der Zuschauer eben nicht zur Ruhe und Besinnung komme , doch gab er den Wünschen des jüngeren Freundes nach , der seiner Mutter gern ihre heitere Laune , in welcher sie das Kunstwerk liebgewonnen hatte , erhalten wollte . Indem Antonio neben Olivien stand , um wieder zum letztenmal aufzutreten , sah er , wie sie ein Billet aus dem Busen zog , das sie ihm heimlich zustecken wollte . Er griff darnach , aber so in Hast und übertriebener Eile , daß er an Charlottens Hand stieß , und der Brief auf das Theater flog . Elsheim , als Herzog , erstaunte über diesen Vorfall und sah den Brief an , und es schien fast , als sollte die Vorstellung jetzt einen Gegensatz zu dem Schreiben liefern , welches Malvolio in so seltsamer Begeisterung ablieset ; doch ließ Elsheim das Blatt liegen , Antonio trat heraus , der Baron spielte zerstreut , Olivia erschien , und bevor sie noch sprach nahm sie den Brief vom Boden auf und sendete dem verwirrten Leonhard einen sprechenden , vieldeutigen Blick zu . So ging das Stück zu Ende , Leonhard fühlte sich beschämt , Elsheim war zerstreut , und nur Charlotte behielt eine so ruhige Fassung , als wenn gar nichts vorgefallen wäre . Doch war es ihr nicht möglich , jenen Brief der Behörde , an welche er gerichtet schien , abzuliefern denn Elsheim verfolgte sie mit so aufmerksamen Blicken , daß Charlotte sich auf ihr Zimmer zurückzog , nachdem Leonhard gleich nach dem Schluß der Aufführung seine Ruhestätte aufgesucht hatte . Am folgenden Tage wurde verabredet , zum Ergötzen der Mutter ein großes Konzert zu veranstalten , in welchem , außer den beiden fremden Virtuosen , auch alle diejenigen , welche von der Gesellschaft musikalisch waren , sich sollten hören lassen . Charlotte sang vortrefflich , Elsheim angenehm , und so gab man , mit Hülfe des Verwalters Lenz , fast die wichtigsten und meisten Partien aus Belmonte und Constanze . So wenig die alte Baronesse mit der neuern Poesie fortgeschritten war , so daß sie fast unwissend erscheinen konnte , so sehr war sie in die Kompositionen des großen Mozart verliebt , weil sie diese gerade in ihrer frühen lugend , indem ihr Bewußtsein erwachte , hatte kennenlernen . Bei vielen Menschen werden die Bildung , ja selbst der Charakter , und ihre Vorliebe und Vorurteile auf die ganze Lebenszeit durch solche Zufälligkeiten begründet . Die junge Witwe des verstorbenen Unterförsters ließ sich an diesem Tage bei Elsheim melden . Da sich die beiden Leute schon seit frühester Jugend gekannt hatten , so nahm sich die noch hübsche Frau manches bei dem jungen Gutsherrn heraus , was sie sonst wohl bei einem älteren Herrn nicht gewagt haben würde . Ihr Anspruch war nichts geringeres , als daß sie nun auch einmal irgendeine Rolle auf dem freiherrlichen Theater zu spielen wünsche . Elsheim war mit der Frau , die so dreist , fast verwegen , ihre seltsamen Wünsche vortrug , in einiger Verlegenheit . Er suchte sie zu beschwichtigen und ihr das Ungehörige ihrer Forderung deutlich zu machen , aber alle seine Bemühungen waren umsonst , denn sie war von ihrem Talent so überzeugt , daß sie meinte , sie dürfe weder vor Charlotten , noch Albertinen zurückweichen , deren Spiel sie gesehen hatte . » Oh , mein junger lieber Herr « , sagte sie , » Sie scheinen es ganz vergessen zu haben , wie früh wir schon miteinander bekannt waren , und wie freundlich Sie mir damals begegneten , als ich noch nicht mit meinem Manne verheiratet war . Nachher kamen Sie freilich in langer Zeit nicht zu uns , und haben mich und uns alle hier ganz aus der Acht gelassen . In der Zeit , ehe ich mich verheiratete , bin ich ein Jahr in der nah gelegenen Stadt gewesen , bei einem sehr geschickten Fräulein , die auch eine Dichterin war . Diese behandelte mich mehr wie eine Freundin , als wie eine Gesellschafterin , und da habe ich oft helfen Komödie spielen . Was denken Sie ? Ich habe die Agnes Bernauer , ich habe die Amalia in den Räubern mit Beifall dargestellt , auch die Orsina , und bei manchem großen Kapitalstück habe ich geholfen . « Elsheim war nicht gestimmt , das Geschwätz länger anzuhören , und verabschiedete sie mit einem halben Versprechen , bei dem nächsten theatralischen Ereignis an sie und ihr Talent zu denken . Und warum nicht ? sagte er nachher zu sich selber ; es wird die Verwirrung , in der wir uns befinden , nur um weniges erhöhen . Wohin geraten wir alle ? Kann ich es mir noch leugnen , daß ich von Eifersucht gepeinigt werde ? daß mich , gleich Blitzstrahlen , Momente des Unmuts , ja fast des Hasses , gegen meinen frühesten , meinen innigsten Freund , den redlichsten aller Menschen schmerzlich durchzucken ? Freilich sollte er nicht so schwach sein ! Aber bin ich denn stärker ? Und schwerlich , nein gewiß nicht , schätzt er sie , die uns entzweien könnte , so gering , als ich . Glaubte ich doch meiner so sicher zu sein , als ich hieher kam , und nun spielt mir ein schadenfrohes Verhängnis so launenhaft mit , daß ich da in Leidenschaft entbrenne , wo ich - ja , ich muß es so nennen - wo ich verachte . Man möchte an die alten Sagen von Liebestränken glauben ! Dieses leidenschaftliche Gefühl ist ein Zauber , der zerrissen werden muß . Aber wie , auf daß er im Herzen und meinem Leben nicht so verderblich reiße , daß eine schmerzhafte Lücke bleibt ? Ist es möglich , daß die Leidenschaft um so stärker zu flammen vermag , je weniger sie von Achtung und Ehrfurcht genährt wird ? Indem er diesen sonderbaren Gefühlen weiter nachzuträumen sich gezwungen fühlte , trat Emmrich in sein Zimmer . Diese Störung war ihm lieb und unangenehm zugleich , denn seine Vorstellungen ängstigten ihn , und doch fühlte er sich in der Gesellschaft des verständigen Mannes verlegen , weil es ihm unmöglich schien , jetzt seine Gedanken gehörig zu ordnen . » Schon seit einiger Zeit « , begann Emmrich , » ist es mir Bedürfnis , ja es erscheint mir als Pflicht , mit Ihnen ernsthaft über einen Gegenstand zu sprechen , der mir schwer auf dem Herzen liegt . « Elsheim war gespannt und überrascht , ja fast über diese Einleitung erschrocken . Die Männer setzten sich , und der ältere fuhr so fort : » Glauben Sie mir nur , geliebter Freund , ich habe mir selbst längst alles gesagt , was Sie mir erwidern , oder was mir gar ein feindlich Gesinnter bitter entgegnen könnte . Ich sage mir selbst nämlich : Was drängst du dich in diese Verhältnisse ? Wer fordert dich dazu auf ? Verletzest du nicht vielleicht alle Delikatesse , und ziehst dir den Unwillen eines jungen Mannes zu , den du hochachtest , und der dir bis jetzt immer Liebe bewiesen hat ? Kann ein freigelassenes Wort , eine Enthüllung , die bis jetzt im Dunkel ruhte und nun an das Licht gerissen wird , nicht Unheil stiften ? Wenn man aber , wie es mir geschieht , von seinem Gewissen getrieben wird , so müssen alle diese feineren und kleineren Rücksichten zu Boden fallen . « Elsheim war durch diese Einleitung noch ängstlicher geworden , und da jetzt Emmrich seine Hand ergriff und sie zärtlich drückte , dann mit dem Ausdruck innigster Freundschaft den jungen Mann umarmte , so steigerte sich dessen Verlegenheit so sehr daß der Ausdruck derselben fast komisch wurde . Emmrich schien eine Ahndung davon zu haben , denn er setzte sich plötzlich wieder nieder und suchte nach Worten . » Es sei ! « sagte er nach einer kleinen Pause . » Sie bemerken es also nicht , oder wollen es vorsätzlich nicht sehen , wie Sie eins der edelsten Wesen zugrunde richten , wie Sie die liebenswürdige Albertine umbringen ? « Elsheim sprang von seinem Sitze auf , stand verwundert still und blickte starr den Redenden an , setzte sich dann wieder nieder , und sagte endlich mit dem Ausdruck der höchsten Verwunderung nichts weiter , als : » Wie ? « » So ist es « , fuhr Emmrich fort . » Seit lange schon glaubte ich diese Leidenschaft in dem edlen Wesen zu bemerken , ich wollte aber früher meiner Kenntnis des menschlichen Herzens nicht trauen , bis mich nun unsere Aufführung des Shakespeareschen Dramas auf das vollkommenste überzeugt und alle meine Beobachtungen bestätigt hat . « » Albertine ! « rief Elsheim aus ; » Sie sagen mir da etwas , das ich nimmermehr glauben kann . Wie ? diese Kalte , Schweigsame , immer Zurückgezogene sollte eines Gefühls , und gar für mich , fähig sein ? Wenn Sie mir dergleichen von Charlotten sagten , könnte ich es vielleicht eher glauben . « » Von Charlotten « , erwiderte Emmrich kalt , » würde ich es nicht glauben , und wenn das Fräulein es mir selbst versicherte . Wie wunderbar hat die Natur dieses schöne Wesen mit Gaben und Reizen ausgestattet , und bei diesen vielfachen Geschenken das Herz vergessen , ohne welches alle anderen Eigenschaften ihren eigentlichen Kern verlieren . Ich bin überzeugt , diese gaukelnde Fee wird niemals lieben können ; sie sucht ihr Glück darin , alle Männer zu bezaubern und leichte Abenteuer anzuknüpfen und zu lösen . Leidenschaft zu erregen ist ihr Spiel , sie will aber keine fühlen . So hat sie sich zur reizendsten und gefährlichsten Kokette ausgebildet . Sie hat in der Residenz schon wunderbare Abenteuer durchgespielt , und die verständige Tante bemerkt entweder alles nicht , oder sieht als eine kluge Frau durch die Finger , wo sie nichts ändern kann . Vielleicht muß es solche Wesen geben , und Charlotte entwickelt sich nur so , indem sie einer innern Notwendigkeit nachgibt ; aber zu bedauern ist es doch , daß diese schöne Erscheinung ohne Seele bleiben soll . - Dagegen Albertine ! welcher Adel bei diesem Liebreiz ! Sie ist lauter Seele und Gemüt und in dieser reinsten Unschuld und wahrhaft göttlichen Unbefangenheit voll des tiefsten Gefühls für alles Schöne und Große . Wem sich dieses Herz widmen kann , der sollte sich wohl so beseligt fühlen , daß er sich den Göttern des Olymps gleich dünkte . « » Halten Sie inne « , rief Elsheim , » damit ich zu mir komme damit ich überlegen kann , wie das möglich sei , was Sie mir da sagen , oder Gründe und Worte finde , um Ihre irrige Meinung zu widerlegen . - Albertine ! « » Ich muß mich über Ihre Verwunderung verwundern « , antwortete Emmrich , » und zugleich das Schlimmste abbitten , was ich von Ihnen dachte , denn ich glaube , Sie wüßten um diese Neigung und verschmähten die Unglückliche absichtlich . « » Abgesehen von allem übrigen « , fragte Elsheim , » was verlangen Sie von mir ? « » Was Sie leicht gewähren können und müssen « , erwiderte der Professor , » daß Sie die Arme nicht verhöhnen , ihr nicht geflissentlich mit kalter Grausamkeit begegnen . « » Ach ! « rief Elsheim aus , » mir ist das , was Sie mir da eröffnen , noch immer so neu , so überraschend , daß ich daran zu glauben nicht vermag . « » Lassen Sie mich fortfahren , da ich mich Ihnen einmal anvertraut habe « , sagte Emmrich ; » daß ich mit Albertinen niemals über diesen Gegenstand gesprochen habe , werden Sie mir ohne Versicherung glauben , da Sie mich kennen . Daß sie mir Aufträge gegeben , oder mir zuerst sich mitgeteilt haben sollte , dem zu widersprechen ist vollends überflüssig . Seit lange war mir die Melancholie und die abwechselnd erzwungene Heiterkeit des schönen Wesens aufgefallen . Als ich sie im Götz beobachtete , wurde meine Vermutung zur Gewißheit . Aber mit größtem Schmerz fand ich im Lustspiel meine Überzeugung bestätigt . Ich habe schon sonst die Erfahrung gemacht , daß ein schöner Tenor nur dadurch in seinen geistigsten Tönen die Menschen bezauberte weil aus ihnen der Tod schon , die bald entwickelte Schwindsucht sang . Oh , mein Freund , als Viola sprach die zarte Freundin so weiche , überirdische Töne , in so himmlische Lieblichkeit getaucht und wie im geistigen Äther hinklingend , daß die Laute mir durch das Herz schnitten , denn in jedem klang ein Lebensjahr mit hinaus . So hatte ihr Auge den überirdischen Glanz eines verklärt Sterbenden . Ja , Freund , sie geht zugrunde , ihr Herz bricht , und Sie werden sich nachher den Vorwurf machen müssen , daß Sie es verschuldet haben . « Elsheim war nachdenkend geworden und sagte dann nach einer Pause : » Und was verlangen Sie nun , daß ich tun soll ? « » Nur weniges « , erwiderte Emmrich , » nur das , was Ihnen die Urbanität von selbst , ohne meinen Rat , vorschreibt . Zeigen Sie der Armen nicht so geflissentlich Ihre Geringschätzung , Ihren Widerwillen . Warum so plötzlich , oft im unschuldigsten Gespräch , dieser höhnische Witz ? diese bittern Bemerkungen über die Schwächen der Weiber ? Sie sind gegen alle Menschen , selbst gegen rohe , die es nicht verdienen , sanft und mild ; dies zarte Wesen aber ist nur da , damit Sie an ihr den Übermut des Mannes üben , und die giftigen Pfeile der Geringschätzung und Verachtung schärfen . Sie sind ein Mann , aber wenn jemand , den Sie liebten , Sie auf diese Weise behandelte , Sie würden verzweifeln . « Elsheim faßte die Hand des älteren Freundes und sagte bewegt : » Ich danke Ihnen , daß Sie mich mit dieser Offenheit auf meine Ungezogenheit aufmerksam gemacht haben . Ich bin vollkommen im Unrecht , und weiß nichts zu meiner Entschuldigung zu sagen , als daß ich mein widerwärtiges Betragen bereue . Es ist nur zu wahr , daß wir oft mit aller unserer vornehmen Kultur und Bildung , mit der wir uns brüsten , roh , ja selbst gemein werden können . Sie ist mein Gast , mir verwandt , und so ist mein Vergehen noch weniger zu verzeihen . Ich werde mich jetzt bestreben , schonend und anständig ihr gegenüber zu erscheinen . « » Ich wußte « , sagte Emmrich , » daß Sie meine offenherzige Freundschaft so aufnehmen würden . Fügen Sie nun noch das ebenso Nötige hinzu , in Gegenwart der Kranken dieser Charlotte nicht so geflissentlich den Hof zu machen , diese mit Artigkeiten zu überschütten , so eifrig um ihre Gunst zu werben , als ob von dieser das Glück Ihres Lebens abhinge . « » Freund ! « rief Elsheim bewegt aus , » man ist und bleibt ein Tor , und sollte jeden Morgen an seinen Schützgeist ein ganz besonderes Gebet richten , daß er uns vor recht ausdrücklichen Dummheiten , vor diesen wenigstens , behüten möge . Schon seit anderthalb Jahren quält mich meine gute Mutter in ihren Briefen , daß ich heiraten soll , und zwar diese ihre Albertine , die sie für das Muster aller weiblichen Wesen hält . So trieb mich ein schadenfroher Dämon in den Widerspruch hinein , und ich konnte in meiner Einfalt gegen diese frommen Wünsche nur widerspenstig sein , indem ich ungezogen wurde . Ich wollte meine Mutter nur bescheiden , sozusagen auf erlaubte Weise , ärgern , Albertinchen diese Gedanken , die meine redselige Mutter ihr gewiß schon eingeflößt hat , aus dem Sinn bringen , und habe wie ein stümperhafter Komödiant , statt Schröders feinen Klingsberg , zu meiner Beschämung einen ungehobelten Landjunker dargestellt . Auch dieses scheinbare Verliebtsein - oder wie nenne ich es ? - in die Olivia , in diese allzu geniale Charlotte - war ja nur ursprünglich ein Spiel , um meine Mutter irrezuführen und die projektierte Heirat völlig scheitern zu machen . Ich handelte nur so in den Tag hinein , weil ich nicht als Pedant einen feinen und durchdachten Plan entwerfen wollte , und darüber ist , wie Sie mir jetzt verkünden , die Arme zum Opfer geworden . Sei es nun aber mein Vorurteil , oder Eigensinn , oder sei es eine wirkliche Antipathie unserer Naturen , meinem Gefühl ist diese Albertine und ihr Wesen und Treiben zuwider . Darum war es mir auch peinlich , daß ich in unsern beiden Stücken so viel mit ihr verkehren mußte . Von jetzt an aber werden Sie sehen , daß ich in der Vernunft und den Gesetzen der Lebensart Folge leiste ; durch mich soll mein Mühmchen nicht wieder gekränkt werden . « Die Freunde trennten sich , und Elsheim irrte gedankenvoll im Garten umher . Es ist uns nicht gegönnt , dachte er bei sich , so im Leichtsinn , in welchem wir uns so poetisch fühlen , dahinzutaumeln . Dies Gelüst , wenn wir ihm nachgeben , wird vom Ernst des Lebens fast immer , und oft zu hart , gestraft . Darum ist etwas so Berauschendes und Entzückendes in der ersten Jugendblüte . Jene Reise-Momente , Stunden und Tage , wo ich unbekannt in einsamen Gegenden irrte und spielte , alle jene Scherze und vorübergehenden Figuren und Bekanntschaften , jene Neckereien , halbe Liebe und Tollheiten , könnt ihr denn niemals wiederkehren , und nur in der Erinnerung mich erfreuen ? Damals fiel es niemand ein , mich wegen dieses Scherzes oder jener Ausgelassenheit zur Rechenschaft zu ziehen ; jetzt muß ich mich verantworten , mein Betragen entschuldigen , für die Folgen einstehen . Freilich bin ich auch älter geworden , lebe nicht in der Fremde , in einem Städtchen oder Schloß , das ich jetzt betrete und übermorgen verlasse , sondern in meinem angestammten Eigentum , wo ich der verehrliche Gutsherr bin und für allen Schaden , der geschehen kann , einstehen muß . Und die anbrüchigen Herzen sind leider nicht assekuriert , und was in meinem Besitztum verlorengeht , soll ich bezahlen . » Tolle , tolle Welt ! « rief er aus und setzte sich in jene abgelegene Laube , um recht ungestört mit den Menschen , der Gesellschaft und ihren Einrichtungen schmollen zu können . Da hüpfte die kleine Dorothea vorbei , und da Elsheim wußte , wie vertraut diese seit einiger Zeit mit Albertinen war , so stand er auf , ging ihr entgegen und bat sie , auf einige Zeit bei ihm zu verweilen , weil er sie über etwas , das ihm sehr wichtig sei , befragen wolle . » Mein liebes Mühmchen « , fing er an , » ich weiß , daß Sie stets , seit Jahren schon , für mich die freundlichsten Gesinnungen hegten . Jetzt können Sie mich wahrhaft glücklich machen , wenn Sie einmal ganz aufrichtig gegen mich sind . Aber freimütig , offenherzig , Liebe , müssen Sie gegen mich sein , und ich schwöre Ihnen , was Sie mir demnächst anvertrauen werden , soll in meiner Brust wie im Grabe verschlossen bleiben . « Die kleine verständige Dorothea sah ihn mißtrausich mit ihren klaren blauen Augen an und sagte dann : » Aber was verlangen Sie von mir , liebster Vetter ? Sie machen mir bange . Alles , was möglich ist , will ich Ihnen beantworten . « » Möglich ? « sagte Elsheim freundlich und in seiner gewohnten Weise , » - ist denn nicht alles Mögliche möglich ? Aber nicht bloß meinetwegen , um mich zu beruhigen , oder zu warnen , sollen Sie aufrichtig sein , sondern hauptsächlich zum Besten einer geliebten Freundin . Und ich schwöre Ihnen , daß Sie deren Wohl nur dadurch fördern können , wenn Sie jetzt ganz ohne Rückhalt sprechen . Sind Sie aber verschlossen und zweideutig , so schreiben Sie sich künftig selbst alles Unheil zu , was aus diesem Betragen nur irgend entstehen kann . « Dorothea war bei diesen Beschwörungen ganz ernsthaft geworden und sagte jetzt , fast gerührt : » Nun , so fragen Sie , und soweit es nur irgend mein Gewissen zuläßt , werde ich Ihnen wahrhaft antworten . « » Englische Cousine ! « rief Elsheim und faßte ihre Hände ; » ich kenne ja Ihr Herz und Ihre treue Freundschaft . Ich weiß für gewiß ( glauben Sie mir nur , ich habe die untrüglichsten Beweise und Nachrichten ) , daß Albertine am Abgrund steht , und jetzt nahe daran ist , durch eine unglückselige Leidenschaft vernichtet zu werden . Was können wir tun , um diesem Elende vorzubeugen ? « Dorothea senkte das Köpfchen , spielte mit den Fingern auf dem steineren Tisch , sah lange vor sich nieder und blickte nach einer stummen Pause zu den Augen des Barons ratlos und fragend hinauf . » Woher wissen Sie dergleichen ? « sagte sie dann mit schwankendem Ton . » Mein Kind « , sagte Elsheim dringend , » treten Sie nicht zurück , stellen Sie sich nicht unwissend , sondern antworten Sie frei und frank , als wenn Sie neben Ihrem Beichtvater oder Ihrem Arzte säßen , denn nur dadurch kann das Unglück vermindert oder vielleicht kann ihm sogar ganz abgeholfen werden . « » Ach , lieber Freund ! « sagte Dorothea tief seufzend , und eine Träne trat in das große klare Auge , » - die Sache ist leider wahr ich habe es zuerst bemerkt und sie gewarnt , aber ohne Erfolg . Was können wir nun noch tun ? Durch Entfernung , daß er vielleicht bald abreiset , daß er es nie erfährt , das alles ist vielleicht noch die einzige Hülfe , das Rettungsmittel , wenn auch ein unzuverlässiges . « » So ? « sagte Elsheim erstaunt , » - ich dachte immer - also er weiß es nicht ? « » Gewiß nicht « , antwortete Dorothea mit herzlicher Vertraulichkeit , » - wer sollte es ihm gesagt haben ? Und ein Glück , daß er es nicht selbst erraten hat , da sie in ihrer Natürlichkeit allzuwenig die Kunst versteht , sich zu verstellen . Nein , wenn er es auch nur ahndete , wäre sein Betragen unverzeihlich . Aber er ist zu fein , zu gut , zu menschlich und edel , um dergleichen vorsätzlich zu tun , und daraus ersehe ich eben deutlich , daß er von den Seelenleiden der armen Albertine auch nicht die kleinste Vermutung hat . Nein , er könnte nicht so geflissentlich den Liebhaber der Charlotte spielen , und dieser alle seine Aufmerksamkeit widmen . « » Ja wohl « , sagte Elsheim mit einiger Verwirrung , » er ist immer noch zu gut , als daß er dergleichen aus schadenfroher Absicht tun könnte . Der Sünder der - Sie , Liebste , kennen Sie ihn denn auch etwas näher ? Hat er Ihnen nicht vielleicht schon den Hof gemacht ? « » Nein « , sagte Dorothea ganz ernsthaft , » denn ob ich ihn gleich sehr liebenswürdig finde , so habe ich doch weder Gelegenheit gehabt , noch gesucht , ihn im Vertrauen zu sprechen . « » Aber er ist gefährlich , nicht wahr ? « fuhr Elsheim fort . » Das sehe ich an meiner armen Freundin « , erwiderte sie , » denn wenn sie etwas loben will , sei es männliche Schönheit , oder Liebenswürdigkeit , oder Treue , oder ein Wesen , dem man sein unbedingtes Zutrauen schenken könnte , dem die Herzen zufliegen müßten , kurz , wenn sie das Muster eines Mannes bezeichnen will : so nennt sie dieses seltne Wesen Leonhard . « » Leonhard ? « fuhr Elsheim ganz mechanisch , aber doch überrascht heraus , indem er sich zwang , sein Erstaunen zu verbergen , und Dorothea war von ihrem Gegenstande zu erfüllt , um es zu vermerken , daß Elsheim ein boshaftes Lächeln nur mit Mühe unterdrückte . » Leonhard ! « fuhr Elsheim nach einer Pause fort : » ja dieser junge gefährliche Mann , den ich in aller Unschuld hieher gebracht habe , verdreht allen unseren Weibsleuten den schwachen Kopf . Hätte ich das Elend nur ahnden können , das er hier anrichten würde , so hätte ich ihn dort in seiner Stadt gelassen , diesen Verführer ! Denn sehen Sie , liebste Doris , das ist er im eigentlichen Sinne , so wacker er übrigens auch sein mag . Wo er aber ein Mädchen oder eine Frau betrügen kann , wo er mit seiner Tugendmiene sie verderben mag , da ist er schlimmer , als Don Juan . Ja , Liebste , an diesem Felsenherzen ist unsere Albertine völlig verloren , und sie mag noch dem Himmel danken , daß der Bösewicht sich nicht um sie beworben hat , denn da er so unwiderstehlich ist , wie ihr es alle selbst bekennt , so wäre sie völlig zugrunde gerichtet . Solche gefährliche Menschen sollte man nicht im Lande dulden , oder sie schon im siebenzehnten Jahre verheiraten , damit sie nur recht früh langweilige Ehemänner und unausstehliche Hausväter würden . Aber was würde auch dieses extreme Mittel eben fruchten ? Denn dieser gottlose Bösewicht ist schon seit Jahren , und zwar an eine sehr hübsche junge Frau verheiratet , aber dennoch macht er uns nun hier die ganze Provinz rebellisch . Sagen Sie selbst , tugendhaftes Kindchen , müßten die Gesetzgeber nicht ganz neue , unerhörte Strafen für dergleichen neumodige Waldfrevler aussinnen ? « Dorothea sah ihn groß an , denn auf dieses Geschwätz war sie nach jener feierlichen Einleitung nicht gefaßt . » Sie wollten helfen , raten , dem Unglück vorbeugen « , sagte sie endlich , nachdem sie ihn lange betrachtet hatte , » und nun scheinen Sie doch nur rechte Schadenfreude zu empfinden , und die Sache macht Ihnen , so kommt es mir vor , mehr Spaß , als daß Sie sie sich zu Herzen nehmen sollten . « » Ja so ! « rief Elsheim aus , » Sie haben ganz recht , geliebtes Mühmchen , ich falle immer wieder , so gerührt ich auch eigentlich bin , in meinen leichtsinnigen Ton . Aber , ernsthaft gesprochen , ich glaube , daß die Zeit ganz nahe sein wird , in welcher der gefährliche Mensch wieder nach Hause reisen muß ; dann ist ja hoffentlich der Zauber gebrochen . Dorchen , da Sie einmal in der aufrichtigen Stimmung sind - wie denkt denn Albertine von mir ? « » Ganz so , wie Sie es verdienen « , versetzte Dorothea mit einem schnippischen Ton ; » wenn von Leonhard die Rede ist , werden Sie gewöhnlich auch genannt , aber nur des Kontrastes wegen . Wie jener die höchste Liebenswürdigkeit des Mannes ausdrückt , so stellt sich in Ihnen alles dar , was am männlichen Geschlechte fatal und widerwärtig ist ; Sie sind das Ungewisse , Leichtsinnige was kein Vertrauen einflößen kann , der zweideutige jesuitische Mensch , der weder Liebe sucht noch verdient , der - kurz der , der Sie wirklich sind . So erkennt Sie Albertine , und wenn Sie auch auf einen Augenblick hinterlistig mein Vertrauen erschlichen haben , so bereue ich doch diese Viertelstunde recht von Herzen ! « Sie sprang auf und rannte davon . Elsheim aber blieb auf der Gartenbank sitzen und lachte so herzlich und so laut , daß einige Freunde , die ihn suchten , sich nach der Laube wandten , so wie der Bediente , der sich im Garten nach ihm umgesehen hatte , hereintrat , um ihm Briefe zu überreichen . Die beiden fremden Musiker , Mannlich und Leonhard , traten mit dem Diener zugleich in die geräumige Laube . Elsheim legte die Briefe , nachdem er sie obenhin betrachtet hatte , vor sich auf den Steintisch und sagte dann mit lachender Miene : » Meine Herren , ist unter Ihnen vielleicht ein Menschenkenner ? « » Menschenkenner ? « sagte der brünette Bassist ; » mich dünkt , diese Sorte hat man seit einigen Jahren ganz abgeschafft . Vormals spukten sie in allen Komödien und Romanen ; auch gab es wohl Menschen , die , wie die Viehhändler , auf das Gewerbe reiseten , um die verfeinerten und bessern Menschenraçen anzutreffen ; allein seit man eingesehen hat , daß der grobschürige Hammel auf die Dauer doch der einträglichste ist , hat man die Finte und Finesse wieder aufgegeben . « » Und man hat klug daran getan « , sagte Elsheim lachend , » denn niemals muß der gute Landwirt zu oft und zu fein scheren wollen . Ist nun das Blöken , das man beim Scheren vernimmt , lauter Selbstgeständnis ? Bekenntnis und Anklage ? oder Lästerung auf den Scherenden ? Nicht wahr , der Anatom , der die Menschen so schlechthin aufschneidet , dürfte sich eigentlich wohl für den gründlichsten Menschenkenner ausgeben ? Und dann das sogenannte Herz . « » Ich meine « , sagte der Klavierspieler , » die Alten taten besser , alle Herzensempfindungen mehr in die Leber zu verlegen . Sie ist eigentlich das gekräftigte Leben , wovon sie auch ihren Namen Leber hat , das männliche R statt des weiblichen N , das spornklirrende Schwertwesen statt des sangreichen minniglichen . Herz ist zu sehr mit Erz , Harz und Erde verwachsen , um den Inbegriff der Liebesgeheimnisse andeuten zu können , wenn auch Schmerz und Scherz da wieder hineinlaufen . « Mannlich sagte trocken und ernsthaft : » Ich habe mich immer für einen Menschenkenner gehalten , auch für einen Mann , der das Herz , besonders das weibliche , erforscht hat . Es gibt auch gewiß nichts Interessanteres , als sich mit diesem Studium zu beschäftigen . Das weibliche Gemüt ist vielleicht reicher , als das männliche , aber dennoch leichter zu ergründen .