wird er hoffen daß ich ihm etwas Aehnliches sage - dachte ich mit Herzpochen - ach , Du Unselige , weshalb hast du ihm ein Geständniß abgelockt ? Veranlaßt eine Frau einen Mann zu solchem Vertrauen , so ist es ein Beweis daß sie bereits durch ihn gerührt ist . Erheuchelt sie die Rührung , so ist sie eine erbärmliche Kokette ! Aber ich hatte sie nicht erheuchelt , nur ersehnt . Was ich eigentlich wünschte war : unter dem Tropenhimmel seiner Liebe meine Erstarrung zu verlieren . Seine Wärme that mir wol , sein Schwung hob mich , seine Kraft labte mich - das Alles brauchte ich , fand ich bei ihm .... und wie auf mein Eigenthum legte ich meine harte kalte Hand darauf . Ich schauderte vor mir selbst . Um nur Etwas zu sagen , sagte ich ganz stupid : » Sie verleumden sich indem Sie sich schwach nennen , Fidelis ! Ihr ganzes Leben ist ja eine Kette aus Ringen von Erz . « » Ein Gelübde kann man immer erfüllen - Gott allein weiß wie ! - Aber die Kette selbst doch zuweilen als eine Kette zu fühlen : das eben beweist daß man schwach ist ! Schwäche ist Knechtschaft .... und ich ! ich ! der nicht äußerlich gebunden sein wollte , bin innerlich Knecht - ich ! der äußere Sclaverei mehr als den Tod fürchtete , bin nicht im Stande zu sagen : ich bin frei ! Obgleich mir die weite Welt offen steht , obgleich ich vor Niemand außer vor meinem Gewissen Rechenschaft meines Thuns abzulegen brauche , obgleich meine Bedürfnisse noch geringer sind als meine Gewohnheiten , und Entbehrung mich nicht drückt - trotz all dieser Bedingungen der Freiheit bin ich nicht frei ! - Sclav des Goldes , der Eitelkeit , der Sinnlichkeit , des Ehrgeizes zu sein - hab ' ich gemieden , denn das Alles lockte mich nicht , war unschön , kleinlich oder roh . Sclav der Liebe mußte ich werden - der Idee der Liebe ! denn ich liebe kein Weib , sondern eine von den Schicksalsgestalten , welche hie und da ins Leben hinein gestellt werden , damit sich an und in ihnen , und für und um sie seltene Geschicke ausleben , Anderen zur Warnung oder zum Beispiel . « » O Fidelis ! wenn Sie mich so erkennen , wie können Sie mich denn lieben ? « fragt ' ich schmerzlich . » Ich weiß es nicht ! sagte er niedergeschlagen . Es ist etwas Gewaltiges in Ihnen . Dies rastlose Suchen , das durch kein Glück und keinen Genuß der Welt befriedigt - durch keine Polster des Glanzes , des Reichthums und des Behagens ausgeruht - durch kein Lernen , Wissen und Thun beschwichtigt - durch kein Schellengeklingel der Eitelkeit und Thorheit betäubt wird : das gehört keiner gemeinen Natur an . Sie haben eine ganz abgründliche Seele , so abgründlich daß Niemand deren Tiefe ermessen hat , denn kein Senkblei reicht so weit hinab . Was ist denn da unten , Sibylle ? soll es ein ewiges Geheimniß bleiben ? lagert sich diese Wolkenschicht über einem Sonnenhimmel oder , über der Leere ? Sie sind klug , gut , tugendhaft , großmüthig , menschenfreundlich - aber ohne Freude darüber , ohne Genuß daran . Sie sind ohne Schwäche und ohne Leidenschaft , Sie hassen nicht , Sie können verzeihen « .... - - » Ja ja ja ! rief ich in einem Paroxysmus von Schmerz : so bin ich ! das kann ich ! Aber ich kann Eines nicht .... ich kann nicht lieben ! - ich handle nie aus vollem Drang und Trieb des innersten Lebens . Meine Phantasie malt mir das Gute und Schöne mit den bezauberndsten Farben vor ; dann betrachte ich diese Gebilde mit der Reflexion , die Farben schwinden , aber die Ueberlegung sagt mir , auch die Pflanze ohne Blüte verdiene Pflege . Dem gemäß handle ich klug , gut wenn Sie wollen ; aber .... ich behandle das wie ein Rechenexempel , welches ein richtiges Facit ergeben muß . Schwung der Seele macht allein glücklich . Er führt jene Stürme herbei welche diese verhüllenden Wolkenschichten , wie Sie sie nennen , zerstreuen . Mögen dabei Fehltritte und Schwachheiten vorkommen - sie werden schon ihren Rächer finden - es kommen auch wunderschöne , schmetterlingsartige Entwickelungen zum Vorschein und hauptsächlich : man fühlt sich unter Einfluß und Lenkung einer höheren Gewalt als unsre Klügelei ist ! - Es ist vernichtend für einen ganzen Lebensweg auf die Klügelei angewiesen zu sein ! Die Menschen nennen es Klugheit , Tugend , Vernunft ; - ich Fidelis - nenne es von Gott vergessen sein . « » Wer geliebt wird ist nie ganz von Gott vergessen , « sagte er und kniete vor mir nieder . » Das mag sein ! - aber ich verstehe Ihre Liebe nicht ; « entgegnete ich , wieder aus diesem fragenden Forschungstrieb , der mich wünschen ließ ein Herz wie ein anatomisches Präparat vor mir zu haben . » Ich glaub ' es ! « entgegnete er entmuthigt . - - - - - So war denn nun ein fürchterlich qualvolles Verhältniß zwischen ihm und mir . Seine Erzählung hatte es in uns Beiden so recht zum Bewußtsein gebracht , daß ich ihn nicht liebe . Hätte ich sonst nicht überwunden von dieser unbegreiflichen Liebe in seine Arme oder zu seinen Füßen hinsinken müssen ? hätte ich nicht den Lohn für die Treue und die anbetende Huldigung eines halben Lebens in die Extase einer Minute zusammendrängen können ? hätte ich nicht diesem Herzen , das ich mit meiner ewigen Wissensqual durchgraben und aufgewühlt hatte , ein beseligendes Ausruhen an dem meinen gönnen sollen ? - - Aber nichts von dem Allen . Ich wußte nun daß und wie er mich liebe , und ich gestand mir ein , daß ich , so lange ich dies nur geahnt , mir eine größere Wirkung davon versprochen hatte - Beseligung , Verklärung , Offenbarungen die ich nicht empfand . Fidelis verfiel in eine unsägliche Schwermuth . Tagelang kam er gar nicht zum Vorschein , oder wenn - so doch nur in den Stunden wo die ganze Hausgesellschaft um mich versammelt war . In der ersten Zeit nachdem ich ihm sein Geständniß entlockt und ihm dadurch Hofnung gegeben hatte , war es ihm Bedürfniß und Labsal gewesen den Goldstrom der Empfindung schrankenlos an mir vorüberfluten zu lassen ; nun wurde er wieder sorgsam eingedämmt . Allein das kostet eine ganz andre Mühe als wenn der Damm nie weggerissen worden ist . Ich zitterte vor ihm ; ich war unsinnig genug zu fürchten er könne mir in einem Ausbruch von Verzweiflung Vorwürfe machen daß ich ihn nicht damals abreisen ließ . Ich hätte mein Leben drum gegeben , wenn ich das Verhältniß wieder auf den Standpunkt hätte führen können wo es bei meiner Rückkehr von Hannover war , als ich mich unbestimmt hofnungsfreudig neben ihm fühlte . Ich fragte ihn einmal ob er jezt viel arbeite . » Sehr viel , « entgegnete er . Doch ich hörte an seinem Ausdruck daß er nicht musikalische Arbeit im Sinn habe . Indessen nach und nach schien er doch wieder zu einiger Sammlung zu kommen , und der geliebten Musik mit Andacht sich zu widmen . Sie war ja seine erste Liebe ! - Es währte nicht lange so brachte er uns einige Gesänge aus dem Salomonischen Hohen Liede . Als ich sie hörte rief ich : » Fidelis ! ich sehe den Karfunkel und den Saphir auf Ihrem Goldreif ! « » Nicht wahr ? « fragte er und sah mich an . » Aber sie sind auch noch mit Perlen überrieselt , « setzte ich hinzu . » O , sagte er mit einem ganz unbeschreiblichen Ausdruck , Sie sind klug , Sibylle , so klug daß Sie das Gefühl nachfühlen ohne es wirklich zu fühlen . Das klingt etwas mystisch , nicht wahr ? Ich bitte , halten Sie es der Nachwirkung des mystischen Salomonischen Liedes zu gut . « Er selbst hatte wie immer den biblischen Text zusammen gestellt , aber nicht lateinisch - sondern zum ersten Mal deutsch . Mir traten die Thränen in die Augen über diese deutschen Worte . Sein Herz spricht darin - sagte ich zu mir selbst - zum ersten Mal hat es der Liebe Worte gegeben und das konnte nur in der Muttersprache sein . O ich begriff das Alles ! ich verfolgte all diese Schattirungen mit Rührung , mit Freude ; aber bei dem himmlischen Schluß des Gesanges , der so ganz auf Fidelis paßte : » Ich schlafe , aber mein Herz wacht « - sagte ich : » Bei mir ist ' s grade umgekehrt : ich wache , und mein Herz schläft . « Der Frühling war gekommen in seiner ewigjungen Lieblichkeit , mit seiner ewigneuen Erlösungskraft . Die winterliche Befangenheit schien sich zu lösen und vor den weichen Lüften zu schmelzen . Fidelis sah aus als habe er eine Auferstehung gehalten ; ich faßte wieder etwas Muth zum Leben ; da kam er eines Morgens zu mir mit der Erklärung : er müsse nun fort . » Fort ? jezt fort ? aber weshalb denn jezt ? « stammelte ich starr vor Erstaunen . » Gerade jezt ! entgegnete er mit einer himmlischen Liebe im Blick . Jezt ist es wieder uns Beiden möglich ohne Verzweiflung an einander zu denken - folglich ist die Trennung auszuhalten ; meinerseits sag ' ich nicht .... zu ertragen . « » Meinerseits .... nicht auszuhalten ! rief ich bewildert . Fidelis , ich komme um wenn Sie mich verlassen . « » Nicht doch ! nicht doch ! Sie ertragen Schmerz , Verlust , Täuschungen , Erfahrungen mit seltner Kraft . Sie haben früh gelernt sich zu fassen und zu überwinden , und das Schicksal hat Sie eine tüchtige Schule in dieser Richtung durchmachen lassen ; ich sage mit Ueberzeugung : Sie werden es ertragen , meine geliebte Gräfin . « » Ja , Fidelis , ja , ich werd ' es ertragen ! rief ich außer mir ; aber wie Niobe , indem ich versteinere . O bleiben Sie bei mir ! es ist in Ihnen ein Gemisch von Wärme und Kraft , von Energie und von Innigkeit , von Schwung und von Klarheit - welches um Sie eine eigenthümliche Atmosphäre voll Glanz und Frische verbreitet in der mir wol ist . Im tiefeinsamen Wald , im Hochgebirg , auf dem Ocean - da weht auch so ein wunderbar erfrischender Lebenshauch , so ein Aether der in unsrer engen schwülen kleinlichen Alltagswelt nicht wehen kann , und der sich daher in die Seelen der Auserwählten flüchtete , welche die großartigen Anlagen der Natur wie durch Mirakel auch großartig entwickelt und deren Tiefe , Höhe und Weite mit einer göttlichen Essenz von Liebe gefüllt und durchdrungen haben . Alle Menschen kommen mir vor wie Schatten .... aber Sie haben ein Sein . Sie können was Sie wollen - nicht heut und nicht morgen , sondern immer ! Sie halten fest , Sie vergessen nicht , Sie trösten sich nicht mit dem Endlichen darüber daß die Unendlichkeit nicht mit Händen zu greifen ist ! Sie sind unüberwindlich wie die gefeyten Helden der Romantik ! O lassen Sie mich leben von Ihrem Leben und bleiben Sie bei mir , Fidelis ! « » Aber siehst Du denn nicht , Du unseliges Weib , daß Du zehren willst vom Mark meines Lebens ? « fragte er mit einem Ton der mich durchschauerte . » Ja , ich seh ' es , « sagte ich vernichtet . » Nun dann werden Sie auch sehen , daß ich nicht bleiben kann , nahm er nach einer Pause das Wort . Ich liebe Sie - ich mögte aus Liebe den Athem meiner Seele und das Blut meines Herzens Ihnen geben - und Sie .... Sie mögten wie ein himmlischer Vampyr dies Herzblut saugen , diesen Seelenhauch trinken um .... ja warum ? - um zu erproben ob ich Stich halte Ihren abstracten Vorstellungen von Unwandelbarkeit . Das ist Unsinn , Sibylle ! Unsinn es zu begehren , Unsinn darauf einzugehen . Ich würde ewig in die Versuchung geführt werden den Blick Ihres schönen Auges , das Lächeln Ihres holden Mundes , jeden Händedruck , jedes Wort , jede Frage , jedes Zeichen von Theilnahme mit und nach mienem Herzen zu deuten , und da ich Sie liebe , so wäre das ganz aber ganz unaushaltbar . « » O bleib .... aus Erbarmen ! « rief ich und fiel halb besinnungslos auf meine Knie und hob flehend die Arme zu ihm empor . » Welch eine Folter ! sagte er dumpf . Sibylle , wenn ich bleibe , so bleib ' ich aus unheilvoller Schwäche der Liebe .... nicht aus Erbarmen . « » Er bleibt ! o Gott , er bleibt ! « rief ich jubelvoll . Er riß mich auf vom Boden und in seine Arme . » Willst Du denn durchaus daß ich zu Deinen Füßen sterben soll ? « fragte er mit erstickter Stimme . » Nein nein ! o nein ! « jauchzte ich , bog seinen Kopf zu mir herab und küßte seine Stirn . - - O ich unseliges Weib ! armer Fidelis ! - - - - - - - » Lebewol ! « sagte ich mit vernichtender Kälte . » Sibylle ! « schrie er mit einem Ton als würde ihm ein Dolch in die Brust gestoßen . Er lag zu meinen Füßen ; er wollte meine Hand nehmen ; ich zog sie zurück . Die Vergötterung , die Andacht waren dahin ! geliebt hatte ich ihn nicht ; - er war mir nichts mehr als ein ganz gewöhnlicher Mann . Auch an ihn glaubte ich nicht mehr ! - » Erbarmen ! nur jezt kein Lebewol ! nur nicht in diesem Augenblick ! « flehte er . » Lebwol , Fidelis ! sagte ich mit unbeweglicher schauerlicher Kälte , die mein ganzes Wesen paralysirte ; - lebwol ! und kannst Du auch noch beten , Fidelis ? « Er stand langsam auf . Er trat von mir zurück mit einem unbeschreiblichen Ausdruck in welchem Zorn und Schmerz , Entsetzen und Liebe kämpften , und über welchen eine namenlose Wehmuth wie ein schwerer Trauerflor gebreitet war . So sagte er : » Ob ich beten kann fragst Du ? ich weiß es nicht , Sibylle ! .... aber das weiß ich : Du - wirst es nie und nimmer können ! - Lebwol . « Langsam ging er der Thür zu . Auch ich war aufgestanden , hatte meine Arme um eine Säule geschlungen die einen Candelaber trug , und lehnte meine Stirn an den Marmor . Ich sah nicht mich um , nicht ihn an ! ich sah nichts .... als jenen schwarzen Abgrund vor mir , in mir , in welchem Alles ! Alles ! untergewirbelt wird . Aber er blieb stehen . Er konnte nicht in Groll und Zorn von mir scheiden . Er wollte nicht daß ich den Dolch in seiner Brust sehen sollte . Er kehrte zurück , legte die Hand auf mein Haupt und sagte mit seiner tiefen von Empfindung vibrirenden Stimme : » Sibylle ! nicht für mich , aber für Dich , Du ewiggeliebtes Geschöpf , werd ' ich dennoch beten können . Lebwol . « Er drückte meine Hand an seine Stirn und Lippen , und ich fühlte an dem eisernen und doch bebenden Griff der seinen in welcher Bewegung er war . Aber kein Wort , kein Blick , keine Regung verrieth ihm Theilnahme oder Trost . Da sagte er abermals mit jenem unsäglich schmerzhaften Ausdruck : » Oh ! Sibylle ! « und verließ mein Zimmer . Er ging . Durch mein Cabinet , durch das Musikzimmer , durch den Salon hört ' ich seinen raschen Schritt hallen - und verhallen . Dann hört ' ich nichts mehr . Ich horchte .... horchte .... umsonst ! .... nichts mehr ! - Da machte es sich um mich herum wie eine ungeheure Leere zurecht . Ich glitt an der Säule nieder und ächzte : Er kann beten , denn Er liebt ! - aber ich nicht ! Und der wilde Schmerz am Herzen , der mich bei großen Emotionen mit der Gewalt eines Starrkrampfs packte , bemeisterte sich auch jezt meiner . Ich habe Fidelis nicht wieder gesehen . - - - - Jezt folgen zwei Jahr von denen ich eigentlich gar keine andre Erinnerung habe , als daß ich körperlich litt ! Bei der geringsten Anstrengung einen ganz lähmenden Schmerz ! Ich lag auf dem Ruhebett und - litt . Die Kinder , die Geschäfte - Alles ging wie es ging ! ich konnte mich um nichts kümmern , denn mir fehlte die Kraft meine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten . Mißachtet hatte ich immer das Thun und Treiben der Menschen ; das war übel ! - jezt verachtete ich mich ; das ist am schlimmsten ! Vielleicht war das die Eisscholle die mir auf dem Herzen drückte und in dessen Wunden immer scharf und frisch hineinschnitt . Ich kann nicht sagen , daß ich Fidelis verachtet hätte ; aber ich bemitleidete ihn . Ich hatte den Sohn der Sterne zum Sohn des Staubes gemacht ! ich konnt ' es ihm nicht vergeben , daß er nicht stärker gewesen , daß er für und durch mich aus seiner Glorie herausgetreten war , zu der ich aufgeschaut hatte mein Lebenlang mit der einzigen wahren Andacht meiner Seele . Und andrerseits konnt ' ich ihm nicht vergeben daß ich ihn verloren hatte , daß sein belebender , geist- und seelenvoller Umgang , daß die Nähe eines zuverlässigen , rücksichtslos ergebenen Freundes mir fehlte - daß ich ihn in meinem an Entbehrungen über reichen Leben auch noch entbehren mußte . Ich hatte nun gar nichts mehr ; denn ich besaß nicht einmal das , was alle Menschen in ihr späteres Leben mitnehmen : Erinnerungen . Sie waren todt oder welk , und mir fehlte die Gabe sie lebendig zu machen und meine arme Gegenwart mit ihnen zu schmücken . War es eine Wiederkehr physischer , oder ein Zusammenraffen geistiger Kraft - genug , plötzlich überfiel mich die Angst ich könne in den nervosen Marasmus meiner armen Mutter versinken und mein Kind derselben innern Entwickelung oder Verwahrlosung - wie soll ich sie nennen ! - Preis geben , die ich bei mir selbst für so schädlich erkannt hatte . Die Aerzte riethen mir überdas Veränderung der Luft und Umgebung , und ich fühlte mich durch diese acht Jahr eines ununterbrochenen Aufenthaltes in Engelau so ausgesogen , so zusammengeschrumpft , daß mir wie einem Kranken im abgesperrten Zimmer die Lebensluft ausging . Gespenster , Gespenster wohin ich blickte ! Gespenster meiner Menschen , meiner Hofnungen , meiner Thaten , meiner Gefühle ! Gespenster von Epochen , Tagen , Stunden , an diese Räume , an diese Localitäten gebannt , äußerlich mich umzingelnd , die innere Oede nicht füllend . Ich wollte fort um etwas Andres zu sehen als diese Gespenster und um den Kindern etwas Andres zu zeigen als die melancholische kränkliche Mutter . Ich wollte fort um meine Geschäfte welche sich in diesen zwei Jahren durch Otberts wahnsinnige Verschwendung und meine Untüchtigkeit bedenklich verschlechtert hatten , zu ordnen . Ich selbst konnte es nicht . Ich übertrug also die Verwaltung meines Vermögens einer Vormundschaft von redlichen und verständigen Männern , welche das Recht meiner Tochter hauptsächlich gegen Otberts Foderungen vertheidigen sollten . Uebrigens theilte ich mein Einkommen nach wie vor mit ihm , und so trat ich meine Reise zu meinem Onkel dem Bischof an . - Sie that mir wol , die Bewegung , der Wechsel , die freudige Neugier der Kinder zerstreuten mich ; der herzliche Empfang des geliebten und verehrten Greises erquickte mich . So gab es doch wirklich noch einen Menschen auf der Welt , der an mir Theil nahm , der sich für mein Wolergehen interessirte ! - Aber er war bereits fünfundsiebzig Jahr alt , und körperlich sehr schwach . Er konnte gar nicht sein Zimmer , kaum seinen Lehnstuhl verlassen : die Füße trugen ihn nicht mehr . Und doch keine Spur von Abgestorbenheit ! sein Herz war frisch . Er hatte es immer für Andre , nie für sich in Athem gehalten , daher fehlte ihm auch jezt die Thätigkeit und Regsamkeit nicht , welche bei Denjenigen im Alter so leicht versiegt , welche ihr Herz mit selbstischen Bestrebungen überfüllt haben . Es wird ertränkt im Durst der Ichsucht . Den kannte er nicht . Er schien Alles zu besitzen - für Andere . Was Jeder begehrte fand er bei ihm : Rath oder That , Gold oder Liebe . Mir war in Würzburg als wehe ein linder Thauwind über die Eisgefilde meiner Seele . Zum ersten Mal seit meiner Trennung von Fidelis trat mir sein Bild ohne herbe Bitterkeit nur mit unsäglicher Wehmuth entgegen . Ich ging in den Dom zu jenem Platz am Pfeiler wo ich einst ihn beten sah . Ich fand ihn gleich . Er kam mir geweiht , geschmückt , erleuchtet vor , als sei ein Engel über ihn fortgeschritten . Ich bin ' s nicht werth ihn zu betreten , sprach ich zu mir selbst . Aber daneben sank ich zu Boden . Ich kann nicht sagen , daß ich kniete , daß ich betete ; nein ! ich lag nur da und ächzte stummen Jammer aus . Hier ahnte ihn zum ersten Mal das kindische Mädchenherz ; aber unbewußt ging es an ihm vorüber und zu einem andern Mann . Hier fand das Weib ihn nach Jahren wieder , befähigt ihn zu erkennen und zu würdigen ; aber es war verblendet , erkannte und würdigte ihn nicht , und ging abermals an ihm vorüber und zu einem andern Mann . Jezt war ich zum dritten Mal auf dieser Stätte , doch ohne ihn . Auch er , sogar er ! war dem Fluch des Daseins erlegen : der Schwäche . Dennoch blieb er das Altarbild in meinem Leben , aber - es war verschleiert . An die Kirche zu der er gehörte , welche die Ihren liebt und nicht belehrt - wie Fidelis sagte - dachte ich viel . Eine geistige Gemeinschaft mit ihm , vermittelt durch Gebet , geheiligt durch Andacht , wäre mir süß gewesen . Ohnehin hatte ich Veranlassung mich mit ihr zu beschäftigen , denn ich vergaß nicht Arabellas letzten Wunsch Astralis in der Katholischen Religion zu erziehen ; ich wollte sie in eine gute Erziehungsanstalt geben . Die der Damen vom Sacré Coeur zu Freiburg in der Schweiz wurde mir sehr gerühmt ; das paßte zu meinem Vorhaben mich auf einige Jahre in der Schweiz niederzulassen , und Benvenuta in Genf oder Lausanne zu erziehen . Einstweilen aber bekamen Beide in Würzburg passenden Unterricht , denn ich konnte mich nicht entschließen meinen guten Onkel jezt zu verlassen , da die Aerzte mir sagten : das friedliche Erlöschen seiner Lebenskraft stehe täglich in Aussicht . Nicht nur Sommer und Herbst , auch den ganzen Winter blieb ich bei ihm , und nicht blos aus Anhänglichkeit , sondern auch aus Interesse andrer Art : ich dachte an meinen Uebertritt zur Katholischen Kirche , oder vielmehr : ich nahm diesen Gedanken wieder auf . Ich hatte lange Gespräche mit meinem Onkel über religiöse Fragen und Lehren ; ich las mit Aufmerksamkeit Alles was diesen Punkt betraf , Controversen für und gegen ; die alten Kirchenväter und die neuen Rationalisten der protestantischen Theologie ; Lamennais und Schleiermacher , Fénélon und Strauß . Ebenso unsinnig wie ich im Studium der alten Sprachen und der Mathematik - Weisheit zu finden gewähnt hatte , wähnte ich jezt in der Theologie - Religion zu finden . Ich folgte ziemlich geschickt den Subtilitäten der Dialektik , welche wie auf dem gespannten Seil der Tänzer seine Schritte , vorsichtig und pünktlich ihre Beweise setzt . Kam nun aber der Augenblick wo der letzte Beweis dem fraglichen Punkt die Krone aufsetzen oder ihn zu Boden schmettern sollte , so faßte ich ihn gelassen ins Auge und sprach zu mir selbst : Also die sogenannte Wahrheit dieses Lehrsatzes ist bewiesen ; nun gut ! was man mir bewiesen hat glaub ' ich aber nicht , und mir thut Glaube noth ! - - Das war höchst richtig ; nur bedachte ich nicht daß man aus Büchern freilich Ueberzeugungen , aber nimmermehr Glauben schöpfen kann . Glaube ist das Element in welchem eine liebende , schwungvolle , kräftige Seele zugleich ihre Wiege , ihre Ruhe und ihre Nahrung findet . Da unsre Zeit einen unermeßlichen Mangel an Liebe , Schwung und Kraft hat , und da ich eine ächte und rechte Tochter unsrer Zeit bin , so war meiner Seele nichts so fern als grade der Glaube . Ich las und las unermüdlich weiter . Gott , wie disputirte ich zuweilen mit meinem guten Onkel über die Mysterien und Wunder der Kirche . O wie oft sagte er gelassen : » Kind ! Du weißt nicht woher der Wind weht - nicht wie die Sterne der Milchstraße gehen - nicht woher der dürre Zweig die Rose treibt - nicht was das Leben ist - nicht wohin der Tod Dich bringt . Wenn Du das Alles wirst ergründet haben , dann sage : es giebt keine Mysterien ! dann will auch ich zweifeln ! bis dahin glaub ' ich an sie . Was bedeutet denn das : Mysterien und Wunder verneinen ? sehr wenig , mein liebes Kind ! nur etwa dies : den Sternenhimmel leugnen , weil man die Nächte hindurch schläft ; oder die Sonne leugnen , weil man in einer Nebelatmosphäre lebt . Die Verneinung , Kind , hat es immer nur mit Schatten , nicht mit den Wesen zu thun . In der Bejahung liegt ein Sein , eine Essenz , ein Leben ; sie verfährt schöpferisch , wie die Wahrheit , wie die Allmacht , wie die Liebe . Die Negation ist impotent , und ich meine daß nur dürftige Naturen , nur unvollkommne Charactere bei denen die kritisch forschende Richtung das Herzblut in Gehirn verwandelt hat , sich ihr hingeben können . Hast Du diese Richtung so wende Dich der Wissenschaft zu : da kannst Du ergründen und erkennen , und das kann Dir vielleicht eine gesunde , heilsame Nahrung sein . Die Religion bietet freilich ein ganz andres , höheres Labsal , allein nur glauben und lieben gilt in ihr , und dies beruht auf Intuition nicht auf Forschung . » Welch eine Ungerechtigkeit des gerechten Gottes , rief ich heftig , mit dieser Intuition nur einige Auserwählte begnadet zu haben . « » Meinst Du ? sagte er mild . Nun , laß Dir doch einmal von dem geschwätzigen Alten eine Parabel erzählen . Ein Gärtner sprach zu seinem ältesten Sohn : In diesen Blumentopf habe ich den Kern einer köstlichen Frucht niedergelegt . Laß ihn keimen , treiben , wachsen im Stillen und in der dunkeln Erde ; gieb ihm Wasser , gieb ihm auch Sonne und Schatten je nachdem er es bedarf ; laß Dir Zeit , und es wird daraus der schönste Baum der Welt werden Der Sohn that nach des Vaters Gebot , ließ sich keine Mühe , keine Zeit , keine Geduld verdrießen , und siehe ! allendlich kam der Keim glänzend grün über der schwarzen Erde zum Vorschein , wuchs , trieb Blätter , ward ein Stämmchen , ein Stamm , ein Baum , immer ganz langsam und allmälig - - und zuletzt .... der schönste Baum der Welt , der Orangenbaum ! Wie freute sich der Sohn über diese Herrlichkeit ! Laub , Blüten , Früchte - Alles war unvergleichlich ! Schatten , Duft und Erquickung strömten in Fülle auf ihn nieder , und alle Tage seines Lebens dankte er dem Vater für dies segensreiche Geschenk und bat ihn es vererben zu dürfen auf Kind und Kindeskind ; und der gute Vater Gärtner entgegnete freundlich : Dazu habe ich Dir eben den Baum geschenkt . - Für seinen jüngern Sohn hatte er desgleichen einen Kern in die Erde gesteckt ; er gab ihm dieselben Lehren und Rathschläge und dieselben Verheißungen , aber dieser Sohn befolgte sie nicht ! Wie ? sprach er zu sich selbst , der ganze herrliche Baum soll in dem Kern stecken ? wie ist das möglich ? wie kann das zugehen ? ich muß sehen wie das zugeht ! - Um das Werden zu belauschen kratzte er sorgsam die Erde ab und beobachtete den Kern . Natürlich sah er nichts . Das langweilte den Knaben . Man muß ihm helfen ! sprach er , begoß ihn übermäßig , stellte den Blumentopf in die Sonne , dann auf den Heerd , grub auch die Erde um - kurz , er that alles Mögliche unnütze und nur nicht das Eine : er gönnte dem Kern nicht in der Stille und Dunkelheit zu keimen und Wurzeln zu schlagen . Was ist denn das ? sprach unwillig der Knabe ; so viel Mühe habe ich mir gegeben und es kommt und kommt nichts zum Vorschein ! das muß kein ächter Kern sein ! Er kratzte ihn heraus , betrachtete ihn rundum , stach mit einem spitzen Messerchen hinein , schälte die Oberhaut ab , und steckte ihn zuletzt unwillig wieder in die Erde . Aber all diese Experimente hatten den Kern getödtet . Er war saftlos und kraftlos zusammengeschrumpft . Der Knabe aber stand neben dem Blumentopf in dessen fetter guter Erde die Regenwürmer treflich gediehen , und klagte und zürnte daß sein Vater , der gute Gärtner , ihm einen tauben Kern gegeben habe , was doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sei . «