Ein Mirabeau hate einmal den Muth . Er sprach es aus , daß man einem Dummkopf nicht das Recht lassen dürfe , dem genialsten Mann Frankreichs mit einem Stück Blei seinen Kopf zu zerschmettern . - Die Revolution ist überwunden und die Dummköpfe haben wieder ihr Recht . « » Aber um Gottes Willen , es muß doch Mittel geben - « » Ein Cäsar Borgia würde freilich in solchem Fall Mittel finden ; auch haben sehr kluge Köpfe sich dadurch der Welt erhalten , die allerdings mehr von ihrem Ingenium profitirt hat , als von zehn Haudegen , welche die Weinhäuser mit ihren Radomontaden erfüllen . Indessen , wir sind keine Borgias und das neunzehnte Jahrhundert verträgt keine Stilets und Banditen . « » Aber es muß seine edelsten Männer schützen . Es giebt auch andere Mittel , eine höhere Polizei , eine Justiz . Bovillard der Vater muß es erfahren , er muß endlich etwas thun , dem Unwesen seines Sohnes zu steuern . Der König selbst ist entsetzt über diese blutigen Raufereien - « Der Gast hatte ihren Arm ergriffen : » Um des Himmels willen , meine gütigste Freundin , soll ich bereuen , daß ich im Vertrauen die Lippen öffnete ? Es war Alles Scherz - « » Nein , es ist Ernst . « » Wenn Sie dem Dinge den Namen gönnen , so beschwöre ich Sie , kein Sterbenswörtchen davon ! Sie werden mich verstehen . Was ist das Leben ? Eine Anweisung auf Geltung . Wird dieser Wechsel zurückgewiesen , was bleibt uns davon ! Wer mag der Lebensluft , in der wir nur athmen können , den Rücken kehren ! Ich rechne also auf Ihre Diskretion . Jedes Wörtchen , jeder Wink könnte von meinen Feinden anders gedeutet werden . Es ist ja auch möglich , daß der junge Mann sich eines Besseren besinnt . Ach Gott , der Möglichkeiten sind so viele , daß ich es aufrichtig bereue , Sie nur einen Augenblick geängstigt zu haben . Keinenfalls darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stören . Meine soll es wenigstens gewiß nicht , denn ich freue mich aufrichtig , den neuen Abgott der Residenz kennen zu lernen . « » Sie kennen Jean Paul nicht ? « » Ich begegnete ihm wohl irgendwo . « Die Geheimräthin sah etwas verlegen vor sich hin : » Ich hoffe Sie disapprobiren nicht - « » Was sich versteht in Credit zu setzen . Der Werth eines Staatsmannes , meine Freundin , und der eines Dichters , was sind sie an und für sich , es kommt allein ihr Courswerth in Betrachtung , gleichviel , ob der Dichter ihn sich selbst gemacht , oder Andere so gütig waren . A propos , da kann ich Ihnen eine Neuigkeit mittheilen . Bei Hofe ist eine lebhafte Intrigue . Nachdem es nicht gelungen Schillern hier zu fesseln , versucht man Herrn Richter uns einzuimpfen . Die Parteien sind getheilt . Ihre Majestät die Königin wünscht ihm eine Präbende zuzuwenden . Beim König fürchtet man auf Schwierigkeiten zu stoßen . Um deßwillen spielen alle Maschinen . Der Berg läuft von Diesem zu Jenem . Herr Jean Paul soll von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden , bis er dem Throne so ins Auge gerückt ist , daß Seine Majestät sich zu einer Auszeichnung gleichsam gezwungen fühlen . Daher werden die Kunstgärtner bis zum Exceß um ihre seltenen Blumen geplündert , daher die Damendeputation an den neuen Frauenlob . Die Königin lüde ihn gern selbst ein , aber er muß erst gewisse Leiterstufen der Einladung durchgemacht haben , bis das in einem petit circle möglich ist . Man ist daher auch sehr zufrieden mit den Arrangements unserer theuren Freundin , und die Stufe der Ehre , die Sie ihm heut erweisen - « » Mein Gott , wie kann man wissen - « » Man weiß Alles . Aber bedenken Sie wohl , daß die Gunst der Königin nicht jedesmal zur Gunst Seiner Majestät führt . Er ist kein Freund der Abgötterei . Doch qu ' importe , aber hüten Sie sich , daß unsere Schönheit hier , wenn sie ihm den Lorbeerkranz auf die Schläfe drückt , nicht zu tief ins Auge des Dichters sieht . Man fand zwar , er wäre in alle Huldinnen Berlins verliebt , und in seinen Entzückungen weiß er nur noch nicht , welcher er das Tuch zuwerfen soll ; aber nur nicht unserer Adelheid ! Ihre Natur ist zu schön , um sie mit einem Dichter zu verträumen . Au revoir ! « Der Legationsrath ließ die Geheimräthin in einem Meere von Gedanken . Sie passten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas zu trüben . Fünfundzwanzigstes Kapitel . Mars mit dem Zopf . Eine Gesellschaft , zur Zeit als Gesellschaften die Blüthe des geistigen Lebens repräsentirten , mag man mit einem Sonnensystem vergleichen . Wenn aber viele Sonnen mit gleichen Ansprüchen da sind , kann sie uns wie ein Universum erscheinen , das , nicht fertig , noch nach einem Centralpunkt sucht . Ein solches meteorisches Wogen ist für Viele unbehaglich , für den Beobachter interessant , für den Maler aufzufassen unmöglich . Er muß sich mit Segmenten genügen lassen . Die Wirthin wäre gern die Sonne gewesen . Aber eine Sonne muß nicht allein scheinen und leuchten , sie muß auch wärmen . Sie war eine Frau von Verstand und selbst Witz , eine Erscheinung , die nicht ohne Eindruck blieb , aber es war nicht der Verstand und Witz , der fesselt , nicht die Erscheinung , die zugleich imponirt und anzieht . Sie durchdrang die Gespräche , sie wusste sie zu leiten , abzubrechen , aber ihnen nicht den Hauch und die Färbung zu geben , daß sie sich von selbst fortspannen . Sie war die liebenswürdige Wirthin , die für Jeden etwas Angenehmes in Bereitschaft hatte , aber es schien so spitz zugeschnitten , daß die Oekonomie dem Geschmeichelten nicht entging . Es blitzte wo sie erschien , die Konversation wogte in sanften Wellenlinien einer gewählten Sprache , aber sie stockte plötzlich , wenn sie zu anderen Kreisen sich wandte . Man fühlte sich genirt , wo sie hinzutrat , und frei , wenn sie den Rücken gedreht . Das wird freilich in allen Gesellschaftskreisen sein , wo eine an Geist und Bildung überragende Erscheinung der Unterhaltung ihr Siegel aufdrückt , die minder Gebildeten fühlen das unsichtbare Joch , die Magie des Geistes , gegen die sie , ohne sich selbst bloß zu geben , nicht rebelliren dürfen , sie fühlen sie sogar doppelt , wo der Geist sich zu ihren Vorstellungen herablässt , und sie würdigt , in ihrer Sprache zu reden . Aber diese Gesellschaft war eine ungleich andere , als die gemischte , in der wir neulich die Geheimräthin zu beobachten Gelegenheit hatten . Sie war eine gewählte . Die Geheimräthin kannte Alle , sie wußte was man vermeiden , was man andeuten dürfe , und doch traf sie es nicht , daß es den Leuten wohl ward . Eine liebenswürdige Wirthin , eine geistvolle Frau ! war das allgemeine Urtheil ; wohlverstanden das , was Zwei sich sagten , die sich und ihre Meinungen noch nicht kannten . Wenn sie sich verständigten , kamen einige » Aber « hinterher . » Aber sehr scharf . « - » Geistreich , sehr geistreich , aber ihr Geist schneidet . « - » Enfin , « sagte ein Dritter , » sie hat Alles , um eine Gesellschaft zu entzücken , nur fehlt ihr der Aplomb . « Es waren Wandelsterne und Fixsterne . Zu jenen gehörten die Wirthin und ihre Pflegetocher . Wenn Jene mit ihrem leisen Tritt die Kreise durchwandelte , konnte man sie mit einer Geistererscheinung vergleichen . Das ist ein gewagtes Gleichniß ; aber eben so gewagt ist es doch , wenn Andere Adelheid mit dem aufgehenden Morgenstern verglichen , oder gar mit einer Sonne , die Frohsinn und Lust verbreite . Wer schärfer gesehen , hätte vielleicht auch die Anstrengung des jungen Mädchens bemerkt , so zu erscheinen , wie die Pflegemutter es wünschte , immer munter , naiv , geistreich . Es war noch ein anderer weiblicher Stern von sehr verschiedener Natur , auf den wir später treffen werden . Jean Paul war noch nicht da , auch Herr von Wandel ließ noch auf sich warten . Dagegen schien an dem großen Ofen eines Nebenzimmers einer der Fixsterne zu stehen in der Person des französischen Gesandten Laforest . Der Diplomat brauchte seine Kreise sich nicht aufzusuchen , oder er wollte es nicht , aber er zog magnetisch die kleinen Lichter an sich . Er war heute sehr aufgeräumt und liebeswürdig , behauptete man . Ein Bonmot ging schon durch die Zimmer . Auf eine unbescheidene Frage : was ihm in Berlin am besten gefalle , hatte er geantwortet : die Oefen . Andere hatten schon gehört , daß er gesagt : es sei das einzige Gute , was er in Berlin gefunden . Noch Andere , er habe gesagt : in einer Stadt , wo er nichts kalt und warm gefunden , sei eine Maschine , die man nach Belieben heizen und kühlen könne , der preiswürdigste Gegenstand . In einer Herrengruppe musterten Einige die Gesellschaft . Man wunderte sich , den Geheimrath Lupinus von der Voigtei unter den Gästen zu sehen . » Was wundert Sie das , « sagte der Regierungsrath von Fuchsius . » Er ist völlig frei gesprochen und Alles bleibt ja beim Alten . « » Aber sein Leben auch dasselbe . Es ist doch ein Skandal , wie ich hörte , « bemerkte ein Major noch in jüngeren Jahren ; er hatte nicht den preußischen Pli . » Wir bleiben Alle , was wir sind , « sagte aufseufzend Fuchsius . » Seit Lombard zurück , die Anstrengungen der Königin , neue Lebensgeister ins Ministerium zu bringen , gescheitert sind , ist es mit allen den guten Vorsätzen und den schönen Ansätzen vorüber . Welche treffliche Reden und Memoiren sind umsonst geschrieben . « » Zum Teufel mit den Reden ! « sagte ein General , den grauen Schnurrbart streichend ; aber es leuchtete noch Feuer aus seinen lebhaften Augen . » Das denkt vermuthlich der Geheimrath Lupinus auch , « fuhr der Rath fort . » Warum soll er sich geniren ? Es schwimmt ja Alles wieder in diesem Sumpfe süßer Gewohnheit weiter . Und wenn der Staat selbst sich auf dem Lotterbrette weiter streckt und wiegt , was darf er vom Einzelnen fordern , daß er sich aufrafft ! Der König , das gebe ich Ihnen zu , wünschte es - « » Wenn er nur wenigstens die französischen Orden nicht angenommen hätte ! « rief der General , der sich auf einen Stuhl gesetzt , und presste die Brust auf der Rabatte zusammen . » Schimpf und Schande ! Mag er sie der Clique austheilen , aber der preußische Ehrenrock ist beschimpft , wenn auch Militairs sie tragen müssen ! « » Das kommt auf Ansichten an ! « erlaubte sich der jüngere Militair zu entgegnen . » Der feindliche General , den Napoleon in seinen Bulletins lobt , fühlt sich doch mehr geschmeichelt , als selbst durch die Orden , die ihm sein eigener Fürst ertheilt . « » Spitzfindigkeiten , mein Herr von Eisenhauch ! « fiel der General ein . » Sie gerade würden sich am meisten schämen . - Alliancen , wo sie natürlich und möglich sind , ein Entschluß , wo die Ehre gebietet , und Krieg , wo es die Existenz gilt . « Fuchsins sagte , sich vorsichtig umblickend : » Nehmen Sie sich etwas in Acht . Man weiß in Saint Cloud , daß Sie ein militärischer Ideologe und ich weiß , daß Laforest Sie beobachten lässt . Aus Enghiens Beispiel wissen wir wenigstens , wie der neue Kaiser zu schrecken versteht . « » Pah ! « rief der General . » Wir sind nicht in Baden . Ich sage Ihnen , wer jetzt nicht herbeieilt , um am Brande mitzulöschen , ist so schlimm , als wer Feuer hinzuträgt . Wonach Bonaparte trachtet , liegt klar zu Tage . Oesterreich soll erdrückt , zermalmt werden . Ein Thor , wer jetzt noch glaubt , daß Oesterreichs Vernichtung Preußens Erhebung ist . Das Schicksal hat bestimmt , daß beide Feinde zusammen handeln . Nur darin sollen sie rivalisiren , wer am tüchtigsten losschlägt . Zaudern wir jetzt wieder - « » So sind wir isolirt und - verloren ! « rief Fuchsius . Ein stolzer Kommandoblick des Generals traf den Sprecher : » Wer sagt das ! « » Wenn wir alle unsere Bundesgenossen von uns gestoßen - « » Sind wir noch wir selbst . « Der General hatte sich erhoben , die beiden Herren folgten , sie blickten sich bedeutungsvoll an . » Ja meine Herren , « fuhr der General fort , » es wäre ein namenloses Unglück , man könnte uns der Frechheit , des Verrathes beschuldigen , wenn wir wieder die Gelegenheit entwischen lassen , wie vor sechs Jahren , aus Eigensinn oder Eigennutz . Ein Unglück ja , wenn wir nicht losschlagen , aber verloren sind wir nicht , wenn wir allein stehen . « Die jüngeren Zuhörer senkten die Augen . Der Veteran aber fuhr mit leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort : » Nein meine Herren , vielleicht fügt es das Schicksal so , damit wir noch größer einst dastehen . Sie sind kein Preuße , Herr von Eisenhauch , Herr von Fuchsius ist kein Militär , ich bin beides , und mein Herz pocht laut und froh bei dem Gedanken : wir allein ihm gegenüber ! Dann Alles in die Wagschaale geworfen , und , ich sage Ihnen , wir schnellen nicht in die Luft ! Braunschweig , Möllendorf , Hohenlohe , Kalkreuth ! sind das nicht Namen , vor denen die Davoust und Bernadotte , und wie sie heißen , erbleichen ! Einer genügte schon ; denn welcher Ruhm und welche Erfahrung sind da aufgespeichert . Und nun denken Sie , alle diese Namen vor einer Armee , deren Offiziere zur Hälfte noch unter Friedrich siegten , vor graubärtigen Soldaten , die noch sein Auge anfunkelte . Und die Generale , die zum Felddienst zu alt , pflanzen ihre Fahnen auf die Mauern unserer stolzen Festungen . Denken Sie sich dies Corpus von altem Ruhm , unvergleichlicher Taktik , von preußischem Muthe beseelt , von Wuth entflammt , zehnjährige Unbilden zu rächen , und gegenüber - die zusammengestoppelten , gepreßten Schaaren der windigen Franzosen , die nur siegten , weil sie schneller sich bewegen konnten , - dies räumen wir ihnen ein , - denken Sie ihn anpreschen mit solchen Schwärmen gegen ein Quarré , ein Quarré aus der ganzen Preußischen Armee , und fragen Sie sich dann , wie viel Napoleon Bonaparte ' s Name wiegen , wie viel Ueberzahl er haben muß , welche taktische Künste ausreichen , damit er diese Eisenmauer durchbricht . Er wird sie nicht durchbrechen , und wir , wir wollen sehen , wie Friedrichs Geist von Leuthen auf uns herabblicktt ! « Es war etwas Hinreißendes in dem Feuer , dem der alte Kriegsmann sich überlassen . Man wusste , als Kornet hatte er unter Friedrich seine Sporen erworben , der große König selbst hatte dm Jüngling mit seiner Gnade beglückt . Es war Wahrheit in der Rede , wenn auch nur die des Glaubens . » Aber Herr General geben mir zu , - « was der Major sagen wollte , ward vom General unterbrochen . » Daß einige Reformen nothwendig sind . Ja , einige , Herr Major . « Er hatte ihn am Rock gefasst , und fuhr vertraulicher fort . » Die reitende Artillerie , das bedenken Sie wohl , war Friedrichs Schöpfung . In einem Lieblingskinde sehen die gescheidtesten Väter oft nicht die Fehler . Auch ein großer Mensch ist ein Mensch , und darum keinen Vorwurf auf den großen König ! Ihre Konstruktion der Lafetten , ich sage es grade heraus , trotz Tempelhofs Autorität , ist admirabel ; sie muß eingeführt werden , was auch der Kriegsminister opponirt . Auch Ihre Ideen über die Bespannung zeugen von dem Scharfsinn , den ich ästimire . Selbst zugeben will ich , daß in unserm Geschützgießen Verbesserungen möglich sind , aber ich denke , daß unsre Kanonen noch , wie sie sind , einen Preußischen Donner orgeln sollen , der die Franzosen an Roßbach erinnern wird . Nicht alles auf ein Mal ! Gegen Ihre Propositionen hinsichts der Spontons bin ich ; das sage ich Ihnen jetzt offen raus . Da Sponton-Exercitium mag immerhin andern närrisch erscheinen , Narren werden Sie in der Welt überall finden . Das Präsentiren mit dem Sponton ist das Präsentiren der Armee vor sich selbst . Der Fähnrich , der , vor die Front springend , es balancirt , jetzt senkrecht , nun verquer , macht die Honneurs vor dem Feldherrn , dem General , vor dem Bataillon , vor sich selbst , nicht vor dem Publikum . Das halten Sie fest . Der Franzos mag darüber sich moquiren , so viel er will , er hat Recht , für ihn ist ' s Narretheidung , weil er das nicht hat , was wir haben , - verstehen Sie mich recht - unsre Essenz , meinethalben Existenz . Das Sponton ist das Residuum des alten Rittergeistes im Preußischen Militär . Wenn ich so sagen darf , er betrachtet sich als eine geschlossene Zunft und ist das Symbolum des Respektes vor sich selbst . Und , meine Herren , schaffen Sie erst die Spontons ab , so fällt auch der Ringkragen , warum nicht auch die Schärpe und der Federhut , und wo ist das Ende ! « Fuchsins und der Major hatten sich angesehen . » Sie wollen auch gern die Kamaschen fort haben , « fuhr der General freundlich fort . » Der Preußische Soldat ohne die Kamasche sage ich Ihnen , ist nicht mehr der Preußische Soldat . So kennen sie uns , so sollen sie uns wieder kennen lernen , anders nicht . Weiß wohl , liebster Major , was Sie in Ihrem Memoire über die Massenbewegungen sagen . Charmant exprimirt , sein beobachtet . Durch diese schnellen Evolutionen , daß er gleichsam aus einem Sack die leichtfüßigen Massen schüttelte , seinen Feind flankirte , von allen Seiten scheinbar zugleich angriff , sofort die Geworfenen durch neue Massen ersetzte , dadurch hat Bonaparte in den meisten Bataillen gesiegt . Richtig ! Aber gegen welche Feinde ! Sehen Sie , offenherzig gesprochen , ich admirire auch seinen Erfolg und sein Genie , aber was sagt Friedrich in seinen Memoiren ? Wenn sich zwei Feldherren in langen Campagnen gegenüberstanden , lernen sie sich dermaßen kennen , daß jeder die Manier und die Finten des andern auswendig weiß . Wir sind nun in der Lage , daß wir durch bald zehn Jahr ihn aus der Ferne beobachtet haben , und ich sage Ihnen , dieses großen Taschenspielers Kunststücke kennen wir nun , er aber kennt uns nicht und kann uns nicht überraschen . Seine Chocs werden an uns abprallen , wie die Schwärme der Parther an den Römischen Triariern , und was unsere Kavallerie anlangt , so braucht Niemand in Sorge zu sein . Die Ziethen und Seydlitze werden sich finden zur poursuite , wenn wir einmal die Kanaille geworfen . Freilich im Laufen kommen wir ihnen nicht gleich . « Der General glaubte gesiegt zu haben . Der Major aber sah ihn wieder fragend an : » Indessen , mein General , es waren doch auch andere Punkte - « Der Veteran lächelte mit der Freundlichkeit eines Gönners , der einen Clienten nicht zu derb in die Grenzen des Respektes zurückweisen will . » Ich habe das auch wohl gelesen , und mich über die Intentionen , und die wohlarrangirte Explikation gefreut . Aber , meine Herren , « - er schien auch den Rath in seine Belehrung hineinziehen zu wollen - » mit Theorien hätte Friedrich Schlesien nicht erobert ; unsere Armee ist nun einmal so und nicht anders , Herr von Eisenhauch . Und so war sie gut , und ob sie dann noch gut bleiben wird , wenn Ihr Rekrutirungssystem durchginge ? Um Gottes Willen keine neuen Flicken auf ein alt Kleid . Draußen Unruhe , aber Ruhe , Ruhe , Ruhe im Innern . Nichts angerührt ! Friedrichs Seele steckt in den Trommeln und den Grenadiermützen so gut als in dem point d ' honneur der Offiziere und der Kanton pflicht der Rekruten . Ich räume Ihnen ein , ein Etwas muß anders werden , das Verhältniß der Kapitäne mit Kompagnie zu den Kapitäns ohne Kompagnie . Diese sechshundert Thaler , und jene mit vielen Tausenden , mit Equipagen , Reitpferden , Fourgons , Dienerschaft . Das schadet der Disciplin . Das muß anders werden . Die Zahl der zu Beurlaubenden muß den Herrn Kompagniechefs genau bestimmt werden und kein Mann darüber . « » Würde diese Bestimmung genügen ? « » Für jetzt , Herr Major , wenn wir das durchsetzen , können wir zufrieden sein . Wenn Sie mich nicht verrathen wollen , in meinen Ideen gehe ich weiter . Es wird eine Zeit kommen , wo der Kapitän nichts mit dem Traktement seiner Leute zu schaffen haben darf , wo sie nur in einem Connex reiner Disciplin zu einander stehen . So muß es einst kommen , sag ich Ihnen , aber diese Zeit erleben nicht wir , vielleicht nicht unsere Kinder . Denn - der Mensch muß nicht zu klug sein wollen , oder es ist vorüber mit aller Autorité . « Der General ging . » Eine aus lauter Preußenthum konzentrirte Säure ! « sagte der Major . » Und doch immer noch einer der bessern , « entgegnete der Rath . » Er wird sich auch , wenn es gilt , in seiner verrosteten Rüstung noch mit einem gewissen Geschick rütteln . « » Was hilft ' s den Andern ! « rief der Major , der sich in den Armstuhl mit einem Schmerzensseufzer niederwarf . - » Ist dies die Haupstadt des großen Genius , von dem das Licht nicht über sein , nein , über unser Aller Deutschland aufging ! Deutschland glaubt wenigstens noch , daß es hier hell sei ; es ist der Anker , an den seine letzte , schmerzliche , krampfhafte Hoffnung sich anklammert . « » Hat man es Ihnen draußen anders geschildert ? « » Nein ! Aber den Tand , das Spiel und die Eitelkeit hielt ich für die Maske , unter der der männliche Entschluß , die Vorbereitung zur That sich verbirgt . Der blonde Arminius ließ auch die schönen Römerinnen lange mit seinen Locken spielen . Mit dieser Selbsttäuschung reiste ich durch Ihre Provinzen . Es sieht knöchern aus , überall ausgewaschene Kleider , schlotternde Glieder , eine Maschine , die klappert . Der Geist nur kann das zusammenhalten , tröste ich mich ; der Nimbus um Friedrichs Thron flimmert noch in so wunderbarem Flammenglanz von fern gesehen . Und nun hier zur Stelle ! Aus Kreisen in Kreise , aus Gesellschaften in Gesellschaften werde ich geschleppt . Irgendwo hoffe ich wird ein Vorhang sich lüften , die Stimme von Sais ertönen . Aber ein Vorhang nach dem andern reißt - « » Und Sie sehen nur Draht , Stricke und Kulissenschieber , der Dirigent fehlt . « » Sie haben doch einen König , der nüchtern blieb unter den Taumelnden , der nicht blasirt ist , ein scharfes Auge hat für das Unziemliche , der nicht den Esprit fort spielen will , um seine Frivolität zu entschuldigen und seine Unwissenheit zu verbergen . Er will das Gute - « » Gewiß ! Und es überkommt ihn oft ein Schauer , in mancher Morgenstunde fühlt er , es kann so nicht mehr lange gehen . Aber von wem soll er erfahren , wie es gehen muß ? - Keine Stände , keine Magnaten , kaum etwas , was einem Adel ähnlich sieht . Die Prinzen , was sind sie ihm ? Die Polterer verträgt er nicht , die Genies sind seiner Natur zuwider . Unsere Minister kennen Sie , unsre Kabinetsräthe noch besser . Sie leben nur in den Tag hinein , zufrieden wenn sie bis Morgen gesorgt haben . Er ist friedfertig und alle Morgen präsentiren sie ihm einen Schüssel : Ruhe ! mit Maaßlieb und Vergißmeinnicht geschmückt : So sieht es bei uns aus , Majestät , und sehen Sie , wie es draußen aussieht , wo sie alles bessern wollten . « » Aber er ist Friedrichs Enkel ! « » Grade der ist sein Spukbild . Wo es ihm zu arg wird , wo er darunter fahren möchte , es anders haben , sagt man ihm : das hat doch unter Friedrich bestanden und es ging ganz gut ! Oder gar : Majestät , das hat Friedrich selbst eingerichtet . Dann erschrickt er ; in seiner Bescheidenheit getraut er sich nicht , es besser machen zu können . Und dies heilige Gespenst wird dem jungen Fürsten grade von Denen citirt , welche vor seinem Geist in Staub und Asche versinken müssten . Es sollte mich nicht wundern , wenn der König einen förmlichen Widerwillen gegen seinen Großoheim einsaugte , so störend wird sein Bild ihm überall vorgehalten , wo er etwas Selbsteigenes durchsetzen will . « » Aber mein Gott , Ihr großer König nannte sich Rex Borusorum , König von Preußen ! Wo sind denn seine Preußen ! Hat denn das Volk gar keine Stimme mehr , das ihn einst auf seinen Schildern trug ? Oder war der Schmerzenslaut auf seinem Sterbebett eine Wahrheit ? War der Große wirklich müde , über Sklaven zu herrschen ? « Der Rath zuckte die Achseln : » Das ist eine Frage , mein Herr , über die wir die Antwort der Zukunft überlassen . « » Aber wenn keine Stimme , hat Ihr Volk auch keine Sinne mehr ? Wo die Sturmglocken über den Kontinent läuten , wo der nächtliche Feuerschein von allen Seiten , der Branstgeruch , den Siebenschläfer aufwecken muß , schläft das preußische Volk allein da fort , begreift es nicht , was selbst jener verrostete General ahnt , daß es sich um Sein und Nichtsein handelt ! - Wo der Geist schläft , wacht doch das Interesse . Für die Nothdurft , den Vortheil ist auch im Sklaven der Sinn rege . « Der Eifer des Majors verwandelte das halblaute Gespräch oft in ein lautes . Der Regierungsrath hatte , mit vorsichtigem Blicke Wache haltend , den Eifer zu dämpfen versucht . Er setzte sich jetzt dicht neben ihn : » Mein theuerster Freiherr , rufen Sie Alles hier an , nur nicht das Interesse . Wer soll denn wünschen , daß es anders wird ? Sie befinden sich ja noch erträglich wohl , und die Kette klinkt auch noch ineinander , wenn man nicht zu stark dran reißt . Der Ertrag der großen Güter steigt , ihre adeligen Besitzer zahlen keine Steuern und ihr Werth läßt sich durch die bekannten Künste im Hypothekenbuch ins Enorme hinaufschrauben . Ein Krieg und dieser Werth sinkt . Und sollen die Junker ihn wünschen , denen im Heere , am Hofe , selbst in der Regierung die obersten Stellen nach wie vor reservirt sind ! So viel Bürgerliche sich auch dazu im Laufe eines Jahrhunderts aufgeschwungen , sie blieben Ausnahmen , oder gingen da oben in die Klasse der Bevorzugten über . Sollen die Kaufleute einen Krieg wünschen , oder auch nur eine Aenderung ? - Sie seufzen unter starken Abgaben , aber der Handel blüht und sie werden reich . Die übrigen Staatsdiener werden zwar kärglich bezahlt , aber pünktlich . Wenn ein Krieg die Kassen leert , woher dann die Besoldung nehmen . « » Ist das Ihre ganze Nation ! Haben Sie nicht Künstler , Handwerker , Männer der Wissenschaft , kleinere Grundbesitzer , Bauern , die unter einer drückenden Eintheilung der Lasten seufzen ? « » Sie seufzen wohl , aber sie sprechen nicht mit . Und wenn sie zu sprechen Lust hätten , so haben sie noch nicht zu denken gelernt . Mein Herr Major , Preußens Volkssinn steckt noch immer unter dem blauen Rocke . Und nun betrachten Sie auf den Wachtparaden die schwerfälligen , alten Offiziere , die Pontacsnasen , diese Kapitäne , die kaum die Schärpe um den Leib pressen , in den sie drei Viertel ihrer Kompagnie verschluckten . Sollen die Besserung wünschen , nach Neuerung verlangen ? Ich gebe Ihnen zu , es sind nicht alle so , die Armee zählt schon viel jüngere Offiziere , voll Feuer , Begeisterung - « » Aber die Begeisterung ist eine Fuchtelklingenbegeisterung , « unterbrach der Major , » und ihr Herz schlägt nicht fürs Vaterland , nur für das point d ' honneur und den esprit de corps - « » Halt , mein Herr , es giebt auch - « » Ich sah , ich hörte sie auf meiner Reise . Mir ward bange , wenn ich dachte , daß Preußen auf diesen Säulen allein ruht , und die Säulen sind unterspült und gelöst von der Erde , die sie tragen soll . Ich schauderte , wenn ich hörte , wie man überall vor den Soldaten die Schubläden und Thüren verschließt , als wären es nur geworbene Landsknechte , nicht des Landes Söhne . Doch sei das , mögen sie noch Leibeigene sein , nicht dem Vaterlande , ihrem Kapitäne . Aber , allmächtiger Gott , welche Sprache musste ich unter diesen hören , in den Wachtstuben der Herren Offiziere . Wäre das Deutschlands Adel , so wäre er verloren , nur schmählicher als