noch laut . Und ich , ich , die dich anklagte , deines Schweigens wegen , o vergib mir ! vergib mir ! Zärtlich küßte sie seine Hand , er aber zog sie an ' s Herz . Diese Anna ist ein großartiges Weib , sagte Vrenely , ihre Augen trocknend ; viel besser , als ich . Wie sehr begreife ich , daß du sie so liebst ! Gott weiß , ich habe mein Kind lieb da in seiner Wiege ; aber dir um des Kindes willen entsagen , das könnte ich nicht . Leontine hat sie oft dem Pelikan verglichen , der mit dem Herzblut seine Jungen letzt ; nun gibt sie den Söhnen unendlich mehr , als so ein bischen Blut , denn das arme Herz schlägt fort in ihrer Brust ohne alles Glück . Und Er ! o es ist ungeheuer ! Sie versank in ernstes Sinnen . Aber sage mir , fragte sie wieder , ist ' s unvermeidlich ? Gotthard hat ja den Anfang der Erziehung der Knaben - Unter diesen Umständen , in dieser Stellung , mit diesen von allen Seiten drohenden Anklagen - Ach ! sagte Vrenely , es mag sein , daß sie muß ; aber all diese hellen , klaren Lebenshöhen sind doch entsetzlich ! Nicht für Anna , liebe Vrenely ! Sie barg ihr Haupt an seine Brust . 1832 Von einem der stillsten Laubgänge des weimarischen Parkes aus , da wo man die träumerische Ilm zögernd an den beblümten Wiesen vorüberschleichen sieht , wo ihre sonderbar leisen , schweren Wellen einem flüssig gewordenen Plasma oder Jaspis gleichen und durch geheimnißreiche Tiefe unwiderstehlich lockend das Auge nach sich ziehen , blickten eben so träumerisch , wie das Wasser und die es umfriedenden Erlen , zwei schöne noch junge Frauen in das anmuthige Sommergrün und in die Winterstille verklungener Freuden . Mit bebenden Lippen hoben sie den Schleier von all den glücklichen und traurigen Ereignissen der letzten Jahre , die sie getrennt , in verschiedenen Ländern und Umgebungen zugebracht . Die Freundinnen hatten sich hier in der Vaterstadt der Eltern ein Rendezvous gegeben , denn die Jüngere und Zartere von Beiden gedachte eine weite Reise anzutreten . Es waren zwei ungewöhnlich edle , anziehende Erscheinungen , sie schienen Beide kaum das dreißigste Jahr überschritten zu haben ; ihr Leben stand im Zenith , wie die Mittagssonne über ihren Häuptern . Der glühende Zauber dieser Stunde , die der Mitternacht gleich die Gespenster aus ihren Gräbern löst und sie über die schweraufathmende Erde hin wandeln läßt , mochte auch die Frauenzimmer erfaßt haben , denn auch sie riefen die Geister ihrer Vergangenheit wach und ließen sie dem zu Boden gesenkten Blicke vorüberziehen . Einen Moment lang zwang die drückende Schwüle die Jüngere , den Hut abzunehmen ; sie zeigte ein wunderliebliches Gesicht im frischesten , durchsichtigsten Colorit , von hellblonden Locken umwoben , die wie goldene Staubfäden im Luftzuge spielten , einer exotischen Blüte gleichend . Ich bin davon wie von meinem eigenen Dasein überzeugt , sagte sie . Und du hast nie wieder von ihm gehört , und nie auch in Italien und Sicilien eine Spur von ihm gefunden ! Nein , weder da , noch in Malta , noch in Griechenland , wo ich nicht minder sorgsam ihn gesucht . Und doch bin ich überzeugt , daß er lebt ! Er wollte verschwunden sein und blieb es . Glaube mir , er hat das bessere Theil erwählt . Seine ewig nach Freiheit und Bewegung , ja nach Kampf dürstende Seele konnte den faden Zuckerwasserzustand unserer Alltäglichkeit nicht ertragen . Die Plänkeleien unserer Ehestandstruppen waren glücklicherweise noch bloße Vorpostengefechte geblieben , als die Nachrichten aller der Nationalaufstände uns erreichten . Die Volksunruhen zogen ihn nach Belgien ; er gab vor , einen Bekannten in Aachen besuchen zu wollen , und reiste ab . - Mir ahnte ein langer Abschied . Als alle diese friedlichen Volkssiege wie reife Erntegarben sich übereinander legten , duldete es ihn nicht mehr in unserem legitimen Norden ; die Julirevolution hat er , bei Gott , so wenig verschmerzt , wie ein junges Mädchen den ersten Ball , den man ihm versagt . Du bist bitter , Leontine ! Ach ! wir haben entsetzlich gelitten , ehe es so weit kam , ehe wir uns gestanden , daß die Trennung unvermeidlich und unser Leben ein lang ausgesponnenes Elend sei . Und doch habe ich ihn unsäglich vermißt , denn wer kann das Ungewöhnliche , das Erregende entbehren , wenn er es erst gekannt ! - O , glaube mir , das Menschenherz hat etwas Tigerartiges in seiner Natur , wenn es einmal vom Blut der Leidenschaft getrunken , wird es wild und lechzt darnach , wie jener nach seiner Beute . Anna seufzte . Auch ihr waren die Tage entblättert , sie standen kahl und frostig vor ihr und der Lebenssturm hatte oft mit ihren Erinnerungen gespielt und sie beängstigend umhergejagt , wie der Herbstwind die abgefallenen Blätter . Leontine schwieg und sah lange vor sich nieder ; als sie die Augen aufschlug , blitzten zwei glühende Thränen darin auf . Und jetzt ? sagte endlich Anna . Jetzt ? - jetzt laß mich dann an das falsche Todeszeugniß glauben , weil er es will . - Als ich noch für ein Mädchen galt unter euch , war ich längst eine Frau ; jetzt laß sie eine Witwe mich nennen und mich wie damals heimlich ihm vermählt bleiben . - Ach , das ist das Wenigste , was ich thun kann ! Laß mich , fuhr sie noch wehmüthiger fort , nun auch Italien vergessen , das ich um ihn , durch ihn , ach , nie mit ihm gekannt ! Laß den Göttertraum der Jugend der Poesie , den Fanatismus , den ich in ihm geträumt und der mir in seinem Vaterlande wahr geworden , nun auch zu Ende sein , und laß mich nicht weiter erzählen ! Ein ganzes Jahr habe ich ihn auf meiner Villa erwartet , immer sein harrend , in Rom , Florenz und Wien gelebt , ja , Anna , gelebt ! mit vollem Bewußtsein des Lebens , das ich immer umsonst bei euch gesucht und entbehrt , mich freudig eingetaucht in den Ocean des Schönen , wie sich die Sonne golden in die goldne Tiber taucht ! - Ein Jahr hindurch habe ich wie ein Kind geschwelgt im Genuß , laut gelacht , wenn ich froh war , geweint und geschrien , wenn mir wehe geschah . All das künstliche Eis der Sitten , Etiquette und Gewöhnung habe ich schmelzen lassen in mir , an der Glut des Augenblicks , der mich auf seine leichten Flügel nahm und über all eure Quälereien hinwegtrug ; - und nun ist ' s vorbei ! - Sie sagen mir Alle , daß ich noch jung , noch schön bin und frei und reich dastehe in der Welt . Nun , es werden ja vielleicht auch andre Sonnenstrahlen mein Herz erwärmen ! Glücklich , wie ich ' s gewesen , möchte ich gar nicht wieder sein . Kehrte das wieder einen Augenblick , nur einen , so müßte es ewig dauern , oder er würde zur Hölle ! Sie schwieg . Nach einer langen Pause fuhr sie fort : Wer nur innerlich noch recht viel erwarten könnte ! Sie lehnte den Kopf zurück und summte mit halber Stimme ein venetianisches Gondelierlied vor sich hin . Allmälig gerieth sie in das so oft von Jean Carlo gesungene Nenna sta grazia a toja . Sieh , sagte sie lächelnd , wie die Melodie sich mir wieder einschleicht ! - Ach , Alles in der Welt ist treuer , als das menschliche Herz ! Anna faßte ihre beiden Hände und drückte sie an ihre Brust . Leontine , verliere dich nicht ! sagte sie weich ; deine eigene bewegte Brust läßt dich das ohnehin stets Wandelnde , Wechselnde bodenlos glauben - das Leben hat auch bleibende Tiefen , die den ewigen Himmel zurückstrahlen . Laß das , erwiderte Leontine , ich klage ja nicht ! Daß mir gerade nur das Flüchtige schön erschien , daß ich von ihm eine ewige neue Rückkehr hoffte und deshalb die Fesseln , mit denen ihr Alle es verletzt und verkrüppelt euch bewahrt , nicht ertragen konnte , liegt in meiner Natur . Ich habe ihn - Jean Carlo meine ich - nicht geliebt in euerm Sinne ; aber daß ich ihn wie die Anderen verlor , ist grauenhaft , entsetzlich ! Was mag seitdem Alles durch ihre Seele gezogen sein , dachte Anna . Und doch , erwiderte Leontine , als habe sie ihr den Gedanken von der Stirn gelesen , und doch habe ich Otto nie vergessen ! Da sind sie ! rief eine kräftige jugendliche Stimme . Es glänzte etwas wie eine Uniform im Gebüsch , und zwei sehr schöne junge Männer flogen auf die Frauen zu . Wie haben wir euch gesucht ! Egon ! Joseph ! rief die glückliche Mutter , mit innerem , stolzem Jubel die Beiden betrachtend . Siehst du , Leontine , sind das noch Knaben ? Egon küßte der Tante die Hände und sah sie mit so durchdringendem , glühendem Blick an , daß sie lachend den ihren niederschlug . Aber Anna hatte Recht , Egon war beinahe ein Mann zu nennen , obschon er noch an der Grenze seiner achtzehn Jahre stand . Das kastanienbraune Haar , das in leichter Krauße unter dem Studentenmützchen hervorquoll , das etwas hellere Schnurrbärtchen , der schwarze Sammtrock bezeichneten den deutschen Jüngling ; die ungewöhnlich frühe Ausbildung seiner Züge und seiner ganzen Gestalt hätten ihn jedoch leicht für einen Engländer oder Iren gelten lassen . Joseph war Cadet ; er hatte alle Schalkheit , allen Muthwillen seiner Tante Leontine geerbt , er sah aus wie der Page im Figaro , nachdem er eben Offizier geworden , und suchte , wie dieser , dem ganzen weiblichen Geschlechte , seine Mutter und Tante mit einbegriffen , den Hof zu machen . In der einen Stunde seiner Anwesenheit in Weimar hatte er nicht nur alle Stellen aufgefunden , an denen Anna ' s Erinnerungen hafteten , er hatte bereits auch alle Staats- , Gesellschafts- und insbesondere alle Militärinteressen erkundet und mit in die seinen aufgenommen . Von Euerm alten Waldau ' schen Hause ist keine Spur mehr , versicherte er die Frauen . Tante Leontinens Gärtchen ist auch verschwunden ; Weimar ist eine schöne freundliche Mittelstadt Deutschlands geworden und sieht nicht mehr aus wie eine geniale , nicht gut aufgeräumte Gelehrtenwirthschaft . Während Anna Egon über die ihr fast schmerzlichen kleinen Veränderungen befragte , flüsterte Joseph der schönen Tante eine Menge Geheimnisse zu . Leontine war ganz heiter geworden und sah nun zehn Jahre jünger aus , als vorhin . Und seid ihr allein gekommen ? fragte sie endlich . Bewahre ! Wir haben deinen Lord Frederic , den du eine Lady nennst , höchst eigenhändig aus dem Wagen gehoben , nachdem wir sie und ihren Neger von Dresden her escortirt . Ihre Lordschaft haben aber drei Nachtfahrten gemacht und studiren pour se délasser eben die türkische Grammatik und den Koran ; sie wollten uns also nicht herbegleiten und rechnen auf deine und der Mutter baldige Rückkehr . Und du kannst mich hinführen , sagte Leontine . Stolz bot ihr der Cadet den Arm und grüßte mit der Linken im Abgehen die Zurückbleibenden . Das Paar sah allerliebst aus ; obschon sie dem Alter nach seine Mutter sein konnte , erschien Leontine neben ihm wie eine ältere Schwester . Egon sah ihr mit leuchtenden Blicken nach . Ist sie nicht immer noch wunderbar schön ? fragte er . Er seufzte leise ; Anna aber lächelte freundlich . Man nennt in Frankreich das erste graue Haar einer jungen Frau le cheveu historique ; obgleich fast unhörbar leise , schien der Mutter dieser erste Seufzer des Sohnes eine ganze idyllische Geschichte voll lauter Frühlingsempfindungen zu enthalten - le soupir historique , dachte sie . Und als müsse das höchste Erdenglück vom Himmel herab auf den ersten Wunsch dem Sohne zu Füßen fallen , sah sie dankbar auf in die wolkenlose Bläue . Wie weh den Frauen selbst das Leben gethan haben mag , wenn sie für ihre Kinder hoffen , liegt immer etwas Primitives in ihrem Gefühl ; die Narben der Erfahrung sind plötzlich alle in ihnen ausgelöscht und sie glauben der Zukunft unbedingt , als wären auch sie - sechszehn Jahr . Mutter , sagte Egon , indem er neben ihr sich auf die Bank setzte , ich möchte mit dir reden ; aber nicht wie ein Knabe , nicht wie ein Jüngling , wie ein werdender Mann zu einer Frau , die schon Alles geworden , nur das Eine nicht , was sie vor Allem hätte werden sollen - glücklich ! Anna erschrak ; sie erwartete irgend ein Geständniß . Seit vier Jahren , fuhr er fort , hast du , theure Mutter , nur für uns , ausschließend für Joseph und mich , gelebt , Alles danken wir dir ! Du vergißt Geiersperg , sagte Anna weich . O nein ! der Onkel hat gethan , was er vermochte , um uns die Leitung des Vaters zu ersetzen ; aber glaubst du wol , sie würde ihm bei ein paar Trotzköpfen , wie die unsern , gelungen sein , wenn er die Zügel nicht gar oft in deine liebe Hand gegeben hätte ? Wo willst du eigentlich hinaus ? fragte Anna heiter ; immer noch erwartete sie irgend ein Bekenntniß . Ich wollte dir sagen , liebe Mama , daß wir flügge gewordene , aus dem Nest gefallene Vögel sind , die nächstens ihren Flug in ' s Weite versuchen werden . Ich bin achtzehn Jahr und Student , Joseph in seinem bunten Rocke siebzehn - er erröthete wie ein junges Mädchen . - Mutter ! Freundin ! nun laß deine wilden Buben ziehen , es ist unmöglich , sie länger festzuhalten . - Uebergib sie nur ganz sorglos dem blauen Himmelsocean , sie sind der Heimat gewohnt und werden sich nicht verfliegen . Ach , sagte Anna , war es das ? O Kinder ! ich weiß es längst , daß ich euch nun dem Leben , der Welt und ihrem Wirbel überlassen muß , und werde es . Ihr werdet nicht einmal die bangen Schläge meines Herzens hören . Nein , nein , mein Egon ! nie soll die Mutterliebe euch eine Fessel werden ! Er küßte ihr die Hand . Es entstand eine kleine Pause . Anna war in ' s Sinnen gerathen und in stilles Hinbrüten versunken . Am meisten nach dir danken wir dem Präsidenten Gotthard , fuhr Egon fort . Hast du lange nichts von ihm gehört ? Seit fast zwei Jahren nicht , antwortete sie gepreßt ; seine Geschäfte machen ihm das Briefschreiben schwer . Du weißt , daß er jetzt die Interessen der ganzen Provinz zu vertreten hat - Freilich , erwiderte Egon fast obenhin . Er sah den Geisterzug nicht , den er in der Mutter nachzitternder Seele erweckt . Aber möchtest du ihn nicht einmal wiedersehen ? Plötzlich überflutete eine himmlische Jugend die schöne Frau . Trotz ihrer vierundreißig Jahre ward sie schöner , als je ; es lag eine so edle Verklärung der Seele in ihrer ganzen Erscheinung . Ich würde mich unendlich freuen , ihn zu sehen , sagte sie ; aber schwerlich werden uns die auseinanderliegenden Wege sobald zusammenführen . Und wenn er nun einmal ganz unerwartet käme , Mutter ? Anna vermochte nicht zu antworten . Mußt du uns doch nun unsern eigenen Zug nehmen lassen , du Arme ! Kannst uns nicht anders , als mit dem Herzen begleiten , dessen Flügel uns so oft Muth und Kraft zugefächelt haben - er legte ihre Hand auf seine Augen und den Kopf auf die Lehne der Gartenbank . Aha ! sagte der rückkehrende Joseph , hast du Cato den Text gelesen , Mutter ? Will er wieder einmal die Welt verbessern und allweise sein , trotz unserm Herrgott ? Tröste dich , liebste Mama ! hast du doch noch mich hoffnungsvolles Schlingelpflänzchen , um dich und ihn vor seiner Moral zu retten und vor seinem vielen besten Rath ! Ich habe nur den einen , und er ist zu gleicher Zeit mein höchster Wunsch : sei recht glücklich , Mutter ! so glücklich , als noch gar kein Mensch auf Erden geworden ; denn auf Ehre ! sagen wir Offiziere : noch Niemand hat es mehr verdient ! Im Gehen hatte Egon ihren Arm in den seinen gelegt ; die jungen Leute führten sie unmerklich aus dem Park über den daran stoßenden Platz , dem Hotel zu , das Alle auf ein paar Tage bewohnten . Als sie an die Thüre ihres gemeinschaftlichen Salons traten , fanden sie Duguet und August vor derselben . Ist dein Herr zu Hause ? fragte Anna den letztern . Seit dem Tode des Herzogs von Reichstadt hatte sich St. Luce wieder eingefunden . Er war entschlossen , sie nie wieder zu verlassen , immer in ihrer Nähe seinen Wohnsitz aufzuschlagen . Es fiel Annen auf , daß der alte Diener nicht sogleich antwortete ; als sie ihn und Duguet genauer ansah , bemerkte sie in beider Zügen den Ausdruck einer tiefen , gewaltsam zurückgehaltenen Rührung . Arme Freunde ! sagte sie , ach ! ihr seid nicht die Einzigen , die hier Sophiens schmerzlich gedacht ! - Sie reichte ihnen die Hand , die jene ehrfurchtsvoll an ihre Lippen drückten . Keiner erwiderte ein Wort . An der Thüre ließ Egon , der sie geführt , ihren Arm los . Ich will die Tante Leontine holen ! Plötzlich aber kehrte er um und fiel der Mutter um den Hals : Mutter ! Mutter ! Dein Glück ist der innigste Wunsch deiner Kinder ! Er war verschwunden . Auch Joseph hatte unter heftigen Küssen sie losgelassen ; sie stand verwundert und allein auf der Schwelle des Saales . Am Fenster , den Rücken ihr zugewandt , gewahrte sie einen stattlichen Fremden . Bei dem Geräusch ihres Eintritts kehrte er sich um ; es war - Gotthard . Tief bewegt ihr die Hand entgegenhaltend , schritt er auf sie zu . Verzeihung , theuerste Anna ! rief er mit dem vollen Klange , den nur die Freude dieser weichen , sonoren Stimme , die sonst gedämpft ertönte , zu verleihen pflegte . Ach ! mit dem ersten Laut rief er das ganze vergangene Leben ihr wach , es umgab sie wie eine überreiche Gegenwart . Anna ! wir Alle sind im Complott gegen Sie gewesen ! Geiersperg , St. Luce und Ihre Söhne , Alle haben sich auf meine Seite geschlagen : denn ich konnte ohne Sie , theuerste Freundin , das Dasein nicht länger ertragen , ich mußte Sie wiedersehen ! Ich mußte ! Trunken von Glück , keines Ausdrucks mächtig , ließ sie sich von ihm zum Sopha geleiten . Erst jetzt sah sie ihn wirklich , bis dahin hatte eine Art Nebel auf ihrem Auge , ein Schwindel von Seligkeit sie verhindert , ihn deutlich zu sehen . Aber als er nun fortsprach , gewann sie Zeit und blickte auf . Gotthard war in den vier , fünf Jahren bedeutend gealtert , die ungeheure Geistesarbeit , die rastlose Thätigkeit seines Berufs hatten Spuren hinterlassen , aber sie hatten sein Aeußeres gereift , ohne es irgend zu schwächen ; er war noch immer schön . Es lag ein solcher Ausdruck von Güte in seinen harmonischen Zügen , eine solche Zusicherung des Schutzes , der Hülfe , des Trostes in dem tiefen Ernste desselben , in seinem ganzen Auftreten ; auch ohne ihn zu lieben , würde man ihm eine Welt aufgebürdet und anvertraut haben , so ruhig , sein selbst bewußt , so in sich selbst concentrirt stand er da : ein Bild der höchsten Milde , wie der ausgearbeitetsten Kraft . Demonstrationen des Gefühls , fortgesetzter Briefwechsel , ja sogar jeder regelmäßige gesellschaftliche Verkehr waren dem mit den bedeutendsten Arbeiten Ueberhäuften , auf eine der höchsten Stellen des Staates Berufenen längst unmöglich geworden ; dennoch war Annens Bild nie aus seiner Seele , nie aus seiner Sehnsucht gewichen . Nach dem unseligen Duell hatte er , während Anna in Brandenburg blieb , eine Zeit lang in Berlin gelebt , um die Fäden einer neuen , immer ausgedehnteren Thätigkeit anzuknüpfen . Während dieser Vorbereitung seiner veränderten Laufbahn hatte Geiersperg ihn kennen und schätzen gelernt . Beide Männer stimmten in der Ansicht überein , daß nur eine längere Trennung von Annen in den Seelen der heranwachsenden Knaben , in der Ansicht und im Urtheil der Gesellschaft die theure Frau flecken- und makellos im Besitz der ihr nöthigen Anerkennung erhalten könne . Das schwere Opfer ward gebracht ; schweigend , wie fast immer die schweren Opfer . Gotthard suchte beim Ministerium um einen Zweig der Verwaltung in Schlesien nach ; sein Wunsch ward ihm gewährt . Sonderbar genug , aber ein Beweis , daß ein wahrhaft eminenter Kopf in unsern Tagen die äußeren Verhältnisse beherrscht , hatte der wiederholte Umschwung , den Gotthards Liebe seiner amtlichen Thätigkeit gab , weder hemmend , noch störend auf seine Laufbahn eingewirkt , unaufhaltsam hob sie sich ; sein Weg ging ununterbrochen aufwärts , sogar wo sich dessen Richtung änderte . Die Verschmelzung großer That- und Geisteskraft ist selten , und dennoch bedarf unsere industrielle Zeit derselben so sehr . Gotthards Uneigennützigkeit , sein bürgerlicher Fleiß und seine aristokratische Nichtachtung des Einzelnen , wo es die Masse galt , gaben ihm einen immer ausgedehnteren Wirkungskreis , ja eine in manchem Bezug fast herrschende Gewalt über seine Mitbürger und Untergebenen . Als ihn der Zufall wieder einmal mit Geiersperg zusammenführte , fragte er so angelegentlich nach Annen , daß der alte unermüdliche Handlanger der Zeitereignisse , Geiersperg , mit einem Male innerlich beschloß , nun seine Neffen erwachsen und die Gerüchte über des Vaters Stellung zu Gotthard denselben zur Prüfung vorgelegt werden konnten , die jungen Leute selbst auf den Gedanken an eine zweite Verbindung ihrer Mutter mit dem nunmehrigen Präsidenten zu bringen . Seine Absicht ward vollkommen erreicht . Die Zusammenkunft Leontinens mit Annen und der Lady Frederic , die erstere nach Konstantinopel zu begleiten beabsichtigte , ward zum Moment des Wiedersehens erwählt . Geiersperg war überselig , ein kunstvolles Manoeuvre ausgeführt , durch die Gründe seiner Beredtsamkeit alte Vorurtheile besiegt zu haben , wie Leontine lachend ihm vorwarf . Alle trafen ungefähr zur nämlichen Zeit in Weimar zusammen . So ward es möglich , Annen ein Wiedersehen zu bereiten , das die vom Glück so lange Entwöhnte vielleicht in banger Scheu von sich gewiesen haben würde , hätte sie es vorausgeahnt , das aber nun in seiner überraschenden Erscheinung einem elektrischen Funken gleich in ihre müde Seele traf und plötzlich alle schlummernden Kräfte derselben weckte , ohne sie zu überreizen . War es doch fast das erste Mal in den langen , stets in Bezug auf einander hingelebten Jahren ihrer Bekanntschaft , daß die Liebenden und Freunde - sie waren einander Beides und wußten es von einander - ruhig , nur von der Freude des Augenblicks bewegt , sich aussprachen . In jedem Worte feierte ein zerdrücktes , verborgenes Gefühl oder eine lange verschwiegen und heimlich getheilte Ansicht eine Auferstehung . Beider überreiche Natur strahlte so edle Gaben der innern Schönheit aus , daß sie in gegenseitiger Freude , Eines an dem Anderen durch die Gegenwart erfüllt und befriedigt , weder die Schatten der abgeblühten Vergangenheit hervorriefen , noch an der verschleierten Gestalt der Zukunft rührten . Diese aus tiefen vollen Quellen zusammenfließenden Seelen brachten ja unwillkürlich in jedem Worte , in jedem Blicke einander ihr Allerbestes zu und eben darum blieb der schönen Stunde ihrer Vereinigung jede Schranke bestimmter Wünsche oder Entschlüsse ganz fern , denn sie gedachten nicht einmal der Zeit . Lady Frederic hatte sich vorgenommen , nach dem Orient zu reisen , Griechenland und Konstantinopel zu sehen . Die Russen hatten Frieden geschlossen mit der Pforte ; Griechenland erwartete von der hand der verbündeten Mächte seinen König . Die alte Freiheitsfreundin sehnte sich nach all den geheiligten Stätten , denen neue bessere Zeiten entblühen sollten ; aber auch den Herd der Knechtschaft , wie sie die Türkei nannte , wollte sie in Augenschein nehmen ; nur so , demonstrirte sie , sei es möglich , sich ein deutliches Bild der Gegenwart zu verschaffen . Eigentlich war es der lebhaften Frau zu stille in Deutschland geblieben , die constitutionellen Reformen spannen sich sachte ab , und dann mußte sie sich doch überzeugen , ob dear King Leopold Recht oder Unrecht gehabt , die angebotene Krone auszuschlagen . Leontinens Rückkehr nach Italien kam ihr höchst erwünscht . Sie ruhte nicht eher , als bis ihr gelungen , die gewohnheit- und alltäglichkeitscheue Freundin zu überreden , sie nach dem Orient zu begleiten . Leontine wollte einen Harem und eine Moschee sehen und willigte also trotz Geierspergs unabweislichen Gründen ein . Seit Italien schien eine innere Unruhe , ein Gedränge vielfach verschlungener und dort empfangener Eindrücke ihre Launen noch wechselnder , ihre Gefühle noch unruhiger zu machen . Nur ein einziger Goldfaden zog sich durch das seltsame bunte Gewebe ihrer Gedanken , Phantasien und Empfindungen hin : der Wunsch , Jean Carlo aufzufinden und ihm die ungeheuern Geldmittel zur Erleichterung seines Zweckes zufließen zu lassen , die er scheidend ihr zugeworfen . Sie wußte nicht recht , was mit dem Gelde anzufangen ; eine Art Toilettenluxus abgerechnet , an den sie von kleinauf gewöhnt war , hatte sie wenig Bedürfnisse , wenig Wünsche ; es fehlte ihr gänzlich an eigentlicher Liebe zum Besitz , weil sie ihr ganzes Dasein aus dem eigenen Innern herausspann . Jean Carlo in Griechenland zu finden , schien Leontinen nicht unwahrscheinlich ; dort konnte es ihr gelingen , noch einmal seinem so vielfach geknickten Leben erneute Hoffnungen und Thätigkeit zu geben , indem sie die ihm geraubten Hülfsmittel zurückbrachte , die er für seine Landsleute bedurfte und deren Entbehren großentheils das Geschick der Griechen entschieden hatte . O dear , o dear ! unser lieber Herr Gotthard ! How are you ? rief die gute alte Lady , als sie unvermuthet , das allgemeine Wiedersehen und Begrüßen unterbrechend , in den Salon trat . Ei , sagen Sie mir , bitte , haben Sie wol wieder etwas Genaueres über die neu zu errichtenden Logen der Carbonaria erfahren , und glauben Sie , daß diese mit den griechischen Angelegenheiten verwickelt sind ? Haben Sie wol gehört , daß unser theurer Graf auch früher einmal sehr gravirt in dieser Geschichte gewesen , vor seiner Heirat nämlich - Sie wissen doch , daß der Tod ihn uns entrissen ? Alles dies fragte sie hörbar leise , Leontine sollte es nicht bemerken . Aber sie fragte glücklich alle Anwesenden aus der insgeheim gefürchteten Rührung heraus , die sie zu überkommen drohte , und brachte mit ihrem durchaus nicht Gemerkt- und Begriffenhaben der Seelenzustände aller Anwesenden eine so glückliche Unterbrechung hervor , daß ihr Jeder innerlich Dank dafür wußte . Joseph machte ihr entschieden den Hof , ließ sich Arabisch , Indisch und Türkisch von ihr vorlesen und ging sehr ergötzlich auf alle ihre Pläne ein . Leontine war der geistigen Kreuz- und Quersprünge ihrer alten Freundin zu sehr gewohnt , um auch nur einen Augenblick sich verletzt zu fühlen ; sie war sogar gefällig genug , nicht zu hören , was jene zu flüstern wähnte . St Luce war am übelsten daran , er vermochte sich nicht eher vor ihrem gutgemeinten aber übel angebrachten Eindringen in seine Gefühle und Ansichten zu retten , als bis Anna sie auf die frisch blutende Wunde aufmerksam machte , die dem Freunde der Verlust des angebeteten Kaiserkindes geschlagen . Als aber am folgenden Tage die gute alte Lady eine ganze Weile dem Zusammensein der Freunde und der Waldau ' schen Familie zugesehen , ward sie sehr nachdenkend . In einem unbemerkt geglaubten Augenblick ergriff sie plötzlich St. Luce ' s Arm : General , lieber General , ich muß Ihnen etwas sagen ! Meinen Sie nicht , dear Sir , daß unser guter Herr Gotthard eine gewisse Vorliebe für die Gräfin hat ? Und nun entwickelte sie ihre Ansicht , daß bei seiner hohen amtlichen Stellung die Partie gar so übel nicht sei , daß die Gräfin nicht von Adel , wie man ihr versichert , und die ganze Verbindung durchaus keine unpassende zu nennen sei . Trotz seines Kummers gerieth der Invalide in ein so jugendlich herzliches Lachen , daß selbst seine große Höflichkeit es nicht zurückzuhalten vermochte und mehre Mitglieder des kleinen Kreises , dadurch herbeigezogen , mit Bitten und Fragen auf die Lady eindrangen , die in der felsenfesten Ueberzeugung , St. Luce von seinem Vorurtheil so am besten zurückzubringen , eine lange Rede hielt , in welcher sie ihre Wünsche für die Liebenden aussprach . Liebe kenne kein Gebot , versicherte sie , und Anna sei so schön , daß man ihr kaum so viele Zwanzig geben wurde , als sie deren Dreißig zähle . Herr Gotthard aber , setzte sie mit drolliger Verlegenheit hinzu , steht doch wol kaum ihr darin nach , und in Old England würde Niemand thöricht genug sein , ein so von Himmelshand geschürztes Band nichtiger Einwendungen wegen zu zerreißen . Sie hatte das Eis gebrochen . Obschon Alle lachten , war ihr abermals Jeder dankbar , denn die Angelegenheit kam nun zur Sprache . Gotthard warb um der Geliebten Hand . Egon beschwor die theure Mutter , ihr schönes einfaches Leben nicht durch eine Uebertreibung zu verderben . Ein unnützes Opfer ist eine Sünde ! sagte er ernst . Anna war unaussprechlich bewegt . Schon daß gerade der Sohn ihres Herzens fast den Bewerber für den so lange und heiß Geliebten machte , hatte etwas tief Erschütterndes . Gotthards Freude aber erhob den Augenblick zu