nähere Erklärung aus , so erfuhr man , daß es nach Griechenland gegen die Türken gehe . Da kreuzigten sich die Leute , wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten , wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einschlug , Der muß wenig taugen , daß er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß . « » Ist ' s möglich ? « rief der Marquis , » so teilnahmelos sprachen die Deutschen von diesen Männern ? « » Gewiß ; es ging mancher hin mit einem schönen Gefühl , einer unterdrückten Sache beizustehen ; mancher um sich Kriegsruhm zu erkämpfen , der nun einmal auf den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist ; aber alle barbierte man über einen Löffel , wie mein Vater zu sagen pflegte , und schalt sie Landläufer . « » Mylord « , sagte der Franzose ; » es sind doch dumme Leute , diese Deutschen ! « » O ja « , entgegnete jener mit großer Ruhe , indem er sein Rumglas gegen das Licht hielt . » Zuweilen ; aber dennoch sind die Franzosen unerträglicher , weil sie allen Witz allein haben wollen . « Der Marquis lachte und schwieg . Der Baron aber fuhrt fort : » Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut , und noch oft muß ich mich wundern , wie richtig sein Kalkül war . Die Deutschen , dachte er , kommen nicht dazu , etwas für einen weit aussehenden Plan , für ein fernes Land und dergleichen zu tun ; entweder sagen sie : Es war ja vorher auch so , lasset der Sache ihren Lauf , wer wird da etwas Neues machen wollen . Oder sie sagen : Gut , wir wollen erst einmal sehen , wie die Sache geht , vielleicht läßt sich hernach etwas tun . Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor , können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen Augen sehen , so lassen sie es sich etwas kosten . Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar , daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe , eine Seltenheit , welche die Weiber beim Kaffee , die Männer beim Bier traktieren konnten . Was für Aussichten blieben mir übrig ? mein Oncle war tot , ich hatte nichts gelernt , so schlug ich ein , Grieche zu werden . Jetzt fing ein Unterricht an , bei welchem wir bald so vertraut miteinander wurden , daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte . Er lehrte mich alle Gegenstände auf neugriechisch nennen , bleute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein , und nachdem ich hinlänglich instruiert war , schwärzte er mir Haar und Augbraunen mit einer Salbe , färbte mein Gesicht gelblich , und - ich war ein Grieche . Mein Kostüm , besonders das für vornehme Präsentationen war sehr glänzend , manches sogar von Seide . So zogen wir im Land umher , und gewannen viel Geld . « » Aber mein Gott « , unterbrach ihn der Franzose , » sagen Sie doch , in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben , die sogar Griechisch schreiben . Diese müssen doch auch sprechen können ; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen können ? « » Nichts leichter als dies , und gerade bei diesen hatte ich meinen größten Spaß ; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut , daß sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides hätten korrespondieren können , aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen ; sie mußten zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen , wenn sie sprechen wollten ; da hatte ich nun , um aus aller Verlegenheit zu kommen , eine herrliche Floskel bereit : - - - - Mein Herr ! das ist nicht griechisch . Mein Führer unterließ nicht , sogleich , was ich gesagt , dem Publikum ins Deutsche zu übersetzen , und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung , daß sie es nie wieder wagten , Griechisch zu sprechen . So zogen wir längere Zeit umher , bis endlich in Karlsbad die ganze Komödie auf einmal aufhörte . Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche . Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf , der mir große Ähnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien . Er besuchte uns einigemal und endlich , denken Sie sich mein Erstaunen , höre ich , wie man ihn Herrn von Garnmacher tituliert . Ich stürzte zu ihm hin , fragte ihn mit zärtlichen Worten , ob er mein verehrter Herr Oncle sei , und entdeckte ihm auf der Stelle wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen , sondern als köngl . sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei . Es war eine rührende Erkennungsszene . Das Staunen des Publikums , als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach , die Verlegenheit meines Oheims , der mit vornehmer Gesellschaft zugegen war , und nicht gerne an meinen Vater den marchand tailleur erinnert sein wollte , die Wut meines Führers , alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor . Der Führer wurde verhaftet , mein Oncle nahm sich meiner an , ließ mir Kleider machen und führte mich nach Berlin . Und dort begann für mich eine neue Katastrophe . « 2. Der Baron wird ein Rezensent » Mein Oncle war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller , aber ein berüchtigter , anonymer Kritiker . Er arbeitete an zehn Journalen , und ich wurde anfänglich dazu verwendet , seine Hahnenfüße ins reine zu schreiben . Schon hier lernte ich nach und nach in meines Oncles Geist denken , faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete mich so zum Rezensenten . Bald kam ich weiter ; der herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei , über welche ich übrigens hinweggehen kann , da sie einen Fremden nicht interessieren . « » Nein , nein ! « rief der Lord ; » ich habe schon öfters von dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört . Zwar haben auch wir , z.B. Edinburg und London einige Anstalten dieser Art , aber sie werden , höre ich , in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen . « » Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande , eine sonderbare , aber eigentümliche Erscheinung . Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas Engbrüstiges , Eingezwängtes zu verspüren ist , wie nicht das , was leicht und gesellig , sondern was mit einem recht schwerfälligen gelehrten Anstrich geschrieben ist , für einzig gut und schön gilt , so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur . Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu , das sich nicht an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte ; man glaubt darin zu viel zu wagen . Daher gibt es viele öffentliche Stimmen , die um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen , in welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt . « » Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten , mein Herr Baron ? « unterbrach ihn der Lord ; » ich finde das recht hübsch . Man braucht selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen , und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen . « » Sie hätten recht , wenn der Geist dieser Institute anders wäre . So aber ergreift der , welcher sich nach diesen Blättern richtet , unbewußt irgend eine Partie , und kann , ohne daß er sich dessen versieht , in der Gesellschaft für einen Goethianer , Müllnerianer ; Vossiden oder Creuzerianer , Schellingianer oder Hegelianer , kurz für einen Y-aner gelten . Denn das eine Blatt gehört dieser Partie an , und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere , ein anderes gehört diesem oder jenem goßen Buchhändler . Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel gehörig gelobt , dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden , oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werk gehen , es mit keinem ganz verderben , auf beiden Achseln ( Dichter- ) Wasser tragen und indem man einem freundlich ein Kompliment macht , hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen . « » Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht , auf diese Art die Kritik und Literatur zu handhaben ? « fragte der Marquis ; » ich muß gestehen , in Frankreich würde man ein solches Wesen verachten . « » Ihre politischen Blätter , mein Herr , machen es nicht besser . Übrigens sind es nicht gerade die Gelehrten , die dieses Handwerk treiben . Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen , gründlichen Operationen verwandt , und mit vier Groschen bezahlt . Leichter , behender sind die Halbgelehrten , die eigentlichen Voltigeurs der Literatur . Sie plänkeln mit dem Feind , ohne ihn gerade gründlich und mit Nachdruck anzugreifen ; sie richten Schaden in seiner Linie an , sie umschwärmen ihn , sie suchen ihn aus seiner Position zu locken . Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen , denn sie rezensieren anonym , und nur einer unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem Blute , als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten . « » Das muß ja ein eigentlicher Matador sein ! « rief der Lord lächelnd . » Ein Matador in jedem Sinne des Worts . Auf spanisch - ein Totschläger , denn er hat schon manchen niedergedonnert ; und wahrhaftig , er ist der höchste Triumph dieser Matador , und zählt für zehen , wenn er Pacat ultimo macht . Und bei den literarischen Stiergefechten ist er Matador ! denn er , der Hauptkämpfer ist es , der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesstoß gibt . « » Gestehen Sie , Sie übertreiben ; - Sie haben gewiß einmal den unglücklichen Gedanken gehabt , etwas zu schreiben , das recht tüchtig vorgenommen wurde , und jetzt zürnen Sie der Kritik ? « Der junge Deutsche errötete . » Es ist wahr , ich habe etwas geschrieben , doch war es nur eine Novelle , und leider nicht so bedeutend , daß es wäre rezensiert worden ; aber nein ; ich selbst habe einige Zeit unter meines Oncles Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht , und kenne diese Affären genau . Nun , mein Oncle brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei . Die erste war die sanftlobende Rezension . Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk , lobte es als brav und gelungen , und ermahnte auf der betretenen Bahn fortzuschreiten . In diese Klasse fielen junge Schriftsteller , die dem Interesse des Blattes entfernter standen , die man aber für sich gewinnen wollte . Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge schriftstellerische Damen . « » Wie ? « erwiderte der Lord , » haben Sie derer so viele , daß man eine eigene Klasse für sie macht ? « » Man zählte , als ich noch auf der Oberwelt war , sechsundvierzig jüngere und ältere ; Sie sehen , daß man für sie schon eine eigene Klasse machen kann , und zwar eine gelinde , weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben , als ein junger Schriftsteller . Die zweite Klasse ist die lobposaunende . Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers , der das Blatt bezahlt , oder die Parteimänner gelobt . Man preist ihre Namen , man ist gerührt , man ist glücklich , daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann . Die dritte Klasse ist dann die neutrale . Hier werden die Feinde , mit denen man nicht in Streit geraten mag , etwas kühl und diplomatisch behandelt . Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift und über ihre Tendenz , als über sie selbst , und gibt sich Mühe , in recht vielen Worten nichts zu sagen , ungefähr wie in den Salons , wenn man über politische Verhältnisse spricht , und sich doch mit keinem Wort verraten will . Die vierte Klasse ist die lobhudelnde . Man sucht entweder einen , indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt , zu loben , oder umgekehrt , man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei ; die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerlich machen . Die fünfte Klasse ist die grobe , ernste ; man nimmt eine vornehme Miene an , setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des Gegners . Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden , was zu gefährlich ist , als daß man öffentlich davon sprechen möchte . Diese Klasse macht stillen , aber tiefen Eindruck aufs Publikum . Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik , was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt . Die sechste Klasse ist die Totschläger-Klasse . Sie ist eine Art von Schlachtbank , denn hier werden die Opfer des Zornes , der Rache , niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit , sie ist eine Säge- und Stampfmühle , denn der Müller schüttet die Unglücklichen , die ihm überantwortet werden , hinein , und zerfetzt , zersägt , zermalmt sie . « » Aber , wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem ? « fragte Lasulot . » Nun , das Publikum selbst ! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte , so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege ; es freut die Leute , wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht , und - wenn die Rippen krachen , wenn einer sinkt , klatscht man dem Sieger Beifall zu . Ländlich , sittlich ! Ein Stier , ein Stier , ruft ' s dort und hier ! In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit , in Deutschland metaphorisch , und wenn ein paar tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen , und sich zu Helden an ihm beißen , wenn der Matador von der Galerie hinab in den Zirkus springt , und zieht den Degen und fällt verwegen zur Seite den wütenden Ochsen an - da freut sich das liebe Publikum , und von Bravo ! schallt die Gegend wider ! « » Das ist köstlich ! « rief der Engländer , doch war man ungewiß , ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte , den er zu sich nahm ; » und ein solcher Klassen-Kritikus wurden Sie , Master Garnmacher ? « » Mein Oncle war , wie ich Ihnen sagte , für mehrere Journale verpachtet ; wunderbar war es übrigens , welches heterogene Interesse er dabei befolgen mußte . Er hatte es so weit gebracht , daß er an einem Vormittag ein Buch las , und sechs Rezensionen darüber schrieb , und oft traf es sich , daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte . Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus Zimtholz an ; dann warf er kritischen Weihrauch dazu , daß es große Wolken gab , die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten . Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer düsteren Glut , blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an , warf in der fünften einen so großen Holzstoß zu , als die Sancta simplicitas in Konstanz dem Huß , und fing dann zum sechsten an , den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten bis er ganz schwarz war . « » Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene Meinungen über einen Gegenstand haben ? Das ist ja schändlich ! « » Wie man will . Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes ; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat , und ihm morgen der Herr von ... einige Sous mehr bietet , so hält er einen Panegyrikus gegen die linke Seite , als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt . « » Aber dann geht er förmlich über « , bemerkte der Marquis ; » aber Ihr Oncle , der Schuft , hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen , die Hälfte mehr als der Höllenhund . « » Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und Handarbeiten weit gebracht « , erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann . » So auch in der Kritik . Als mich nun mein Oncle so weit gebracht hatte , daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden durchlesen , sondern auch den Inhalt einer unaufgeschnittenen Schrift auf ein Haar erraten konnte , wenn ich wußte , von welcher Partei sie war ; so gebrauchte er mich zur Kritik . Ich will dir , sagte er , die erste , zweite , fünfte und sechste Klasse geben . Die Jugend , wie sie nun einmal heutzutag ist , kann nichts mit Maß tun . Sie lobt entweder über alle Grenzen , oder sie schimpft und tadelt unverschämt . Solche Leute , besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben , sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen . Man legt sie an die Kette bis man sie braucht , und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg , denn sie sind auf den Mann dressiert , trotz der besten Dogge . Zu den Mittelklassen , zu dem Neutralitätssystem , zu dem verdeckten Tadel , zu dem ruhigen , aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut . So sprach mein Oncle und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert der Rache . Alle Tage mußte ich von frühe acht bis ein Uhr rezensieren . Der Oncle schickte mir ein neues Buch , ich mußte es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen . Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zurückgeschickt . Nun schrieb er selbst 3 und 4 , und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren , so ließ er mir sagen : Mein lieber Neffe ; nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt ; es kann nicht schaden , nimm ihn ins Teufels Namen tüchtig durch ; und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung bis zum Himmel erhoben , denselben verdammte ich jetzt bis in die Hölle . Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen , der Oncle tat , wie er zu sagen pflegte , Salz hinzu , um das Gebräu pikanter zu machen ; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale . « » God damn ! habe ich in meinem Leben dergleichen gehört ? « rief der Lord mit wahrem Grauen ; » aber wenn Sie alle Tage nur ein Buch renzensierten , das macht ja im Jahr 365 ! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe ? « » Ha ! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht , wenn Sie dies fragen . So viele gibt es in einer Messe , und wir haben jährlich zwei . Alle Jahre kann man achtzig Romane , zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und Trauerspiele , hundert schöne und miserable Erzählungen , Novellen , Historien , Phantasien etc. , dreißig Almanachs , fünfzig Bände lyrischer Gedichte , einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern , vierhundert Übersetzungen , achtzig Kriegsbücher rechnen , und die Schul- , Lehr- , Katheder- , Professions- , Konfessionsbücher , die Anweisungen zum frommen Leben , zu Bereitung guten Champagners aus Obst , zu Verlängerung der Gesundheit , die Betrachtungen über die Ewigkeit , und wie man auch ohne Arzt sterben könne , usw. sind nicht zu zählen ; kurz man kann in meinem Vaterland annehmen , daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt ; ist einer einmal im Meßkatalog gestanden , so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf . Sie können also leicht berechnen , meine Herren , wieviel bei uns gedruckt wird . Welcher Reichtum der Literatur , welches weite Feld für die Kritik ! « Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht , mit einer Andacht gesprochen , die sogar mir höchst komisch vorkam ; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus , und je verwunderter der junge Herr sie ansah , desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden . » Monsieur de Garnmackre ! nehmen Sie es nicht übel , daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ « , sagte der Marquis , » aber Ihre Nation , Ihre Literatur , Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch vor , daß ich mich nicht enthalten konnte , zu lachen . Ihr seid sublime Leute ! das muß man euch lassen . « » Und der Herr hier hat recht « , bemerkte Mylord mit feinem Lächeln . » Alles schreibt in diesem göttlichen Lande , und was das schönste ist , nicht jeder über sein Fach , sondern lieber über ein anderes . So fuhr ich einmal auf meiner grand tour in einem deutschen Ländchen . Der Weg war schlecht , die Pferde womöglich noch schlechter . Ich ließ endlich durch meinen Reisebegleiter , der deutsch reden konnte , den Postillon fragen , was denn sein Herr , der Postmeister , denke , daß er uns so miserable Pferde vorspanne ? Der Postillon antwortete : Was das Post- und das Stallwesen anbelangt , so denkt mein Herr nichts . Wir waren verwundert über diese Antwort , und mein Begleiter , dem das Gespräch Spaß machte , fragte , was sein Herr denn anderes zu denken habe ? Er schreibt ! war die kurze Antwort des Kerls . Wie ? Briefverzeichnisse , Postkarten ? Ei , behüte , sagt er , Bücher , gelehrte Bücher . Über das Postwesen ? fragten wir weiter . Nein , meinte er ; Verse macht mein Herr , Verse , oft so breit als meine fünf Finger und so lang als mein Arm ! und klatsch ! klatsch ! hieb er auf die mageren Brüder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg , daß es uns in der Seele wehe tat . God damn ! sagte mein Begleiter , wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern , so wird er holperigte Verse zutage fördern ! Und auf Ehre , meine Herren , ich habe mich auf der nächsten Station erkundigt , dieser Postmeister ist ein Dichter , und wie Sie , Mr. Garnmacher , ein großer Kritiker . « » Ich weiß , wen Sie meinen « , erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger Miene , » und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein , weil ich eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden . Übrigens muß ich Ihnen sagen , Mylord , in Ihrem kalten , systematischen , nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land , möchte etwas dergleichen auffallen , aber bei uns zulande ist das was anderes . Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen , wann und wie er will , und es gibt kein Gesetz , daß einem verböte , etwas Miserables drucken zu lassen , wenn er nur einen Verleger findet . Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie , die schöne romantische Zeit des Mittelalters , nein , wir sind , und ich rechne mich ohne Scheu dazu , samt und sonders edle Rauhritter , die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliese schleppen , wir üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise , und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden . Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese , auf welcher jedes Vieh umherspazieren , und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben . « » Herr von Garnmacker « , unterbrach ihn der Marquis de Lasulot ; » ich würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden , wenn sie nur nicht so langweilig wäre . Wenn Sie so fortmachen , so erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort . Ich schlage daher vor , wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal , und gehen jetzt auf die Höllenpromenade , um die schöne Welt zu sehen ! « » Sie haben recht « , sagte der Lord , indem er aufstand und mir ein Sixpencestück zuwarf , » der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende Weise einzuschläfern . Brechen wir auf ; ich bin neugierig , ob wohl viele Bekannte aus der Stadt hier sind ? « » Wie ? « rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung , » Sie wollen also nicht hören , wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionierte ? Sie wollen nicht hören , wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte , und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin ? Oh , meine Herren , meine Geschichte fängt jetzt erst an , interessant zu werden . « » Sie können recht haben « , erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln , » aber wir finden , daß uns die Abwechslung mehr Freude macht . Begleiten Sie uns ; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland , die Sie uns zeigen können . « » Nein , wirklich ! ich bin gespannt auf Ihre Geschichte « , sagte der Marquis lachend , » aber nur jetzt nicht . Es ist jetzt die Zeit , wo die Welt promeniert , und um keinen Preis , selbst nicht um Ihre interessante Erzählung möchte ich diese Stunde versäumen . Gehen wir . « » Gut « , antwortete der deutsche Stutzer , resigniert und ohne beleidigt zu scheinen . » Ich begleite Sie ; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm , denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre , sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu können . « Lachend gingen die beiden voran , der Baron folgte , und ich veränderte schnell mein Kostüm , um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen , denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun . Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich - es ist möglich , daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in manchem hervorbringe ; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen , der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen , wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden . So kommt es , daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt , denn selbst im Fegfeuer , wenn diesen Leutchen nur ein Tag vergönnt ist , findet sich Gleiches zu Gleichem , und es spricht und lacht , und geht und liebt wie im Prater , wie auf der Chaussee d ' Antin oder im Palais Royal , wie Unter den Linden , oder wie in ......... Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade ! Die Stutzer aller Jahrhunderte , die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten ; Theologen aller Konfessionen , Juristen aller Staaten , Financiers von Paris bis Konstantinopel , von Wien bis London ; und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten , und sie alle mit dem ewigen Refrain : » Zu unserer Zeit , ja ! zu unserer Zeit war es doch anders ! « Aber ach , meine Stutzer kamen zu spät auf die Promenade , kaum daß noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen , und einer Berliner Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte , ihre Bekanntschaft hier zu erneuern ! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit verkümmert , und die große Welt strömte schon zum Theater . 3. Das Theater im Fegefeuer Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer ? Freilich ist es weder Opera buffa noch seria , weder Trauer- noch Lustspiel ; ich habe zwar Schauspieldichter , Sänger , Akteurs und Aktricen , Tänzer und Tänzerinnen genug ; aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten ? Ließe ich von Zacharias Werner eine schauerlich - tragi - komisch - historisch - romantisch - heroische Komödie aufführen - wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen , um von den Russen , die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben , gar nicht zu sprechen . Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen , etwa » Die Kleinstädter in der Hölle « , wie würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen ! Daher habe ich eine andere Einrichtung gestroffen . Mein Theater spielt große pantomimische Stücke ; welche wunderbarerweise nicht die Vergangenheit , sondern die Zukunft zum Gegenstand haben ; aber mit Recht . Die Vergangenheit , ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen . Selten bekömmt eine einen Erlaubnisschein als revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen . Denn was nützt es mir , was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau , zum Lager ihres Mannes zurückzukehren ? was nützt es dem Mann , der sich schon um eine zweite umgetan , wenn durch die Gardine dringt - » Eine kalte weiße Hand , wen erblickt er ? seine Wilhelmine , die im Sterbekleide vor ihm stand ? « Was kann es dem Teufel , was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen , wenn der Finanzminister , der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle abschnitt , allnächtlich ins Departement schleicht , angetan mit