Jahre von ihm selbst gemalt ; es hat die graziösesten Züge eines weisheitsvollen , ernsten , tüchtigen Antlitzes ; aus der Miene spricht ein Geist , der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht . Als ich Dich zum erstenmal sah , war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung , zu entschiedener Liebe , das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach , was David von den Menschen sagt : ein jeder mag König sein über sich selber . So meine ich nämlich , daß die Natur des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit , über die Zufälle des äußeren , daraus entstehe die edle Harmonie , das Wesen , was sowohl über Schönheit hinaus ist als der Häßlichkeit trotzt . So bist Du mir erschienen , die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit , die der irdischen vergänglichen Meister wird . Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist , so hat mich doch die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert , ich habe mir ' s kopieren lassen . - Ich hab das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein . Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet , hab Trost und Leid von ihm empfunden , bald war ' s mir traurig zu fühlen , wie manches , worauf man doch in sich stolz ist , zugrunde geht vor einem solchen , der recht wollte , was er wollte ; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott . Wenn mich die Lebenden langweilten , und daß ich Dir ' s recht sage : mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick gerührt , der aus seinen edlen Augen dringt , daß er mir mehr im Umgang war als ein Lebender . Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für Dich kopieren lassen , ich wollte Dir ' s als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden , und so verging Woche um Woche , immer mit dem festen Entschluß , es die nächstfolgende abzusenden , ohne daß ich es je dazu bringen konnte , mich davon zu trennen . Mein lieber Goethe , ich hab noch weniges gesehen in der Welt , sowohl von Kunstwerken als sonst , was mich herzlich interessierte . Daher wär wohl meiner kindischen Art zu verzeihen . Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen , so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann . Dir aber will ich ' s schicken , meinem geliebtesten von allen . Doch , wie es das Schicksal führt , soll es nicht in andre Hände kommen , und sollte der Zufall es von Dir trennen , so müsse es wieder in meine Hände kommen . Ich hoffte , die ganze Zeit es selbst bringen zu können , indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick , wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte , so würde ich verzweifeln , Dich bald wiederzusehen ; allein , daß nach der Zukunft immer wieder eine ist , das hat schon manchen Menschen alt gemacht . - Du bist mir lieb über alles , in der Erinnerung wie in der Zukunft ; der Frühling , den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat , dauert ; denn schon sind zwei Jahre um , und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom Ast gelöst , noch hat der Regen keine Blüte zerstört , alle Abend hauchen sie noch den süßen Duft der Erinnerung aus ; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen , daß ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht , da Du mich auf meinen Mund geküßt , mich in Deinen Arm genommen , und ich will stets hoffen , daß die Zeit wiederkehre . Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe , so glaub ich ' s auch von Dir . Sei Du so alt und klug wie ich , laß mich so jung und weise sein wie Du , und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Jünger , die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer . Schreib mir , wie Du glaubst , daß ich das Bild ohne Gefahr schicken könne , aber bald . - Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst , so werde ich selbst schon eine finden . Hab niemand lieber wie mich ; Du , Goethe , wärst sehr ungerecht , wenn Du andre mir vorzögst , da so meisterlich , so herrlich , Natur mein Gefühl Dir verwebt hat , daß Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken mußt . Wenn kein Krieg , kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung , die alles bildende Ruhe im Busen störte , dann möchte ein leichter Wind , der durch die Grashalmen fährt , der Nebel , wie er sich von der Erde löst , die Mondessichel , wie sie über den Bergen hinzieht , oder sonst einsames Anschauen der Natur einem wohl tiefe Gedanken erregen ; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit , wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreißen haben , da will sie keinem Gedanken Raum gestatten , aber das , woran ein Freund teilgenommen , daß man sich auf seinen Arm gestützt , auf seiner Schulter geruht hat , dies einzige ätzt tief jede Linie der Gegenstände ins Herz , so weiß ich jeden Baum des Parks noch , an dem wir vorübergegangen , und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest , die Jugend sei wollig ; und dann die runde , grüne Quelle , an der wir standen , die so ewig über sich sprudelt , bul , bul , und Du sagtest , sie rufe der Nachtigall , und die Laube mit der steinernen Bank , wo eine Kugel an der Wand liegt , da haben wir eine Minute gesessen , und Du sagtest : » Setze Dich näher , damit die Kugel nicht in Schatten komme , denn sie ist eine Sonnenuhr « , und ich war einen Augenblick so dumm , zu glauben , die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen , wenn die Sonne nicht auf sie scheine , und da hab ich gewünscht , nur einen Frühling mit Dir zu sein , hast Du mich ausgelacht ; da fragte ich , ob Dir dies zu lang sei ; » ei nein « , sagtest Du , » aber dort kommt einer gegangen , der wird gleich dem Spaß ein Ende machen « ; das war der Herzog , der grad auf uns zukam , ich wollte mich verstecken , Du warfst Deinen Überrock über mich , ich sah durch den langen Ärmel , wie der Herzog immer näher kam , ich sah auf seinem Gesicht , daß er was merkte , er blieb an der Laube stehen , was er sagte , verstand ich nicht , so große Angst hatte ich unter Deinem Überrock , so klopfte mir das Herz , Du winktest mit der Hand , das sah ich durch Deinen Rockärmel , der Herzog lachte und blieb stehen ; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir , und dann ging er weiter . Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander , was war ' s doch ? - nicht viel Weisheit , denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin , die den Sokrates über die Liebe belehrte , und sagtest : » Kein gescheutes Wort bringst Du vor , aber Deine Narrheit belehrt besser , wie ihre Weisheit « , - und warum waren wir da beide so tief bewegt ? - daß Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten : » Lieb mich immer « , und ich sagte : » Ja . « - Und eine ganze Weile drauf , da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir ' s aufs Gesicht , und sagtest ; » Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand , was Du mir bist . « - Ach ! Goethe , ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen , die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten ; ich erinnere mich gar nicht , daß ich mit Selbstbewußtsein Dir die Treue zugesagt hätte , es ist alles mächtiger in mir wie ich , ich kann nicht regieren , ich kann nicht wollen , ich muß alles geschehen lassen . Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit ; einen einzigen Frühling verlangte ich damals , und jetzt meine ich kaum , daß ich diesen bewältigen könne mein ganzes Leben lang , und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh , wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke . Ich bin am Ende des Blattes , und wär ' s nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt , so möcht ich ein neues anfangen , um so fort zu plaudern ; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen , deswegen ist er auch so ungleich . Daß sie doch alle vergehen , wenn ich zu Dir sprechen will , diese Gedanken , die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen , von denen Schelling sagt : es sei unbewußte Philosophie . Lebe wohl ! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt , so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht , drin unterzugehen ; möchte sie doch ! welch seliger Tod ! - Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag , wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte . Bettine Bleib ihr gut , schreib ihr bald und grüß die Deinen . An Bettine In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen , liebe Bettine , ich muß mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses nimmer satt werden . So lasse Dir denn genügen , daß die Ferne Deinen Einfluß nicht mindert , da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst , und daß ich Deine bösen wie Deine guten Träume mitträumen muß . Was Dich nun mit Recht so tief bewegt , über das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben , hierüber schweigt man denn wie billig und fühlt sich beglückt , mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Güte zu haben ; da man doch Dich lieben lernen müßte , selbst wenn man nicht wollte . Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu üben , die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen . Der humoristische Freund , der mit Dir die Umgegend rekognosziert , scheint wohl nur durch die Atmosphäre der heißen Junitage dem Schlaf zu unterliegen , während er träumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert , da mag es ihm denn freilich nicht beikommen , daß Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest , wo Dein heroischer Geist selber weilt . Was Du mir von Jacobi erzählst , hat mich sehr ergötzt , seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin ; es ist eine geraume Zeit her , daß ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe , die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt , die Dein Mutwille ausheckte , haben mir ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen . Zu loben bist Du , daß Du keiner authentischen Gewalt bedarfst , um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen . So ist gewiß Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige , der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprünglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefühl unverletzt bewahrte , dem wir als Prädikat höherer Geister unsere Achtung nicht versagen möchten . Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben , wie wir einstimmen in die wahre Hochachtung , die Du unter Deinen liebenswürdigen Koboldstreichen verbirgst , so wäre dies ganz in meinem Sinne gehandelt . Dein Eifer , mir die verlangten Gedichte zu verschaffen , verdient Anerkenntnis , obschon ich glauben muß , daß es Dir ebenso darum zu tun ist , den Gefühlen Deines Generalissimus näher auf die Spur zu kommen als auch meine Wünsche zu befriedigen , glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf näheres ; und da Du so entschieden die Divinität des schöpferischen Dichtervermögens erhebst , so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorläufig für Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe , die sich in guten Stunden allmählich vermehrt , wenn sie Dir später einmal zu Gesicht kommen werden , so erkenne daran , daß , während Du glaubst , mein Gedächtnis für so schöne Vergangenheit wieder anfrischen zu müssen , ich unterdessen der süßesten Erinnerung in solchen unzulänglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe , dessen eigendste Bestimmung es ist , den Widerhall so zarter Neigung in allen Herzen zu erwecken . Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglückender Gewohnheit treu . G. Jena , den 7. Juli 1809 Wie mit innigstem Behagen , Lied , gewahr ich deinen Sinn ; Liebevoll scheinst du zu sagen , Daß ich ihm zur Seite bin . Daß er ewig mein gedenket , Seiner Liebe Seligkeit Immerdar der Treuen schenket , Die ein Leben ihm geweiht . Ja , mein Herz , es ist der Spiegel , Freund , worin du dich erblickt , Diese Brust , wo deine Siegel Kuß auf Kuß hereingedrückt . Süßes Dichten , lautre Wahrheit , Fesselt mich in Sympathie ! Rein verkörpert Liebesklarheit Im Gewand der Poesie.6 An Goethe Kein Baum kühlt so mit frischem Laub , kein Brunnen labt so den Durstigen , Sonn und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel , wie Du leuchtest in mein Herz . Ach , ich sage Dir : einen Augenblick in Deiner Nähe zu sein hält so viel Ewigkeit in sich , daß ein solcher Augenblick der Ewigkeit gleichsam einen Streich spielt , indem er sie gefangen nimmt , zum Scherz nur , er entläßt sie wieder , um sie wieder zu fangen , und was sollte mir auch in Ewigkeit noch für Freude geschehen , da Dein ewiger Geist , Deine ewige Güte mich in ihre Herrlichkeit aufnehmen . Geschrieben am Tag , da ich Deinen letzten Brief empfangen . Das Gedicht gehört der Welt , nicht mein , denn wollt ich es mein nennen , es würde mein Herz verzehren . Ich bin zaghaft in der Liebe , ich zweifle jeden Augenblick an Dir , sonst wär ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen ; ich kann mir nicht denken ( weil es zu viel ist ) , daß ich Dir wert genug bin , um bei Dir sein zu dürfen . Weil ich Dich kenne , so fürchte ich den Tod , die Griechen wollten nicht sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben , wie viel weniger kann ich die schöne Welt verlassen wollen , da mir prophezeit ist von Deinen Lippen , daß Du mich noch mit offnen Armen empfangen wirst . Erlaube mir , ja fordere es , daß ich dieselbe Luft einatme wie Du , daß ich täglich Dir unter die Augen sehe , daß ich den Blick aufsuche , der mir die Todesgötter bannt . Goethe , Du bist alles , Du gibst wieder , was die Welt , was die traurige Zeit raubt ; da Du es nun vermagst mit gelaßnem Blick reichlich zu spenden , warum soll ich mit Zutrauen nicht begehren ? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie gekommen , die Gebirgsketten , die einzige Aussicht , die man von hier hat , waren oft von den Flammen des Kriegs gerötet , und ich habe nie mehr gewagt , meinen Blick dahin zu wenden , wo der Teufel ein Lamm würgt , wo die einzige Freiheit eines selbständigen Volkes sich selber entzündet und in sich verlodert . Diese Menschen , die mit kaltem Blut und sicher über ungeheure Klüfte schreiten , die den Schwindel nicht kennen , machen alle andere , die ihnen zusehen , von ihrer Höhe herab schwindlig ; es ist ein Volk , das für den Morgen nicht sorgt , dem Gott unmittelbar grade , wenn die Stunde des Hungers kommt , auch die Nahrung in die Hand gibt ; das , wie es den Adlern gleich , auf den höchsten Felsspitzen über den Nebeln ruht , auch so über den Nebeln der Zeit thront , das lieber im Licht untergeht , als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht . O Enthusiasmus des eignen freien Willens ! wie groß bist du , da du allen Genuß , der über ein ganzes Leben verbreitet ist , in einen Augenblick zusammenfassest , darum so läßt sich um einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen ; mein eigner Wille aber ist , Dich wiederzusehen , und allen Enthusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich fassen , und darum begehre ich auch außer diesem nichts mehr . Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten möchte ich Dir manches erzählen , was dem Dux gewiß Freude machen würde , und was auch verdiente , verewigt zu werden ; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus mißhandelt durch Betrug aller Art , und das macht auch , daß man lieber gar nicht hinhorcht , als daß man das Herz durch Lügen sich schwer machen läßt . - Das Gute , was die Bayern als wahr passieren lassen , daran ist nicht zu zweifeln , denn wenn sie es vermöchten , so würden sie gewiß das Gelingen der Feinde leugnen . Speckbacher ist ein einziger Held , Witz , Geist , kaltes Blut , strenger Ernst , unbegrenzte Güte , durchsichtige , bedürfnislose Natur ; Gefahr ist ihm gleich dem Aufgang der Sonne ; da wird ihm Tag , da sieht er deutlich was not tut ; und tut alles , indem er seinen Enthusiasmus beherrscht , er denkt auf seine Ehre und auf seine Verantwortung zugleich , er richtet alles durch sich allein aus , die Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Pläne ; und auch noch was der Augenblick erheischt ; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwüstet er die Mühlen , erbeutet das Getreide und löscht die Haubitzen mit dem Hut ; keinen gefahrvollen Plan überläßt er einem andern , die kleine Stadt Kuffstein steckte er selbst in Brand mitten unter den Feinden ; eine Schiffbrücke der Bayern macht er flott . In einer stürmischen Nacht , im Wasser bis an die Brust , hält er aus bis zum Morgen mit zwei Kameraden , wo er noch die letzten Schiffe unter einem Hagel von Kartätschen flott macht . - List ist seine göttlichste Eigenschaft , den verwilderten Bart , der ihm das halbe Gesicht bedeckt , nimmt er ab , verändert Kleidung und Gebärde , und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu sprechen , man läßt ihn ein , er macht ihnen was weis von Verrat und errät unterdessen alles , was er wissen will , in dieser großen Gefahr , mit noch zwei andern Kameraden , ist er keinen Augenblick verlegen , läßt sich beleuchten , untersuchen , zutrinken und endlich , vom Kommandanten bis zum kleinen Pförtchen , zu dem sie hereingekommen waren , begleitet , nimmt er treuherzig Abschied . Alle diese Mühen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch die Unzuverlässigkeit von Österreich , das überhaupt ist , als könne es keinen glücklichen Erfolg ertragen , und fürchte sich vor seinem großen Feind , einst diese Siege verantworten zu müssen , und so wird es auch noch kommen , es wird noch den großen Napoleon um Verzeihung bitten , daß man ihm die Ehre erzeigt , ihm ein Heldenvolk entgegenzustellen ; ich breche ab , zu gewiß ist mir , daß auf Erden allem Großen schlecht vergolten wird . Vor drei Wochen hat man ein Bild , eine Kopie von Albrecht Dürers selbst verfertigtem Porträt , an Dich abgeschickt ; ich war grade auf einige Tage verreist und weiß also nicht , ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit , mit welcher es ging , exakt ist , Du mußt es der Zeit nach jetzt bald in Händen haben , schreib mir darüber , das Bild ist mir sehr lieb , und darum mußt ich Dir ' s geben , weil ich mich selbst Dir geben möchte . Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach , das Korn wird schon gelb , und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht , so bricht sie doch der Sturm , und falbe Blätter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden ; wann wird denn eine gütige Sonne die Früchte an meinem Lebensbaum reifen , daß ich ernten kann Kuß um Kuß ? - Einen Weg geh ich alle Tage , jede Staude , jedes Gräschen ist mir auf diesem bekannt , ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir schon betrachtet . Dieser Weg führt nicht zu Dir , und doch wird er mir täglich lieber , wenn mich nun einer gewohnt würde , zu Dir zu tragen , wie würden da Blumen und Kräuter erst mit mir bekannt werden , daß mir stets das Herz pochte bis an Deine Schwelle , und allen Liebreiz hätte auf diesem Weg jeder Schritt . Vom Kronprinz weiß ich Gutes , er hat mit den Gefangenen , die man hart behandelte und hungern ließ , zu Mittag gegessen . Die Kartoffeln waren gezählt , er teilte treulich mit ihnen , seitdem werden sie gut bedient , und er hat ein scharfes Auge darauf ; das hab ich durch seinen getreuen Bopp , der die ausführliche Erzählung mit etlichen Freudentränen begleitete . Sein kaltes Blut mitten in Gefahren , seine Ausdauer bei allen Mühen und Lasten werden auch noch anderweitig gerühmt , und immer ist er dabei bedacht , nutzlosen Grausamkeiten vorzubeugen ; das war von ihm zu erwarten , aber daß er diese Erwartung nicht zuschanden gemacht hat , dafür sei er gelobt und gesegnet . Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen , ich hab ' s von Sömmering erhalten und zugleich den Auftrag , um Dein Urteil darüber zu bitten , er selbst findet es gleichend , aber nicht in den edelsten Zügen ; ich sage : es hat eine große Ähnlichkeit mit einem Bock , dies ließe sich noch rechtfertigen . Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein , ein Zirkel vornehmer und schöner Damen umgibt sein Lager , das paßt zu gut und gefällt ihm zu wohl , als daß er je vom Platz rückte . Jacobi befindet sich ganz leidlich , Tante Lene schreit zwar , sein Kopf tauge nichts , der , sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle , ihn schmerze , zusamt den Augen ; wenn nun auch der Kopf nichts taugt , so war doch sein Herz sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas , was Du für ihn geschrieben hast ; ich mußte es ihm abschreiben , er meinte , da er keine so freundliche Fürsprache bei Dir habe , wie Du bei ihm , so müsse er wohl selbst Dir schriftlich danken , einstweilen schickt er beikommende Rede über Vernunft und Verstand . Bettine Köln , wo ich vorm Jahr so fröhlich war , der launige Rumohr hat ' s hingekritzelt , er geht hier so ganz verträglich mit der Langenweile um , und bejammert mit aufrichtigem Herzen die Zeit , die wir miteinander am Rhein zubrachten . Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Ästen und mir die kalten Regentropfen ins Gesicht , wenn ich frühe , wo noch kein Mensch des Weges geht , durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre , denn die langen Schatten am frühsten Morgen sind mir beßre Gefährten als alles , was mir den ganzen Tag über begegnet . Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter ; bei schönem Wetter frühstückt er in der Gartenlaube mit der Frau , da muß ich immer den Streit zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch . Dann steigt er auf seinen Taubenschlag , so groß wie er ist , muß er sich an den Boden ducken , hundert Tauben umflattern ihn , setzen sich auf Kopf , Brust , Leib und Beine ; zärtlich schielt er sie an , und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen , da bittet er mich : o pfeifen Sie doch ; so kommen denn noch Hunderte von draußen hereingestürzt mit pfeifenden Schwingen ; gurren , rucksen , lachen und umflattern ihn ; da ist er selig und möchte eine Musik komponieren , die grad so lautet . Da nun Winter ein wahrer Koloß ist , so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar , der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird , und ich als Sphinx neben ihm kauernd , einen großen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf . Dann werden Marcellos Psalmen gesungen , eine Musik , die mir in diesem Augenblick sehr zusagt , ihr Charakter ist fest und herrschend , man kann sie nicht durch Ausdruck heben , sie läßt sich nicht behandeln , man kann froh sein , wenn die Kraft ausreicht , welche der Geist dieser Musik fordert . Von höherer Macht fühlt man sich als Organ benützt , Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt auszusprechen . So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer Empfindung , daß der Sänger nur Werkzeug , aber mitdenkend , mitgenießend sich empfindet , und dann die Rezitative , das Ideal ästhetischer Erhabenheit , wo alles , sei es Schmerz oder Freude , ein tobend Element der Wollust wird . Wie lange haben wir nichts über Musik gesprochen , damals am Rhein , da war ' s , als müsse ich Dir den gordischen Knoten auflösen , und doch fühlte ich meine Unzulänglichkeit , ich wußte nichts von ihr , wie man auch vom Geliebten nichts weiß , als nur , daß man in ihn verliebt ist . Und jetzt bin ich erst gar ins Stocken geraten , alles möcht ich gern aussprechen , aber in Worten zu denken , was ich im Gefühl denke , das ist schwer ; - ja , solltest Du ' s glauben ? - Gedanken machen mir Schmerzen , und so zaghaft bin ich , daß ich ihnen ausweiche , und alles , was in der Welt vorgeht , das Geschick der Menschen und die tragische Auflösung macht mir einen musikalischen Eindruck . Die Ereignisse im Tirol nehmen mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie . Dies Streben mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren , wenn ich die Symphonien hörte im Nachbarsgarten und ich fühlte , man müsse mit einstimmen , mitspielen , um Ruhe zu finden ; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch wieder so belebend , so begeistigend , wie dies Streiten und Gebaren der verschiedenen Modulationen , die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen unwillkürlich durch ein Gesamtgefühl getragen , immer allseitiger , immer in sich konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschließen . - So empfinde ich die Symphonie , so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien des göttlichen Geistes , der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer Freiheit . Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Töne einem hohen gemeinsamen Zweck , der mit göttlichen Kräften sich selbst erstreitet ; so scheint mir auch jede große Handlung ein musikalisches Dasein ; so mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen , wo denn die genießende , mitempfindende Welt neu geschaffen , von Kleinlichkeit befreit , eine höhere Befähigung in sich gewahrt . Ich werde müde vom Denken und schläfrig , wenn ich mir Mühe gebe , der Ahnung nachzugehen , da wird mir angst , ja ich möchte die Hände ringen vor Angst um einen Gedanken , den ich nicht fassen kann . Da möcht ich mit einem Ausdruck Dir hingeben Dinge , denen ich nicht gewachsen bin , und da schwindet mir alle Erkenntnis , langsam wie die untergehende Sonne , ich weiß , daß sie ihr Licht ausströmt , aber sie leuchtet mir nicht mehr . Denken ist Religion , fürs erste Feueranbeten , wir werden einst noch weiter schreiten , wo wir mit dem ursprünglich göttlichen Geist uns vereinen , der Mensch geworden und gelitten hat , bloß um in unser Denken einzudringen ; so erkläre ich mir das Christentum als Symbol einer höheren Denkkraft , wie mir denn überhaupt alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist . Nun , wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen , so erhält dies mich doch frisch und tätig , und sie haben mir auf den Weg gestreut gleich einem auserwählten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Abenteuer auf holperigem Pfad , bekannt bin ich worden mit den dürren Geistern der Zeit , mit Ungeheuern verschiedener Art , und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr träumerisch Schicksal gezogen . Aber nicht hab ich erblickt wie bei Dir , da von heiliger Leier mir frisches Grün entgegenglänzte , und nicht hört ich wie bei Dir , dem unter den Füßen silbern der Pfad tönt , als der auf Straßen Apollos wandelt . Da denk ich mit verschlossenen Augen , wie ich gewohnt war , mit Dir lächelnd des Herzens Meinung zu wechseln , den eignen Geist in der Seele fühlend . Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit , da wollt ich nicht zuhören und hieß sie schweigen , weil ich grad eben mich in Deine Gegenwart träumte . Franz Bader , der nach seiner Glasfabrik