Weder der Major , noch die mit ihrem Kinde zärtlich beschäftigte Dame bemerkten die Stöße und Knüffe , welche die beiden größeren der erwachten Kinder von dem Weibe erhielten und wie sie sich heimlich wieder in Schlaf weinten . Die junge Mutter ging mit dem beruhigten Kleinen durch die Stube auf und nieder und legte es dann zurück in sein Bettechen . Zufällig siel ihr Auge auf die Milchflasche , und ehe es noch die Frau hindern konnte , nahm sie dieselbe in die Hand , zog den Pfropfen heraus und goß einige Tropfen aus die Hand . Ein widerwärtiger Dunst quoll ihr aus der geöffneten Flasche entgegen , wie von saurer verdorbener Milch , mit scharfem Alkohol geschwängert . » Um Gott , Frau , was haben Sie da ? was ist das für Milch ? Ferdinand , ich bitte Dich ! « Der Major nahm ihr die Flasche aus der Hand und probirte einige Tropfen . » Da ist ja Branntwein darunter , Frau ! ? « » Nu freilich , een Tröpschen ; was schad ' ts denn ? die Kinder schlafen dann desto besser . Es ist halt nur für die Nachtruh ' . « » Aber Frau , Sie werden doch einem kaum entwöhnten Säugling nicht das schändliche Getränk geben ? « » I Gott bewahre , Gnädige , das ist nur da für die gemeinen Krabben , die sonst gar nicht stille zu kriegen sind . Das Engelchen schläft ganz von selber und kriegt die allerfrischeste Milch , wie sie nur der Charlottenburger Milchmann früh bringt . Der Kleine könnt ' s bei Ihnen selber nicht so gut haben , wie bei mir . « Die Verlegenheit des Weibes , das rothe Gesicht des Kindes hätten freilich bei einer erfahrenen Mutter böse Zweifel gegen die Ableugnung erweckt . Die junge Dame warf sich in die Arme des Mannes . » Führe mich fort , Ferdinand ; diese Lust , dies Alles erstickt mich . O , wie bin ich so gränzenlos unglücklich ! « Der Major gab der Frau Geld und befahl ihr auf das Strengste an , dem Kinde nur die reinste Nahrung zu reichen , und sagte , daß er alle Woche einen Arzt hierher senden werde , um sich von dem Zustande desselben zu überzeugen . Das Weib betheuerte und versprach alles Mögliche , und geleitete so das Paar durch den Hausflur zurück auf die Straße . Dam - allein - schlug sie verächtlich ein Schnippchen hinter ihnen drein , steckte dem Kinde in der Wiege wie zum Trotz die entsetzliche Flasche in den Mund , und als sie den nächtlichen Besuch weit genug entfernt glaubte , löschte sie rasch die Lampe und eilte auf ' s Neue zu ihrem Gelage , ohne das kranke wimmernde Kind im Vorderkeller auch nur eines Gedankens zu würdigen . - Leise weinend schritt indeß die junge Mutter neben dem Major her , der vergeblich sie zu beruhigen und zu trösten suchte . » Du hast es selbst gewollt , Marie ; das Kind war auf dem Lande gut aufgehoben bei der armen Frau , aber Du bestandest darauf , es in Deiner Nähe zu haben , um es wenigstens hin und wieder sehen zu können . Ich habe mich nach verschiedenen Haltefrauen erkundigt , aber man rühmte mir diese immer noch als eine der zuverlässigeren . Bei vielen andern waren wir auch weniger vor Entdeckung sicher . Ueberdies bürgt uns der eigene Vortheil dieser Person dafür , daß sie dem Kinde die möglichste Sorgfalt widmet ; Du hörtest selbst , daß es ihr bestes ist . An andern Orten ist es vielleicht noch schlimmer aufgehoben . « Aller Trost nutzte Nichts ; er mußte ihr versprechen , sobald als möglich für das Kind einen andern bessern Ort zu ermitteln , es wieder auf das Land zurückzubringen , indem sie lieber darauf verzichten wolle , es zu sehen . Der Major versprach Alles , nur um die Erregte zu beruhigen . So brachte er sie wieder zurück zu dem Garten und nach weiteren Verabredungen für die nächste Zusammenkunft , wozu Gelegenheit ihnen durch die obwaltenden Verhältnisse nur sehr selten gegönnt war , bis zu dem Hause . » Und nun leb ' wohl , Marie , sei stark und muthig , wir werden sicher noch alle Hindernisse besiegen ; vertraue auf meine Kraft , nur mache Dich los von den Vorurtheilen , die Dich noch mit hundert Banden gefesselt halten . - Zum Henker , « unterbrach er sich , indem er mit der Hand im Epheugeländer umhersuchte , » wo steckt denn die Leiter ? « » Sie wird nicht nöthig sein , « sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen ; » ich werde die Comtesse , meine Tochter , auf einem passenderen Wege nach ihrem Zimmer geleiten . « Das Paar fuhr wie vom Blitzstrahl getroffen auseinander . Zwischen ihnen stand ruhig und gemessen ein großer stattlicher Mann mit breiter Brust und grauen Haaren . Das Sternenlicht der Sommernacht ließ freilich die Züge nicht erkennen , aber Jedes der Beiden wußte , wen es vor sich hatte . Der Major faßte sich alsbald , während die junge Dame halb ohnmächtig an der Wand lehnte . » Herr Graf , « sagte er , » es ist eine peinliche Situation , in der ich Ihnen in diesem Augenblick gegenüberstehen muß . Erlauben Sie , daß ich Ihnen morgen früh eine Rechtfertigung gebe , wie sie unter Männern von Ehre nöthig ist . « » Bemühen Sie sich nicht , mein Herr - der Zufall und Schlaflosigkeit haben mich hinter die nächtlichen Promenaden dieser jungen Dame gebracht , und ich werde sie künftig zu verhindern wissen , eben so wie alle unpassenden Liebschaften . Weiter weiß ich Nichts und will Nichts wissen . Gute Nacht , mein Herr . « » Herr Graf , ich bitte Sie - hören Sie mich an ... « » Mein Herr , zwingen Sie mich nicht , die Bedienten durch meinen Ruf zu wecken . Mit Leuten Ihrer Art und Ihrer Gesinnung hat ein Edelmann von unbeflecktem Namen Nichts zu thun . Ich sollte meinen , zum galanten Verführer wären Sie doch schon zu alt . Es ist also die Speculation ! - Dieser Garten aber und dieses leichtsinnige Mädchen sind noch mein Eigenthum , und Gott sei Dank gelten hier noch nicht die Gesetze der Herren Communisten und Weltverbesserer . - Entfernen Sie sich , ich befehle es , und lassen Sie sich nicht wieder in dieser Umgebung blicken . « Er faßte die Comtesse hart am Arm und führte sie fort nach dem Hofraum . - Der Major schlug sich wild vor die Stirn und drohete mit der Faust nach dem Hause . Dann ging er rasch in die Büsche des Gartens . Zur selben Zeit ungefähr , als der Fremde , den wir unter dem Titel » Major « nach der Bezeichnung auf seiner Visitenkarte eingeführt haben , die spanische Tänzerin verließ , fand eine andere für das Schicksal Europa ' s und den Gang unserer Darstellung bedeutsamere Unterredung statt . In dem großen Empfangzimmer eines Hotels der sogenannten Diplomatenstraße von Berlin saß an dem Tisch ein Mann von einigen fünfzig Jahren und ziemlich kleiner , wenig auffallender Statur mit legerer , leicht gebeugter Haltung , in einem geschriebenen Memoire lesend und zuweilen mit dem Bleistift einzelne Stellen darin bezeichnend . In dem ziemlich faltenreichen , fast viereckigen Gesicht lag eine gewisse Lethargie , dabei ein Ausdruck von vieler Gutmüthigkeit , doch zuweilen flog es über die Züge , als säße leiser jovialer Spott darin , wie der Schalk im Nacken . Die hohe volle Stirn verkündete den ruhigen Denker und Beobachter . Das Merkwürdigste an dem Kopf waren die Augen eben in ihrer Verborgenheit . Unter matt , fast schläfrig gehobenen Augenlidern , mit häufigem Zwinkern , gleich als könnten sie das Licht nicht vertragen , oder wären angegriffen von dem Staub der Aktenstube , verschwänden sie fast ganz hinter der Brille , als wollten sie unter dem Schutz der Gläser nur beobachten und wieder beobachten . Es lag über der ganzen Persönlichkeit eine unendliche Ruhe , ein Zusehen , ein Abwarten , eine Zähigkeit , die einen vollendeten , in sich abgeschlossenen Charakter bildeten . In der That entsprach das bedeutsame öffentliche Leben und in Preußens Geschichte so wichtige Wirken des Mannes ganz seiner Persönlichkeit . Es war der Fabius cunctator der modernen Politik und Diplomatie , jener Staatsmann , dessen merkwürdigen zähen Eigenschaften und unverwüstlicher Ruhe unterm Schutz seines erhabenen Monarchen Preußen seit fünf Jahren die glückliche Leitung seines Staatsschiffes durch eine Unzahl von Klippen und Brandungen und die schwierigsten innern und äußern Situationen verdankt . Nicht mit jener eisernen Consequenz erhabener Charactere , aber mit einer Zähigkeit und Ausdauer , die zuletzt immer ihren Weg macht , wenn sie auch im Augenblick biegsam und nachgebend erscheint , verfolgte seine Politik ihr Ziel . Von allen Parteien angefeindet , von Oben und Unten angegriffen , zahllose Anfeindungen und wenn nicht Niederlagen , so doch Triumphe seiner Gegner erleidend , ist er der Erste , welcher sie anerkennt und seinen Rückzug nimmt , und dennoch hat er am Schluß noch immer seine Zwecke erreicht , seine Feinde und Freunde aus dem Felde gedrängt und seine - wir wollen nicht sagen » Macht « - aber seine Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit befestigt . Wenn auch nicht ohne Vorurtheile , so doch ohne Leidenschaften ist er unbedingt der glücklichste und an Erfolgen reichste Diplomat seiner Feit , und wäre wahrscheinlich ihr größter Staatsmann , wenn er zu seinen Eigenschaften noch das eigenthümliche Talent großer Männer zählte : raschen und glücklichen Scharfblick in Beurtheilung und Wahl der Personen und deshalb stets gut bedient zu sein . Der im Vorzimmer Wache haltende alte Kanzleidiener öffnete jetzt die Thür und meldete leise einen Besuch . Der hohe Beamte verließ seinen Sessel , drehte vorsichtig die Lampe auf dem Tisch um , so daß ihr Licht jetzt nach dem Sopha fiel , und ging dem Eintretenden bis an die Thür entgegen , die er sorgfältig hinter ihm schloß . » Nehmen Sie Platz Herr Baron ! ich habe Ihr Billet heute Mittag erhalten und Sie erwartet . Wir werden ungestört sein . « Der Eingetretene war eine hohe schlanke Gestalt mit blassem feinem Gesicht und auffallend breitgewölbter Stirn , in der Mitte der dreißiger Jahre . Er sprach das Deutsch langsam , sein und ruhig , nur wenn die Unterhaltung lebhafter wurde oder es ihm auf eine subtile Wendung anzukommen schien , bediente er sich im Gespräch der französischen Sprache . » Euer Excellenz sind sehr freundlich , « sagte er , indem er auf die Einladung des Wirthes auf dem Sopha Platz nahm . » Erlauben Sie , daß ich nochmals erwähne - um jeden Zweifel über den Character unserer Unterredung zu beseitigen , - daß ich dieselbe von Euer Excellenz nur als eine private und persönliche erbeten habe , um Ihre Ansichten und Ihren Rath zu hören , bevor ich morgen die Ehre habe , Ihnen offiziell die neueste von meinem Kabinet eingetroffene Note zu überreichen . « » Unsere Unterredung soll also bloß eine rein private , bedeutungslose sein , von der ich Seiner Majestät dem Könige keinen Bericht zu erstatten brauche ? « Der Andere zögerte . » Das nicht ganz , - Sie mißverstehen mich , Exzellenz . Ich wünsche Ihnen auch - nicht offiziell - aber unter der Hand - einige Mittheilungen und Vorschläge zu machen , deren weitere amtliche Kundgebung natürlich von Ihrem Entgegenkommen abhängen würde . Auch bin ich beauftragt , in gleicher Weise die Ansichten Ihres Gouvernements über gewisse Eventualitäten der Zukunst zu erfragen . « Ein leises diplomatisches Lächeln glitt über das Gesicht des Kleinen . » Da Sie unserer Unterredung weder einen offiziellen , noch rein unterhaltenden Character zugestehen wollen , Herr Baron , so müssen wir sie vielleicht eine offiziöse nennen . Das ist ja wohl der Ausdruck , den die Neue Preußische Zeitung , Ihre Freundin , dafür erfunden hat . « Der Baron verbeugte sich zustimmend . » Gestatten mir Euer Excellenz zunächst einen kurzen Rückblick auf die letzten diplomatischen Verhandlungen , der uns um so rascher auf den zu nehmenden Standpunkt führen wird , als Euer Excellenz gewiß bereits wissen oder vermuthet haben , daß die Note , welche ich morgen die Ehre haben werde , Ihnen zu überreichen , die Antwort des Herrn Reichskanzlers auf die alle Chancen der friedlichen Ausgleichung auf ' s Neue bedrohenden Amendationen des Divans zu der vereinbarten und unsererseits angenommenen Note der wiener Conferenz enthält . « » Ich bin mit dieser Art der Verhandlung ganz einverstanden , Herr Baron , und bitte Sie , bis auf den beklagenswerthen , und auch von Seiner Majestät dem Könige tief bedauerten Schritt des Einmarsches Ihrer Armee in die Donaufürstenthümer am 3. Juli zurückzugehen . Sie kennen bereits meine Ansicht , daß dieser Schritt , zu dem sich Ihre Regierung hat hinreißen lassen , mir keineswegs durch die bestehenden Verträge gerechtfertigt scheint , und daß ich in ihm das Hinderniß aller gütlichen Ausgleichung und die nothwendige Ursache kriegerischer Verwickelungen sehe . « » Aber , mein Gott , was wollen Sie , das geschehen soll ? Eine Macht wie Rußland konnte sich doch von einem so untergeordneten lebensunfähigen Staat wie die Türkei in ihren gerechten Forderungen nicht Trotz bieten und die gemachte Androhung unausgeführt lassen ? Und nun , da die Besetzung geschehen , wird der Kaiser , mein Herr , doch unmöglich seiner politischen Ehre so viel vergeben , um seine Truppen den Rückzug antreten zu lassen , ohne daß die Gewähr seiner Forderungen gesichert ist ? - Die geringe Zahl der Truppen , welche den Pruth überschritten haben , bürgt Europa dafür , daß es sich nur um eine Pfandnahme , nicht um ein militairisches Vorgehen gegen die Türkei handelt . « » Sie vergessen , Herr Baron , daß die politische Ehre eine Sache ist , die sehr vielfacher Deutung unterliegt . Vielleicht erinnern Sie sich , daß Preußen , von dem Sie jetzt die Unmöglichkeit einer solchen Anschauung verlangen , vor nicht langer Zeit in der Lage war , auf den dringenden Rath einer befreundeten Macht , - ich will es nicht anders nennen - in , seine innern deutschen Interessen betreffenden , Streitigkeiten zwei Mal einen militairischen Rückzug aus seinen avancirten Stellungen nehmen zu müssen . Ich meine Schleswig-Holstein und Cassel , und wenn ich nicht sehr irre , wurde uns hier auf der nämlichen Stelle klar gemacht , daß die politische Ehre durch ein solches Rückgehen keineswegs eine Einbuße erleiden könne . « Der Baron erröthete stark , antwortete jedoch nicht auf den Fechterstreich , den er erlitten , sondern nahm sofort die Darstellung der diplomatischen Verhandlungen auf . » Die Pfandnahme der Donaufürstenthümer hatte in Constantinopel einen Aufstand der Kriegspartei und die kurze Aenderung des Ministeriums Reschid zur Folge , ein Beweis , wie wenig die alttürkische - im Stillen immer herrschende - Partei zu einer billigen Nachgiebigkeit geneigt ist . Die Vermittelung der Gesandten bei Seiner Hoheit dem Sultan hat zwar die sofortige Wiedereinsetzung des Großveziers und Reschid Pascha ' s zur Folge gehabt , indeß glaube ich , daß es den Vertretern von Frankreich und England mehr darum zu thun gewesen ist , den gesicherten Einfluß sich zu bewahren , als den Krieg zu verhindern ; denn wir wissen sehr wohl , daß das Kabinet der Tuilerien bereits unterm 13. Juli das englische Gouvernement aufgefordert hat , sich über das weitere Agiren der Flotten zu verständigen , wenn die Vermittelung nicht zu Stande käme . Dahin zielt auch die Note der französischen Regierung vom 15. , welche uns das Recht der Besetzung streitig macht , und der Pforte daraus dasjenige vindicirt , den beiden Mächten die Passage der Dardanellen zu gestatten . Auch das englische Kabinet antwortete in gleicher Weise unserer Circular-Depesche vom 2. Juli . Während hierauf die Gesandten der vier Großmächte in Constantinopel darüber verhandelten , den Protest der Pforte gegen unser Einrücken in die Fürstenthümer uns mundrecht zu machen , und die Pforte den von Lord Stratfort redigirten Noten-Entwurf am 23. Juli annahm , hatte am selben Tage der Minister des Auswärtigen in Wien , Graf Buol , die Repräsentanten Preußens , Englands und Frankreichs bei sich vereinigt , um in Wien selbst einen Ausgleichungsvorschlag zu vereinbaren , dem die frühere französische Note zur Grundlage diente . « » Es war ein unglückliches Zusammentreffen , daß beide Vorschläge gleichzeitig concurrirten . « » So sehe auch ich es an , Excellenz . Graf Buol fügte der französischen Note zwei Verbesserungen bei , deren eine die Erklärung der Pforte enthält , den Vertrag von Kainardji treu beobachten zu wollen . Der englische Gesandte setzte hierbei die unnütze Aenderung durch , daß dem ganz klar lautenden Vertrage von Kainardji von uns nicht eine beliebige Auslegung gegeben werden dürfe . « » Ich weiß nicht , Herr Baron , ob diese Einschaltung so unnöthig war , « unterbrach ihn der Minister ; » wenigstens hat die Folge gezeigt , daß gerade die Auslegung den streitigen Punkt abgab . Jedenfalls war das preußische Gouvernement ganz mit dem Vorschlage des Herrn Grafen Buol einverstanden , den unterdeß von Constantinopel eingegangenen Noten-Entwurf zurückzubehalten und den der wiener Konferenz zur Annahme zu empfehlen . « » Die Feststellung desselben erfolgte am 31. ; Oberst von Ruff ging mit einem eigenhändigen Schreiben Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph nach Constantinopel , um dem Sultan die Annahme des Vermittelungsvorschlages auf das Dringendste zu empfehlen , und die Regierungen von England , Frankreich und Preußen - wir wollen vorläufig an die Aufrichtigkeit der beiden ersten glauben - instruirten ihre Gesandten bei beiden Kabineten , alle Bemühungen darauf zu richten , daß die Note acceptirt werde . « » Graf Nesselrode benachrichtigte bereits am 3. August unsern Gesandten in Wien , daß Seine Majestät der Kaiser die wiener Note angenommen habe , und die Depesche vom 6. brachte die ausführliche Erklärung über diese Annahme unter der Voraussetzung , daß die Pforte sie auch unverändert acceptire . Wenn nicht , konnte sich Rußland , das sich der Annahme nur zur Beschwichtigung der Besorgnisse Europa ' s unterworfen hatte , nicht weiter für gebunden halten . Sie werden mir zugestehen , Exzellenz , daß hier die Sachlage und die Verpflichtung ganz einfach und klar ist . Die vier Großmächte stellen - unabhängig von den streitenden Parteien - die für den Frieden Europa ' s und die Lösung des Zwistes von ihnen nothwendig gehaltenen Punkte eines Abkommens fest . Rußland acceptirt dieselben ohne Abänderung und fügt sich dadurch dem Beschluß seiner bisherigen Verbündeten . Diesen fällt hierdurch die ganz natürliche Verpflichtung anheim , auch nach der andern Seite hin die Unveränderlichkeit ihres eigenen Werkes zu vertreten . « » Das ist richtig , Herr Baron ; es ist nur zu bedauern , daß während der Verhandlungen Rußland die Pforte auf ' s Neue durch Maßregeln reizte , die man höchstens in einem feindlichen eroberten Lande anwendet . Ich meine den Befehl Ihres Oberkommandirenden in den Fürstenthümern an die Hospodaren , die Verbindung mit Constantinopel und ihrem rechtmäßigen Souverain abzubrechen und den Tribut zurückzubehalten . « » Ich glaube , daß dies Zwischenfälle sind , die auf die allgemeine politische Rechtsfrage keinen Einfluß haben . - Am 11. August traf die Nachricht in Constantinopel ein , daß Rußland die Wiener Note angenommen habe . Hier , Excellenz , - ich rede nicht von Preußen - scheint mir die Aufrichtigkeit der vermittelnden Mächte ihr Ende zu haben . « » Ich verstehe Sie nicht , Herr Baron . Nach dem Bericht unseres Gesandten in Constantinopel hat Lord Stratford am 13. eine Conferenz mit Reschid Pascha gehabt , in welcher er dringend von diesem verlangte , den Vorschlag der vier Mächte sich zu eigen zu machen , obschon derselbe erklärte , es seien mehrere bedenkliche Punkte darin , die sich der Annahme entgegen stellen würden . Am 14. wurde der Vorschlag vor den türkischen Ministerrath gebracht und verworfen , selbst wenn er amendirt würde . Lord Stratford , die nochmalige Ablehnung zu vermeiden , sandte bei dem auf ' s Neue am 15. gehaltenen Ministerrath einen Vorschlag an Reschid , die Pforte solle die Note annehmen , indem sie sich reservire , zu ihren Gunsten die bedenklichen Stellen auszulegen und ihre Interpretation der Beistimmung der vier Mächte unterbreite , die so den Sinn der wiener Note sicherstellen würden . Der Vorschlag wurde nach vieler Mühe angenommen . « » Aber diese Amendationen geben dem ganzen wiener Entwurf eine neue Fassung . « » Das ich nicht wüßte , Herr Baron . Die Bedenken der Pforte gründen sich auf drei Punkte . Zunächst soll der Passus über die thätige Sorgfalt des Kaisers von Rußland für die griechischen Christen in der Türkei zu der Auslegung Raum geben , als ob die Sultane nur in Folge dieser thätigen Sorgfalt der griechischen Kirche Rechte und Freiheiten gegeben hätten , und damit Rußland einen Vorwand zur weiteren Einmischung bieten . Danach glaubt die Pforte , daß der Passus über den Vertrag von Kutschuk-Kainardji die Fragen in Betreff der religiösen Privilegien in einer Weise hineinmenge , die durch jenen Vertrag gar nicht erfordert werde und die Souverainetät der Pforte bedrohe . - Endlich verlangt die Pforte , daß in dem Passus über die Gleichstellung der griechischen Kirche mit den anderen Riten ausdrücklich ausgesprochen werde : daß dies insoweit gemeint sei , als ihre Unterthanen zu diesen anderen Riten gehören . Mir scheint , Herr Baron , daß namentlich die beiden letzten Verlaugen ganz gerechtfertigt sind . « » Aber das ändert die ganze Lage und Deutung unserer Forderung . Wir wollen nicht die Gleichstellung der griechischen Christen mit dem Zustande anderer christlicher Secten , die Unterthanen des Sultans sind , was längst gesichert ist , sondern mit den christlichen Culten unter fremdem Schutz , mit den christlichen Unterthanen fremder Mächte in der Türkei . « » Zu viel auf ein Mal zu erlangen , Herr Baron , möchte zunächst eine gefährliche Sache sein . Mir scheint , daß eine solche Auslegung die griechisch-christlichen Unterthanen des Sultans zunächst unter ein Protektorat Seiner Majestät des Kaisers von Rußland dringen würde , das sie in facto aufhören läßt , Unterthanen der Pforte zu sein . « Der Andere schwieg , er fühlte , daß er sich eine voreilige Blöße gegeben hatte . » Ueberdies , « fuhr sein Gegner fort , » sind die Verhältnisse der christlichen Confessionen leider auch in anderen - in christlichen - Staaten noch immer nicht so geregelt und befreit , daß man ganz berechtigt erscheint , einem nichtchristlichen Souverain aus den obwaltenden Verhältnissen einen Vorwurf zu machen . Ich beklage gewiß tief die Leiden der Christen in der Türkei , aber ich weiß nicht , ob sie ärger sind , als z.B. die Verfolgungen der Katholiken und Protestanten , welche man noch in der neuesten Zeit christlichen Staaten zum Vorwurf gemacht hat , ohne daß eine Rechtfertigung erfolgt ist . « Der Diplomat biß sich auf die Lippen . » Euer Excellenz scheinen gegen die Redlichkeit unserer Absichten eingenommen , « sagte er nach kurzer Pause . » Was ich vorhin von den Rechten der griechisch-christlichen Unterthanen der Pforte äußerte , ist natürlich nur das wünschenswerthe Ziel einer Emancipation der orientalischen Christenheit überhaupt , welche zu erreichen doch wohl die Schlußaufgabe aller civilisirten Staaten ist . « » Sie irren , Herr Baron , wenn Sie mir das geringste Vorurtheil in dieser Beziehung zuschreiben . Ich habe allerdings unter ' m 28. vorigen Monats unseren Gesandten in Petersburg dahin instruirt , auf alle Weise bei Ihrem Kabinet die türkischen Vorschläge zu befürworten , aber nur weil ich darin durchaus keine Beeinträchtigung Rußlands sehen kann . « » Aber selbst Graf Buol hat offen diese Aenderungen der Pforte bedauert , da sie unnütz und mehr Wortveränderungen sind . Ich muß Euer Excellenz darauf aufmerksam machen , daß diese neuen Hindernisse weniger von der Pforte ausgegangen , als von den beiden Vertretern Frankreichs und Englands im Stillen angeregt und in den Weg geworfen worden sind . Wir sind auf das Beste unterrichtet und wissen , daß Master Alison , der erste Secretair der englischen Gesandtschaft , während dieser ganzen Verhandlungen in dem Hotel der Pforte sein Büreau aufgeschlagen hatte und dem Divan die Antworten und Ausflüchte ausarbeitete . « » Das weiß ich nicht , « sagte der Minister trocken , » meine geheime Polizei erstreckt sich nicht bis Constantinopel . « » Der Beweis dafür ist die doppelseitige Stellung , die England und Frankreich sofort angenommen haben . Letzteres drang bereits darauf , daß wenn unsere Armee nicht bis zum 1. October über den Pruth zurückgezogen sei , - unter den schwebenden Verhandlungen eine Sache der Unmöglichkeit ! - die Flotten die Dardanellen passiren sollten , während öffentlich beide Kabinete ihren Gesandten in Constantinopel schreiben , daß sie die Erwiderung der Pforte nur mit größter Mißbilligung hätten aufnehmen können und Alles aufzubieten sei , daß die einfache Annahme der Note erfolge . Auf der anderen Seite verlangt man in Petersburg die Annahme der Abänderungen . Dies ist kein redliches Verfahren und kann nur neue Verwickelungen herbeiführen . « » So weit ich übersehe , Herr Baron , sind wir jetzt auf dem Punkt angelangt , in dem sich die Verhandlungen befinden und auf dem ich Ihre neueren Eröffnungen erwarten darf . « » So ist es . Ich mag Euer Excellenz nicht verhehlen , daß der Kaiser , mein Herr , keineswegs gewillt ist , auch nur einen Schritt über die Position hinauszugehen , die er durch wahrhaft erhabene Nachgiebigkeit in der Annahme der wiener Note eingenommen . Jede weitere Concession wäre eine Schwäche . Die an Baron Meyendorf in Wien gerichtete Depesche vom 7. September , die ich morgen die Ehre haben werde , Euer Excellenz in Abschrift zu überreichen , erklärt ganz bestimmt , daß Rußland es mit seiner Würde unvereinbar halten müsse , nachdem es ohne Veränderung und Zusätze den Vorschlag der vier Mächte acceptirt , nunmehr den Forderungen der Pforte sich fügen zu sollen . Das Kabinet von St. Petersburg verharrt übrigens bei seiner früheren Zusage , daß wenn ein türkischer Gesandter die unveränderte Note überbringt , die Donaufürstenthümer alsbald geräumt werden sollen . « » Ich fürchtete das . « » Die Interpretation meiner Regierung ist , wie ich wiederhole , folgende . Die wiener Note ist nicht Rußlands Werk , sondern das Werk der vier Mächte England , Frankreich , Preußen und Oesterreich . An ihnen ist es nicht allein , in Constantinopel ihrem Werke , das sie mit der Unabhängigkeit und Souverainetät der Pforte vereinbar gefunden , Achtung , oder besser gesagt , Gehorsam zu verschaffen , sondern auch Sache jeder einzelnen Macht ist es , die Mitcontrahenten zur Erfüllung dieses Vertrages anzuhalten und sich im Weigerungsfall auf die Seite Rußland ' s zu stellen . « » Ich muß gestehen , Herr Baron , daß bis hierhin Ihre Regierung in vollem Recht ist und ich zweifle nicht , daß in Folge der Antwort Seiner Majestät des Kaisers mein königlicher Gebieter mir ganz bestimmte Erklärungen in Constantinopel , Paris und London befehlen wird . « » So dürfen wir nöthigenfalls auf ein Defensiv-Bündniß mit Preußen und Oesterreich rechnen und die weiteren Einleitungen dazu treffen ? « » Einen Augenblick , Herr Baron . Ist die kaiserliche Ablehnung der türkischen Amendationen Alles , was Sie mir morgen zu übergeben haben ? « Der Diplomat stutzte . » Zu dienen , Excellenz ; wie meinen Sie das ? « Der Minister legte schwer und ernst seine Hand auf das Memoire , in dem er vorher gelesen , und das noch umgekehrt auf dem Tische lag . » Es ist mir da von unbekannter Hand ein Schriftstück zugegangen , das die Abschrift einer zweiten Depesche vom 7. September an Herrn von Meyendorf enthalten soll , in welcher Graf Nesselrode diesem eine genaue Kritik der Amendationen der Pforte und die Auslegung des russischen Kabinets zu jedem streitigen Passus giebt . Ich weiß nicht , Herr Baron , ob das Aktenstück echt und ob es Ihnen bekannt ist ? « Er reichte ihm das Memoire1 . Das blasse Gesicht des Russen wurde womöglich noch durchsichtiger , er sprang , wie von einem elektrischen Funken getroffen , empor . » Ein Verräther unter meinen Secretairen ? « Der Minister lud ihn mit einer vornehmen Handbewegung ein , sich wieder niederzulassen . » Ich achte zu sehr die Rechte der fremden Gesandtschaften , mein Herr , um mich auf eine unpassende Weise in ihre Geheimnisse zu drängen . Diese Papiere sind mir vor zwei Stunden anonym zugegangen und ich stelle sie Ihnen zur Disposition , um zu beurtheilen , ob sie von einem Ihrer Untergebenen herrühren können , was ich jedoch bezweifle , da in letzterer Zeit mir mehrfach Winke und Mittheilungen von derselben Handschrift von ganz andern Orten aus zugekommen sind . « » Ich kann , « fuhr er nach kurzer Pause fort , während welcher sein Besuch die äußere Ruhe wieder gewonnen hatte und in dem Manuscript blätterte , » von diesem , jedes officiellen Characters entbehrenden Schriftstück natürlich auch keine amtliche Notiz nehmen und es auch nicht Seiner Majestät dem König vorlegen , um auf die Allerhöchsten Entschließungen einzuwirken . Privatim aber gestehe ich Ihnen , Herr Baron , daß ich es allerdings für ächt , und sein Bekanntwerden ganz für geeignet halte , die bereits zweifelhafte Haltung der Kabinete von London und Paris in eine offene Lossagung von den wiener Beschlüssen zu verwandeln , wenigstens - ich will offen mit Ihnen übereinstimmen - die Gelegenheit dazu zu geben . « » Und Preußen ? - Wir sind der österreichischen Zustimmung sicher auch nach der Ueberreichung dieser zweiten Note . « Wieder überflog ein leichter Zug von Spott das Gesicht des Kleineren . » Dann gratulire ich Ihnen .