tief , daß ich , besonders gegen diesen armen Mann , mein Gefühl unter einem Scherz zu verbergen suchte . » Wohl gut , lieber Robert « ; rief ich , » aber um des Anstandes willen kann ich mich doch nicht so schnell dazu entschließen . « - » O doch ! entschließet Euch schnell , denn der Mensch weiß nicht , was morgen geschieht ! « sagte er ernst und legte seine Hand bittend auf meinen Arm . » Wie würde es ihm seyn , wenn er Euch müßte die Wiese entlang und durch den Wald hin gehen sehen , eines andern Mannes Sohn auf dem Arm ! « - Dabei zeigte er auf den Weg hin zu Cecile ' s Hütte . Dann fuhr er , sich ganz vergessend , in seiner Landessprache fort : » Da würde ihm alles gleichgültig werden , seine schöne goldne Uhr und die Parks und die Städte von Eredine . - Alles wäre ihm nichts mehr gegen die bloße Luft , die ihm von ihr herüber weht . « - » Doch , Robert « , unterbrach ich sein jammervolles Selbstgespräch , » würdet Ihrs denn leiden mögen , wenn eine sächsische Lady auf dem Schlosse hauste ? « - » Wenn es also beschlossen wäre , wie könnte man da murren ? Und es könnte ja sehr gut seyn . Vergeßt Ihr nur , daß Ihr eine Stiefmutter seyd , wir wollen gewiß nicht daran denken . « Wie ich nach Hause kam , sagte man mir , daß Cecile im Schlosse gewesen , um Arznei für ihren sterbenskranken Gatten zu erbitten . Sobald sie hörte , welche frohe Veranlassung den Schloßbewohnern Arbeit gäbe , hatte sie sich enthalten , Miß Graham zu sprechen , um ihre Freude durch ihr trauriges Anliegen nicht zu trüben , und war unverrichteter Sache wieder fortgegangen . Sobald aber Charlotte von ihrem Besuche hörte , willigte sie in meinen Vorschlag , ihr am Abend , was sie bedürfen könnte , selbst zu überbringen . Cecile empfing uns an der Hausthür und führte uns unter tausend Glückwünschen in ihr Prunkzimmer - denn in Glen Eredine konnte es dafür gelten . Es hatte Fenster und Sessel und einen Tisch , ein Wandbret mit buntgemalten Steinkrügen und Tellern , auf denen fromme und lose Sprüchelchen zu lesen waren ; wir verlangten aber Jemmy in seiner Krankenstube zu sehen , worin uns sein gutes Weib nach den höflichsten Entschuldigungen willfahrte . Dieses bescheidnere Gemach war von dem vorigen durch eine Breterwand getrennt , das Bett stand in einer Art von Verschlag , der übrige Raum hatte das Dach zur Decke , ein Loch in diesem zum Rauchfang und ein Fenster von vier kleinen Scheiben , um es zu erhellen . Der Feuerplatz in der Mitte des Gemachs unter der Oeffnung des Daches war allein gepflastert , der Zimmerboden selbst bestand aus gestampfter Erde . Auf ihm lag Torf , Küchengeräth und Wasserzober umher . Cecile ' s ältester Knabe , ein vierjähriger , mit Tartane und Helmmütze bekleideter Caledonier , wenn es je einen gab , saß neben einem jungen Hammel , mit dem er friedlich einen Haferkuchen theilte , der jüngste , viel sorgloser bekleidet , stritt sich mit dem Hahn um die Reste eines Mehlbreis in einem schwarzen eisernen Topf . Cecile riß sie beide vom Boden auf und befahl ihnen , die feinen Frauen zu grüßen , und schalt sie aus , daß sie sitzen blieben , wenn die » Edeln im Lande sie besuchten . « Diesen Grundsatz lehrte sie durch Beispiel , denn nichts konnte sie bewegen , sich in unsrer Gegenwart zu setzen . Miß Graham fragte den blassen , stillen Kranken freundlich , wie es ihm ginge . - » O Sie sind gut , also zu fragen « , antwortete Cecile statt seiner ; » er kann nicht besser werden , und kaum schlechter , als er schon ist . « - Die Fassung , mit welcher diese Frau in des Kranken Gegenwart über seinen hoffnungslosen Zustand sprach , empörte mich . Ich zitterte vor dem Eindruck , den diese Herzlosigkeit auf den armen Kranken machen müßte . Dieser sagte aber mit heitrer Stimme : » Das Uebel will seine Zeit haben ; aber wir dürfen hoffen , daß es nicht mehr lange dauern kann . « - Dieser fromme Muth nöthigte mich , den tröstenden Zuspruch , zu dem ich mich gerüstet hatte , in Beifall zu verändern . » Ja ich hoffe , ich bin bereit zu scheiden « , antwortete Jemmy ; » zuweilen habe ich mich wohl davor gefürchtet , zu andern Zeiten bin ich aber auch recht gefaßt . « - Jetzt überströmten seiner Gattin Augen . » Wahrlich , Lady « , rief sie , » er braucht sich auch nicht zu fürchten ; denn er war lebelang ein guter Christ , wie nur einer , und ein guter Ehemann war er auch ; und er braucht nicht zu sorgen , daß ihm nicht so eine feierliche Leichenbestattung werden sollte , wie irgend einem , für den man ein Grab grub - und das haben wir größtentheils Ihnen zu danken , Miß Percy , und dafür segne Sie Gott und gebe Ihnen einst ebenfalls einen friedenvollen Tod ! Ja , Jemmy , und wir müssen Gott danken , daß du nicht nackt eingescharrt wirst , unter Fremden und Heiden und allem Abschaum der Erde . « - » Nein , James « , nahm jetzt Miß Graham das Wort , » unter Fremden sollt Ihr nicht liegen . Ihr sollt den Platz haben , der Euerm Pflegbruder bestimmt war , und Euer Grabstein soll sein Denkmal seyn und dessen , was Ihr für ihn gethan . « - Ein Freudenstrahl leuchtete über des Sterbenden Gesicht . Er wollte ihr danken , aber von Schwäche und Wehmuth verstummt , bewegte er nur seine Lippen ; Cecile aber weinte laut und lächelte auch und verneigte sich für diese tröstliche Zusage . Charlotte aber fuhr fort : » Und wenn Ihr meinen Bruder wiederseht , James , so grüßt ihn und sagt , daß es mein einziger Kummer ist , seinem Staube gar keine Ehre zu erweisen , ihn so weit , weit entfernt begraben zu sehen ! « - In diesem Augenblick ließ eine zufällige Veränderung meiner Stellung mich durch das Fenster einen Menschen erblicken , der sich halb hinter eine alte Esche ganz nah an dem Fenster verbarg . Jetzt kam er einen Schritt näher , und ich erkannte , daß es Robert Goraich war ; er lehnte sich an den Baumstamm und blickte aufmerksam auf das Fenster , seine Arme hingen leblos herab , seine ganze Gestalt bewies die gänzliche Abwesenheit seiner Gedanken . Ich war im Begriff , Charlotte auf diese Erscheinung aufmerksam zu machen , als ein lauter Schrei des jüngsten Kindes , das Cecile so eben auf die Arme genommen hatte , unser sonderbares Gespräch unterbrach . Cecile entschuldigte seine Unart und suchte , ihn auf den Armen wiegend , durch den summenden Gesang zu beschwichtigen , mit dem Wärterinnen die Kinder einzuschläfern pflegen . Dazwischen tröstete sie das Kind gaelisch und entschuldigte sich bei uns auf englisch ; zugleich bemerkte ich , daß sie in ihrem Gesang und ihrer Zusprache oft die Worte : » geh , geh zur Ruh « ! aussprach , wobei sie das Kind weit von sich weghielt , als wollte sie es von sich legen . Nach und nach ging ihr Gesumm und ihr Gesang in wirkliche Worte über , die bald so deutlich wurden , daß ich sie , trotz meiner wenigen Kenntniß des Gaelischen , völlig verstand . Dieser Gesang hatte etwas unaussprechlich Ergreifendes , - es war eine Leidensklage , wenn es je eine gab . Da ich sogleich nach meiner Nachhausekunft den Sinn der Worte aufschrieb , setze ich sie hier her . Geh zur Ruh , gehe nun ! Schmerzlich sind mir deine Klagen , Und des Vaters Zorn , Geliebter , weckest du ; Geh zur Ruh ! Meine Liebe schenkt ' ich dir , Doch nun nehm ' ich dich vom Busen - Daß mein Leiden ende , geh in Frieden du ; Geh zur Ruh ! Klage nicht mehr , laß mir Frieden ! Bis nach langer Nacht am Morgen Freudig wir uns wiedersehn , geh du , Geh zur Ruh ! Mir konnte der doppelte Sinn dieses Gesanges , da ich Robert Goraich vor Augen hatte , nicht entgehen , und weder der arme James , noch Miß Graham konnten Verdacht daraus schöpfen ; allein die Kunst in dieser Frau Benehmen erregten einen so lebhaften Unwillen in mir , daß ich , sobald wir die Hütte verlassen hatten , ihn meiner Freundin zu verstehen gab . Anstatt ihn zu theilen , antwortete sie sehr ruhig : » Ich weiß , daß Cecile sehr viel Klugheit und Geistesgegenwart besitzt . « - Ich behauptete , die Geschicklichkeit , durch welche es dieser Frau gelungen sey , vor unsern und ihres sterbenden Ehemanns Augen mit ihrem Liebhaber zu verkehren , verdiene den Namen von Ränkeschmiederei . Charlotte sah mich erschrocken und höchst mißbilligend an . Der Verdacht , daß eine Gattin fähig seyn könnte , unter diesen Umständen aus pflichtwidrigen Bewegungsgründen zu handeln , erfüllte sie mit Abscheu . » Wie ? « rief sie , » Sie könnten muthmaßen ? Sie könnten voraussetzen , daß ein Weib alle Schaam also zu vergessen vermöchte , daß sie ihre Kinder könnte zu Landstreichern machen wollen ? ihren Namen mit der Schmach bedecken wollen , die Erste in Glen Eredine zu seyn , die ihren Stamm je befleckt ? O nein , nein ! lieber würde Cecile sich unterm Benarde begraben ! O nein ! eher stiege Robert , so verrückt er ist , selbst in die Gruft ! Nein , Miß Percy , was Ihnen auch die übrige Welt für Beispiele aufgestellt hat , in Glen Eredine werden Sie solche Abscheulichkeit nicht finden . « - Ich schwieg beschämt - denn selbst wenn sich Charlotte über die Tugenden der Erediner geirrt hätte , so wäre so ein Irrthum schon der Hochachtung werth . Jetzt schlich Robert eine Weile schweigend hinter uns her , endlich sagte er bittend zu Miß Graham : » Wollt Ihr nicht so gut seyn , ihr zu sagen : sie soll mich nur drei Garben für sie dreschen lassen ? Ich verspreche , so wahr ich lebe , ihrer Hüttenthür nicht zu nahen ; ich will in der Scheune bleiben und sie keineswegs plagen . « - » Es wäre ja thöricht , Robert , Euch also für eine Frau zu mühen , die Euch gar nicht ansieht . « - » Ich weiß wohl , daß ich thöricht bin « , antwortete der arme Mensch mit einem wehmüthigen Lächeln . Nach einigem Stillschweigen , indem er ehrerbietig hinter uns herging , wiederholte er seine Bitte , und noch einmal , und noch einmal , weil er die Abwehr immer vergessen zu haben schien . Nur andre Ursachen setzte er zu seiner Dienstleistung hinzu : » damit die Frau kann ihren Kleinen pflegen « , sagte er einmal , » und damit sie nicht in der Nacht zu dreschen braucht - ach , Schlafen thut so gut ! « - » Nun , so schlaft Ihr , guter Robert « ! entgegnete Charlotte . Er blickte mit irrem Lächeln vor sich hin : » Ich schlafe nicht mehr , « rief er leise und geduldig . » O Charlotte « , sagte ich und ergriff bittend meiner Freundin Hand , » ich habe Robert und Ihr Thal beurtheilt , wie die elende Welt , in der ich aufwuchs . Verzeiht ihr beide ! nur ein tugendhaftes Weib kann so eine bescheidne Liebe einflößen . « - » So ist ' s , meine Ellen . Schlaffe Moral und ungeordnete Sinne sind nie der Boden , aus dem eine ernste , dauernde Leidenschaft erwächst . « - Schweigend und ernst ging sie nun neben mir her . Endlich erschien der Tag , der so sehnsuchtsvolle Hoffnungen erfüllen sollte . Alle Stunden waren gezählt worden ; den Abend , wo Heinrich das erste Nachtlager auf schottischem Boden halten sollte , ging sein greiser Vater mit einer Art Feierlichkeit in sein Schlafzimmer - sein Sohn betrat diesen Boden heute auch ; und endlich sprach er , Charlotten und mich beim Schlafengehn umarmend : » morgen um diese Zeit ! « - und sein Blick suchte den Himmel , als das Einzige , was er noch Höheres , wie Heinrich , erkenne . Außerdem aber war seine Freude seit ihrem ersten Ausbruch still ; doch sah man , daß er mit keinem andern Gegenstand beschäftigt war ; auch an alles , was er aus der Vergangenheit erwähnte , hing er eine Bemerkung , die ihn betraf : » damals war Heinrich noch ein Kind « , oder : » Heinrich hatte eben sein erstes Hochwild geschossen « ; und so waren Heinrichs Lebensstufen sein Kalender . Dazwischen drückte er von Zeit zu Zeit Charlottens und meine Hände mit glänzend glückwünschendem Blick . Bis Aberfoyl ihm entgegen zu reiten , war sein herzlicher Wunsch , er hatte nur einigen Zweifel , ob sich das mit seiner väterlichen Würde vertrage ; doch » Heinrich ist ja nie ein verzogner Knabe gewesen « , bemerkte er , und sonach entschloß er sich zu dem Ritt . An dem großen Tage war die ganze Familie schon beim Morgengrauen munter . Wen ich zuerst erblickte , war Eredine , in voller National-Kleidung , mit jugendlichem Schritt im Hof umherschreitend . » Charlotte , heute gilt ' s ein derbes Frühstück « , rief er , an den Tisch sich setzend , der geschäftigen Tochter zu , » wer zehn Stunden reiten will , darf nicht nüchtern bleiben « ; und mit diesen Worten langte er fröhlich zum Glase . Der Laird hatte beschlossen , ohne andre Begleitung mit seinem Hausgesinde allein fortzureiten , allein der alte Sackpfeifer wußte sich auf andre Weise zu entschädigen . Er zog , den » Grahams Aufruf « pfeifend , durch das ganze Thal , aus allen Hütten schlossen sich alle männliche Bewohner ihm an , und mit diesem zahlreichen Zug rückten sie gegen Aberfoyl vor . Die Weiber des ganzen Clans blieben in der Bezeigung ihrer Theilnahme nicht zurück : von früh an kamen die Hausmütter , still und ehrbar brachten sie , was ihr Vorrath an Schinken , Eiern , Geflügel ihnen darbot , » zum freundlichen Gruß « und kehrten ruhig in ihre Wohnung zurück . Der Tag schien uns von endloser Länge . Charlotte war stumm und ruhelos ; sie wollte nähen - es gelang nicht ; sie nahm ein Buch - es war vergebens ; sie ging wieder und immer wieder in ihres Bruders Zimmer um sich zu überzeugen , daß dort nichts fehle - aber eigentlich nur , um von dort aus dem Fenster zu schauen , da der äußerste Punct der Aberfoyl-Straße dort zu sehen war . Endlich fing sie an zu sorgen , ob er auch heute ankommen möge , und zürnte mir fast , wie ich die Möglichkeit des Gegentheils zugeben mußte . Gegen den Abend stellte sie sich an das Fenster und blickte , zuweilen ihre Augen trocknend , bewegungslos in die dunkelnde Ferne . Der Abend sank und verkündete eine frostige Nacht . Charlotte zog mich mit sich vor das Schloßthor ; alles war still ; endlich bellte fern im Thale ein Hund ; » ich höre die Pfeife ! « rief Charlotte und faßte meinen Arm . Ich horchte ; leise schwirrte der Ton , erstarb und tönte wieder , nach und nach ward er bis zur Deutlichkeit stark . Grahams Kriegslied , der Hufschlag der Rosse , der Fußtritt der Menge , die Stimmen der Menschen wurden deutlich . - - Charlotte flog den Weg hinab , kehrte um und rief : » Nein , vor dieser Menge kann ich ihn nicht empfangen ! « und eilte zurück in das Haus . Ich erblickte durch das Dunkel die zwei stattlichen Gestalten der Häuptlinge , die am Thor von ihren Pferden gestiegen waren und sich jetzt zu Fuß dem Schlosse näherten , und begab mich in das Zimmer , besorgt , dieses erste Wiedersehen zu stören ; aber bald eilten die Schritte herbei , ich hörte meinen Namen , die Thür flog auf , und Maitland stand vor mir - - - Wie ich am Schluß eines glücklichen , von dem Vater und Charlotten in stillem Rausch der Freude , die zum Gebet wird , hingebrachten Abends endlich mit meiner Freundin allein war , machte ich ihr Vorwürfe , meinen Irrthum über Heinrich und Maitland vorsätzlich genährt und mich dadurch zu Geständnissen verleitet zu haben , die mich jetzt in ihre Hand gäben . Wohl erkannte ich das Glück an , von diesem verehrten Mann im Schoose seiner Familie , als dem Liebling seiner Geliebtesten , wiedergefunden zu werden , nachdem er mich einst im Wirbel der Thorheit zurückließ . Ich war deshalb weit entfernt , mir mädchenhafte Ziererei zu erlauben ; aber ich suchte meiner Freundin zu beweisen , daß sie mein Vertrauen durch die falsche Rolle , die sie dem vorgeblichen Maissand aufgetragen hatte , gemißbraucht zu haben schien . Anfangs lachte die in ihr Glück verlorne Charlotte , bald legte sie mir aber die Gründe , durch die sie ihr Betragen gerechtfertigt hielt , vor Augen . » Nach dem , was ich von Ihnen wußte « , sagte sie , » konnte ich nicht hoffen , daß sie sich würden von meinem Bruder Ihr Geld zurückzahlen lassen ; sobald ich Sie aber gesehen und liebgewonnen hatte , begriff ich meines Bruders Schicksal und verstand seine Theilnahme an Ihnen . Auch daß Sie Maitlands Schwester nie Ihr Vertrauen würden geschenkt haben , wurde mir klar ; und Sie zu mir zu ziehen und an mich zu fesseln , war doch mein Wunsch - es war mein Wunsch , Sie unter meines Vaters Augen zu bringen , und es ist alles gelungen , wie ich gewollt habe , und nun werde ich für meinen Bruder keinen Schritt weiter thun . « - Es war so viel Edelmuth in den Bewegungsgründen ihrer Handlungsweise , es war eine so kühne Offenheit in diesem Bekenntniß lang fortgesetzter Heimlichkeit , daß mein Unwille verstummte ; mein natürlicher Abscheu vor Hinterlist und Larve hielt mich aber von einer gänzlichen Versöhnung zurück . Ich sprach von der Unvorsichtigkeit einer Intrigue , die einzig durch den Umstand gesichert war , daß Maitlands Name nicht im Schlosse genannt wurde . » O nein ! « rief Charlotte ; » dieser gemeine Krämername ist im Schlosse kaum bekannt . Mein südländer Oheim machte es den Graham zur Bedingung , ihn zu tragen - und wahrlich ! Eredine konnte den Namen seines Schwagers nicht verachten ; aber nie ward Heinrich so genannt , mein Vater überschrieb nie seine Briefe mit ihm - und Gott sey Dank ! er hat ihn nicht in sein Vaterland zurückgebracht , er ist Heinrich Graham , wie seine Mutter ihn geboren . Nicht , Ellen , als wenn ich den Handelsstand verachtete - davor bewahrt mich mein Bruder , der zwanzig Jahr ihn durch seine Betriebsamkeit ehrte - jeder Erwerb verdient Achtung , aber mir däucht , ein Edelmann sollte ihn denen überlassen , die Geld bedürfen , um sich Auszeichnung zu verschaffen . « - Nun mußte ich lächeln über die hochgeborne Schottin , die dem handelführenden Südländer Hohn sprach und eines handelführenden Südländers Tochter aus dem Abgrund der Armuth gerettet hatte , um sie in die Heimath der Grahams zu verpflanzen . Und während meines Lächelns und Nachdenkens hatte sich der Schlaf auf Charlottens Augen gesenkt . Ich stand früh auf , und es war mir lieb , daß Charlotte noch früher an ihre Geschäfte gegangen war . Mein Gemüth war sehr bewegt . Meine alte Schwachheit war aber nicht gänzlich unterjocht , denn , mit den ernstesten Betrachtungen im Kopf , mit überwältigenden Gefühlen im Herzen , blickte ich mehr wie einmal in den Spiegel und war mir bewußt , daß Ellen Percy in der schmucklosen Hauskleidung Maitlands Augen nicht minder gefallen dürfe , wie Ellen in der ersten Jugendblüthe und im Flitterstaate des Luxus und der Mode . Wie ich in das Zimmer trat , war die Familie schon beim Frühstück versammelt . Maitland führte mich an einen Stuhl und setzte sich mit den Worten : » ich muß zwischen meinen beiden Schwestern sitzen , « zwischen mir und Charlotte . Die Güte seines Betragens färbte meine Wangen bei der Erinnerung , wie unverzeihlich ich ihn bei unsrer ehemaligen Trennung behandelt , mit hoher Schaamröthe ; aber er behandelte mich so achtungsvoll , der Kreis dieser Menschen war so einfach und liebend , daß ich in ihrer Freundschaft das Pfand meiner Veredlung las und mich bald so unbefangen in Maitlands Gegenwart bewegte , als hätte er mir nichts zu verzeihen . Der Tag verfloß , ohne daß ein bittres Andenken ihn verdunkelte ; dieser und mancher andre nach ihm . Fortschreitende Arbeiten war ihr Beruf , vereintes Lesen und Gespräche ihre Erholung , vollendete Arbeiten ihre Feste . Eredine brachte trotz seines hohen Alters , wie ein wahrer Nordlandsheld , mit seinem edeln Sohn die Vormittage auf der Jagd hin . Charlotte und ich hatten genug zu thun , um nach unsrer Hausarbeit in allen Familien von Glen Eredine unsern Beruf als Kinderlehrerinnen , Rathgeberinnen und Krankenpflegerinnen zu erfüllen . Welche zahl- und endlose Familiengeschichten mußte ich anhören ! Da war keine Hütte im Thal , deren Ahnherrn und gegenwärtiger Mitglieder Schicksal mir nicht mit den geringsten Umständen anvertraut , und in vielen Fällen noch ein prophetischer Blick in ihre Zukunft vergönnt wurde . Unsre Abende waren entzückend . Wenn der alte Vater sich aus seinem beeisten Plaid gewickelt , Maitland die Windspiele in ihre Hütte geschmeichelt hatte , und wir alle um das Caminfeuer saßen - der rüstige Jäger wind nun der feine Gesellschafter der dankbaren Schwestern , er las , erzählte , ließ sich abstreiten , belehrte , und der verehrte Alte hörte zu oder nickte bei dem Glück seiner Kinder mit seligem Lächeln ein und wachte unter ihrem lebendigen Geschwätz mit noch seligerm wieder auf . Wie oft , in dieser glücklichen Zeit , war ich erstaunt , Maitland je für kalt und förmlich gehalten zu haben ! Sein ernster und nach Wirksamkeit strebender Geist fühlte sich freilich bei zweckmäßiger Zeitanwendung am wohlsten , aber in einem geläuterten Herzen , wie das seine , wird die Freude zum Gottesdienst , und also versagt es sich derselben nie . Wir scherzten , wie glückliche Kinder , und im Kreis jugendlicher Nachbarn konnte der reife Mann oft noch wie ein fröhlicher Jüngling erscheinen . Der Frühling brach an , und nie , seit der Frühling Edens erglühte , konnte diese Jahrszeit zauberischer seyn . Seine Farben waren so mild , seine Lüfte so balsamisch , so rein , sein Mondlicht so friedlich ! Nie werde ich die köstliche Kühlung vergessen , die eines Tags in einem leichten Regenschauer herabthaute und den ruhigen See mit zitternden Lichtpuncten bedeckte . - Ich stand mit Graham - denn mit diesem Namen , den sein Land segnet und die Freunde des Rechts und der Wahrheit verehren , muß ich doch endlich den unlieben Namen Maitland vertauschen ; ich stand mit Charlotte und Graham schutzsuchend unter einer Fichte , kein Laut ward gehört , als das Rieseln der Tropfen im See und dann und wann der Ruf eines fernen Wasservogels . » Wie oft , wachend und schlafend , habe ich hiervon geträumt « ! sagte Graham leise , als wollte er die Stille nicht stören , » und noch jetzt ist mir , was mich umgibt , wie ein Traum . Diese tiefe Ruhe ! Jeder Schatten liegt noch auf eben der Bucht , auf eben dem Abhange , wie damals , wenn ich so oft dastand und erstaunte , wie die unermeßliche Tiefe des Wassers die grenzenlose Höhe des Himmels also abbilden könne . Und nun nach meiner langen Verbannung so vereint zu seyn mit allem , was mir am theuersten ist , seine Nähe zu empfinden - - « Ich fühlte mich plötzlich unendlich beklommen . Ich glaubte seit einiger Zeit hoffen zu dürfen , das Schicksal habe meine Erziehung durch Unglück beendigt und wolle sie nun durch friedliches Glück , so weit es Menschen vergönnt ist , vollenden . Daß ich mir nur in Vereinigung mit den Geliebten , die jetzt mich umgaben , Glück denken konnte , leugnete ich mir nicht ; aber dieses Glück von Gott zu erbitten , hatte ich mir in jungfräulicher Zucht und kindlicher Ergebung immer versagt . Heinrichs Worte sagten deutlicher , wie je , was mich nicht mehr überraschen konnte ; denn das freudenreiche Beisammenseyn eines ganzen Winters hatte mir bewiesen , was ich jetzt in einem bestimmtern Sinn , mit der Ueberraschung der ersten Liebe vernahm . Unwillkürlich trat ich einen Schritt von Graham zurück , und sein ernst auf mich gehefteter Blick konnte mir meine Unbefangenheit nicht wiedergeben . Den folgenden Tag kam ich von einem Gang in das Dorf zurück und wollte eben in das gemeinschaftliche Zimmer treten , als ich durch die angelehnte Thür Grahams Stimme in dem festen , bestimmten Ton hörte , wie er ihn nur bei Dingen , die seinem Herzen sehr nahe waren , zu gebrauchen pflegte . » Ist es so « , verstand ich jetzt deutlich , » so geh ' ich morgen fort , und hier muß sich alles verändern . « - Fort ? morgen fort ? und ohne einen Gedanken an mich ? oder dieses » verändern « drückte den vernichtendsten Gedanken aus . Halb entseelt wankte ich auf mein Zimmer zu ; Charlotte begegnete mir auf der Treppe - » heil ' ger Gott , was ist Ihnen geschehen ? « rief sie bei meinem Anblick . Ich eilte neben ihr vorbei und verschloß mich in mein Zimmer . Ich war nicht mehr das ungestüme , seine Wünsche ertrotzende Geschöpf , ich wollte aufrichtig , was Gott wolle , ertragen ; aber in diesem Augenblick vermochte ich nichts , als mir zu gebieten : » ruhig , armes Herz ! « - und nichts zu beschließen , so lange es das nicht war . Doch Charlotten , die so flehend um Einlaß bat , mußte ich die Thür öffnen , ich mußte zum Thee herabgehen , und wie sie alle so zutraulich mir anriethen , zur Erleichterung des von mir vorgeschützten Kopfschmerzens ins Freie zu gehen , mußte ich Graham und Charlotte an das Seeufer begleiten . Heinrich bot mir seinen Arm , ich mußte ihn wohl annehmen , aber fern von ihm ging ich und stützte mich nicht . Er fragte so theilnehmend nach meinem Befinden , er sprach so zärtlich , achtungsvoll mit mir , daß meine - Angst mehr , als meine Zurückhaltung - wich , und ich zwar mit Herzklopfen , aber ohne thörichte Heftigkeit vernahm , daß Charlotte uns anwies , unsern Weg allein fortzusetzen , weil sie in einer benachbarten Hütte einen Krankenbesuch abzulegen gedenke . Er führte mich auf ein kleines schattiges Thal zu ; ich versuchte anfangs mit Lebhaftigkeit zu schwatzen , aber es gelang mir nicht ; halb beschämt , daß ich versucht hatte unwahr zu seyn , versank ich in ein Stillschweigen , das Graham nicht störte ; nur hie und da theilten wir uns eine Bemerkung mit , die gleichgültige Vorgänge betraf . In einem Augenblick , wo ich mich zufällig umsah , fiel mir die Schönheit der Aussicht auf , die uns jetzt am Ausgang des kleinen Thals durch ein paar Felsabhänge den See im Sonnenglanz zeigte . » O , weilen wir hier und blicken zurück ! « rief ich , meinen Begleiter aufhaltend . » Ja « , antwortete Graham mit einem leichten Lächeln , » weilen wir hier und blicken einen Augenblick rückwärts ! vielleicht für lange , lange Zeit zum letzten Mal ! Kommen Sie , Miß Percy , lassen Sie mir den lieben Arm ! lehnen Sie sich auf mich , wie sonst ! lassen Sie mich glücklich seyn , so lange ich darf ! « - Er schwieg , aber mein Mund war verstummt ; ich hätte kein Wort über meine Lippen bringen können . - Graham begann von neuem : » Dieser Abend , diese Stunde vielleicht kann diese reiche , herrliche Natur für mich in ewige Trauer kleiden , oder ihre Schönheit über allen Wechsel erheben . Ehe wir heute scheiden , Ellen , muß ich endlich erfahren , ob es meinem Leben nie verliehen seyn soll , Pflicht und Glückseligkeit zu verbinden . Sie wissen , Ellen , wie lange - Sie begreifen aber nicht , wie zärtlich ich Sie geliebt habe . Der Mann wird Herr seiner Gefühle , aber diese Herrschaft kostet ihm dennoch sein Glück . Wenn ich Sie nun so innig liebte , wie Irrthum Sie entstellte , wie Gleichgültigkeit und Uebermuth mich von Ihnen zurückwies , was muß ich jetzt empfinden , da Sie alles in sich vereinen , was den Mann im Weibe entzücken muß ! Mich jetzt von Ihnen trennen - jetzt , Ellen , da hier jeder Gegenstand Sie mir zurückruft ! - O Ellen , dazu verurtheilen Sie mich nicht ! Kann meine Liebe dich gewinnen , kann meine Beständigkeit dir Zutrauen geben , kann dein unschuldiges Herz sich mit dem Glück befriedigen , das ich dir hier biete , kann eines greisen Vaters Segen - Der starke Mann wollte vor der Geliebten nicht in Thränen ausbrechen , darum schwieg er mit zitternden Lippen . - Ich fand aber jetzt Kraft , wahr zu seyn