er mich rührt ; ihn wie eine That , nicht wie eine Schickung betrachtend , suche ich seine Urheber außerhalb , und ohne irgend eine Seele anklagen zu wollen , zürne ich mit dem Leben , daß es solche Lücken lassen kann ! Ich hatte immer noch gehofft ! das sehe ich nun wohl ! Aber daß Sie , lieber Freund ! Sie allein , hierdurch am Tiefsten leiden werden , das ists , was mich diese Zeilen so starr und spröde anfangen , und jetzt so überwältigt schließen läßt . Kalt wollte ich über das Verlorne reden , und thun , als sei es längst eingebüßt ; aber man fühlt es erst , was der leise Hauch zweier warmen Lippen beleben kann ; wenn aber das Eis des Todes solche auf ewig geschlossen hat ? - - Dann , doch lassen Sie mich abbrechen ! Wir ziehen Trauerkleider an , wie die Erde , wenn es Winter wird , und bis die neue Sonne kommt , muß Vieles , Vieles in uns sterben ! - Ich bin zu unruhig , von mehr als einer Seite zu bewegt , um Ihnen jetzt viel sagen zu können . Denken Sie doch an Elise - Gemüther wie das ihrige werden im Unglück höher und stärker , aber auch zuversichtlicher und bewußter . Es taugt nicht , sich selbst soviel zu verdanken zu haben ! Wenn sich die beiden Menschen jetzt auf ihrem Wege begegnen , wenn der Schlag , der sie gemeinschaftlich trifft , sie zwingt , einander zu halten , was wird aus Elise werden , wenn sie dann nicht vereinigt bleiben ? Und denken Sie an die Möglichkeit , daß Hugo zum zweitenmal , jetzt - ? Unmöglich ! Wie ich ihn kenne , unmöglich . Ich schreibe Ihnen nächstens wieder , lieber Freund . Lassen Sie mich durch den Arzt wissen , wie Ihr Gesundheitszustand ist ? und ob ich hoffen darf , Sie in den warmen Tagen schneller hergestellt , hier bei mir zu sehen ? - Werden Sie Hugo sprechen ? Wollen Sie ihm die erschütternde Nachricht zuerst mittheilen ? Wäre es nicht besser , der Arzt übernähme die traurige Pflicht ? oder ich sagte ihm , was er wissen muß ? Ja , schicken Sie ihn mir . Ich bin darauf gefaßt . Ich will ihn erwarten . Sein Sie unbesorgt , ich werde ihn in seinem Schmerz ehren . Der Unglückliche ist mir heilig . Wie könnte ich , ihm gegenüber , daran denken , daß er der Todten nicht werth war . Ich will es lieber auch so nicht denken , denn wer weiß auch , ob es so ist ? Im Urtheil fühlt der Mensch erst seinen unermeßlichen Abstand von dem Allsehenden . Gute Nacht , armer Freund ! Wie wird Ihr schönes Herz trauern ! Elise an Sophie Ist es wahr ? Ist es ? - O sagen Sie Nein . Ich beschwöre Sie , Sophie , sagen Sie Nein . Ich vergehe vor Angst ! Verstehen Sie mich nicht ? - Gottlob ! dann ist es nichts ! dann hat er nur gefaselt ! dann habe ich Vieles , Vieles mit dem entsetzlichsten Schrecken abgebüßt . Ach , Liebe ! fragen Sie mich nicht . Ich kann es Ihnen nicht sagen . Es will nicht über meine Lippen , nicht in meine Feder . Ich weiß nicht mehr , was ich thue ! Erst sollte Ihnen ein fliegender Bote meinen Brief bringen . Ich konnte nicht eilig genug Antwort darauf erhalten . Jetzt zögere ich , und zögere ! Was werden Sie mir denn sagen , Sophie ? Wenn es , hören Sie , Liebe ! bedenken Sie wohl , daß Ihr Ja mich zerschmettern müßte . Es wäre zu schrecklich ! - Mein Gott , ich war ja in mein Geschick ergeben . Ich that auf jede Lebensfreude Verzicht . Ganz still , ganz verborgen , wollte ich ihn nur denken . Die Freistatt des Gedankens , die , glaubte ich , dürfe mir bleiben . Ich trat ja hier Niemanden zu nahe , ich war ja so klein , so gebeugt ! weshalb sucht mich mein unversöhnliches Geschick auf dem engen , dürren Fleckchen Erde auf , warum schickt es solche Botschaft an mich ? Jenen Abend werde ich nie vergessen , er steht wie ein Blick in die Hölle , schwarz , kalt und auch siedend heiß , voll unglaublichen Qualen , Tag und Nacht vor mir . Denken Sie nur , ich befand mich ganz allein auf einem abendlichen Spatziergang . Die Sonne war längst untergegangen . Dünste stiegen auf . Ich sah die Sterne , einen nach dem andern zwischen feinen Wölkchen hervortreten . Es war da oben so weit , so erleuchtet . Die Lüfte schwirrten wie Fittige über mir , ich glaubte das Schreiten der Geister zu hören , ich fühlte den Geist aller Geister mit unnennbarem , mit bebendem Entzücken . Hugo war mir nahe , wie in den untergegangenen Tagen . Es gab keine Trennung mehr ! So , so ! dachte ich , wird es sein . So ist es schon ! Was soll erst werden ? rief ich . Hat je die Seele etwas verloren ? Kann sie sagen , es sei ihr fern , was sie liebt ? Kennt sie eine Zeit ? Undankbares Geschlecht ! so reich bist du ausgestattet , und du klagst , wenn die rollenden Stunden ablaufen , als behieltest du deine Gegenwart nicht ewig lebendig in Dir ? Sophie , liebe Sophie ! die freiere Bewegung meiner Brust ließ mich nicht ruhig auf einer Stelle bleiben . Ich ging hin und her . Ich ging mit Ihnen , mit Hugo , Georg sprang vor mir her . Zweifeln Sie , daß ich im Himmel war ? Da , mit einemmale stürzt in der Dunkelheit ein Mensch auf mich zu , ohne Hut , mit weit aufgerissenem Kleide ; er athmet schwer , und streckt die Hände nach mir aus , als wolle er mich im Weitergehen aufhalten . Ich erschrack , daß mir ' s durch alle Glieder fuhr , und bog schnell von der Seite in ein Gebüsch hinein . Doch , ehe ich es erreichte , stand Tavanelli neben mir . » Was machen Sie hier ? « fragte ich entschlossen . Mein Herz schlug heftig . Mir ahndete ein Unglück . Mein erster Gedanke war Georg . » Reden Sie , « drang ich unruhig in ihn . Er stürzte mir zu Füßen , brach in Thränen aus , bekannte , daß er an mir zum Verräther ward , vermengte Schuld und Pflicht , Gefühl und Reue , verlor den Faden seiner Gedanken , und ließ , aus dem Wust wahnsinniger Leidenschaft , die schreckliche Nachricht in mein zitterndes Herz fallen . Ich sah und hörte nichts mehr . Mit Entsetzen floh ich vor ihm . Ich dachte der Todesangst zu entrinnen . War er nur erst hinter mir , dann glaubte ich frei zu athmen . Aber ich kann mich nicht erholen , liebe Sophie ! Ich komme nicht wieder zu mir selbst . Es ist der Schrecken ! nicht wahr , es ist gewiß nur der Schrecken ? Wenn wir krank sind , sind wir auch schwach , voller Einbildungen , das Bewußtsein selbst wird bestochen . Haben Sie Mitleid mit meinem Zustande . Sagen Sie Ihr Nein oder Ja gleich zu Anfang des Briefes . Ja ? wenn es ein Ja wäre ! Hugo ! unglückseliger Hugo ! Antwort Sie wissen jetzt Alles , liebste Elise . Die gütige , sanfte Madame Lindhof hatte es schon früher übernommen , an Sie zu schreiben , ehe noch Ihr Brief zu mir gelangte . Ich danke es ihr . Sie würden mir es schwer gemacht haben , wahr zu sein ! Arme Elise ! so schonungslos mußte Sie diese Nachricht treffen ! Man wird zuweilen versucht , zu denken , das Schicksal könnte milder mit dem Menschen verfahren . Aber was weiß man von diesen geheimnißvollen Wegen ! Tavanelli ist wie ein Gewitterstrahl in Ihr Haus gefahren . Alles hat er übereinander geworfen , die ganze Ordnung des Lebens gestört . Daß das so ein Mensch kann , ohne es zu wissen und zu wollen ! Lieber Gott ! er dachte jetzt auch nicht an das , was er that . Er trägt auch keine andere Schuld , als daß er ist , wie er ist . Sie beide hätten einander nicht begegnen müssen ! Sie rissen ihn aus seiner stillen Welt , er hat die Ihrige verwüstet . Seine unwillkommene Erscheinung ward stets von Widerwärtigem für Sie begleitet . Aber , lassen wir ihn ! Möge seine Nähe Sie nie wieder ängstigen . Von Hugo wollte ich mit Ihnen sprechen . Seinetwegen müssen Sie jetzt doppelt leiden . Die Ungewißheit , was in ihm vorgeht , läßt es in Ihnen zu keiner Fassung kommen . Er war gestern Morgen bei mir . Ich hatte ihn zu sprechen gewünscht . Er trat mit seiner wehmüthigen Gelassenheit , wie sonst , zu mir ein . Ich glaubte ihn noch unwissend über Emma ' s schnelles Ende . Er war es nicht . Ich las das nach den ersten Minuten in seinem Auge . Er richtete es mit einem Blick nach mir , der zu sagen schien : » Kein Wort ! kein Wort jetzt ! Der Todten weiches Flüstern allein will ich hören . Gönnen Sie mir das stille Gespräch . « Ich sah von ihm weg zu Boden . Wir setzten uns . Er versank in tiefe Gedanken . Eine ganze Weile ging so schweigend hin . Wahrscheinlich vergaß er völlig , wo er sich befand . Mechanisch war er gekommen , hatte seinen Platz neben mir gefunden , und ließ nun die Seele weiter in ihrem Traume schimmern . Ich ergriff endlich seine Hand . Er erschrack . » Nun ? « fragte er , näher zu mir rückend . Es mochte ihm einfallen , daß Sie mir vielleicht einen Auftrag für ihn gegeben hätten , denn er setzte , ins Sopha zurücksinkend , betrübt hinzu : » Ich kann mir denken , was sie leidet ! Hat sie Ihnen geschrieben ? « fragte er hierauf . Ich bejahte es . » Emma hat ihr auch geschrieben , « sagte er leise , mit bebender , von Thränen erstickter Stimme . Sein Schmerz brach gewaltsam , ihn ganz mit sich fortreißend , hervor . Ich begriff , wie er diese Erschütterung fürchten , wie er sich durch Abwehren jedes fremden Berührens bis dahin zurückhalten mußte . Er that mir unaussprechlich leid , denn der Kampf zitterte durch sein ganzes Wesen . Ich sagte ihm nichts . Er konnte jetzt nur mit sich selber zurecht kommen . Er faßte sich denn auch . » Ich werde es mir niemals verzeihen , « hub er nach einer Pause an , » daß ich sie von ihrer stillen Bahn auf meinen Weg herüber riß . Die Ordnung der Natur verschmerzt niemals eine Verletzung . « Ich verstand ihn nur halb , unwissend , ob er über Sie oder Emma rede . Er meinte eben die Letztere , denn er erwähnte die Mutter , indem er behauptete , diese allein habe recht gehabt . Ihre Abneigung gegen ihn sei aus dem Vorwurf entsprungen , den sie sich , der Tochter nachgegeben zu haben , gemacht . » Ich errieth dieses bald , « seufzte er tief . Und das Auge aufwärts gerichtet , als sehe er die , von der er sprach , sagte er : » Das war ein Gestirn , das seinen Lichtkreis unvermischt , in ruhiger Klarheit ausgießen mußte . Emma war bestimmt , einzeln da zu stehen . Sie leuchtete am Saume des Tages , wie Abschied und Verkündigung . Der Tag selbst , in seiner ruhelosen Arbeit verschlang sie . « » Die Stunden , « entgegnete ich , von dem Bilde getroffen , » wogen zwischen Abend und Morgen auf und ab , und der liebe Stern ist an jedem Wendepunkt derselbe . « Hugo sah mich an , ohne etwas zu erwiedern . » Ja , ja ! « rief er , mich auf seine Weise mißverstehend . » Sie hat Erwachen und Aufhören in mir ziemlich nahe gerückt . Ich tauge zu nichts mehr . Ein Schlag der Art lähmt die beste Kraft . Wozu , « lächelte er schmerzlich , » lebt man auch ? Es ergänzt sich die Welt , wie man es träumt ! Die Besten verkennen einander ! Sie hat mich auch verkannt ! « Er stand hier von seinem Platze auf , und ging mit leisen , weit ausgreifenden Schritten das Zimmer auf und ab , ohne das gesenkte Auge aufzuschlagen . » Emma hätte Sie mißverstanden ? « fragte ich jetzt , das Gespräch wieder anknüpfend . Er blieb vor mir stehen . » Ja , ja ! « erwiederte er mit liebevollem Lächeln . » Gott weiß , « fuhr er fort , » wie dies auf meinen Tisch kam ? « Er zog einen Brief aus dem Busen und gab ihn mir . Es war Emma ' s Hand . » Soll ich ? « fragte ich , das Schreiben aus dem Couvert ziehend . Er nickte bejahend . Ich las , während er seinen Gang durchs Zimmer fortsetzte , folgende erschütternde Worte , die ich abzuschreiben späterhin von ihm die Erlaubniß erhielt : » Unbewußt , wie ich Dich fand , geliebter Mann , werde ich Dir entrissen . Ich verließ Dich nicht , das glaube mir . Ich verlasse Dich auch jetzt nicht . Aber die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns . Gott läßt ihn niederfallen . Du bleibst diesseits , ich bin bestimmt , jenseits lange zu warten , bis der Tag des Erwachens kommt . Dann werden wir uns ja doch wiederfinden ! Lieber Hugo ! das Scheiden wird mir sehr schwer ! Ich nehme wohl Dein Bild - Dein ganzes Selbst mit hinüber in meine Welt , aber es ist doch viel , viel anders , als wenn ich Dich noch sehen und hören könnte . Wenigstens scheint es den sterblichen Sinnen so ! Die Lebendigen vergessen so oft , wie viel diese warme , bewegliche Gemeinschaft des Daseins ist ! Ich schaudre doch ein wenig vor der langen , langen Trennung ! - Die Hand wird vertrocknen , die in der Deinen lag , das Auge verlöschen , das nur im Glanze Deines lieben Blickes sich spiegeln mochte ! Hugo ! - O Gott ! Es ist eine sonderbare Empfindung , sich das so sagen zu müssen ! Wir sind recht schwach ! Sei Du es nicht ! Betrübe Dich nicht so sehr ! Ich weiß , daß Du in der ersten Zeit nicht anders kannst . Es ist ja natürlich ! denn war ich Dir auch wohl oft hinderlich , so ist Dein Herz zu groß , um meine Liebe zu verwerfen . Der Gedanke , Dich leidend zu wissen , durch das leidend , was Dir von mir kommt ! - Lieber , guter Mann ! es thut mir noch weher , als der Abschied von Dir . Du wirst es dann aber auch einsehen , wie es doch im Grunde das Beste für uns Beide ist . Es ist der einzige Weg , ewige Trennung zwischen uns zu verhüten . Deine Seele wäre hart , die meine schwankend geworden . Gott weiß , wohin das führen konnte ! In wenig Augenblicken bin ich - Ach Hugo ! Hugo ! - Ich starb Dir schon so lange . Darum weine nicht ! Hörst Du , lieber Mann ! weine nicht um mich ! Wenn Du nun frei wirst , mein Freund ! so erschrick weiter nicht . Was Dich im Augenblick mit Schauder erfüllt , es war der stille Gedanke Deiner Seele . Ihr seid für einander geschaffen . Wolle nicht weiser sein , wie der Schöpfer selbst . Er hatte es so bestimmt , ich drängte mich zwischen Euch . Guter Hugo , Du hast recht viel gelitten ! Wie werde ich mich freuen , wenn ich Dich endlich glücklich weiß ! Ich hätte Dir wohl noch etwas zu sagen . Aber es klingt Dir fremd . Es ist Deine Sprache nicht . Von mir hättest Du sie auch wohl niemals gelernt . Das aber darf ich Dir vertrauen , und weil es wahr ist , so wird es auch Dein Herz finden . Ohne meinen Glauben könnte ich Dich nicht ruhig verlassen , könnte ich Elise nicht lieben . - Und doch liebe ich Dich , schöner Engel ! der Du bestimmt warst , das Gewebe süßer , quälender Täuschungen zu zerreißen . Du wußtest , was Du widerstrebend thatest . Sei überzeugt , meine Elise ! ich fühle , was Dich beherrschte . Ich am wenigsten kann Dich tadeln . O sei und mache glücklich , mir raubst Du nichts mehr ! Höheres wie menschliches Gesetz öffnet Euch die Wege zur ruhigen Vereinigung . - Bleibt Euch treu ! die Welt wird verzeihen , was Gott beschützt . Seinem Schutz empfiehlt Euch mein Gebet . - Hugo ! lieber Hugo ! Der Vorhang fällt - vergieb Deiner Emma . « Ich habe keins von den an Sie gerichteten Worten ausgelassen , liebe Elise ! Hugo wollte es so . Ich las sie damals unter heißen Thränen . Ihr Freund weinte nicht . Er war sehr ernst . Es schien , sein Gemüth sammle sich zu einem bestimmten Entschluß . Ich mochte ihn nicht stören . Doch er hub selbst mit bleichen , erschütternden Zügen an : » Es ist unbegreiflich , auf welchem Wege diese Zeilen in mein Zimmer , auf meinen Tisch gelangten . Kein Mensch im Schlosse weiß eine Silbe davon . « Sie kennen seinen Hang , an Uebernatürliches zu glauben , und sagten mir einmal , daß ihn die Möglichkeit geheimnißvoller Gemeinschaft mit der Geisterwelt unwiderstehlich durchschauere , daß eine unverkennbare Sehnsucht darnach , ihn bei dem zweifelnden Verstande allerlei Scheingründe von der Phantasie erbetteln lasse . Ich las jetzt auf seinem Gesicht irgend eine unheimliche Vermuthung , der ich dadurch zu begegnen glaubte , daß ich Tavanelli nannte , und bemerkte , wie wohl durch ihn die Botschaft an Alle zugleich ergangen sei . Der Graf schüttelte den Kopf . » Unmöglich ! « sagte er . » Ich begegnete dem Unglücklichen im Walde . Die wahnsinnige Weise seines Betragens läßt auf keine Consequenz und Besonnenheit irgend einer Art schließen . Und weshalb hätte er mir nicht damals den Brief gegeben , wenn er in dessen Besitz war ? « Ich erwiederte Alles das hierauf , was so nahe liegt , und in ruhiger Stimmung von Niemanden übersehen werden kann , ich führte gerade den gestörten Verstand des Caplan als Beweis listiger Geheimhaltung und kindischem Ausplaudern seiner Aufträge , an , indem ich mich auf andere Widersprüche seines letztern Benehmens berief . Allein Hugo lag daran , das Wunderbare nicht erklärt wissen zu wollen . Er blieb immer bei der Frage : wie Tavanelli unbemerkt in sein Zimmer gekommen , wie er hätte wissen können , ihn nicht dort zu finden ? Ich ließ es dahingestellt sein . Wir sprachen nicht weiter davon , aber ich dachte wohl an die Oberhofmeisterin , der es nirgends , und daher auch hier im Schlosse nicht an verborgenem Anhang fehlt . Plötzlich , schonungslos , fern von menschlicher Theilnahme , hat sie das Herz des verhaßtesten aller Menschen treffen , es zermalmen wollen , ehe noch irgend Jemand um sein Unglück wußte . Es ist Alles gelungen , wenn man das Gelingen nennen kann , was eines Andern Pein vermehrt . Ich besah , mit diesen Gedanken beschäftigt , den Umschlag des Briefs , und fand , unterhalb der Addresse , Stunde und Tag bemerkt , an welchem die Gräfin gestorben war , so daß diese Nachricht ihrem Gatten zuerst in die Augen fallen , und den Eindruck der Abschiedsworte noch erschütternder machen mußte . In den undeutlichen Schriftzügen war die Hand des Schreibers übrigens nicht zu erkennen . Hugo bemerkte die Aufmerksamkeit , mit welcher ich das Aeußere des Briefs betrachtete . Er fragte : » Was fällt Ihnen hier auf ? « » Nichts , « lächelte ich , als daß ein geistiger Bote so materieller Bescheinigung nicht bedürfe . Und wie viel sanfter und friedlicher würde das Wehen der scheidenden Seele die Ihrige berührt haben , wenn ein Durchfliegen der Räume möglich wäre ! « Er sah mich ungewiß an . » Sie haben wohl recht , « hub er tiefsinnig an , » allein es lag etwas Tröstliches darin , daß ich an Emma ' s Nähe , in dem Zimmer , das sie so liebte , glauben konnte . Ich war deshalb an die Burg gefesselt , die sonst auf mich drückt . « » Warum , « fragte ich , » wollen Sie die geliebte Nähe da bezweifeln , wo Sie sie warm und lebendig empfinden ? Die Erinnerung hat beselende Kraft , und es giebt geweihte Plätze , an denen sie mächtiger ist , als an andern . Wenn ich das Gespenstische bestreite , so lasse ich darum dem Geistigen sein volles Recht . « » Gewiß ! Gewiß ! « erwiederte er zerstreut . Sein Blick hatte Ihr Miniaturbild , Elise ! in der Fenstervertiefung entdeckt . Es ängstigte ihn augenscheinlich , daß er öfter darauf hinsehen mußte . Er griff nach seinem Hut . » Leben Sie wohl ! « sagte er voll Innigkeit . Ich reichte ihm die Hand . Er schüttelte sie bewegt aber eilig , und ging mit den Worten : » Ich komme wieder ! Bald ! Morgen vielleicht ! « Er war fort . Ich behielt einen undeutlichen Eindruck von ihm . Glauben Sie mir , er ist sich selbst nicht klar . Die Tannenhäuserin war vor einer Stunde hier . Sie erzählte , gestern Abend sei Walter zu ihr gekommen , und habe gesagt : Als er ohnlängst am neuen Bau bei Wehrheim vorüber ging , die halbaufgeführten Mauern , die Steine am Wasser , die großen Quader zur Treppe und was sonst noch an Material herbeigeschafft war , bedauernd ansah , und bei sich dachte , daß nun diese Mühe auch umsonst gewesen , die großen Anstalten zu nichts führten , und alle gemachten Pläne der Besitzer , wie die kurze Ehe und das häusliche Glück , in Stücken umherlägen , da sei Jemand durch das alte Thor , was noch stehen geblieben , hindurch , auf die Baustelle geritten . Dort stieg der Reiter vom Pferde , und dieses am Zügel haltend , stand er eine Weile vor dem angefangenen Gebäude , als durchlaufe er mit den Augen die Umrisse , wie den ganzen Entwurf desselben . Walter erkannte , trotz der Dämmerung und dem bewölkten Himmel , den Grafen . Er wollte ihn nicht stören , trat deshalb zurück hinter die Stützen des Gerüstes . Jener glaubte sich allein , er machte eine heftige Bewegung mit dem Arm , indem er sich abwandte , als wolle er das Nichtige und Vergebliche menschlicher Vorsätze ausdrücken . Der Trauerhandschuh , den er abgezogen hatte und nicht fest zwischen den Fingern hielt , flog hierbei seitwärts auf die Spitze einer Stange oben am Gerüst , der Graf sah in die Höhe . Die schwarze Hand , welche gleichsam in der Luft zu schweben schien , und wie ein Wahrzeichen herabdrohte , mochte ihn erschrecken ; er warf sich eilig auf ' s Pferd und sprengte davon . Walter gestand , daß auch ihm die schwarzen , herüberhängenden Finger , vom Winde bewegt , ein Grauen eingejagt , und er sich rasch auf und davon gemacht hätte . Beide , die Tannenhäuserin und er , redeten noch mancherlei über die Umwandlungen in der gräflichen Familie , als es an ' s Fenster pochte und eine bekannte Stimme fragte , ob der Graf hier sei ? Die Wirthin öffnete das Haus . Birkner , Hugo ' s Kammerdiener war es . Einige Schritte weiter hielt dessen Jagdwagen . Er war bepackt und die Laternen angesteckt . » Ihr Herr ist nicht hier , « sagte die Tannenhäuserin , » allein , mein lieber Birkner , Sie scheinen reisefertig , wollen Sie den Grafen nur abholen , um ihn von hieraus auf längerer Fahrt zu begleiten ? « » Das weiß der Himmel , « versetzte jener , » ob heute endlich etwas daraus wird . Wir packen seit ein Paar Tagen Abends und Morgens , und kommen nicht von der Stelle . « Es pfiff hier hell durch den Wald . » Aha ! « rief der ungeduldig Wartende , » da ist er ! nun wollen wir sehen , wohin wir unsere Schritte lenken werden ? « Hugo kam langsam von der Seite herbei geritten . » Kehre nur um ! « sagte er halblaut . » Ein andermal ! Ich reite voraus . « Er grüßte nach dem Hause zu , in welchem er Jemand stehen sah . » Da haben wir ' s ! « flüsterte Birkner , mit den Achseln zuckend . » Das ist ein Elend ! kein Wille und kein Entschluß ! Wozu denn nur die unnützen Befehle und die Plackerei ? Zur Ausführung kommt es doch nicht ! « Hugo wandte hier sein Pferd , und kam gerade auf das Haus zu . » Sind Sie noch auf den Beinen ? « sagte er , bei seiner alten Freundin anhaltend . » Guten Abend ! guten Abend ! « fügte er leutselig hinzu . » Ich konnte doch nicht ohne Gruß vorüberreiten . « Es entspann sich nun bald ein Gespräch zwischen Beiden , das freilich von seiner Seite einsilbig , wie immer , blieb ; doch veranlaßten ihn die Fragen der dreistgemachten Frau , ob er denn wirklich verreisen wolle ? und wohin ? was am Ende aus den schönen Gütern und dem angefangenen Hausbau werden solle ? ob er es mit ansehen könne , daß Alles unvollendet liegen , und Mühe und Arbeit umsonst bliebe ? Zu der schmerzlichen Wiederholung der Worte , daß Alles unvollendet liegen bliebe ! » Ja , ja , meine gute Frau ! « setzte er schwermüthig hinzu , » das geht im Leben nicht anders ! Es zerstört unsere Arbeit , wie uns selbst . Gute Nacht ! « sagte er dann weich , und im Wegreiten bemerkte er : » Ich bin noch nicht weg ! Wer weiß ! Gute Nacht ! gute Nacht ! « Und damit ritt er fort . Liebe Elise , das ist Alles , was ich Ihnen über Hugo mitzutheilen weiß . Ich habe ihn vor Ihnen sprechen und handeln lassen . Sie selbst werden ihn beurtheilen . Sagen Sie mir doch nur recht bald , wie Sie in sich Ruhe und Muth wiederfanden ? Ihr letzter Brief hat mich sehr erschreckt . Elise an Hugo Wenn es möglich wäre , daß ein Brief von mir Sie störte , wenn ich denken müßte , die Erinnerung an mich sei Ihnen jetzt peinlich , ich würde weder Sie noch mich verstehen ! Man will mir etwas Aehnliches glauben machen . Aber ich glaube es nicht . Ihr Schweigen , das jene Muthmaßung rechtfertigen könnte , beweist mir nichts , als daß Sie meiner nicht so gewiß sind , als ich Ihrer . Das ist freilich schlimm . Mein Gott ! sollten wir uns in dem Augenblick mißverstehen , wo ein entsetzliches Unglück uns aus der Welt hinaus stößt , und zu gemeinschaftlichem Schmerz verbindet ? Klügeln wir nicht , Hugo ! die Zeit der Täuschung ist vorbei , es hilft nichts , unschuldiger sein zu wollen , als das Bewußtsein es erlaubt ; wir , wir tödteten Emma . Können Sie noch in ein anderes Auge sehen , als das meinige , das allein Ihr Elend und Ihre Reue zurückspiegelt ? Nein , wir sind unzertrennlich ! Was Sie auch thun , was Sie den Freunden , den Nächstgebliebenen auch sagen mögen , es kennt Niemand wie ich den Faden , von dessen ersten Verknüpfung , Schlinge in Schlinge sich schürzte , bis das ganze , unzerreißbare Netz über uns alle ausgespannt lag . Wer wird es Ihnen , wer wird es mir glauben , daß wir unwissend fehlten ? Keiner ! Keiner ! ich bin es gewiß . Mit wem wollen Sie denn sprechen , wenn Sie auch den Ton meiner Stimme scheuen ? In wessen Herz suchen Sie Antwort auf tausend ängstliche Fragen , die Entsetzen und Schmerz in Ihnen heraufrufen ? Seit wann fürchten Sie die Liebe ? Wissen Sie sonst noch etwas auf der Welt , das Sie ihr an Größe und Herrlichkeit zur Seite stellen könnten ? Haben wir es denn nicht eben jetzt erst erfahren , daß man aus Liebe sterben , doch die nicht mißverstehen kann , die man liebt ? O Hugo ! wie sollen wir vereinzelt auf dem schwebenden Erdball stehen , der uns auf- und abwärts schnellt ? Und stehen , in sich bestehen will doch der Mensch . Sie wollen es auch . Sie sind nur mit der innern Heimath zerfallen . Können Sie den Weg zu ihr nicht wiederfinden ? Daß jener erste Riß uns auseinander hielt , das war natürlich . Sie hatten Manches gut zu machen . Sie konnten es vielleicht , so lange Emma athmete , lag der Friede dieser schönen Seele auf Ihrem Gewissen . Sie durften annehmen , daß ich Sie hierin verstand . Ich hatte Ihnen auch damals nichts zu sagen , denn von dem Augenblick an , da ich mich selber erkannte , suchte ich Sie nicht mehr auf dem betrüglichen Schauplatz , wo wir uns beide verirrten . Wo ich