, obschon falsche Technik war das eigentliche Wissen meines Meisters , und er legte alles Gewicht seines Unterrichtes auf diesen Punkt . Da er , während meiner Übungen mit Stift , Kreide und Feder , über den Zweck derselben , als da sind die Eigentümlichkeiten in den Ausladungen , den Silhouetten und Laubmassen der Bäume , sowie ihrer Charaktere , der Rinden und liste , nicht viel zu sagen wußte , so veranlaßte er mich bald , die lithographierten Pariser Blätter , welche große effektvolle Baumgruppen enthielten , in Tusche , Sepia und dergleichen zu kopieren . Da diese Sachen nicht sehr gründlich und gut gezeichnet , hingegen in Ton und Haltung äußerst klar und kräftig waren , wobei vieles der vollendeten Technik des Steindruckes zugeschrieben werden konnte , so boten sie meinem Vorgesetzten günstige Gelegenheit , seine Erfahrung und Strenge hinsichtlich durchsichtiger und reiner Töne und Halbtone an den Mann zu bringen . Anfänglich hielt er mich eine Weile in respektierlicher Abhängigkeit , indem ich den Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem rußigen stumpfen Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah ; doch endlich , durch das fortwährende Pinseln , geriet ich hinter das Geheimnis , und nun fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge brillanter Tuschzeichnungen an , ein Blatt ums andere . Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte meine Freude an der anschwellenden Mappe , kaum daß bei meiner Wahl die wirkungsvollsten und auffallendsten Gegenstände mir noch eine weitere Teilnahme abgewannen . So war , noch ehe der erste Winter ganz zu Ende , schon meines Lehrers ganzer Vorrat an Vorlagen von mir durchgemacht , und zwar auf eine Weise , wie er es selbst ungefähr konnte ; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel einer sorgfältigen und reinlichen Behandlung gemerkt , erstieg ich bald den Grad geläufiger Pinselei , welchen der Meister selbst innehatte , um so schneller , als ich in dem wahren Wesen und Verständnis um so mehr und gänzlich zurückblieb . Habersaat war desnahen schon nach dem ersten halben Jahre in einiger Verlegenheit , was er mir vorlegen sollte , da er mich aus Sorge für sich selbst nicht schon in seine ganze Kunst einweihen mochte ; denn er hatte nun nur noch seine gewandte Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte , welche , wie er sie verstand , ebenfalls keine Hexerei war . Weil Nachdenken und geistige Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren , so bestand alles Können in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äußerlichkeit . Doch fand ich selbst einen Ausweg , als ich erklärte , eine kleine Sammlung großer Kupferstiche mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen . Er besaß in derselben etwa sechs schöne Blätter nach Claude Lorrain , von Haldenwang und anderen gestochen , zwei große Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige hübsche Stiche nach Ruisdael und Waterloo . Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in meiner geläufigen frechen Manier . Die Claudes und Rosas gerieten nicht so übel , da sie , abgesehen davon , daß sie selbst etwas konventionell gestochen waren , auch sonst mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten ; die feinen und natürlichen Niederländer hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise , und niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein . Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung , und die schönen und durchdachten Formen , die ich vor mir hatte , hielten dem übrigen Treiben ein wohltätiges Gegengewicht und ließen die Ahnung des Bessern nie ganz in mir verlöschen . Auf der anderen Seite aber heftete sich an diese gute Seite sogleich wieder ein Nachteil , indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte und ich , durch die einfache Größe der klassischen Gegenstände verführt , zu Hause anfing , selber dergleichen heroische Landschaftsbilder zu entwerfen , und diese Tätigkeit bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte , meine Entwürfe in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Pinselvirtuosität ausführend . Herr Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht , sondern sah es vielmehr gern , da es ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder enthob ; er begleitete die ungeheuerlichen und unreifen Gedanken , welche ich zutage brachte , mit ansehnlichen Redensarten von Komposition , historischer Landschaft und dergleichen , und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt , daß ich bald für einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der Zukunft , Reise nach Italien , Rom , große Ölbilder und Kartons , was man mir alles vormalte , geschmeichelt hinnahm . Doch überhob ich mich nicht in diesen Dingen , sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft froh , das ewige Sitzen unterbrechen zu können , indem ich ihnen , die zugleich der Hausfrau untertänig waren , einen Haufen Brennholz unter Dach bringen oder ihre sämtlichen Betten auf dasselbe breiten und ausklopfen half . Überhaupt drängte sich die Frau , eine zungenfertige und streitbare Dame , mit Hauswesen und Familiengeschichten , Kind und Magd , häufig in das Refektorium und machte es zum Schauplatze heißentbrannter Kämpfe , in welche nicht selten die ganze Mannschaft verwickelt wurde . Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm ergebenen Gruppe der Frau gegenüber , welche mit mächtigem Geräusche vor ihrem Anhange sich aufstellte und nicht eher abzog , als bis sie alles niedergesprochen hatte , was sich ihr entgegensetzte ; manchmal befand sich auch das Ehepaar zusammen gegen das ganze übrige Haus im Streite , oft auch , begann der Kupferstecher oder der Lithograph eine drohende Bewegung als Vasall , indessen die gemeinen Sklavenempörungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden . Ich selbst kam mehr als einmal in gefährliche Lage , indem mich die heftigen Szenen belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst eine solche theatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des Hauses mit den jungen Malern zur Aufführung brachte . Denn obgleich ich um diese Zeit empfänglich und geneigt gewesen wäre , ein feines und reinstrebendes Leben zu führen , da während der schönen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir erwacht war , so sah ich mich doch , von aller männlichen Stutze und Leitung entblößt , an das derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug getreulich und lebhaft mit , weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte und am wenigsten mich auf weise Zurückhaltung und halbe Teilnahme verstand . Und es war wohl auch am besten so ; indessen der innere edlere Teil des Menschen unentwickelt blieb , übte sich wenigstens der äußere tüchtig in der Reibung mit anderen , in Verteidigung und Angriff , und streifte viel Unbebolfenbeit und weichliches Wesen ab ; zugleich lernte ich meine Nebenmenschen und dadurch mich selbst besser kennen und bereicherte meine Erfahrung sowie meine Einbildungskraft . Nur das gänzliche Stillestehen und die absolute Bewegungslosigkeit sind das eigentliche Schlimme und gleichen dem Tode . Daß aber das Heulen mit den Wölfen mir nicht Schaden tat , wie ich glaube , verhütete der freundliche Stern Anna , der immer in meiner Seele aufging , sobald ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gängen wieder allein war . An sie knüpfte ich alles , wessen ich über den Tag hinaus bedurfte , und sie war das stille Licht , welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete , wenn die rote Sonne niederging , und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch unser gute Freund , der liebe Gott , sichtbar , der um diese Zeit mit erhöhter Klarheit begann , seine hochherrlichen und ewigen Rechte auch an mir geltend zu machen . Ich hatte , nach Büchern herumspürend , in der Leihbibliothek unserer Stadt einen Roman des Jean Paul in die Hände bekommen . In demselben schien mir plötzlich alles tröstend und erfüllend entgegenzutreten , was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden gefühlerfülltes und scharf beobachtetes Kleinleben und feine Spiegelung des nächsten Menschentums mit dem weiten Himmel des geahnten Unendlichen und Ewigen darüber ; heitere , mutwillige Schrankenlosigkeit und Beweglichkeit des Geistes , die sich jeden Augenblick in tiefes Sinnen und Träumen der Seele verwandelte ; lächelndes Vertrautsein mit Not und Wehmut , daneben das Ergreifen poetischer Seligkeit , welche mit goldener Flut alle kleine Qual und Grübelei hinwegspülte und mich in glückliche Vergessenheit tauchen ließ ; vor allem aber die Naturschilderung an der Hand der entfesselten Phantasie , welche berauscht über die blühende Erde schweifte und mit den Sternen spielte wie ein Kind mit Blumen , je toller , desto besser ! Diese Herrlichkeit machte mich stutzen , dies schien mir das Wahre und Rechte ! Und inmitten der Abendröten und Regenbogen , der Lilienwälder und Sternensaaten , der rauschenden und plätschernden Gewitter , die der aufgehenden Sonne das Kinderantlitz wuschen , daß es einen Augenblick sich weinend verzog und verdunkelte , um dann um so reiner und vergnügter zu strahlen , inmitten all des Feuerwerkes der Höhe und Tiefe , in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche , groß , aber voll Liebe , heilig , aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes , furchtbar von Gewalt , doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust , hervorguckend aus einem Kindesauge , wie das Osterhäschen aus Blumen ! Das war ein anderer Herr und Gönner als der silbenstecherische Patron im Katechismus ! Früher hatte ich dergleichen etwas geträumt , die Ohren hatten mir geläutet , nun ging mir der Morgen auf in den langen Winternächten , welche hindurch ich an dreimal zwölf Bände des unsterblichen Propheten las . Und als der Frühling kam und die Nächte kürzer wurden , las ich von neuem in den köstlichen Morgen hinein und gewöhnte mir darüber an , lange im Bette zu liegen und am hellen Tage , die Wange auf dem geliebten Buche , den Schlaf des Gerechten zu schlafen . Dazumal schloß ich einen neuen Bund mit Gott und seinem Jean Paul , welcher Vaterstelle an mir vertrat , und mag diesen die wandelbare Welt in ihrer Vergänglichkeit zu dem alten Eisen werfen , mag ich selbst dereinst noch meinen und glauben , was es immer sei ihn werde ich nie verleugnen , solange mein Herz nicht vertrocknet ! Denn dieses ist der Unterschied zwischen ihm und den andern Helden und Königen des Geistes bei diesen ist man vornehm zu Gaste und geht umher in reichem Saale , wohlbewirtet , doch immer als Gast , bei ihm aber liegt man an einem Bruderherzen ! Was kümmert uns da der wunderliche Bettlermantel seiner Kunst und Art , der uns beide so närrisch umhüllt ? Er teilt ihn mit uns , noch liebevoller als St. Martin , denn er gibt uns nicht ein abgeschnittenes Stück , sondern zieht uns unter dem Ganzen an seine Brust , während jene sich stolz in ihren Purpur hüllen und im innersten Winkel ihres Herzens sprechen Was willst du von mir ? Fünftes Kapitel Als der Frühling kam , welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte , begab ich mich in den ersten warmen Tagen ins Freie , ausgerüstet mit der erworbenen Fertigkeit , um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen . Das sämtliche Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine umständlichen Zurüstungen ; denn es war das erste Mal , daß eines seiner Mitglieder die Sache so großartig betrieb , und das Zeichnen » nach der Natur « war bisher ein wunderbarer Mythus gewesen . Ich selbst ging nicht mehr mit der unverschämten , aber gutmeinenden Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden , körperlichen und sonnebeleuchteten Gegenstände der Natur , sondern mit einer weit gefährlicheren und selbstgefälligen Borniertheit . Denn was mir nicht klar war oder zu schwierig erschien , das warf ich , mich selbst betrügend , durcheinander und verhüllte es mit meiner unseligen Pinselgewandtheit , da ich , anstatt bescheiden mit dem Stifte anzufangen , so gleich mit den angewöhnten Tuschschalen , Wasserglas und Pinsel hinausging und bestrebt war , gleich ganze Blätter in allen vier Ecken bildartig anzufüllen . Die Bäume waren noch unbelaubt , und ich hätte daher Gelegenheit gefunden , einstweilen den Bau ihrer Stämme , Äste und Zweige , die Verschiedenheit und Anmut im Verlaufe derselben zu beobachten und mir einzuprägen ; statt dessen aber zog ich es vor , solche Gegenstände zu wählen , welche jetzt schon ein Ganzes vorstellten , und geriet deshalb an die schwierigsten und für jetzt zwecklosesten Dinge . Ich ergriff entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging im Walde den Bergbächen Dach , wo ich eine Menge kleiner und hübscher Wasserfälle fand , welche sich ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen ließen . Das lebendige , geistige und zarte Spiel des Wassers im Fallen , Schäumen und eiligen Weiterfließen , seine Durchsichtigkeit und tausendfältige Widerspiegelung ergötzte mich , aber ich bannte es in die plumpen und renommistischen Formeln meiner lächerlichen Virtuosität , daß Leben und Glanz verlorengingen , indessen nicht meine Mittel , ja nicht einmal die Materialien hinreichten , das bewegliche Wesen wiederzugeben . Leichter hätte ich die mannigfaltigen und schönen Steine und Felstrümmer der Bäche , in reicher Unordnung übereinandergeworfen , beherrschen können , wenn nicht mein künstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wäre . Wohl regte sich dieses oft mahnend , wenn ich perspektivische Feinheiten und Verkürzungen der Steine , trotzdem daß ich sie sah und fühlte , überging und verhudelte , statt den bedeutenden Linien nachzugehen , mit der Selbstentschuldigung , daß es auf diese oder jene Fläche nicht ankomme und die zufällige Natur ja wohl auch so aussehen könnte , wie ich sie nachbildete ; allein die ganze Weise meines Arbeitens ließ solche Gewissensbisse nicht zur Geltung kommen , und der Meister , wenn ich ihm meine Machwerke vorzeigte , war nicht darauf eingerichtet , der fehlenden Naturwahrheit nachzuspüren , die sich gerade in den vernachlässigten Zügen hätte zeigen sollen , sondern er beurteilte die Sachen immer von seiner Stubenkunst aus . Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durchsichtigkeit des Vortrages hegte er , in Beziehung auf innern Gehalt , nur noch eine einzige Tradition , welche er in seinem Geschäfte zwar nicht selbst anwandte , als zu luxuriös und unpraktisch , die er aber mir zu überliefern für angemessen hielt , nämlich die des Sonderbaren und Krankhaften , was mit dem Poetischen oder Malerischen und Genialen verwechselt wurde . Er wies mich an , hohle , zerrissene Weidenstrünke , verwitterte Bäume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen mit den bunten Farben der Fäulnis und des Zerfalles , und pries mir solche Dinge als interessante Gegenstände an . Dies sagte mir sehr zu , indem es meine Phantasie reizte , und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen Erscheinungen . Doch die Natur bot sie mir nur spärlich , sich einer volleren Gesundheit erfreuend , als mit meinen Wünschen verträglich war , und was ich an unglücklichem Gewächse vorfand , das wurde meinen überreizten Augen bald zu blöde und harmlos , wie einem Trinker , der nach immer stärkerm Schnapse verlangt . Das blühende Leben in Berg und Wald fing daher an , mir gleichgültig zu werden im einzelnen , und ich streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher , ohne etwas zu tun , und überließ mich einem träumerischen Müßiggange . Ich ging immer schwer bepackt früh hinaus , warf mich an einer einsamen Stelle nieder und verzehrte zuerst die Eßwaren , so mir die Mutter für den ganzen Tag mitgegeben ; alsdann las ich in einem mitgenommenen Buche , schaute in die Wellen der plaudernden Bäche , machte mit jedem Stein Bekanntschaft und wiederholte wohl gar längst vergessene kindische Spiele , wie wenn ich dieselben vor Jahren nicht ganz ausgespielt hätte , indem ich allerlei Wasserbauten aufführte , irrende Insekten verfolgte und schamhaft um mich spähte , ob mich niemand dabei belausche . Auch sah ich Tag für Tag das Hervordringen des grünen jungen Laubes und beobachtete genau , wie ein und derselbe Baum nach und nach voll und rund wurde und die hervorkeimenden Pflanzen am Boden mit Blumen endigten , deren Art ich neugierig erwartet hatte . Ich drang immer tiefer in bisher nicht gesehene Winkel und Gründe ; fand ich eine recht abgelegene und geheimnisvolle Stelle , so ließ ich mich dort nieder und fertigte rasch eine Zeichnung eigener Erfindung an , um ein Produkt nach Hause zu bringen . In derselben häufte ich die seltsamsten Gebilde zusammen , die meine Phantasie hervorzutreiben vermochte , indem ich die bisher wahrgenommenen Eigentümlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit verschmolz und so Dinge hervorbrachte , die ich Herrn Habersaat als in der Natur bestehend vorlegte und aus denen er nicht klug werden konnte . Er gratulierte mir zu meinen Entdeckungen und fand seine Aussprüche über meinen Eifer und mein Talent bestätigt , da ich hiemit beweise , daß ich unverkennbar ein scharfes und glückliches Auge für das Malerische hätte und Dinge auffände , an welchen tausend andere vorübergingen . Diese gutmütige Täuschung erweckte mir eine üble Lust , dergleichen fortzusetzen und es förmlich darauf anzulegen , den guten Mann zu hintergehen . Ich erfand , irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend , immer tollere und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bäumen und freute mich im voraus , daß sie mein Lehrer für wahr und in nächster Umgebung vorhanden erachten würde . Doch mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen , daß ich in alten Kupferblättern , z.B. von Swanefeldt , die abenteuerlichsten Formationen als löbliche Meisterwerke vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte , dieses sei das Wahre und immerhin eine gute Übung . Denn schon waren die edlen und gesunden Formen Claude Lorrains im flüchtigen Jugendgemüte wieder unter die Oberfläche getreten . Während der Winterabende war im Refektorium etwas Figurenzeichnen getrieben worden , und ich hatte mir , indem ich eine Menge radierter bekleideter Staffagefiguren kopierte , einige grobe Übung und Kenntnis im Entwerfen solcher erworben . So erfand ich nun zu meinen wunderlichen Landschaftsstudien noch viel wunderlichere Menschen , zerlumpte Kerle , welche ich gesehen zu haben vorgab und welche das ganze Haus des Lehrers oft unmäßig zum Lachen brachten . Es war ein nichtsnutziges und verrücktes Geschlecht , welches in Verbindung mit der seltsamen Gegend eine Welt bildete , die nur in meinem Gehirne vorhanden war und endlich doch meinem Vorgesetzten verdächtig und ärgerlich wurde . Doch bemerkte er nicht viel hierüber , sondern ließ mich meine Wege gehen , da ihm einerseits das frische junge Gemüt mangelte , um dem Gedankengange und den Ränken meines Treibens nachzuspüren und mich darüber zu ertappen , und anderseits die völlige Überlegenheit des eigenen Wissens . Diese beiden Vermögen bilden ja das Geheimnis aller Erziehung unverwischte lebendige Jugendlichkeit und Kindlichkeit , welche allein die Jugend kennt und durchdringt , und die sichere Überlegenheit der Person in allen Fällen . Eines kann oft das andere zur Notdurft ersetzen , wo aber beide fehlen , da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in der Hand des Lehrers , die er nur durch Zertrümmerung öffnen kann . Beide Eigenschaften gehen aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor aus unbedingter Ehrlichkeit , Reinheit und Unbefangenheit des Bewußtseins . Der Sommer war nun auf seine volle Höhe geschritten , als ich , die Zeit allgemeiner Erholung ersehend , meinem geheimen Verlangen nach der andern Heimat , dem entlegenen Dorflande , nachgab und mit meinen Siebensachen hinauszog . Die Mutter blieb wieder zurück in entsagender Unbeweglichkeit und Selbstbeschränkung , ungeachtet aller freundlichen Aufforderungen , die Wohnung doch ganz zu schließen und wieder einmal an den Orten ihrer Jugend sich zu ergehen . Ich aber führte die umfangreichen Früchte meiner zwischenweiligen Tätigkeit mit mir , da ich mittelst derselben ein günstiges Aufsehen zu erregen gedachte . Die zahlreichen , kräftig geschwärzten Blätter verursachten im Hause meines Oheims allerdings einige Verwunderung , und im allgemeinen sah man , mich nun wirklich für einen Maler haltend , die Sache mit ziemlichem Respekt an ; als jedoch der Oheim die Zeichnungen betrachtete , welche ich nach der Natur gefertigt haben wollte ( denn ich glaubte nun wie ein verstockter Lügner beinahe selbst daran und wußte überdies , da ich die Dinge einmal unter freiem Himmel und immerhin unter dem Einflusse der Natur zuwege gebracht , keine andere Bezeichnung dafür aufzufinden ) , da schüttelte er bedenklich den Kopf und wunderte sich , wo ich denn meine Augen gehabt hätte . In seinem realistischen Sinne , als tüchtiger Land- und Forstmann , fand er trotz aller Unkunde in Kunstdingen den Fehler schnell und leicht heraus . » Diese Bäume « , sagte er , » sehen ja einer dem andern ähnlich und alle zusammen gar keinem wirklichen ! Diese Felsen und Steine könnten keinen Augenblick so aufeinanderliegen , ohne zusammenzufallen ! Hier ist ein Wasserfall , dessen Masse einen der größeren Fälle verkündet , die aber über kleinliche Bachsteine stürzt , als ob ein Regiment Soldaten über einen Span stolperte ; hiezu wäre eine tüchtige Felswand erforderlich , indessen nimmt es mich eigentlich wunder , wo zum Teufel in der Nähe der Stadt ein solcher Fall zu finden ist ! Dann möchte ich auch wissen , was an solchen verfaulten Weidenstöcken Zeichnenswertes ist , da dünkte mich doch eine gesunde Eiche oder Buche erbaulicher « usf. Die Frauensleute hingegen ärgerten sich über meine Vagabunden , Kesselflicker und Fratzengesichter und begriffen nicht , warum ich im Felde nicht lieber ein artiges vorübergehendes Landmädchen oder einen anständigen Ackersmann abgebildet habe , als mich fortwährend mit solchen Unholden zu beschäftigen ; die Söhne belachten meine ungeheuerlichen Berghöhlen , die unmöglichen und lächerlichen Brücken , die menschenähnlichen Steinköpfe und Baumkrüppel und gaben jeder solchen Tollheit einen lustigen Namen , dessen Lächerlichkeit auf mich zu fallen schien . Ich stand beschämt da als ein Mensch , der voll närrischer und eitler Dinge ist , und die mitgebrachte künstliche Krankhaftigkeit verkroch sich vor der einfachen Gesundheit dieses Hauses und der ländlichen Luft . Gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft stellte mir der Oheim , um mich wieder auf eine reale Balm zu leiten , die Aufgabe , seine Besitzung , Haus , Garten und Bäume , genau und bedächtig zu zeichnen und ein getreues Bild davon zu entwerfen . Er machte mich aufmerksam auf alle Eigentümlichkeiten und auf das , was er besonders hervorgehoben wünschte , und wenn seine Andeutungen auch eher dem Bedürfnisse eines rüstigen Besitzers als denjenigen eines Kunstverständigen entsprachen , so ward ich doch dadurch genötigt , die Gegenstände wieder einmal genau anzusehen und in allen ihren eigentümlichen Oberflächen zu verfolgen . Die allereinfachsten Dinge am Hause selbst , sogar die Ziegel auf dem Dache , gaben mir nun wieder mehr zu schaffen , als ich je gedacht hatte , und veranlaßten mich , auch die umstehenden Bäume in gleicher Weise gewissenhafter zu zeichnen ; ich lernte die aufrichtige Arbeit und Mühe wieder kennen , und indem darüber eine Arbeit entstand , die mich in ihrer anspruchlosen Durchgeführtheit selbst unendlich mehr befriedigte als die marktschreierischen Produkte der jüngsten Zeit , erwarb ich mir mit saurer Mühe den Sinn des Schlichten , aber Wahren . Inzwischen erfreute ich mich des Wiederfindens alles dessen , was ich im letzten Jahre hier verlassen , beobachtete alle Veränderungen , welche etwa vorgefallen , und harrte im stillen auf den Augenblick , wo ich Anna wiedersehen oder wenigstens zuerst ihren Namen hören würde . Aber schon waren einige Tage verflossen , ohne daß die geringste Erwähnung fiel , und je länger dies andauerte , desto minder brachte ich die Frage nach ihr hervor . Man schien sie völlig vergessen zu haben , sie schien nie dagewesen zu sein , und , was mich innerlich kränkte , niemand schien die geringste Ahnung zu haben , daß ich irgendeine Veranlassung oder ein Bedürfnis haben könnte , von ihr zu hören . Wohl ging ich halbwegs über den Berg oder in den Schatten des Flußtales , allein jedesmal kehrte ich plötzlich um aus unerklärlicher Furcht , ihr zu begegnen . Ich ging auf den Kirchhof und stand an dem Grabe der Großmutter , welche nun schon seit einem Jahre in der Erde lag , aber die Luft war windstill vom Gedächtnisse Annas , die Gräser schienen nichts von ihr zu wissen , die Blumen flüsterten nicht ihren Namen , Berg und Tal schwiegen von ihr , nur mein Herz tönte ihn laut hinaus in die undankbare Stille . Endlich wurde ich gefragt , warum ich den Schulmeister nicht besuche ? und da ergab es sich zufällig , daß Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im Lande sei und daß man meine Kunde hierüber vorausgesetzt habe . Ihr Vater hatte , in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht , daß nach seinem Tode sein Kind , das einmal für eine Bäuerin zu zart sei , verlassen in der rauhen dörflichen Umgebung bleiben würde , sich plötzlich entschlossen , Anna in eine Bildungsanstalt der französischen Schweiz zu bringen , wo sie sich feinere Kenntnisse und Selbständigkeit des Geistes erwerben sollte . Er ließ sich , als sie ihre Abneigung dagegen aussprach , durch ihre Tränen nicht erweichen , allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht , und begleitete das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen , vornehm-religiösen Erziehers , wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte . Diese Nachricht traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel . Nun wurde das ganze Land wieder beredt und voll ihres Lobes ! Jedes Gras und jedes Blatt am Baume sprach mir von ihr , der blaue Himmel hier schien mir tausendmal schöner und sehnsüchtiger als anderswo , die blauen Bergzüge und die weißen Wolken zogen ihr nach , und von Westen her , wo Anna weilte , dünkte es mir leis , aber selig über die Bergrücken herzuläuten . Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater , begleitete ihn auf seinen Wegen und hörte von ihr sprechen ; oft blieb ich mehrere Tage dort , alsdann wohnte ich in ihrem Kämmerchen , wagte mich jedoch fast nicht zu rühren darin und betrachtete die wenigen einfachen Gegenstände , welche es enthielt , mit heiliger Scheu . Es war klein und enge , die Abendsonne und der Mondschein füllten es immer ganz aus , daß kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes , bei diesem wie ein silbernes Juwelenkästchen aussah , dessen Kleinod ich nicht verfehlte mir hineinzudenken . Wenn ich nach malerischen Gegenständen umherstreifte , so suchte ich vorzüglich die Stellen auf , wo ich mit Anna geweilt hatte ; so war die geheimnisvolle Felswand am Wasser , wo ich mit ihr geruhet und jene Erscheinung gesehen , schon von mir gezeichnet worden , und ich konnte mich nun nicht enthalten , auf der schneeweißen Wand des Kämmerchens ein sauberes Viereck zu ziehen und das Bild mit der Heidenstube , so gut ich konnte , hineinzumalen . Dies sollte ein stiller Gruß für sie sein und ihr später bezeugen , wie beständig ich an sie gedacht . Diese fortwährende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich , insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde ; ich begann lange Liebesbriefe an sie zu schreiben , die ich zuerst verbrannte , dann aufbewahrte , und zuletzt ward ich so verwegen , alles , was ich für Anna fühlte , auf ein offenes Blatt zu schreiben , in den heftigsten Ausdrücken , mit Vorsetzung ihres vollen Namens und Unterschrift des meinigen , und dies Blatt auf das Flüßchen zu legen , daß es vor aller Welt hinabtrieb , dem Rheine und dem Meere zu , wie ich kindischerweise dachte . Ich kämpfte lange mit diesem Vorsatze , allein ich unterlag zuletzt ; denn es war eine befreiende Tat für mich und ein Bekenntnis meines Geheimnisses , wobei ich freilich voraussetzte , daß es in nächster Nähe niemand finden würde . Ich sah , wie es gemächlich von Welle zu Welle schlüpfte , hier von einer überhängenden Staude aufgehalten wurde , dann lange an einer Blume hing , bis es sich nach langem Besinnen losriß ; zuletzt kam es in Schuß und schwamm flott dahin , daß ich es aus den Augen verlor . Allein der Brief mußte sich später doch wieder irgendwo gesäumt haben , denn erst tief in der Nacht gelangte er zu der Felswand der Heidenstube , an die Brust einer badenden Frau , welche niemand anders als Judith war , die ihn auffing , las und aufbewahrte . Dies erfuhr ich erst später , denn während meines jetzigen Aufenthaltes im Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfältig . Das Jahr , um welches ich älter geworden , ließ mich mit Beschämung auf das vertrauliche Verhältnis von früher zurückblicken und flößte mir eine trotzige Scheu ein vor der kräftigen und stolzen Gestalt ; ich verbarg mich , ohne zu grüßen , rasch , als sie einmal am Hause vorüberging , und sah ihr doch verlangend nach , wenn ich sie von fern durch Gärten und Kornfelder schreiten sah . Meine Wünsche , wenn sie aus der Weite ruhlos zurückkehrten , flatterten Obdach suchend hin und her und nisteten sich endlich bei der Judith ein , als ob sie dort ein gutes Wort und das Geheimnis der Liebe erhaschen könnten . Ich kehrte diesmal früher nach der Stadt zurück , mit einer tiefen Sehnsucht im Gemüte , welche sich nun gänzlich ausgebildet hatte und alles umfaßte , was mir fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte . Mein Lehrer führte mich nun auf die letzten Stufen seiner Kunst , indem er mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu deren sauberer und flinker Anwendung anhielt . Da jedoch die Natur nicht in Frage kam , oder doch nur höchst überlieferungsweise , so lernte ich bald , durch das endlich erreichte Ziel , »