winden beginne - « erwiderte sie lächelnd . Er gehorchte . » Das ist ja eine Scene , wie aus dem Sohn der Wildniß , « sagte er , als er mit den gepflückten Zweigen sich zu ihren Füßen setzte und ihr die Blumen zureichte . Sie lachte und begann , um das Bild zu vervollständigen , mit ihrer schönen melodischen Stimme zu singen : » Mein Herz , ich will Dich fragen , Was ist denn Liebe ? - Sag ' ! Zwei Seelen , ein Gedanke , Zwei Herzen und ein Schlag ! « Er hatte sie noch niemals singen hören - sie liebte es nicht , vor fremden Zuhörern auf Bitte oder Geheiß zu singen , sie that es nur in den Stunden , wo es ihr innerstes Bedürfniß war , dann lag ihre ganze Seele in ihrem Gesange , und so auch jetzt . Von Bewunderung hingerissen lauschte er bezaubernd den hellen Tönen , die so frei und freudig wie jubelschlagende Lerchen hervorflatterten aus der Brust seines theuern Mädchens . Er ließ sie das Lied vollenden , ohne sie zu unterbrechen , und bat dann nur einfach : » Sing ' es noch ein Mal ! « Und sie antwortete der Bitte nur dadurch , daß sie es noch ein Mal sang . Die Augen halb geschlossen vor sich niedergesenkt hörte er ihr träumend zu - wie oft hatte er sonst Bella ' s Töne bezaubert gelauscht - aber nie hatten sie ihn so im tiefsten Innern angegriffen , wie dieser einfache seelenvolle Gesang Elisabeths . Es war die Sprache glühender , oft wilder Leidenschaft , welche er aus Bella ' s Tönen hörte , Sirenenklänge , die mit wunderreichem Zauber verderbendrohend ihn umstricken - die ihn erst hinschmelzen ließen in weicher Wollust , rasend vor glühendem Verlangen , dann vernichtet in sich selbst zusammensinkend - bis er plötzlich ernüchtert , besonnen , aber innerlich ermattet und zerrissen aufwachte wie aus einem fieberheißen Traum . Aber jetzt , wo Elisabeth sang , war ihm als stimmten droben im Himmel alle Engel dazu ihre Harfen und spielten dazu auf ihren feinsten Saiten Elisabeths einfache Worte als heilige Gebete nach , es war ihm , als stimme die ganze Schöpfung vor leisem Jubel zitternd sanft mit ein in das Liebeslied . Wie Orgelgetön und Glockenklang , wie Vögelgesang im Mai , wie ein Liebespäan einer seligen Schöpfung , den fromme betende Menschen und eine ganze gottdurchgeisterte Natur zusammenstimmend aufsteigen lassen - so zog es jetzt durch seine Seele . Und als sie geendet hatte und er noch immer träumend vor sich niederblickte , sagte sie lächelnd : » Nun , mein Lied hat wohl gar das große Kind in Schlummer gesungen ? « Und wie sie ihre Wange an die seinige lehnte , sah sie eine helle Thräne in seinem Auge - sie küßte sie ihm hinweg , und unaussprechlich selig hielten sie einander in den Armen . Sie hatte zwei Guirlanden vollendet und wand sie um die Marmorsäulen . Die schönsten Rosen hatte sie noch zurückbehalten . » Aus diesen winde Dir selbst eine Krone ! « bat er . Sie begann das anmuthige Geschäft von Neuem . Er saß neben ihr ; sie umschlungen haltend , sah er über ihre Schultern hinweg ihren regen Fingern zu . Da rauschte es plötzlich wie von Tritten und im Grase schleppendem Seidenzeuge - Elisabeth sah auf , sprang erschrocken empor - die Rosen fielen von ihrem Schoos zu ihren Füßen - ein Ausruf der Ueberraschung drang aus ihrem Munde . » Du streust mir Blumen , Elisabeth ! « rief lachend eine jugendfrische Stimme . Sie kam von einer jungen Dame mit einem hübschen muntern Gesicht , zu dem schwarze Locken und ein blumengeschmückter Strohhut recht gut paßten . » Aurelie ! « rief Elisabeth - und die jungen Verwandtinnen umarmten und bewillkommten sich mit Herzlichkeit . Jaromir ging einstweilen in dem nächsten Gange etwas unbehaglich hin und her . » Aber wie kommst Du hierher ? « » Gerade hierher ? Nun sieh - ich wollte Dich überraschen , obwohl ich nicht wissen konnte , daß meine Ueberraschung für uns Beide so groß sein würde . « » Du bist noch immer muthwillig . - Aber wie kamst Du gerade hierher ? « » Durch meinen vortrefflichen Ortssinn und Deine getreue Beschreibung diese Platzes . Du hattest mir in einem Deiner Briefe diese Rotunde beschrieben und erzählt , daß Du alle erste Nachmittagsstunden hier allein zubrächtest - was freilich der Wahrheit nicht ganz gemäß war - « » Aurelie , doch - damals ! « » So , nur jetzt ist es anders - ich nahm mir also vor , ehe Du etwas von meiner Ankunft erführest , ehe ich das Schloß beträte und Deine Eltern begrüßte , Dich hier zu überfallen . Im Park war ich noch ziemlich bekannt und so ist es gerade kein Wunder , daß ich mich zurecht fand . « » Und Tausend Mal willkommen , Du Gute ! Wir werden uns Viel zu erzählen haben - ! « » Ja , nun beichte - Dein Ritter dort wird seiner Irrgänge müde werden - « » Ich werde Dich ihm vorstellen - aber Eins , Aurelie ! Du bist die Vertraute unsers Geheimnisses - vergiß das nicht - wir lieben uns - aber Du bist die Erste , welche es erfährt - « » Das würde für mich sehr schmeichelhaft sein , wenn es minder zufällig wäre - um so neugieriger bin ich - Dein romantischer Hang hat Dich am Ende einem Dichter oder Künstler entgegengeführt , der nicht recht in unsere Verwandtschaft paßt . - Hab ich Recht oder nicht ? - « » Beides zugleich - « und Elisabeth rief » Jaromir « und stellte ihm Elisabeth vor : » Meine Cousine , Aurelie , von Treffurth . « Dann nannte sie ihr seinen Namen - Sie war fröhlich erstaunt - » Ich begreife Deine Wahl , « sagte sie halblaut zu Elisabeth und gegen Jaromir gewendet , fügte sie hinzu : » Und über die Ihrige erstaun ' ich gar nicht - auch hört ' ich Manches aus der Schule schwatzen - Elisabeth wollte immer nur Gedichte von einem neuesten Dichter lernen und war deshalb auf einem ihrer Hauslehrer gar nicht gut zu sprechen , welcher behauptete : die neuen Dichter taugten alle nicht und gerade die , welche die Besten hießen , wären der Leute Verderben - was würde er gesagt haben , wenn er jetzt , wie sonst so oft , mich auf der Wanderung hierher begleitet hätte . « So scherzte Aurelie ungezwungen und muthwillig , wie immer ihre Weise gewesen war . Die Drei nahmen auf den Moosstufen neben einander Platz , so gut es eben gehen mogte . » Aber nun erzähle , wie Du eigentlich hierher kommst , « sagte Elisabeth zu Aurelie , » so allein und überraschend - und Du siehst eher aus , als ob Du von einem Spaziergang kämst , als von einer Reise ! « Aurelie nahm ihren Hut ab , knöpfte die Handschuh auf , zog sie aus , wickelte sich aus der seidnen Mantille heraus , warf Alles zusammen neben sich in ' s Gras und sagte lächelnd : » Sieh , da wirst Du Dich wundern ; ich bin nicht etwa gekommen , um wie sonst Euer Gast zu sein - ich bin nun Eure Nachbarin und wahrscheinlich Ihre nächste , Herr Graf ! « » Ich wohne in der Wasserheilanstalt ; « sagte dieser . » So ist mir , hab ' ich gehört , « fuhr Aurelie fort , » und ich wohne auch da - « » Du ? - Nicht möglich ! « rief Elisabeth . » Ich glaube , ich bin noch im Stande , Deinen Neid zu erregen , « plauderte Aurelie neckend weiter , » ich bin mit Oberst Treffurth hier , meinem Onkel . Die Tante ist schon lange kränklich , wie Du weißt , und der Arzt rieth ihr die Wasserkur . Seit der Verheirathung ihrer Tochter fühlt sie sich sehr verlassen und einsam , und da sie zu kränklich ist , um nur irgendwie dem Hauswesen noch vorstehen zu können , hingegen einer weiblichen Pflege und Umgebung bedarf , so hat sie sich eine Gesellschafterin in ' s Haus genommen . Erst hatte die Tante ihre Tochter in deren neue Heimath begleitet , mit dem festen Entschluß , sich selbst dort anzusiedeln - allein das gebirgige Klima hat ihr nicht zugesagt , die Aerzte haben es ihr als eine Unmöglichkeit geschildert , daß sie dort länger als ein paar Wochen zubringen könne , ohne ihre Gesundheit ganz zu untergraben . So hat sie denn nachgeben und ihren frühern Wohnort behalten müssen . Sehr verstimmt kam sie dahin zurück und bat mich zu ihr zu kommen , um ihr wenigstens auf kurze Zeit die Tochter zu ersetzen zu suchen . Wie ich nun ankam , war bereits davon die Rede , daß sie eine Wasserheilanstalt besuchen solle - es fragte sich nur welche ? Ich war natürlich gleich für Hohenheim um Deiner Nähe willen , doch flüsterte man sich in der Residenz leise zu : eigentlich sei die hiesige Anstalt erbärmlich , und Alles , was man darüber geschrieben und lobpreisend gefabelt , sei Nichts als eine Mystification des Publikums , eine neue Art Markschreierei , welche der Wasserdoctor von Hohenheim zu seinem Vortheil erfunden habe . « Jaromir lachte und sagte : » Man thut dem guten Doctor Unrecht - an der ganzen Mystification sind Sie allein Schuld , Elisabeth , das will ich Ihnen ein Mal später erklären , da Sie jetzt ungläubig lächeln . « Aurelie sagte : » das wäre wirklich so allerliebst , als seltsam - aber um meine Erzählung fortzusetzen : die Nähe von Hohenthal in dem neuen Badeort wirkte endlich auch entscheidend auf meine Tante und schneller als mit dem Entschluß ging es mit unsrer Abreise , daher erhieltst Du auch keine vorbereitende Nachricht . Gestern am späten Abend sind wir hier eingetroffen und haben uns nothdürftig placirt . Onkel und Tante folgen mir in einem Stündchen zu Euch nach . Unterdeß mag die Doctor Thal - - « Aurelie unterbrach sich plötzlich : » Ach , das hab ' ich Dir noch gar nicht einmal gesagt . Die Gesellschafterin meiner Tante ist nämlich niemand Anders , als die Doctor Thalheim , die Frau unsers Lehrers , welchen Du so schwärmerisch verehrtest und welcher - « Elisabeth fiel ihr in ' s Wort : » Nicht möglich ! « rief sie . » So haben sie sich ganz und für immer getrennt ? Und hat er ihr auch sein Kind nicht länger anvertrauen mögen ? « Sie war zu sehr überrascht von Aureliens Neuigkeit , zu gespannt auf deren Antwort , als daß sie hätte bemerken sollen , wie ein leises , bitteres Zucken , eine vorübergehende schauernde Blässe der Bestürzung über Jaromirs vorhin so glückstrahlende Züge flog - auch ward er bald dieser äußern Bewegung Meister ; doch Aureliens Blick war zufällig während derselben auf ihn getroffen ; jetzt fuhr sie fort : » Ich glaube , die Thalheim hat gesagt , sie sei von ihrem Mann geschieden , ihr Kind ist gestorben - das mag sie noch zusammengehalten haben , jetzt soll er gar nicht mehr nach ihr fragen . Man könnte wirklich neugierig sein zu wissen , was eigentlich zwischen den beiden Menschen vorgefallen , es hieß ja immer , er sei der beste Gatte von der Welt , und auf einmal , als sie kaum von der schwersten Krankheit genesen , verläßt er sie , um sich auf einer Reise zu amüsiren . Verdenken kann ich ' s ihm nicht , denn häßlich ist sie und furchtbare Langeweile mag er auch bei ihr gehabt haben . Aber daß er das nicht schon viele Jahre vorher empfunden hat ! Da nannte man aber die Armuth sein einziges Unglück ! Du weißt es ja selbst . « » Aber vielleicht ist sie doch nicht sein größtes gewesen , oder vielleicht war sie es allein , die ihn bestimmte , die Reiseofferte von Graf Golzenau anzunehmen ; « sagte Elisabeth . » Sie lebten in Noth ? « fuhr Jaromir hastig heraus - » und Golzenau - ich besinne mich - dieser Thalheim , welcher mit meinem Vetter Eduin Golzenau reist , ist derselbe , dessen Gattin jetzt hierher kommt , ist Ihr Lehrer , von dem Sie , Elisabeth , mir noch jüngst mit Begeisterung sprachen . - Sie hatten mir seinen Namen nicht genannt . « » Der nämliche , Jaromir , « sagte Elisabeth . » Aber Sie sind so bewegt , nehmen Antheil an diesem Thalheim ? - Sie kennen ihn ja - vor einem Jahr , als wir uns zuerst sahen , kamen Sie von ihm . « » Und eine neue Liebe ging in meinem Herzen auf ! « rief er , den ganzen Sturm seiner aufgeregten Empfindungen in diese Worte pressend und zog ihre Hand heftig an seine zuckenden Lippen . Sie nahm diese Aufwallung für den einfachen Ausdruck der überwältigenden Erinnerung an jene erste Stunde , wo zwei Menschen sich begegnen , welche trotz der Bewegung ihrer Herzen dabei und der wunderbaren , unerklärten Empfindung , welche in ihre Seelen schlägt , auch nicht ahnen können , daß einst ein Himmelsgefühl und ein Himmelsglück sie vereinigen werde - und so blickte sie ihn zärtlich an und vergaß darüber , was sie und er noch im letztverwichenen Moment gesprochen . Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Elisabeth zu Aurelie : » Durch den Rittmeister von Waldow , der mir zuweilen von der Reise seines Sohnes erzählte , habe ich auch von Thalheim sprechen hören - auch lebt ihm ein Bruder hier - « » Ein Bruder ? « sagte Aurelie . » Nun da wird die Doctor Thalheim gewiß um so weniger ausgehen , als sie dies schon zum voraus erklärt hat - es wird ihr unangenehm sein , da ihr Gatte Nichts mehr von ihr wissen will , in der Gesellschaft mit einem Schwager zusammentreffen . « » In der Gesellschaft ? - Das wird sie nicht ! « lächelte Elisabeth . » Franz Thalheim ist Fabrikenarbeiter - Aurelie schlug ein lautes Gelächter auf und sagte ungläubig : » Du bist sogar witzig geworden , Elisabeth . « - Unterdeß hatte Jaromir an seine Uhr gesehen : » Man wird Sie im Schloß erwarten , es ist Zeit , daß ich gehe , sagte er und entfernte sich nach kurzem Abschied . II. Die Brüder » Ich bin gewandert , hab ' gesehen , Es steigt empor ein böses Zeichen , Ein Kampf liegt in den ersten Wehen , Ein Kampf der Armen und der Reichen . « Alfred Meißner . Der Geheimrath von Bordenbrücken hatte seine Mission vollkommen erfüllt . Gewiß hatte er den Orden , um den er sich bewarb , schon jetzt verdient . Wenigstens hatte er sich alle mögliche Mühe darum gegeben und kein Mittel gescheut , zu irgend einem Resultat zu gelangen , durch das er sich den Dank seiner Regierung verdiene . Um jeden Preis wollte er Entdeckungen von der größten Wichtigkeit über staatsgefährliche Verbindungen und Umtriebe machen . Wo er nur einen Keim dazu fand , wollte er daraus wo möglich eine Giftpflanze erziehen und sie dann frohlockend ausreißen . So hatte der Geheimrath auch den unheimlichen Funken in die Seele des Fabrikherrn geworfen - war er dort einmal eingedrungen , so werde es ihm , daß wußte er , an weiterem Brennmaterial und Zündstoff nicht fehlen . Der Geheimrath war ein geschickter Rechenmeister , sein Exempel traf bei der Probe . Herr Felchner hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr . Er theilte seine Unterredung mit dem Geheimrath seinem Sohn mit . Georg war von Charakter fast noch finsterer und hartherziger als sein Vater . Herr Felchner , der Vater , war ein Thrann gegen Alle , die von ihm abhingen , aber er war es um eines Zweckes willen : er war es aus Ehrgeiz , der reichste und industriellste Mann in seinem Vaterland zu sein . Alles , was er war und besaß , hatte er seiner Klugheit , seinem Fleiß und seiner Ausdauer zu verdanken , denn er hatte zuerst mit einem geringen Geschäft und klein angefangen . Darauf war er stolz und auf diesem sichern Fundament baute er nun mit rastlosem , unermüdlichem Eifer weiter . Es war seine Freude , wenn er durch seine Geldmacht den Adel demüthigen konnte , es war sein Stolz , bei dem großen Grundbesitz , den er sich nach und nach erworben , bei der Masse der Leute , welche er beschäftigte und welche dadurch Alle von ihm abhängig waren , selbst eine Art von Souverain vorzustellen , es war sein Ruhm , die Industrie durch alle zweckmäßige Neuerungen zu bereichern und sie in seinen Fabriken und durch dieselben auf eine immer höhere Stufe zu heben - und es war so seine Lebensaufgabe , in Allen diesem noch weiter zu schreiten - : das Mittel dazu war erhöhter Reichthum : Sich diesen zu verschaffen , war ihm kein Mittel zu gering , zu kleinlich und schimpflich - so bald sich dies Alles nur unter einem Schein des Rechtes verbergen ließ . So lag seinem Handeln immer noch eine Idee , ein Zweck zum Grunde , und so war er nicht hart und grausam , weil er es unter allen Verhältnissen gewesen sein würde , sondern er war es nur unter den gegebenen , er glaubte so sein zu müssen , wenn er den Platz ganz ausfüllen wollte , auf den er sich gestellt , den er für sich gehörig in Anspruch genommen . Aber anders war es mit Georg . Er war Nichts als eine todte Maschine . Er hatte nicht einmal einen Ueberblick über den weiten Geschäftskreis seines Vaters - er stand still auf dem Platz , auf welchen ihn dieser gestellt . Er war einer jener Zahlenmenschen , welche ihr Leben lang niemals gedacht , sondern immer nur gerechnet haben . Aber darüber waren alle edleren Regungen seines Herzens erstorben . Der Grundzug seines Characters war böse Härte geworden . Glückliche und heitere Gesichter waren ihm förmlich unerträglich - sobald er solchen begegnen mußte , ward er noch mürrischer als gewöhnlich ; - daß es so kam , war der Neid seines Herzens , weil er selbst für Freude und Glück ganz unempfindlich geworden war ; aber er war dies auch für Schmerz und Trauer . In ihm war immer nur eine Empfindung lebendig : der Aerger und seine Aeußerungen bestanden in Härte und Grausamkeit . So ärgerte er sich stets über die Fabrikarbeiter , und weil er sich über sie ärgerte , haßte er sie , und weil er sie haßte , mißtraute er ihnen , und weil er ihnen mißtraute , behandelte er sie mit der ausgesuchtesten Strenge . Es war natürlich , daß er jetzt , als ihm sein Vater die Warnungen des Geheimrathes mittheilte - dieselben begierig in sich aufnahm , das Mißtrauen des Vaters vergrößern half und zu verstärkter Strenge gegen die Arbeiter rieth . Und so kam es , daß am nächsten Lohntag jedem der ledigen Arbeiter angekündigt ward , daß man ihm am nächsten Lohntag ein paar Groschen von seinem Lohn abziehen werde , dafern er wieder in den Arbeiterverein in die Schänke gehe , hinter dessen gefährliche und aufrührerische Zwecke man endlich gekommen sei . Man wolle keine weiteren Nachforschungen anstellen , aber Jeder möge sich hüten , wieder Aehnliches zu versuchen - und der Verein sei jetzt ein für alle Mal unwiderruflich aufgelöst . Der Eindruck , welchen diese Maaßregel auf Alle , welche sie betraf , machte , war ein sehr verschiedener . » Das leiden wir nicht ! Wir sind freie Arbeiter ! Wir sind keine Sclaven , keine Bedienten ! - Man darf uns keine solchen Vorschriften machen ! - Wir wollen doch sehen , wer dazu ein Recht hat ! « So redeten die Arbeiter unter einander hin und her im ernsten lauten Zorn . Nachher klang es anders - da kamen all ' die Aber hinterdrein , gar viel und mannichfaltig - all ' die Aber der armen Leute . Da hieß es nun wohl so : » Aber was wollen wir thun ? - Wie wollen wir ' s anfangen uns zu widersetzen ? Leicht zwar ist ' s gethan , zusammenzukommen wie gewöhnlich ; aber dann , dann kommt der Lohntag , dem wir jedes Mal so sehnsüchtig entgegen harren - kommt der Lohntag und kein Lohn ! Denn wird unser Lohn noch mehr geschmälert , so müssen wir verhungern und elend zu Grunde gehen . - Wollen wir klagen vor Gericht ? - Die Gerichtsklagen sind theuer und den armen Leuten helfen sie nicht ! - Wer die Macht hat , hat das Recht ! - « So sprachen die Arbeiter hin und her und sahen traurig und nachdenklich vor sich nieder . Anton hatte seine Ohren überall . Wilhelm hörte mit innrer Freude all ' das Murren der Zornigen , sah vergnügt all ' die große Bestürzung . Nun werden sie es wohl einsehen , « sagte er für sich , » nun werden sie ' s nicht mehr lange tragen ! « Aber laut und zu den Andern sprach er nur : » Da seht Ihr es ! Wir sind freie Arbeiter , wir können die Freiheit haben zu verhungern - wir sind keine Sclaven - unser Herr kann uns fortjagen , wenn wir ihm nicht zu Willen sind - aber so ist es einmal , dem Reichen gehört die Welt - bis sich einmal das Ding umkehren und der Reiche der Welt gehören wird . « Zu Franz sagte er dann halblaut : » Was meinst Du nun , Bruder ? Was Du mühsam Jahre lang ringend aufgebaut , um Deine Kameraden für Menschenwürde zu erziehen , um sie zu sittlicher Erstarkung zu führen , um sie vor der äußersten Noth zu bewahren - das sinkt nun Alles in Nichts zusammen vor dem Machtwort des reichen Thrannen . Was meinst Du nun ? Glaubst Du nun , daß es für uns besser werden könne , so lange wir die Sclaven der Reichen bleiben , so lange wir vor jeder Selbsthülfe feig zurückschaudern ? « » Laß ' mich jetzt , Wilhelm ! « bat Franz mit wehmüthiger Stimme , » laß ' mich , bis ich mit mir selbst zu Rathe gegangen ; zu unerwartet kam der Schlag . « Wilhelm lachte höhnisch . Nach dem Feierabend ging Franz auf der Straße nach Hohenheim . So entmuthigt , so niedergeschlagen wie jetzt , war er noch niemals gewesen . Wie ein Schlag aus blauem Himmel war ihm diese neue unerhörte Strenge des Fabrikherrn gekommen . Er hatte ja von Anfang an Nichts gegen den Verein gehabt , als ihn Franz zuerst davon benachrichtigt und sogar um seine Zustimmung gebeten hatte . Woher nun dieses plötzliche Mißtrauen gegen eine Sache , welche man nie mit dem Schleier irgend eines Geheimnisses umhüllt gehabt hatte ? Woher diese plötzliche Härte ? Franz sann lange darüber nach , doch immer vergebens . Und je weniger er einen Grund herausfand , welcher diese außerordentliche und unerwartete Maasregel des Fabrikherrn hätte rechtfertigen können , desto trüber und unheimlicher ward ihm zu Muthe - eine ungeheure Angst vor kommenden Dingen begann sich wie ein drückender Alp auf seine Seele zu lagern . Diese Ankündigung , die ihm und allen Arbeitern heute geworden , - war sie nicht der Vorbote nahenden großen Unheils ? Glich sie nicht dem ersten schmetternden Blitz , dem ersten rasch abbrechenden Donnerschlag , die ohne die Gewitterschwüle der Luft durch lindernde Regentropfen zu kühlen aus finsterm Gewölk hervorbrechen ? Und dann ist es wieder still , todtenstill und keine Bewegung am Horizont . Nur daß die schwarzen Wolken immer größer wachsen , immer höher sich aufthürmen , ohne doch sichtlich weiter von ihrer Stelle zu rücken , ihre dunkeln Massen mit schneehellen Spitzen schmücken , mit rothschillernden Streifen durchziehen - so daß der Beobachter des Wetters wohl sieht : das ist mehr als ein Gewitter , das mit vorübergehenden Schrecken der Erde Segen bringt - das verkündet schlimmen Hagel , das wird sich nicht eher entladen , als im gräßlichen Wolkenbruch . Auf die todesängstliche stille Erde , die unter dieser drohenden schwarzen Last sich nicht zu rühren wagt , wird plötzlich das Entsetzen hereinbrechen - und sie wird ohnmächtig aufschreien unter den fürchterlichen Kampf der Elemente , aber unhaltbar werden die großen Hagelkörner herunterstürzen und die Bäume zerbrechen , die nicht geduldig sich beugen wollen , die junge Saat zerstampfen , die hilflos dasteht , und unter allen Früchten ringsum eine furchtbare Ernte halten vor der Zeit . Und tosende Wasserschlünde wird der Himmel öffnen , die werden zusammenströmen mit den Wassern auf der Erde und sie aus ihren friedlichen Betten aufjagen , heraushetzen auf blumige Wiesen und Felder und über sie hinweg bis hinein in die schutzlosen Häuser armer Menschen . Und dann , wenn das Werk der Zerstörung vollendet sein wird , dann wird von droben ein ruhiger blauer Himmel herniederlachen auf all ' den Jammer unten , und kleine Silberwölkchen werden im spielenden Tanz erzählen : das Unwetter sei nun vorbei und komme nicht wieder , es herrsche nun wieder lauter Klarheit und Ruhe . Als ob nun Alles gut sei ! Als ob es Nichts sei , eine zertrümmerte Ernte ! Als ob die vernichteten Hoffnungen von Tausenden Nichts wären ! So zog es durch Franzens Seele . So hatte er das bestimmte Vorgefühl wie vor solch ' gräßlichem Gewitter . So legte es sich wie ein drückender Alp auf seine Brust . Da drinnen fühlte er es bestimmt : so werde es kommen . Wer so die niedern Arbeiter tagtäglich freiwillig und friedlich sieht an ihre einförmigen und schweren Geschäfte gehen , der ahnt wohl nicht , welch ' ungeheuere Kämpfe oft mögen ausgekämpft werden in diesen stummen Herzen , die hinter einem groben grauen Hemd und unter einer zerrissenen Jacke schlagen . - Und wenn auch öfter noch vielleicht diese Herzen kein Verlangen haben , weil der hungernde Magen daneben eine beredtere Sprache als sie gelernt hat , wenn auch all ' diese Sinne durch frühe Gewöhnung thierisch abgestumpft sind und nur aus Gewohnheit ein lästiges Leben fortführen , ohne ein anderes zu begehren , weil ihnen von ihrer Geburt an vorgesagt worden ist : das sei ihr Loos - und sie für sich niemals ein anderes erstreb ' bar hielten : ach , so trifft doch doppelte Qual diejenigen , welche aus ihrer dumpfen Lebensnacht aufgewacht sind und sich doch ausgeschlossen sehen von All ' dem , was man eigentlich Leben nennt . Dann beginnt jenes Ringen des innern Menschen wider das Loos , zu dem der äußere Mensch durch seine Geburt verdammt ist . Und wer nun frommer Sieger bleibt in solchen Kämpfen , vielleicht der härtesten von allen , welche den Menschen beschieden sind , dessen wartet dafür kein Wort der Anerkennung , kein Hauch der Bewunderung , kein leuchtendes Ziel und kein ehrender Kranz - kaum daß von ihm die Welt sagt : er thut seine Pflicht ; sie sagt entweder : es ist so seine Bestimmung , was kann er Anderes wollen ? Oder sie spricht gar nicht von ihm - denn von dumpfen Maschinen , die man sich nur zu einem bestimmten Gebrauch hält , pflegt man nicht zu sprechen . Wer mogte diese Kämpfe ahnen , in welchen Franz täglich mit sich selber rang ? Wer diese Versuchungen , welche gleich der lernäischen Hydra , wenn er sich Sieger wähnte , ihm immer wieder ein neues Haupt züngelnd und gifthauchend entgegenbäumten ? Und jetzt rang er wieder . Er hatte sich jenseit des Grabens der Straße , auf welcher er ging , unter einen Baum geworfen und starrte , die Hände krampfhaft vor seine Brust gedrückt , vor sich nieder . Zwei große schwere Thränen rannen ungehemmt über seine bleichen Wangen . » Da ist er ja ! « rief plötzlich eine Stimme und ein Mann sprang rasch über den Straßengraben hinweg und stand vor Franz . Der Wandrer glich ihm - und doch auch wieder nicht . Er war größer als Franz , seine Haare waren von lichterem Braun , seine Augen hatten einen sanfteren und milderen Glanz . Der Schnitt der Gesichter war gleich wie ihre Blässe und in den Furchen Beider las man große geistige Kämpfe verzeichnet . Aber während man es Franz ansah , daß eben jetzt diese Kämpfe am Heftigsten tobten , schienen sie bei dem Andern überwunden und der Ausdruck eines ruhigen Schmerzes lagerte auf seinem Antlitz , welches beinah etwas Heiliges und Verklärtes hatte . - Einem fremden Beobachter wäre vielleicht noch aufgefallen , daß diese Beiden , die sich bis auf den Unterschied der Jahre , denn Franz mogte um zehn Jahre weniger zählen als Jener , so ähnlich sahen , in ihrer Kleidung um so unähnlicher erschienen . Denn während Franz Beinkleider von grobem Tuch , eine geflickte und zerknitterte Leinwandblouse und einen alten rothen Shawl um den Hals unter den groben Hemdkragen geschlungen trug , erschien jener in dem feinen , modernen und netten Anzug eines Mannes von Welt . Aber die Bruderherzen schlugen in gleicher Liebe zu einander , gleichviel ob unter feinen Stoffen , ob unter Lumpen . » Franz ! « » Gustav ! « So riefen sie sich gleichzeitig einander zu . Und sie schüttelten einander die Hände und sahen sich an mit allen Freudenzeichen des Wiedersehens . » Du bist schneller wieder zurückgekommen , als ich dachte , « sagte Franz . » Waldow bekam auf einmal das Heimweh und ward kränklich . Befragte Aerzte riethen zur Heimkehr ; Golzenau trieb auf einmal auch dazu