Leib pflegen , sondern gesund machen die kranke Seele , erkennt es , der Mensch sei keine Sau , für den Schlamm geboren , sondern ein Wesen , das gereinigt werden müsse , um zum Leben in höhern , reinern Regionen zu gelangen . Dieses Gefühl ist kein angebornes , entstammt nicht dem Fleische . Wie eine Taube aus den Himmelshöhen mag es sich zuweilen niederlassen auf erwählte Himmelskinder , sonst ist es ein Kind der Zucht , der Zucht von Gott , der Zucht von denen , durch deren Hand Gott die Menschen erziehen will . Wen der Herr lieb hat , den züchtigt er und läßt ihn züchtigen , und diese Zucht wirket die friedsame Frucht der Gerechtigkeit . Die Zucht wirket das Gefühl der Armut und des Krankseins , ist die wahre Augensalbe , welche den Blinden das Gesicht gibt , sie schauen läßt des Übels wahren Sitz , welche die Erfahrung gibt , aus welchem Samen das Gute wächst , aus welchem das Böse , welche eben den Glauben gibt , daß lieb der Herr die hat , welche er züchtigt , weil es nach den Züchtigungen dem Menschen leichter , wohler wird , seine Kräfte sich gestählt , seine Freudigkeit zugenommen hat . Diese Zucht wirkt ganz was anderes als die Unzucht der heutigen großen Pädagogen und anderer Schulmeister . Diese Unzucht führt die Schüler nicht weiter als dazu , Gott und Menschen zu hassen und unter allen Menschen die großen Pädagogen und sonstigen Schulmeister am allermeisten . Man frage nach dem Respekte der Schüler gegen die Lehrer , man frage nach Liebe und Anhänglichkeit , nach Gehorsam und lebendigem Fleiße , nach gläubigem Vertrauen , man suche Trauben auf Dornenbüschen ! Unter der Zucht bildet sich der zarte Keim der Erkenntnis dessen aus , was gut und heilsam ist den Menschen , bildet sich die Kenntnis der Menschen aus . Man lernt unterscheiden , wer es gut meint oder gut zu meinen scheint , wer bloß der Katze den Balg zu streichen oder den Menschen an der Seele zu doktern weiß , da bildet sich der Glaube an Gott und seine väterliche Liebe , der Glaube an die Erlösung durch Christum , der gekommen , zu suchen das Verlorne , der durch Leiden gegangen , am Kreuze gestorben , um zu erquicken die Mühseligen , Ruhe zu schaffen für ihre Seelen , der Glaube an den engen Weg mit Dornen besäet , der zum Himmel führt . Es bildet sich überhaupt der Sinn für die Wahrheit aus , sei sie bitter oder süß , komme sie vom Freund oder Feind , und der Hunger nach der Wahrheit , der in ehrlicher Treue nach Befriedigung strebt , um ein immer erleuchteterer Christ zu werden . Dieser Hunger ist , beiläufig gesagt , was ganz anderes als das Jagen nach was Neuem , bloß um Professor zu werden und nichts weiter ! Vom Vater der Lügen und all seinen Propheten wendet man sich mit Abscheu ab und kriegt einen förmlichen Ekel ob allem Balgstreichen und sonstigem Kitzeln des Fleisches . Diese verschiedenen Richtungen treten auf das Klarste ins Leben hinaus , in allen Verhältnissen , in allen Ständen , in allen Altern . Es gibt auch Menschen , welche an jeder Wahrheit zweifeln , Mißtrauen haben gegen jeden ehrlichen Menschen , welche immer sagen : » Weiß nicht , kann sein , wird sein , ist möglich , weiß aber doch nicht « ; so bei den klarsten Wahrheiten , welche man mit Pelzhandschuhen greifen könnte . Die gleichen Leute glauben den schlechtesten Leuten , freilich keine tausendjährige Wahrheit , sondern am liebsten die allerneusten und widersinnigsten Lügen , und lügen sie hundertmal im Tage , so glauben sie es hundertmal ; waren sie hundertmal in einem Tage schon angeführt , sie ließen zum hundertundersten Male sich noch anführen , natürlich bei gehöriger Bearbeitung des Balges von einem dieser kunstfertigen Gerber . Je mehr das Fleisch im Preise steigt , desto mehr und häufiger tritt diese schauerliche Verkehrtheit zu Tage . Ein ehrlicher Mensch muß des Tages , es kann kein Mensch zählen wie oft , nach dem Kopfe greifen , um zu erfahren , ob er ihn noch habe , und stundenlang grübeln , ob er bei Verstand sei oder nicht , wenn er unter Menschenkindern sich befindet , welche auf dieser Kulturstufe sind : Musterreiter , Posthalter oder gar Schulmeister , Maurer- oder andere Gesellen . Jetzt kann man sich denken , wie es einer ehrlichen Frau zumute werden muß , wenn sie diese Glaubensrichtung in ihrem Manne sich entwickeln sieht , wenn er ihren wohlgemeintesten Räten , seit tausend und tausend Jahren bewährt ( beiläufig gesagt , erschlugen die alten Deutschen in den Hermannsschlachten mit besonderer Vorliebe Schreiber und Rechtsmenschen ; werden einen natürlichen Grund gehabt haben ! ) , die Ohren verschließt und den Balgstreichern sich zuwendet ; wenn sie sieht , wie er umgarnt wird und eingesponnen gleich einer Fliege im Spinnennetz ; wenn sie erfahren muß , wie ihm ein Dünkel eingepflanzt wird absichtlich , um denselben ihr zu entfremden , seine Ohren gleichsam verpicht werden grundsätzlich , ungefähr wie man denen , welche man erschießen will , die Augen verbindet ; wenn sie wohl weiß , der Mann liebt sie , aber der Esel , der Mann , läßt sich aufweisen ; weiß ferner , wie man sie lächerlich macht , ihm Mißtrauen einflößt , ihre Einsicht verdächtigt , ihr Recht , etwas zur Sache zu sagen , in Abrede stellt . Und doch geht es um ihre Sache , geht um der Kinder Sache , und sie soll , stumm wie ein Fisch , den Esel fuhrwerken lassen je nach der Lust und der Bosheit einiger Spottbuben , welche die Sache bloß so weit angeht wie einbrechende Diebe eine Geldkiste . Das ist wirklich ein hart Ding und besonders für eine Frau , welche glaubt , einen gescheuten Mann geheiratet zu haben , einen Ausbund ; der wird auf einmal rappelköpfig , sturm am Hirn , viel ärger , als wenn ein Roß den Koller hat . Wenn sie wirklich aus der Haut fahren täte , es könnte ihr es niemand verübeln ; aber was ist erst erlaubt , wenn diese Richtung des Mannes in einem bestimmten Fall klar hervortritt , wenn er an den äußern Rändern des Wirbels schwebt ? Uli verstand von Recht und Gesetz , Formen , Terminen , Kosten usw. gar nichts ; er war in diesem Gebiete einem Wanderer gleich , der in stockfinsterer Nacht in einem Urwalde tappet . Wer das erfahren hat , weiß , wie man da dran ist . Wenn nun so ein stockdummer Mensch noch einen stockblinden Glauben hat zu irgend einem der Propheten , welche Lügen predigen , welche der Teufel angestellt hat , die Leute ins Unglück zu reiten , wie ein Stallmeister Stalljungen hat , um die Pferde in die Schwemme zu reiten , so kann man sich etwas davon denken , wie es geht ; aber um es so recht zu wissen , muß man solche Leute selbst reden gehört haben , so aus bloßer Phantasie , en théorie , kann man sich dies doch nicht vorstellen . Sie sind akkurat wie Kinder , welchen man die Buchstaben A B C zeigt . Das Lernen des A B C beruht auf dem Glauben , denn daß die wunderlichen Striche diesen und jenen Laut repräsentieren , müssen die Kinder glauben , und wenn sie einmal durch Zucht dazu gebracht sind , daß sie wissen , welches Zeichen den großen A bedeutet , so drücken sie mit ungeheurem Nachdruck den Zeigefinger oder Daumen auf den großen A und schreien gewaltiglich » A « und dünken sich groß absonderlich . Mit Zeit und Weile lernen sie auch B und C kennen , daran glauben , kommen vielleicht noch weiter , dünken sich alle Tage größer und schreien alle Zeichen gewaltiger ; aber den Zusammenhang der Zeichen kennen sie noch nicht , und wenn man ihnen denselben schon zeigt , so begreifen sie ihn nicht . Deswegen dünken sie sich nicht minder groß , sondern eben desto größer . Von einem Zusammenhang der Buchstaben wissen sie nichts , dar , um scheint es ihnen lächerlich ; sie wissen , was sie können , und können , was sie wissen , darum scheinen sie sich so wichtig , und wer was mehr weiß , scheint ihnen dumm oder schlecht . Nun , so ein Uli , der einen Prozeß anfängt und sein Lebtag kein Gesetzbuch gesehen hat , geschweige gelesen , der ist akkurat so ein ABC-Bub , der eine neue Fibel oder Namenbuch , wie wir hier sagen , unter dem Arme hat und zur Mutter läuft mit großem Geschrei : » Mutter , Mutter , das große A , wo ist es , wo das große A ? « Zeigt ihm die Mutter das große A , so schreit er wochenlang » A , A , « tut wie ein Elefant in den ersten Hosen . Kriegt der Uli einen Prozeß unter den Arm , so läuft er damit zu den Gelehrten , diese sagen : » A heißt A , und auf das A folgt das B , das kann nicht fehlen , punktum , hier steht es geschrieben , siehst ? Der Prozeß ist gewonnen , ich nähme es nicht zum voraus , wenn man mir es schon geben wollte . « Das glaubt nun der Uli steif und fest und bildet sich ein , ein Rechtsgelehrter zu sein , weil er das A auswendig weiß und etwas vom B kennt ; wer ihm Zweifel äußert , der hält es nicht mit ihm , mag ihm sein Glück nicht gönnen , ist ein Lumpenhund und meint es mit dem Gegner gut . Es ist ein förmlicher Fanatismus in diesem Glauben , und je blinder und beschränkter er ist , desto leidenschaftlicher , unduldsamer äußert er sich . Wenn so ein Uli könnte , er würde jeden köpfen oder gar hängen lassen , welcher den geringsten Zweifel schimmern lassen würde , als hätte er den besten Handel von der Welt . So ein Uli würde immer so stark verfahren als ehemals der Großinquisitor von Spanien oder die ehemaligen Ketzerriecher und Ketzerrichter in Deutschland . Die Eintönigkeit , wo kein anderer Ton mehr anklingt , die Wut , wenn doch ein anderer zu den Ohren tönet , werden nie aussterben im Menschengeschlechte und zutage treten allemal , wenn man der Katze lange genug den Balg gestrichen hat . Die Erfahrung machte nicht bloß Vreneli , die Erfahrung macht man dato im ganzen Schweizerlande . Was dabei noch sehr merkwürdig ist , ist die Festigkeit des Glaubens , wenn er sich einmal gehörig an eine Person geheftet hat . Wie der Tiroler zum Beispiel an seine Amulette glaubte , welche hieb- und schußfest machen sollten , und daran glaubte , so oft er auch verwundet wurde , indem er allemal einer besondern Ursache oder eigener Schuld die Zulassung der Wunde zuschrieb , wie man einen Schatzgräbertoren siebenmal prellen konnte und zum achtenmal doch noch Glauben fand , gerade so hat es so ein zum Prozeß angedrehter Uli . Es gibt Leute , welche durch rechtskundige Spitzbuben um ihr ganzes Vermögen gekommen sind und dennoch an die Spitzbuben glauben , und wenn sie wieder zum Vermögen kämen , wieder durch sie sich darum bringen ließen . Man möchte manchmal vor Zorn die Wände auf springen oder vor Wehmut sich die Augen aus dem Kopfe weinen , wenn man die altertümliche und volkstümliche Balgstreicherei und ihre Folgen sieht : blinden Glauben , narrochtiges Treiben und endliches Verderben . Wenn man das Obige begriffen hat , so wird man auch begreifen , wie es Vreneli war , daß Uli in diesen Wirbel gezogen wurde . Der gute Uli begriff nicht , was Menschen zu reden und zu tun imstande sind , wenn in ihren Bereich eine Kuh läuft , welche sie hoffen mit Streicheln und Sanfttun dahin zu bringen , daß sie sich melken läßt . Vreneli versuchte mehr als einmal noch , ihn vom Prozesse abzubringen , denn das Mannli ließ die Sache nicht liegen , wie man Uli , um ihn trotzig zu machen , vorgespiegelt hatte . Aber das half alles nicht , er hatte einmal jetzt den Glauben nicht zu ihm , sondern zu Andern . Vergebens stellte Vreneli ihm vor , es sei bei dem Prozeß nichts zu gewinnen , nur einen kleinen Schaden zu leiden , wenn man den Prozeß unterlasse ; verliere man denselben aber , so könne der Schaden leicht zehnmal größer werden , Verdruß und versäuerte Zeit nicht gerechnet . Aber da half alles nichts . » Das verstehst du nicht , « hieß es . » Ja , wenn ich reich wäre und vermöchte zu schenken ; aber ich muß zum Kreuzer sehen , es sieht mir sonst niemand dazu . « Wenn dann Vreneli frug : » Aber magst du solche Kreuzer ? Hast du nie gehört , daß ein ungerechter Kreuzer zehn gerechte frißt ? Und recht hat das Mannli , du magst es mir glauben oder nicht ! « » Das verstehst du aber nicht , « sagte Uli , » das eben wird sich zeigen , wer recht hat , darum prozediert man ja . Wenn man es vorher wüßte , so prozedierte man ja nicht . So ists , und weiser als alle Leute wirst doch nicht sein wollen . « Vreneli mußte sich darein ergeben , aber es hielt ihns hart . » Es wird in Gottes Namen sein müssen . Uli wird eins von den Kindern sein , welche sich brennen müssen , um das Feuer fürchten zu lernen ; Gott wird sorgen , daß mit der Zeit die Erfahrung kömmt und mit der Erfahrung die Weisheit . Wenn das ist , in Gottes Namen , so prozediere er , und wenn alles drauf muß ; wenn nur am Ende die Hauptsache gewonnen wird , so ist alles gut , denn was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele ! « So faßte sich Vreneli bestmöglichst , aber schwer ; zu diesem Verdruß kam ein Bangen , welches den Verdruß verschlang . Sechzehntes Kapitel Es kömmt Angst , und über jedes eine andere Die Base begann stark zu kränkeln und ernsthaft , die Füße liefen ihr auf , der Husten plagte sie , die Nächte waren ohne Schlaf . Das sei eine beginnende Brustwassersucht , sagte der Arzt . Wenn man Fleiß habe , die Mittel gebrauche , hoffe er der Krankheit zuvorzukommen , tröstete er . Die Base schüttelte dazu den Kopf ; Mutter und Großmutter seien ungefähr im gleichen Alter an der gleichen Krankheit gestorben , das Gleiche werde ihr auch warten , sagte sie zum ebenfalls Hoffnung machenden Vreneli . » Es ist nicht , daß ich das Sterben scheue ; ach Gott , wie vielem bin ich entronnen , wenn ich einmal im Grabe ruhe ; aber was soll aus den Meinen werden ? Da ist meine Sünde , und da werde ich hart gestraft . Was ist sterbenden Eltern der beste Trost ? Wenn sie ihre Familie so hinterlassen können wie einen gesunden Baum , der , gesund in Wurzeln und Ästen , langes Leben und ein hohes Alter verspricht , wenn die Kinder so sind , daß man weiß , man kömmt einst wieder zusammen . Nun weißt , wie ich es habe , habe keine Hoffnung « , und gar bitterlich weinte die Base . » Denn , « sagte sie , » ich bin an allem viel selbst schuld . Ich habe gemeint , mit dem Alter komme der Verstand , wo die Kinder dann von selbst einsehen würden , was recht sei . Ich zankte nicht gerne mit Joggeli , der große Freude an ihnen hatte , ihnen alles nachließ , dachte , das werde sich später schon machen . Ich ließ sie beten , aber ob sie in die Kirche gingen oder nicht , darum kümmerte ich mich nicht ; konnte ich doch selbst nicht viel gehen , eine Bäurin hat so viel zu tun ! Dachte , man könne sonst fromm sein und recht tun , wenn man schon nicht in die Kirche gehe , man sei ja unterwiesen worden und wisse , was man solle und nicht solle , so dachte ich . Später sah ich , daß ich unrecht gedacht , wollte nachbessern und konnte nicht . Ich mochte sagen , was ich wollte , so hörten sie mich nicht oder begriffen mich nicht , lachten mich endlich gar aus , weil so altväterisches Zeug nicht mehr passe in die heutige Zeit . Von der Welt waren ihre Herzen voll , das hatte ich sorglos zugelassen ; als ich später den rechten Samen ausstreuen wollte , hatte er nicht Platz darin , fand den guten Boden nicht , Dornen und Disteln hatten bereits ihn bedeckt . Ihr Trachten war auf die Augenlust , Fleischeslust , die Hoffart des Lebens gestellt ; ich konnte lange reden , ich predigte tauben Ohren und predige noch heutzutage tauben Ohren . Was soll aus meinen Kindern , was soll erst aus ihren Kindern werden ? Bin froh , es nicht erleben zu müssen , und doch graut mir vor dem Sterben , hätte so gerne noch was für sie getan . Denk , wenn sie sterben und am Ende ihnen die Augen aufgehen über ihr Elend und sie dann sagen : Daran ist unsere Mutter auch schuld . Oder wenn sie kommen an den Ort der Qual und ich sie da sehen müßte und denken in alle Ewigkeit : Daran bist du auch schuld , könnte da wohl ein Himmel für mich sein ? Was soll aus Joggeli werden ? Ist in vielen Sachen ganz wie ein Kind ; hat er noch einige Jahre zu leben , so bringen sie ihn rein um seine Sache . Ihr dauert mich auch , denn was sie jetzt Joggeli alles angeben werden , kann man sich denken . Macht ja , daß ihr immer den Zins geben könnt ; dein Mann soll sich losmachen von denen beiden Burschen , wo immer mit dem Maul zahlen wollen , sonst geht es nicht gut . So ist , wohin ich sehe , bloß Trübes und Trauriges ; ich bin froh , es nicht erleben zu müssen , und sollte es doch gut machen helfen , dieweil ich auch schuld daran bin . Ach , ich kann nicht sagen : Vater , es ist vollbracht ; wenn ich nicht die Hoffnung hätte , daß Gott gelinder strafe , als man es verdient , daß bei ihm möglich sei , was Menschen unmöglich scheinet , daß er alles zum Besten leite , sieh , ich verzweifelte noch in meinen letzten Tagen . Härter liegt nichts auf dem Herzen , glaub es mir , als zwei Kinder zu sehen im Rachen der Welt , der Pforte der Hölle , und an den Armen keine Hände zu haben , sie herauszuziehen . « Vreneli wollte trösten , aufrichten , aber wie schwer ist das nicht , wenn man das Herz selbst voll hat zum Zerspringen und wenn es einem dünkt , die Klagen seien wahr , in gleicher Lage wäre es einem ebenso ! Was hatten sie zu erwarten , wenn die Base starb , und wen hatte Vreneli noch auf der Welt , bei dem es Rat und Trost schöpfen , sein Herz ergießen konnte , seit Uli seinen Glauben seinen Götzen zugewandt , ungläubig gegen Vreneli geworden war ? Es wußte nichts , als mit der Base zu weinen , sie zu bitten , guten Mutes zu sein , ihr Leben zu fristen solange als möglich , seinetwegen , denn wenn sie mal im Grabe sei , dann sei ihr Stern erloschen und das Elend vor der Tür . Es hätte nicht umsonst Gotte sein müssen einem armen Fraueli und sich entsetzen über dessen Armütigkeit , es wisse jetzt , daß es sich dazu vorbereiten solle , und dies wolle es tun alle Tage , denn dahin werde es mir ihnen kommen , wenn nicht noch weiter , jammerte Vreneli . » Du guter Tropf « sagte die Base , » wenn es mir besser drum wäre , fast müßte ich lachen . Ihr habt noch nichts erlebt ; wem geht es immer wie gewünscht , ohne Angst und Anstand ? Glaubst , ihr wäret die Einzigen , welche nicht Lehrgeld zahlen müssen in der Welt , welche Torheit büßen müssen oder welchen Gott handgreiflich darlegt , daß man sich nicht auf Menschen verlassen müsse noch auf des Menschen Herrlichkeit ? Wenn ihr hier schon nichts verdient oder noch dazu um alles kommt , was ihr habt , ich habe doch nicht Kummer um euch wegen Durchschlagen durch die Welt . Du und Uli werden ihr Brot allenthalben finden , solang ihr euern guten Namen habt , dafür wirst du sorgen . Bereite dich , noch viel Härteres zu ertragen ! Was kömmt , nimm immer mit Dank auf , daß es nicht härter ist , und mache dich wieder auf Härteres gefaßt . Sorge nur dafür , daß du die Kleinen dem zubringst , der da gesagt hat : Lasset die Kindlein zu mir kommen , denn ihnen gehört das Himmelreich . Absonders dieses da , mein klein Schätzeli , « sagte die Base und drückte das kleine Vreneli , welches auf ihrem Schoße saß , an ihr Herz . Das kleine Mädchen war ihre Freude auf der Welt , so gleichsam das einzige Blümlein , welches einem alten Gärtner übrig blieb . Das Kind vergalt diese Liebe treulich . Vom frühen Morgen an war es drüben und mußte abends zumeist schlafend heimgetragen werden . Es war der Base kleine Aufwärterin : trug ihr hin und her , was sie bedurfte ; ihre Gesellschafterin : kläpperlete mit ihr , so viel sie wollte ; ihr Schulkind : sie lehrte es buchstabieren und zwar mit Sanftmut und Geduld , so daß die Kleine Fortschritte machte wie ein klein Hexelein ; dazu erzählte sie ihm schöne Geschichten und redete ihm zu , was es Vater und Mutter sein solle , und das Kindlein nahm zu an Alter , Weisheit und Gnade bei Gott und bei den Menschen , und alle sagten , und wirklich nicht ohne Grund , es sei weit über sein Alter , sie hätten noch keins so gesehen . Mit dem Kinde gab sich jemand ab , und zwar nicht pedantisch mit Buchstabenzeigen bloß oder sonstiger Schulfuchserei , sondern in warmer Liebe , mit schönen Geschichten und lieblichen Worten , welche einem Kinde sind , was im Frühling den Blumen der Tau . Es verderben gar unendlich viele Kinder am Geiste , weil ihnen eben dieser warme , weiche Tau fehlt ; die edelsten Keime vertrocknen , gehen nie auf . Es haben gar unendlich viele Kinder ihrer Großmutter viel mehr zu verdanken als den gelehrtesten Herren Professoren , welche oft nicht viel anders sind als vertrocknete Haarseckel . Joggeli benahm sich eigen gegen seine Frau ; er war böse über sie , zürnte ihr , daß sie krank war . Der alte Mann fühlte wohl , was sie ihm war , seine Stütze , sein Stab im Leben , und was er würde ohne sie ; aber eben deswegen hätte sie nicht krank sein sollen , den Ärger darüber ließ er gleich einem unartigen Kinde an ihr aus . Bald sagte er , sie bilde sich nur ein , krank zu sein , bald schonte sie sich zu wenig , brauchte ihm nicht Arznei genug , fuhr zu wenig den Quacksalbern nach ; sie hatte ihre liebe Not mit ihm . Er schleppte ihr sogar einmal einen Arzt herbei , sie wußte lange nicht , war es ein alter Bettelmusikant oder ein verkleideter Kapuziner ; dem Dreck nach , der rund an ihm herumlag , hätte er am ersten das Letztere sein können , indessen die Tonsur fehlte ihm , statt dessen hatte er altes Haferstroh vom vergangenen Jahre und Bruchstücke von Hanfstengeln in seinen verwilderten Haarzöpfen , deren einige Dutzend ihm um seinen ungewaschenen Kopf hingen . Denselben hatte Joggeli einmal in einem Wirtshause erzählen hören von seiner erstaunenswürdigen Geschicklichkeit , wußte aber nicht , daß seine Frau ihm selten anders sagte als » du Hagels Lügner . « Derselbe erzählte , wie er schrecklich berühmt sei und manchmal gar nicht wisse , wie wehren ; von zuhinterst in Deutschland schrieben ihm die berühmtesten Doktoren , wenn sie in Verlegenheit seien , und frügen ihn , was er meine . Er habe schon Manchen aus der Tinte gezogen , der es nicht rühmen werde , aber er habe es aufgeschrieben . So habe ihm einer geschrieben aus einer Stadt , man sage ihr nur Berlin , es sei die Hauptstadt von Rußland , derselbe sei Hofrat und heiße Schüli , und ihn gefragt , was er machen solle wegen der Cholera , die wolle kommen . Das sei eine grausame Krankheit , fange bei den Beinen an , bis zuletzt die Haare auf dem Schädel so feurig würden , daß man Schwefelhölzer daran anzünden könnte ; dem habe er geschrieben , was er machen müsse , der Ketzer habe ihm noch nicht gedankt . Aber so machten sie es , die Hagle , sie behielten seine Räte , würden Hofräte , und kein Mensch in Rußland wisse , daß die Sache von ihm komme . Er habe angeraten , jedem Patienten sieben Tage , ehe bei ihm die Krankheit ausbreche nichts zu geben als Buttermilch mit Saanenkäse , in die Maß Milch ein Pfund Käse geschabt , alle zwei Stunden eine Portion ; er sei gut dafür , die Krankheit breche nicht aus . Nun sterbe in ganz Rußland kein Mensch mehr an der Cholera , da sei er gut dafür , aber dem Kaiser werde man nicht sagen , das habe Lürlipeterli angegeben ; er glaube seiner Seele nicht , daß er sein Lebtag je Hofrat werde . Es nehme ihn jetzt wunder , wie es ihm mit dem Papste gehe . Es hätten ihm nämlich zwei sonderbar vornehme Herren von Rom - er glaube , sie seien dem Papste verwandt , wenigstens seien sie , nach allem zu schließen , sehr gute Freunde von ihm - geschrieben . Die hätten den Star und schrieben ihm , sie hätten von ihm gehört , wie er berühmt sei im Stechen , Keiner so , und hätten das Vertrauen alleine zu ihm , er solle kommen und sie operieren ; wenn er es begehre , wollten sie ihm ihre Kutsche schicken , sechsspännig , sonst solle er kommen , wie es ihm beliebe , sie wollten zahlen , bis er zufrieden sei . Gelänge ihm die Operation , so könne er ein steinreicher Mann werden , denn in Rom sei fast die Hälfte der Menschen blind von wegen dem feuerspeienden Berg , welcher dort sei , der verblende die Menschen und mache ihnen den Star , den Berg nenne man Vulkan . Er wisse nicht , ob er gehen werde , von wegen sie wären imstande und behielten ihn dort mit Gewalt , wenn sie merkten , was er könne , und das wäre ihm doch nicht an , ständig , er müßte vielleicht gar noch katholisch werden , und das möchte er erst zuletzt ; er habe sein Lebtag keiner Religion viel nachgefragt , verschweige der katholischen . So erzählte der Doktor , und je abenteuerlicher er berichtete , desto mehr fand er Glauben und Respekt , denn die meisten Leute sind eben nicht aus der Wahrheit , haben kein Gefühl für die Wahrheit , glauben eher zehn Lügen als einer Wahrheit . Den schleppte Joggeli seiner Frau zu , wollte , daß sie ihn brauche , denn er müsse mehr können als alle Anderen , weil man so weit herum von ihm wisse , meinte Joggeli . Als er kam , machte er ein sehr bedenklich Gesicht und sagte : Die Sache sei böse und wohl weit gegangen , wenn einer helfen könne , so sei er es , aber er wisse nicht , gehe es noch oder gehe es nicht ; der Brustkasten sei zu eng , Lunge und Leber hätten nicht mehr Platz , das gehe vielen fetten Leuten so ; so wie sie dicker würden , würden auch Lunge , Leber und das Herz größer , begreiflich , da werde es ihnen dann zu eng im Kasten , von wegen der wachse nicht , der sei von Knochen , und bekanntlich sei Knochen Knochen ! Die Hauptsache sei nun , daß man den Kasten größer mache , damit es wieder Platz gebe ; er hätte schon lange eine Maschine ersinnet , um solch zu eng gewordenen Kasten auszudehnen , aber er hätte noch keinen Schmied gefunden , welcher sie ihm zu Dank gemacht , von wegen die müsse aparte fein gemacht sein wegen des Hineinbringens , dasselbe sei nicht leicht . Einstweilen sei das Beste , die Brust alle Tage zweimal mit heißem Hundsschmalz einzureiben , das bringe sie auch auseinander , aber nur langsam . Dessentwegen müsse man auch etwas machen , um Lunge und Leber zusammenzuziehen und Platz zu machen inwendig ; da sei nichts besser als alle Abend vor dem zu Bette Gehen ein Glas Branntewein und brav abführen . So hätte er einstweilen , bis er die Maschine in Gang hätte , schon Manchem geholfen , an welchem die geschicktesten Ärzte nichts hätten machen können . So schwatzte Herr Lürlipeterli , und Joggeli sperrte Maul und Nase auf über solche Weisheit , welche in Israel noch nie erhört worden . Seine Frau aber schüttelte den Kopf , wollte keinen Glauben fassen ; als der Arzt fort war , sagte sie , eine solche Kuh sei ihr noch nie vor