soll er nichts herausbringen , « flüsterte Heinrich seinem Bruder zu , » und wenn er Schraubenstöcke anlegt und vier Hengste vorspannt . Ich werde kein Narr sein . « » Natur , ganz Natur ! « sagte Gregor und zündete sich der Unterhaltung wegen eine Pfeife an . Inzwischen dauerte der Tanz ununterbrochen fort . Magnus kam nicht mehr vom Plane . Die jungen Mädchen rissen sich um den schönen , leichten , vornehmen Tänzer und legten alle Schüchternheit ab , da sie den als so schrecklich verschrienen Blauhut auf einmal so zugänglich sahen . Wäre es nicht der gnädige Herr gewesen , der alle Dorfschönen ihren Burschen untreu machte , so würde die Hochzeit , wie so oft , mit blutiger Schlägerei geendet haben . So aber war man eines Theils zu sehr hingerissen von der Freigebigkeit und Großmuth des Grafen und sodann hatte man auch wirklich zu viel Gefallen an seinem Tanz , als daß nur Einer gewagt hätte , über das Glück des hohen Gastes zu murren . Haideröschen hatte schon mehrmals mit Magnus getanzt . Sie war aufgeregt wie alle Uebrigen und von mehrmaligem Kosten geistiger Getränke sogar etwas exaltirt . Ihr lachendes Gesichtchen glühte wie eine Purpurrose ; das weiße Brusttuch zitterte von dem stürmischen Klopfen ihres Herzens . Magnus führte sie aus der Hand ihres Bräutigams wieder zum Tanz . Clemens lachte über Röschens Unermüdlichkeit , er lachte so laut , daß der Maulwurffänger aufmerksam wurde und ihn beim Arme nahm . » Trinke nicht mehr , Clemens , « sprach er zu ihm , » Du wirst zu laut ! « » Weiß Gott , Bruderseele , Du hast Recht ! - ' s ist verdammt heiß in diesem Backofen . Komm , wir wollen draußen frische Luft schlucken ! « Der Maulwurffänger verließ Arm in Arm mit Clemens die erstickende Atmosphäre der Hochzeitsstube und ging plaudernd im Baumgarten mit ihm auf und nieder . Ein sternenklarer Himmel überwölbte funkelnd die schlummernde Haide . - Magnus hatte das Verschwinden beider Männer bemerkt . Er sah jetzt außerdem , daß Sloboda trotz des unbändigen Lärmes in einem dunkeln Winkel des Zimmers vor Ermattung zu nicken begann . Alle übrigen waren nur mit sich und dem Tanze beschäftigt und hatten kein Auge auf ihn . - Sogleich endigte er den Tanz und geleitete Haideröschen durch die dicht gedrängte Schaar walzender und zuschauender Gäste . - Er winkte ihr , griff in die Brusttasche seines Rockes , wo ein weisses Papier sichtbar ward , und deutete auf die anstoßende Kammer . - Haideröschen , erhitzt , glücklich und neugierig gab nicked ihre Zustimmung und verschwand bald darauf in der erwähnten Kammer . Ungesehen folgte ihr Magnus , der mit geschicktem Griff von innen den Riegel vorschob . Es vergingen mehrere Minuten , ohne daß Jemand die Braut oder den Grafen vermißte . Die Musik spielte munter auf , die Burschen klatschten in die Hände , sprangen jauchzend in die Höhe , umschlangen mit nervigen Armen ihre Mädchen und stürzten sich in die unaufhaltsame Woge des Tanzes . Da schien es einigen ältern Männern , als vernähmen sie den Hilferuf einer weiblichen Stimme . Sie horchten aufmerksam durch den Lärm , da sich aber nichts regte , achteten sie nicht weiter darauf . Nach einer Pause erklang dieselbe Stimme wieder , aber auch jetzt hörten sie nur einige Wenige undeutlich . Sloboda erwachte jedoch davon aus seinem schläfrigen Hindämmern und suchte mit großen Augen seine Tochter . In diesem Augenblick trat Clemens mit dem Maulwurffänger wieder in ' s Zimmer , Beide in sichtbarer Aufregung . » Wo ist meine Braut ? Mein süßes Haideröschen ? « schrie er mit lauter vor Angst bebender Stimme in den Jubel der Tänzer . » Hat Jemand den Grafen fortgehen sehen ? « fragte nicht minder laut der Maulwurffänger . Wie vom Donner gerührt , schwiegen plötzlich Musik und Tanz . Es war eine furchtbare , erwartungsvolle Pause . Ein wiederholter , gellender Aufschrei brachte neues , drohendes , grauenvolles Leben in die Masse der keuchenden Tänzer . » Meine Tochter ! Meine Tochter ! « rief Sloboda , stürzte nach der Thür zur Kammer - aus der der herzzerreißende Schrei erklungen war - und wollte sie aufreißen , allein sie widerstand jeder Kraftanstrengung . » Mein Röschen ! « jammerte Clemens und schlug wüthend mit den Fäusten gegen die Thür . Ein paar Secunden und die Thür stürzte krachend unter den Tritten der wüthenden Wenden zusammen . Es war finster in der Kammer . Der schwache Schimmer halb niedergebrannter dünner Unschlittlichter aus der Wohnstube , in feuchtem Rauche trüb und flackernd brennend , ließ am Boden liegend eine Mädchengestalt erkennen , die in völliger Erschöpfung kaum noch athmete . Es war Haideröschen . - Die Brautkrone lag neben ihr , das schöne goldblonde Haar hing in aufgelösten Flechten um den entblößten Busen . Ihre festliche Kleidung war schmutzig , zum Theil zerrissen . Ein Blick genügte , um hier an einem verübten Verbrechen nicht mehr zu zweifeln . - Clemens stürzte neben der Röchelnden nieder und rief sie mit den zärtlichsten Namen . Sie gab keine Antwort , aber sie hörte , sie sah ihn . Jammernd nur schlug sie beide Hände fest über ihre Augen und wimmerte in herzzerreißenden Tönen . Der scharfe Blick des Maulwurffängers , der in jedem Winkel der dunklen Kammer den Grafen suchte , bemerkte auf dem Tische ein weißes Blatt . Er hob es auf und hielt es gegen herbeigeholte Lichter . Es war der Freibrief für Clemens und Haideröschen , mit Magnus ' Namensunterschrift und Wappen ! Der Brief lautete auf den morgenden Tag . - Als der Maulwurffänger das Blatt durchlesen hatte , ließ er es entsetzt zur Erde fallen . » Auf morgen also ! Satanische Bosheit , Du hast gesiegt und wir Armen können nicht einmal gegen ihn klagen ! Der Entsetzliche hat blos sein Herrenrecht an der Leibeigenen geübt ! - « Alle standen sprachlos . Sloboda lag gebeugt am Boden neben Haideröschen und netzte mit seinen Schmerzensthränen ihre schönen Haare . Clemens weinte ebenfalls wie ein Kind . Ehrhold dagegen stieß in gerechtem Grimme furchtbare Verwünschungen aus und erhob inmitten der bestürzten Hochzeitsgäste die Hand zum Schwur . Der Maulwurffänger fiel ihm in den Arm . » Halt ein ! « sagte er . » Nicht Du allein , nicht ein Einziger schwöre hier , wir alle , die wir Männer sind , verbinden uns in gemeinsamem Schwure zu gemeinsamer That ! Wer mir beistimmt , der thue , wie ich ! « Der Maulwurffänger kniete nieder . Alle ahmten seinem Beispiel nach . Dann erhoben sämmtliche Wenden zugleich mit dem Deutschen ihre Hände und dieser sprach : » So lange es noch Herren gibt , die ihre Macht mißbrauchen zum Nachtheile ihrer Untergebenen ; so lange noch ein Volk auf Erden lebt das in Armuth , Elend und Druck jammert und rechtlos umherirren muß : so lange laßt uns Brüder sein und mit einem Herzen , in einem Sinne handeln ! So lange laßt uns verbunden sein zur Befreiung des Volkes vom Druck der Herrschaft , welchen Namen sie auch führen mag ! So lange endlich laßt uns nicht schonen weder Gut , noch Blut , noch Leben ! Dazu verhelfe uns der gnädige Gott . Amen ! « In dumpfen Tönen sprachen alle Wenden diesen Schwur nach . Als das Amen monoton von ihren Lippen hallte , vernahm man in der Ferne Hufschläge eines davonjagenden Pferdes . Es war Magnus , der in schnellstem Carrière dem Ort seiner Bubenthat und der Rache der beleidigten Wenden entfloh.- Viertes Buch Erstes Kapitel . Der Fürst der Haide . Es war Ende September . Feuchte Schneestürme zogen brausend über die Haide und schleuderten hohe Kronen von den Wipfeln der uralten Tannen und Fichten , die sich mit ihren hundert Aesten wie ungeheuerliche Arme gespenstischer Riesen gegen die Wuth der Windsbraut schirmten . Der feuchte Boden , mit Schlinggewächsen , knorrigen Wurzeln , mit Nadeln und Tannenzapfen bedeckt , zeigte in der stürmischen Nacht nur an Stellen , wo die Waldung sich etwas lichtete , Schilder glänzenden Schnee ' s , auf denen Schaaren von Krähen saßen , die bei jedem neuen , pfeifenden Windstoß mit heiserm Gekrächz aufflogen und unstätt die in der Luft hin und her sausenden schwarzen Baumpyramiden umkreisten . Mitten in der dichtesten Wildniß thurmhoher Bäume lag eine sumpfige Waldwiese , die im Sommer nur mit einem wallenden Teppich ewig nickender Moorblumen bekleidet war . Ein ziemlich breiter und tiefer Fluß , der sich in zahllosen Krümmungen durch die endlosen Wälder wand , umspülte die Wiese mit seinen schwarzen , nie rauschenden Wellen . Der heiterste Sonnentag verwandelte sich in dem trüben Spiegel dieses schleichenden Gewässers in graue , kühle Dämmerung , und der silberne Glanz der Sterne zitterte und zerrann auf den still kräuselnden Fluthen wie bleicher Irrlichtsschein . Zuweilen trieb dieser Fluß kleine Inseln abgerissenen Moorbodens , die an hinein gestürzten , halb verwitterten Baumstämmen sich ansetzten und eine todesgefährliche , mit grünem Schlammmantel lockend verhangene Brücke bildeten . Schwarze Wasserschlangen und andere Insekten sonnten sich auf diesen zeitweilig erbauten Ueberbrückungen , bis ein plötzliches Anschwellen des Wassers den lockern Bau wieder zerstörte . Hart am Ufer dieses Flusses , der im weiten Halbbogen die erwähnte sumpfige Wiese umspülte , erhob sich ein breiter Erdwall von nur wenigen Fuß Höhe und hinter diesem starrten die schwarzen Mauern eines alten Gebäudes in die Luft . Epheu , Immergrün und wilder Hopfen umspannen einen großen Theil des Mauerwerks und überwölbten es im Frühling und Sommer mit grünendem Laubdache . Jetzt nickten die tausend und abertausend dünnen Aeste und Ranken blätterlos im Sturme und die großen feuchten Schneeflocken flimmerten kaum secundenlang an dem ruhelosen Geäst . Selten kamen Menschen in diese Gegend der Haide , da sie von allem Verkehr abgeschieden lag und durch natürliche Verhaue vom Winde niedergestürzter Riesenbäume fast unzugänglich gemacht wurde . Nur wer die Haide sehr genau kannte und durch kein Hinderniß sich abhalten ließ , in ihre unheimlichsten Abgeschiedenheiten einzudringen , fand diesen Versteck mit seinen schauerlichen Umgebungen . Der wallartige Aufwurf am Rande der moorigen Wiese , einige alte , Schanzen nicht unähnliche , Erhöhungen auf dem andern Ufer des breiten Flusses und mehrere auf der Wiese befindliche Reste zerstörten Gemäuers nebst der Umschrotung eines Brunnens deuteten auf ehemalige Befestigung dieses Ortes hin . Jetzt war Alles verfallen , begrast oder bemoost , und Sturm und Wetter nagten eben so unermüdet an den schwarzen Mauern , wie die begehrliche Welle des Flusses die uralten Erdschanzen unterwusch und zerstörte . Als wahrscheinliche Ueberreste einer Feste aus den Zeiten des an Raubnestern reichen Mittelalters nannte man diese Trümmer das Raubhaus . Wer es vom Volke kannte , mied es mit Absicht , da durch die gesammte Haide die Sage ging , die Moorwiese mit dem grauen Getrümmer sei schon seit Jahrhunderten von bösen Geistern bewohnt . Daß das arme unwissende Volk einem solchen Gerücht willig Glauben schenkte , war nicht zu verwundern , denn der Ort an sich schon weckte finstere Gedanken und vermochte die Einbildung mit schauerlichen Bildern zu ängstigen . Dazu kam , daß Viele , die zufällig oder durch Noth gedrungen dem Raubhause nahe gekommen waren , seltsame Stimmen gehört , unerklärliche Gestalten um die Ruinen , lohende Flammen auf Fluß und Wiese gesehen hatten - Erscheinungen , die ihre natürliche Erklärung in der sumpfigen , an entzündbaren oder leuchtenden Dünsten überreichen Umgebung fanden . Nach diesem von allem Volk gemiedenen und verrufenen öden Versteck wanderte in der erwähnten Sturmnacht ein einzelner Mann durch das Krachen , Stöhnen , Seufzen und Brüllen der vom Zorn der Elemente gegeißelten Haide . Die spärlichen Schneeflecke , im Dickicht zerstreut , waren seine Wegweiser . Immer richtete er seine Schritte nach diesen kleinen Lichtoasen in der grauenvollen Finsterniß der stürmischen Herbstnacht , und von ihnen geleitet errichte er nach langem Suchen das Ufer des schwarzen Flusses . Finster und leblos wie immer lagen die schwarzen Mauern des verfallenen Gebäudes jenseit des Flusses . Der Sturm raste und tobte in den Fensterhöhlen , als wolle er sie in die Luft sprengen . Vereinzelte Krähen schossen wie schwarze Pfeile durch das Flockengewimmel nach der sausenden Haide und mischten ihr klagendes Geschrei mit dem Brüllen des Sturmes . Sonst war weit umher keine Spur eines lebenden Wesens zu entdecken . Am Erdaufwurfe zunächst dem Ufer des Flusses rastete der einsame Wanderer , lehnte sich auf seinen Stab und schöpfte Luft . An seiner Kleidung , an Haltung und Blick erkennen wir unsern alten Bekannten , den Maulwurffänger . Unverwandt heftete er sein Auge auf die unter ihm lautlos dahinschleichende Welle , in deren glänzenden Schwärze sich die jagenden Schneewolken abspiegelten . Jenseits des Flusses und noch eine gute Strecke hinter dem alten Mauerwerk auf der weißlichgrauen Fläche der sumpfigen Wiese leuchteten bisweilen spitze Flämmchen , die wie blaue Dolchklingen , von unsichtbaren Händen gehandhabt , die unverwundbare Luft durchstießen . Diese jähen , blendend aufzuckenden Flammen zeigten sich bald nah , bald fern , und warfen bleifarbene Lichter auf die nächsten Gegenstände , so daß mancher abgebrochene Baumstumpf abenteuerlich geformt erschien und hie und da aus dem finstern Schlunde der Haide in wildem Feuer rollende Augen glotzten . Dann schluchzte auch wohl die Welle , des Flusses und zog , in gurgelnden Trichtern weiße Schaumblumen schaukelnd , zitternde Ringe , als sei in ihren verborgenen Tiefen ein Geist erwacht und hebe träumerisch die müde Hand empor . Eine geraume Zeit betrachtete der Maulwurffänger diese Erscheinung mit gleichgiltigem Auge . Dann schritt er langsam dem Sturme entgegen längs des Erdaufwurfes am Flusse fort , bis die Breitseite des zertrümmerten Gemäuers sichtbar ward . Ein gewaltiger ast- und blüthenloser Baumstamm stand hier aufrecht an dem Gestein und sah in der dunklen Nacht wie verkohlt aus . Als der Maulwurffänger diesen Stamm gewahrte , blieb er wieder stehen und erstieg dann mit zwei Schritten den Damm . Der Fluß war hier in ein sehr schmales Bett eingeengt und auf dem andern Ufer mit niedrigem Gebüsch besetzt , das zaunartig die ganze Länge des alten Mauerwerkes hinablief . » Das wird die angegebene Stelle sein , « sprach Heinrich für sich , beugte sich zur Erde und entdeckte in dem lockern Boden Spuren eines Eindruckes . » Nun denn , auf gut Glück sei es versucht ! « Darauf setzte er zwei Finger an die Zähne und pfiff dreimal hinter einander mit solcher Kraft , daß der gellende Ton selbst das Getöse des Sturmes überschrie und wohl zehnmal im Waldesdickicht vom Echo erst laut , dann schwach und immer schwächer wiederholt ward , bis er im Lärmen des Windes erstarb . Es währte nicht lange , so bewegte sich der abgestumpfte schwarze Baumstamm , sank gegen den Fluß langsam nieder und legte sich als schmale , aber doch sichere Brücke über das Gewässer . In dem Mauerspalte , der mit dem Sinken der rohen Zugbrücke enthüllt ward , schimmerte ein rothes Licht , gleich dem Wiederschein eines nahen Feuers oder einer brennenden Fackel . Heinrich besann sich keinen Augenblick , auf dem etwas wankenden , nur fußbreiten Stege den Fluß zu überschreiten und durch die Oeffnung in das verfallene Raubhaus zu treten . Unmittelbar hinter ihm schloß sich geräuschlos wieder die Pforte durch gespenstisches Aufsteigen des Stammes . Der Maulwurffänger befand sich in einem weiten , theils kahlen theils mit Moos und Gestrüpp bewachsenen Mauerviereck , dem jeder Schutz durch Dach und Sparrwerk fehlte . Etwa in der Mitte war eine Erhöhung wie von herabgestürztem Schutt zu entdecken , denn dürre Gräser überwucherten es und eine dünne Schneedecke hatte es jetzt überzogen . Von diesem hünengrabähnlichen Hügel schlug aus der Tiefe der Flammenschein herauf , und als Heinrich dreist darauf zuschritt , entdeckte er den aus festen Quadern gewölbten , nur halb mit verkrüppelten Wurzeln verrammelten Eingang zu einem Keller . Drei bis vier Stufen unter der Oeffnung saß ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren , einen helllodernden Kienbrand über sich emporhaltend und dadurch den Eingang zum Keller vollkommen erleuchtend . Ueber den Gesichtsausdruck dieses Menschen erschrak der Maulwurffänger trotz seiner bekannten und in hundert Gefahren erprobten Entschlossenheit . Es war eine vollendet classische Spitzbubenphysiognomie . Das Gesicht , hager und länglich , lief in ein spitzes bartloses Kinn aus , das jedoch nicht vorstand , sondern sich mehr nach rückwärts dem Halse zusenkte . Dadurch trat der Mund mit seinen schmalen Lippen und vier ungewöhnlich großen Vorderzähnen auffallend stark hervor . Diese Zähne , blendend weiß und fast spitzig , wie die eines Wolfes , glänzten immer aus den nie vollkommen schließenden Lippen , und zeigten sich in ihrer ganzen Größe , wenn ihr Inhaber sprach oder gar lachte . Noch entsetzlicher war der Blick seiner Augen . Diese lagen wie Aepfel gleichsam außerhalb ihrer Höhlen , waren von tiefstem Schwarz und glühten wie Kohlen auf einem Ringe weiß glänzenden Emails , denn weil der junge Mensch heftig schielte und dabei aus Angewohnheit oder Argwohn die Augen immerwährend hin und her rollte , kehrte sich das weiße Innere derselben mehr als gewöhnlich heraus . Seine Kleidung war die eines armen Dorfbewohners , schlecht , etwas schmutzig und nicht im Geringsten auffällig . Als er den Schreck des Maulwurffängers bemerkte , lachte er höchst vergnügt , hielt den Kienbrand noch etwas höher und sagte : » Immer kommt näher , Mann ! Ich bin nicht der Teufel , obwohl mich das dumme Pack häufig dafür hält und ich es mir zum Vortheile unsers Handwerkes gefallen lasse . Doch bevor ich Euch in unser Heiligthum geleite , noch eine Frage . Wer seid und was wollt Ihr ? « » Als Wächter kommst Du mir trotz Deines verbotenen Gesichtes etwas dumm vor , lieber Junge , « erwiederte Pink-Heinrich , » denn auf Deine Frage kann ich Dir hundert Antworten geben , die alle passen . « Der junge Bursche zeigte abermals grinsend sein Gebiß und stieß den Kienbrand gegen die feuchte Mauer , daß zischend die abstäubenden Kohlen daran niederfielen . » Nicht gar so dumm , wie Ihr meint , Mann ! Nur Eine Antwort gestattet Euch den Eintritt , jede andere würde Euch sehr unsanft durch jenen Spalt befördern und vielleicht für ewige Zeiten im schwarzen Wasser des Flusses verstummen machen . Also nicht lange gefackelt , mein Bester ! Der Brand droht zu verlöschen und mir gefällt es nicht , hier noch länger im feuchten Luftzuge zu sitzen . « » Du bist sehr kurz angebunden mit müden Wanderern , die eine Herberge suchen , « versetzte der Maulwurffänger . » Indeß jedes Kraut hat seinen eigenen Saft und so will ich mich denn herablassen , ohne lange Umschweife auf Deine Frage zu antworten : Drathschlinge will zu Nachschlüssel . « » Da ich sehe , daß Du unsern Katechismus vortrefflich auswendig kannst , so tritt ein , Gegerbter der Hölle ! « sagte der Bursche und zog grüßend seine verschossene Mütze von Fuchspelz . » Nachschlüssel hat schon seit einer Woche auf Dich gewartet und ist Dir zu Gefallen in dieser ganzen Zeit nicht aus seinem Schlosse gewichen . Deine Ankunft wird ihn sehr erfreuen . « Während dieser Gegenrede schritt der junge Mensch die Stufen hinab , den Kienbrand leuchtend hinter sich haltend . Der Maulwurffänger folgte ohne Furcht , doch mit jener vorsichtigen Bedächtigkeit , die wir in bedenklichen Lagen des Lebens unwillkürlich annehmen . » Gib Acht , Drahtschlinge ! « rief er unserm Freunde zu . » Die Stufen unserer Staatstreppe sind mit glatter und schlüpfriger Schlammfeuchtigkeit statt eines Teppichs überzogen und wer darauf in ' s Stolpern kommt , bricht regelmäßig Hals und Beine , so daß wir , ist er unten angekommen , weiter keine Noth mehr mit ihm haben , als daß wir ihn begraben müssen . Solche spaßhafte Fälle haben sich schon häufig zugetragen . « Der Maulwurffänger verachtete diese Warnung nicht und fand , daß sie nicht unnöthig gewesen war . Nur mit Mühe und durch Anklammern beider Hände an die vorspringenden Mauersteine , die im rothen Schein des Kienbrandes vor Feuchtigkeit blitzten und von langen Streifen grünlicher Flechten umsäumt waren , kam er ohne auszugleiten in dem brunnentiefen Keller an . Hier ward die Luft trockener und wärmer . Ein gewundener Seitengang , hie und da mit tiefen Löchern in beiden Mauern und mit Ueberresten verrosteter , an schweren Eisenringen hängender Ketten versehen , führte in das geheime Innere . Sein Führer öffnete mehrere Thüren und verriegelte sie wieder sorgfältig , bis sie ein kleiner , mit einigem Hausgeräth versehener Raum aufnahm , der ein ziemlich freundliches Aussehen hatte . Hier hörte unser Freund sprechen und dazwischen ein Geräusch , als ob Jemand in Holz arbeite oder mit scharfem Instrumente buchene Späne schleiße . » Warte ! « sagte sein spitzbübischer Geleiter . » Ich will Dich erst melden , denn es ist Sitte in unserm vortrefflich eingerichteten Hofstaat , daß nur Bekannte oder Genannte vor seiner Alldurchdringlichkeit erscheinen . « Der Maulwurffänger blieb ein paar Secunden in tiefster Finsterniß , dann kam der junge Mensch wieder zurück , öffnete eine dreifache Reihe sehr fester Thüren aus eichenen Pfosten , die auf beiden Seiten mit starkem Eisenblech beschlagen und mit den künstlichsten Schlössern versehen waren , und sagte mit einem Anflug von Höflichkeit : » Beliebt es einzutreten ? « Unser Freund folgte dieser Aufforderung . Ein großes vierecktes Kellergewölbe nahm ihn auf , das jedoch wie ein gewöhnliches Wohnzimmer gedielt und mit alten , zum Theil sehr kostbaren Schränken , Tischen und Stühlen meublirt war . Ein Ofen , von Kacheln verschiedener Farbe und Arbeit zusammengesetzt , verbreitete eine behagliche Wärme in dem Gemache , das von mehreren hell brennenden Kerzen , die auf zinnernen und silbernen Leuchtern staken , vortrefflich erleuchtet ward . Vor dem Ofen kauerte eine Frau von unschönem Aeußern , deren Kleidung ein wunderliches Gemisch von Lumpen und ehemaligen Ueberresten prächtiger Stoffe zeigte . Sie war beschäftigt , über heller Kohlengluth ein wohlschmeckendes Gericht zu schmoren , wenn der Maulwurffänger dem angenehmen Duft trauen durfte , welcher kitzelnd davon in seine Nase stieg . Neben ihr an der Wand saß ein noch junger Mann mit auffallend schönem und regelmäßigem Gesicht auf einer Schnitzelbank und glättete eben erst aus dem Groben gearbeitete dünne Buchenhölzer mit einem scharfen Schnitzer , wie sie die Tischler zu führen pflegen . Im Hintergrunde des Kellers endlich , an einem runden Tische , der mit silber- und golddurchwirkten Stoffen überdeckt war und unserm Freunde ganz besonders in die Augen fiel , saß ein großer , starker Mann , die kräftigen Glieder in einen feinen Pelz gehüllt . Dieser Mann hatte bereits graue Haare , ein stark gebräuntes , mit vielen Falten und einigen tiefen Narben bedecktes Gesicht , trug einen lang herabhängenden Schnurrbart , dessen Enden er häufig mit der rechten Hand kräuselte , und las mit großer Aufmerksamkeit in einem Buche , deren mehrere auf einem in die Wand befestigten Regale in guten , wohl erhaltenen Einbänden standen . Obwohl der Maulwurffänger wußte , daß der berüchtigte und gefürchtete » Fürst der Haide « ein Mann von vornehmenr Anstande und feinen Manieren sei - denn selbst hatte er ihn nie gesehen - war er doch in Zweifel , ob er die vor ihm sitzende ruhige und imponirende Gestalt für diesen halten sollte . Ungeachtet des Geräusches , das Heinrich beim Eintreten mit seinen starksohligen mit großen Nägeln beschlagenen Schuhen machte , blickte Lips doch nicht auf . Erst als er seine Lectüre beendigt hatte , schlug er das Buch zu und hob langsam das freundliche , blaue Falkenauge zu seinem Gaste empor . » Ihr seid nicht pünktlich , « sprach er aufstehend , einen alten , mit kostbarem rothbraunen Saffian überzogenen Lehnstuhl von Nußbaumflaser an den Tisch ziehend und mit graziöser Handbewegung unsern Freund zum Sitzen einladend . » Hätte mich nicht die ungestüme Witterung an Ausführung meiner Pläne verhindert , so würdet Ihr mich nicht mehr getroffen haben . « Während der Räuber mit klangvoller fast sanfter Stimme so sprach , hatte der Maulwurffänger Zeit , ihn genauer zu betrachten , sein lebhaftes Mienenspiel und seine Bewegungen zu studiren . Verwundert , ja entsetzt trat er jetzt einen Schritt näher , seine schwielige Hand schirmend über die Augen haltend , um das Licht der Kerzen zu dämpfen , dessen Glanz ihn blendete . » Mein Gott , « sagte er tief aufathmend , » welche Aehnlichkeit ! Aber das kann ja nicht sein ! « Nun horchte auch Lips auf und aus den freundlichen stillen Augen fuhr ein funkelnder Blitz über Heinrich . Er beugte sich über den Tisch und erhob den schweren zinnernen Leuchter , um das Gesicht des Fremden besser zu beleuchten . » Seid Ihr nicht der kluge Heinrich vom Todten ? « fragte er , den Leuchter wieder ruhig vor sich hinsetzend und ohne eine Miene zu verziehen . » Als Knabe hieß ich so bei meinen Gespielen , und wahrhaftig , wärt Ihr nicht der , der Ihr eben seid , so würde ich Euch Herr Johannes nennen . « » Und wenn ich nun wirklich jener Johannes wäre , den Ihr meint , würde mich dies in Eurer Meinung sinken machen ? « » Ich will nicht Richter sein in fremden Angelegenheiten , « erwiederte der Maulwurffänger in seiner ihm zur Gewohnheit gewordenen ausweichenden Manier . » Weiß ich doch , daß Jeder seine Brodrinde mit den Zähnen beißt , die er dazu gebrauchen kann , warum Ihr nicht auch die Eurige ! « » Wann sahen wir uns zuletzt ? « sagte Lipps . » Nach unserer Art zu rechnen , Herr Johannes - erlaubt , daß ich Euch so nenne - wird das wohl in vergangener Lichtmeß ein neunzehn oder zwanzig Jahre gewesen sein . « » Mich dünkt , es war später , Heinrich , denn ich besinne mich , daß ich mit dem Grafen auf den Schnepfenstrich gegangen war . « » Mit dem Grafen ! - Wenn der alte , brave Mann das hätte ahnen sollen ! « Dem Räuber schwoll die Zornader , in seinen blauen Augen sprühte ein wildes Feuer , er ballte die gebräunte schön geformte Hand und schlug wüthend auf den Tisch , daß er knackte . » Brav ! « stieß er höhnisch heraus . » Wenn Ihr diese Bestie brav nennt , so könnt Ihr eben so gut den Wolf zu Eurem Schlafkameraden machen . Mir wäre wohl , hätte ich ihn in meinen Händen , wie der Geier das Lamm . Dann wollte ich mich an seinem Jammer erlaben , und wenn er unter den Qualen , die ich für ihn erfinden würde , ausgeröchelt hätte , wollte ich , ein frommer Büßer , wieder unter friedliebenden Menschen wohnen . « » Möge Euch Gott diese lästerlichen Worte vergeben , zu denen Ihr doch wohl gegründete Ursache haben müßt , Herr Johannes , « sagte Heinrich , » allein wenn Ihr auf diesen Tag warten wollt , so werdet Ihr Euch noch einige Jahrtausende in Geduld zu fassen haben . Der Graf ist heimgegangen zu seinen Bätern . « Der Räuber erblaßte . » Also todt , « sprach er , sich mit der Hand über die hohe Stirn streichend , » todt , ohne erfahren zu haben , wozu seine Tyrannei , seine Lieblosigkeit , seine verballhornte Ansicht von der Menschheit und ihrer Gliederung in verschiedene Stände mich getrieben hat ! - Nun , ich hoffe , daß er eines elenden , verzweifelten Todes gestorben ist ! « » Gott sei ihm gnädig ! « sagte der Maulwurffänger , » er erstickte an einem Fluche - « » Ha ! An einem Fluche ! O , Gott ist gerecht , Gott ist den Armen gnädig , Gott straft die Uebermüthigen ! « schrie der Räuber und erhob beide Hände wie zu einem wilden Gebet gen Himmel . » An einem , Fluche , den er über seinen eigenen Sohn ausstieß , « ergänzte Heinrich . » Sprecht Ihr vom Grafen Erasmus ? « » Erasmus von Boberstein verfluchte sterbend seinen Sohn Magnus ! « wiederholte langsam und ernst der Maulwurffänger . Der Räuber ließ sein Haupt sinken und hing eine lange Weile seinen Gedanken nach . Dann winkte er nochmals dem Gaste , sich zu setzen , und nahm selbst wieder Platz in seinem Stuhle . » Diesen Vorgang müßt Ihr mir ausführlich erzählen , Heinrich , « hob er nach einiger Zeit wieder an , » denn wie ich auch darüber nachdenke , ich kann keinen Zusammenhang darin finden . - Magnus war damals sein Augapfel , sein Ein und Alles ! Wer ihm zu nahe trat , der zog sich unausbleiblich den Zorn des Grafen zu ! - Es war ein kräftiger , feuriger Knabe , voll eigenthümlicher Energie ! - Und solchen Sohn hat solch ein Vater verflucht ! - Doch erzählt , Heinrich , erzählt ! « » Ihr sähet mich nicht hier in diesem unauffindbaren Versteck , Herr Johannes , hätte mich nicht der Tod des Grafen Erasmus und die Umstände , welche ihn veranlaßt haben , zu Euch geführt . - Es scheint , Ihr seid trotz Eurer Allseitigkeit nicht gut unterrichtet von den Verhältnissen und wißt namentlich nicht , welche außerordentliche Fortschritte Euer ehemaliger Zögling in der Energie gemacht hat . - Vergebt , Herr Johannes , wenn ich mein Erstaunen darüber nicht bergen kann ! Als Ihr vor mehreren Monaten eine an Euch ergangene Bitte , die von mir herrührte , so bereitwillig erhörtet und durch dieselbe den unbändigen Grafen Magnus nöthigtet , einem unterdrückten armen Mädchen Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen ; da glaubte ich , Ihr durchschautet die geheimsten Pläne dieses gewissenlosen Mannes . Wer konnte ahnen , daß jene Drohung so schreckliche Folgen haben würde ! - Nun es geschah , was geschehen mußte nach dem Rathschlusse Gottes , und es