Gesicht mit den herrisch umherschweifenden hellblauen Augen drückte eine machtbewußte Sorglosigkeit aus , welche die Freuden des Lebens in vollen Zügen schlürfte und sich dabei um keinerlei Bedenken zu kümmern hatte . So mußte es wenigstens einem jungen Menschen erscheinen , dem die Kehrseite solcher Herrlichkeit verborgen blieb . » Nur ein Scherflein von dieser Freiheit und Ungebundenheit ! « seufzte er : » ich wollt es ja nur dazu benutzen , um an meinem Weib und Kind ein rechtschaffen Werk zu tun ! « » Wer wird denn dastehen und gucken , wenn ' s alle Händ voll zu tun gibt ! « rief eine Magd , die in die Stube stürzte . » Die Herren in den andern Kutschen wollen auch Wein . Fort ! im Hausgang drunten stehen schon Butellen g ' nug , ' s fehlt nur an Händen , um sie nauszutragen . « Er eilte hinunter , ergriff mechanisch ein paar Flaschen und trug sie vor das Haus , wo sein Vater soeben , trunken vor Glück von dem Wagen des abfahrenden Herzogs zurücktrat und , beständig komplimentierend , seinem Sohn rücklings in die beladenen Arme taumelte . In diesem Augenblick erhob sich ein Angstgeschrei . Das vordere Pferd am herzoglichen Wagen , durch die neugierig umherwogende Menge oder vielleicht durch irgendeine mutwillige Untat der lieben Jugend scheu gemacht , bäumte sich so unversehens und heftig , daß der Jagdpostillon die Meisterschaft zu verlieren in Gefahr war und die andern Pferde gleichfalls unruhig wurden . Das Geschrei der Menschen , besonders aus den hintern Kaleschen , steigerte die Verwirrung der Tiere , der Postillon schwankte im Sattel , die umstehenden Männer , die zufällig keine Helden waren , wichen zurück und versperrten kräftigeren Händen den Platz , so daß nachgerade die Sicherheit des Herzogs an einem Haare hing . Da ließ Friedrich seine Flaschen fallen , daß sie klirrend am Boden zerbrachen , mit einem Sprung hatte er sich des ungebärdigen Rosses bemächtigt , das ihn auf und nieder schleuderte , endlich aber seiner markigen Hand sich fügen mußte . Als der stärkste Widerstand des Tieres gebrochen war , sprang noch ein Knecht herbei , der es vollends bändigen half , und nun kam alles , was Hände hatte , um die überwundene Gefahr noch einmal zu überwinden . Der Herzog , ärgerlich , daß seine Allgewalt vor den Augen der Sterblichen einen kleinen Eintrag erlitten hatte , rief : » Hat nichts zu sagen ! Vorwärts ! Keine Umstände weiter ! « nickte aber im Fortfahren dem jungen Menschen , der ihm diesen Dienst erwiesen , gnädig zu , griff dabei in die Westentasche und warf ihm ein Goldstück hin , während der vordere Postillon , seine wiedergewonnene Haltung mit verbissenem Grimm behauptend , die Peitsche gegen die herzudrängende Menge aufhob und der Jagdzug in donnerndem Laufe davonbrauste . Ein Gelächter folgte den unglücklichen Hofherren , die über dem Abenteuer ihres Gebieters nichts zu trinken bekommen hatten und sich ohne Zögern anschließen mußten , um ihren Durst im Schatten der Wälder oder vielleicht im Blute des Ebers zu kühlen . Noch einen Augenblick , und die ganze stolze Erscheinung war verschwunden , und die Straße mit den städtisch großen , aber einförmig grauen Gebäuden sah wieder so werktäglich aus , als ob sich gar nichts zugetragen hätte . Friedrich war sogleich in das Haus zurückgekehrt , während sein Vater noch im Vollgenuß der gehabten Ehre mit den Nachbarn sprach , wobei er nicht unterließ , sie darauf aufmerksam zu machen , daß der Flecken früher eine Post gehabt habe , von welcher er behauptete , daß sie mit der Sonne verbunden gewesen sei . » Wo hast dein ' Goldvogel ? « fragte er seinen Sohn vergnügt , als er mit dem Knechte heraufkam , um zu Mittag zu essen . » Der Johann sagt , es sei ein Goldstück gewesen , was dir der Herzog zugeworfen hab . « » Ich hab ' s nicht aufgehoben « , antwortete Friedrich . » Was ? Bist von Sinnen ? « schrie der Sonnenwirt . » Ich hab eine Menschen- und Christenpflicht getan « , sagte Friedrich , » und dafür laß ich mich nicht mit Geld auszahlen . Zudem weiß man wohl , für was der Herzog die Dukaten in der Westentasch trägt - fürs Weibervolk . Das ist kein Geld für mich . « » Hast ' s so übrig ? « fragte der Vater , indem er den Löffel niederlegte , den er mit dem besten Appetit zu handhaben begonnen hatte . Das Essen wollte ihm nicht mehr recht schmecken . » Du bist mir der Recht zum Obenaussein « , setzte er hinzu . » Dann hätt das Geld wenigstens mir gehört « , maulte der Knecht , » denn ohne mein ' Beistand kann man nicht wissen , wie das Ding ausgegangen wär . « » Warum hast ' s nicht genommen ? « sagte Friedrich . » Ich hätt ' s dir nicht mißgönnt . « » Such , Johann , such ! « rief der Sonnenwirt . Aber der Knecht war schon aufgesprungen , und man hörte ihn die Treppe hinunterpoltern . Nach einer guten Weile kam er finster zurück und sagte : » Ich hätt mir ' s schon denken können , daß so was nicht lang liegenbleibt . Wer ' s aber genommen hat , ist ein Dieb . Der soll mir kommen . Ich werd ' s schon rausbringen , wer den gelben Vogel im Käfig hat . Der Fischerhanne , der ist , glaub ich , am nächsten dabei gestanden . Dem wassergrünen Spitzbuben werd ich aufpassen . « » Schäm dich , Johann « , sagte Friedrich , » daß du dein ' Nebenmenschen schlecht machst , eh du weißt , ob er ' s ist . Der Fischerhanne ist nicht mein Freund und wird ' s auch nicht werden , aber ich tät mich doch zweimal besinnen , eh ich ihn einen Dieb hieß ohne allen Grund und Beweis . Und dir hat er nie was zuleid getan . Esel , warum hast du das Geld nicht gleich aufgehoben ? « Der Knecht sah ihn giftig an und murmelte halblaute Flüche in seine Suppe hinein . » Das Aufheben wär an dir gewesen , du hochmütiger Herr « , sagte der Sonnenwirt zu seinem Sohne . » Du nimmst , wo du nichts anrühren sollt ' st , und läßt liegen , was dein ist . « Friedrich schwieg . Er hatte einem Advokaten in Göppingen geschrieben , ob er sich nicht seiner annehmen und seine Sache gegen seinen Vater führen wolle . Inzwischen gedachte er jeden unnützen Streit mit diesem zu vermeiden und sich , solange er ihm sein mütterliches Erbe nicht herausgab , als Kind von ihm ernähren zu lassen , was er ihm durch seine Dienste hinlänglich zu vergelten glaubte ; denn wenn er auch mitunter , von Zorn und Überdruß ergriffen , in seiner Arbeit nachließ , so meinte er sich doch das Zeugnis geben zu dürfen , daß sein Vater mit Unrecht