unserer Mannlehngüter mitgetheilt ; es ist unmöglich , daß sie es sey . « » Ach Gott ! sie wird es wohl seyn , « rief kläglich Graf Hippolit , der gegenwärtige Verehrer der Markise , » sie wird es seyn , die Mondscheinsdame ; sie wird zu allgemein gepriesen , als daß wir viel von ihr erwarten könnten ! « » Also Ihre Kusine ? liebe Rosenberg , nun ich sterbe vor Neugier , wenn ich nicht bald dieses Wunder der Welt zu Gesichte bekomme ! « fiel halb jähnend die Markise ein . » Ach , wie gerne thäte ich das auch , « rief lustig Hippolit , » aber mir sind leider schon in der Welt zu viele dergleichen Wunder vorgekommen , die , entschleiert , eigentlich alle sehr gewöhnlich und natürlich dastanden . Es ist immer das alte Buch mit einem neuen Titel , das nehmliche Räthsel in ein anderes Gewand eingekleidet , was man uns da zu studiren giebt . Bei alle dem bleibt es aber doch ein Studium , dessen man nie überdrüssig wird , besonders wenn uns , wie hier , jede Stunde mit einer neuen ganz unerhörten Kaprize beglückt . « Indem er dieß hinzusetzte , wollte er die Hand der Markise an seine Lippen drücken , sie entzog sie ihm aber , heftig und unwillig sich sträubend . » Schöne Dame , « rief Hippolit in seinem Uebermuth , » indem Sie zürnen , beweisen Sie , daß ich Recht habe ; die kleine Wuth steht Ihnen so allerliebst , daß ich dadurch leicht verleitet werden könnte , Sie alle Tage halb todt zu ärgern . Die Versöhnungen , die doch auch nicht zu verachten sind , hätte ich dann für meine Mühe noch obendrein . « Die Markise begann recht ernstlich sich zu erzürnen , doch nicht auf lange ; die Gräfin warf sich zur Vermittlerin auf , und der Friede war bald geschlossen . Der glänzende Graf Hippolit , entsprossen aus einem der edelsten Geschlechter in Ungarn , schön wie Apoll , kaum zwanzig Jahre alt , und dabei schon unumschränkter Herr großer Reichthümer , war allerdings eine Eroberung , welche eine Frau , wie die Markise , sich auf alle Weise zu erhalten streben mußte . Auch war es ihr seit dem Moment gelungen , da er in Paris , als ein weitläufiger Verwandter der Gräfin ihr vorgestellt ward . Ihre seltene Schönheit , ihr leichter Sinn , vor allem eine gewisse pickante Ungleichheit in ihrem Betragen entzückte ihn , und Gewohnheit , Ueberdruß am Wechsel , hatten bis jetzt ihn fest gehalten . Als die Damen Paris verließen , wußte er eben nichts besseres zu thun , als ihnen nach Deutschland zu folgen , und bei dieser Gelegenheit späterhin einen Besuch in seinem Vaterlande und auf seinen Gütern abzustatten . Vor jetzt war er der tägliche Gast in ihrem Hause , ihr steter Begleiter außer demselben , aber die Strenge , mit welcher die Gräfin über die Gesetze des Anstandes zu wachen gewohnt war , hatte ihn veranlaßt , sich eine von ihnen abgesonderte eigene Wohnung zu wählen . Ungeachtet seiner frivolen Außenseite , war Hippolit von Natur zu allem Großen und Edlen geeignet , aber das Schicksal , welches sein äußeres Leben mit jedem Vorzuge reichlich ausstattete , hatte ihn schon früh im Innern tief verletzt und sein Entwickeln verhindert . Von einer leichtsinnigen Mutter als fünfjähriger Knabe verlassen , von einem durch das Betragen seiner Gattin mit der Welt und dem Leben entzweiten , verbitterten Vater erzogen , war der arme Hippolit um jenes Vertrauen in die Menschen gebracht worden , ohne welches keine Jugendblüthe fröhlich gedeiht . Sein ganzes Wesen widerstrebte der strengen klösterlichen Zucht , in welcher er bis in sein funfzehntes Jahr gehalten ward , er fühlte zur Freude sich geboren , aber jede Jugendlust , wie jede sanftere Regung , ward von der Strenge seiner Zuchtmeister niedergedrückt . Er war zu stolz , die Hülfe der , in ihm ihren künftigen Herrn schmeichelnden Diener anzunehmen , und seinen Vater zu betrügen , um wenigstens Stundenlang seinem Kerker zu entgehen , aber in ihm wogte ein verzehrendes Feuer , das , weit entfernt sein Herz zu erwärmen , es nur immer enger zusammenzog , während seine Fantasie ihm das Glück künftiger Freiheit in den glühendsten Farben mahlte . Das jedem gutgearteten Kinde eigene Sehnen nach Liebe sprach zwar auch mächtig in seiner Brust , aber er drückte es , als seiner unwürdig , nieder , denn wen sollte er lieben ? Rings um sich sah er nur fühllose Strenge oder erbärmliche Kriecherei . Künftiger Genuß ward ihm die Loosung des Lebens . Worin dieser bestehen sollte , wußte er nicht deutlich sich zu sagen , aber einstweilen gedachte er , die freudenlose Zeit , welche er jetzt verlebte , durch eifriges Bestreben nach Wissen als vorbereitend zu benutzen . Mit dem größten Eifer verfolgte er daher den Gang der ihm von seinem Vater vorgeschriebenen Studien , jede Stunde bereicherte seinen Geist , aber in seinem Gemüth ward es immer ärmer , immer mehr erstorben , bis der Zufall den einzigen Bruder seines Vaters in seine Nähe führte . Hippolit war jetzt funfzehn Jahr alt , und zum erstenmal seit seiner frühesten Kindheit hörte er nun wieder mit milden Worten sich anreden . Da brach die Eisrinde , in welcher sein Herz beinahe erstarrt war . Mit der kindlichsten Liebe , mit der innigsten Treue eines jugendlichen Gemüths hing er sich nun an den Oheim , der wie eine himmlische Erscheinung in die Nacht seines Daseyns strahlte und sogar auch die düstere Stimmung seines Vaters milderte , als letzterer plötzlich erkrankte . Ein seit langen Jahren allmählig heranschleichendes Uebel warf den alten Grafen wenig Monate nach der Ankunft seines Bruders auf das Sterbebette . Bleich und bebend kniete Hippolit neben demselben , als der Vater zum erstenmal liebend und segnend die schwere kalte Todtenhand auf sein lockiges Haupt legte , in den rührendsten Ausdrücken den zum Jüngling heranreifenden Knaben der Vorsorge seines Oheims empfahl , und dann , getröstet durch dessen heiligstes Versprechen , ihn wie seinen eigenen Sohn zu betrachten , die müden Augen auf ewig schloß . Der weinende , tief erschütterte Knabe folgte nun dem vom Vater ihm gegebenen Beschützer seiner Jugend auf dessen Güter , von wo er in Jahresfrist , begleitet von einem Hofmeister , auf eine von seinem Vaterlande Ungarn weit entfernte Universität gesandt ward . Während er dort , von heißem Durst nach Wissen getrieben , jede Stunde auf das gewissenhafteste anwendete , erhob sein Oheim in seiner Abwesenheit einen Prozeß gegen ihn , der ihn um sein väterliches Erbe bringen sollte . Aller seiner , dem sterbenden Bruder mit in die Ewigkeit gegebenen Versprechen vergessend , jedem menschlichen Gefühl entsagend , benutzte der Eigennützige den Leichtsinn der Mutter des Jünglings , dem er Vater zu seyn geschworen hatte , um die Aechtheit seiner Geburt anzugreifen , und dann seinen eigenen Söhnen die beträchtlichen Güter desselben zuzuwenden . Der Versuch mißlang , er hatte nur die Folge , daß Hippolit etwas früher als gewöhnlich für mündig erklärt ward . Empört bis in den tiefsten Grund seiner Seele , überzeugter als je von der Erbärmlichkeit der Menschen , ging dieser nun nach vollendeten Studien auf Reisen ; die Zeit des Genusses schien ihm gekommen , er war entschlossen , sie zu benutzen . Sein Rang , sein Reichthum , seine glänzende Persönlichkeit öffneten ihm Herzen und Thüren , er taumelte von einem Vergnügen zum andern , und übertäubte so den alten bittern Unmuth in seinem Gemüth , der aber dennoch stets von neuem sich regte . Er sah , wie man ihn mit Schmeicheleien überhäufte , um ihn um so sicherer zu elenden Zwecken zu mißbrauchen , aber er verachtete die Menschen und in einzelnen schrecklichen Momenten sich selbst zu sehr , um es der Mühe werth zu achten , dem plumpen Netz entgehen zu wollen , das man ihm stellte . Es genügte ihm , seine sogenannten Freunde zuweilen in wilder Lustigkeit mit bittern Hohn zu mißhandeln , und dann mit Ekel sich von den ängstlichen Windungen wegzuwenden , in welchen sie strebten , ihn nicht zu verstehen , um nur auf guten Fuß mit ihm bleiben zu dürfen . Auch Frauen kamen überall dem schönen reichen Jünglinge entgegen , kämpften unter einander um ihn , mit allen Waffen der Schönheit und Kunst , suchten überall mit Blumen ihn zu fesseln , und gern vergaß er bei ihrer lieblichen Erscheinung alles , was ihn hätte warnen können . Noch einmal überließ er sich Träumen himmlischer Seligkeit , er glaubte sogar zu lieben , aber er ward grausam erweckt . Ohne zu bedenken , wie so ganz ohne Umsicht er sich hingegeben hatte , klagte er jetzt das ganze Geschlecht des Verraths der Einzelnen an und schwur sich selbst , nie wieder die Maske für Wahrheit zu nehmen . Dem trostlosesten Unglauben zum Raube , vermochte er aber doch nicht , der Freude zu entsagen , sich wissentlich täuschen zu lassen , so lange dieß irgend nur möglich war . Bitter lachendes Spotten seiner selbst übertönte dann oft nur mühsam das Weinen in seiner Brust , wenn ein schöner Traum , den er lange festgehalten hatte , in Nichts zerrann , aber er achtete dessen nicht , auch nicht der bittern Schmerzen , mit denen er jede Regung des Bessern gewaltsam in sich erstickte , um zu seyn wie die Andern . Dennoch sank er nie zum Gemeinen herab , so achtlos er auch dem Treiben der Welt sich hingeben mochte . Was ihn blenden und verführen konnte , mußte wenigstens den Anstrich des Reinen und Sittlichen zu erhalten streben ; denn seine bessere Natur und Reminiszenzen der früher bei seinem Vater ihm eingeprägten strengern Grundsätze hielten ihn noch immer über den Abgrund empor . » Das Wunder der Welt ist endlich angelangt , wie ich sehe , « rief Hippolit freudig aus , indem er die Visitenkarten auf dem Tisch der Gräfin musterte und Gabrielens Karte hoch in die Höhe hielt . » Da steht der geheimnißvolle Name des Erzengels , und mein thörigtes Herz erbebt sogar ein wenig bei seinem Anblick ! Ich bitte Sie , theuerste Gräfin ! « fuhr er mit komischen Pathos fort , » ist es die Mondscheinskusine ? sagen Sie : nein ! ich flehe darum . « » Daß sie die Gabriele ist , die ich meine , weiß ich jetzt gewiß , « erwiderte die Gräfin , » obgleich ich sie noch nicht gesehen habe ; wir verfehlten einander bei unsern gegenseitigen Besuchen , und so bleibt uns nichts übrig , als die Soirée zu erwarten , mit der wir , wie Sie wissen , morgen hier debütiren wollen . « » Also morgen , morgen ist der große , der entscheidende Tag , « rief Hippolit , und wendete sich gleich darauf zur Markise mit der Bitte um den zweiten Tanz . » Den ersten , « setzte er hinzu , » bin ich so gut als versagt , den tanze ich mit der Wunderdame , meine Ehre duldet es nicht anders , ich muß der erste seyn , mit dem sie auftritt . « » Ich überlasse Sie ihr mit Vergnügen auf den ersten , den zweiten , den dritten und alle folgende Tänze ; ich tanze morgen gar nicht ; entweder ich habe Migräne , oder ich habe mir den Fuß verrenkt ; ich bin noch nicht entschlossen , welches von beiden , « erwiderte die Markise , ein wenig pickirt . Hippolit blickte lang schweigend und verwundernd sie an . » Wahrhaftig , Markise ! ich erkenne Sie nicht mehr , « sprach er endlich . » Zum erstenmal sehe ich , daß auch Sie etwas schwerfällig nehmen können ; doch hoffe ich , Sie werden sich eines bessern besinnen , und allen Erzengeln und Erzengelinnen zum Trotz morgen tanzen , wie immer ! « » Dießmal beliebt es wohl dem Herrn Grafen selbst , sich etwas schwerfällig zu zeigen ; denn , um des Himmels willen ! wer denkt denn an Ihre Erzengelin ? « erwiderte spottend die Markise . » Schon in Paris nahm ich mir vor , morgen krank zu seyn ; sehen Sie hier den Beweis davon , « fuhr sie fort , indem sie einer Kammerfrau ein Kleid , welches diese eben durch das Zimmer trug , vom Arme nahm und vor dem Grafen entfaltete . Mit dem größten Erstaunen erblickte dieser ein ganz einfaches , blendend weißes Gewand , fein und durchsichtig , wie aus Aether gewoben , doch schien es für eine Riesin bestimmt ; es mußte , wenn die Markise es trug , nicht nur hinten , sondern auch vorne und von allen Seiten mehrere Ellen lang ihr auf dem Fußboden nachschleppen . » Aber wie in aller Welt wollen Sie es anfangen , in diesem Gewande nur zwei Schritte zu gehen ? « rief er endlich . » Gehen , « erwiderte die Markise , und lachte jetzt wirklich recht herzlich , » gehen ? Aber , lieber Graf ! Sie werden immer schwerfälliger . Wer geht denn , wenn man krank ist ? « » Ach Gott , « seufzte Hippolit , » eigentlich fängt es an , mir leid zu thun , daß diese Gabriele morgen erscheint ; abwesend gab sie zu so manchem guten Einfall , zu so manchem pickanten Scherze Anlaß , und ihre Gegenwart wird gewiß nichts weniger als pickant oder amüsant seyn . Ich sehe sie schon im Geiste vor mir mit dem Mondscheinsgesichte , wie sie an der Seite ihres alten Gecken die gestrenge Penelopeya mitten unter den übermüthigen Freiern zu spielen bemüht ist . Die Maske ist übrigens schon etwas verbraucht , indessen wenn sie ihr nur halb so gut steht als die Leute es behaupten , so mag es drum seyn . Ich fürchte aber , der morgende Triumf unserer schönen Freundin wird kaum der Mühe des Erkämpfens werth seyn , obgleich ich diese sehr gering anschlage . « Der Abend kam . Die glänzende Reihe kerzenheller Säle füllte sich nach und nach und die Gräfin bemühte sich mit gewohnter Liebenswürdigkeit , die Abwesenheit der Markise mit einer heftigen Migräne zu entschuldigen , welche aber hoffentlich späterhin zur gewohnten Stunde nachlassen und ihr erlauben würde , die Gesellschaft , in kleinere Partien getheilt , in ihrem Zimmer wenigstens auf Minuten zu sehen . Hippolit wich beim Empfange der Gäste der Gräfin nicht von der Seite . Mit dem Bedeuten , er müsse sie errathen , hatte diese es abgeschlagen , ihm Gabrielen gleich bei deren Eintritt bemerkbar zu machen , daher hielt er es für das sicherste , auf diese Weise seinen Willen durchzusetzen . Indessen war es spät geworden , die Erwartete fehlte noch immer , Graf Hippolit begann aus Verdruß darüber der Gräfin allerlei witzig-bittere Muthmaßungen über die Abwesende zuzuflüstern , als ein Kreis seiner Bekannten ihn einen Augenblick festhielt , und dadurch ihn von der Gräfin trennte , ohne daß er solches bemerkte . Ein lächerlich modern gekleideter dicker Mann stand mitten im Kreise der jungen Leute , sprach alle Sprachen zugleich und erzählte , heftig gestikulirend und im völligen Ernste , die Geschichte einer heftigen Leidenschaft , welche vor einigen Jahren eine Nepotessa des Papstes für ihn gefühlt hatte . Dabei erwähnte er der mannichfachen Gefahren , deren er sich ausgesetzt gesehen , um ihr und den Verfolgungen ihrer mächtigen Verwandten in Rom zu entgehen . Die jungen Herren um ihn her stürmten mit Fragen auf ihn ein ; er wußte für alle eine Antwort , löste alle Zweifel , die man ihm in den Weg warf ; das Lachen , der Lärmen wurden bald lauter , als man es in einer solchen Assemblée hätte erwarten sollen . Hippolit nahm recht herzlichen Antheil daran , als plötzlich erst ein leises Geflüster , dann ein allmähliges Verstummen in dem Kreise entstand . Die , so den lebhaftesten Antheil an den Neckereien genommen , welche man an dem alten Herrn ausgeübt hatte , begannen , sich leise davon zu schleichen , die übrigen nahmen sich sichtbar zusammen und standen dann in etwas feierlich verlegener Fassung ; alles verkündete den Eintritt einer allgemein geachteten Person . Hippolit suchte mit den Augen den Gegenstand , der diese plötzliche Umstimmung des Tones verursacht haben mochte und erblickte die Gräfin , welche eben eine Dame hereinführte , deren anmuthige und doch würdevolle Haltung und seltne Schönheit ihm gleich in ihr die lang Erwartete errathen ließ . Vor dem Zauberton ihrer Stimme , in dem sie einige ihr nahestehende Bekannte anredete , war plötzlich jede Spur wilder Lustigkeit verschwunden . Selbst als der alte dicke Herr mit dem Ausruf : » ma femme , ma petite femme vous voilà ! « auf sie lossprang , um sie zu begrüßen , wagte es niemand , den Mund zu einem spöttischen Lächeln zu verziehen . » Die ist es ? « flüsterte Hippolit der Gräfin zu , und diese beantwortete seine Frage , indem sie ihn erst Gabrielen vorstellte und dann ihn mit Adelberten bekannt machte , welcher Geschäfte halber Gabrielen und Herrn von Aarheim in die Residenz begleitet hatte . Hippolit vermochte von nun an nicht , sein Auge von Gabrielen zu verwenden ; er sah , wie mehrere Bekannte , Männer und Frauen herbeieilten , um die lang Entbehrte zu begrüßen , wie alles um sie sich drängte , als sey mit ihr die Seele der Gesellschaft heimgekehrt . Moritz wich nicht von der Seite Gabrielens , rieb immerfort freudig die Hände an einander und brach in tausenderlei Redensarten aus , auf welche niemand achtete , obgleich die meisten mit ma femme dit , oder ma femme sait , anfingen . Der leise Schmerz , der dabei in Gabrielens Lippen fast unmerkbar zuckte , die ängstliche Röthe , welche , schnell entstehend und entschwindend , ihr Wange , Hals und Busen überhauchte , entgingen Hippolitens Späherblick nicht . Eine wunderbar fremde Regung des Mitleids überschlich ihn dabei und er begann mit einer Art Aengstlichkeit darauf zu sinnen , wie der Lästige auf gute Art aus Gabrielens Kreise zu entfernen sey , um diese in ungestörter Anmuth sich bewegen zu sehen , als sie ihren Gemahl mit wenigen , leicht hingeworfenen Worten auf einige Vasen von seltner Schönheit aus kostbaren Steinarten geformt , aufmerksam machte . Der Tisch , auf welchem diese Vasen standen , war mit farbigem Marmor aller Art ausgelegt , und Moritz fand und benutzte hier ein reiches Feld , auf welchem er mit der einzigen Wissenschaft , welche er wirklich besaß , glänzen konnte . Bald gesellten mehrere Sachkundige aus der Gesellschaft sich zu ihm , ein lebhaftes Gespräch entstand , und Gabriele wendete sich sichtbar heiterer ab , um in den Nebenzimmern die übrige Gesellschaft aufzusuchen . Sinnend folgte ihr Hippolit mit immer regerem Bemerken . So hatte er sie sich nicht gedacht , nicht so fein , nicht so gewandt , nicht so heiter . Die Melodie ihrer Worte , die Harmonie in allen ihren Bewegungen zogen ihn noch unwiderstehlicher an , als ihre Schönheit . » Es ist doch nur eine Maske , wie sie alle , « dachte er , » aber diese steht ihr vortrefflich und ist so herrlich angepaßt , daß schon der Versuch , sie zu lüften , Belohnung verdient . « Er versuchte es hierauf , Gabrielen anzureden , aber es war , als ob eine ihm fremde Gewalt den gewohnten Fluß seiner Worte hemmte ; Gabrielens gerader kalter Blick brachte ihn aus der Fassung ; zum erstenmale fühlte er sich verlegen , und war froh , als die Gräfin mit der Bitte erschien : Gabriele möge sie zur Markise begleiten , welche eben etwas besser sich fühle und den Augenblick kaum erwarten könne , in dem es ihr vergönnt würde , die geliebte Nichte ihrer Freundin zu umarmen . Der kleine Zug der zu diesem Besuch Auserwählten , welchem auch Hippolit sich anschloß , folgte der Gräfin durch die ganze lange Enfilade prächtiger Säle , welche , wie es in Paris gebräuchlich ist , mit dem Schlafkabinet der Markise endeten . Ein reicher seidner Vorhang verhüllte noch den Tempel , nachdem schon die Flügelthüren sich geöffnet hatten , aber der berauschende Duft der auserlesensten Aromas des Orients verkündete die Nähe der Göttin . Auch der Vorhang wurde beseitigt und selbst der verwöhnte Hippolit stand jetzt geblendet von dem unerwarteten Anblick . Auf einer Estrade , zu welcher einige , mit prächtigen Teppichen belegte Stufen hinaufführten , stand , schimmernd von Gold und Elfenbein , das , der edelsten antiken Form nachgebildete Bette . Eine purpurrothe , mit goldner Stickerei und goldnen Franzen geschmückte Decke war darüber hingebreitet , auf welcher die Markise in der anmuthigsten Stellung hingegossen ruhte . Ein großer Spiegel an der Hinterwand desselben , ein anderer an der Decke des Baldachins über ihrem Haupte , und mehrere , anscheinend vom Ungefähr , aber eigentlich mit sorgfältiger Wahl im Zimmer geordnete große Ankleidespiegel vervielfältigten die schöne Erscheinung , indem sie sie von allen Seiten zeigten . Der Genius des Schweigens von Bronze , den Finger auf die Lippen gedrückt , schien den leicht vom Baldachin herabrollenden Schleier zu heben , der sie zu ver hüllen drohte , und blühende Rosenbüsche , Orangenbäumchen , Jasminsträuche , in köstlichen Vasen zu beiden Seiten auf den Stufen der Estrade , gaben der Nische , in welcher das Bette stand , das Ansehen einer Laube aus dem Paradiese der Muhamedaner . Alabasterlampen verbreiteten den zauberhaften Schimmer einer mondhellen Nacht und kleine bläuliche Wölkchen kräuselten sich , aus Kassoletten aufsteigend , in welchen das ausgesuchteste Räucherwerk brannte . Das Auge irrte geblendet auf alle dem mannichfaltigen Geräthe von köstlichen Hölzern , von Krystall , von Marmor und Bronze , welches das Schlafzimmer einer eleganten Pariserin zum glänzendsten Prunkzimmer des Hauses macht . Mitten in alle dieser Pracht lag die Markise , ganz einfach gekleidet und dennoch alles überstrahlend . Der wohl berechnete Ueberfluß des früher erwähnten weißen langen Gewandes , in große malerische Falten von Künstlerhänden geordnet , umschwebte ihre Gestalt , ohne sie neidisch zu verhüllen ; die schönen Formen schimmerten hindurch , wie der Mond durch Silberwölkchen , die an ihn sich heranzudrängen scheinen . Unter der Brust hielt ein großer strahlender Rubin das Gewand zusammen , der eine der weiten Aermel , wie von ungefähr zurückfallend , enthüllte einen wunderschönen Arm , auf dem gestützt , das reizende Köpfchen im lieblichsten Ausdruck der Ermattung ruhte . Eine um den Arm geschmiedete goldne Sentimentskette und einige Perlenschnuren schienen sich abstreifen zu wollen . Den andern Arm bedeckte der Aermel bis zu den zierlichen Fingerspitzen , die , dem Kopfweh zu Ehren , ein Riechfläschchen hielten . Um die hohe Stirne schwebten die glänzendschwarzen Locken in zierlicher Unordnung , nur ein einfaches Band hielt sie und die reichen Flechten zusammen , welche den ganzen Kopfschmuck bildeten . Die Markise war unbeschreiblich reizend in diesen Umgebungen , auch fesselte stummes Erstaunen alles bei ihrem Anblick ; nur Hippolit wagte es , sich in ihre Nähe zu schleichen und ihr ein leises » Bravo ! « zuzuflüstern . Gabriele ward mit der entzückendsten Freundlichkeit von ihr empfangen ; sie zog sie liebkosend zu sich herab , um sie zu umarmen , und als die hohe , schlanke Gestalt sich zu der auf dem Bette Ruhenden niederbeugte , umschwebte ihr goldnes Haar die dunkeln Locken der Markise wie mit einer Strahlenglorie , während diese mit beiden Lilienarmen den stolzen Marmornacken der geliebten Nichte ihrer Freundin umschlang , und ihr Entzücken darüber in den schmeichelhaftesten Ausdrücken laut verkündete . Nichts kann einander ungleicher seyn , als beide Frauen in diesem Augenblick . Farbe , Augen , Haare , Ausdruck des Gesichts , nichts von alle dem hatten sie mit einander gemein , und doch war es unmöglich zu entscheiden , welcher von ihnen die Palme der Schönheit gebühre ? Zu matt für eine fortgesetzte Konversation , bat die Markise eine wie durch Zufall gegenwärtige berühmte Künstlerin , die Gesellschaft für ihre kranke Langweiligkeit durch die Zaubertöne ihrer Harfe zu entschädigen . Die Dame ließ sich dazu willig finden , denn eigentlich war sie , nach Pariser Sitte , der die Markise in Deutschland treu blieb , um eine bedeutende Summe von letzterer für den Abend erkauft . Ein griechischer Sessel ward für sie zu den Füßen des Ruhebettes auf die Estrade gestellt , die große goldige Harfe strahlte in ihren Armen , und kaum hatte die Virtuosin mit prüfenden Akkorden die Saiten berührt , als mehrere wunderschöne , fast idealisch gekleidete Kinder aus dem Nebenzimmer herbeieilten , und sich in malerischen Gruppen zwischen den Rosen- und Orangenbäumchen ordneten . Als große Lieblinge der Markise hatten sie in deren Wohnzimmer gespielt und waren von den Tönen der Harfe herbeigelockt worden . So wenigstens suchte ihre Beschützerin das unerwartete Erscheinen mit lächelndem Zorne darüber zu entschuldigen , aber es bedurfte keiner Entschuldigung , denn jedermann fühlte sich von dem wirklich feenhaften Anblick hingerissen , den die Estrade in diesem Augenblick gewährte ; es war als sähe man die Liebesgöttin von Amorinen umflattert . Endlich ward Ruhe . Der Zirkel war allmählig größer geworden ; Mehrere , die nicht mit der Gräfin gekommen waren , hatten nach und nach sich vor und in dem Kabinette selbst versammelt , dessen Thüren jetzt weit offen standen . Allgemein herrschte die tiefste Stille einer zur Bewunderung bereiten Erwartung ; aber kaum hatte die Künstlerin in leisen Akkorden begonnen , als ein wunderliches fortwährendes Klirren sie wieder verstummen machte . Zürnend blickten alle in die Ecke , aus welcher das störende Geräusch zu kommen schien . Dort stand Adelbert , todtenbleich , den stieren Blick auf die Markise geheftet . An allen Gliedern heftig bebend , hielt er sich , anscheinend völlig bewußtlos , an einem Gestelle fest , welches in einer Ecke des Zimmers mit Porzellan beladen stand , sein Zittern theilte sich denen darauf befindlichen Prunkvasen und Tassen mit , alles stieß tönend aneinander , ohne daß Adelbert weder dieses , noch die daraus entstehende Störung gewahr ward . Seine Seele war in seinen Augen , sein Herz klopfte in ängstlichen Schlägen gegen seine Brust , als wollte es sie zersprengen , denn mit dem ersten Blick auf die Markise hatte er in ihr Herminien erkannt . » Adelbert ! « rief Gabriele und sprang erschrocken von ihrem Sessel auf , dem Freunde , den sie plötzlich erkrankt glaubte , zu Hülfe zu eilen . Ein allgemeiner Aufruhr entstand , die Damen drängten sich um die Markise her , welche vor Schreck ohnmächtig zu werden drohte , die Herren führten Adelberten in ein Nebenzimmer , der noch immer bewußtlos mit erstorbnen Augen jedermann anstarrte . Alle umstanden ihn unschlüssig , auch Gabriele , die im ersten Schrecken , jede konventionelle Regel vergessend , ihm gefolgt war . Plötzlich erkannte er diese und mit einem erstickten Schrei des Schmerzes ergriff er ihre Hände , drückte sie an seine Augen , unter fast konvulsivischem Beben , während einzelne Tropfen kalt und schwer ihm über die Wangen rollten . » Um Gotteswillen einen Wagen , einen Arzt ! der Rittmeister ist sehr krank , « rief Gabriele wie ausser sich ; » er muß gleich zu Hause gebracht werden . « » Liebe Nichte , das ist ja ein entsetzlicher Zufall , « sprach die Gräfin , welche als Frau vom Hause eben hinzutrat ; » doch beruhigen Sie sich , mein Wagen wird angespannt , der Arzt wird gleich hier seyn den Herrn von Lichtenfels zu begleiten , und nun bitte ich , folgen Sie mir zu den übrigen Damen , beruhigen Sie sich , bitte ich nochmals , für alles nöthige wird gesorgt . « Gabriele war indessen zu aufgeregt um auf alle diese Redensarten zu achten , sie schien im Gegentheil völlig entschlossen , den Rittmeister , der in ihrem Hause wohnte , zu begleiten . Die Gräfin stand in peinlicher Verlegenheit und sogar von ihrem Betragen etwas beleidigt , dabei , als plötzlich Moritz , mit dem Geschrei , ma che cosa che cosa ? what ' s the matter ? ihr zum Trost erschien , gerade im Momente , als das Bereitseyn des Wagens gemeldet ward . Die Gräfin beeiferte sich Gabrielens Gemahl den Vorgang zu erklären . » Herr von Lichtenfels ist von einem plötzlichen Schwindel ergriffen , « sprach sie , » er braucht schnelle Hülfe , gewiß werden Sie ihn begleiten , und unsre Gabriele wird sich beruhigen , uns ihre Gesellschaft nicht entziehen , wenn sie ihn unter Ihrer Vorsorge weiß . « » Certainement « erwiderte Moritz , und begann in der Kürze die Reichthümer seiner Hausapotheke anzupreisen , die seltensten arcana , die kostbarsten Wunderessenzen gegen Schlagfluß , Schwindel und bösen schnellen Tod . » Sie stehen ihm alle zu Diensten , « rief er , » ich freue mich der Gelegenheit ihre Kräfte einmal erproben zu können . Vous resterez , ma chère ! « setzte er , gegen Gabrielen gewendet , etwas scharf und schneidend hinzu , da er bemerkte wie sie dennoch Miene machte ihn begleiten zu wollen . Hippolit hatte bis jetzt ganz ohne alle äußre Theilnahme , den prüfenden Blick auf Gabrielen geheftet , dagestanden ; doch jetzt , als er sie besonders bei Erwähnung der Hausapotheke , ängstlich noch bleicher werden sah , konnte er einer mitleidigen Regung sich nicht erwehren . Er nahte sich ihr unbemerkt . » Vertrauen Sie mir , « flüsterte er ihr zu , » ich begleite ihn auch , und verlasse ihn nur unter der Aufsicht des Arztes . Sobald er meiner Gegenwart nicht mehr bedarf , bringe ich Ihnen Nachricht von ihm ; von dem Glücklichen , der so Ihre Theilnahme zu gewinnen wußte ! « Mit einer leichten Wendung kehrte er sich nach diesen wie im