, die ich mir heimlich zu verschaffen und wohl zu verstecken wußte . « » Herr Gott , du namenlose Güte ! « rief der Förster aus , » hätt ich und meine selige Frau damals gewußt , was für ein gefährlich Feuerspiel - « » So verging eine Stunde « , fuhr Nolten fort , der ungern unterbrochen war , » bis mich doch auch die Gesellschaft reizte , da ich denn ein Räuberfangspiel , das mich unter allen am meisten anzog , so lebhaft wie nur irgendeiner , mitmachte . Jüngere Kinder , darunter auch Agnes , hörten des Abends gern meine Märchen von dienstbaren Geistern , die mir mit Hülfe und Schrecken jederzeit zu Gebote standen . Sie durften dabei an einer hölzernen Treppenwand zwei Astlöcher sehen , wo jene zarten Gesellen eingesperrt waren ; das eine , vor das ich ein dunkles Läppchen genagelt hatte , verwahrte die bösen , ein anderes ( oder das vielmehr keines war , denn der runde Knoten stak noch natürlich ins Holz geschlossen ) die freundlichen Geister ; wenn nun zu gewissen Tageszeiten eben die Sonne dahinter schien , so war der Pfropf vom schönsten Purpur brennend rot erleuchtet ; diesen Eingang , solange die Rundung noch so glühend durchsichtig schien , konnten die luftigen Wesen gar leicht aus und ein durchschweben ; unmittelbar dahinter dachte man sich in sehr verjüngtem Maßstab eine ziemlich weit verbreitete See mit lieblichen , duftigen Inseln . Nun war das eine Freude , die Kinder , die andächtig um mich herstanden , ein Köpfchen ums andre hinaufzulüpfen , um all die Pracht so nahe wie möglich zu sehn , und jedes glaubte in der schönen Glut die wunderbarsten Dinge zu entdecken ; natürlich ! hab ich ' s doch beinah selbst geglaubt ! - Jedoch , es ist nicht schicklich , so lange von sich selbst zu reden , nur wenn Sie das Bekenntnis belustigen kann , Papa , so will ich gern gestehn , daß der alte Theobald noch jetzt zuweilen sich über einer Spur von diesen Kindereien ertappt . « Der Förster schüttelte den Kopf und ließ nach seiner Gewohnheit , wenn ihn etwas sehr wunderte , ein langes » sss - t ! « vernehmen . Der Baron dagegen hatte mit einem ununterbrochenen lieben Lächeln zugehört und sagte jetzt : » Ähnliche Dinge habe ich von andern teils gehört , teils gelesen , und alles , was Sie sagten , trifft mit der Vorstellung überein , die ich von Ihrer Individualität seit früh gehabt . Oberhaupt preis ich den jungen Menschen glücklich , der , ohne träge oder dumm zu sein , hinter seinen Jahren , wie man so spricht , weit zurückbleibt ; er trägt gewöhnlich einen ungemeinen Keim in sich , der nur durch die Umstände glücklich entwickelt werden muß . Hier ist jede Absurdität Anfang und Äußerung einer edeln Kraft , und dieses Brüten , wobei man nichts herauskommen sieht , das kein Stück gibt , ist die rechte Sammelzeit des eigentlichen innern Menschen , der freilich eben nicht viel in die Welt ist . Ich kann es mir nicht reizend und rührend genug vorstellen , das stille gedämpfte Licht , worin dem Knaben dann die Welt noch schwebt , wo man geneigt ist , den gewöhnlichsten Gegenständen ein fremdes , oft unheimliches Gepräge aufzudrücken , und ein Geheimnis damit zu verbinden , nur damit sie der Phantasie etwas bedeuten , wo hinter jedem sichtbaren Dinge , es sei dies , was es wolle - ein Holz , ein Stein , oder der Hahn und Knopf auf dem Turme - ein Unsichtbares , hinter jeder toten Sache ein geistig Etwas steckt , das sein eignes , in sich verborgnes Leben andächtig abgeschlossen hegt , wo alles Ausdruck , alles Physiognomie annimmt . « » Nur werden Sie mir zugeben « , versetzte Nolten , » daß dergleichen Eigenheiten auch gefährlich werden können , wenn ich Ihnen den freilich nur sehr schwachen Anfang einer fixen Idee in einem Kindergemüt vortrage , einen Fall , den Sie wenigstens bei diesem Alter nicht gesucht haben würden . Ich rede von meiner Braut , von Agnesen . Da das gute Kind es nicht hört , so können wir offen davon sprechen ; es ist zugleich ein Beweis , wie ein unheimlicher Hang bei ihrer übrigens so reinen und schönen Natur doch frühzeitig vorhanden war , und wie sehr man seit den Vorfällen vom vorigen Jahre Ursache haben mag , sich bei ihr in acht zu nehmen . Erzählen Sie ' s dem Herrn Baron , Vater , da ich ' s ja auch nur von Ihnen erfuhr , wissen Sie , die frühere Grille des Mädchens bei Gelegenheit als vom Auslande , von fremden Städten , die Rede war . « » Nun , meine Tochter war etwa zehn Jahre , zur Zeit , da Ihr Herr Bruder , der Herr Oberforstmeister , von Ihren Reisen zurückkamen , und die Gnade hatten , manchmal in meinem Hause davon zu erzählen . Dieser Herr , nachdenklich und ernsthaft , aber freundlich und gut gegen Kinder , machte auf das Mädchen einen besondern Eindruck , der ihr lange geblieben ist . Nun kommt sie einmal ( die Gesellschaft war gerade weggegangen ) von ihrem Sitz hinter dem Ofen , wo sie eine Zeitlang ganz still gesessen und gestrickt hatte , hervor , stellt sich vor mich hin , sieht mir scharf ins Gesicht und lacht mich an , wie über etwas das mir schon bewußt sein müßte , und dabei fährt sie mir mit der Stricknadel schalkhaft über die Stirn . Auf meine Frage , was dies zu bedeuten habe , gibt sie keine deutliche Antwort und geht wieder an ihren Platz . So treibt sie ' s zu verschiedenen Zeiten ein paarmal . Zuletzt ward ich doch ungeduldig und fuhr sie etwas hart an , da fiel sie in ein Weinen , indem sie sagte : Gesteht es nur Papa , daß es die Länder und Städte gar nicht gibt , von denen Ihr alls redet mit dem Herrn ; ich merke wohl , man tut nur so , wenn ich um den Weg bin , ich soll wunder glauben , was alles vorgehe draußen in der Welt , und was doch nicht ist ; deswegen laßt Ihr mich auch nie weiter als bis nach Weil , nach Grebenheim und Neitze . Zwar daß unsers Königs Land sehr groß ist , und daß die Welt noch viel viel weiter geht auch noch andre Völker sind , weiß ich wohl , aber Paris , das ist gewiß kein Wort , und London , so gibt es keine Stadt ; Ihr habt es nur erdacht und tut so bekannt damit , daß ich mir alles vorstellen soll . - So ungefähr schwatzte das einfältige Ding ; halb ärgert ' s mich , halb mußt ich lachen . Ich gab mir Mühe , ihr alles klar auseinanderzusetzen , wies ihr auch die Karten , die sie übrigens schon oft gesehen hatte ; dabei lauschte sie immer auf meine Miene , und der kleinste Zug von Lachen brachte sie fast zur Verzweiflung . Nun , die Kaprice verlor sich bald , und als ich sie vor etlichen Jahren wieder dran erinnerte , lachte sie sich herzlich selber drüber aus , erklärte deutlicher , wie ' s ihr gewesen , und sagte - ich weiß nicht was alles . « » Kurz « , nahm Theobald das Wort , » es läuft darauf hinaus , daß sie sich als Mittelpunkt und Zweck einer großen Erziehungsanstalt betrachtete , die auf jene Weise allerlei lebhafte Ideen in des Kindes Kopfe habe in Umlauf setzen und seinen Gesichtskreis durch eine Täuschung erweitern wollen , deren Nutzen sie zu ahnen glaubte , doch nicht begriff . Sie vermutete , man wisse überall , wohin sie komme , wer ihr da und dort begegnen werde , und da seien alle Worte abgekartet , alles auf das sorgfältigste hinterlegt , damit sie auf keinen Widerspruch stoße . Übrigens hatte sich die Grille durchaus nicht so festgesetzt , daß sie nicht dazwischen hinein wieder längere Zeit ganz frei davon gewesen wäre , sie schien sich selbst nicht recht dabei zu trauen . Ich habe sie nie darüber fragen mögen . « » Indessen « , sagte der Baron nach einigem Besinnen , » bei näherer Betrachtung zeigt sich doch , es gehört dieser skeptische Kasus , der allerdings höchst merkwürdig bleibt , nicht ganz in unser voriges Kapitel . Lassen Sie uns noch einen Augenblick zu jenem glücklichen Mystizism des Knabenalters zurückkehren ! denn eigentlich sind es doch nur die Knaben , nicht aber die Mädchen , bei denen er sich findet . Das wollt ich noch sagen : denken Sie wohl , daß Subjekte von dieser angenehm phantastischen Komplexion - wozu ich überdies , was nicht notwendig dabeisein muß und bei den wenigsten ist , eine größere Portion Geist überhaupt zusetze - daß , sag ich , solche Individuen jedesmal zu Dichtern und Künstlern geboren sind ? ich sollte nicht meinen . « » Keineswegs ! « versetzte Nolten . » Ich habe mir bei einem Manne , der scheinbar nicht hieher gehört , bei Napoleon , einige geheime Eigenschaften gemerkt , welche sich sehr gut an gewisse Fädchen von Lichtenbergs eigenster Natur anknüpfen lassen ; sie berühren zwar nicht eben das , wovon wir jetzo reden , aber sie hängen mit einer Gattung Aberglauben zusammen , der ein Grenznachbar aller Idiosynkrasien ist . « » Napoleon ! « rief der Baron aus , » als wenn nicht auch sein Aberglaube nur angenommene Maske wäre ! « » Machen Sie mir ihn nicht vollends zum seichten Verbrecher ! « entgegnete Nolten . » Er war nüchtern überall , nur nicht in dem tiefsten Schachte seines Busens . Nehmen Sie ihm nicht vollends die einzige Religion , die er hatte , die Anbetung seiner selbst oder des Schicksals , das mit göttlicher Hand ihm einen Spiegel vorzuhalten schien , worin er sich und die Notwendigkeit seiner Taten erblickte . « » Wir lassen das gut sein « , versetzte der Baron , » soweit ich Sie aber verstehe , haben Sie vollkommen recht . Das Schicksal verwendet die Kräfte , welche verschränkt in einem Menschen liegen können , gar mannigfaltig , und aus einer Mischung von Poesie , bald mit politischem Verstand , bald mit philosophischem Talent , mit mathematischem Sinn u.s.f. , in einem und demselben Subjekte springen die wunderbarsten , die größten Resultate hervor , vor denen die Gelehrten gaffend und kopfschüttelnd stehn und wodurch das lahme Rad der Welt auf lange hinein wieder einen tüchtigen Schwung erhält . Da scheint denn die Natur vor unsern eingeschränkten Augen sich auf einmal selbst zu widersprechen , oder wenigstens zu übertreffen , sie tut aber keines von beiden . Zwei heterogen scheinende Kräfte können sich wunderbar einander stärken , und das Trefflichste hervorbringen . Doch ich verirre mich . - Ich wollte von Ihren kindischen Geständnissen aus nur auf den Punkt kommen , wo der Philister und der Künstler sich scheiden . Wenn dem letztern als Kind die Welt zur schönen Fabel ward , so wird sie ' s ihm in seinen glücklichsten Stunden auch noch als Mann sein , darum bleibt sie ihm von allen Seiten so neu , so lieblich befremdend . Am meisten als Enthusiast hat Novalis ( der mir übrigens dabei nicht ganz wohl macht ) dieses ausgesprochen , soweit es den Dichter angeht - « » Ganz recht ! « fiel Nolten ein ; » aber wenn dem wahren Dichter bei dieser besondern Anschauungsweise der Außenwelt jene holde Befremdung durchaus eigen sein muß , selbst im Falle sie sich in seinen Produktionen nicht ausdrücklich verraten sollte so kann dagegen die Vorstellungsart des bildenden Künstlers ganz entfernt davon sein , ja sie ist es notwendig . Auch der Geist , in welchem die Griechen alles personifizierten , scheint mir völlig verschieden von demjenigen zu sein , was wir soeben besprechen . Ihre Phantasie ist mir hiefür viel zu frei , zu schön und , möcht ich sagen , viel zu wenig hypochondrisch . Ein Totes , Abgestorbenes , Fragmentarisches konnte in seiner Naturwesenheit nichts Inniges mehr für sie haben . Ich müßte mich sehr irren , oder man stößt hier wiederum auf den Unterschied von Antikem und Romantischem . « Nun kam das Gespräch auf Theobalds neuste Arbeiten , und da es hierauf abermals eine gewisse allgemeine Wendung nehmen wollte , sagte der Baron , indem er auf die Uhr sahe : » Damit wir nun aber nicht unversehens in den unfruchtbarsten aller Dispute hineingeraten , denn wir sind auf dem Wege , was nämlich stärkender sei , ionische Luft einzuatmen , oder den süßesten Himmel , wo er den Umriß einer Madonnawange berührt , so entlassen Sie mich , damit ich meinen gewohnten Marsch antrete . Auf den Abend hoffe ich Sie bei mir zu sehn , und Sie sagen mir dann mehr von Ihrem angefangenen Narziß . « Da Nolten wußte , daß der alte Herr morgens gerne allein auf seinen Gütern herumging , so drang er seine Begleitung nicht auf . Er bat Agnesen zu einem Gang ins Gärtchen ; sie befahl der Magd einige Geschäfte , ging in ihre Kammer , ein Halstuch zu holen , und Theobald folgte ihr dahin . » Hier sieh auch einen Mädchenkram ! « sagt sie , indem sie die Schublade herauszieht , wo eine Menge Kästchen , Schächtelchen , allerlei bescheidner Schmuck bunt und nett beieinanderlag . Sie nahm ein rotes Schatullchen auf , drückte es an die Brust , legte die Wange darauf und sah Theobalden zärtlich an : » Deine Briefe sind ' s ! mein bestes Gut ! Einmal hast du mich diesen Trost lange entbehren lassen , und dann , als du gefangen warst , wieder ; aber gewiß , ich habe mich nicht zu beklagen . « Unserm Freund ging ein Stich durchs Herz und er erwiderte nichts . » Dein neuestes Geschenk « ( es war eine kleine Uhr ) , » siehst du « , fuhr sie fort , indem sie eine zweite Schublade zog , » soll hier seinen Platz nehmen , es gehört ihm eine vornehme Nachbarschaft . Aber , Seele ! was hast du damals gedacht ? Das ist der Putz für eine Gräfin , nicht für unsereine ! « ( Sie zeigte einen geschmackvollen Spenzer von dunkelgrünem Sammet , reich mit goldnen Knöpfchen und zarten Ketten , statt der Litzen , besetzt ; Larkens hatte ihr das Maß auf eine feine Weise abzulisten gewußt , und so das Kleidungsstück ganz fertig gesendet . ) Theobald stand geblendet , vernichtet von der Großmut seines Freundes . Er spielte in Gedanken mit einem Strauß italienischer Blumen , ohne zu merken , wie jämmerlich seine Finger ihn zerknitterten ; Agnes zog ihm das Bouquet sachte aus der Hand : er lächelte , die Tränen standen ihm näher . Das Kollier der Gräfin fiel ihm ein ; er wagte immer noch nicht , damit hervorzurücken . Wie alles , alles ihn verletzte , quälte , entzückte ! ja selbst der reizende Duft , der den Putzschränken der Mädchen so eigen zu sein pflegt , schien ihm auf einmal den Atem zu erschweren ; es war Zeit , daß er sich losmachte und auf sein Zimmer ging , wo er sich elend auf den Boden warf , und allen verdrungenen Schmerzen Tür und Tor willig eröffnete . In kurzem klopft Agnes außen : er kann nicht aufschließen , er darf sich in diesem Zustand nicht vor ihr sehen lassen . » Ich kleide mich an , mein Kind ! « ruft er , und leise geht sie wieder den Gang zurück . Nach einer Weile , da er sich gefaßt hatte , kam der Vater . » Auf ein Wort ! « sagte er , als sie allein waren , » das wunderliche Ding , das Mädchen , jetzt geht es ihr im Kopf herum , sie hätte Ihnen vorhin spielen sollen ; sie fürchtet sich davor und wird sich fürchten , bis es einmal überwunden ist ; nun fiel ' s ihr ein , sie wolle sich geschwinde entschließen « - » Nur jetzt nicht ! « rief Nolten , » ich bitte Sie um Gottes willen , Papa , nur diesen Morgen nicht ! « » Warum denn ? « versetzte der Alte , in der Meinung , Theobald wolle nur das Mädchen geschont wissen , » wir müssen den Augenblick ergreifen , sonst machen wir sie stutzig ; sie ist ganz guten Muts : ich riet ihr , zugleich in dem neuen Anzug zu erscheinen und Sie zu überraschen , das schien ihr die Aufgabe zu erleichtern , denn sie kann sich einbilden , das wäre nun die Hauptsache . Lassen Sie ' s zu diesmal ! Sie wird gleich fertig sein und Sie kommen dann hinüber . « So mußte Nolten nachgeben , der Alte ging und rief ihn in kurzem . Da stand sie nun wirklich ! glänzend , schön , einer jungen Fürstin zu vergleichen . Innig verwundert und erfreut ward Theobald durch den Anblick . Es war ihm so fremd , sie so geschmückt zu sehen , und doch schien ein solcher Anzug ihrer einzig würdig zu sein . Ein weißes Kleid stand gar gut zu dem prächtigen Spenzer und einige Blumen zierten das Haar . Wie lebhaft empfängt er die Verschämte in seinen Arm ! wie selig blickt sie ihm in die Augen ! » Nun aber lache mich nicht aus ! « sprach sie , während sie sich nach der Mandoline umsah und man sich setzte . » Ich will dir erzählen , wie es eigentlich zuging , daß ich ' s lernte . Ich habe dich einmal , weißt du noch ? an dem Abend , wo wir die Johanniskäfer in das gläserne Körbchen sammelten , da hab ich dich von ungefähr gefragt , ob es dir nicht leid wäre , daß ich so gar nichts von den hübschen Künsten verstehe , die dir so wert und wichtig sind , nicht auch ein bißchen von Musik oder eine Blume hübsch zu malen oder dergleichen , was wohl andre Mädchen können . Du sagtest : das vermissest du an deiner Braut gar nicht . Ich glaubt ' s auch , wie ich dir denn alles glaube , und dankte dir im Herzen für deine Liebe . Weiter sagtest du dann : die paar Jägerliedchen , die ich zuweilen sänge , die wären dir lieber als alles . Zwei Tage darauf kamen wir nach Tisch ins Pfarrhaus zu Besuch . Die älteste Tochter spielte den Flügel , und so schön , daß wir uns kaum satt hörten , du besonders . Aber eins hat mich damals verdrossen , an der jüngern , an Augusten . Du mußt dich erinnern . Lisette war kaum aufgestanden vom Klavier , so fordert die Schwester mich auf , meine Stimme auch hören zu lassen , ich ahnte nichts Unfeins von dem Mädchen und fing das nächste beste an . Aber auf einmal werd ich befangen und rot , denn Auguste hält sich ein Notenpapier vor den Mund , ihr Lachen zu verbergen ; der Ton zitterte mir in der Kehle , und wie ich mich wenigstens zum letzten Verse noch ermannen will , guckt Auguste spottend durch die Rolle wie durch ein Fernrohr auf mich , daß ich vollends konfus ward und mit kleiner Stimme kaum noch zum Ende schwankte . Indes ihr andern weiter spieltet und sangt , hatt ich am Fenster genug zu tun und zu wischen mit Weinen . Später , du warst schon fort , fing mich der Vorfall an zu wurmen ; ich hätte gern auch etwas gegolten , ich grämte mich innig um deinetwillen ; überdem kam meine Krankheit ; ich glaube noch bis auf die Stunde , ich wäre schneller genesen , hätt ich mir mit Musik manchmal die Zeit vertreiben können ; indessen ging ' s gottlob auch so vorüber . Um diese Zeit besuchte uns der Vetter zuweilen aus der Stadt und « - ( sie stockte und streifte verlegen über das Instrument hin ) » nun , also dieser lehrte mich ' s. « » Eins von den lustigen zuerst ! « fiel der Vater , schnell zu Hülfe kommend , ein . Rasch und herzhaft fing sie nun an , mit einer Stimme , die kräftig und zart , sich doch stets lieber in die Tiefe als in die Höhe bewegte . Ihr Gesang wurde nach und nach immer einschmeichelnder , immer kecker . » Der Herr darf mich wohl ansehn ! « sagte sie einmal dazwischen zu Theobald hinüber , der ihren Anblick bisher vermieden hatte . Er zeigte , als das Lied geendigt war , auf ein anderes in ihrem Notenhefte , » der Jäger « überschrieben , dessen Text ihm gefiel , und obwohl es Agnesen nicht ebenso ging , stimmte sie doch sogleich damit an . » Drei Tage Regen fort und fort , Kein Sonnenschein zur Stunde , Drei Tage lang kein gutes Wort Aus meiner Liebsten Munde ! Sie trutzt mit mir und ich mit ihr , So hat sie ' s haben wollen ; Mir aber nagt ' s am Herzen hier , Das Schmollen und das Grollen . Willkommen denn , des Jägers Lust , Gewittersturm und Regen ! Fest zugeknöpft die heiße Brust , Und jauchzend euch entgegen ! Nun sitzt sie wohl daheim und lacht , Und scherzt mit den Geschwistern ; Ich höre in des Waldes Nacht Die alten Blätter flüstern . Nun sitzt sie wohl und weinet laut Im Kämmerlein , in Sorgen ; Mir ist es wie dem Wilde traut , In Finsternis geborgen . Kein Hirsch und Rehlein überall ! Ein Schuß zum Zeitvertreibe ! Gesunder Knall und Widerhall Erfrischt das Mark im Leibe - Doch wie der Donner nun verhallt In Tälern in die Runde , Ein plötzlich Weh mich überwallt , Mir sinkt das Herz zugrunde . Sie trutzt mit mir und ich mit ihr , So hat sie ' s haben wollen , Mir aber frißt ' s das Herze schier Das Schmollen und das Grollen . - Und auf ! und nach der Liebsten Haus ! Und sie gefaßt ums Mieder ! Drück mir die nassen Locken aus , Und küß und hab mich wieder ! « Beide Männer klatschten lauten Beifall . Sie wollte aufstehn . » Aller guten Dinge - weißt du ? « rief der Alte , » noch eines ! « Also blätterte sie abermals im Heft , unschlüssig , keines war ihr recht ; über dem Suchen und Wählen war der Vater aus der Stube gegangen ; sie klappte das Buch zu und sprach mit Theobalden , während sie hin und wieder einen Akkord griff . Auf einmal fiel sie in ein Vorspiel ein , bedeutender als alle frühern ; es drückte die tiefste rührendste Klage aus . Agnesens Blick ruhte ernst , wie unter abwesenden Gedanken , auf Nolten , bis sie sanft anhob zu singen . Wir teilen das kleine Lied noch mit , und denken , der Leser werde sich aus den einfachen Versen vielleicht einen entfernten Begriff von der Musik machen können , besonders aus dem zweiten Refrain , bei welchem die Melodie jedesmal eine unbeschreibliche Wendung nahm , die alles herauszusagen schien , was irgend von Schmerz und Wehmut sich in dem Busen eines unglücklichen Geschöpfs verbergen kann . Rosenzeit ! wie schnell vorbei , Schnell vorbei , Bist du doch gegangen ! Wär mein Lieb nur blieben treu , Blieben treu , Sollte mir nicht bangen . In der Ernte wohlgemut Wohlgemut , Schnitterinnen singen ; Aber ach , mir kranken Blut , Mir kranken Blut , Will nichts mehr gelingen . Schleiche so durchs Wiesental , So durchs Tal , Als im Traum verloren Nach dem Berg , da tausendmal , Tausendmal , Er mir Treu geschworen . Oben auf des Hügels Rand , Abgewandt Wein ich bei der Linde : An dem Hut mein Rosenband , Von seiner Hand , Spielet in dem Winde . Agnesen hatte der Ton zuletzt vor Bewegung fast versagt ; jetzt warf sie das Instrument weg und stürzte heftig an die Brust des Geliebten . » Treu ! Treu ! « stammelte sie unter unendlichen Tränen , indem ihr ganzer Leib zuckte und zitterte , » du bist mir ' s , ich bin dir ' s geblieben ! « - » Ich bleibe dir ' s ! « mehr konnte Theobald , mehr durfte er nicht sagen . An einem der folgenden schönen Tage wollte man den schon mehrmals zur Sprache gekommenen Ausflug nach Halmedorf zu den jungen Pfarrleutchen machen , denen man sich bereits hatte ansagen lassen . Die beiden alten Herren , der Förster und der Baron , versprachen im Wagen des letztern zu fahren ; denn immerhin war es drei Stunden dahin . Die Jugend , nämlich unser Paar , ein Sohn und zwei Töchter des Pastors , welche man trotz einigen Einwendungen Noltens zuletzt auf Agnesens beharrliche Vorstellungen hinzubitten müssen , diese wollten zu Fuße gehn ; die eine Partie sollte morgens bei guter Tageszeit sich auf den Weg machen , die Fahrenden erst nach Tische . Leider aber war der Baron indessen bedeutend unpaß geworden , er mußte , was in langer Zeit nicht erhört worden , das Bett hüten , die Reise hatte ihm zugesetzt , wie er nun selber eingestand . Also beschloß auch der Förster zurückzubleiben , dem verehrten Freunde zur Gesellschaft . So wanderte denn der kleine Zug und gelangte bald aus dem Tälchen auf die fruchtbare höher gelegene Ebene , die sich abermals um ein weniges senkte , wo ihnen denn der reinliche , etwas steil heraufgebaute Ort entgegensah . Lange zuvor hatte man den Hügel vor sich , der unter dem Namen Geigenspiel bekannt , an seinem Fuße unbedeutend anzusehn , oben mit einer außerordentlichen Aussicht überrascht . » Schön ! schön ! das heiß ich doch die Stunde eingehalten ! « rief der Pfarrer , der sie hatte kommen sehen und bis an die nächsten Äcker entgegengegangen war . » Seht da , mein Dachs will den Gruß vor mir wegschnappen ! Der Narre kennt dich noch von vier Jahren her ; aber sein Herr fürwahr hätte dich bald nicht wiedererkannt - Komm an mein Herz , alter Kamerad ! Ad pectus manum , sagte der Rektor , wenn wir gelogen hatten : manum ad pectus , ich liebe dich und habe nicht gelogen . O ich möchte schreien , daß die Berge aufhüpften , möcht alle Glocken zusammenläuten lassen , durchs ganze Ort möcht ich posaunen und duten , wäre ich just nicht der Seelenhirt , der sich im Respekt erhalten muß , sondern ein anderer . « In diesem Tone fuhr Amandus fort , eins nach dem andern zu salutieren , und noch als man bereits vor dem Pfarrhause stand , war er nicht fertig . Jetzt sprang , so leicht und zierlich wie ein achtzehnjähriges Mädchen unter der Haube , die Pastorin entgegen , aber auch sie konnte über dem Mutwillen ihres Manns nicht zum Worte kommen . Mit Jubel betritt man endlich die Stube , die hell und neu , recht eigentlich ein Bild ihrer Bewohner darstellte . Kaum über die Schwelle getreten , kann man sogleich bemerken , wie der Pfarrer in eiliger Verlegenheit einen grünen Uniformrock , der an der Wand hing , zu entfernen sucht ; er bleibt jedoch , da er seine Absicht verraten sieht , mitten auf dem Wege stehn : » Daß dich ! « rief er , gegen Nolten gewendet - » nun Freundchen , ist mir ' s herzlich leid , da du eine Heimlichkeit doch einmal gewittert hast , so will ich lieber gar mit der sonderbaren Geschichte herausrücken . « ( Er zupfte heimlich seine Frau und fuhr mit verstelltem Ernst und vieler Gutmütigkeit fort . ) » Seit gestern haben wir einen fremden Offizier einen Obrist , im Hause , der eigentlich bloß dich hier erwartet , er ist nur eben ausgeritten , wird aber nicht bis Abend ausbleiben . Er langte gestern spät hier an , und weil wir kein anständiges Wirtshaus im Dorf haben , lud er sich auf das höflichste bei mir zu Gaste , das mir denn um so größere Ehre war , als ich einen Freund von dir in ihm vermutete . Allein ich merkte bald , daß es mit der Freundschaft nicht so recht sein müsse ; er nannte deinen Namen kaum , und verstummte nachdenklich , beinahe finster , wenn ich von dir anfing ; im übrigen zeigte sein Gespräch viel Welterfahrung und alle die Anmut , die man bei gebildeten Militärs zuweilen findet . Meine Frau zwar gab mir gleich bei seinem Empfang nicht undeutlich zu verstehen , er habe ihr so ein visage de contrebande , und in der Tat , ich weiß nicht - das Geheimnisvolle in Beziehung auf dich - er könnte - wenn er dir nur nichts anhaben will - « » Wie heißt er denn ? « » Ja , gehorsamer Diener , das hat er mir nicht gesagt . « » Woher denn ? in welchen Diensten ? « fragte Nolten dringender und nicht ohne einige Bewegung , denn augenblicklich , er wußte nicht warum , fiel ihm ein Bruder Constanzens ein , der noch in der letzten Zeit von des Malers Aufenthalt in jener Residenz , bei der Gräfin zu Besuch gewesen sein sollte . Er selbst hatte ihn nicht gesehn und konnte die Schilderung , welche Amandus von dem Fremden machte , auch sonst mit niemandem vergleichen . Die Heimat des Gastes indessen , wie der Pfarrer sie zufällig angab , widersprach jener besorglichen Vermutung nicht . - »