ihn bald in Carolinen ' s Stube führte . Sie ging dem Kaplan entgegen , der ihre Hand mit einer schlechtverhehlten Zärtlichkeit küßte . Dann nahmen sie nebeneinander Platz und Ruhberg sagte : Ich fürchte , verehrte Freundin , daß die Augenblicke , die ich heute bei Ihnen verweilen darf , uns zugezählt sind . Irre ich nicht , so ist Herr von Reichenbach zu Hause und Sie wissen , wie ich es gern vermeide , ihm zu begegnen , wie nur die innigste Theilnahme für Sie mich veranlassen kann , Ihr Haus zu besuchen , das zugleich das seine ist . O , ich weiß es , rief Caroline ; ich weiß , daß er Sie absichtlich kränkt , weil er mich dadurch tief verwundet . Er will mich von Allem trennen , was mir werth ist , er will mich ganz elend machen , damit ich den Zustand unerträglich finde , damit ich die Scheidung verlange , die er ersehnt . Aber so lange Sie mir bleiben , bleibe ich standhaft . Ihr Beistand soll mir den Muth und die Ausdauer geben , mich fest und beharrlich im Guten zu zeigen . Wohl mir , wenn ich dazu die Fähigkeit hätte , denn ich fürchte , Ihnen stehen harte Proben bevor , sagte Ruhberg . Nicht von mir ist es , daß Herr von Reichenbach Sie zu entfernen wünscht . Was ist dem stolzen Manne der unbedeutende Priester ? Was kann es ihn kümmern , ob seine Gemahlin denselben bei sich sieht , da er selbst sie kaum seiner Beachtung würdigt ? Nur als Diener der Kirche fürchtet er mich ; die geistige Pflege will er Ihnen entziehen , denn er haßt den Katholicismus und möchte Sie demselben entfremden . Das ist es , was meine Besorgniß erregt , und davor möchte ich Sie bewahren . Wie wenig kennen Sie Alfred , sagte Caroline , wenn Sie glauben , daß er daran denkt , mich der Kirche abwendig zu machen ! Seine Gleichgültigkeit gegen die Religion - Ist in Haß übergegangen , unterbrach sie Ruhberg , seit die Satzungen der Kirche sich als unübersteigliche Scheidewand zwischen ihn und seine unerlaubte Neigung stellen . Trauen Sie meinen Worten und dem Urtheil unserer Freunde , die ihn beobachten . Es ist Alles nicht so , wie es sein sollte , und während er Sie auf jede Weise beschränkt , überläßt er selbst sich einem Leben , das hart gegen die heiligen Pflichten der Ehe verstößt , die wahre , christliche Ehe vernichtet . Was meinen Sie damit ? fragte Caroline erglühend . Was anders als das Verhältniß , welches Ihnen so gerechten Kummer macht ! entgegnete Ruhberg mit merklicher Zurückhaltung . Nein ! nein ! sagte Caroline , das ist es nicht , Sie wissen mehr , Sie verschweigen mir etwas . Bei Ihrem Amte , bei der Pflicht des Seelsorgers beschwöre ich Sie , mich nicht in Zweifel zu lassen . Ich bin auf Alles gefaßt , was mir bevorsteht , aber die Ungewißheit ertrage ich nicht . Und wenn ich Ihre Bitten aus übergroßer Schwäche für Sie erfülle , was bürgt mir dafür , daß Sie schweigen , daß der gerechte Unmuth der beleidigten Ehefrau Sie nicht hinreißt , das Vertrauen zu verrathen , das ich Ihnen beweise ? Der heiligste Eid , wenn Sie ihn fordern . Gut , sagte der Kaplan , so hören Sie denn , daß Herr von Reichenbach ein neues Verhältniß mit einer Schauspielerin angeknüpft hat , die früher die Freundin des Präsidenten war . Er besucht Fräulein von Brand nicht mehr , aber er bringt seine Zeit bei der Schauspielerin Sophie Harcourt zu , und so innig und ganz ausfüllend müssen die gegenseitigen Beziehungen sein , daß sie ihren Abschied von der Bühne verlangt hat , vermuthlich um ausschließlich sich und ihrer Liebe zu leben . O , unerhört , unerhört ! rief Caroline und stand auf , um in das Zimmer ihres Mannes zu eilen . Der Kaplan hielt sie zurück . Wo wollen Sie hin ? fragte er . Zu ihm ! Ist das die Mäßigung , die Ruhe , die ich forderte ? Halten Sie so Ihr Versprechen ? Ich muß ihn sehen , ich muß ihm seine Treulosigkeit vorhalten ! rief Caroline . Haben Sie persönlich Beweise dafür ? fragte der Kaplan , oder wollen Sie ihm sagen , daß Sie mich gesehen , daß Sie mir die Nachricht verdanken ? Es wäre ein schlechter Lohn für die Dienste , die ich Ihnen leiste in einer Zeit , in der mich tausend neue Pflichten in Anspruch nehmen , denn es scheint im Rathe des Himmels beschlossen zu sein , daß mir die verantwortungsvolle Würde unseres verstorbenen Freundes auferlegt wird . Caroline hörte seine letzten Worte nicht . Ja ! sagte sie , ich selbst muß mich davon überzeugen , ich muß selbst Beweise haben für seine Untreue , dann - Nun und was dann ? fragte der Kaplan . Sie wollte sprechen , hielt aber das Wort zurück und Ruhberg ergänzte für sie : Dann werden Sie , schwergeprüfte Freundin , sich berechtigt glauben , den Ehebund zu lösen , der Sie so unglücklich macht , und frei sein , sich selbst und Ihren Ueberzeugungen zu leben . Das sagen Sie , Herr Kaplan ! rief Caroline , Sie , der Sie mir die Scheidung stets als eine Sünde vorgehalten haben ? Sie , der mich fast gezwungen hat , nicht einzuwilligen , als ich auf des Domherrn Rath geneigt war , auf den Willen meines Mannes einzugehen ? Damals hielt ich es für möglich , den Frieden Ihrer Ehe herzustellen , damals glaubte ich an eine Rückkehr Ihres Herrn Gemahls zu seiner Pflicht ; aber diese Zuversicht habe ich lange schon verloren , meinte mit bedauerndem Tone der Kaplan . Da sah ihn Caroline forschend an und sagte : Sie hassen meinen Mann , Herr Kaplan , das weiß ich , und er hat es kaum besser um Sie verdient ! Durch den Präsidenten kenne ich aber auch das Verhältniß , in dem unsere Güter zu der Kirche stehen . Sagten Sie nicht , daß Sie sichere Hoffnung hätten , Domherr zu werden an des verstorbenen Fernow Statt ? Ja , wenn der Herr seinen Segen dazu gibt ! Und jetzt scheint Ihnen die Scheidung erlaubt , die Sie früher verwarfen ? Was bezweckt die Frage , gnädige Frau ! Nichts , gar nichts ! mein Herr Kaplan , denn ich bedarf Ihrer Antwort nicht , sagte Caroline spöttisch . Aber nun begreife ich den Eifer , mit dem Sie mir die neue Untreue meines Mannes zu verrathen eilten ; nun verstehe ich die dringende Ueberredung , mit der Sie mich veranlaßt haben , Sie gegen den Willen meines Mannes zu sehen ! Nun sehe ich ein , weshalb die Trennung unserer Ehe für Sie nicht mehr als unzulässig erscheint ! Es war vergebens , daß der Kaplan sie zu unterbrechen suchte , ihre Heftigkeit ließ es nicht dazu kommen . Sie selber haben mir die Augen aufgethan , rief sie , und jetzt erst sehe ich klar ! Aber Sie waren damit zu schnell , Herr Kaplan ! denn wie sehr ich Sie auch schätze , ehe ich mich und meinen Sohn völlig in die Abhängigkeit von einem Dritten überantworte , ehe ich die Reichenbach ' schen Güter dem freien Besitze ihrer Eigenthümer entziehe , ehe ich meinen Sohn und mich , auch dem verehrtesten Manne , auf Gnade und Ungnade übergebe , will ich lieber all das Leiden noch länger ertragen , das meine jetzigen Verhältnisse mir auferlegen . In dem Augenblick hörte man den Knaben in dem Vorsaal . Der Kaplan erhob sich . Er hatte sein ruhiges Lächeln nicht einen Augenblick verläugnet . Ueberlegen Sie , was Sie mir sagten , prüfen Sie meine Behauptungen , theure Freundin ! sprach er , und wenn Sie sich , wie Sie müssen , von meiner Wahrhaftigkeit überzeugt haben werden , wenn Sie , wie schon so oft , verzweifelnd nach Beistand und Rath verlangen , dann denken Sie , daß ein Diener der Kirche Nachsicht hat für die Verblendeten , daß er persönliche Kränkungen zu vergeben wissen muß . Ich darf und will mich nicht an Ihre Worte erinnern , gnädige Frau , denn Sie sind es nicht , es sind die Qualen der Eifersucht , die aus Ihnen sprechen . Er wollte sich entfernen , Caroline blieb stehen , ungewiß , was sie beginnen solle . Plötzlich fragte sie : Wo sagten Sie , wo wohnt die Schauspielerin , derer Sie gedachten ? Ich weiß es nicht , entgegnete der Kaplan , aber was thut es auch zur Sache , da Ihre Geduld und Liebe Ihrem Gatten zu verzeihen wünschen . Sie wendete sich zornig von ihm ab . Ist Dein Vater schon zu Hause , fragte sie den Knaben , der eben in das Zimmer trat . Felix bejahte es , und die Mutter befahl ihm , den Vater zu ihr zu bitten . Der Knabe richtete die verlangte Botschaft aus , fügte aber aus eignem Antriebe die Nachricht hinzu , daß der Herr Kaplan dagewesen und eben fortgegangen sei . Alfred wußte das bereits . Das ist komisch , sagte Felix , der Herr Kaplan kommt so oft , lieber Vater , aber immer , wenn Du nicht zu Hause bist . Er kommt immer nur zu der Mutter , nie zu Dir ! Alfred sah den Knaben überrascht an , erschrocken vor der sittlichen Verwahrlosung , die denselben bedrohte . Felix misdeutete die Bestürzung des Vaters und fügte begütigend hinzu : Ich meine , es ist doch unrecht von Mama , weil Du es ihr neulich verboten hast , als ich in der Nebenstube war . Ein Sohn als Angeber seiner Mutter ! ein Kind , eingeweiht in solche Mishelligkeiten ! sagte Alfred schaudernd zu sich selbst , und statt zu Caroline zu gehen , hieß er den Knaben der Mutter sagen , daß er behindert sei , sie zu sprechen , weil ein Geschäft ihn zwinge , auszugehen . Er eilte , im Innern von dem traurigen Ereigniß in seinem Hause beschäftigt , davon , um Sophie zu holen , die seiner bereits lange warten mußte . Als er durch die Säulenhalle vor seinem Hause schritt , vertrat ihm eine Frau den Weg . Es war Caroline . Was willst Du ? fragte er , überrascht sie zu sehen . Ich muß Dich sprechen , Alfred ! sagte sie . Jetzt nicht , jetzt nicht ! rief er ungeduldig . Hat Dir Felix nicht gesagt , daß ich beschäftigt sei ? Was soll die unnöthige Eile ? Alfred ! man will uns arglistig trennen , der Kaplan - Jetzt plötzlich ? rief er , aber halte mich nicht auf , spiele nicht Komödie , Caroline ! Ich bin nicht in der Laune , Dir dabei zu helfen , und die Straße ist kein Ort dazu . Was wir miteinander zu sprechen haben , kann bis morgen ruhen . Er wollte an ihr vorbeigehen , sie aber hing sich an seinen Arm und sagte ängstlich dringend : Alfred ! Du gehst zur Harkourt ! Woran soll ich mich halten , wenn mein Mann mich verläßt ? An die Nachrichten und an die guten Lehren des Kaplans , entgegnete er ihr , den ich Dir zu sehen verboten und dem Du die Nachrichten über die Harkourt vermuthlich verdankst . Er machte sich gewaltsam los und eilte davon . XXI Als Alfred zu Sophien kam , erkannte er selbst sie kaum wieder . Sie hatte zu der dunkeln , nonnenhaften Kleidung , die sie jetzt beständig trug , eine Haube aufgesetzt , die mit breiter Stirnbinde das Gesicht verhüllte . Die geschickte Anwendung von Schminke trug dazu bei , sie völlig unkenntlich zu machen , und neben Alfred in einen Platzwagen steigend , fuhr sie nach der Wohnung des Präsidenten . Wie sie es verabredet hatten , stellte Alfred sie Theresen als eine Wärterin vor , die ihm Frau Berent als zuverlässig empfohlen habe , da sie selbst nicht kommen könne . Therese nahm den Vorwand ohne Mistrauen an und Alfred hoffte , falls sie jemals die Wahrheit entdecke , eine Entschuldigung in Sophien ' s Liebe für Julian zu besitzen . Er sprach Therese nur flüchtig und im Beisein von Agnes ; dann entfernte sie sich , um Sophie in das Krankenzimmer zu führen , wo sie ihr alle vom Arzte gegebenen Verhaltungsbefehle für die Nacht ertheilte . Alfred war erstaunt über Sophien ' s Selbstbeherrschung ; ihre Bewegungen , der Ton ihrer Stimme waren ein ganz fremder und sogar den französischen Accent , mit dem sie sonst das Deutsche sprach , wußte sie vollkommen zu überwinden . Weder Therese , noch Agnes und Theophil schöpften den geringsten Verdacht gegen sie , und mit völliger Selbstbeherrschung trat sie an das Lager des von ihr geliebten Mannes . In ängstlicher Gewissenhaftigkeit hörte sie auf Theresen ' s Anordnungen für den Kranken , versprach die größte Wachsamkeit und Sorgfalt und ließ sich neben dem Bette nieder , nachdem Therese sie dem Präsidenten als die Wartfrau vorgestellt und sich entfernt hatte . Ihr sehnlichster Wunsch war erfüllt , sie sah ihn wieder . Das starke dunkle Haar des Präsidenten fiel auf die hohe Stirn herab , aber wie eingesunken waren seine Schläfen , wie hohl die Augen ! O ! die unaussprechlich geliebten Augen ! rief es in Sophien ' s Seele und sie hätte ihr halbes Leben darum gegeben , nur einmal ganz leise ihre Lippen auf diese geschlossenen Lider drücken zu dürfen . Aber der Kranke hatte keinen Blick für seine Wärterin . Er lag ruhig da , in tiefer Ermattung . Nur dann und wann forderte er einen jener kleinen Dienste , die ihm sonst die Schwester geleistet hatte , und der gebrochene Ton seiner starken Bruststimme klang traurig an Sophien ' s Ohr . Das war der Mann , den sie so sehr geliebt ! Die engsten , heiligsten Bande ketteten sie an ihn ; im Einklang tiefsten Verständnisses , in vollster Liebe hatten ihre Seelen sich einst berührt , sie war sein , ganz sein geworden . Sie fühlte sich ihm zugehörend , ihm gleich an freier , schöner Begeisterung für das Große und Wahre ; keine Ehefrau konnte ihrem Manne treuer ergeben sein , keine aufopfernder lieben , und doch stand sie jetzt da , von dem Geliebten verlassen , weil sie der Sitte getrotzt , weil die Welt sie tadelte , weil das oberflächliche Urtheil der gleichgültigen Menge sie verdammte . Immer wieder regten sich die Fragen in ihr , die seit der Trennung von dem Präsidenten der Mittelpunkt ihres Denkens geworden waren . Sie hatte sich entschlossen , die Welt zu fliehen , welche sie verstieß ; sie wollte ihr liebendes Herz der Menschheit weihen , weil Julian ihre Liebe verschmähte , und doch fragte sie in dieser Nacht sich wieder : Was habe ich denn verbrochen ? was gesündigt ? Kann Menschensatzung und Menschenwort verdammen und freisprechen ? Kann das Sünde sein , was Tugend wird , wenn ein besoldeter Priester Worte des Segens darüber spricht , die man oft genug , zerstreut und von der mächtigeren Stimme im Innern übertönt , kaum beachtet ? Ich , die nichts verlangte , als das Glück des Geliebten , bin die Verworfene , und jene Frau , die ihrem Manne das Dasein zu einer Qual macht , wird von der Gesellschaft geduldet und geschützt ! Ihr ganzes Leben zog an ihrem Geiste vorbei . Sie dachte des Abends , da Julian sich ihr zuerst vorgestellt und durch seine geistvolle Beredsamkeit einen Eindruck auf sie gemacht , dessen Andenken nur mit ihrem Dasein enden konnte . Der schmeichelnde , herzgewinnende Ton , mit dem er dann später sie um Liebe gefleht ; der Jubellaut seiner Brust , als sie , zum ersten Mal an sein Herz gesunken und hingerissen von der Gewalt ihres Gefühls , ihre Arme fest um seinen Hals geschlungen - - das Alles war ihr gegenwärtig in diesen Stunden . Ihr war , als müsse er sich aufrichten in gesunder Kraft , als müsse er ihren Namen rufen und ihr sagen , sie sei es , die in bangen Fieberträumen das ganz Unmögliche für Wahrheit halte . Er konnte nicht die ganze selige Vergangenheit vergessen haben , und , wenn er ihrer dachte , wie konnte er sie nicht zurücksehnen als sein höchstes Glück ? Jeden Augenblick hoffte sie , er müsse wenigstens einmal träumend von ihr sprechen , wie auf eine Himmelsbotschaft wartete sie darauf mit der Zuversicht eines Gläubigen . Aber sein Schlaf war sanft und traumlos , und sie mußte sich darüber freuen . Sie wendete den Lichtschirm etwas zur Seite , um ihn besser zu sehen . Ein ruhiger Friede war über sein Angesicht verbreitet , der kalte , spöttische Zug um seine Lippen verschwunden , er sah sehr mild und freundlich aus . Hast Du denn nicht geahnt , daß Du mein Herz gebrochen ? fragte sie so leise , daß nur sie selber es vernahm . Wie kannst Du so ruhig sein , so friedlich aussehen , und ich bin neben Dir und bin so elend ? Sie kniete an seinem Lager nieder , ihre schwer errungene Fassung und Entsagung schwanden gänzlich vor dem Anblick des Geliebten . Seine Hand hing schlaff zur Seite herunter und flüchtig wie ein Geisterwehen berührten ihre Lippen diese bleiche Hand . Aber er mußte es doch empfunden haben , denn ein Lächeln glitt über sein Gesicht . Agnes , süßes , liebes Kind ! sagte er träumend in dem Augenblick , und der Schmerzensschrei , der sich aus Sophien ' s Herzen hervorringen wollte , kehrte unterdrückt als ein furchtbares Weh in ihre Brust zurück . Sie stand auf und nahm ihren Platz neben des Kranken Bette wieder ein . War sie ihm doch nichts als eine Wärterin , deren er nicht gedachte . Heiße Thränen strömten aus ihren Augen und fest und fester ruhten ihre Blicke auf seinem Antlitz , denn es war das letzte , das letzte Mal , daß sie ihn sah . Es war ihr erster schwerer Dienst als barmherzige Schwester . So fand sie der Morgen . Erschöpft und bleich ging sie Therese entgegen , als sie sich nach dem Verlauf der Nacht zu erkundigen kam , und gab ihr den nöthigen Bescheid , den Jene mit großer Zufriedenheit anhörte ; dann zog sie sich ängstlich zurück , da Julian erwachte . Sie sah die Zärtlichkeit , mit der er die Schwester begrüßte , das Glück in Theresen ' s Zügen ; sie empfand es ebenso warm als diese , aber wer dachte an sie ? Ein Wink von Therese forderte sie auf , ihr in das andere Zimmer zu folgen , wo sie verabschiedet werden sollte . Noch einmal , ehe sie das Gemach verließ , wendeten sich ihre Blicke nach Julian zurück und klammerten sich mit der Allgewalt der Liebe an ihm fest . Es war ihr , als trenne sich die Seele von dem Körper , als sie ihre Augen von ihm losriß . Der Kranke mochte ihr Zögern bemerken , er machte ein leises Zeichen mit der Hand und sagte : Ich danke Ihnen , Sie waren so sehr achtsam , liebe Frau ! ich danke Ihnen ! - und mit verhülltem Angesicht stürzte Sophie in dem Nebenzimmer auf die Kniee und rief : es ist vollbracht ! Therese wußte nicht , wie ihr geschah ; aber wie sie die Wärterin nun in der vollen Beleuchtung des Tages näher ansah , war das Räthsel ihr gelöst . Sie trat an die Kniende heran und legte ihre Hand leise auf deren Schulter . Da richtete Sophie sich auf und sagte : Es ist vorbei ! jetzt kann ich gehen ! aber ich mußte ihn noch einmal sehen , vergeben Sie mir ! mißgönnen Sie ihn mir nicht , den letzten trüben Trost ! Sie hatte ihre Ruhe wiedergefunden , aber die Spuren der Seelenschmerzen , welche sie in dieser Nacht durchgekämpft , waren deutlich in ihrem Gesichte zu lesen und sie vermochte kaum , sich aufrecht zu erhalten . Therese führte sie zum Sopha , sie hielt ihre Hand umschlungen und bat sie , sich zu erholen , da sie dessen bedürftig scheine . Arme , unglückliche Frau , wie sehr müssen Sie gelitten haben , sagte sie , wie lebhaft empfinde ich mit Ihnen ! Sie war sehr erschüttert und ihre Augen schwammen in Thränen . Sophie warf sich an ihre Brust . O ! rief sie , Sie weinen ! Diese Thränen sind meine Freisprechung . Sie können , Sie werden mich nicht verdammen , weil ich ihn liebte , weil ich ihn so sehr liebte , daß ich darüber Alles vergaß , Welt und Menschen und Sitte . Ihn noch einmal zu sehen , und mich vor Ihnen zu rechtfertigen , das war mein dringendstes Verlangen . Sie , die Julian und Alfred so tief verehren , Sie waren für mich der Richter , vor dessen Urtheil ich zitterte und von dessen Gerechtigkeit ich dennoch Erbarmen erwartete , um meiner Liebe willen . Sie weinen über mich ! nun kann ich ruhig scheiden , meine Schuld gegen die Sitte ist getilgt . Sie erlösen mich durch Ihre Thränen . Leben Sie wohl ! Sophie ! rief Therese schmerzlich , gehen Sie nicht fort , bleiben Sie hier , bleiben Sie bei uns ! Mein Bruder soll durch mich erfahren , was er an Ihnen verliert ; Sie bedürfen nicht der Einsamkeit , sich zurecht zu finden , eine Frau , wie Sie , findet er nicht wieder . So viel Liebe , so edle Entsagung ist ja Tugend , ist die höchste , weibliche Tugend . Mein Bruder kann so vieler Liebe nicht widerstehen - Sophie lächelte schmerzlich . Hätte ich darauf gehofft , ich wäre nicht gekommen , sprach sie sanft . Nicht um ihn wiederzugewinnen kam ich hieher . Ich that es , weil ich nicht anders konnte . Und wenn mein Bruder genesen nach Ihnen verlangt , nach Ihnen fragt ? Dann sagen Sie ihm , ich hätte das Recht gehabt , mich aus Liebe für ihn aufzuopfern , und ich hätte das niemals bereut , aber ihn mit mir hinabzuziehen , meine Schande , den Tadel der Welt auf ihn zu wälzen , das vermag ich nicht , das leiden weder meine Liebe noch mein Stolz . Wunderbares Mädchen ! rief Therese . Es war mein höchstes Glück ihn zu beglücken , fuhr Sophie fort . Was kümmerte mich das spöttische Lächeln der Frauen , wenn ich an seiner Seite war und der zärtliche Blick seines Auges mich wie ein undurchdringlicher Schild gegen die Pfeile ihres Tadels schützte ? Ich war ruhig , ich war stolz in dem Gefühle , meine Pflicht zu erfüllen , denn ihn glücklich zu machen , gleichviel um welchen Preis , dazu wähnte ich mich geboren . Nun weiß ich , daß ich mich getäuscht habe , daß ich es nicht vermochte , und deshalb gehe ich , um wenigstens Leiden zu lindern , da ich nicht zu beglücken verstand . Sie erhob sich , nahm ein Medaillon von ihrem Halse und gab es Therese . Es ist Julian ' s Bild , sagte sie weich , nehmen Sie es als ein Andenken von mir an , als eine Reliquie unwandelbarer Liebe , und bitten Sie ihn , daß er mein gedenke . Therese war in tiefes Nachdenken versunken ; als Sophie sich anschickte sie zu verlassen , stand sie auf , umarmte sie und sagte , das Haupt an Sophien ' s Schulter gelehnt : O ! wie viel wahrer , edler und besser sind Sie , als ich , die ich aus selbstsüchtiger Scheu vor dem Urtheil einer kalten Menge nicht thue , was mein Herz mich heißt ! - Was Sie gefehlt gegen die Sitte , wie gering erscheint es mir in dieser Stunde gegen das Unrecht , das ich begehe ! Dir wird vergeben werden , Du darfst Dir vergeben , denn Du hast geliebt , während ich - Sie ruhten Herz an Herz in tiefer Stille . Plötzlich hörte man Schritte . Sophie riß sich los , preßte einen leidenschaftlichen Kuß auf Theresens Stirne und sagte : Gott segne Sie ! Gott lohne es Ihnen , machen Sie Alfred glücklich ! - Damit ging sie schnell davon . XXII Julian ' s Genesung schritt sicher , aber nur sehr langsam fort und mit der Beruhigung über seinen Zustand kehrten Theresen ' s Gedanken , nach Sophien ' s Entfernung , doppelt lebhaft zu ihren eignen Verhältnissen zurück . Sie mußte sich gestehen , daß die Gewalt der Liebe , die sie zu Alfred zog , stärker war , als ihre festesten Entschlüsse . Jeder unbewachte Augenblick führte sie zu ihm zurück und oft schien es ihr , als läge in dieser mächtigen Liebe , wie Sophie es genannt hatte , ihre Rechtfertigung . Sie kam sich klein und zaghaft neben Sophien vor , und schalt dann ihre Liebe ohnmächtig und schwach , vor deren Größe sie wenig Augenblicke vorher sich erschrocken abgewendet hatte . Sie wünschte Alfred zu sehen und fürchtete sich davor , denn sie war nicht mehr sicher , ihm gegenüber die Ruhe zu bewahren , die sie für Pflicht hielt . Ein Zustand angstvoller Verwirrung kam über sie . Sophien ' s rückhaltlose Liebe , die alle Schranken niederwarf , allen bürgerlichen Gesetzen Hohn sprach , um den Geliebten zu beglücken und glücklich zu werden durch ihn , dünkte sie der Beweis einer Seelenstärke , um die sie die Künstlerin beneidete ; und dennoch stand Sophie als warnendes Beispiel vor ihr und die Stimme der Wahrheit in der eigenen Seele , die Stimme des Rechtes verwarfen jene Handlungsweise und hießen sie ausharren und dulden . Aus diesem Schwanken rang sich der Gedanke in ihr empor , Alfred zu fliehen . Sie wollte fort , sobald Julian genesen sein würde . Sie fühlte , dies sei der einzige Ausweg aus diesem Labyrinthe , und sie wollte ihn wählen . Aber während sie an Trennung dachte , schienen ihr die Stunden zu Tagen , die Tage zu Jahren zu werden , denn Alfred ließ sich nicht mehr sehen . Bald fürchtete sie seine Achtung eingebüßt zu haben durch die Schwäche , mit der sie sich neulich seiner stürmischen Zärtlichkeit überlassen , bald wähnte sie , Alfred meide sie und zweifle an ihrer Liebe , weil sie sich bis jetzt geweigert hatte , seinen Wünschen nachzugeben . Sie schrieb dem Geliebten und zerriß das eben Vollendete wieder , ihre Zweifel erreichten den Gipfel der angstvollen Unsicherheit . So schwanden ihr drei lange Tage hin , ohne daß sie Alfred sah . Am Morgen des vierten Tages brachte man ihr einen Brief von ihm , der also lautete : » Meine Therese ! Wenn dieses Blatt in Deine Hände kommt , ist unser Schicksal entschieden , ich bin frei und Du wirst mein . - Du wirst mein ! fühlst Du die Seligkeit dieses Gedankens ? Erschrick nicht davor , es mußte so kommen und ich empfinde seit lange die ersten Stunden wahren Friedens , des Friedens mit mir selbst , der aus der Ueberzeugung entspringt , das einzig Richtige , das einzig Rechte gethan zu haben . Denkst Du des Tages , an dem wir über die Wahlverwandtschaften sprachen ? des Tadels , den ich auf Charlotte warf , weil sie nicht den Muth gehabt hatte , Bande zu lösen , die zu schmachvollen Fesseln geworden waren ? In solchen Banden lagen wir , und auch wir konnten zögern uns würdig zu befreien , auch wir standen am Rande des Verderbens . Um Dir genugzuthun , um Das zu erfüllen , was ich in thörichter Verblendung für Pflicht hielt , strebte ich eine Verbindung aufrecht zu erhalten , die nie hätte geschlossen werden sollen , die innerlich unsittlich geworden war , weil ihr die Liebe fehlte und das Vertrauen aus ihr entwichen war . Wir tragen Beide an der Schuld , Caroline und ich , wir sind Beide unglücklich geworden , haben viel gelitten . Ich klage sie nicht an , ich spreche mich nicht frei . Ueble Einflüsse mancher Art und menschliche Irrthümer haben uns in diese Verwirrung gestürzt , aus der wir uns nur gewaltsam befreien können . Versöhnung , Friede und Ruhe ist zwischen uns unmöglich geworden . Ich war auf Dein Verlangen , auf Carolinen ' s Wunsch noch einmal zu ihr zurückgekehrt ; aber Mißtrauen und Eifersucht , Lüge und Haß wuchsen zwischen uns auf wie rankende Giftpflanzen ; sie umschlangen Felix und drückten auch ihn nieder . Jeder freie Aufschwung des Geistes ward mir unmöglich , so bleiern schwer lag das Leben auf mir . Ich hatte mich selbst verloren . In Carolinen ' s Armen rief mein Herz Deinen Namen und schaudernd stieß ich sie von mir , wenn sie sich zu mir neigte . Ich haßte Caroline , weil sie störend zwischen uns stand , ich konnte einen Augenblick mit Hoffnung daran denken , durch den Tod meines Sohnes frei zu werden von einer Knechtschaft , die ich um seinetwillen erduldete . Dahin brachte mich das starre Halten an Dem , was ich für Pflicht hielt und was Sünde war ; Sünde , Schande und Ehebruch unter dem scheinheiligen Deckmantel der Pflichterfüllung . Ich ehre die Ehe in ihrer Reinheit , als die schönste Verbindung des Mannes und des Weibes . Weil ich das thue , löse ich meine Ehe mit Caroline auf , die eine Lüge ist und die uns herabzieht zu sittlichem Verderben , Dich , mich und sie . - Die erste Pflicht des Menschen ist , sich in Frieden zu erhalten mit der Stimme der Wahrheit in