Mann zu verehren , grübelte Dagobert nicht lange nach dem dunkeln Sinn , sondern ging , um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten . Auf der Straße kam ihm Gerhard entgegen , in vollständigem Fechterzeug , von vielem Volke umgeben , um sein Wappenschild dem Turnierkönige zu überbringen . Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde , allein dieser merkte bald , daß sogar die Freude über die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen heimlichen Ärger verbarg , der sich nicht von dem Gesichte des Hülshofners verdrängen ließ . Dagobert fragte nach der Ursache , und Gerhard , der vom Pferde stieg , und seine Schildträger allein ziehen ließ , zögerte nicht , sie ihm zu entdecken . » Stellt Euch vor ; « sprach er : » der Schuft , mein langer Vollbrecht hat mir den Dienst aufgesagt . Denkt Euch , der Bursche , der mich seit zehn Jahren begleitet , wie der Schatten den Körper , hat mir Valet gesagt . Er behauptet , - der unverschämte Knecht ... er werde mit jedem Tage magrer in meinem Brode . Abscheuliche Verläumdung ! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen , ärgre mich aber dergestalt , daß mich eine Katze in den Sand strecken würde , falls ich jetzo mit ihr turnieren sollte . « » Nimm mein Bedauern , alter Kämpe ; « erwiederte Dagobert : » ich denke aber , wenn ' s zum Treffen kommt , läßt Dein Knecht so wenig von Dir , als Du von ihm zu lassen gedenkst . Es müssen nur erst einige Tage über dem Zwist vergangen seyn . Laß mir den Burschen heute . Ich habe einen Ritt zu thun , der mich bis Übermorgen aussen halten dürfte . Vollbrecht soll wohl genährt werden , während dieser Frist , und ich verspreche Dir im Voraus , daß er wieder bei Dir eintritt , wenn Du die Zusage leisten willst , ihn nicht mehr gar so schmählich hungern zu lassen , als bisher . « - » Von Herzen gern ! « versicherte der Edelknecht : » allein , - wie sagtet Ihr ? Ihr habt einen Ritt vor ? heut an diesem Ehren- und Freudentage sämmtlicher Ritterschaft ? Wie ist das zu verstehen ? « - » Das heißt so viel als : Dich kümmert ' s nicht ; « entgegnete Dagobert . » Wo finde ich den Langen ? « - » Im Maulbeerbaume sitzt er ; « maulte Gerhard : » Ihr seyd aber ein Geheimnißkrämer , mit dem nicht auszukommen ist . Schon gut indessen . Ich hole mir Ruhm und Preiße , während Ihr - ich schwör es - auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe reitet , und am Ende mit zerbläutem Rücken heimkehrt . « Sie trennten sich , und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause . Wer indessen Füße hatte zu laufen , und Ellenbogen , sich in dem Gedränge Platz zu machen , stürmte dem Turnierplatze zu . Die Mittagsstunde kam und ging . Die Sonne schien heiß auf die Scheitel der gaffenden Menge , aber unbeweglich wie eine Mauer hielt das Volk den Platz besetzt . Die Fenster und Erker und Söller der umliegenden Häuser füllten sich mit Neugierigen , die Giebelzacken und Dachrücken trugen unzählige von kecken , schwindelfreien Gesellen , die , gleichsam in freier Luft schwebend , sich etwas darauf einbildeten , höher zu sitzen als der Kaiser selbst . Nach und nach wurde allenthalben der Raum enger , denn die zum Kampf gemeldeten und schildfähigen Ritter und Edle kamen langsam zu Rosse angerückt , umgeben von reisigen Wappnern mit Fähnleinträgern und Trompetenbläsern . In doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie sich um die noch verschlossenen Schranken der Stechbahn . Zugweise kamen nun auch die anmuthig und köstlich geschmückten Frauen herbei , und bildeten den schönsten Kranz auf den überfüllten Emporbühnen . Die vornehmen Würdenträger der Kirche , die , adelicher Geburt und selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend , den Abscheu nicht theilten , mit welchem die Geistlichkeit niedren Ranges die Kampfspiele betrachtete , nahmen die für sie bestimmten Bänke ein , und musterten lächelnd , in fremder wie einheimischer Zunge scherzend , das schöne , überzählig anwesende Geschlecht . Noch war die Bahn leer , noch lagen die Fallbäume und Gitter im Schloß ; da eilten geschäftig die Kampfrichter herbei , begaben sich durch das engste Pförtlein in den Rennkreis , bestiegen ihre Stühle , und winkten den Turniervögten zur Ordnung , den Spielleuten zur Pflicht . Von den Söllern der Letztern ertönte ein vollstimmiger andauernder Jubel , und festlich prangende Klänge . Denn der Kaiser langte so eben , von dem leuchtenden Geschwader prächtig gerüsteter Fürsten und Herren umringt , auf dem Platze an . Sein lenksamer Schimmel , bunt verziert mit Straußen- etc. Federn und Goldbändern tanzte stolz daher , indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von Österreich-Tyrol seinen schweren gewichtigen Schritt hielt . Der Herr der Pfalz und Baierns Fürst ritten dicht hinter Friedrich , welcher , den Wirthspflichten getreu , schnell an der Treppe , die zu des Kaisers Stuhl führte , absprang , mit der linken Hand eine Geberde machte , als berühre er den Steigbügel , und mit der Rechten dem absteigenden Sigmund die äussersten Fingerspitzen zur Hülfe darreichte , die aber auch von dem König nicht angenommen wurden . Hierauf begnügte sich Friedrich mit der Hand nach der Treppe zu weisen , und dem dahingehenden Sigmund noch einmal seinen Arm als Stütze anzubieten , der aber ebenfalls versagt wurde . Ein lautes Lebehoch und Trompetengeschmetter empfieng die Fürsten , da sie in dem goldnen Zelte angelangt waren , und Sigmund ließ sich huldvoll nickend , am Rande der Brüstung auf den Brokatsessel nieder . Die Fürsten im Kreise um ihn her , Friedrich zu seiner Linken . Alle noch freien Plätze waren in einem Nu von den Rittern und Edelknechten , Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen eingenommen , und auf ein mit einem weißen Tuche vom Herzog Friedrich gegebnes Zeichen , sprangen Schlagbäume und Pforten auf , und unter dem Getöne aller Instrumente ritten die bezeichneten Kämpfer in geschlossenen Gliedern ein , auf den Platz , und zogen innerhalb den Schranken rund um denselben , die Paniere schwingend , die Lanzen neigend , und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend . Hierauf wurden sie in Rotten abgetheilt , nach eigner Willkür und der Anordnung der Kampfältesten . Die Reihenfolge der Renn- und Fußkämpfe wurde bestimmt ; des Königs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern ausgerufen , und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen , die mit einem Gesammtstechen das Turnier eröffnen sollten . Die Spielleute trommeteten und paukten ; die Grieswärtel schlugen an die Lanzen , die Stricke fielen , und losbrach der Kampf , nach dem sich Ritter und Knecht , Edle und Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten . Während nun die Vesperglocke vergebens ihre hellen Klänge in die Luft sandte , um die Zuschauer von dem Turniere weg zur Kirche zu locken , das Rittergefecht ein glänzendes Ende nahm , und nun zum Rennen eingeritten wurde , pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs . » Öesterreich über Alles ! « gab er dem fragenden Wächter zur Antwort , und erhielt Einlaß . Der mürrische Thorwart deutete , da er seiner ansichtig wurde , auf das vorspringende Vordach der Stallung , und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf ihn harrenden Begleiter . Der Herzog hatte dieselben ganz genau geschildert , und mit leichter Mühe erkannte der Jüngling in dem Einen den Juden Ben David , seiner Esther Vater , der , auf einem Maulthiere hängend , still vor sich hinsah , und wie es schien , ein Gebet murmelte . War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf dem langohrigen Thiere , so war es doppelt sein Nachbar , der , mehrere Schritte von ihm entfernt , des grauen Rosses Zügel um den Arm geschlungen hielt , und ängstlich bald auf das Pferd , bald auf den vermuthlich nicht angenehmen Nachbar schielte , bald endlich die Augen gen Himmel drehte , und ebenfalls das Äußere eines Beters annahm . Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande , wie es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben pflegt . Ein halb geübtes Auge mußte zugleich wahrnehmen , daß er nicht einheimisch in diesem Kleide war . Die Last der Reitstiefel zog die Knie hernieder ; der Koller von Büffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer Steifheit ; die Handschuhe waren zu weit , wie der Gürtel , an dem , zurückgeschoben wie ein unnütz und ungewohnt Geräth , ein kurzes Schwert hing . Dasjenige aber , was das größte Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete , war des Mannes Gesicht , das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah , wie der Kopf eines Mauren . Die großen Augen , deren Weißes grell gegen die Olivenfarbe abstach , wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke . Jetzt lauerten sie furchtsam nach der Seite , dann wurden sie ernst und düster nachsinnend ; darauf nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an , die mit dem Übrigen nicht zusammen zu reimen war . Die Augenbraunen waren dick und schwarz , keine Spur von Backen- oder Kinnbart war vorhanden ; die Haare versteckte eine schwarze Mütze , die beinahe über die Ohren herabgezogen war , und auf dieser Mütze saß eine graue Filzkappe , an welcher ein dürftiges Federbüschlein schwankte . Dagobert konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht völlig erwehren , da er seine auserlesene Reisegesellschaft in Augenschein nahm , und erwiederte obenhin den unterwürfigen Gruß Ben Davids . - » Nun , mein Freund , « wendete er sich zu dem Fremden : » sind wir bereit , abzureiten ? Ich dächte , es wäre Zeit . « - » Es ist doch wahrlich Zeit ; « fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein : » laßt uns eilen , gestrenger junger Herr , dieweil die Straßen noch sind leer . « - Der Fremde warf einen verdrießlichen Blick auf den Plaudrer , nickte dem jungen Geleitsmann zu , und machte Miene zu Roß zu steigen . » Ei , ei , lieber Herr , wie geberdet Ihr Euch doch ? « fragte Dagobert halb mitleidig , halb unwillig , da aller Hülfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte : » Der mag ' s bei Gott verantworten , der Euch zum reisigen Manne stempelte . Ein Glück , daß des Herzogs Leute alle ferne sind , und der Thorwart seine Augen auf seinen brummigen Lieblingskater gerichtet hat , Ihr würdet ansonst wohl schwerlich dem Spottgelächter entgehen . « - » Parva sustine patientia , mi fili ! « gab ihm hierauf der Mann zur Antwort , und kletterte vollends , so zu sagen , über die Schultern Dagobert ' s in den Sattel des Grauschimmels , auf welchem er sich mit aufgezognen Beinen und in die Mähnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als reiterlich ausnahm . - Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an , und schwang sich dann wieder auf den eignen Gaul , das Zeichen zum Ausritt gebend . Der Thorwart öffnete die Sperrflügel , und das Dreiblatt klepperte , ohne ein Wort zu verlieren , durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt - in welchen das Sonnenlicht so selten war , als ein Menschengesicht - dem Schafhauser Thore zu . Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen Sorge und Angst gehabt , so wurde sie noch größer , da er wahrnahm , wie der Fremde so gut als gar nichts vom Reiten verstand , beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls hoch im Sattel aufflog , wieder niederhutschte , zusammengekrümmt wie ein tauchender Nir , und den Zügel schier fahren lassend , sein einzig Hort in dem krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte . Der Maulthierreiter , so vertrackt er auch sich ausnahm , war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten , den Dagobert endlich vor sich hertraben ließ , um bei einem vorkommenden Unfall bei der Hand zu seyn . - » Sage mir doch , Ben David , « flüsterte er dem Juden zu : » da ihr Juden doch alles besser wißt , als unsereins , wolltest Du mir nicht vertrauen , wer unser Begleiter ist ? « - » Ein schlechter Knecht , der nicht kennt seinen Hauptmann ; « erwiederte Ben David lächelnd : » ich spreche nicht hier von mir , sondern von Euch , gestrenger Junker . Ihr seyd getreten oder wollet treten in den Stamm der Cohenim , und kennt nicht dessen Obersten ? Ihr wollet weiden die Schafe , und kennt nicht den Hirten , der Euch weidet ? « - » Ich will ein Schaf seyn , wenn ich Dich verstehe ; « versetzte Dagobert wie oben : » Jude , Du bist verrückt . « - » Mit nichten ; « antwortete Ben David ; » aber werden könnte man ' s , so man bedenkt , daß das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist , davon zu reiten seinen Feinden , vermummt als ein Knecht , und im Geleite eines schlechten Juden . « - » Herrgott ! « seufzte Dagobert erschrocken : » sagst Du die Wahrheit ? « - » So ich die Wahrheit gesehen habe , habe ich sie gesagt ; « entgegnete Ben David : » vertraut hat man mir sie nicht , aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen , wenn ich plaudre , was ich gesehen . « - » Das rathet Dir auch der Himmel ! « drohte ihm Dagobert , und ergriff schnell herbeieilend den Zügel des Graurosses , das so eben von dem erreichten Thore ab , in eine Seitenstraße lenken wollte . » Hier hinaus , Landsmann ! « rief er , und wollte zwischen den müßig an dem Stadtthore umherlungernden Soldknechten hindurch , als eine Stimme unfern von ihnen ein lautes : » Haltet auf ! haltet auf ! « vernehmen ließ , und die Wächter auf diesen Ruf den Gäulen ihre Partisanen vorhielten . Dagobert hatte genug zu thun , den erblassenden und im Sattel schwankenden Flüchtling , auf eine gute , nicht allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten , und mußte darum schon die Verfolger ungehindert herankommen lassen . Am unbefangensten , weil er seiner Gesichtszüge am meisten Herr zu seyn wußte , drehte sich Ben David nach den beiden Männern um , die Haltauf gerufen hatten , und in welchen nicht der Stadtschreiber von Frankfurt , noch viel weniger der Rathsweibel von Costnitz , in die Farben der Stadt gekleidet , zu verkennen waren . Es geschieht indessen wohl öfter , daß der launische Geist , der sogern die Handlungen der Sterblichen stört , an dem Schuldbewußten Unheilahnenden vorübergeht , und nach dem Sorglosen Unvorbereiteten greift , um ihn in das zermalmende Räderwerk seines schwarzen Spucks zu ziehen . Also erging es auch in vorliegenden Umständen dem Vater der holden Esther . » Was wollen die gestrengen Herren ? « fragte er mit jener einschmeichelnden Freundlichkeit , die seine Nation so willfährig annimmt , um den Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen ; aber unfreundlich lautete die Antwort aus des Stadtschreibers Munde : » Dich selbst , Jude ! « - Ben David verstummte erbleichend . » Wie so ? warum ? « rief Dagobert dazwischen . - » Das kümmert Euch nicht , junger Herr ! « erwiederte der Stadtschreiber : » Der Jude gehört dem wohlweisen Rathe zu Frankfurt , und ihn zu verhaften , brachte ich die Weisung mit . Heute erst fand ich des Burschen Schliche , und grämte mich baß , ihn ausgeflogen zu wissen , als ich zum Glück seiner jetzt noch zu guter Zeit ansichtig wurde . Euch bringt es aber wenig Ehre , Junker , mit solchen Gelichter in die Welt zu reiten . « - » Hab ' ich denn verstanden recht ? « fragte Ben David kleinlaut : » Verhaften wollt ihr mich ? « - » Ich scherze nie ; « versicherte Meister Heinrich : » Steig ab , und folge diesem Manne in den Thurm . « - » Hab ' ich doch nichts verbrochen ! « seufzte der Jude : » Laßt mich ledig , übt Barmherzigkeit ! « - » Steig ab , « wiederholte der Stadtschreiber strenger , » oder ich lasse Dich von der Mähre werfen , und geknebelt von dannen bringen . « - » O mein Herr Gott in Israel ! « ächzte Ben David , in höchster Bestürzung vom Maulthier gleitend : » Werde ich geführt zu meiner Tochter ? « - » Nein ! « äußerte der Stadtschreiber mit Härte : » Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen ; denn morgen mit dem Frühsten geht ' s mit Dir nach Frankfurt ; und dann gute Nacht ! « - Ben David entsetzte sich , daß seine Kniee wankten . Der Reiter des Grauschimmels , der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Thorwächter geworden war , zupfte Dagobert dringend am Ärmel . Dieser kehrte sich aber nicht daran , sondern fragte herrisch , da ihm Esthers Vater nicht so gleichgültig war , als der Jude : » Noch einmal ! was hat der Mann verbrochen ? « - » Reitet Ihr Eurer Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann ! « antwortete der Stadtschreiber nicht minder herrisch : » Was kümmert den Pfaffen der Ebräer ? Fort mit dem Juden ! « » Werd ' ich auch nicht dürfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn , der sich meiner annimmt , wie ein Freund ? « sprach Ben David unterthänig zu dem rauhen Gerichtsherrn . - » Meinthalben , wenn sich der Junker nicht schämt , von Dir Freund geschmäht zu werden ; « meinte der Stadtschreiber : » Mach ' s indessen kurz . « Da näherte sich Ben David rasch dem jungen Manne , ergriff seine Hand , schüttelte sie bewegt , und rief : » Der Herr Israels , der da ist der hochgelobte Gott der Welt , segne Euern Ausgang , und streue Palmen auf Euern Heimweg ! « - » Bei dem Haupte Eures Vaters beschwöre ich Euch , « setzte er leise hinzu : » das Pergament , so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse , meinem Kinde zu übergeben - entweder das Geschrift , oder das darin benamste Geld , das ich erheben sollte zu Schafhausen . Der Fürst der Barmherzigkeit wird Euch dafür segnen in der Stunde des Scheidens . Sagt meiner Esther , sie möge ..... « - » Verdammter Mauschel ! « donnerte der Stadtschreiber , und riß den Juden von Dagobert hinweg : » Was hast Du Heimliches von ? Macht Junker , daß Ihr Eurer Wege zieht , sonst muß ich mich auch Eurer Person versichern ! « - » Festina , carissime fili ! « raunte dem jungen Manne sein Schutzbefohlner zu , und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen den ängstlich in seinen Augen lesenden Ben David , mit einem verächtlichen Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergen - zugleich aber mit einem kräftigen : » In Gottesnamen ! ließ Dagobert seinen Gaul über die Spieße der Söldner wegsetzen , riß seinen Begleiter nach sich , und befand sich sammt ihm bald an der Linde des Kreuzwegs , wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne dehnte . « - » Holla ! auf ! du fauler Gesell ! « rief er dem Knechte zu : » Zu Gaule ! und Ihr , mein würdiger , unbekannter Herr , fügte er gegen den Verkappten bei , - Ihr erlaubt es wohl , daß wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen , und mit Euch ausziehen , was das Zeug halten mag , denn nun kommt mir ' s selbst vor , als ob es gerathen wäre , Euch möglichst schnell von dannen zu schaffen « - Der Befragte , für welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Höllenqual gewesen war , gab wehmüthig seufzend , und der Nothwendigkeit gehorchend , seine Zustimmung zu des jungen Mannes Vorschlag , und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken , als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten Reißaus nahmen , als gelte es , vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen . Ohne Gefahr verlief ferner die Reise . Über Heerstraße , Strom und einsamen Pfad geleitete die Fliehenden das Glück . Aber erst , als sie bei dunkler Nacht Schafhausen erreicht hatten , und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl gemäß , wohl aufgenommen worden waren , senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem erhabnen Flüchtling das Knie zur Erde , um den Worten : » heiliger Vater ! Ihr seyd in Sicherheit . Wie der Herzog sein Fürstenwort gegen Euch gelöst , also hab ' ich meine Zusage gegen ihn erfüllt . Ich danke Gott dafür , und bitte um Euern Segen zur Rückkehr . « - Der Papst , obgleich zum Tode ermüdet von der ungewohnten Anstrengung , legte nicht ohne ein Gefühl der Rührung seine Hände auf den Kopf des erwählten Rüstzeuges . - » Unsern Dank , und des Himmels Segen nimm hin für Deine wohl gelungne That ! « sprach er feierlich : » Zugleich aber empfange von unsrer Huld ein Geschenk , das auch in der Zeitlichkeit Werth haben mag . Als uns der Herzog von Deinem Beistande in Kenntniß setzte , unterrichtete er uns ebenfalls , daß ein Gelübde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte , welchem jedoch Euer Sinn , der nach Thaten und Weltruhm strebt , nicht hold sey . In Betracht , daß dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen , die freiwillig seinem Dienste sich weihen , - daß Euerm Ohm , der sich von unsrer Seite losgesagt , vollends nicht zustehe , dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener zuzuführen , - so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit , uns gefällig zu seyn , - haben wir dem Herzog versprochen , Deines Gelübdes Bande zu lösen , und lösen sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von Gott uns Unwürdigsten anvertrauten Macht . Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden , zu Deiner Beruhigung und zum Gedächtniß unsrer dankbaren Huld . « Die rauhe Stimme des erschöpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in Dagobert ' s Ohr , und sprachlos küßte er des Befreiers Hände und Kleid . Der Papst winkte ihm jedoch aufzustehen , und warf sich in den Lehnsessel , um mit so viel Würde , als es die freilich sehr unvortheilhaften Umgebungen erlaubten , die Schar der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen , die , so eben von der Ankunft des höchsten und unvermuthetsten alle Gäste unterrichtet , noch in später Nacht dem Haupte der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die schuldige Huldigung darzubringen kamen . Sechzehntes Kapitel . Frischen Muth , Junges Blut ! Ziehe nach der Heimath Land An der schönsten Frauen Hand ! Lied . Die Flucht Johann ' s XXIII . , die noch am selben Tage , wo sie Statt hatte , ruchtbar wurde , hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Fürsten , Pfaffheit und Volk gemacht , und das prächtige Turnier , das Herzog Friedrich zum Deckmantel seines Vorhabens gebraucht hatte , auf eine ärgerliche Weise gestört und zu Ende gebracht . Eben so wenig , als die Sache selbst , konnte des Herzogs Mitwirkung lange ein Geheimniß bleiben . Friedrich mühte sich auch keineswegs , seine That zu läugnen , und berief sich kühn auf das sichre Geleit , das er , nebst andern Herren , dem Papst zugesagt , auf die Gefahr , in welcher Johann geschwebt hatte , durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und Freiheit zu verlieren ; auf die Pflicht , die ihm , dem Herzog , daraus erwachsen , solche Willkür nicht zu dulden ; und endlich auf die dem Fürsten wie dem schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel , die den Schutz der Unterdrückten dem adelichen Manne auf das Gewissen binden . Sothane Ritterlichkeit , freudig und zuversichtlich , ohne Furcht und Reue offen an den Tag gelegt , sollte , nach des Herzogs Berechnung , die wirksamsten Folgen für des Papstes Lache haben , - ein schneidendes Gegenstück zu Sigmund ' s gegen Huß bewießnen Wortbrüchigkeit liefern , - alle weltlichen Stände auf die Seite des Herzogs bringen , und der großen Anzahl derjenigen Geistlichen , die nur aus Scheu und Furchtsamkeit Partei wider Johannes genommen hatten , neuen Muth , Selbstständigkeit und einen festen Anhalt geben . - Von diesem Allen geschah indessen nicht das Geringste . Friedrichs Biederkeit und Treue scheiterte an dem Bunde seiner Gegner , wie ein die offne See befahrendes Schiff an dem verborgnen Felsenriff zerschellt . Der Herzog hatte Recht gehabt , als er sagte : Sigmund war nie mächtiger , als in dem Augenblicke , wo er , ein demüthiger Knecht , des Papstes Füße küßte , und ihm knieend im Namen der Christenheit für seine Nachgiebigkeit dankte . Diese Nachgiebigkeit eben , - ein Schlangenmittel falscher Staatskunst , von Friedrich mißbilligt , hatte Alles verdorben . Wer den Treubruch eines Andern ahnden will , muß nicht selbst zum Doppelzüngler werden . Dem zufolge kettete sich Kaiser und Concilium fest aneinander . Otto Colonna , ein Fürst der Kirche , ehrgeizig und durchgreifend , wie nur je ein Bewerber um die höchste Macht , trat an die Spitze der zürnenden Väter . Offen ging er nun seinem , früher verhehlten , Zwecke entgegen , und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefügte Kränkung , um den Bruch zwischen dem Letztern und seinem Reichsstand dem Herzog unheilbar zu machen . Während das Concilium auf der einen Seite die Blitze schmiedete , welche den protestirenden Papst unrettbar von dem römischen Stuhle schleudern sollten , griff auf der Andern Sigmund nach der schrecklichen Waffe , die den , oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote stand , - nach des Reiches Acht . - Wie langsam und zögernd auch diese Strafe vorbereitet wurde , so fand sich doch kein Talisman sie aufzuhalten . Friedrich , verlassen von seinen Freunden , feindselig geschmäht von denen , auf deren Beistand er gebaut , mußte knirschend dem verhaßten Luxemburger das Feld räumen , ehe noch das Ungewitter zum völligen Ausbruch kam . Seinem kleinen Heere von Rittern , Waffenknechten und Dienern hatte er es zu verdanken , daß man den Vorbereitungen zu seinem Abzuge nichts in den Weg legte . Bittrer Unmuth und die Scham , seinem Todfeinde zu unterliegen , peinigte ihn , und sprach auch aus ihm , als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert , von Schafhausen rückkehrend , vor ihm trat . - » Was wollt Ihr hier ? « fragte er den jungen Mann bekümmert : » Entweicht unter dem Fittich der Nacht , - denn - nicht lange wird ' s dauern , und geächtet bin ich , wie Alle , so mir anhängen . Jesus Christus ! wer hätte das gedacht ? Wahrlich , wahrlich ; die Deutschen sinds werth , vor eines Schalksnarren Zobelpelz zu katzenpuckeln . Pfui ! pfui ! Ehre , Treue und Redlichkeit sind nur leerer Tand , und der Falschheit gehört die Welt . Flieht , mein guter Geselle . Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen , als mit der Warnung : verlaßt diese Stadt ; man spricht schon hie und da von Eurer Theilnahme an meinem Verrath , wie sie ' s nennen . Geht aber auch nicht mit mir ; ich habe das Spiel verloren , und das Unglück vererbt sich leicht auf junges Blut . Wird ' s wieder Tag , sollt Ihr von mir hören ! « - Dagobert betroffen über das Unerwartete , das er hier erfuhr , versicherte dem Herzog seine Treue , seine Ergebenheit , und den Entschluß , dennoch nicht von seiner Seite zu weichen . Der Herzog schüttelte mit entschiedner Verneinung das Haupt . - » Ich verbiete Euch , mir anzuhängen ! « rief er fast unmuthig : » Der Teufel ist in die Zeit gefahren , und was sonst in deutschen Landen unerhört war , ist an der Tagesordnung . Gehts nach Sigmunds Sinn , - und warum sollte es nicht nach ihm gehen ? so bleibt mir in Kurzem kein Pfulb um meinen Kopf darauf zu legen . Wie könnte ich Euren Bedürfnissen steuern . Geht , geht , wohin des Sohns Pflicht Euch ruft ; gen Frankfurt , und denkt mein an dem Tage , wenn der Pfaffe Euch des Gelübdes entbindet . « - » Mein Wohlthäter ! « seufzte Dagobert , Friedrichs Hand küssend : » Euch zu lassen , fällt mir schwer . « - » Doch ist ' s vonnöthen ; « entgegnete der Herzog , sich rasch losmachend , um der eignen Rührung vorzubeugen : » geht heim , küßt den Vater und das Mütterlein , und freut Euch des Lebens . Jesus Christus ! wär ' ich noch einmal jung und frei wie Ihr ! Mit meinen tyroler Gemsenschützen wollte ich ein Schießen anstellen , daß dem Mehrer des Reichs die letzten Haare wackeln sollten . Aber heut zu Tage gilt ' s der eignen Haut sich wehren . Geht heim , sage ich , und lernt ritterlich Gewerbe . Wer drein schlagen kann , und das Herz auf dem rechten Flecke hat , verdirbt nicht in unserm rauflustigen Vaterlande . Und - weil mir ' s gerade einfällt - ich will Euch zu guter Letzt noch Gelegenheit geben , ritterliche Pflicht zu üben . Der arme Schächer , der Jude , dessen Gold mit zu dem bewußten Turniere helfen mußte , und dessen von