seine weiche und charakterlose Unbestimmtheit zürnte : auch auf den Herzog Bracciano war sie erbost , und wies mit schnöden Worten alle Hülfe zurück , die er ihr großmütig anbot ; denn sie meinte , er hätte sich bei dieser Entwicklung der großen Begebenheit mit mehr Kraft und Kühnheit betragen sollen . Gegen den Bischof , ihren ältesten Sohn , gab sie ihren Haß offen kund ; sie sah ihn nicht wieder , so oft er auch bei ihr einzudringen suchte . Selbst auf die freundlichen Botschaften und Briefe ihrer Tochter Vittoria nahm sie keine Rücksicht . So , von aller Welt verlassen und Freunden wie Feinden unsichtbar geworden , war sie nun endlich , ohne Spur , verschwunden . - Auch in der Landschaft war allenthalben die Kunde erschollen von der Ermordung Vitellis , der Empörung des Orsini , und der Verhaftung der Vittoria Peretti , sowie von der Anklage gegen sie . Das Volk , welches sich so gern mit Märchen trägt und diese am liebsten glaubt , verband damit tausend unmögliche Bosheiten und wunderbare Zufälle : von Bezauberung , Gift , Gespenstern und Geständnissen auf der Folter war die Rede , und in der kleinen Stadt Tivoli , in welcher die Familie Accoromboni oft gewohnt hatte und in ihr gewissermaßen einheimisch war , wurde am meisten über diese neuesten Begebenheiten geschwatzt und geurteilt , verschieden und mannigfaltig , je nachdem man den Angeklagten freundlich oder feindlich gesinnt war . Doch hatte auch hier das Märchen bei den meisten Eingang gefunden , Vittoria habe durch einen Liebestrank den Herzog Bracciano bezaubert , auf dieselbe Weise den jungen Luigi Orsini unsinnig gemacht , den Gemahl Peretti durch den Bruder umbringen lassen , so wie sie den Kardinal Farnese habe vergiften wollen und jetzt sitze sie mit der Mutter im Kastell gefangen , weil sie der Papst in kurzer Zeit beide als Hexen öffentlich wolle verbrennen lassen . - Der alte Pfarrer Vinzenz wandelte langsam durch die Stadt und überlegte sich diese tollen und törichten Erzählungen , sowie so manches , was er in seinem Leben schon gesehn und erfahren hatte . Alles , sagte er zu sich , gleicht diesem Teverone hier . Da oben fließt er glatt und freundlich , die Ufer mit ihren Gebüschen und Hügeln spiegeln sich in der klaren Flut , sie kommt näher und rennt , und rennt , immer schneller , nun stürzt sie wogend , unaufhaltsam , brausend , in Klagen und Verwünschungen tief hinunter in den Abgrund . - Wie freundlich , erquicklich lebten sie hier und schienen so sicher und fest , stolz und selbstständig . Und nun - zu hoch wollten sie hinaus - die Ebne war ihnen zu gering , und nun dieser Absturz ! Er stand jetzt vor einem zierlichen Hause , welches einzeln lag . Er war seit lange nicht diesen Wänden , die mit Efeu bewachsen waren , vorbeigegangen . Nun ward er hier durch ein seltsames Getön festgehalten . Er hörte nämlich mit heiserer Stimme einzelne Strophen aus Volksliedern übertrieben laut und kreischend singen , dann plötzlich Stille , ohne die Melodie zu beschließen - Aufschrei , Schluchzen - dann wieder Gesang , von lauten Flüchen und Verwünschungen unterbrochen . Jetzt tat es einen harten Fall , und nun vernahm der Alte Winseln und Schluchzen und vielfältige Klagelaute . Die Fenster waren gegen die Sonne verschlossen , er konnte nicht hineinsehn , ob sich hier ein Unglück zugetragen habe . Er näherte sich der Tür , sie war nicht verriegelt , und er trat in das freundliche Haus , welches nicht zu einem Aufenthalt des Elends bestimmt schien , mit zögernder Furcht und einem leisen Schauer . Das Winseln und Schluchzen ließ sich nach einer Pause wieder vernehmen . So öffnete er entschlossen die Tür des Zimmers , aus welchem er den Ton vernahm , und trat in das halb dunkle Gemach . » Bedarf jemand einer menschlichen Hülfe ? « frug er mit gedämpfter ängstlicher Stimme - und fuhr mit lautem Schrei , sich entsetzend , zurück , denn eine große weibliche Gestalt lag ausgestreckt auf dem Boden , die man für eine Leiche hätte halten können , wenn nicht die schwarzen feurigen Augen im kreideweißen , alten , ganz abgemagerten Gesicht sich heftig bewegt hätten.- » Wer ist da ? Welcher Sterbliche ? « sagte die mächtige Gestalt , und erhob sich langsam vom Boden . Ihr greises langes Haar schüttete sich bei der Bewegung über das Gesicht , sie lächelte furchtbar und warf es nun ganz über das Antlitz hinüber , bückte sich nach vorn und nahm ein Gebetbuch vom Ruhebett auf , stellte sich gekrümmt so in die Mitte des Zimmers , als wenn sie in Andacht lesen wollte , und sah in dieser Gestaltung einem wilden reißenden Tiere oder einem Ungeheuer nicht unähnlich . Nun fuhr sie mit einem Sprunge auf den alten Priester los und schrie : » Nun , warum weichst du nicht dem Banne , wenn du doch ein Gespenst bist ? « » Nichts weniger « , sagte der Alte mit erzwungener Ruhe , » ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch , und wollte der Himmel , daß ich Euch so betiteln könnte . Aber mir scheint , als wenn Ihr gewaltig über die Stränge geschlagen hättet . - Seid Ihr denn nicht mit Verlaub , jene Dame Julia Accorombona , die sonst mit ihrer schonen Tochter hier in diesem Hause wohnte , das ich freilich erst jetzt wiedererkenne ? « » Meine Tochter ? « rief die Wahnsinnige , und setzte sich mit Majestät auf einen hohen Sessel . Sie nahm einen Kranz , von Stroh geflochten , und rückte ihn auf den grauen Scheitel zurecht , indem sie die Masse der verwirrten Haare über den Rücken warf - » meine Tochter ? elender Sklave ! wie wagst du es , diese nur zu nennen ? Sie ist die weltberühmte Kaiserin Semiramis , und sitzt da droben unter goldenem Baldachin , hoch , hoch in ihren schwebenden Gärten , und sinnt , so wie sie die Elfenbeinhand an die glänzend weiße Stirn legt , und sich mit der andern auf den goldenen Szepter stützt , auf neue Weltwunder . O solch himmlisches Bild von Schönheit , Würde und Majestät ist noch niemals auf Erden gesehen worden , und Raffael , der große Maler , hat vorgestern bei unserm Pluto um die Erlaubnis nachgesucht , daß er aus seinem Grabe kommen und die Himmlische malen dürfe . « » Laßt die Dummheiten , liebe , unglückselige Frau Julia « , sagte der Priester , dessen Sinne halb verwirrt waren : » der Himmel hat Euch heimgesucht , fügt Euch seinem Willen in gelinder Demut , und er wird Euch Euern Verstand , der recht ansehnlich war , wiedergeben . « » Meine Königreiche soll er mir zurückgeben ! « rief sie mit Ungestüm : » - aber still - schon hat mein David , mein Sohn den Riesen überwunden - nun geht er , der gesalbte König , mit seiner tapfern Schar und streift durch das Gebirge - sie bewirten , sie fürchten ihn - der Herr hat ihn gesalbt durch Samuel seinen Hohepriester - er wird den Saul überwinden , und dann wird David vor allem Volke gekrönt . Dann führt er die Mutter , die Unbekannte , Verschleierte , zu seinem Thron , und alle Völker beten sie an , die Unsterbliche , die solche Kinder zur Welt gebracht hat . « » Was die Gottlose für Reden führt ! « rief Vinzenz unwillig aus : » versündigt Euch nicht an der Schrift und dem heiligen Wort . Der verruchte Marcello soll wie David sein , der königliche Prophet ? der Auserwählte des Herrn ? Wo steht das geschrieben ? Banditen und Mörder sind keine Heilige : mit Blut , nicht vom Samuel sind sie mit dem heiligen Öl gesalbt und getauft . « » Was ? « rief sie , sprang auf , und ergriff den Erschrockenen heftig bei der Hand : » seid Ihr ein Levit und versteht die Gesetze und Prophezeiungen so ganz und gar nicht ? Habt Ihr vom Daniel gelesen , der ein Liebling des Königs war ? seht , Einfältiger , das ist mein Sohn Flaminio , er mit dem flammenden römischen Geist , jetzt Geheimschreiber bei dem großen Tyrannen Holofernes . Und der fromme Bischof , mein Sohn , der große Kirchenpfeiler , beredter wie Chrysostomus , gelehrter wie Origines , heiliger als Augustin ; er wird morgen zum Papst erwählt vom Heiligen Geist . « » Nun , das fehlte uns gerade noch « , sagte Vinzenz murrend . » Sündiges Weib ! « rief er , » haltet inne , ist es nicht genug , daß Ihr selber rasend seid , müßt Ihr mich auch noch toll machen ? « » Gelinde , Männchen « , erwiderte sie mit jenem furchtbaren Lächeln der Wahnwitzigen , und streichelte ihn unter dem Kinn : » - sprecht nicht so mit der berühmten Cornelia - wißt Ihr ? Mein Sohn , der Cajus Gracchus ist viel ungestümer , als jener ältere , der Tiberius , er läßt Euch sogleich hinrichten , wenn ich Euch bei ihm verklage . Dann werdet Ihr vom Tarpejischen Felsen , gleich hier nahebei , in den Wasserstrom hinuntergeworfen . Das haben wir hier recht bequem . - Ach ! « schrie sie - und sprang plötzlich auf und rannte heulend durch das Gemach ; alle Stühle und Sessel packte sie an - » Hülfe ! Hülfe ! « rief sie - » sie versinkt , meine Tochter ! mein Kind ! der Mörder , der verruchte , der schändliche Camillo hat sie hineingestürzt ! « » Warum nicht gar ! « schrie ihr der Geistliche entgegen ; - » nehmt Vernunft an , kurioses , altes Weib , oder jeder Mensch muß Euch für toll halten , wenn Ihr so alberne Dinge sprecht ! « » Nun , so laß uns tanzen , Schatz ! « sagte sie , » wenn es denn wirklich nicht so böse gemeint ist . « - Sie sprang auf , und fiel gleich wieder in den Sessel . » Nein « , sagte sie matt , » mein Gebein ist zu schwach geworden , der Gram hat mich ausgehöhlt . Ich kann auch nicht mehr singen . Wißt Ihr meine schönen Verse ? Ja , mein Befreites Jerusalem haben sie nun auch herausgegeben und mich obenein in den Narrenturm gesperrt : Ihr seht es , mit den Verrückten , wovon Ihr einer seid , muß ich nun sprechen und poetische Akademien halten . Nun improvisiert gleich über ein Thema , das ich Euch geben will . « » Das ginge mir ab « , sagte Vinzenz : » ich verrückt und die da klug . « » Wie Asträa die Welt so ganz und gar verlassen hat ! « fuhr die Alte fort . » O über den Greuel , die Schandtat , die sich seitdem entwickelt . Wie die Unschuld nun unterdrückt wird , wie der Arme blutet , das Gesetz den Gerechten zerschneidet und Bosheit und Frevel in Purpur gekleidet geht . Den Farnese wollen sie zum Papst machen , dann wird Luigi Governador von Rom und alle die Meinigen sind dem Untergang geweiht ! Betet , daß Christus und Maria uns die Asträa wiederschicken . « » Einen Funken Verstand sollten sie an Euch wenden « , sagte jener : » aber sie denken vielleicht , das wäre doch nur ein weggeworfnes Gut . « Als er sah , daß die Kranke sich etwas beruhigt hatte , war es ihm auch möglich , verständiger und eindringlicher mit ihr zu reden . Sie hörte ihn an und begriff sein Wohlwollen , da jetzt nach jener Erhitzung die gute Stunde bei ihr herrschte . Sie brachte ihr Haar in Ordnung , warf einen Mantel über , und versprach , mit Gelassenheit den Willen des Himmels zu tragen . Ihre Dienerin kam , eine junge , einfältige Bauernmagd , die ihr das wenige von Speise und Trank brachte , welches sie genoß . Nur diese , die ihr nie antwortete , sich über ihre tollen Reden weder verwunderte , noch sie anhörte , durfte zu ihr , sonst war vor aller Welt ihre Tür verriegelt , und niemand erfuhr es , selbst die Einwohner von Tivoli wußten es nicht , daß die Signora Julia , welche sie ehemals wohl gekannt hatten , sich in ihrer Nähe aufhielt . So gewöhnte der redliche Vinzenz die arme Kranke an seine Gegenwart , und es schien in mancher Stunde , als wenn dieser , freilich zu ihrem Schmerz , Vernunft und Bewußtsein zurückkehrte . Oft zankten sie wieder heftig , denn er wollte es nie dulden , daß sein Neffe , der unschuldige Camillo , Ursache am Unglücke der Familie sein solle . Verglich sie wieder den abtrünnigen Marcello mit David , so geriet der Priester außer sich , so daß es in solchen Momenten schwer zu entscheiden sein mochte , wer von beiden der Törichte sei . Denn , wenn er ihr die mythologischen und geschichtlichen Torheiten christlich nachsah , wenn sie sich bald diese bald jene große Königin , oder Juno , Minerva , manchmal Niobe nannte , so war er desto strenger und unerbittlicher , wenn sie in die Geheimnisse der Religion anmaßend hineingriff , und sich und den Ihrigen die großen heiligen Personen der Bibel oder Legende aneignen wollte . Da sie seine Unversöhnlichkeit in diesem Punkte kennenlernte , entwöhnte sie sich auch dieses Frevels und begnügte sich mit der weltlichen Geschichte und der heidnischen Poesie . - Aber , ohnerachtet dieser Torheit , ward sie auf diesem Wege milder , und selbst christlicher und vernünftiger . - Hätte ich je von mir geglaubt , sagte der Priester zu sich selbst , als er an einem Abend von ihr ging , daß ich noch einmal so ein starker Heidenbekehrer werden könnte ? Und daß sich wirklich doch zuweilen Beelzebub durch Satan vertreiben läßt ? Vielleicht haben aber auch andre , viel größere Männer als ich Ärmster , schon ehemals diese Künste geübt und ihre heilsame Wirkung erfahren . Viertes Kapitel Obgleich der Papst Gregor nicht krank war , so konnte doch jedermann bemerken , daß in seinem hohen Alter seine Kräfte sichtbar abnahmen . Vielerlei Bewegungen , Verbindungen , mancherlei Versprechen waren geschehn und im Kollegium der Kardinäle , sowie unter den Prälaten und den Gesandten der fremden Mächte vorgefallen . Alles rüstete sich schon auf den Fall einer so wichtigen Veränderung . Der Nepote , oder Sohn des Papstes , Buoncompagno , der Statthalter von Rom und Oberbefehlshaber des römischen Heeres hatte Ursach , am meisten bei einem vorfallenden Wechsel besorgt zu sein . Der Papst , der immer gern rechtlich und im christlichen Sinne handelte , war nicht darauf ausgegangen , sosehr er und mit Leidenschaft diesen Buoncompagno liebte , ihn zu einem unabhängigen Fürsten zu machen , und er sprach den Ungeduldigen , der höher hinaufzusteigen wünschte , oft zufrieden , und riet ihm , sich mit seinem bedeutenden Posten zu begnügen . Um nicht zu viel zu wagen , hatte der Statthalter sich mit dem Großherzoge von Florenz versöhnt , der ihn hafte , und alle Zerwürfnisse , aus welchen die Entzweiung hervorgegangen war , hatte Buoncompagno jetzt durch die Vermittlung des klugen Kardinals Ferdinand beigelegt . Vittoria leistete dem Governador oft Gesellschaft , um ihn aufzuheitern , und dieser fand stündlich Gelegenheit , ihren Verstand und festen Charakter zu bewundern . Selten nur ward eine ausgelesene kleine Vereinigung von Freunden hinzugelassen , weil der Statthalter von seiner Milde und Freundschaft nicht viel reden machen wollte , da der Papst unversöhnlich schien , und Vittorien noch ebensosehr , wie im Moment der Anklage , zürnte . Diese erfuhr von diesem Hasse des Oberhauptes nichts und hoffte von einem Tage zum andern ihre völlige Freiheit zu erhalten , sie suchte sich daher an ihren geliebten Dichtern und eignen Arbeiten zu erheitern , sie sang und war gegen die Dienerschaft und alle Menschen , die mit ihr in Berührung kamen , mitteilend und freundlich . Nur gegen den einen hatte sie ihren bittern Zorn nicht verhehlen können und mögen , gegen ihren ältesten Bruder Ottavio . Dieser Unglückselige , von den Furien des Stolzes und Hochmutes unablässig verfolgt , hatte sich kürzlich mit ihr versöhnen wollen , als sie ihn mit so vieler Bitterkeit abgewiesen hatte . Schon seit einiger Zeit fühlte er sich gekränkt und unglücklich , da alles , was er gehofft und gewünscht hatte , sich nicht der Erfüllung nähern wollte . Die Partei des Montalto wies ihn von sich , wegen des Bruders Marcello und des Unterganges des Peretti , auch der Papst war ihm erzürnt , und die Florentiner , die sich mit andern dem Medicäer anschlossen , vermieden ihn ebenfalls . Es war schon jetzt ziemlich ausgemacht , weil die Verbindung gegen den Mächtigen allzustark war , daß bei Erledigung des päpstlichen Stuhles nicht dem Farnese die hohe Stelle zugeteilt würde . Dies schmerzte den Bischof Ottavio , weil er darauf wie auf eine feste Hoffnung gebaut , und darnach seinen ganzen Lebensplan eingerichtet hatte . Noch mehr aber ward er gekränkt , daß sich Farnese nicht nur völlig von ihm abwendete , sondern ihm auch öffentlich seine Feindschaft erklärte . Der Kardinal , welcher gern jede Spur seines Verhältnisses zu Peretti , Vittoria und ihrer Mutter in Vergessenheit bringen wollte , behandelte seinen Schmeichler Ottavio als einen Verdächtigen , der vielleicht in Verbindung mit seinen Feinden gestanden habe , um ihm in der öffentlichen Meinung zu schaden . Er mochte selbst davon überzeugt sein , daß Ottavio ein zweideutiger Charakter sei , da er gesehn , wie er sich gegen die eigne Familie hatte brauchen lassen . Dem Herzog Bracciano und allen Freunden dieses großen Hauses durfte Ottavio sich nicht nähern , weil ihn der Fürst , der seinen Charakter kannte und alles Böse wußte , das er der Schwester hatte zufügen wollen , haßte . Selbst Flaminio , der jüngste Bruder und der Vertraute Braccianos , wollte ihn nicht sehn , auch die kranke Mutter hatte ihn mit Verwünschungen zurückgewiesen und sich vor ihm verschlossen . So war sein Herz halb gebrochen , als er noch erfuhr , die Mutter sei ohne Spur verschwunden . Lange waren alle Nachforschungen vergeblich , endlich sagte ihm ein dunkles Gerücht , daß sie sich wahrscheinlich nach Tivoli gewendet habe . - So sah man nach einiger Zeit einen kranken blassen Mann in Tivoli mit schwankenden , ungewissen Schritten umherirren . Er lehnte sich oft , wie erschöpft , an einen Baum oder eine Mauer : er schien viel zu sinnen und sich mancher Dinge mit Trauer und Leid zu erinnern . Schon lange hatte den wie im Schwindel Umhertaumelnden der alte Pfarrer Vinzenz von seinem Fenster aus beobachtet . Da der Kranke jetzt einer Ohnmacht nahe schien , so trat er aus seiner Tür , um ihm Beistand zu leisten . » Tretet zu mir ein , kranker Herr « , sagte der Priester , » erquickt Euch in meiner kleinen Hütte , und laßt mich , wenn Ihr es bedürft , den guten Apotheker herbeirufen . « - » Nein « , erwiderte jener , » setzt Euch , wenn Ihr Zeit habt , ein wenig zu mir , auf diese Steinbank , und beantwortet mir einige Fragen . « » Gern « , sagte der Priester . » Wißt Ihr denn vielleicht , ob sich eine Donna Julia Accorombona hier im Orte aufhält , und wo sie ihre Wohnung genommen hat ? « Jetzt erst erkannte , fast mit Entsetzen , der Alte diesen Fragenden . In dieser unscheinbaren , kümmerlichen Gestalt , so ganz zerbrochen und ohne Würde , saß jener hochmütige , starke , straff aufgerichtete Ottavio neben ihm , der , als er nur noch Abt war , den armseligen Priester von oben herab kaum eines Blickes gewürdiget hatte . Ein Schauer über den Wandel menschlicher Schicksale und die Unbeständigkeit des Glückes ergriff ihn : es kostete ihn Mühe , sich zu fassen und seine Erschütterung zu verbergen . » Ihr wißt also « , fing der Bischof mit schwacher Stimme wieder an , » wo diese Donna Julia sich aufhält und könnt mich zu ihrer Wohnung führen ? « » Gewiß « , sagte der Priester , » auch bin ich der einzige , den sie seither gesehn und gesprochen hatte . « » Ich war an jenem Hause « , sagte Ottavio , » aber alles war verschlossen und fest verriegelt . Wie geht es ihr ? Ist sie genesen und mehr beruhigt ? « » Jetzt ist sie ganz ruhig « , antwortete Vinzenz . » Nun so gehn wir , doch gebt mir vorerst einen Becher Wasser . « » Kommt , geehrter , ehrwürdiger Herr « , rief Vinzenz , indem er hastig aufstand , » würdigt meine Hütte , hineinzutreten , genießt etwas und erstarkt Euch mit einem Trunke Weins . « » Nein « , sagte Ottavio , » nur Wasser . « Jener ging in das Haus , und jetzt erinnerte sich auch Ottavio , daß dieser jener armselige Priester sei , den er vormals , als einen unwissenden , geringen Menschen schnöde behandelt habe . Der Alte kam mit dem Wasser , das er in seinem zierlichsten Becher auf einem Untersatz brachte . Zitternd vor Rührung nahm der Bischof das Gefäß , dankte und trank . Er gab den Becher zurück und blickte in den klaren blauen Himmel hinauf . - » Wie hart und undankbar sind wir Menschen doch « , sagte er dann : » welcher Wohlschmack , welche Wonne , ja welche lautre Offenbarung enthüllt sich dem Durstenden , Matten , in einer einzigen Welle des kühlen Elementes . In Kunst und Wissenschaft , in hochgetürmten Tempeln und Palästen , oder einzig in der Schrift und ihren begeisterten Auslegern suchen wir das Wort des Ewigen - und sehn ihn stets dicht neben uns , wo wir auch sein mögen : er winkt , er reicht uns die Hand , und immerdar will der Stolz unsers pharisäischen Herzens ihn nur finden , wo Weihe und Würde , Pracht und Wissenschaft , Zeremonie und Weihrauch ihn uns kenntlich machen sollen . - Führt mich jetzt , mein lieber Gastfreund , der mich erquickt hat . « - Sie gingen durch die Stadt . - » Hier verlieren sich die Häuser und Wohnungen « , sagte der Bischof - » ist sie denn so weit weggezogen ? « » Wir sind gleich zur Stelle « , sagte der Priester wehmütig . - » Dort ! « - Sie näherten sich dem Kirchhof . Ein Hügel war neu , und mit frischem Rasen belegt . - » Hier schläft sie « , sagte Vinzenz : » endlich hat ihr wildes Herz Ruhe gefunden , da unten steht es still . « - Mit einem irren Blick sah Ottavio seinen Begleiter an , sank dann in die Knie , weinte laut und heftig und umarmte das Grab . Vinzenz entfernte sich und setzte sich trauernd hinter einen Busch , um den Unglückseligen nicht zu beobachten , oder seine einsamen Gebete zu stören . - Vernichtend , das Herz zerschneidend drängten sich jetzt wie stürmende Hagelschauer alle Erinnerungen der Jugend und Kindheit in das Gemüt des Betenden . Wie die Mutter ihn immer geliebt , wie so willig sie ihm so manchen Genuß , Bequemlichkeit , ja oft das Unentbehrliche in ihrem bedrängten Wittum aufgeopfert hatte , um ihm nur die Bahn des Lebens und der Wissenschaft zu ebnen : wie sie sich seiner Fortschritte , seines Gedeihens gefreut , wie er ihr Stolz gewesen , wie sie auf ihn ihr irdisches Glück und die ganze Hoffnung ihrer Zukunft habe bauen wollen . Welche Wonne es der Mutter gewesen , wenn sie ihn durch ein Geschenk , zuweilen ein kostbares , habe überraschen und erfreuen können , an seinem Namenstage , dann , als er die Priesterweihe erhalten , welches Entzücken in ihrem Auge glänzte , als er nun Abt geworden . - Und er ! - Wie Stolz , Hochmut und Härte ihn früh dem mütterlichen Hause abgewandt , wie er immerdar ihre Sorgfalt und Liebe verkannt habe . - » O ja ! « rief er , indem er innigst bewegt die Hände rang : » - ja , wir Kinder sind Ungeheuer : statt der Liebe und Verehrung saugen wir Undank , Verschmähung aus der Brust und dem Herzen unserer Mutter . O wieviel Verworfenheit nistet in unserem Gemüt ; - ach ! und dem Mann dort , ja dem Himmel da oben war ich eben noch in Rührung dankbar für den Schluck kühlen Wassers , den mir der Fremde gönnen wollte - und ihr , dieser hochherzigen Mutter , die ganz Liebe , deren Leben ununterbrochene Aufopferung für die Kinder war - wie haben wir ihr gelohnt ! Und ich der Verruchteste , schlimmer als Marcello ! ich ! - Ja , jetzt , da es zu spät ist , möcht ich zu ihren Füßen hinsinken , und mich auflösen in reumütigen Tränen . - Und sie - könnte sie sich jetzt unter dieser grünen Decke ihres Bettes erheben - durch einen Blick , ein Wort , eine Träne wäre sie mir versöhnt , ganz nur Liebe und Mutter wieder - ja sie würde alle Schmerzen , die sie meinethalb erduldet , für Gewinn , für Freude achten , wenn meine Liebe ihr , wie ein Gefühl meiner frühen unschuldigen Kindheit , wiederkehrte . - Und er , den wir stammelnd Gott nennen - das Liebeherz aller Welten - er sollte sich weniger des reuenden Sünders erbarmen ? « - Er hatte sich auf das Grab hingeworfen , und konnte sich in Tränen nicht ersättigen . Aber ihm ward wohl . Die starre , eherne Schale , die wie ein Panzer sein Herz umschlossen hatte , zersprang und brach , und alles Harte in ihm löste sich schmelzend in diesem Erguß der Tränenfülle . Er hatte in diesen großen Momenten die Welt und sich völlig überwunden . - Der Priester glaubte schon , weil Ottavio sich nicht wieder erhob , er sei zur Leiche geworden . Als er sich näherte , schaute ihm vom Grabhügel ein verklärtes Angesicht entgegen , eine Begeisterung des Schmerzes leuchtete in allen Zügen , und so wie die Zeichen der Krankheit verschwunden waren , glänzte das Antlitz , wie das eines selig Sterbenden , der schon im toten Ohr die Stimme der Engel vernimmt . Vinzenz , erschüttert , war im Begriff niederzuknien , und um den Segen des zu bitten , der ihm ehemals so feindlich gegenüberstand . - » Könnt Ihr mich « , sagte der Bischof , » für die wenigen Stunden oder Tage , die ich noch zu leben habe , in Eurem Hause aufnehmen , wollt Ihr meine Beichte hören und mich als geistlichen Vater zu meiner irdischen Auflösung vorbereiten ? « - Vinzenz weinte und küßte ihm die Hand - » Soll ich nicht zur Stadt senden « , sagte er , » soll nicht einer der Großen zu Euch kommen ? Wollt Ihr Euch nicht selbst nach Rom begeben ? « » Nichts von all dem « , sagte Ottavio sanft lächelnd , und faßte den Alten unter dem Arm , um sich von ihm führen zu lassen . So schritten sie langsam nach dem kleinen Hause . In seinen letzten Stunden behandelte der Bischof den Priester als seinen rettenden Engel und liebenden Vater . Er ergoß ihm sein ganzes Herz , beichtete ihm alle seine Verirrungen , Fehler und Sünden , empfing von ihm Absolution und die Sakramente . Der demütige Priester drückte ihm die Augen zu , und beerdigte ihn dann dicht neben seiner Mutter , wie Ottavio es gewünscht hatte . Alles , was er bei sich trug , Gold , Juwelen und Kostbarkeiten , alle seine Habe in Rom vermachte er in seinem Testament Vinzenz , dem Freund seiner letzten Stunden . Dieser ward durch dies Erbe wohlhabend und konnte dadurch sein bekümmertes Alter aufheitern und sich und andern Armen eine bessere Pflege zukommen lassen . Er selbst legte aber auch das Harte und Schroffe seines Charakters ab , und seine Liebe , die sich unter einem fast wilden Äußern verborgen hatte , zeigte sich nun weich und offen als christliche Liebe . - Indessen war in Rom der Papst Gregor in diesen Tagen gestorben . Die Kardinäle vereinigten sich zum Konklave , und alles war in der höchsten Spannung , wer an seine Stelle treten würde . Viele jubelten über den Tod Gregors , weil sie seine Schwäche und Unentschlossenheit für die Ursache aller jener Leiden hielten , die den Staat während seiner Regierung bedrückt hatten . Andre , die seine Liebe und Wohltätigkeit erfahren hatten , beklagten das Hinscheiden des menschenfreundlichen Fürsten . Sowie der Tod des Papstes bekanntgemacht war , fuhr der Herzog Bracciano , der auf diesen Fall schon alles vorbereitet hatte , in allem Prunk seines Standes , und von Grafen , Baronen und Edelleuten , die von ihm abhängig waren , sowie mit einer großen Schar von Dienern , die Vornehmen in kostbaren Kleidern , die Geringeren in schimmernden Gewändern , vor das Kastell . In dieser wichtigen , kritischen Zeit konnte es der Gouverneur nicht wagen , ihm und seinem Gefolge den Einzug zu verweigern . Buoncompagno war in Verwirrung , als der große Mann mit dem Anstande eines Herrschers und Fürsten zu ihm trat . » Ich verlange von Euch meine Gemahlin « , sagte er im befehlenden Ton . Der Gouverneur wollte sich entschuldigen , bat um Aufschub , meinte , der neuerwählte Papst dürfte vielleicht seine Nachgiebigkeit schelten , und riet , die neue Wahl abzuwarten ,