, an meinen Busen drückte . Gewiß begleitet die Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben , aber sie wird sich mit dem vorrückenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln , die wehmüthige Zärtlichkeit einer jungen Mutter aber , den rührenden Stolz , die ahnungsvolle Liebe , die trunkene Hoffnung auf eine glänzende Ferne , diese Gefühle kann nur dunkel ahnen , Wer sie nicht selbst erlebt hat . Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufällig den Geistlichen bei sich , der unsere Trauung vollzogen hatte ; der Arzt , ein Freund , auf dessen Verschwiegenheit er ebenfalls zählen konnte , erklärte , das Kind sei so schwach , daß es sogleich getauft werden müsse , ehe meine Mutter eingeladen werden konnte , der heiligen Handlung beizuwohnen , und so waren mein Schwiegervater und der Arzt die einzigen Taufzeugen , und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph genannt . Meine Mutter schalt den Arzt unwissend , als sie das gesunde Kind erblickte , für dessen Leben er gezittert hatte , und der gutmüthige Mann ließ sich lächelnd den Vorwurf gefallen und sagte , er danke Gott für seinen Irrthum . Glück und Frieden , die seligste Ruhe umspielten mein Leben , und meine zagende Seele sträubte sich , die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines Daseins abzuwenden , um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu versenken . Mein Sohn war ungefähr ein Jahr alt geworden , ich hatte ihn selbst genährt , denn meine eifersüchtige Liebe würde es mit Neid betrachtet haben , wenn sein erstes Lächeln sich einem fremden Wesen zugewendet hätte . Eine Aufwärterin , die meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war , hatte sich seit meiner Verheirathung in meinen Dienst begeben , und diese wurde nun die treue und sorgfältige Wärterin des Kindes . Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an , an manchen Uebeln zu leiden , die zwar für ihn beschwerlich waren , aber doch nicht sein Leben zu verkürzen drohten , und wir hielten es für unsere Pflicht , ihm mehr als je unsere Liebe und unsere Dienste zu weihen , um ihm sein Schmerzenslager erträglicher zu machen , aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens auf . Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und brachte die Kunde , daß die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte habe entfernen müssen , weil ihre Beschützer selbst , um wieder sie verhängten Verfolgungen zu entgehen , aus Paris entflohen wären , ohne für ihre Schutzbefohlne zu sorgen . Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese Zeit an fühlbar zu werden , das Volk fing an seinen Haß gegen den Adel thätlich zu zeigen , schon schien seine Wuth Opfer zu fordern , und jeder , der nicht den Muth hatte , alle in früheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben , suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen . Wie viele Andere , so waren auch die Beschützer meiner Schwägerin entflohen , und man erfuhr in dieser Angst um ein geliebtes Wesen nur , daß eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in tiefster Verborgenheit aufgenommen habe . Mein Schwiegervater war in Verzweiflung , daß seine Krankheit eine Reise unmöglich machte , und es wurde nach langem Kampfe beschlossen , daß mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach Frankreich zurückkehren sollte . Ich erklärte , mich nicht von ihm trennen zu wollen , aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters , die Sorge für meinen Sohn , die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen Rückkehr bestimmte mich endlich , mich dem allgemeinen Wunsche zu fügen , und Evremont reiste , von schmerzlichen Thränen und heißen Segenswünschen begleitet , ab . Ach ! wie trübe wurden nun die Tage am Krankenlager meines Schwiegervaters , dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte ; kaum gewährte mir das Lächeln der süßen Unschuld , mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob , einigen Trost ! Die große Aehnlichkeit mit seinem Vater , den ich fern und in Gefahr wußte , erpreßte mir Thränen , so oft ich auf ihn blickte , und unser aller Angst wurde erhöht , als mein Bruder aus Frankreich zurückkehrte und alle Auftritte schilderte , die schon vorgefallen waren ; aber dennoch hatte ihn Paris mit allen seinen Freuden so entzückt , daß er den Vorsatz aussprach , dahin zurück zu kehren , sobald er seine Geschäfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe . Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen , die ihr am Wichtigsten waren , und er erwiederte mit frechem Scherze , den die gute Mutter nicht verstand , Paris sei am Besten dazu geeignet , die Religion zu verändern , und sie sollte von ihm hören , sobald er wieder dort sein würde . Er beklagte es , daß er seinen Schwager nicht in Paris getroffen , und machte mir Vorwürfe , daß ich zurückgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe , die Hauptstadt der Welt , wie er Paris nannte , kennen zu lernen . Nach einem kurzen Aufenthalte bei uns verließ uns mein Bruder , dem die trübe Einsamkeit , in der wir lebten , peinlich und langweilig war , und wir hörten nun nichts aus Frankreich , als was uns öffentliche Blätter meldeten , denn ein Briefwechsel wäre unsicher und gefährlich gewesen , und in vielen verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich , Evremont sei schon als Opfer gefallen , und ich sah , daß dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte . Viele gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen ; die Bastille war erstürmt worden , und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurück . Das Kind , welches er auf den Armen der Wärterin zurück gelassen hatte , fing an seine Kräfte zu entwickeln und lernte den Namen Vater lallen , indeß wir fürchteten , der Vater sei ihm schon verloren . In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die Hoffnungslosigkeit hatte alle Kräfte unseres Geistes gelähmt . Dazu gesellten sich andere Sorgen ; die Hülfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu erschöpfen , und wir lebten einer kummervollen Ungewißheit der Zukunft in jedem Sinne entgegen . Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal . Wir hatten einen kummervollen Tag , wie viele vorhergehende , vollbracht und überlegten in der Stille des Abends , welchen Gefahren Evremont vielleicht habe erliegen müssen , als die Thür sich öffnete , und der , für dessen Schicksal wir noch eben fürchteten , gesund und heiter hereintrat . O ! Wer vermöchte die rührende Freude zu beschreiben , mit welcher der greise Vater den in voller Kraft der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine Arme schloß . Wer vermöchte mein Entzücken nachzufühlen , als der langersehnte Vater an das Lager seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küßte , um den süßen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören . Ja noch ein Mal umspielte die reinste Freude mein Herz , und die Thränen meines Entzückens vermischten sich mit den Tropfen , die Liebe und Rührung aus den Augen des geliebten Mannes preßten . Als wir uns so weit gesammelt hatten , daß wir seine Mittheilung vernehmen konnten , berichtete mein Gemahl , daß er Alles in Paris viel besser gefunden habe , als wir hätten hoffen dürfen . Er habe dem Gerüchte , daß sein Vater gestorben sei , nicht widersprochen , um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser aller Wohl sorgen zu können , denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei , um meinem Schwiegervater zu schaden , so sei dagegen die Volkspartei viel mächtiger geworden , die sich einbilden könnte , sie wolle in seiner Person einen Feind ihrer Ansichten bestrafen . Er selbst hatte überall die beste Aufnahme gefunden , und er durfte hoffen , daß , wenn er schleunig zurückkehrte , man seine Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten bringen würde . Das gesammte Vermögen wollte er dann nach und nach in Sicherheit zu bringen suchen , wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräußert habe und die Summen , die er nicht gleich baar hätte erhalten können , durch die Anweisung an einen Freund , dem der Vater vollkommen vertrauen konnte , sicher gestellt hätte . Bedeutende Summen , die er baar mitbrachte , erhöhten noch die allgemeine Zuversicht ; auch beruhigte er den alten Vater über die zurückgebliebene Tochter , für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war . Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte ; es wurde von meinem Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen , daß er bald wieder nach Paris zurückkehren müsse , und auch mein Schwiegervater sah dieß als nothwendig an . Der Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich . Die Erinnerung an alle Leiden , an die qualvolle Angst , an die Schrecknisse , welche meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte , erregte in mir ein solches Entsetzen , daß ich nicht den Muth hatte , alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben , und ich beschloß im Stillen , mich nicht wieder von Evremont zu trennen . Die Gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser Zeit oft den Zustand äußerster Aufregung , in dem sich Frankreich damals befand , und Beide gaben zu , daß inmitten aller Ausschweifungen , zu denen das Volk sich verleiten ließ , große Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen , und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam , daß sie von angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten , um in Frankreich ungestört zu leben , als sie hier freiwillig aufopferten , um unter fremdem Himmel , vergessen , ein dunkles Dasein zu fristen . So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte , so konnte dieser doch niemals diese Seite berühren , wie behutsam er es auch that , ohne den alten Grafen Evremont auf ' s Schmerzlichste zu verwunden , der sich dann wohl zu heftigen Vorwürfen hinreißen ließ und meinen Gemahl beschuldigte , daß auch er sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe , und aus Verkehrtheit des Herzens sich mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe . Wenige Gespräche reichten hin , um meinen Gemahl zu überzeugen , daß dieß ein Punkt sei , über den er mit dem Vater nie seine Ansicht theilen würde , und daß es daher besser sei , Gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu thun , um der Neigung des Vaters zu entsprechen . So waren zwei Wochen vergangen , als mein Gemahl daran erinnerte , daß er seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse , wenn er es vermeiden wolle , daß seine Abwesenheit nicht bemerkt würde . Mein Schwiegervater gab die Nothwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu , und Evremont blickte mit dem Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich . Dieser Blick gab mir den Muth , sogleich bestimmt zu erklären , daß ich mich nicht wieder von meinem Gemahl trennen würde . Mein Schwiegervater hatte bemerkt , wie Viel ich während Evremonts Abwesenheit gelitten hatte , und lobte meinen Entschluß , der meinen Gemahl mit dankbarer Freude erfüllte . Nun wurde beschlossen , wir sollten die größte Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen , Falls sich die Lage der Dinge geändert hätte , daß wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten brauchten . Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Antheil an unserer Sicherheit und verschaffte uns Pässe , worin wir als eine Schweizerfamilie , Namens Blainville , bezeichnet wurden ; und als es nun endlich zur Abreise kam , bestand der alte Graf Evremont darauf , daß sein alter erprobter Diener , der mehr sein Freund geworden , als sein Untergebener geblieben war , uns begleiten sollte , da seine Kenntniß von Paris , seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem Nutzen sein könne . Der gute Dübois trennte sich mit Thränen von seinem geliebten , leidenden Herrn , dessen Pflege er nun Fremden überlassen mußte , aber er erkannte es als Pflicht , bei dem gefährlichen Unternehmen des jungen Grafen seinen Beistand nicht zu versagen , um wo möglich das Vermögen retten zu helfen und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu führen . Meiner Mutter mußte die Ursache unserer Reise verschwiegen werden , und hatte sie schon früher den sträflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt , der ihn nach ihrer Meinung bestimmt hätte , Vater , Gattin und Kind zu verlassen , um sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben , so konnte sie nun nicht Worte finden , die ihr hart genug schienen , um meine Lieblosigkeit zu schelten , die nun auch mich bestimmte , einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden Vater zu verlassen . Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwäche , die ihn , wie sie glaubte , bestimmt hätte , seine Einwilligung zu einem unsinnigen Unternehmen zu geben , und ihr Unwille stieg auf ' s Höchste , als sie bemerkte , daß auch Dübois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe . Sie sagte mir mit Härte , sie habe immer geglaubt , da ich meine Pflicht gegen Gott nicht habe erfüllen wollen , daß ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein würde . So schieden wir , von dem Segen meines Schwiegervaters , von seinen eifrigen Gebeten begleitet , und von meiner Mutter mit Kälte und Unwillen entlassen . Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris , unsere Pässe wurden überall als gültig anerkannt ; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen Zeitraume während meines Gemahls Abwesenheit gestaltet . Die Erbitterung und die Zügellosigkeit des Volkes war auf ' s Höchste gestiegen . Der Adel wurde verfolgt , und Wer sein Vaterland verlassen hatte , wurde als ein des Todes schuldiger Verräther betrachtet , und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden . Die noch nicht verkauften Grundstücke waren eingezogen worden , und sein Leben wurde bedroht . Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines Freundes , des wohlwollenden Arztes ; wir konnten uns nun als die Familie Blainville durch Dübois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt miethen und lebten hier als Bürger mit beschränkten Mitteln gänzlich zurückgezogen , so daß ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt , wie mein Bruder sie nannte , wenig bemerkte , und auch mein Gemahl verließ das Haus nur in der Dämmerung , von Dübois begleitet , um die nöthigen Geschäfte zu besorgen . Diese strenge Eingezogenheit wirkte nachtheilig auf die Gesundheit meines Sohnes , und der herbei gerufene Arzt rieth uns , den Liebling unseres Herzens , der bisher beinah immer in freier Luft gelebt hatte , auf ein Dorf zur Pflege zu geben , wie so viele Eltern in Paris es thäten , die für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt wären . Er rühmte uns zu diesem Zweck eine Wittwe an , deren Gewissenhaftigkeit er aus Erfahrung kannte . Mein Herz blutete bei diesen Vorschlägen und ich sah mit Thränen auf meinen bleichen Knaben . Der Arzt verließ uns , und Dübois stellte mir vor , daß ich der Gesundheit meines Sohnes dieß Opfer schuldig sei und in Gefahr geriethe , wenn ich es nicht bringen wollte , dieß liebliche Kind zu verlieren ; auch sei die Lage meines Gemahls so gefährlich , daß man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit einen häufigen Zutritt in unser Haus gestatten könne , ohne Unvorsichtigkeit und Verrath fürchten zu müssen . Ich fügte mich allen diesen Gründen , die Evremont lebhaft unterstützte , und gab das Kleinod meines Herzens dahin . Dübois versicherte uns , daß er in Paris viel sicherer sei , als mein Gemahl , denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten , ja selbst einige seiner Verwandten gehörten zu den heftigsten Jakobinern und waren als solche Magistratspersonen geworden , und sie hatten nicht so sehr alles menschliche Gefühl verloren , daß nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter einigen Schutz hätte finden sollen , aber ihr republikanischer Eifer ging so weit , daß er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte . Ach ! wie schmerzlich blutete mein Herz , als ich mein Kind in Dübois Arme legte , es war , als ahnete ich das entsetzliche Unglück , von dem ich betroffen werden sollte , und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rührung , daß er kaum vermochte , den als vernünftig erkannten Vorsatz auszuführen ; doch siegte die Sorge für unsere Sicherheit über sein Mitleid und er trug mein Kind hinweg . Der Zustand in Paris wurde immer trüber und ängstlicher . Wir wagten es nicht , am Tage meinen Sohn zu besuchen , und es konnte nicht fehlen , daß es der Wittwe auffallend erscheinen mußte , daß wir jedes Mal so spät Abends das Dorf erreichten , daß wir uns begnügen mußten , das schlummernde Kind zu betrachten , um uns von seinem Wohlsein zu überzeugen . Dübois warnte mich ernstlich vor der Gefahr , die hieraus für Evremont entspringen mußte , und auch diese Besuche durften nicht oft wiederholt werden . Es wäre gefährlich gewesen , die Schwester meines Gemahls als Fräulein Evremont in unser Haus zu nehmen , es wurde also die Uebereinkunft getroffen , daß sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte , und als solche lebte die schöne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns , und theilte unsere strenge Zurückgezogenheit ; aber es ergab sich daraus eine Unannehmlichkeit , an die wir nicht gedacht hatten . Die Dienerin , welche mich begleitet hatte , hatte es schon sehr aufgebracht , daß der kleine Adolph ihrer Pflege entrissen worden war , und sie fand sich nun auf ' s Aeußerste dadurch beleidigt , daß die neue Kammerjungfer Vorzüge genoß , die ihr nie zu Theil geworden waren , und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente ; auch tadelte sie mich laut darüber , daß ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe , da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte , und sie doch sehr gut mit allen Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe . Es wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden , weil wir nicht wüßten , wie wir Geld genug ausgeben sollten : kurz , sie ließ über diesen Gegenstand ihrer übeln Laune freien Lauf , und es bedurfte aller Klugheit und Gutmüthigkeit Dübois , um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten . Er beruhigte sie zuletzt damit , daß er ihr vorstellte , ich habe die junge Person zu mir genommen , um die französische Sprache zu üben , und so ließ sich endlich die treue , aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell gefallen , wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte , und ihr Schelten über die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu , jeden möglichen Verdacht deßhalb von uns zu entfernen , denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfniß , gegen Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so unnützen Ausgabe lächerlich zu machen . Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder sehnte sich darnach , die Rückreise anzutreten . Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten , und selbst die Fragen , welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren gerichtet worden , konnten uns nicht beunruhigen , denn sie konnte nichts verrathen , weil sie uns selbst für das hielt , wofür wir in Paris galten . So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen , in welchen wir das Ungeheuerste erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren . Mein Gemahl hoffte nun , nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen , um auch einen großen Theil des Vermögens mit sich nehmen zu können , den ein treuer Freund seines Vaters ihm überliefern sollte , und schon traf Dübois im Stillen alle Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung , einen Paß für die so genannte Kammerjungfer zu erhalten , die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden sollte , und ach ! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke dieser Abreise entgegen . Unser einziger Vertrauter , welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl leitete , war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses , und weil ihm mein Schwiegervater in früheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte , blieb er uns aufrichtig ergeben ; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit , daß selbst er meinen Gemahl dringend bat , nie am Tage ihn in seinem Komptoir sprechen zu wollen , weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben eines theuern Freundes anvertrauen möge , Falls er von einem als Graf Evremont erkannt werden sollte . Deßhalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir , sondern in seinem Zimmer . So standen die Sachen , als ein unglückliches Geschick es wollte , daß mein Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der Straße begegnete ; es ließ sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen , daß wir noch in Paris wären , um so weniger , da ihm meine Mutter diese Nachricht schon mitgetheilt hatte , und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden , diesen Bruder zu uns zu führen , wie er verlangte . Er that es mit klopfendem Herzen und fand nur darin einige Beruhigung , daß der Leichtsinnige selbst seinen Schwager nur unter dem Namen Blainville kannte . Nach dem ersten Besuche meines Bruders , der uns alle in Schrecken setzte , wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben , denn außer der Sorge für uns selbst , erfüllte es uns mit Unruhe , wie er die zunehmende Schwäche des alten Evremont schilderte , und er that dieß ohne Schonung , weil er glaubte , daß uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen würden , denn da wir , nach seiner und meiner Mutter Ansicht , den alten Mann um unseres Vergnügens Willen leichtsinnig verlassen hatten , so setzte er keine große Liebe für ihn bei uns voraus , und wir mußten seufzend schweigen , um uns durch unsere Vertheidigung nicht zu verrathen . Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr die Herren unserer Zeit ; meine schöne Schwägerin , die reizende Adele , die mein Bruder für meine Kammerjungfer hielt , machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf ihn , und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu . Bei seinen häufigen Besuchen mußte es ihm auffallen , uns immer zu Hause zu treffen , und da er eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte , so bildete er sich ein , daß diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte , und daß ich meine Zimmer kaum verließe , um die Beiden nicht unbewacht zu lassen . Dieses eingebildete Verhältniß gab ihm Gelegenheit , auf unsere Kosten witzig zu sein , und wir mußten es geschehen lassen , um ihn nicht auf die rechte Spur zu leiten . Endlich schien es , daß wir von dieser Qual erlöst werden sollten . Mein Bruder kündigte uns an , daß er feine Abreise beschlossen habe , weil seine Gegenwart erforderlich sei , um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens zu beendigen . Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden , dem er sich anschließen wollte , und alle Umstände schienen uns günstig ; er hatte schon Abschied genommen und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen . Wir saßen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander , ohne irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft , als mein Bruder blaß und verstört bei uns eintrat . Er mußte nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen , daß er die Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles verloren habe , was er besaß , sondern auch noch eine beträchtliche Summe schuldig sei ; der , an den er sie verloren , begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die Zahlung , und er beschwor meinen Gemahl , ihn aus diesem Labyrinthe des Unglücks zu erretten , denn in der Hitze des Spiels , aufgereizt durch seinen Verlust und durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein , hatte er sich Reden erlaubt , die sein Verderben herbeiführen konnten , wenn er nicht schleunig den noch in seinen Händen befindlichen Paß zu seiner Abreise benutzen könnte . Evremont übersah nicht nur die Größe der Gefahr , in der mein Bruder schwebte , sondern er erkannte auch , wie nachtheilig für uns die Verbindung mit ihm werden könne . Alle diese Gründe bestimmten ihn , ihm eine Anweisung auf jenen Banquier zu geben , dem er vertrauen durfte , und er hoffte , dieser würde die angewiesene Summe sogleich auszahlen . Unglücklicher Weise war das Bedürfniß meines Bruders so bedeutend , daß aus bester Absicht der wohlwollende Freund die Auszahlung zu verzögern beschloß , um meinen Gemahl vielleicht von einem leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten , denn die große Eile und die verstörte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht , die Güte meines Gemahls möchte gemißbraucht werden , und er erwiederte daher auf die dringende Forderung der Zahlung , er müsse sich erst mit dem Bürger Blainville berechnen , dann sei er bereit Zahlung zu leisten . Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder , von seinem Gläubiger begleitet , zurück und beschwor meinen Gemahl , ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und die verlangte Berechnung abzuschließen , damit er noch diesen Tag reisen könne , denn seiner erhitzten Einbildung schwebte Gefängniß und Guillotine unaufhörlich vor . Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte , seinen Gläubiger bei uns einzuführen , so sah Evremont , daß die Gefahr eben so groß sei , wenn er entschieden darauf bestände , die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen , als wenn er es wagte , sich ein Mal am Tage bei seinem Geschäftsfreunde zu zeigen , denn im ersten Falle könnte der ihn begleitende Gläubiger meines Bruders leicht Verdacht daraus schöpfen , daß mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen wolle . Er beschloß also den unglücklichen Gang . Der wohlwollende Banquier richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl , als er begleitet von meinem Bruder und dessen Gläubiger in seinem Komptoir erschien . Hätten Sie mir geschrieben , sagte er verdrüßlich , daß die Sache so dringend sei , so würde ich mich dazu verstanden haben , die Summe noch zu zahlen . Die Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen , da mich andere Geschäfte drängen . Er gab seinem Kassirer Befehl , die Summe zu zahlen , und dieser that es stillschweigend , indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien . Wir athmeten frei , als wir meinen Bruder entfernt wußten , den Dübois hatte abreisen sehen . Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben Tages , um eine andere entlegene Wohnung für uns zu suchen , da er glaubte , daß es besser sei , nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte entfernten Theil von Paris aufzusuchen , wo wir wieder völlig unbekannt wären . Es war ein schöner , warmer Nachmittag ; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuß ausgegangen , um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der freien Luft zu bewegen ; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein , und wir bildeten Pläne , wie wir nun bald in ungestörter Ruhe in der Schweiz unserm Glück und unserer Liebe leben wollten ; da auf einmal wurde ein Geräusch von vielen Tritten auf den Treppen laut , wir hörten mit Entsetzen das Getöse von Waffen ; die Thür wurde aufgestoßen und Polizeibeamte drängten sich , von Wachen begleitet , in unsere friedliche Wohnung . Ich war betäubt von dem furchtbaren Schreck ; ich hörte nur dumpf , daß der Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete ; dunkel wie im Traume sah ich , daß unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden ; ich war innerlich erstarrt , ich fühlte in diesem Augenblicke nichts ; als aber der Polizei-Beamte auch mich berührte , um mich als seine Gefangene zu bezeichnen , da zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust , daß ich leblos niederfiel . Als ich die Augen wieder öffnete , sah ich meinen Gemahl nicht mehr . Die Ungeheuer hatten ihn während meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen , und ich hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost , von ihm Abschied zu nehmen . Meine furchtbare Verzweiflung rührte selbst diese täglichen Diener der Grausamkeit , sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu verstehen , daß man mich zu Evremont führen , daß ich sein Gefängniß mit ihm theilen würde , und dieser Gedanke machte , daß ich ruhig wie ein Lamm folgte und mich führen ließ , wohin man wollte ; dunkel schwebte mir der Tod als unvermeidlich vor , aber es lag in diesem gräßlichen Augenblicke ein Trost in dem Gedanken , daß wir zusammen sterben würden . Auf der Straße vor unserer Wohnung hielt ein Wagen ; ich stieg ohne Weigerung hinein und , diese Erinnerung ist mir noch jetzt beinah die fürchterlichste , ohne an mein Kind zu denken . Mich belehrte jetzt die Erfahrung , daß es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann , der selbst die heiligsten Gefühle zu vernichten vermag , denn auf dem Wege nach dem Gefängnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein , daß ich Mutter sei , nur die Angst um Evremont erfüllte meine ganze Seele . Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewußtsein in ein großes , schwach erleuchtetes Gemach geführt , und dumpf hörte ich mit Schlössern und Riegeln die Thüre des traurigen Aufenthalts befestigen . Meine Augen schweiften irr umher ,