doch Eins gemein , Eins , das Gefühl der Brüderlichkeit , so misbraucht es auch wird und so lästig es dem sein muß , der das Zeichen dem erwidern soll , der ihm gleich beim ersten Blicke misfällt . Aber was führt die Männer , die sich gefallen sollten , zusammen ? Wer läßt den Geist den Geist erkennen ? Was kürzt uns durch einen einzigen Blick den langen Umweg ab , den wir brauchen , um die , die uns gleichgesinnt sind , erst zu erkennen - ach , wo anders erkennen wir uns , als ... auf dem Schlachtfelde ..... in den Gefängnissen ... im Grabe ! Dankmar blickte auf . Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herübergeschaut wie mit traurigem Vorwurfe ... Um sich einem Anblick zu entziehen , der ihn zu heftig bewegte , trat Dankmar zurück und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche , den die dichten Zweige der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten ... Er spann die Gedankenreihe aus , in der wir ihn schon so oft , am meisten nach Schlurck ' s Äußerungen über den Reubund , belauscht haben und die , das merken wir nun wol , mit seinem glücklichen Funde in Angerode zusammenhing . Er vergegenwärtigte sich die alten Zeiten , wo das Christenthum ganz allein die Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat , wie sie jetzt die Menschheit beherrschen . Er sah die damalige Bildung , die christliche , da nicht dem Zufalle preisgegeben , sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes , den sogleich die Verbrüderungen , die Herbergen , die Agapen und dann die Mönchsorden vertraten . In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der Gefahren , die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung der Ideen mit sich bringen konnte , wenn es ausschließlich wurde . Die Orden waren Jedem zugänglich , selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen . Wenn er dann die rege Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an Gleichgesinnte , die man durch äußere Kennzeichen in der ganzen damaligen christlichen Welt antreffen konnte , bewundern mußte , so flößte ihm vollends die feine und durchdachte Gliederung besonders des späteren Jesuitenordens als Form , als kunstmäßig angelegter Bund , die größte Achtung ein ... Warum geht bei uns Alles so in der Irre ! dachte er sich . Warum gruppirt man sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung ! Warum verschwört man sich nur blindlings mit abenteuerlichen , leicht enthüllten Masken ... Wer uns eine Stiftung brächte , die unabhängig von jeder zunächst auf der Tagesordnung stehenden Frage nur die Verständigung über sie im Allgemeinen , die Einigung über die ersten Grundsätze erleichterte ! Wer uns etwas ersänne , das wie ein elektrischer Schlag Jeden träfe , der mit uns in einem geistigen Rapport steht und uns dann immerhin so ganz zufällig begegnete ! ... Man würde sich gleich erkennen . Wie würde man seine Erfahrungen austauschen , wie würde man sich zu einem geordneten , sicheren System des Handelns rascher vereinigen ! So viel Verstand und keine Verständigung ! Und wenn sich Dankmar dann gestehen mußte , daß alle die , die etwas Großes in dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen , Mittel besitzen müssen , um die Zweifelnden und Lässigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung , das so Mancher in seiner Großherzigkeit giebt , für die Andern auch nicht gar zu abschreckend zu machen , so gedachte er der Papiere , die er in jenem Schreine gefunden hatte . Eine alte Überlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte sich plötzlich in eine mit Händen zu greifende Wahrheit verwandelt . Die Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein , die in einem gesitteten Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen , keimen , ausschlagen , blühen konnten . Er hatte die Mittel in Händen , einer seit zwei Jahrhunderten schwebenden Verhandlung über ein immer größer angewachsenes Vermögen von Häusern und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben , die sich auf die Annahme gründete : Wenn der Staat begonnen hat , jene Verlassenschaft , die Jahrhunderte lang gleichsam herrenlos war , für sich in Anspruch zu nehmen und den gegenwärtigen Nutznießern zu entziehen , warum kann sich nicht mit den sichersten und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkämpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite stellen und Alles das , was Jener zur Begründung seiner Ansprüche mühsam und aus Zwangssätzen der Gewalt zusammenstellt , mit weit größerem Fug und Recht aus verbrieften historischen Thatsachen herleiten ? Wer weiß , fuhr er innerlichst zu erwägen fort , ob in jenem Processe , dessen inneres Getriebe mir bald kein Geheimniß mehr sein soll , nicht Assertionen genug vorkommen , die mir unbewußt über das , was noch sonst dem eingebildeten Entwickelungsgange dieses Processes einen plötzlichen Umschlag geben könnte , meinen Wettlauf mit dem Staate und jener großen mächtigen , von Schlurck vertheidigten Commune erleichtern ? Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe , die er sich gestellt hatte und die er nicht zu seinem Vortheil , sondern in der That zur Durchführung einer großen socialen Idee lösen wollte , daß ihn nun eine namenlose Angst überfiel , welches Schicksal die in Schlurck ' s Händen befindlichen Papiere treffen könnte ... Mit dem Entschlusse , jetzt unmittelbar nach der Residenz zurückzueilen , sprang er auf , warf , um nicht gefesselt zu werden , keinen Blick mehr nach dem grünen Plane und dem Jägerhause zurück , sondern lief fast mit beflügelter Eile denselben Weg zurück , den er eben neben dem Knaben so gemüthlich geschlendert war ... Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen . Dankmar rief , feuerte ihn an und trieb zur Eile .... Da grüßte ihn ein freundliches Wort aus dem Busch . Ein Bekannter hielt ihn an , der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und plötzlich , ihn fast erschreckend , vor ihm stand . Es war der Jäger Heunisch . Drittes Capitel Das Jägerhaus Heunisch , die Büchse auf dem Rücken , eine sorgfältig geschlossene Pfeife im Munde , schien so eben nach seiner Wohnung einlenken zu wollen . Er erkannte in Dankmarn sogleich jenen jungen Mann , dem er gestern früh auf dem Gelben Hirsch , während es so heftig regnete , von alten und jungen Zeiten auf Schloß Hohenberg hatte erzählen müssen . Seinen freundlichen Gruß erwiderte Dankmar mit den Worten : Eilen Sie , daß Sie nach Hause kommen ! Sie haben Besuch ... Ich erfuhr es schon in Plessen , sagte der Jäger . Wie ich in der Schmiede vorsprach , sagte mir ' s der alte Zeck . Wenn die Ursula so ins Feuer geräth über den amerikanischen Besuch , wie ihr blinder Bruder , der wie närrisch herumtastete und herumgrabbelte , so muß es ein sehr naher Freund zu ihr sein . Oder er bringt Grüße von einem Freunde aus Amerika , bemerkte Dankmar , der es vorzog , das , wie es schien dem Förster unbekannte Geheimniß der Erbschaft zu verschweigen . Auch möglich , sagte der Jäger . Die Zeck ' s sind alle heimlich . Heimlich ? fragte Dankmar . Was verstehen Sie unter heimlich ? Dankmar hätte sie lieber unheimlich genannt . Nun ! sagte der Jäger . Es soll mir nicht einfallen diesen Leuten etwas Schlimmes nachzusagen , sie stehen in bravem Rufe und gehörten früher auch zu den Frommen , die die hochselige Fürstin beschützt hat . Aber es kommt mir mit ihnen vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrockneten Teich . Man kann nicht darüber gehen ohne daß es einem immer ist , als könnte da wieder einmal Wasser zum Vorschein kommen . Wir nennen das , sagte nun Dankmar , unheimlich . Sie nennen ' s heimlich . Worin finden Sie denn , daß diese Familie etwas Verstecktes und Unzuverlässiges hat ? Der Jäger kratzte sich hinterm Ohre und erbot sich Dankmarn , der eine kaum angerauchte Cigarre mechanisch in der Hand hielt , Feuer anzuschlagen , wenns auch , wie er sagte , eigentlich nicht gestattet wäre im Walde Cigarren zu rauchen . Dann lassen Sie ' s ! sagte Dankmar . Aber der Jäger meinte : Ach was ? Wie lange wird ' s dauern , so lassen die oben doch all die Stämme hier abhauen , um zu Gelde zu kommen . So ... oder ... so ! setzte er lachend hinzu . Und so rauchte Dankmar die Cigarre an des Jägers geöffnetem Pfeifendeckel an . Den Deckel dann in Erwägung der Waldordnung kräftig zuschlagend und selbst durch einige Züge sein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend , fuhr der Jäger fort : Die Zecks in der Schmiede gelten für ehrliche Leute und sind ' s auch , aber sie kommen Manchem vor wie Welche , die mit einem Strick am Halse leben . Drossel auf dem Gelben Hirsch sagte noch vor Kurzem , er hätte immer gehört , wenn ein Vornehmer ' mal einen Knecht erschlägt , so kann er sich vom Galgen loskaufen durch eine runde Summe , aber auf den Boden stellt ihm die Justiz auch was Rundes hin , nämlich ' s Rad , damit er immer einen Augenspiegel in der Nähe hat . Ob ' s wahr ist , weiß ich nicht . Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer , der auf ' m Boden auch so sein Rad stehen hat . Von meiner alten Ursula gar nicht zu reden , die die Leute eine Hexe nennen . Aber die Leute sind närrischer als sie . Wie kommt denn Zeck ' s Schwester in Ihre Jägerwohnung ? fragte Dankmar , den eigentlich der Rückblick auf Ackermann und Selmar fesselte . Ei , sie war ja meines Vorgängers Frau ! sagte der Jäger . Ich habe sie ja mit übernehmen müssen , als ich vor Jahren hier in den Posten kam ! Damals warf sich ja die Alte auch auf die Frömmigkeit , um die Fürstin zu rühren . Und so kam ' s auch . Heunisch , sagte die Fürstin , ( Gott hab ' sie wirklich selig , es konnte Jeder , der die Augen verdrehte , mit ihr machen , was er wollte ! ) Heunisch , sagte sie , Ihr seid mir gut empfohlen worden und der Fürst hat nichts dagegen , daß ich Euch Marzahn ' s Stelle gebe - Marzahn hieß der frühere Förster , mein Vorgänger - aber sagte die Fürstin - Ihr seid jung und rüstig - damals war ich ' s mehr als jetzt - und die Marzahn bleibt in dem Hause bis an ihr Ende . Sie können sich denken , Herr , was ich für ein Gesicht dazu schnitt ! Ich wollte mich just verheirathen und die Ursula Marzahn , hieß es , ist von jeher ein Drache voll Gift und Bosheit gewesen . Ich sagt ' s auch der Fürstin - Gott hab ' sie selig - Durchlaucht , sagt ' ich , die Marzahn ? ...... Und mehr braucht ' ich eigentlich garnicht zu sagen ; denn sie mußte es gleich fühlen , daß das so viel hieß , als in einen Thurm geworfen werden , wo unten nichts als Kröten und Schlangen sind . Nämlich die dummen Leute hatten der Urschel den Ruf gemacht . Sie kam schon ziemlich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an , mit dem sie anfangs wild gelebt hatte und erst verheirathet wurde , als er den Posten bekam . Der alte Sägemüller im Gebirg , auch der reiche Sandrart , den ich manchmal im Ullagrund besuche - ein stattlicher aber grober Bauer - haben mir Teufelsdinge erzählt , wie die Urschel anfangs hier auftrat . Sie war schon fast an die Funfzig und soll früher bei einem Scharfrichter gedient haben , von dem sie Doctorei mit Vieh , aber auch mit Menschen gelernt hat . Genug , von ihren jungen Jahren weiß man nichts , als daß sie bei dem Doctor Lehmann , so hieß der Scharfrichter , von dem Sie wol gehört haben ... Ich kann nicht sagen , bemerkte Dankmar lachend ... Bei dem , der meilenweit immer verschrieben wurde , fuhr Heunisch fort .... Verschrieben ? Zu den Armensünderfrühstücken , Herr ! Nun , bei dem hat sie ja gedient und war dann an den Marzahn , einen ausgedienten Soldaten , gekommen und mit ihm hierher . Wie sie eine Weile im Walde war , kam auch der Bruder nach , der auch mit Vieh Doctorei treibt .... Dankmar mußte zur Bestätigung auf seinen schlechtgeheilten Bello sehen , der sich mit dem Hunde des Jägers zu vertragen schien und ruhig neben diesem aushielt . Genug , sagte Heunisch ; Marzahn starb bald , was kein Wunder war ... Ich will hoffen , bemerkte Dankmar lächelnd , daß seine Frau , die Ihr wie ein Gespenst schildert , ihm keinen Trank eingerührt hat .... Keinen Trank ? sagte Heunisch , der die Redseligkeit selbst war . Trank genug ! Er trank den ganzen Tag . Ursula hatte schlimme Tage bei ihm ... sie hat ' s in Geduld ertragen ... Die Urschel kennen die Menschen gar nicht ... Ihr müßt einen Schatz an ihr haben , daß Ihr so allein mit ihr leben könnt und sie vertheidigt ! Ich sage Ihnen , Herr , die Urschel ist bei alledem treu wie Gold . In jungen Jahren soll sie ' s arg mit Männern gehabt haben , aber seit sie alt geworden ist ... Hoffentlich auch seit sie der schreckliche Doctor Lehmann in der Cur gehabt hat ... Davon weiß ich nichts . Ich sage Ihnen aber , sie hat an dem Marzahn , der sie schlug und mit Füßen trat , wie ein Kind gehangen ... Käthchen von Heilbronn unterm Galgen . Nicht von Heilbronn , Herr ; und Ursula ! Ursula ! Nicht Käthchen ! Ich verstehe ! Aber ich kann mir schon denken , Ihr habt die Ursula bei Eurem Försterposten als Inventarium oder sogenanntes » eisernes Vieh « , wie wir Juristen sagen , mit in Kauf nehmen müssen ... Beinahe so ! lachte der Förster . Heunisch , sagte die Fürstin , ich weiß , was Ihr sagen wollt , aber die Marzahn ist durch den Tod ihres Mannes erleuchtet geworden und der Erlöser ist ihr im rechten Lichte aufgegangen , und was solche schöne Sachen mehr sind , die aber bei der Marzahn , wer sie nämlich kannte , eigentlich zum Lachen waren . Jetzt will ich Ihnen nur sagen , bester Herr .... Ich wollte nämlich heirathen und nahm die Stelle und auch , weil ' s nicht anders ging , die Marzahn mit . Und wie gesagt , sie war eigentlich bei alledem eine charmante Person ! Sie wollte sich auf ein einziges Zimmer einrichten und sie that ' s auch ganz bescheiden bei alledem ! Bei alledem ? Ja , bei alledem ! Ich dachte , sie macht nicht lange ... aber wer starb , war nicht die Alte ... wer starb , war ... Doch was halt ' ich Sie da auf , guten Morgen , Herr ! Guten Morgen ! Dankmar fand an dem treuherzigen Manne Gefallen und bat ihn , doch fortzufahren ... Nun , wer starb , war meine Braut , und als ich nach drei Jahren wieder ein nett Mädchen kennen lernte - wer da wieder starb - war wieder meine Braut - und Das überwand ' ich seit vierzehn Jahren , und nun bin ich zweiundfunfzig . Man sieht ' s mir nicht an , gelt ? Aber ich bin ' s. Und die Ursula Marzahn hustet und hustet und ächzt und stöhnt und ist jetzt dreiundsiebzig Jahre und sie ist bei mir geblieben und ... was die Leute reden .... Was reden die Leute ? fragte Dankmar den Jäger , der nun gehen wollte . Ich sag ' immer , der Mensch soll leben , als ging ' er grade der Nase lang ! sagte Heunisch und steckte die Pfeife ein , die ihm ausgegangen war . Schlecht und recht , meint Ihr ? Das zuerst und dann nicht links , nicht rechts sehen und sich kümmern , was wol Alles an Dem sein möchte .... Die Wahrheit fliehen , Heunisch ? Den Glauben theil ' ich nicht .... Was sagen die Leute ? Es ist besser , Herr ! Ich hab ' s auch der Fränz geschrieben , die mir einmal Etwas von dem seligen Fürsten klagte . Kind , schrieb ich ihr , laß die Nachforschung und thu ' deine Arbeit ohne Nachdenken ! Dankmar mochte nicht weiter forschen , erstaunte aber über des Jägers plötzlich bleicher gewordenes Antlitz . Ich halt ' Euch auf ... sagte er . Nein , nein , meinte Heunisch ; ich plaudere mit Ihnen aus dem nämlichen Grund . Ich mag nämlich gar nicht in mein Haus , solange die Fremden da sind . Ich dränge mich nicht in die Heimlichkeiten der Ursula .... Ihr habt viel Zartgefühl , Heunisch .... Nennen Sie Das so ? Es könnte vielleicht auch anders heißen .... Nichts Schlimmeres aber ! Ihr seid die Rücksicht selbst . Doch ! doch ! Nennen Sie ' s nur Furcht .... Furcht ? Furcht , Das zu wissen , was Eins besser nicht weiß .... Wie Heunisch diese Worte sprach , stand er nachdenklich und blickte mit starrem Auge bei Seite . Was ist Ihnen , Heunisch ? fragte Dankmar , erschrocken über des Mannes nachdenklichen Zustand . Es steigen Ihnen unfreundliche Erinnerungen auf ? Ja ! ja ! Aber lassen Sie nur , bester Herr , sagte Heunisch , fast tonlos . Ich habe an meine erste Braut gedacht und an die zweite - ich kann ' s ja allein hier bedenken an dem alten Doppelbaum , der in zwei Stämmen aufschießen wollte und in beiden verdorrt ist . Gehen Sie nur weiter ! Ich mag nicht nach Hause ; ich setze mich so lange daher . Dankmar legte dem bewegten Jäger die Hand auf die Schulter und sagte : Ihr denkt Eurer beiden Verlobten ! Beide starben ! Beklagenswerther Mann ! Und Ihr mußtet ein Ungethüm neben Euch dulden , das Euch Eure einsamen Tage zu einer ewigen Folter machte . Habt Ihr Das ertragen können ? So nicht ! So nicht ! bester Herr ! sagte der Jäger . Ihr hörtet ' s ja , der Brunnen ist verschüttet und der Sumpf ist ausgetrocknet . Die Ursula hat mich nie gequält , niemals , ich müßte lügen . Sie hatte einen heftigen , rohen Menschen geheirathet , meinen Vorgänger , den Marzahn . Der schlug sie und sie duldete das . Als er starb , es war ein noch junger Kerl , aber er hatte sich dem Trunk ergeben und ging vor der Zeit hin , als er starb , hätte sie sich erlöst fühlen sollen . Aber so verblendet war die Narrheit der Frau , die über zwanzig Jahre mehr zählte , als ihr Mann , daß sie ihn wie eine Verrückte beweinte und damit die Fürstin rührte , daß Die sie wohnen ließ , bis ich kam . Von Stund ' an hat sie sich auf eine kleine Stube , die dunkelste , beschränkt , die ich gar nicht gemocht hätte , weil sie mir vorkommt , als müßt ' es drinnen spuken . Sie hat mich gepflegt , wenn ich krank war , die Ursula , mich bedient wie eine Magd , die Ursula , sie hat - sollten Sie ' s glauben , Herr .... Es ist zum Lachen ? Warum lacht Ihr , Heunisch ? Ich kann ' s gar nicht sagen .... Wetter , Ihr seid ja verschämt wie ein Mädchen .... Ich möchte nur wissen , ob die Ursula dahintersteckte .... Hinter welchem Busch denn ? Daß ich sie heirathen sollte , Herr ! Dankmar wollte lachen und konnte nicht . Mein Seel ! Kein Spaß ! Der Blinde , der sich nach Marzahn ' s Tode in Plessen angesiedelt hatte , sprach mich darum an , ich sollte die Schwester doch heirathen .... Hm ! Und beide Bräute starben Euch - vor oder nachher ? Vorher ! Ich lachte blos und schlug ' s aus . Seitdem sprach der Bruder kein langes Wort mehr mit mir , so oft ich in der Schmiede vorsprach . Heute seit Jahren gönnt ' er mir einmal wieder die erste Anrede . Aber die Ursula ... nein ! nein ! die konnte von dem tollen Antrag nichts wissen oder sie hat sich damals ihrer sechszig Jahre geschämt . Sie ist freundlich und gut mit mir geblieben , ob ich sie gleich manchmal recht fürchte und ein Grauen vor ihr habe .... Dankmar voll Theilnahme meinte : Geht denn doch lieber ins Jägerhaus ! Wenn Ihr wie andere Menschen seid , freut Ihr Euch gewiß , wenn um Euch her Alles heiter und glücklich ist . Ursula ' s Besuch wird sie überraschen und wenn sie keine Geheimnisse vor Euch hat , theilt sie Euch mit , was sie Frohes erlebt hat , und erfreut Euch selbst . Nein , nein , ich bleibe noch fort ! sagte der Jäger , der sich jetzt wieder erholte und seine Pfeife anzündete . Ich will nicht in ihre Karten sehen . Darin liegt ' s gerade , was ich heimlich nenne . Seitdem mir meine zweite Braut so plötzlich und so schrecklich starb - sie glitt im Gebirge aus und brach sich das Genick .... Um Gottes Willen ! unterbrach Dankmar . Ja , ja , Herr , die erste ... Die Jungfer Drossel auf dem Gelben Hirsch ... Ihr erinnert Euch ... Starb in den Flammen ... Das weiß ich schon ! Aber die zweite ... Des Sägemüllers Tochter da oben aus dem Gebirge ... ... Verunglückte so entsetzlich ? Brach den Hals ! Armer Mann ! Jetzt begreif ich Eure Liebe zur Fränz in der Stadt . Der Förster schwieg eine Weile schmerzbewegt und fuhr dann fort : Seitdem , Herr , bin ich eigentlich wenig daheim in meinem Hause , wandere immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem , was während meiner Abwesenheit im Jägerhause geschieht . Die Ursula ist ganz froh , wenn ich komme , denn ich seh ' s ihr an , sie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Noth gehabt ... wirklich , Das hat sie ... aber wiedererzählt wird nicht . Da hab ' ich dann schon gesagt : Ursel , du kommst mir vor , als wenn du immer in meiner Abwesenheit die Geister bei dir tractirtest und mit dem Teufel manchmal lustig zu Nacht speistest ! Da sagt sie denn wol seufzend : Hast Recht , Junge ! Ich habe meine Noth ! Aber dann ist sie still , macht ihre Arbeit und ist froh , wenn ' s mir nur schmeckt . Straf mich Dieser und Jener , ich hätte die Alte in ihren jungen Jahren wirklich geheirathet ; denn soll ich ' s nur gerade heraussagen , so glaub ' ich , sie war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt , und weiß der Geier , sie war auch noch ganz hübsch und sauber . Nun ist sie elend und hinfällig und wird kindisch . Ihre Gespensterseherei macht mir besonders im Winter arg zu schaffen .... Dankmar nahm diese letztere Mittheilung fast so scherzend , wie sie der Jäger gab , fuhr daher auch in diesem Tone fort und sagte : Nun denn , so macht , daß Ihr nach Hause kommt ! Der Besuch aus Amerika ist kein Gespenst und prüft sie einmal , ob sie aufrichtig ist . Ihr seid ein so ehrlicher und biederer Mann , daß ich Euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrathe : Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefüllt . Sie spaßen ? sagte der Jäger erstaunt . Ja , Heunisch . Nach Allem , was Ihr mir von diesen Zeck ' s und der Ursula erzählt habt , vom Tode Eurer beiden Bräute und den Gespenstern , die diese fromme Witwe sehen will ... Nun , was stocken Sie , Herr ? Was sehen Sie mich so groß an ? Nach alledem möcht ' ich doch , daß Euer unbefangener , offener und gläubiger Sinn im Jägerhause nicht misbraucht würde . Versteht Ihr ? Wieso misbraucht ? Ich verstehe nicht ... Dieser Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes , die einen ganzen Tisch bedeckte - Was ? meinte der Jäger ... Das müssen ja über tausend Thaler sein ! Und ebensoviel empfängt jetzt die Schwester . Gebt Acht , sagte Dankmar , ob sie wahr gegen Euch ist und ... Dankmar stockte . Nun da bin ich doch curios ! Ja , ja , sie sagte mir heute früh , daß ihr etwas Merkwürdiges bevorsteht .... Paßt Ihr mehr auf , Heunisch ! Seid nicht so sorglos ! Hm ! Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im Schlafe gestört . Die Hunde bellten . Ich sah den Mond so grußelich durch den großen Kastanienbaum scheinen , der vor meiner Schlafkammer steht . Es war mir einmal , als hört ' ich die Ursula häßlich schreien . Aber es war wol nur ein Traum und ohnedies weiß ich ja , daß sie immer laut redet und ganze Nächte in Bewegung ist . Wie sie mir das Frühstück bringt , frag ' ich sie : Aber , Urschel , frag ' ich sie , was war denn Das die Nacht ? Hast ja geschrien ! Und groß mich anglotzend , als wär ' ich ein ganz Anderer als der fürstlich Hohenbergische Revierjäger Heunisch , sagte sie : Fritze , was hast du für garstige rothe Haare ! Wenn Das deine Gräfin sieht ! Ei Mutter , sag ' ich , ich heiße Leberecht Heunisch und meine Haare schimpf ' mir nicht , die haben bei keiner Gräfin am Feuer gestanden . Da kicherte sie und meinte , sie hätte in der Nacht das Fenster aufgemacht und hinaus in den Wald gesehen . Da wär ' ihr verstorbener Bruder , von dem sie oft wie von einem Baron faselt , über die grüne Wiese gegangen , ganz wie er noch in seiner Jugend gewesen wäre , lang und schlank und sehr vornehm , aber im Gehen hätt ' er geschlafen , sie aber doch artig gegrüßt und sich dann still ins Gras niedergelegt unter dem Ebereschenbaum , der auf der Wiese steht . Und sie wiss ' es , sie erführe nun auch heute was Neues . Na , sagt ' ich , Urschel , dann will ich hoffen , daß es was Rechtes ist . Stellen Sie sich aber Eines vor , als ich nachher ausging , um in Plessen auf dem Amt Etwas ins Reine zu bringen , seh ' ich hinüber nach dem Ebereschenbaum , den ich lieb habe , weil er im Herbst so prächtige rothe Beeren trägt , die über die ganze Wiese leuchten , wie Sägemüllers Nantchen ihre rothen Ohrbommeln ... Seh ' ich ja , daß das Gras wirklich an dem Baume niedergetreten ist , gehe hinüber und finde an dem Baum im Grase die Spur , daß hier ein Mensch gelegen hat und noch ganz frisch , ohne Widerrede erst in der letzten Nacht . Und daß ich mich wirklich nicht täusche , liegen ja drei vollwichtige neue Spitzkugeln im Grase , eingewickelt in dies Papier . Da ! Ohne Zweifel war ' s ein Wilddieb , und nun will ich meiner Alten doch sagen , daß sie diesmal Menschen und keine Geister gesehen hat , und auf der Hut müssen wir sein , so wie so . Sehen Sie ! So was passirt im Walde . Damit wog der Jäger die ziemlich schweren , sonderbar geformten , nur für eine eigens eingerichtete Büchse passenden Kugeln . Dankmar nahm die Kugeln und wog sie gleichfalls . Sie waren in ein Papier eingewickelt . Diese Kugeln sind aber sonderbar , sagte Dankmar . Ich möchte fast glauben , daß es keine Kugeln , sondern eher kleine Gewichte sind .... Es sind Spitzkugeln , ich versichere Sie ! sagte der Jäger . Indem betrachtete Dankmar das Papier , in dem das Blei eingewickelt war . Wie erstaunte er , als er in ihm eine Rechnung aus dem Heidekruge erkannte , dieselbe , die auf Zehrung für zwei Personen und ein Pferd lautete , vom gestrigen Datum ... ein Thaler acht Groschen ! Sonderbar ! sagte er und war von einer Ahnung ergriffen ; behalten Sie das Papier , lassen Sie mir die Kugeln ! Der Jäger besann sich erst und fragte : Haben Sie denn einen Verdacht ? Als Dankmar betroffen das Papier von allen Seiten betrachtete , fuhr Heunisch fort : Ich wollte erst die Kugeln aufs Amt tragen ; nachher besann ich mich und dachte : du machst dir den Spaß und gibst sie der Urschel als Erinnerung an ihren rothhaarigen Fritze ! Lassen Sie mir wenigstens das Papier ! wiederholte Dankmar . Da ! Nehmen Sie Beides ! sagte der Jäger . Sie sind ein feiner Kopf , Das merk ' ich wol . Sind Sie einem Strauchdieb auf der Fährte , so vergessen Sie nicht , diese Kugeln lagen in dem Papier und unter dem Ebereschenbaum schlief Einer die Nacht im Grase . Aber mehr können wir nicht bezeugen ; denn was die Urschel vor Gericht vorbringen würde , wäre gewiß so gräulich , daß die Schreiber davon liefen , auch hat sie ' s nicht gern mit dem Amt und geht überhaupt nicht drei Schritte vor die Thür . Also soviel Gold ! Nun muß ich doch sehen , ob ' s die Amerikaner uns wirklich auch gebracht haben und ob sie ' s mit dem Golde heimlich hat . Einen ganzen Tisch voll ? Ist ' s auch wahr ,