stilles Leben zu führen . Fürst Andreas aber nahm während der Zeit mit dem ihm eigenen Eifer der Leitung und Ordnung der Angelegenheiten seines Freundes sich an , die er in einem zwar vielfach verworrenen , aber doch bei weitem nicht so hoffnungslosen Zustande fand , als Graf Stephan selbst es gemeint hatte . Richard mochte es sich selbst kaum gestehen , welche Erleichterung seines , auch in anderer Hinsicht nichts weniger als beneidenswerthen Zustandes , die Entfernung des Grafen Stephan ihm gewährte . Sie befreiete ihn von der täglich wiederkehrenden Pein , das längst als hoffnungslos Aufgegebene immer von neuem aufnehmen zu müssen , und immer mit gleich schlechtem , ihn tief betrübendem Erfolge . Jetzt hatte er wenigstens einige Hoffnung , unter Walters sorgsamer Pflege der Genesung des geliebten Leidenden entgegen sehen zu dürfen . Längst schon war aus dem treuen verständigen Diener der kein Opfer scheuende Freund seines unglücklichen Gebieters geworden ; Fürst Andreas selbst erkannte und würdigte ihn als solchen , und überließ ihm ohne Bedenken die Sorge für seinen Herrn , wie die Anordnung einer Reise , die Walter schon früher einmal mit demselben gemacht hatte . In auffallendem Contraste mit dem fast zum Scheinleben herabgesunkenen Grafen Stephan trat jetzt Fürst Andreas in immer weiter um sich greifender Thätigkeit auf . Alex , Eugen , alle vertrautesten Jugendgefährten des ganz vereinsamten Richard , waren , wenigstens für den Augenblick , ihm verloren . Zu einer Zeit , wo er mehr als je des Rathes , der Mittheilung , des Trostes bedurfte , sah er mit allen seinen ahnungsvollen Sorgen und Zweifeln sich einzig an den väterlichen Führer und Beschützer seines früheren Lebens gewiesen . Vertrauend eilte er zu ihm mit seinem bis zum Überfließen vollen Herzen , harrte in unermüdlicher Geduld auf den günstigen Augenblick , es in den Busen seines väterlichen Freundes sich ergießen zu lassen , und stand , wenn er einen solchen endlich errungen zu haben meinte , vor ihm , wie vor einem verschlossenen Schreine . Für Alle und für Alles hatte Fürst Andreas Zeit , war zugänglich für Jeden , der seiner bedurfte , nur für den geliebten Sohn seiner Wahl , wie Richard noch immer und bei jeder Gelegenheit von ihm genannt wurde , wollte es ihm niemals gelingen , nur eine einzige kleine vertrauliche Stunde zu finden . Richard wurde unter Vorwänden , von denen der letzte immer der nichtigste zu sein schien , von einem Tage zum andern fortwährend vertröstet . Und wollte sich in der Eile nichts anderes ausfindig machen lassen , so saß Mr. Mitchel mit seinen endlosen Verbesserungen , Vorschlägen und Erfindungen im Vorzimmer , neben seinem Busenfreunde dem Kammerdiener , bei dem er sich förmlich etablirt hatte , und war auf den kleinsten Wink bereit , mit etwas Neuem aufzuwarten . Für Richard war es unter solchen Umständen keine ganz leichte Aufgabe , in unwandelbarer Liebe und Ehrfurcht an dem Wohlthäter seiner Jugend festzuhalten , ohne sich im Glauben an ihn irren zu lassen . Doch er bestand die schwere Probe ; sein Gemüth war und blieb jeder , in seinen Augen den Fürsten und ihn selbst erniedrigenden Regung des Mißtrauens unzugänglich ; doch anders war es mit der Sorge , daß das freie , offne , edle Naturell desselben gemißbraucht , daß Andreas durch List und Trug irre geleitet , von Neuem in Verhältnisse verwickelt werden könne , aus denen dann kein Rücktritt möglich wäre . Auf sich allein zurückgewiesen , ohne Möglichkeit , durch Rede und Gegenrede mit theilnehmenden verständigen Freunden zu größerer Klarheit seiner eigenen Gedanken zu gelangen , versenkte und verlor der ganz Verlassene sich immer tiefer in trübes Nachsinnen , das ihn nur beängstigen konnte , ohne ihn weiter zu bringen ; es war eigentlich mehr ein dumpfes Gefühl von Noth und Gefahr , das fortwährend ihn verfolgte , ohne sich in deutliche Worte fassen zu lassen . In sorgenvoll durchwachten Nächten erhob das gräßliche Bild des Mord und Verrath athmenden Mathias sich neben ihm . Der Eindruck , den jener schaudervolle Besuch auf Richards Gemüth gemacht hatte , wurde ihm jetzt erst recht fühlbar , seitdem seine Gedanken und seine Zeit nicht mehr so ganz ausschließend von der Sorge für Graf Stephan in Anspruch genommen wurden . Waren die Schrecken , welche jenen damals bis an den Rand des Wahnsinnes getrieben , wirklich nur das Phantom einer beängsteten , durch Befürchtungen der gräßlichsten Art auf das höchste gesteigerten Phantasie gewesen ? Wer konnte hier entscheidend auftreten und behaupten , dem sei so ! Daß Fürst Andreas die Ausführung der drohenden Feste bei Beleja Tserkoff wirklich zu hintertreiben gewußt habe , wie er allerdings zu verstehen gegeben , wenn gleich nicht in deutlichen Worten , war eben nichts Unmögliches ; aber auch andre Gründe konnten hier leicht vorgewaltet haben , andre , gefährlichere , mit den Befürchtungen zusammenhängende , durch welche Mathias Apostol zu seinem verzweiflungsvollen Thun getrieben worden war . Des Kaisers nahe bevorstehende Reise in die südlichen Provinzen seines unermeßlichen Reiches , war jetzt längst kein Geheimniß mehr , die Anstalten zu derselben wurden eifrig und offenbar betrieben ; doch über die eigentliche Veranlassung derselben waren sehr verschiedene Meinungen in Umlauf . Die Mehrzahl wollte sie in der Gesundheit des Monarchen finden , welche ein milderes Klima verlangte ; doch konnte er nicht auch auf diese Weise , ohne Aufsehen zu erregen , sich dem Schauplatze von Ereignissen entziehen wollen , die er vielleicht nur dunkel ahnete , ohne daß jedoch eine Entdeckung der Gefahren wirklich Statt gehabt hätte , die seinem Leben droheten ? Seinem Leben , des Kaisers geheiligtem Leben ! Richard dachte es mit Schaudern . Er ist nicht aufgelöst , der fürchterliche Bund ! rief er , von wilder Angst ergriffen , der ihn rings umgebenden Einsamkeit , der einzigen Vertrauten seiner innern Qual entgegen . Er selbst , Andreas selbst ist tiefer als jemals in denselben verflochten ; um ihn gefahrlos zu gestalten , behauptet er ! Kann seine , kann irgend eine menschliche Kraft jetzt , in diesem Augenblicke noch dazu ausreichen ? Eugens fortwährende , geheimnißvolle Entfernung ! dachte er ferner , des Sergius nicht minder geheimnißreiche Reise , wohin ? zu welchem Zwecke ? zu wem ? Wenn nicht zu ihm , zu dem geliebten Freunde meines Herzens , zu Eugen . O Eugen ! auch Du wirst das Opfer eines ungeheuren Irrwahnes Deines Vaters werden , der uns Alle dem Untergange zutreibt : rief er laut ! Der Bund wäre ganz gefahrlos , bis zur Ohnmacht entwaffnet ! behauptet der Fürst ; wodurch wäre er es ? fuhr Richard in seinen Überlegungen fort , wodurch wäre er es ? Und wenn nun Sergius nicht im entscheidenden Augenblicke gekommen wäre ; der tollkühne , wüthende Mathias das furchtbare Signal zum Ausbruch der beschlossenen Gräuel wirklich gegeben hätte ? Wo ist die irdische Gewalt , welche alle die vielen Tausende mordlustiger Verschworenen zu bändigen vermocht hätte , welche nicht nur in Petersburg , welche durch das ganze Reich , durch alle Stände in demselben verstreut sind , bereit zum Werke der Zerstörung ? Ich soll nicht glauben , nicht sehen , nicht hören ! soll die Gräuel nicht achten , die jetzt ohne Schleier in jenen schändlichen , Mord und Verbrechen predigenden Zusammenkünften der Verbündeten vorgetragen werden ; ich soll ihre Reden für sinnlose Erzeugnisse einer verdorbenen , ohnmächtigen Phantasie , ohne alle weitere Bedeutung hinnehmen ! - Wer kann das Unmögliche von mir fordern ! Zwiespalt , Unzufriedenheit , Wankelmuth werden schon jetzt unter ihnen laut ; eidbrüchige Verräther giebt es überall , in allen Verhältnissen ; und wenn nun geschieht , was bis jetzt nur durch ein Wunder verhindert worden sein kann ; wenn Einer , ein Einziger nur von jenen Vielen , von Reue , Eigennutz oder Furcht getrieben , den Weg zum Kaiser findet , den Bund verräth ? Richard ward starr vor Entsetzen über den Gedanken , der jetzt in furchtbarer Klarheit vor ihm aufleuchtete ! Verloren ! verloren ! unrettbar Kaiser und Volk ; Alle ! Alle ! Alle ! schrie er laut ; Abgrund , unergründlicher Abgrund rings umher ! kein Ausweg mehr ! In wilder Verzweiflung zerraufte er sein Haar , warf auf den Boden sich hin . Keine Rettung , wohin den Blick ich wende ! nicht einmal die Möglichkeit eines Wunsches , denn die ewige Allmacht selbst kann Geschehenes nicht ungeschehen machen ! Wo waren meine Augen , meine Sinne , mein gesunder Verstand , daß ich es nicht früher begriff ! Verrath rettet Kaiser und Reich , der Bund geht zu Grunde , mit ihm Andreas und die Seinen ! Helena ! kreischte er auf ; ihm vergingen die Gedanken . Dann suchte er sich wieder zu fassen . Bleibt Alles , steht kein Verräther unter uns auf ; - die Möglichkeit davon liegt vor Augen , denn bis jetzt hat noch Keiner sich gefunden ; nun dann - dann , dann knirschte er , und lachte wild auf , dann ist ja Alles auf das Herrlichste ! dann geht der Tanz los , Volkswuth führt den Reigen , und Pestel ist der siegende Held des Tages ! Wie jede Überspannung , sobald sie gehörig ausgetobt hat , so löste auch Richards Zustand sich allmälig in Erschöpfung auf , und machte gelassenerer Überlegung Raum . Er ließ Alles , was seit des Fürsten Andreas Heimkehr in der letztvergangenen Zeit sich wirklich begeben , an seiner Erinnerung vorüberziehn , und fand , daß außer dem Widerrufe des Befehls zu der bei Beleja Tserkoff beabsichtigten Revue und der Erscheinung des Mathias Apostol bei ihm in seiner Wohnung , sich doch eigentlich gar nichts zugetragen habe , was die Muthlosigkeit rechtfertigen könne , von der er so plötzlich ergriffen worden war . Seiner jetzigen Ansicht nach konnte des Mathias Besuch und Benehmen nur einem plötzlichen , durch übertriebene Sorge um seinen Bruder herbeigeführten Ausbruche von Wahnsinn zugeschrieben werden . Und warum sollte Richard lieber in unbestimmten Zweifeln an seinen Pflegevater sich verlieren wollen , als in Hinsicht auf jene Revue den Andeutungen desselben Glauben schenken ? Richard war gewöhnt sich selbst der strengste Richter zu sein , und konnte in diesem Augenblicke , tief beschämt , den bedeutenden Einfluß sich nicht verhehlen , den sein durch des Fürsten Verschlossenheit verletzter Stolz auf die Beurtheilung der Handlungsweise desselben in der letzten Zeit geübt habe . In solchem Falle ist es edleren Naturen immer schwer das rechte Maaß zu halten , aus übertriebener Großmuth nicht gegen sich selbst ungerecht zu werden , und so einen zweiten Fehler zu begehen , indem man den ersten allzu überschwänglich gut machen will . Daher konnte Richard es nicht unterlassen sich selbst auf das allerhärteste zu verdammen , und die edelsten Gründe dem , wenigstens sehr auffallenden Betragen des Fürsten unterzulegen , die man schweigend ehren müsse , selbst wenn sie unbegreiflich erschienen . Er gelobte sich selbst den Maaßregeln und Verheißungen seines edlen Pflegevaters mit ruhigster Zuversicht zu vertrauen ; doch diese vortrefflichen Entschlüsse vermochten nicht die Unruhe ganz zu beschwichtigen , die ungeachtet aller Mühe , die er sich deshalb gab , noch immer in seinem Innern tobte , und ihm nicht erlauben wollte , dem Gange der Begebenheiten in ruhiger Unthätigkeit zuzusehen . Er konnte die Verrath verkündenden Reden des Mathias Apostol nicht vergessen ; wie , wenn nun die Behauptungen jenes mordlustigen Frevlers dennoch auf mehr als bloßer Einbildung beruhten ? dachte er : Wahrscheinlichkeit spricht mehr dafür als dagegen , und wer wird bei gesundem Verstande den Fallstricken eines eidbrüchigen Verräthers sich nicht zu entziehen suchen wollen , so lange dieses möglich ist ? Die edle großartige Natur meines hohen Freundes ist freilich leicht zu betrügen , sie kann keine Ahnung der niedrigen Verworfenheit jener im Dunkel hausenden Rotte in sich aufnehmen , sprach er seiner alten Gewohnheit nach laut zu sich selbst . Doch ich will für ihn sehen , ich will sein Auge werden , da er auf andre Weise meine Hülfe verschmäht . Ich will statt seiner die Schlupfwinkel des Lasters durchspähen , die ihm unzugänglich sind , und es immer bleiben müssen . Man sagt ja , die kleine behende Eidechse suche die Klüfte auf , in welchen die giftige Otter hauset , und eile durch Gras und dürres Laub vor ihr her , um durch ihr Rascheln schlafende Menschen warnend zu wecken , setzte er lächelnd hinzu . Von nun an ergriff Richard auf das eifrigste jede Gelegenheit , die zu näherer Bekanntschaft mit einzelnen Verbündeten führen konnte . Während er von ihren eigentlichen Zusammenkünften sich etwas zurückzog , ließ er um so öfterer bei Trinkgelagen sich finden , selbst bei solchen , wo weder Mäßigkeit noch feinere Sitte den Vorsitz zu haben pflegten . Er ließ in Klubbs und Spielhäusern , auf Bällen und öffentlichen Tanzböden sich einführen , besuchte Kaffeehäuser , Weinhäuser , Billards , lauter Orte , wo man früher ihn nie gesehn , zeigte als täglicher Gast sich in Gesellschaften , wo bis jetzt man gewohnt gewesen war ihn als eine höchst seltne Erscheinung zu begrüßen , und suchte so die Gesinnungen einzelner Mitglieder des Bundes genau kennen zu lernen , um jeden von fern drohenden Verrath gleich beim Entstehen zu entdecken . Auf diese Weise konnte er nicht verfehlen eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft unter Leuten sich zu erwerben , mit denen er bis dahin in keiner Art von Verkehr gestanden ; er gerieth zugleich in den Ruf eines leicht und locker hinlebenden jungen Gesellen , auf dessen Gegenwart seines Gleichen keine besondere Rücksicht zu nehmen nöthig hatten , sondern im Gegentheil sich nach Lust und Belieben ganz zwanglos gehen lassen konnten , was Richards Beobachtungen ungemein erleichterte . Nebenbei lernte er hier eine ihm fast unbekannt gebliebene Seite des Lebens kennen , machte auch die Entdeckung , daß zwischen dieser ihm neuen Welt und der vornehmeren , in welcher er bis dahin sich bewegt hatte , der Unterschied mehr in der Form , der äußern Vergoldung , als in ihrem wahren innern Gehalte zu finden sei ; doch das , wonach sein Forschen eigentlich strebte , vermochte er nicht zu entdecken . Nirgends zeigte sich die kleinste Spur beabsichtigter Verrätherei unter all den Verschworenen , die von allen Seiten sich an ihn drängten , weil sie ungeachtet der republikanischen Gesinnungen , die sie zur Schau trugen , durch den Umgang mit ihm sich gehoben glaubten , den sie bis dahin immer nur in den Umgebungen der Vornehmsten des Reiches gesehen . Die Ausgezeichnetsten unter Richards neuen Freunden suchten Anfangs meistens nur aus Prahlerei und Eitelkeit , seltner durch wirkliches Wohlgefallen an seiner Persönlichkeit , sich den Schein inniger Vertraulichkeit mit dem Allgefeierten zu geben ; doch gar bald ging dieser Schein in Wahrheit über , denn Gewohnheit trägt am Ende immer den Sieg davon ; sie vergaßen der vorsichtigen Schlauheit , die sie im vertraulichen Umgange mit ihm zu üben gemeint , und zeigten sich ohne Hehl wie sie eben waren . Es ging ihnen mit ihm , wie es vor vielen Jahren den Bewohnerinnen einer ehemaligen freien Reichsstadt erging , denen die nahe Ankunft einer Königin angekündigt wurde , welche in ihren Mauern einige Tage zu verweilen gedachte . Die Damen geriethen über die Beobachtung der an Höfen üblichen Etikette , besonders über die richtige Anbringung des Wortes Majestät , in Todesangst , und behaupteten mit der hohen schönen Frau nimmermehr sprechen zu können . Und als diese nun in ihrer Mitte war , gütig und freundlich gegen Jedermann , nannten die Geängsteten , in der Freude ihrer erleichterten Herzen , sie ohne weitere Umstände » meine liebe . « Richard benutzte die sich ihm bietende Gelegenheit zur Beobachtung seiner Umgebungen auf das Beste . Unzufriedenheit , Ungeduld über zu langes Verzögern des einmal Beschlossenen , Haß und Mißtrauen gegen die Häupter des Bundes , besonders gegen Pestel , entdeckte er in aller Gemüth , doch immer nur als schnell vorübergehende , durch irgend ein neueres Ereigniß hervorgebrachte Erscheinung . Die heute Unzufriedenen , zeigten sich morgen in ganz entgegengesetzter Stimmung , die Ungeduldigen waren besänftigt , und hofften auf einen , mit nächstem zu fassenden , alles mächtig fördernden Beschluß . Die Einen hatte Pestel freundlich gegrüßt , die Andern Sergius , oder Mathias Apostol angeredet , und damit war alles gut gemacht . Je länger dieses währte , je unsichrer wurde Richard in Zusammenstellung der aus seinen Beobachtungen hervorgehenden Resultate . Einigemal glaubte er dem in der Mitte der Verbündeten lauernden Verräther auf der Spur zu sein , und ehe er sich dessen versah , löste die angebliche Verrätherei in einen albernen , frostigen Scherz sich auf . Es gab Stunden und Tage , wo andre Gedanken ihn beschäftigten ; es schien ihm oft , als ob man höheren Ortes dem sogenannten Bunde der ächten Kinder des Vaterlandes von selbst auf der Spur sei , und heimliche Anstalten treffe , ihn gefahrlos und sicher aufzulösen ; was Richard allerdings als das Allererwünschteste betrachtete das sich ereignen konnte , sobald Fürst Andreas selbst in dieses Staatsgeheimniß eingeweiht , und mit Lösung des Bundes beauftragt war , den er und seine Freunde einst selbst in der lobenswerthesten Absicht gestiftet , und der allein durch dessen weit um sich greifende Vergrößerung ausgeartet , jetzt freilich eine höchst bedrohliche Gestaltung angenommen hatte . Nur so allein glaubte Richard des Fürsten wiederholte Versicherung der völligen Gefahrlosigkeit des Bundes erklärt , und die Wahrheit derselben bestätigt zu sehen ; und doch regte sich etwas in seinem Gemüthe , das diesem Glauben widersprach : denn es wurde ihm schwer eine solche künstliche , an Falschheit gränzende Halbheit , mit dem großen edlen Charakter seines väterlichen Beschützers zu vereinen . Daher steigerte die Angst um ihn und die Seinen sich oft bis zur Verzweiflung , wenn die Möglichkeit ihm vorschwebte , daß etwas dem Ähnliches ohne Vorwissen desselben im Werke sein könne . So fuhr er denn in seinem unruhigen ängstlichen Treiben fort , suchte , was zu finden er weder wünschte noch hoffte , während alle seine Freunde und näheren Bekannten die Veränderung höchst auffallend fanden , die mit ihm und seiner Art zu leben vorgegangen war . Sogar Andreas bemerkte sie und spielte zuweilen scherzend zwischen Lob und Tadel darauf an ; wußte aber dennoch jeder Erklärung , die Richard ihm geben wollte , mit gewohnter Gewandtheit auszuweichen . Nur Helena , mochten auch noch so seltsame Gerüchte über ihn ihr zu Ohren kommen , nur sie allein ließ auf keine Weise von dem Glauben an ihren Freund , an seine Liebe , an seine Treue , an seine reine Sittlichkeit sich abwendig machen . Aber auch sie wollte nie ihn anhören , wenn er über manches sich zu erklären suchte , das seiner Meinung nach in ihren Augen ihn herabsetzen konnte . Ich glaube gar Du willst von Deinem Thun und Lassen mir Rechenschaft ablegen ? rief sie lächelnd ; wissen wir etwa die uns spärlich zugemessene Zeit des ungestörten Beisammenseins nicht besser zu benutzen ? oder glaubst Du , ich wäre so ungerecht nicht begreifen zu wollen , daß Du während der Abwesenheit Eugens zuweilen anderer Erholung bedarfst , als unsre doch immer etwas formelle Societät Dir gewähren kann ? Ich selbst , setzte sie scherzend hinzu , möchte zuweilen die Fürstin gern ein wenig bei Seite schieben und mich , wäre es auch nur der Abwechselung wegen , mitten in ein einfach ländliches oder stillbürgerliches Verhältniß versetzen , wie Novellen-Dichter , besonders deutsche , es so anlockend beschreiben . Richard wollte dessenungeachtet noch etwas über sein jetziges Benehmen einzuschieben suchen , doch Helene drückte ihm die Hand auf die Lippen . Qui s ' excuse s ' accuse , weißt Du wohl : sprach sie freundlich . Hast Du es wirklich einmal so weit gebracht , daß Du bei mir einer Entschuldigung bedarfst , dann erst ist eine jede recht überflüßig ; denn entweder alles ist zwischen uns niedergerissen , ohne Möglichkeit der Wiederherstellung , oder ich bleibe bei meinem Glauben an Dich , ohne daß eines von uns beiden ein Wort darüber verliert . Was sollen Worte zwischen uns , wenn man sich ohne sie versteht ? Was giebt es Neues ? fragte Mitchell , nachdem er eine Weile mit inhaltschwerem Gesicht sich in seinem Sessel hin und her gewiegt . Nichts Besonderes , das ich eben wüßte : antwortete Richard , der des langweiligen Besuches schon von Herzen müde war , obschon dieser jetzt selten ihn belästigte . Hm ! brummte Mitchell , besann sich wieder ein Weilchen , bemühte sich ungemein gescheit auszusehn , und rückte vertraulich mit seinem Sessel dicht neben Richard hin . Es laufen doch mitunter sonderbare Gerüchte in der Welt umher , fing er an , man darf nur nicht immer trauen , noch weniger alles glauben . Aber die Sache wäre doch zu erwägen und eigentlich bin ich hier , um mir in einer wichtigen Angelegenheit bei Euch als meinem Landsmanne Rath zu erholen . Aber sagt mir vor allen Dingen , Mr. Wood , wißt ihr wirklich nichts Neues ? Fällt denn in diesem großen Lande gar nichts in der Politik vor ? Freilich , hier ist kein Parlament , aber gewiß doch Opposition , denn die findet sich überall , in jedem Haushalte , und bestünde er nur aus zwei Personen . Aus Mann und Frau , meine ich . He he he he ! setzte er , seinen eignen Witz belachend , hinzu . Der Kaiser ist in Taganrog glücklich eingetroffen , höre ich ; das ist die neueste Neuigkeit so viel ich weiß : erwiederte Richard . Aha ! nun gebt Ihr es schon näher ! sprach Mitchell und sah außerordentlich pfiffig dazu aus : und weiter wüßtet Ihr wirklich nichts ? gar nichts ? habt nichts vernommen ? nichts von einem dem Ausbruche nahen Revolutiönchen ? flüsterte er plötzlich sehr leise ihm in ' s Ohr . Richard fuhr zusammen , und blickte ihm starr in ' s Gesicht . Ihr erschreckt ? Ihr wißt also noch von nichts , wie ich merke , am Ende was geht es Euch auch viel an ? Ihr bekümmert Euch um Eure Pferde und um Eure Liebesaffairen , damit gut . Ich kann Euch das nicht verdenken , ein junger Officier hat bei dergleichen weder viel zu gewinnen noch zu verlieren : in meiner Lage muß man schon vorsichtiger sein , und die Augen hinten und vorne haben . Im Vertrauen , große Dinge sind im Werke , und da will ich , wie gesagt , als Euer Landsmann , um Eure Meinung bitten , wie ich mich zu verhalten habe , wenn das Ding zum Ausbruch kommen sollte , setzte er mit leiser Stimme hinzu . Wie werden bei Euch die Revolutionen gemacht ? sind sie sehr gefährlich ? ich meine für ' s Eigenthum , für Hab ' und Gut , denn mit dem Leben hat es so viel nicht zu sagen , ein kluger Kopf weiß sich schon zu salviren . Erklärt Euch deutlicher , und seid von meiner Discretion wie von meinem guten Willen fest überzeugt , erwiederte Richard so ruhig als es ihm möglich war . Nun so hört , fing Mitchell sehr leise flüsternd an . In Petersburg selbst hat eine weit ausgebreitete Gesellschaft sich heimlich organisirt , deren Hauptzweck darauf hinaus geht , in Handel und Wandel allerhand Verbesserungen einzuführen , besonders in Hinsicht auf das Zollwesen ; denn eben damit thut es vor allem noth . Der ehrlichste Kaufmann muß ja zum Schmuggler - doch das gehört nicht hierher . Genug die Gesellschaft , oder nennt es Verschwörung , ist da . Seht mich nicht so ungläubig an , ich will es Euch nur gestehen , sie haben mich selbst in ihren Klubb , oder , wie sie es nennen , in ihren Bund aufnehmen wollen , und ich habe mich verdammt drehen und wenden müssen , um mich davon los zu machen , ohne meine Freunde zu beleidigen , denn so etwas paßt nicht in meinen Kram . Der Tanz kann eben so gut heute als morgen los gehen , alle Verschworene sind auf ' s Äußerste vorbereitet , und ohne etwas Unruhe , vielleicht etwas Brand und Blutvergießen , wird es schwerlich abgehen . Glaubt Ihr , daß es sehr gefährlich damit wird ? Ein Engländer , meine ich , hätte weniger zu riskiren als ein Anderer , man nimmt doch immer einige Rücksicht . Nun ich hier einmal eingewohnt bin , möchte ich nicht gern sobald fort . Doch freilich , wenn Gut und Leben gefährdet sind : - setzte er bedenklich seufzend und die Achseln zuckend hinzu . Ja ! man kann das so eigentlich nicht vorher wissen - an Eurer Stelle - wenn es wirklich ist , wie Ihr saget , und Ihr Euch nicht irrt - die Schifffahrt ist jetzt gefahrlos und offen , das Sicherste wäre immer sich bei Zeiten aus dem Wege machen : stotterte Richard und wußte selbst nicht , was er sprach . Das Alles wäre schon ganz recht , aber es ist dabei doch noch manches Andre zu bedenken , erwiederte Mitchell . Ich habe hier gute Geschäfte gemacht , und die Aussicht auf noch bessere gewonnen , das kann ich Euch , der Ihr dabei gar nicht betheiligt seid , wohl gestehen . Mein edler ehrenwerther Beschützer , Fürst Andreas , ist ein sehr weiser unternehmender Herr , er hat große ausgebreitete Pläne gefaßt für Unternehmungen , die er unter meiner Leitung auf seinen Herrschaften ausführen lassen will . Ihr begreift , dabei läßt sich etwas gewinnen , das man nicht gern aufgiebt . Die Revolution ist ein Sturm , der schnell vorübersaust , den könnte man wohl im sichern Verstecke abwarten , und es kann obendrein kaum fehlen , daß nicht bei dergleichen manches abfiele , was des Aufnehmens werth wäre . Ein recht Gescheiter kommt in unruhiger Zeit nicht leicht zu kurz , wenn er Gelegenheiten wahrzunehmen weiß . Genug , mit der Revolution allein möchte ich es schon wagen - aber , aber ! es ist noch etwas dabei , eine ganz verteufelte Geschichte : setzte er seufzend hinzu , heftete den starren Blick auf den Boden , ließ den Kopf bis auf die Brust hängen , die gefalteten Hände sanken ihm in den Schoos und beide Daumen fingen an , sich in blitzschneller Geschwindigkeit um einander zu drehen . Nun ? fragte Richard , in ängstlicher Spannung . Bürgerkrieg ! erscholl es wie ein Orakelspruch aus Mitchells tiefster Brust : Bürgerkrieg ! da geht alles drunter und drüber ; und das währt jahrelang , wie wir der Beispiele genug davon haben . Der Fremde mit seinem Eigenthume fällt zwischen beide Parteien , wie zwischen die beiden Klingen einer Scheere , und wird von beiden als gute Beute behandelt . Bürgerkrieg ! wiederholte Richard . Bürgerkrieg : erwiederte Mitchell : hört mich an , und Ihr werdet finden , daß meine Befürchtungen nicht grundlos sind . Ich will Euch nichts verhehlen , alles was ich weiß sollt Ihr erfahren , dann mögt Ihr selbst urtheilen und auch Eure Maaßregeln nehmen , denn als Militair habt Ihr doch einiges zu riskiren . Richard wollte vor Ungeduld vergehen , aber es half ihm nichts . Mitchell räusperte sich ganz bedächtig , dann fing er vertraulich leise an : Noch vor dem Ausbruche wird die Verschwörung an den Kaiser verrathen werden , das sage ich Euch vorher , traut meinem Worte . Natürlicher Weise bricht dann der Lärm gleich los . Erst hängen , köpfen , dann Widerstand , Aufstand , zwei Parteien , Krieg , Blutvergießen , offne Rebellion , jahrelang , wie in der Vendée , wie in Spanien , wie überall wo der Teufel freies Spiel gewinnt . Deutlicher ! deutlicher ! um Gotteswillen deutlicher ! woher wißt Ihr , vermuthet Ihr ? o sagt mir alles ! bat Richard in höchster Angst . Woher ? nun , wie es sich denn zuweilen wunderbar fügen muß , - nahm ich heute bei Caffarelli mein zweites Frühstück ein , wie gewöhnlich . Viel Gesellschaft war versammelt , es wurde viel getrunken . Vormittags ist das meine Sache nicht ; ich hatte meine Geschäfte im Kopfe ; im Saale wurde es mir zu heiß , zu laut , ich setzte mich mit meinem Taschenbuche in die Ecke einer der kleinen Logen oder Lauben in dem Gärtchen hinter dem Pavillon , um eine wichtige Speculation zu berechnen , die mir eben angetragen worden war . Auf einmal wird es in der Loge dicht neben der meinen laut , viel lauter , als es dem Inhalte des Gesprächs nach zu urtheilen wahrscheinlich geworden wäre , hätten die Herren vorhin nicht zu tief ins Glas gesehen ; glücklicher Weise sprachen sie französisch , um nicht von Jedermann verstanden zu werden . Wahr ist ' s , Mäßigkeit und Umsicht sind nicht Jedermanns Sache , aber - - Den Inhalt ! den Inhalt ! um Gottes Barmherzigkeit willen , den Inhalt : flehte Richard ihn unterbrechend . Es waren ihrer Zwei . Und was konnte der Inhalt ihres Gesprächs anderes sein , als jene Verschwörung , in die sie auch mich gern hineingezogen hätten : fuhr Mitchell fort . Erst kamen Klagen über die Häupter derselben , dann Zweifel an dem Gelingen , dann Reue über den Verrath an dem Kaiser , dann Angst vor den Folgen , bis sie endlich gerade heraus darüber eins wurden , der einzige Weg zu ihrer eigenen Rettung wäre , dem Kaiser alles schriftlich zu entdecken , die Liste der Verschworenen , besonders der Häupter derselben ihm einzusenden , und so für sich selbst Verzeihung auszuwirken , möge aus den Übrigen werden was da wolle . Seht , das ist es eigentlich was mich so stutzig machte ; und nun sprecht , was denkt Ihr davon ? Weiter , weiter , das Ende : rief Richard . Aber was