diese Vorsorge nötig gewesen , denn überall trafen die Boten auf die nämliche Szene . Die Wächter hatten sämtlich in der Überzeugung gestanden , daß an solchen Tagen eine buchstäbliche Auslegung der Gesetze die sicherste sei , und nach diesem Grundsatze verfahrend , Ritter und Edelfrauen abgesperrt . Überhaupt schien ein schalkhafter Kobold an diesem Morgen die Sinne der Menschen zu betören . Der so kluge und einsichtsvolle Haushofmeister hatte im Strudel seiner Geschäfte gänzlich vergessen , daß der eine Flügel schon von den frühzeitig eingetroffnen Besuchern erfüllt war , und in der Absicht , verwahrt zu halten , was nicht auf der Stelle benutzt werden sollte , die große Türe desselben verschließen lassen . Bei solchem Zudrange eine an sich löbliche Vorsicht ! Nun vernahm der Herzog , während Hermann bei dem Schlagbaume beschäftigt war , von der Seite jenes Flügels her , ein donnerartiges Getöse , schickte hin , und hörte , daß ein Teil der Gäste dort ebenfalls versperrt sei , welcher sich mit trommelnden Händen und Füßen abmühe , Erlösung aus dem Kerker zu gewinnen . Der Haushofmeister war nicht gleich zu finden , und so mußten jene noch eine ganze Weile hinter Schloß und Riegel verharren . Blitzschnell war Hermann vom Schlagbaume zurückgesprengt , und hatte dem Herzoge das dort Vorgefallne gemeldet . Dieser ließ , um das Gedränge vor der Allee zu hindern , verschiedne Seitenwege durch Wiesen und Baumgärten öffnen . Auf einmal verwandelte sich nun die bisherige Einsamkeit in das Getümmel des regsten und buntesten Lebens . Durch die Allee , über Wiesen und Baumflecke von allen Richtungen her , rollten glänzende Equipagen , trabten geschmückte Reiter auf kräftigen oder zierlichen Tieren heran . Barette , Henriquatres , Sammetmäntel von allen Farben , Unterkleider von schneeweißer Seide , gelbe oder rote Stiefelchen , goldne Sporen hoben manche jugendliche Gestalt trefflich hervor . In den Wagen klopften die schönsten Busen unter Gold , Atlas , Spitzen und Stickerei , blitzten die anmutigsten Augen unter wehenden Reiherfedern , während ehrwürdige ältere Herrn und Damen in Silbergrau , Braun und Schwarz , gewissermaßen den dunkeln Grund bildeten , auf welchem die Blumen des Festes wuchsen . Dazu die scharlachnen Hauptgestelle der Pferde , das weiße und rote Sielenzeug , die galonierten Livreen der Kutscher und Diener ! Kurz , als auch die Flügeltüre ihre geputzten Gefangnen hervorgelassen hatte , als die Wege von den Herbeieilenden zurückgelegt worden waren , so gab es im Schloßhofe ein Gewimmel von Farben , Figuren , von Glanz und Schimmer , welches würdig zu beschreiben , eine geschicktere Feder , als die unsrige ist , kaum vermöchte . Abstechend nahmen sich gegen die Gestalten des Mittelalters freilich die neuen Uniformen der Offiziere , und die schlichten Röcke der Bürgerlichen aus , aber auch diese Kontraste erhöhten nur den mannigfaltigen Reiz des Anblicks . Da die Zeit über die Gebühr vorgerückt war , so säumten die fürstlichen Personen nicht , im Gartenzelte zu erscheinen , als sie meinten , daß dort alles sich zusammengefunden haben würde . Bei ihrem Eintritte entstand ein fröhlicher Tumult ; man drängte sich um sie , verneigte sich , begrüßte sie . Der Scharfblick der Herzogin hatte bald wahrgenommen , daß die Gattinnen und Töchter der Honoratioren aus der Stadt sich unter so vielem Sammet und so glänzender Seide in ihren weißen Batistkleidern etwas verlegen fühlten , während die Männer und Väter eher trotzig und herausfordernd vor den gleißenden Rittern standen . Mit bezaubernder Freundlichkeit wandte sie sich vorzugsweise an jene Frauenzimmer , und hatte wirklich in kaum fünf Minuten jeder eine Artigkeit gesagt , so daß alle , wie neugeboren , Luft schöpften . Inzwischen bemerkte der Herzog den Oheim , der , grau gekleidet , mit Schnallenschuhn , wie er sich immer zu tragen pflegte , im Lesezimmer stand , und ein eifriges Gespräch mit einigen der prächtigsten Paladine führte , deren Geschäftsfreund er war . Sobald er konnte , ging der Fürst dorthin . Der Kaufmann trat ihm einige Schritte entgegen und sagte bescheiden : » Es tut mir leid , daß ich von dieser Festlichkeit früher keine Kunde bekam , ich würde Ew . Durchlaucht sonst meinen Anblick erspart haben , der grade heute Denenselben nicht angenehm sein kann . « - » Warum das ! « versetzte der Herzog im besten Ton und reichte dem Kaufmann die Hand . » Jedes Ding hat seine Stunde . Heute das Vergnügen , morgen die Arbeit ; auf beides bin ich gefaßt . « Trompeten schmetterten ; ein Herold kam geritten und sagte folgenden Spruch her : Die Bahn ist abgesteckt , die Fahnen wehn ; Wohlauf ihr Kavaliere reinen Bluts ! Wer einen Degen läßt zur Seite sehn ; Der gebe Zeugnis auch des Rittermuts ! Hierauf wurden die Damen wieder zu den Wagen geführt , die Herrn sahn nach ihren Rossen . Ein prächtiger Sechsspänner fuhr vor , in den der Herzog mit seiner Gemahlin sich setzte . Wilhelmi ordnete die Reihenfolge des Zugs . Die Bürgerlichen gingen zu Fuß voran . An einem Kreuzwege schwenkten die Carousselreiter ab . Alles war in der größten Erwartung der Dinge , die da kommen sollten . Die kleinen Neckereien des Zufalls , welche vorangegangen waren , hatten die Stimmung erhöht und leidenschaftlicher gemacht . Von den Wagen flogen zärtliche Blicke nach manchem der schmucken Reiter . Das Fest begann . Eilftes Kapitel Um den großen , mit Sand reinlich belegten Platz liefen auf zierlichen Bogenstellungen die Sitzreihen für die Zuschauer von Stande . Man hatte dem Holzwerke eine muntre Färbung , gelb und braun , gegeben , Behänge von rotem Tuch , mit goldnen Fransen gesäumt , deckten die Brüstungen . In der Mitte dieses Amphitheaters bezeichneten bessere Stoffe , ein Baldachin , und das große , im schwersten Zeuge gestickte Wappen des Herzogs den Ehrenplatz . Zu demselben bis dicht unter die Brüstung führten vom Grunde aus tuchbelegte Stufen . Hier sollte die Königin der Schönheit und Minne auf einem thronartigen Sessel Platz nehmen , auf etwas niedrigeren Lehnstühlen neben ihr zu beiden Seiten wollten Herzog und Herzogin sitzen . Zierliche Pagen in Blau und Silber standen hinter Thron und Lehnstühlen , und hielten auf weißen goldgestickten Atlaskissen die Ehrengeschenke , welche die geschicktesten Ritter aus den Händen der Königin als Dank empfangen sollten . In der Auswahl dieser schönen und kostbaren Sachen hatte die Herzogin ihren ganzen Geschmack bewiesen . Auf ihre Veranlassung , durch Wilhelmis und andrer Vertrauten Bemühungen war bunte Reihe gestiftet worden , die verschiednen Stände , Gäste in und ohne Kostüm , saßen gemischt untereinander , ja sie selbst hatte ein gutes blödes Kind , welches ängstlich nach einem freien Platze umherschaute , auf einen Sessel in ihrer Loge genötigt . Neben dem Kaufmann saß der Enterbte , der an dem Caroussel keinen Anteil nehmen wollte , und mit allerhand spitzigen Bemerkungen halblaut um sich warf . Dem herzoglichen Sitze grade gegenüber leuchtete der große , geräumige Pavillon von roter und gelber Leinwand , unter welchem sich die Kavaliere zu Roß versammelt hielten . Die Wappen des Herzogs und der Herzogin standen gepaart auf beiden Seiten der breiten Öffnung , behütet von kräftigen Schildhaltern . Als alles sich gesetzt hatte , richtete sich jeder Blick nach dem Pavillone . In diesem war ein kleiner Verzug entstanden . Unterwegs hatte sich nämlich , Hermann wußte selbst nicht wie ? ein Ritter zu den übrigen gefunden , welcher eine halbe Larve vor dem Gesichte trug . Sein Putz überstrahlte an wilder Pracht den der andern weit , ebenso auffallend erschien sein Tier . Als man ihn fragte , wer er sei , antwortete er , er nenne sich den Neffen des Enterbten . Im Pavillon verlangte Hermann , daß jener sich demaskieren solle , welches höflich aber bestimmt verweigert ward . Hermann wußte nicht recht , wie er sich hiebei zu benehmen habe , während er aber noch zaudernd stand , ertönte der erste Trompetenstoß , und nun war keine Zeit zu verlieren . Um kein Aufsehn zu erregen , und in der Meinung , daß hier ein artiger Scherz beabsichtigt werde , reihte er den Neffen des Enterbten eiligst bei dem letzten Gliede ein , während die Trompeter schon aus dem Pavillon ritten . So breit war die Öffnung des letztern , daß mit Bequemlichkeit sechs Mann hoch ausgeritten werden konnte . Voran zogen zwölf Trompeter und Pauker , ihre Instrumente mit schwerem Silberzeug verziert . Hinterdrein folgte der Herold , in der Rechten eine große Pergamentrolle haltend . Nach ihm ritten in vier Zügen vierundzwanzig Kavaliere mit entblößten Schwertern . Dieser herrliche und glanzvolle Aufzug bewegte sich unter den Tönen eines triumphierenden Marsches längs der Umschränkungen des Platzes hin . Als er vor dem Balkone des fürstlichen Paars angelangt war , senkten die Kavaliere die Schwerter , schwieg die Musik , entfaltete der Herold die Pergamentrolle . Er verlas die Namen der Edelleute , und erbat für sie von dem Burgherrn und der Burgfrau Vergunst , ritterlich Wesen sehn lassen zu dürfen . Die Herrschaften neigten sich gewährend , der Zug setzte seine Runde fort . Nach deren Vollendung zogen sich die Kavaliere wieder in den Pavillon zurück , Trompeter und Pauker aber schwenkten ab , und ritten unter dem Balkone der Herrschaften auf . Nunmehr war es an der Zeit , zu der Wahl zu schreiten , welcher alle schönen Busen mit gerechter Bewegung entgegenschlugen . Ein andrer Herold in Friedenskleidern , einen Kranz in den Haaren , kam geritten , hielt in der Mitte des Platzes , und rief mit lauter , verständlicher Stimme : Wann wird der Dank zum lieblichen Gewinne ? Wann ihn die Kön ' gin beut der Schönheit und der Minne ! Wem ziemt die Wahl ? Den Schönheit setzt in Qual ; Wohlauf , ihr Herrn ! Erkiest sie allzumal ! Die Herzogin hatte nämlich , um Neid und Eifersucht möglichst zu entfernen , beschlossen , dem Zufall das Amt aufzutragen . Jeder Herr sollte auf ein elfenbeinernes Täflein den Namen derjenigen schreiben , welcher er die Würde zudachte . Aus diesen Täflein , in eine Urne geworfen , sollte dann Damenhand das beglückte Los ziehn . Anfangs hatte sie sich hiebei ganz auf den Takt der Anwesenden verlassen zu dürfen geglaubt , bei der nunmehr doch sehr gemischten Natur der Gesellschaft waren aber den beiden Edelknaben , welche die Stimmen einsammeln sollten , geheime Anweisungen erteilt worden , und wir dürfen wohl verraten , daß bei dieser Gelegenheit der Unterschied der Stände scharf im Auge gehalten wurde . » Was bedeutete der Spruch jenes Menschen ? « fragte der Kaufmann seinen Nachbarn . » Nichts « , versetzte der Enterbte , » er drehte sich , wie das ganze Fest , um nichts . « Die beiden Edelknaben , der eine mit den Täflein , der andre mit der Urne näherten sich ihnen . » Ich wüßte keine , der ich die Palme gönnte « , sagte der Enterbte ; » geschwind , alter Herr , fällt Ihnen kein Mädchenname bei ? « Der Kaufmann erwiderte : » Meine Bekanntschaft unter dem jungen Frauenzimmer ist auch sehr schwach , ich kenne fast niemand außer meiner Tochter Cornelie . « - » Bravo ! « rief der Enterbte , schrieb und warf sein Täflein in die Urne . Nachdem die Knaben den Umgang gemacht hatten , erhob der Herold wieder seine Stimme und rief : Die Lose ruhn verhüllt ! Von Frauenhand Wird nun in des Geschickes Dienst gezogen , Und glücklich , die der zarte Finger fand ! Die andern doch sind auch nicht ganz betrogen . Ob sie auch fern vom Thron des Festes blieben , Ein Herz beherrschen sie ; des , der sie aufgeschrieben ! Diese Wendung fand allgemeinen Beifall . Man wiederholte sie lachend und scherzend ; die anmutigsten Gesichter mußten die meisten Neckereien anhören . Ein alter lustiger Herr sagte : » Dies ist sonach die wahre Republik Polen , wo jeder , wenn er auch nicht zum Zepter gelangte , im stillen sich dazu berechtigt fühlte . Ich fürchte nur « , setzte er lauter hinzu , » die Erwählte wird ein noch angefochtneres Regiment haben als jene Sarmatenkönige . « Der Edelknabe mit der Urne bog sein Knie vor der Herzogin . Sie wies ihn an die vornehmste Dame nach ihr , welche in ihrer Nähe saß . Diese , eine hohe , majestätische Gestalt , erhob sich , gebot , die Lose in der Urne umzuschütten , griff hinein , zog ein Täfelchen hervor , las und verwunderte sich . » Ich finde hier nur den Namen Cornelie aufgeschrieben « , sagte sie zur Herzogin . » Wer ist diese Cornelie ? Gebe Gott , daß nicht mehrere dieses Namens hier anwesend sind , sonst wird es eine schwierige Entscheidung geben . « Der Herold , welcher aufmerksam nach dem Namen hingehorcht hatte , fiel mit dem auf das Stichwort vorbereiteten Spruche ein : » Cornelie ist zur Königin der Minne und Schönheit erwählt worden . Ihr Edelfräulein , geleitet die Königin zum Throne ! « Ein jauchzender Tusch der Trompeten und Pauken bekräftigte diesen Ruf . Die vier jungen Mädchen , welche von der Herzogin zu Ehrendamen bestimmt worden waren , traten hinter ihr Tabouret , und sahen , der Anweisung bedürftig , auf sie . Ein Murmeln lief rings um die Tribünen , man fragte nach der ausgerufenen Dame , man überzeugte sich bald , daß sie nicht zur Stelle sei . Die Herzogin , das Täfelchen von der andern empfangend , spielte verlegen damit und befand sich in grausamer Unschlüssigkeit . Der Herzog nahm es ihr aus der Hand und sagte mit gehaltnem Tone , deutlich , daß seine Worte über den ganzen Platz hin vernommen wurden : » Da die Königin des Festes , wie es scheint , abwesend ist , so ersuche ich meine Gemahlin , ihre Stelle zu versehn . Vielleicht ist diese Gestalt der Wahl die richtigste , denn das Höchste soll uns ja eigentlich immer fern und unsichtbar bleiben . Ich erkläre hiemit im Namen der unbekannten Schönheit den Thron für besetzt , und bitte , das Spiel zu ihrer Ehre anfangen zu lassen . « Er legte das Täfelchen auf den Thron . Die Ehrenfräulein setzten sich auf Sessel an den Stufen desselben . Die Herzogin behielt ihren Platz , und blickte zerstreut vor sich hin . Auch ihm sah man an , daß er eine kleine Bewegung niederzukämpfen hatte . Was Hermann betrifft , der von dem Vorfalle durch einen aufmerksamen Zuschauer unterrichtet worden war , so möchte es schwer sein , seine Stimmung genügend zu schildern . Es war ihm , als blicke er durch ein Kaleidoskop , worin sich unscheinbare Kleinigkeiten zu glänzenden Figuren verbinden . Diese deuten auf Gestalten der Wirklichkeit hin , und sind sie doch nicht . Zwölftes Kapitel Schon bei den Quadrillen , die zuerst abgeritten wurden , hatte sich die Aufmerksamkeit bald vorzugsweise dem Verlarvten zugewendet . So gut die übrigen , von tüchtigen Stallmeistern eingeübt , ihre Sachen in Schwenkungen und Volten machten ; dem Verlarvten kam keiner gleich oder nur nahe . Das Staunen über seine Geschicklichkeit war um so größer , als er dieselbe durch den Gegensatz noch zu heben wußte . Denn anfangs hatte er wie im Schlafe auf seinem Tiere gehangen und war nur so mitgezuckelt , hatte auch wohl zum Sattelknopf seine Zuflucht genommen , so daß schon mancher über den Ritter von der schneiderhaften Gestalt zu lachen begann . Auf so einmal aber rückte er sich zurecht , alle Muskeln schwollen von kräftigem Fleische , er ritt nicht mehr , er schwebte auf dem Gaule , seine Hand spielte mit dem Zügel , er führte die seltensten Kunststücke so edel-nachlässig aus , als seien sie eigentlich noch unter seiner Würde . Hierauf gefiel es ihm denn auch wohl wieder , zur großen Erlustigung besonders der Leute aus dem Volke , die unter den Bogen der Tribünen , hinter den Schranken zusahn , in den anfänglichen Schneidertrab zu verfallen , und so fesselte er die ganze Versammlung in Lachen und Bewundrung an sich . Was das Merkwürdigste war , sein Tier , eine katzenartig gezeichnete , lange Schecke , die aus tückischen , leuchtenden Augen schaute , schien mit dem Herrn völlig eins zu sein . Wurde er über ihr zum Schneider , so wurde das Tier unter ihm zur Mähre , ließ die Ohren hängen , senkte den Kopf , und tat , als ob es lahme . Sobald dagegen der Reiter er selbst sein wollte , tanzte es wie ein Hirsch , flog es wie ein Vogel . Besonders entzückt über diese Künste war ein alter Landedelmann , der einen Teil seiner Jugend in Großbritannien zugebracht hatte , und alles Pferdewesen leidenschaftlich liebte . Dieser Mann hatte bis dahin seine Nachbarn mit der unaufhörlich wiederholten Erörtrung der Frage , was doch wohl aus ihnen allen hätte werden sollen , wenn die Schlagbäume nicht gehoben worden wären ? gepeinigt , als die Freude über den Verlarvten jene Untersuchung niederschlug . Er lehnte sich mit beiden Armen auf die Brüstung , klatschte unmäßig , rief einmal über das andre : » Bravo ! « und schwor , er müsse nach dem Caroussel mit jenem Brüderschaft trinken . » Wenn ich nur wüßte , aus welcher Familie er ist « , sagte er . » Aus unsrer Provinz kann er nicht sein , denn hier sitzen sie doch im Grunde alle wie die Mehlsäcke zu Pferde , er muß von mecklenburgischem Adel sein , er macht wahrhaftig Sachen , wie ein englischer Bereiter . « Nach den Quadrillen , welche die Musiker mit den ausgesuchtesten Märschen begleiteten , entstand eine kleine Pause . Knappen in grün- und weißgestreiften Wämsern richteten die bewimpelten Pfähle mit den Ringen auf , nach welchen nun das Stechen beginnen sollte . Eine große Walze wurde angewendet , den von den Huftritten der Pferde aufgewühlten Sandgrund wieder festzudrücken , unter dem Pavillone verschnauften die Kavaliere und ihre Rosse . Der Enterbte war von der Tribüne herabgekommen , trat in den Pavillon , und Hermann sah , daß er mit dem verlarvten Neffen beiseite trat . Eine gewisse Vermutung machte ihn auf den Inhalt des Gesprächs neugierig , er wußte sich scheinbar unbefangen den beiden zu nähern , und konnte wenigstens einige Worte von ihren Reden vernehmen . » Macht es nicht so auffallend « , sagte der Enterbte zum Neffen , » es kommt sonst aus , und wir werden um unsern Spaß gebracht . « » Herr Baron « , versetzte der Neffe in einem rauhen , holprichten Dialekte , » ich nehme mir es auch vor , aber wer kann wider die Natur ? « Die Kavaliere begannen das Ringelstechen ; mancher Ring blieb auf den Degen sitzen , mancher flog auch , von ungeschicktem Stoße berührt , in den Sand . Der Verlarvte schien anfangs die Warnung des Enterbten beachten zu wollen , er zeichnete sich nicht aus , fehlte , traf , wie es kam . Auf einmal aber war es , als ob in ihn wieder ein übermütiger Geist führe . Denn plötzlich ritt er bei dem Baume vorbei , und stach , diesem den Rücken zukehrend , mit einer sichern Bewegung nach hinten zierlich den Ring ab . Das war noch wenig . Das nächste Mal warf er den Degen nach dem Ringe , traf ihn , und fing den Degen in der Luft auf . Es war gut , daß hiermit dieser Teil des Festes zu Ende ging , denn wer weiß , welche Streiche noch sonst zur Gemütsergötzung der Zuschauer verübt worden wären . Sobald der Zug wieder im Pavillone war , nahm Hermann den geschickten Reiter beiseite , und befahl ihm geradezu , sich zu entlarven . Die bestimmte Mahnung setzte den Menschen aus der Fassung , er nahm die Maske ab und ein braunes , verbranntes Gesicht erschien unter dem Barett . » Sie sind gedungen , unsrem Feste zum Hohne zu gereichen ! « redete ihn Hermann hart an . » Verfügen Sie sich zu Ihrer Gesellschaft , bei der die Künste , welche Sie üben , für Geld zu sehen sind . Fort ! « - » Mein Herr « , versetzte der Mensch , welcher zu ebner Erde so verlegen war , als er im Bügel sich keck erwiesen hatte , » ich wollte es nicht gern tun , denn ich fürchtete mich vor Rüge und Bestrafung , aber der Herr Baron setzten mir so lange zu , daß ich mich endlich bewegen ließ . « - » Und was war die Absicht bei diesem Possenspiele ? « fragte Hermann . » Ich sollte « , antwortete der andre , » nach dem Caroussel vor der Frau Herzogin hinknien , und die Geschenke empfangen , die der Herr Baron dann von mir haben wollte . Was weiter im Werke war , kann ich nicht sagen , wir reisen schon morgen fort . « Hermann nötigte den falschen Ritter auf sein Kunstpferd , und begleitete ihn noch einige hundert Schritte , um gewiß zu sein , daß er sich entferne . Als er umkehrte , begegnete ihm der Enterbte auf halbem Wege . Dieser sah dem abziehenden Kunstreiter nach , und sagte dann mit giftigem Blicke : » Sie tun ja , als ob Sie hier Herr im Hause wären . « » Mein Auftrag geht dahin , reine Bahn zu halten « , versetzte Hermann . » Ich hätte nicht übel Lust , den Oheim dem Neffen folgen zu lassen . Das ist auch etwas , worin wir die Wilden unleugbar übertreffen , daß wir uns an jemandes Tafel , Hohn und Schimpf im Herzen , niederlassen können . « Er wandte ihm den Rücken und ließ ihn stehn . Eine laute Fanfare von Trompeten und Pauken verkündete das Ende des dritten Teils , des Stechens nach dem Türkenkopfe , welches inzwischen vor sich gegangen war , und das Caroussel beschließen sollte . Die Kavaliere waren abgestiegen und standen , des Danks gewärtig ; die Pferde wurden von der Bahn geführt . Die Herzogin saß unruhig , eine Träne im Auge , da . Sie fürchtete , jeden Augenblick den Verlarvten wieder hervortreten , und sich mit unter die Dankbegehrenden stellen zu sehn . Sie wußte nicht , wer dieser Mensch sei , aber ihr weibliches Ahnungsvermögen sagte ihr , daß er ihr und ihrem Feste Schlimmes bedeute . Hermann eilte , was er konnte , und trat atemlos hinter ihren Lehnstuhl . Er flüsterte ihr zu , daß der Störer entfernt sei , und nannte ihr diejenigen Edelleute , welche nach seiner Meinung sich am besten gehalten hatten . Die Geschenke , bestehend in goldnen Pokalen , damaszierten Ehrendegen , prachtvollen Schärpen und kostbaren Ringen , wurden verteilt . Auch wer keinen Dank empfing , wurde doch mit einer zierlichen Schleife , welche die verschlungnen Namen des Herzogs und der Herzogin zeigte , geschmückt . Alles dieses geschah bei Pauken- und Trompetenschall im Namen der abwesenden Königin . Die Versammlung erhob sich . Nach dem Verlarvten wurde einige Augenblicke lang gefragt , dann vergaß man ihn . Nur der alte Landedelmann war untröstlich , als er erfuhr , daß dieser Paladin sich entfernt und dadurch seinen Umarmungen entzogen habe . Er verfiel darauf wieder in das Gespräch von den Schlagbäumen , solange er einen Zuhörer finden konnte . Man wollte nicht fahren , im Gehen meinte jeder sich mit denen , die er am liebsten mochte , besser zusammenzufinden . Alles wanderte in buntem Gewimmel nach dem Speisesaale . Sobald die Gesellschaft den Platz verlassen hatte , stürzte eine Menge Knaben aus dem Volke herbei und raffte auf , was an Federn , Schlangenköpfen und sonstigen Kleinigkeiten umherlag . Hermann nahm eine Bandschleife , welche , von der Hand der Herzogin berührt , liegengeblieben war , und wollte sie als Erinnrungszeichen verwahren . Da sah er die verschlungnen Namen und warf sie mit einer schneidenden Empfindung weg . Die Knaben rauften sich um das leichte Zeichen ; bei dem Ziehn und Zerren zerriß es . Was den Herzog betrifft , so hatte dieser nach Beendigung des Caroussels ganz freundlich seine Gemahlin gefragt , wann denn nun das Turnier beginne ? In der Verwirrung der vorangegangnen Tage war man nämlich , wie dergleichen wohl vorzufallen pflegt , völlig vergessen gewesen , die Hauptperson von der Umändrung des ursprünglichen Festplans etwas wissen zu lassen . Er verwunderte sich daher nicht wenig , als er hörte , daß die Sache schon vorbei sei , und dasjenige ausbleibe , worauf er sich eigentlich gefreut hatte . Dreizehntes Kapitel Indessen rauschte das Fest unaufhaltsam weiter . Ein kostbares Mittagsmahl war eingenommen worden , die Gesellschaft zerstreute sich in Sälen , Zimmern , Lauben , Gartengängen . Während ein Teil der älteren Herrn ein frühzeitiges Spiel begann , andre da und dort ihr Nachmittagsschläfchen abhielten , die Matronen und die Frauen in gewissen Jahren , ernsthaft mit der Kritik des Vorfallenden beschäftigt , umhersaßen , verirrte sich so manches zärtliche Pärchen seitab in die entlegensten Teile des Parks . Es gewährte einen bunten und fröhlichen Anblick , die vielen fremdartig geschmückten Gestalten wie Blumen aus dem Grün der Gebüsche und Baumgruppen hervordringen zu sehn . Hermann hatte sich zu einer großen Gestalt von außerordentlicher , wenngleich verblühter Schönheit hingezogen gefühlt . Es war die Theophilie , welche die Herzogin zu ihrem Beistande hatte kommen lassen , die Schwester jenes toten Vetters . Ungeachtet des Streites , welcher die beiden Agnaten entzweit , stand sie mit dem Herzoge in einem freundschaftlichen Verhältnisse . Sie waren einander an Höfen und in Bädern begegnet , und man hatte selbst einmal vorlängst von einer gegenseitigen Neigung gesprochen . Hermann erfuhr von ihr , daß sie in dem Schlosse ihres Bruders , welches nun seinem Oheim gehörte , wohne . » Wie kam es , daß ich Sie dort während meiner Anwesenheit nicht gesehen habe ? « fragte er . » Es geziemt einer alten Hofdame , in ihrer Zelle zu verbleiben « , sagte sie . » Mein Bruder machte sich bei dem Verkaufe einen Teil der Schloßzimmer aus , und nahm mich in den Vertrag mit auf . Dort lebe ich für mich und hüte meine Erinnrungen . Man muß der Welt den Korb geben , bevor sie ihn uns gibt . Übrigens sind wir wie wohlgestellte Uhren . Sobald man uns aufzieht , gehn wir wieder . Ich war seit zehn Jahren nicht in großer Gesellschaft gewesen und meinte , alles vergessen zu haben , was zum guten Tone gehört , aber meine Cousine hat mich aufgezogen und siehe da , die stehngebliebne Uhr geht noch , denn ich machte , wie mich dünkt , nach allen Formen die Honneurs . « Der Oheim kam ihnen entgegen , gedankenvoll vor sich hinsehend . Sobald er Theophilien erblickte , verfärbte er sich , und wendete sich , ohne zu grüßen , kurz um . » Verzeihen Sie ihm « , sagte Hermann betreten , » er ist so kurzsichtig . « - » Nicht doch « , erwiderte sie lächelnd , » er hat mich recht wohl erkannt . Wissen Sie , daß Ihr Oheim ein Geisterseher ist ? « » Diese Eigenschaft hätte ich nicht an ihm vermutet « , erwiderte Hermann . » Doch . Er ist so ein Sonntagskind , d.h. in Beziehung auf mich . Er sieht neben mir immer allerhand graue , schwarze , schalkhafte , tückische Geister . Kennen Sie die Geschichte vom Müller bei Potsdam ? « » Welches Kind kennt sie nicht ! « rief Hermann . » Nun , ich bin der Müller bei Potsdam . Tausende gäbe Ihr Oheim hin , wenn ich weichen wollte , aber ich bleibe in meinem Rechte wohnen . Das ist alles nur Scherz « , fügte sie in einem schneidenden Tone hinzu . » Ihr Oheim sollte meinen Blick vergessen , der ihn so erschreckte , als ihm mein Bruder aus freien Stücken die Zession gab , denn hin ist hin , und tot ist tot ! « Ein Schwarm junger Mädchen näherte sich , lachend und schwatzend . Sie ließ ihn stehn , und lachte und schwatzte mit den Mädchen . Er versuchte noch einige Male , ihr nahe zu kommen , um die Erklärung ihrer spöttisch- geheimnisvollen Worte zu vernehmen , sie wich ihm aber aus , und er hatte über eine neue Verwicklung aus früherer Zeit nachzudenken . Inzwischen waren die Lustbarkeiten der Bürger und Bauern begonnen worden . Auf einer grünen geräumigen Wiese , unfern des Turnierplatzes erhoben sich Schaukeln und Kletterbäume ; zu beiden Seiten waren Schießstände abgesteckt , einer für das Armbrust- der andre für das Büchsenschießen . In der Mitte des Plans stand eine große Bretterbude zum Tanzen , Würfeln und Spielen . Die ganze Wiese war von fröhlichen Menschen bedeckt . Knaben und Mädchen schwebten in den Schaukeln , junge Bursche fielen von den Kletterbäumen , ohne sich weh zu tun . Auf der einen Seite schwirrten Pfeile nach dem Vogel , auf der andern flogen Kugeln nach der Scheibe . Besonders tat sich der alte Erich mit der Büchse hervor . Er schoß fast jedesmal ins Schwarze , und hatte schon manchen schönen Preis erbeutet . » Wenn Ihr so fortfahrt , wird für uns nicht viel übrigbleiben « , sagte ein Schütze zu ihm . » Der Hauptschuß steckt noch im Laufe « , versetzte der Alte . » Trinkt nur nicht so viel « , sagte der andre zu ihm . » Bedenkt Euer Alter . Ihr habt schon zweimal soviel zu Euch genommen , als wir . « » Meine Seele dürstet nach Kraft wider die Ungerechten ! « rief Erich und leerte einen ganzen Krug des Getränks , welches an den Schießstätten in reichem Maße aufgefahren war . Die Augen des Alten