schien ihr doch weniger unheilbringend , als eine zu voreilige Erklärung , ehe sie Zeit gewonnen hätte , dies sein Gefühl in sich selbst absterben zu lassen . Jetzt befand man sich zu Versailles , da man Paris nur bewohnte , um Familien-Feste zu feiern , die in die Nähe des Königs zu verlegen , eine Art Indiskretion scheinen konnte . Außerdem liebten alle Große des Hofes , in Versailles zu leben , da der König eine fast unbezwingliche Abneigung gegen Paris hegte , welches ihm als Kind , während der Kriege der Fronde , mehrere Male die Thore verschlossen hatte . Madame Henriette , die Gemahlin Monsieur ' s und die Tochter des unglücklichen Karls des Ersten von England , war der Parnassus des Hofes . Um sie versammelten sich alle Künste , und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetischen Throne auf das Wort ihrer Anerkennung , ihrer Ermunterung . Der König hatte ihr eine so zärtliche , ritterliche Galantrie gewidmet , sie verstand dieselbe so geistreich zu fordern , und so fein und erhaben zu gestalten , daß dem Berühren dieser beiden romantischen Geister die Entwickelung billig zuzurechnen ist , die das Verhältniß der Männer zu den Frauen zu einer abgöttischen Huldigung erhob . Auch hier ging der mit allen Elementen der Liebe und Poesie ausgerüstete jugendliche König mit dem Beispiel einer Frauenhuldigung voran , die wie ein neuer Impuls in der Courtoisie hervortrat . Zwar hatte das Verhältniß des Königs zu Madame Henriette den Karakter wärmerer Zärtlichkeit verloren ; aber sie behauptete noch immer den Rang der schönsten und geistreichsten Frau , und ihr Einfluß auf den König in allen geistigen Beziehungen blieb noch unbestritten . Er selbst fühlte die wahrste Freundschaft für sie , ihr Hof zählte ihn noch immer zu seinem Besitz , und er that Alles , ihr diesen geistig hohen Standpunkt durch seine Achtung und Anerkennung zu erhalten . - Schon füllten sich die Vorzimmer der schönen Henriette , und alle Anwesenden zeigten die Belebtheit und Spannung , die die Versicherung hervorgerufen , Madame erwarte den König ! Ein Jeder fragte sich in der Stille , wer er wäre , was er zu denken , zu sagen habe , mit welcher Berechtigung er die große Gunst erwarten dürfe , vor ihm zu erscheinen . Das Gespräch lief wohl lebhaft umher ; aber nur Wenige verbargen die Zerstreutheit , mit der das leiseste Geräusch in den Höfen plötzlich Alle verstummen oder abbrechen ließ . Doch blieb von den Anwesenden dieser Zustand ziemlich unbemerkt , denn Jeder theilte ihn . Nur einzelne Personen verschwanden in die Zimmer , in denen Madame ihren hohen Gast erwartete ; dies waren besonders dazu Bestellte - und sie zogen eben so stolz diesem Rufe entgegen , als ihnen die Blicke des Neides nur zu sicher folgten . Madame ruhte auf einer Ottomanne von meergrünem Atlas , und der Glanz der Beleuchtung war vor diesem etwas erhöhten , bequemen Sitze mit einem Geschicke gemildert , daß es schien , der Mond erleuchte diesen Platz , im Gegensatze zu dem Vordergrunde des Zimmers , der Tageshelle , von Spiegelwänden reflektirt , zurückstrahlte . Der blaßrothe Seidenstoff ihres Kleides war mit Silber durchwirkt , und in ihrem wunderschönen Haare trug sie eine einzige , aber prachtvolle Rose von Brillanten . Da sie die schönsten Arme und Hände hatte , so stand es ihr sehr gut , daß sie die Etikette etwas verletzte und nur einen Handschuh trug , während sie den andern , wie zum Gedankenspiele , durch die zarten Finger zog . Sie hatte die glänzendsten Farben , die lebhaftesten Augen , und schien immer von Gedanken angeregt , die sie auch , schnell und fließend sprechend , stets bereit war , an den Einen oder Andern zu adressiren . Um sie her standen die Damen und Herren ihres näheren Kreises . An der linken Seite ihres Ruhebettes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter , mit großen Resten ehemaliger Schönheit und mit einem bezaubernden Ausdrucke von Geist und Gefühl . Sie war in dunkeln Sammet gekleidet , und die feinen Spitzenbarben ihres Bonnets gaben ihrer prächtigen , aber bescheidenen Tracht eine nonnenhafte Decence ; sie hielt ein Blatt in der Hand , was sie vorgelesen hatte , und hörte der lebhaften Prinzessin zu , welche , mit ihr sprechend , anmuthig seitwärts blickte . » Nein , liebe Sevigné , « rief sie , » sein Sie nicht zu bescheiden ! - Nur Sie , behaupte ich , nur Sie allein können ein so bezauberndes Geständniß über die Gefühle einer Mutter ablegen , Sie repräsentiren die Mutterliebe in Frankreich , wie sie das Ideal jeder edeln weiblichen Brust werden muß , auf Sie wird hingewiesen werden , wenn wir schon alle in Staub zerfallen sind ; und die entarteten Mütter dieses Landes werden nicht sagen dürfen , wir wußten nicht , was Rechtens war ; denn man wird ihnen antworten können , daß Madame de Sevigné lebte ! « Die berühmte Frau neigte ihr feines Antlitz noch tiefer , und der erhöhte Ausdruck zeigte eine Rührung , die keinen Hauch von Eitelkeit trug . » Es ist so natürlich , was ich auszudrücken wagte , « sagte sie sanft , » daß ich mich kaum in dem schmeichelhaften Lobe Eurer Königlichen Hoheit wieder erkenne . Wer könnte mit dem Glücke begnadigt werden , Mutter zu sein , ohne mehr oder weniger dasselbe zu fühlen , was ich hier bloß sammelte , aneinander reihte . Die Erscheinung einer Mutter bleibt in jedem Individuum eine Art göttliches Mysterium , und auf allen Stufen dieses rührenden und erhabenen Zustandes ließe sich die unmittelbarste Gemeinschaft mit dem höchsten Geber nachweisen , und darum auch sicher Anklänge der Seligkeit , die nur von dem harten Drucke der Außenwelt zuweilen verkümmert hervortreten . « » O , wie schön , meine edle Sevigné , ist Ihr frommer Glaube ! « rief die Prinzessin mit einer Aufregung der Gefühle , die nur zu klar das ewig unbefriedigte Sehnen nach dem Glücke einer Mutter , das sie so tief nachzufühlen verstand , ausdrückte . - » Möchte ich , « setzte sie leise und mit feuchten Augen hinzu , » noch dereinst Ihre Schülerin werden können ! « Frau von Sevigné drückte die dargereichte Hand nicht mit höfischer , sondern mit menschlicher Zärtlichkeit an ihre Lippen und fügte leise Worte der Hoffnung hinzu , welche die junge Fürstin kopfschüttelnd anhörte . » Eine Stuart ! eine Stuart ! « sagte sie blaß werdend , mit Bitterkeit und Schmerz - » denken Sie , meine Liebe , ob sie Hoffnung auf Glück nähren darf - ob ihnen geschieht nach der Ordnung der Natur ! « » O , Madame , « rief die Sevigné , » so werden Sie wenigstens dazu bestimmt sein , uns zu lehren , wie man die Unbilden des Schicksals durch die Erhabenheit der Gesinnungen zu besiegen vermag ! « » Meinst Du , süße Trösterin ? « erwiederte die Prinzessin mit dem sanften Ausdrucke von Schwermuth , der zuweilen über den frischen Glanz ihrer Schönheit wie ein Wolkenschatten glitt . » Doch hier , « fuhr sie fort , alles persönliche Gefühl augenblicklich unterdrückend , » was wollen wir mehr ? Welch ' ein schöneres Bild mütterlichen Glückes können wir nach den Mittheilungen unserer Sevigné finden , als unsere theure Marschallin von Crecy ? « Und so neigte sie sich mit der vollen Anmuth einer Fürstin über die indeß zwischen Leonin und Louise eingetretene Marschallin , welche mit der eigenthümlichen Grazie , die einer vollendeten Dame von Range zukam , ihren Sohn der Prinzessin vorstellte . Leonin erschrack fast vor dem blendenden Glanze der Schönheit , der er nun gegenüber stand , und die unglückliche Henriette , die das zärtlichste Herz vergeblich in ihrer Brust trug , mußte sich mit den kleinen Triumphen zerstreuen , die ihr jeder Mann , der ihr zu nahen wagen durfte , bereitete . Sie sammelte lächelnd das Geständniß der Bewunderung von Leonin ' s sprachloser Blödigkeit ein , und erhob sich sodann ; denn das Rauschen der Thüren und die plötzliche tiefe Stille des Vorzimmers zeigte an , der König sei gekommen ! Ludwig der Vierzehnte stand auf dem Punkte des Alters , wo die Frauen den Männern erst das Prädikat des Interessanten beilegen , was für sie so wichtig ist , daß keine Jugend , keine Schönheit ohne diese Zugabe der Zeit ihnen die anmuthige Eigenschaft des Gefährlichen verleiht . Ludwig hätte nicht König zu sein brauchen , um allen Frauen als schön und ausgezeichnet zu erscheinen - aber als König rechnete man ihm die Vollendung als Mann um so höher an ; und in der That konnte sich Niemand ihm zur Seite stellen , er wäre im einfachsten Kleide in den hintersten Reihen der Erste geblieben . Als er eintrat , hatte er den Kopf halb über die Schulter gewendet , um den Herzog von Lauzun anzuhören , der ihm einige Worte sagte . Heiterkeit , Geist und Scherz lagen dabei auf seinem Antlitz ausgedrückt , und man konnte unmöglich anmuthiger lächeln , als eben der König , wie er dem Herzog einige Worte erwiederte . Jetzt aber erblickte er Madame Henriette , die mit der Lebhaftigkeit der Huldigung ihm entgegen eilte . Die leichte Haltung der kurzen Besprechung mit Lauzun war sogleich verschwunden - jetzt war er der huldigende Ritter , welcher , der Schönheit gegenüber , nur ihr Diener sein kann , und den Stolz , den er fühlen darf , nur von der Ehre ihrer Nähe empfängt . Als er die glänzende , blühende Fürstin zu ihrem Sitze zurückführte , hielt er ihre Hand so , daß er sie den Versammelten darzustellen schien ; und indem er selbst den gebieterischen erhabenen Anstand entfaltete , der seine Schönheit so imponirend machte , schien er nur stolz sein zu wollen als ihr Führer , von Allen für sie allein die Huldigung fordernd . Und doch war diese ihm fast ungetheilt zugewendet - denn er war Jedem in irgend einer Art ein Vorbild - ein erfülltes Ideal . Selbst Leonin hatte die schöne Henriette vergessen und alles Blut drängte sich zu seinem Herzen , als er den angebeteten Monarchen jetzt in einer Vollendung vor sich sah , die er früher weder Gelegenheit hatte zu beobachten , noch zu fassen . Der König zog ein Tabouret vor den Sitz , den die Prinzessin einnahm , und setzte sich nieder , als habe er Lust , knieend den lebhaften Worten derselben zuzuhören . Er hielt jedes Mal mit der Prinzessin auf diese Weise ein kurzes Zwiegespräch , welches anscheinend von Keinem der Hofleute beobachtet ward ; und doch war gewiß kein Wechsel der Miene oder der Farbe , kein Lächeln , kein Seufzer , welcher nicht von der argwöhnischen Schlauheit ihres Hofstaates belauscht wurde . Leonin aber sah Alles ohne Beziehungen und Berechnungen . Verloren war er in dem Anblicke dieser ungewöhnlichen Erscheinung , und Alles schien ihm gerechtfertigt , was er seit seiner Rückkehr von dem überschwänglichen Enthusiasmus der Menge erfahren , und was ihm mindestens überraschend geschienen . Als einen Helden , als einen Feldherrn hatte er ihn nennen hören , kühn , scharfsichtig und großartig im Rathe ; er hatte gefürchtet vor den ernsten Pathos eines römischen Imperators zu treten . Und jetzt sah er einen heiter lächelnden jungen Mann , mit einer Anmuth und Leichtigkeit der Bewegung , mit einem poetischen Schmelze der Augen und des Mundes - einen der schönsten Männer , der sich dessen nicht bewußt sein wollte , um den Frauen allein eine Huldigung zu gestatten , auf die er sie durch seinen Willen anwies , allen Männern auch hierin zur Richtschnur dienend . Leonin fühlte , daß diese Vereinigung etwas Erstaunenswürdiges , fast Berauschendes hatte , und daß man sich eben dem Zauber seiner Persönlichkeit so völlig ohne Rückhalt hingab , weil man seiner übrigen Herrscherfähigkeit gänzlich vertraute . Sein Alter hatte ihn vom Hofe entfernt gehalten , er hatte den König nur bei öffentlichen Veranlassungen als Zuschauer gesehn , die zu Anfange seiner Regierung nicht häufig waren . Erst in Leonin ' s Abwesenheit trat der Glanz des Hofes auf solche Weise hervor , wie auch die Liebenswürdigkeit des Königs erst zur vollen Blüte kam . So beherrschte dieser anmuthige junge Mann alle seine Umgebungen . Nicht , wie ihn Leonin sich unwillkürlich gedacht hatte , als einen ewigen Repräsentanten mit Krone und Zepter sah er ihn ; aber dennoch von einer Atmosphäre der Hoheit umgeben , daß die jugendliche Anmuth niemals auch nur zu einem vertraulichen Gedanken hätte verführen können . Im Gegentheile fühlte Leonin eine Beklommenheit , die ihn fast betäubte , bei dem Gedanken , dem Könige heute gegenüber zu treten . Seine Größe wuchs , indem sie verdeckt lag - aber wie groß mußte er sein , da er sich ihres Scheines absichtlich entäußern konnte ! » Madame hat Briefe aus England erhalten , « sagte der Marschall de la Ferté zu Madame de la Fajette , die mit etwas verdorbener Laune in Leonin ' s Nähe stand ; » der König wird wohl seine Absicht mit Dünkirchen durch ihre geschickten Unterhandlungen erreichen . « » Wenigstens thäte Madame besser , nur solche Angelegenheiten zu dem Gegenstande ihrer Beurtheilung zu machen , « erwiederte Madame de la Fajette - » in allem Uebrigen fühlt man immer , daß sie kein französisches Blut in den Adern hat . Es ist komisch oft - ihr Urtheil über unsere Literatur ! « » Ach so ! Euer Gnaden meinen ihre Bewunderung für die Marquise de Sevigné ! « rief der Marschall - » ja , ja , Madame trägt stark auf , wenn sie spricht . Doch glaube ich nicht , daß ein so unbedeutendes Produkt , wie uns vorgetragen wurde , Eindruck machen würde , belebte sie nicht dasselbe Verlangen , das Madame de Sevigné als erfüllt darstellte . « - » Ja , so ist es , mein Herr Marschall - die gute Sevigné gehört nach der Kinderstube , nicht an den Schreibtisch ! Ich versichere Sie , daß sie nicht im Stande ist , orthographisch richtig zu schreiben , und damit müßte man doch wohl anfangen , wenn man eine Schriftstellerin sein will . « - » Wäre es nicht wichtiger , « erwiederte hier ein junger Mann in einfacher geistlicher Tracht , » erst richtig zu denken ? Wie Viele mögen den Vorzug besitzen , richtig zu schreiben , ohne einen einzigen Gedanken so ausdrücken zu können , wie Madame de Sevigné - ohne Gefühle in sich zu haben , wie sie hier eine Zierde der Menschheit werden ! « Die Gräfin de la Fajette blickte etwas hoch auf , und ihre sich spannenden Augenbrauen verriethen , daß sie nicht geneigt sei , den halb vorwurfsvollen Ton dieser Erwiederung milde hinzunehmen ; als sie aber die sanften , edeln Züge des Jünglings erblickte , der zu ihr gesprochen , mußte sich die kluge Frau gestehen , er habe gar nicht daran gedacht , daß seine Erwiederung sie träfe , sondern sich in den Gegenstand vertieft , ihm sein Recht gönnend und damit eine Beleidigung unmöglich haltend . » Vollkommen richtig bemerkt , mein lieber Salignac ! « sagte die Gräfin daher , schnell gefaßt : » wer hätte hierüber zu entscheiden mehr Recht , als Sie , der Sie der Verkündiger der edelsten und frömmsten Gesinnungen sind ! « » Nein , Madame , nein ! « rief der junge Mann mit schwärmerischem Eifer , » über den ganzen Werth der Gedanken und Gefühle , die Madame de Sevigné uns mitgetheilt , wird nur eine Frau entscheiden können , in die Gott ausschließlich die Seligkeit einer Bestimmung ausgeschüttet hat , der wir nur aus der Ferne mit der Verehrung zusehen können , die an dieser außerordentlichen Bevorrechtung des Himmels uns die erhabene Bestimmung ihres Geschlechtes ahnen läßt ! « » Liebenswürdiger Schwärmer ! « rief die Gräfin , fast gerührt ; » da wir heut im Prophezeihen sind , und Madame Henriette der Frau Marquise de Sevigné schon das Prognostikon ihrer Zukunft gestellt hat , so verkünde ich Ihnen , daß Ihre sanfte jugendliche Weisheit , zum Manne erstarkt , das Zeitalter retten wird , in dem Sie leben ; daß Salignac la Motte Fenelon Platz finden wird in den Büchern unserer Geschichte , trotz des Größten , den wir darin verzeichnen ! « » Gottlob , Madame , « fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort , » daß ich Ihnen nicht glaube ! Die Geschichte mit ihrem Namensverzeichnisse hat keinen Reiz für mich - meine Gedanken haften an dem mühevoll heiligen Geschäfte des Augenblickes ; es ist so schwer , ihn zu bestehen , ohne vor Gott erröthen zu müssen , daß ich ihm alle meine Kräfte zuwende , und mir wenig Zeit übrig bleibt , die Zukunft mit eiteln Wünschen zu bestürmen . « » Darum that ich es für Sie ! « lachte die erheiterte Gräfin , die wohl ein wenig schriftstellerische Wallungen besaß , aber zu klug und zu edel war , um sich von diesen Gefühlen dauernd beherrschen zu lassen . Die Gesellschaft erschütterte ein kleiner elektrischer Schlag . - Ludwig war aufgestanden , und sein königlicher Blick überflog den Kreis , als nähme er erst jetzt seine Existenz wahr . Die Thüren nach den Vorsälen waren geöffnet ' - die inneren Gemächer hatten sich gefüllt , Jeder rang um den Preis , mit Ludwig dasselbe Zimmer zu betreten . Die Möglichkeit eines Blickes , eines Wortes war die Hoffnung , die Jeder unausgesprochen nährte . Auch schien das strahlende Auge , womit er Jeden zu finden wußte , Jedem eine solche Hoffnung erwecken zu sollen ; doch , als er nun , sich von Madame beurlaubend , vorschritt , stockte selbst das Bemühen , die leichte Unterredung fort zu spinnen , welche bisher geherrscht . Zerstreuung , Erwartung unterdrückte jede andere Geistesthätigkeit ; höchstens gelangen einige leichte Worte , von denen der Sprechende hoffte , sie kleideten ihn , und die , da dies von den Andern schnell errathen ward , entweder mit Kälte aufgenommen , oder in derselben Weise und Absicht erwiedert wurden . Leonin hatte trotz seiner Befangenheit Auge und Ohr gehabt für die sonderbaren Zustände seiner Umgebungen , und indem er vergeblich auf den Sinn der Worte horchte , die um ihn her gesprochen wurden , und die seltsamen Grimassen sah , mit denen man sie begleitete , überzeugte er sich , daß dies der Hofton sei , von dessen bezaubernder Leichtigkeit und Eleganz Europa voll war , und um dessen unaussprechlichen Reiz zu erreichen , Jeder seine Eigenthümlichkeit , sein tieferes geistiges Bedürfniß verläugnen mußte , wenn er nicht verlassen oder ausgelacht sein wollte . Es bemächtigte sich seiner eine kränkende Unheimlichkeit : er wußte mit Allem , was er besaß , hier nichts anzufangen . Seine Kenntnisse , seine Gefühle , seine Ansichten - Alles , was ihm als Material zum Sprechen dienen sollte , schien hier umsonst , ja , ganz unbrauchbar - und ein geheimnißvoller Ritus von Worten , Bezeichnungen und Andeutungen überall zu herrschen , der ganz andere Zustände voraussetzte . Diese nicht zu kennen , zu verstehn , erschien ihm als ein Ungeschick , ein Mangel , von dem seine Eitelkeit sich trostlos verletzt fühlte . Sein Selbstgefühl verließ ihn , er konnte nicht denken , daß hinter der sicheren Haltung dieser Leerheit , hinter diesem Mißbrauche von Worten , Lächeln und Mienen nicht ein Sinn liege , der bloß seiner Unerfahrenheit entginge . Er würde an jedem andern Orte sich in der langweiligsten Gesellschaft geglaubt haben ; hier aber wagte er sich dies nicht einzugestehn . Der Anspruch , mit dem Alle ihr Verfahren durchführten , imponirte ihm ; er dachte nur daran , es ihnen nachzumachen , überzeugt , den Inhalt später zu entdecken . Madame machte , während der König langsam anredend auf der einen Seite den Kreis durchschritt , an der andern Seite die Tour . Beide waren von einigen vertrauten Personen ihres Hofes gefolgt . Madame redete aufs neue die Marschallin von Crecy an und rief dann Leonin mit einem huldvollen Lächeln herbei . » Sie müssen mir noch Viel von meinem Bruder erzählen ; ich weiß , er sah sie gern an seinem Hofe , und ich « setzte sie hinzu , indem sie schnell und schmerzlich die Lippen zusammendrückte , » ich sah ihn lange nicht ! « » Eure Königliche Hoheit würden noch eben so , wie früher , die Schönheit , wie die liebenswürdige Laune Seiner Majestät bewundern können ! Wo er erscheint , hat die Freude ihren Thron erbaut , « erwiederte Leonin , in höchster Bewegung , zuerst in diesen Räumen seine eigne Stimme zu vernehmen . » Ist das ein Lob für einen König ? « rief hier Henriette von England mit einem auffallenden Gemische von Laune und Unwillen . Erschrocken wollte Leonin begütigend antworten , als Alle schnell zurück wichen , und der König , der rasch und unbemerkt näher getreten war , plötzlich neben Madame Henriette und dicht vor Leonin stand . » Belehren Sie mich , meine schöne Freundin , « sprach er , ihre Worte auffassend , » wie das Lob eines Königs lauten muß , um Ihrem strengen Tadel zu entgehen ! « » Verzeihen Euer Majestät , « antwortete Henriette , » ich fühle , ich bin als Französin zu sehr verwöhnt , um als Engländerin mich mit den Tugenden meines Bruders , insofern ich darin den König erkennen soll , genügsam erweisen zu können . Ist das ein Fehler , haben Euer Majestät mich dessen schuldig gemacht ! « Der König überhörte mit einem hohen Lächeln die schmeichelhaften Worte , und schien bloß die schöne Sprecherin zu bewundern . » Unser liebenswürdiger Bruder in England sollte in Ihnen , Madame , eine sanftere Richterin finden . Ich zweifle nicht , daß der Hofstaat , den Seine Majestät vorfand , es benöthigt war , durch die Würde eines rechtmäßigen Herrschers in seine Schranken zurück geführt zu werden ; und wenn der vollkommenste Cavalier , für den Karl Stuart bei allen Damen von St. Germain galt , dieser Eigenschaft einige gute Laune hinzugefügt , wollen wir dies dem ernsthaften England gönnen , da wir ihm überdies Nichts mehr zu beneiden haben , indem wir ihm Alles geraubt , was ihn über uns hätte erheben können . « Madame belohnte mit einem holden Erröthen die anmuthsvolle Verbeugung des Königs , der schnell jetzt fragte , wer ihre böse Laune gegen den König gereizt habe ? » Wahrlich , « sprach die Prinzessin begütigend , » diese Absicht lag nicht zum Grunde . Der Sohn unserer lieben Marschallin , der junge Graf Crecy-Chabanne , erscheint seit seiner Abwesenheit im Auslande hier zuerst vor Euer Majestät . Ich verzeihe es ihm , wenn das Andenken an alle Herrscher Europa ' s , die er sah , hier vor ihm zusammen sinkt . « Der Blitz aus dem Auge des Königs traf Leonin , der ihn aufnahm unter die Begünstigten , die sich sagen durften : Er kennt Dich ! Die Marschallin , bis zur Erde sich neigend , legte die Hand auf den Arm ihres Sohnes , ihn bezeichnend als den ihrigen - Leonin wollte das Knie beugen . - » O nicht doch ! nicht doch ! « rief der König - » hier nicht ! « Und schnell verhinderte der Marquis von Vieuville Leonin an dieser Bewegung , indem er ihm zuflüsterte : » hier ist das nicht Styl ! « » Der Marschall von Crecy , « sprach die Marschallin mit unerschütterlicher Haltung , » hat vergeblich auf das Glück gehofft , seinen Sohn Euer Majestät vorstellen zu können . Er ist müde geworden in dem heiligen Dienste für Frankreichs erhabene Herrscher , und die Mutter fühlt aufs tiefste die Gnade , seine Stelle ersetzen zu dürfen . « » Madame , « erwiederte der König , » der Marschall von Crecy gehört zu den Männern , die selbst , wenn sie aufhören persönlich zu repräsentiren , ein Eigenthum des Vaterlandes bleiben - deren Einfluß so unvergeßlich ist , als ihr Name ! Müssen wir den Marschall entbehren , so wissen wir ihm Dank , Madame , uns durch Ihre Gegenwart entschädigt zu haben . « » Junger Mann , « sprach er dann zu Leonin mit wohlwollendem Tone , » wir freuen uns , den besten Namen unseres Frankreichs fortblühen zu sehen - es ist ein Name , der Sie auszeichnet , es ist zugleich ein Name , den Sie zu fürchten haben , da ein Anspruch jeglicher Tugend mit ihm verknüpft ist , der ein ernster , Viel fordernder Aufruf an Sie selbst wird . « » Sire , der Wille ist Alles , was ich Euer Majestät zu Füßen legen kann , « erwiederte Leonin mit glühendem Antlitz ; » aber er ist , auf Frankreichs Boden von seinen Wundern erzeugt , ein Ausfluß dieser Segnungen , der ihn zu Thaten ausprägen wird ! « Der König streifte mit einem wohlwollenden Lächeln den jugendlichen Anlauf dieser Rede und wendete sich zum Marquis Fenelon , der in devoter Erwartung neben dem jungen Geistlichen stand , den Leonin mit so vielem Gefühle gegen Madame de la Fajette sich hatte äußern hören . Diesen jungen Mann unterwarf der König der aufmerksamsten Prüfung ; und da er ihn unverändert bescheiden , ohne alle Bestrebung , ohne alle Erwartung verharren sah , schien er sichtlich von seiner Erscheinung überrascht . » In Wahrheit , mein lieber General , « sprach er zu dem Marquis Fenelon , » Sie haben in Ihrem dreiundzwanzigjährigen Neffen einen Philosophen erzogen , der das graue Haupt der Weisheit beschämt . Es thut mir leid zu hören , daß Sie die glänzenden Erfolge unterbrechen wollen , die seine Kanzelreden sich mit Recht erworben . - Ich habe selbst mit Vergnügen seine Rede : Ueber die Wahrheit gegen sich selbst , gehört . Ein wichtiges , unendlich wichtiges Thema , dem wir nicht genug Aufmerksamkeit schenken können ! - Und Sie , Abbé Fenelon , bedauern Sie es nicht , einen Schauplatz zu verlassen , der Ihnen so bedeutende Erfolge gab ? « » Mein Oheim , « erwiederte der junge Abbé - der später so berühmte Verfasser des Telemach - » hat sich mehr meinen Wünschen gefügt ! Es schien mir schwer , der Aufregung zu widerstehen , in welche dieses öffentliche Auftreten mich versetzen konnte . Der Weg , der mir vorliegt , ist noch so weit , ich habe noch keine geistlichen Pflichten zu erfüllen gehabt ; - diese Kanzelreden waren noch nicht gerechtfertigt durch eigne Erfahrungen ; - sie mußten mich zum Heuchler machen - zu einem blos leeren Verbrauche des schon Vorhandenen führen - von dem Wege eigner Forschung mich ablenken . « » Den Karakter fremder , bloß angenommener Ueberzeugungen trugen Ihre Reden nicht , « fuhr der König ernst fort ; » ein Geist der Inspiration belebte sie , der oft die Erfahrung überbietet und einer inneren Wahrheit , selbst bei Ihrer Jugend , nicht zu entbehren braucht . « » Dies dürfte ich mir auch bis jetzt noch zugestehen , « erwiederte ruhig der junge Fenelon . » Der Augenblick , der uns zuerst vor versammelten Christen von den göttlichen Dingen reden läßt , deren Erkenntniß wir unser Leben weihten , ist gewiß von einem Hervortreten aller Kräfte begleitet . Solche Augenblicke überflügeln unsere Fähigkeiten , sie verrathen uns und Andern vielleicht , was erst die Zeit aus uns machen wird . Aber ihr wirklich vorgreifen durch den frühzeitigen Verbrauch dieser Stimmung , ihre Dauer damit verlangen , würde uns in äußerliche Bestrebungen ziehen , die gerade von der Entwicklung unseres Innern ablenken müßten , von der wir doch allein die fortdauernden Gefühle frommer Begeisterung hoffen dürfen . « Der König betrachtete ihn mit einem Ausdrucke von Achtung , den nur Fenelon übersah , da er ihn nicht veranlaßt glaubte durch jene ruhige Erklärung , die ihm die eigenen Gedanken ganz erfüllte . » Gehen Sie denn Ihren Weg , Herr von Fenelon , « sprach Ludwig mit Wärme - » Ihr König wird Sie mit seinem Antheile begleiten und , so bald Sie selbst sich reif erklären wollen , den Platz zu finden wissen , welcher Ihnen den würdigen Wirkungskreis sichert , der einer solchen Entwicklung zusagend ist . « Eben wollte der König sich wegwenden , da ging der Marquis Fenelon den Monarchen an und bat ihn für seinen Neffen um die Erlaubniß , in den geistlichen Orden von St. Sulpice in Paris treten zu dürfen , um unter der Leitung des Subpriors Tronçon das Stadtviertel dieses Namens bedienen zu können . » Erstaunenswürdig ! « rief der König - » der beschwerlichste Dienst von ganz Paris ! - Herr von Fenelon , Sie haben meine Einwilligung nur unter der Bedingung , daß Sie Versailles von Zeit zu Zeit zu Ihrem Kirchsprengel zählen . « Jetzt überzog wirklich ein freudiger Ausdruck das Antlitz des jungen Fenelon . Der König hatte ihn dem unscheinbarsten , mühevollsten Dienste gewidmet ; - und als alle Hofleute ihm Glück wünschten , damit die Entrées in Versailles nicht verloren zu haben , zeigte es sich , daß der junge Fenelon diesen Nachsatz überhört hatte , und ihn jetzt erst und ohne alle Exklamationen erfuhr . Man bewunderte ihn laut - aber mit der Ueberzeugung , entweder einen Thoren oder einen vollendeten Heuchler vor sich zu sehen . Auf Leonin machte dagegen der junge Mann einen Eindruck , der dem Vorwurfe glich . Diese Ruhe , diese Haltung bei den sichtlichsten Zeichen der Gunst , bei dem Bewußtsein , selbst dem Könige Bewunderung und Erstaunen eingeflößt zu haben , griff an sein unruhig klopfendes Herz . Er sagte sich , wie er , durch den bloßen Anblick dieses Hofes aus sich selbst