: Wie sich doch Alles im Leben wiederholt . Meine Tante würde eine Freude haben , könnte sie sehen , wie ich jetzt an Dir die Ermahnungen probire , die sie mir gemacht hat , ehe ich mich verheirathete . Ich denke aber , sie finden bei Dir ein so williges Ohr , als bei mir , und nehmen auch ein so glückliches Ende . Das sagst Du , Clementine , rief Jenny , Du , die mir selbst erzählt , welchen Kampf Du noch nach Deiner Hochzeit zwischen Pflicht und Liebe bestanden hast . Clementine strich mit der Hand über die hohe , zarte Stirn und sagte mit unbeschreiblicher Weichheit und Demuth : Ich halte Dich nicht für schwächer als mich . Was ich vermochte , mußt Du auch vermögen . Du sollst es auch kennen lernen , das Glück , seine Neigung dem Glücke eines Andern zu opfern , und darin ein neues , besseres Glück zu finden . Dann nach einer Pause fuhr sie fort : Uebrigens , was will ich denn ? Von dem Opfer einer Neigung ist ja hier die Rede nicht ! Du liebst keinen Andern ; Du bist frei und Walter ist Dir werth . Was drückt und ängstigt Dich also ? Der Gedanke , man könne mir ehrgeizige Motive unterlegen , sagte Jenny lebhaft , wenn ich Walter ' s Hand annehme ; und - daß ich es Dir gestehe - die Möglichkeit , er könne es einst bereuen , eine Bürgerliche , eine Jüdin , geheirathet zu haben , wenn irgend ein Ereigniß ihn unangenehm daran erinnert . Ich mag nicht , wie Walter es in jenem Gleichniß nannte , die kümmerliche Pflanze sein , die sich zu einer Höhe emporrankt , für die sie nicht geboren ist . Liebte ich Walter , vielleicht wäre ich dann schwach genug , meine Vernunft zu verleugnen ; jetzt nimmermehr ! Mag Walter sich eine Gefährtin wählen , die ihm gleich ist an Vorzügen des Ranges und der Geburt , die mit ihm auf gleicher Höhe erwuchs . Ich will keinem Menschen Etwas verdanken , das er jemals bereuen könnte , mir gegeben zu haben . Aus der Hand eines geachteten Gatten entehrt keine Gabe und er bereuet sie nicht , wenn er sie , wie Walter Dir , mit ruhiger Ueberzeugung darbringt , sagte Clementine , die es fühlte , daß hier der Punkt läge , von dem Jenny ' s Weigerung gegen Walter ' s Wünsche ausging . Auch sie kannte Walter und , erfreut durch den Gedanken , ihn und Jenny verbunden zu sehen , wünschte sie wo möglich dazu beizutragen . Darum vermied sie es für diesmal , Jenny auf dieser für sie empfindlichsten Seite anzugreifen und bemerkte ablenkend : Und das ist doch der einzige Grund , der Dich besorgt machen kann ! Nein ! antwortete Jenny , auch in mir sind Gründe dagegen . Mir fehlt die Fähigkeit , mich in dem Leben eines Andern aufgehen zu lassen . Meine Existenz ist eine fest bestimmte , in sich abgeschlossene . Ich habe mich an eine gewisse Freiheit gewöhnt , die ich nicht mehr entbehren kann und die ich in der Ehe doch aufgeben müßte . Vor Allem aber , wie ich Reinhard liebte , kann ich nicht wieder lieben . Mir fehlt die Jugendlichkeit , die Frische des Herzens , das fühle ich tief . Ich kann so nie wieder lieben ! So liebe Walter anders ! wandte Frau von Meining ein . Auch Du bist sicher nicht das erste Mädchen , das ihn die Liebe kennen lehrt . Er ist ein Mann , der in der Schule des Lebens und des Hofes seine Prüfungen bestand . Den ruhigen Mann reißt keine Leidenschaft blindlings hin ; was er thut , hat er überlegt , was er verspricht , will und wird er halten . Und was die Frische des Herzens betrifft , so ist es mit der Liebe , wie mit dem Menschen überhaupt . Die Geschlechter gehen und kommen , jedes hat die Erfahrungen des vorigen für sich , sie gleichen sich fast alle und doch - hat jedes neue Geschlecht seine Thorheit und seine Weisheit , seine Jugend , seine Blüthe , nach seiner Individualität ; eine Blüthe , die rein und schön ist , obgleich sie erst auf der Asche der geschiedenen Generation erwuchs . Darum Muth , mein Herz ! Den falschen Stolz besiege und im Uebrigen vertraue der Liebesfähigkeit und der Liebebedürftigkeit des Frauenherzens . Eine innige Umarmung beendete diese Unterhaltung , die in Frau von Meining den Entschluß hervorrief , sich so bald als es ihr möglich sein würde , der Gesellschaft anzuschließen , um Jenny und Walter schnell an ein Ziel zu bringen , das ihr für Beide so glückversprechend schien . Diese freudige Hoffnung that für die Anregung ihrer Nerven mehr , als irgend eine Arzenei vermochte , und schon am nächsten Tage nahm sie zum ersten Male Walter ' s Besuch an , der fast täglich in ihrer Wohnung gewesen war , um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen . Zwei Gefühle waren es besonders , die Jenny beunruhigten und sie bewogen , sich von Walter zu entfernen : Die Furcht , welche sie Frau von Meining gestand , vor einer Verbindung , die man gerade in den Kreisen eine Mißheirath nennen würde , in denen sie als Walter ' s Frau zu leben bestimmt war , und , was sie nur sich selbst bekannte , Scham vor sich selbst , daß sie einer zweiten Neigung fähig sei , die sich entschieden zu Walter ' s Gunsten in ihr geltend machte . Trotz ihres klaren Verstandes besaß Jenny die Schwärmerei eines tieffühlenden Herzens und hatte mit Treue das Andenken des Geliebten ihrer Jugend in sich gepflegt , bis sich nach Reinhard ' s Verheirathung der Gedanke in ihr ausgebildet , sie habe jetzt keinen Anspruch mehr an Liebesglück zu machen , ihr Leben sei in der Beziehung beendet . So hatte sie sich seit Jahren mit der Idee : » entsagt zu haben « wie mit einem Wittwenschleier geschmückt , den sie jetzt abzulegen sich nicht entschließen konnte . Sie fühlte ihre wachsende Neigung für den Grafen , aber sie kämpfte dagegen , wie gegen ein Unrecht , weil sie sich scheute , den Ihrigen zu sagen : Ich liebe wieder ! und weil sie doch zu wahrhaft war , um eine Verbindung mit Walter , die sie trotz aller Bedenken wünschte , für eine bloße Verstandsheirath auszugeben , was außerdem kränkend für ihn gewesen wäre . Nach Jahren innern Friedens mit sich selbst machte dieser Zwiespalt ihrer Seele ihr doppelte Unruhe und gab ihr einen Anstrich von Kälte , die Walter irre an ihr zu machen drohte ; da ohnehin die Sorge für Clara ' s ihr anvertraute Kinder ihr einen Grund gab , den Grafen weniger zu sehen , als es früher der Fall gewesen war . Dadurch trat eine Art von Spannung zwischen Walter und Jenny ein , von der Beide gleich viel zu leiden schienen , bis es Frau von Meining gelang , des Grafen Vertrauen zu gewinnen . Sie bat ihn Geduld zu haben , Jenny Zeit zu lassen , bis sie sich selbst klar geworden sei : Glauben Sie , lieber Graf ! sagte sie , je deutlicher in uns Frauen das Bewußtsein von der Heiligkeit der Ehe wird , je langsamer entschließt man sich , den Schritt zu thun . Jenny steht jetzt bang und zögernd auf der Schwelle des Tempels , die sie vor zehn Jahren leichtherzig und sorglos überschritten haben würde . Lassen Sie sich dadurch nicht irren ! Ich würde es für unrecht halten , Jemand zu einem Entschlusse hin zu drängen , zu dem er keine Neigung hat , oder dem seine Eigenthümlichkeit widerstrebt . Jenny wird aber nur durch ein von ihr mißverstandenes Gefühl gehindert , ihr Glück und das Glück eines Mannes zu gründen , den sie hoch und werth hält . Da muß man aus Freundschaft ein Uebriges thun und die Gute gelinde dazu zwingen , glücklich zu sein und zu beglücken . Das ist ein hartes Wort ! bemerkte Walter , und selbst Jenny ' s Hand möchte ich weder der Ueberredung noch dem Zwang verdanken . Aber Sie sind damit zufrieden , wenn Jenny sich und Ihnen gestehen lernt , daß ihre eigene Neigung sie zwingt , die Ihre zu werden ? fragte Frau von Meining freundlich . Wenn Sie Jenny davon überzeugen könnten , erwiderte Walter , wie würde ich es Ihnen danken ! Lassen Sie das , mein Freund ! wandte die Geheimräthin ein . Ich bleibe Ihnen verpflichtet und mein Mann wird es Ihnen Dank wissen , daß Sie mich aus meiner Abspannung befreiten , indem Sie mir Gelegenheit gaben , an Ihnen und meiner Freundin ein gutes Werk zu üben . In wenig Tagen denke ich Jenny in ihrer Wohnung selbst aufzusuchen und rechne dann auf Ihre Begleitung . Heute ist ein wahrer Glückstag , sagte Jenny zu Frau von Meining , als dieselbe an einem heitern Morgen in Walter ' s Begleitung zum ersten Male Jenny besuchte und mit ihr unter dem Schatten der Bäume saß . Du scheinst den letzten Rest von Schwäche von Dir geworfen zu haben und auch meine arme Kranke ist heute so wohl , daß ich es wagen konnte , sie gehörig um ihre Verhältnisse zu fragen . Und was haben Sie erfahren ? fragte Walter , den die Frau interessirte , weil Jenny Theil an ihr nahm . Eigentlich nicht viel mehr , als mein Vater schon durch die Behörde wußte . Es ist eine von den traurigen Geschichten , die sich leider täglich wiederholen . Sie ist die Tochter eines Handwerkers aus Gernsbach und kam gewöhnlich während des Sommers nach Baden , um in einem Hause auszuhelfen , in dem man Wohnungen vermiethet . Hier hat sie einen armen Jägerburschen kennen gelernt und ihn gegen den Willen ihres Vaters geheirathet , der sie einem wohlhabenden , aber sehr alten Bürger in Gernsbach bestimmt hatte . Ein unglücklicher Fall auf der Jagd , in Folge dessen das Gewehr losging , raubte ihrem Mann im Herbst das Leben , lange ehe ihr Kind geboren wurde . Im Winter gab es kein Verdienst für sie und in die bitterste Armuth versunken , aus Mangel erkrankt , ist sie nun schwach und elend nach Gernsbach gegangen , um dort das Mitleid ihres Vaters anzuflehen . Der aber hat sie und ihr Kind mit Verwünschungen von sich gestoßen , sie hat hierher zurückkommen und Arbeit suchen wollen , als sie auf dem Wege zusammenbrach , wo ich sie fand . Sie sagte mir , daß ihr Vater kein anderes Kind hätte , als sie , und wohl die Mittel , für sie zu sorgen . Aber er hätte gehofft , mit dem Gelde des reichen Schwiegersohnes sein Gewerbe zu vergrößern und selbst ein reicher Mann zu werden , und daß sie ihn um diese Hoffnung betrogen , werde er ihr nicht vergessen und verzeihen . So muß man hier für sie sorgen ! meinte Frau von Meining . Sie selbst verlangt nichts mehr , als die Mittel , sich durch einige Pflege Kräfte zu erwerben , um wieder arbeiten zu können , sagte Jenny . Wie sie mir erzählt , hätte ihr Vater sie , ohne das Kind , wohl zu sich genommen , weil er hoffte , jener Bürger würde sie auch jetzt noch heirathen , wenn sie sich von ihrem Kinde trenne . Das aber will und soll sie natürlich nicht und so meint mein Vater , man müsse einen der nächsten Tage dazu benutzen , nach Gernsbach zu fahren und versuchen , ob man nicht durch ein Jahrgeld , das man an das Leben des Kindes knüpft , den Vater vermögen könne , Tochter und Enkel bei sich aufzunehmen , wo sie am Ende doch am besten untergebracht sein würden . Walter stimmte dieser Ansicht bei und man verabredete eben einen Tag für diese Fahrt , als ein Mann von etwa vierzig Jahren mit einer jungen Frau am Arm sich dem Platze näherte , auf dem die Gesellschaft vor dem Hause saß . Ein Diener trug ihnen , trotz des schönen Wetters , einen Männerüberrock und einen kleinen Teppich nach . Steinheim ! rief Jenny , als sie ihn erkannte , und stand auf , ihn und seine Begleiterin zu begrüßen : Vielmals willkommen ! » Erneute Huldigung gestatte mir ! « sagte Steinheim , ihr mit steifer Galanterie die Hand küssend , und vergönnen Sie mir zugleich , Ihnen meine Frau vorzustellen und sie Ihrer Freundschaft zu empfehlen . Madame Steinheim war ein sehr hübsches , siebzehnjähriges , höchst schüchternes Wesen , das zu ihrem Manne wie zu einer Gottheit emporsah und sich nicht der Ehre werth zu fühlen schien , ihm anzugehören . Steinheim war sehr stark geworden und pflegte sein Aeußeres und seine Gesundheit noch mit der alten übertriebenen Vorsicht . Die junge Frau , welche diese seine alte Schwäche noch nicht zu kennen schien , stand ihm darin mit ängstlicher Sorgfalt bei . Nachdem Jenny die Angekommenen mit ihren Freunden bekannt gemacht hatte , fragte sie Steinheim , was ihn , den abgesagten Feind alles Reisens , zu dem Entschluß gebracht habe , sich dennoch auf den Weg zu machen und eine Häuslichkeit zu verlassen , die jetzt erst wahren Reiz für ihn haben müsse . Ich bin mir selbst ein Räthsel ! antwortete er , und mir scheint , daß mit dem Liebesfrühling , der so urplötzlich in meiner Brust erwachte , ein ganz neues , junges Leben für mich begonnen hat . » Ein unbegreiflich holdes Sehnen trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn . « Ich wünschte meiner Frau zu zeigen , wie schön die Welt sei und konnte mich der Gefahr , die das Reisen für meine Gesundheit hat , jetzt leichter aussetzen , da Hannchen - er wies dabei auf seine Frau - mit dankenswerther Sorgfalt über mir wacht . Aber findest Du nicht , sagte er , sich unterbrechend , daß der Fußboden hier feucht ist , mein lieb ' Schätzchen ? Das liebe Schätzchen bejahte es , und nach einer leichten Entschuldigung gegen die Damen , ließ Steinheim den Teppich unter seine Füße breiten und zog den Ueberrock an , wobei der Diener und seine Frau ihm behülflich waren . Dann fragte er nach William und Clara , von deren Anwesenheit in Baden er durch Eduard gehört hatte , während ihre Abreise ihm fremd war , denn auch er war schon längere Zeit auf der Reise und vom Hause entfernt . Er erkundigte sich , wem die Kinder gehörten , die seitwärts unter Obhut der Wärterinnen sichtbar waren . Man rief Richard herbei , ließ Lucy bringen und auch das hübsche , nun sauber gehaltene Kind der armen Frau , wobei die Verhältnisse derselben nochmals flüchtig besprochen wurden . Da sieht man , sagte Steinheim , wie tief das Gefühl für Standesunterschiede im Menschen begründet ist , das man einen leeren Wahn schilt . » Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt , wer mag sich gern davon befreien « , besonders , wenn es darauf ankommt , eine Ehe zu schließen , in der vollkommene Gleichheit der Verhältnisse die erste Bedingung zum Glücke ist ? Hätte Steinheim absichtlich eine Aeußerung machen wollen , die für alle Anwesende gleich verletzend wäre , er hätte keine bessere finden können . Seine Frau und Frau von Meining waren Beide wohl um zwanzig Jahre jünger , als ihre Männer , und welch unangenehmen Eindruck Jenny und Walter durch die Behauptung empfingen , bedarf keiner Erwähnung . Steinheim fühlte aber davon nichts , da er die Verhältnisse der einzelnen Personen nicht kannte und fuhr , immer nur mit sich beschäftigt , fort : Es hat eine Zeit gegeben , in der ich auch an ein Verschmelzen der Stände , wo möglich gar an eine gleichmäßige Vertheilung der Güter dachte und , von Eduard ' s Ueberspanntheit angesteckt , nur von Reformen und von Weltverbesserungen träumte . » Der Traum war kindisch , aber göttlich schön « ; ich gestehe es , obgleich ich mich freue , daraus erwacht zu sein . Und was hat denn Ihre plötzliche Sinnesänderung bewirkt ? fragte Walter . Herr Graf ! » die Zeit kommt auch heran , wo wir was Gut ' s in Ruhe schmausen mögen « , antwortete der Gefragte , sich selbst Beifall lächelnd . Dies Reformiren , Politisiren und dergleichen schickt sich nur für die Jugend , die Nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen hat . Zudem trieb der ewige Aerger , in dem solch ein Parteikampf uns hält , mir die Galle in ' s Blut , raubte mir den Schlaf und hätte mich zuletzt noch um Gesundheit und Leben gebracht , wenn mir nicht endlich die Erkenntniß gekommen wäre , daß es für mich Zeit sei , den Liberalismus Andern zu überlassen und fortan nur mir , der Literatur , die Ansprüche an mich hat , und meiner kleinen Frau zu leben , die mit meinem Entschlusse sehr zufrieden ist . Gestehen Sie , Herr Graf ! das ist das Vernünftigste , was man thun kann . Sie , ein Edelmann aus altem Hause , werden es begreiflich finden , daß ich , ein nicht unbemittelter Bürger , das Haupt einer Familie , mich aus Grundsatz zur äußersten Rechten halte und entschieden gegen Alles eifre , was gegen das Bestehende läuft . Der Unterschied der Stände ist ein heiliger und muß aufrecht erhalten werden , wie der des Besitzes und des Glaubens ; und nur wenn das geschieht , kehrt sie wieder : » die goldne Zeit , womit der Dichter uns zu schmeicheln pflegt « . Steinheim glaubte , als er das Schweigen der Gesellschaft , das entzückt aufhorchende Gesichtchen seiner Frau bemerkte , des allgemeinen Beifalls sicher zu sein und warf sich mit der Bravour einer Sängerin , die eine große Arie glücklich beendet hat und nun des Bravo harrt , in seinen Stuhl zurück . Umsonst ! Niemand rief ihm Beifall zu , die Frauen warfen einzelne Worte hin und nur Walter sagte kurz : Ich bekenne Ihnen , daß ich nicht Ihrer Meinung bin ! als ob er es nicht der Mühe werth hielt , sich in irgend eine nähere Erörterung einzulassen . Dann ging er schnell zu andern Dingen über , fragte Steinheim nach seinen Reisen , und bald war dieser auf ein neues Steckenpferd gebracht . Er sprach von den Theatern , die er besucht , von der Art , in welcher der berühmte Seidelmann , den Alle kannten , den Nathan dargestellt hatte , und erklärte dieselbe für die vollendetste Schöpfung der Schauspielkunst . Der Kunst , bemerkte Walter , insofern sie der Natur entgegensteht , denn diese fehlt den Schöpfungen von Seidelmann , mehr oder weniger , fast immer . » Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt ? dem dies , dem das « , recitirte Steinheim , und Sie müssen doch eingestehen , daß Lessing ' s Nathan ein Meisterwerk ist , und daß jener Schauspieler die Absicht des Dichters immer vollkommen begreift und versinnlicht . In diesem Falle bestimmt nicht ! sagte der Graf . Mir scheint , was die Dichtung anbetrifft , Nathan der Weise überhaupt mehr eine großartige Allegorie , ein didaktisches Gedicht , als ein darstellbares Schauspiel zu sein . In dem Bestreben , die positiven Religionsunterschiede als unwesentlich darzustellen , sobald die innere , wahre Religion vorhanden , hat Lessing den einzelnen Repräsentanten der verschiedenen Confessionen ihren nationalen und durch den Glauben bedingten Typus genommen , so daß Saladin , der Templer und Nathan , drei so ganz abweichende Charaktere , eine Art von protestantischer Familienähnlichkeit bekommen . Das thut dem Interesse Abbruch , welches man an ihnen nähme , wenn die Gegensätze schärfer gezeichnet wären . Dazu kommt noch , daß die Ruhe , mit der der Templer , der strenggläubige Christ , sich als den Abkömmling eines Muselmannes , den Bruder einer Jüdin erblickt , etwas Unwahres hat , wie der ganze Schluß , der nicht befriedigt - wenigstens auf der Bühne nicht . Das Schauspiel unterhält den Zuschauer nicht , so herrlich das Gedicht ist , und wird durch den Darsteller noch langweiliger1 . Madame Steinheim , die bis dahin fast kein Wort gesprochen , sondern sich mit den Kindern beschäftigt hatte , stimmte dem Grafen schüchtern bei . » Brutus ! auch Du ? « rief ihr Mann , und drohte ihr mit dem Finger , in einer Weise , die er für schalkhaft zu halten schien . Madame Steinheim hat Recht ! bekräftigte Walter . Gerade da liegt jenes Schauspielers Fehler in dieser Rolle . Er ist nicht der schlichte , klare Mann , der aus eigener Anschauung Gott , die Welt und den Menschen begriffen hat ; nicht der anspruchslose Weise , der sich seiner hohen Weisheit kaum bewußt ist und sie für die natürlichste Erkenntniß hält - sondern ein selbstbewußter Gelehrter , der seine Sentenzen im Kathedertone vorträgt , weil er ihre wichtige Bedeutung fühlt . Deshalb stellt er sich jedesmal in Position , ehe er eine seiner moralischen Behauptungen spricht und der Schein von Demuth , von Schlichtheit , mit dem er sich umgibt , täuscht uns keinen Augenblick . Lessing dachte sich einen Erzvater in heiliger , erhabener Einfalt und jener stellt uns einen Professor des neunzehnten Jahrhunderts vor , der wohl fühlt , daß er tausend Mal gescheuter sei , als sein Auditorium , sich aber hütet , es zu zeigen , weil er weltklug genug ist , Niemand beleidigen zu wollen . Er erscheint feig und arrogant zugleich . Frau von Meining lächelte und stimmte dem Grafen bei , auch Jenny schien seine Ansicht zu theilen . » Dergleichen Reden hören sich gut an , doch hat es allerlei Bedenkliches damit ! « sagte Steinheim . Vor Allem vergessen Sie nicht , daß Nathan , der Unterdrückte , der verachtete Jude , zu seinem Herrn und Unterdrücker spricht . Das mag die bescheidene , fast furchtsame Weise seines Auftretens bei aller seiner Selbstschätzung entschuldigen . Im Gegentheil ! rief Jenny . Wenn er es fühlt , daß er ein freier Mensch ist vor den Augen des Schöpfers , wenn er die Qual empfindet , unterdrückt , verachtet zu sein , so muß ihn das nur stolzer gegen seinen Unterdrücker machen . Was kann ein Mann wie Nathan fürchten ? - Ketten und Gefängniß ? Darüber erhebt ihn sein Selbstgefühl ; - den Tod ? Er hat sein Weib und seine Söhne sterben sehen und Gott getraut , er kann den Tod für sich nicht fürchten . Feigheit ist nur die Schwäche kleiner Seelen ; wer sich wie Nathan frei empfindet , fürchtet Niemand und fühlt sich , selbst als verachteter Jude , den Besten gleich ! Sei es , daß Jenny durch Steinheim ' s frühere Behauptung über die nothwendige Gleichheit in der Ehe verstimmt worden war , oder daß der Ausdruck » verachteter Jude « , den er jetzt gebraucht , ihr in Walter ' s Anwesenheit unangenehm gewesen , genug , sie fühlte einen Unmuth in sich , der ihr fast Thränen erpreßte . Mit ungewohnter Heftigkeit hatte sie die letzten Worte gesprochen und stand dann schnell auf , um ihrem Vater entgegen zu gehen . Sie fiel ihm um den Hals und küßte seine Hände : Du weiser Mann , Du armer verachteter Jude ! sagte sie so leise , daß selbst ihr Vater die Worte nicht vernahm , der sich begrüßend zu Steinheim wandte , heiter nach Nachrichten aus der Heimath fragte und Alle in die Unterhaltung verwickelte . Nur Jenny war in tiefes Nachdenken versunken . Walter bemerkte es und versuchte vergebens , in ihrer Seele zu lesen , als ein leichter Windstoß durch die Luft fuhr und Madame Steinheim unruhig auf ihren Gatten blickte . Er schlug den Kragen seines Ueberziehers in die Höhe und rief : » Wie ras ' t die Windsbraut durch die Luft ! Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken ! « Weißt Du , Hannchen ! ich fühle ein Schnupfenfieber im Anzuge , und wenn wir dies Baden-Baden nicht bald verlassen , stehe ich für Nichts . Indeß , wenn es Dir hier gefällt .... Um Gottes willen , nein ! sagte die kleine Frau ängstlich , und dann zu den Damen gewandt : Es ist ganz prächtig in Baden und ich hatte gehofft , hier das Badeleben kennen zu lernen , von dem man mir immer erzählt ; aber mein Mann hat so erstaunlich reizbare Nerven und meinte gleich , die Luft in diesem engen Thale würde ihm nicht zusagen . Darum wollte ich nur , wir wären schon heraus und in Ems , wo mein lieber Steinheim eine Cur zu brauchen denkt . Während dieser Rede war Steinheim aufgebrochen , hatte sich fest in seinen Rock geknöpft , seine kleine Frau an den Arm genommen und empfahl sich , Goethe ' s Worte parodirend , also : » » Wir aber , die wir hier nur Fremde sind und hier nur wenig Augenblicke weilten , wir kehren freudig und entzückt zurück , wenn wir Euch in der Vaterstadt begrüßen . Ihr zählt uns zu den Euren und wir fühlen , welch einen Vorzug uns dies Loos gewährt . « « Bald war das ungleiche Paar den Blicken entschwunden . Der Diener mit dem zusammengerollten Teppich folgte ihm in gemessener Entfernung auf dem Fuße nach . Eine größere Gesellschaft hatte sich am Abend bei Frau von Meining versammelt . Es war das erste Mal , seit sie in Baden lebte , und sie hatte es Herrn Meier und Jenny zur Pflicht gemacht , von der Partie zu sein , da sie dieselben mit einigen Personen bekannt zu machen wünschte , die ihnen fremd waren . Die Gesellschaft war ziemlich belebt , man hatte geplaudert , musicirt und die Geheimräthin forderte Jenny auf , nun auch etwas zu singen . Bereitwillig ging diese aus dem Salon in das Wohnzimmer , in der Hoffnung , unter den dort befindlichen Noten mehrstimmige Sachen zu finden , weil sie glaubte , daß dergleichen unterhaltender sein würde . Die Etagère , auf der die Noten lagen , stand hinter einer Thür , deren geöffnete Flügel Jenny verbargen , so daß sie von einigen Personen , die in der Thür standen , nicht gesehen werden konnte , obgleich kein Wort , das jene sprachen , für Jenny verloren ging . Was wird man jetzt singen ? fragte eine alte Dame , deren Brust ein Stiftskreuz zierte , einen jungen Attachè der österreichischen Gesandtschaft beim Bundestage . Ich glaube , das Fräulein Meier proponirte mehrstimmige Piecen ! antwortete der junge Mann . Sagen Sie mir , lieber Baron ! die Meier ' s scheinen ja Juden zu sein , wie kommt Frau von Meining und namentlich Graf Walter zu den Leuten ? Man sagt , er soll der unablässige Begleiter dieser Familie sein und man hält ihn für extravagant genug , die Vermuthungen , von denen ich eben in dieser Rücksicht hörte , wahr zu machen , sagte die Stiftsdame . Wie können Sie nur so etwas wiederholen , meine Gnädigste ! Graf Walter gefällt sich allerdings darin , der Rotüre gegenüber den Liberalen zu spielen , indeß von der Thorheit , die Sie ihm zutrauen , eine Jüdin zu heirathen , ist er sicher fern . Die Meier ist hübsch und pikant . Die Galanterie eines Grafen wird ihrer Eitelkeit schmeicheln und Sie wissen , die Freiheit des sogenannten Badelebens entschuldigt Manches ! schloß lachend der Baron . Athemlos und wie gelähmt stand Jenny da , den Kopf gegen eine Säule der Etagère gelehnt , als Frau von Meining zu ihr trat , der ihr langes Ausbleiben aufgefallen war . Erschreckt fuhr sie empor , faßte sich aber gleich und sagte anscheinend ruhig : Ich finde die Noten nicht und möchte überhaupt nicht singen , wenn Du mich davon freisprechen wolltest . Aber davon wollte Frau von Meining nichts hören . Mit den freundlichsten Bitten nöthigte sie Jenny , an dem Flügel Platz zu nehmen und wenigstens irgend ein Lied zu singen , um damit der Gesellschaft ihren Tribut zu zahlen . Einen Augenblick schien Jenny nachzudenken , sie mochte um die Wahl eines Liedes verlegen sein , dann war es , als ob ihr plötzlich ein Gedanke käme , sie griff mit sicherer Hand ein paar Accorde und begann Byron ' s » Mädchen von Juda « zu singen , das von Kücken so meisterhaft komponirt ist . Ihre starke , metallreiche Stimme schien von dem Zorn in ihrer Brust einen neuen Zauber zu gewinnen , die tiefste Trauer klang aus ihren Tönen und als sie die zweite Strophe mit den Worten endete : » O Vaterland süß , o Vaterland mein ! wann wird dir Jehovah ein Rachegott sein ? « wagte Niemand zu athmen und Alle standen wie festgebannt und beherrscht durch die Gewalt des Zornes , der in diesen Tönen zu Gott rief und von ihm Rache erflehte . Dann ging der Gesang wieder zu wehmüthiger Klage über , Jenny ' s Stimme wurde weicher , bis sie nochmals mächtig erklang in den Worten : » in Knechtschaft des Feindes der Jude verlacht « , und endlich matt in dem Wunsche erstarb : » O Vaterland süß , o Vaterland mein ! könnt ich nur im Tode vereinet dir sein . « Die Röthe der Begeisterung , die während des Singens Jenny ' s Wangen gefärbt hatte , war gegen das Ende des Liedes gewichen . Ruhig , aber angegriffen , stand sie vom Instrumente auf . Kein lautes Zeichen des Beifalls war zu hören , in Vieler Augen standen Thränen ; Andre sahen sich befremdet an . Sie schienen dunkel zu ahnen , daß