war schön , blond , sanftmütig , wir gingen vertraulich zusammen , faßten uns bald bei der Hand und schienen nichts Besseres zu wünschen . So gingen wir an Tulpenbeeten vorüber , so an gereihten Narzissen und Jonquillen ; sie zeigte mir verschiedene Stellen , wo eben die herrlichsten Hyazinthenglocken schon abgeblüht hatten . Dagegen war auch für die folgenden Jahrszeiten gesorgt : schon grünten die Büsche der künftigen Ranunkeln und Anemonen ; die auf zahlreiche Nelkenstöcke verwendete Sorgfalt versprach den mannigfaltigsten Flor ; näher aber knospete schon die Hoffnung vielblumiger Lilienstengel gar weislich zwischen Rosen verteilt . Und wie manche Laube versprach nicht zunächst mit Geißblatt , Jasmin , reben-und rankenartigen Gewächsen zu prangen und zu schatten . Betracht ' ich nach so viel Jahren meinen damaligen Zustand , so scheint er mir wirklich beneidenswert . Unerwartet , in demselbigen Augenblick , ergriff mich das Vorgefühl von Freundschaft und Liebe . Denn als ich ungern Abschied nahm von dem schönen Kinde , tröstete mich der Gedanke , diese Gefühle meinem jungen Freunde zu eröffnen , zu vertrauen und seiner Teilnahme zugleich mit diesen frischen Empfindungen mich zu freuen . Und wenn ich hier noch eine Betrachtung anknüpfe , so darf ich wohl bekennen : daß im Laufe des Lebens mir jenes erste Aufblühen der Außenwelt als die eigentliche Originalnatur vorkam , gegen die alles übrige , was uns nachher zu den Sinnen kommt , nur Kopien zu sein scheinen , die bei aller Annäherung an jenes doch des eigentlich ursprünglichen Geistes und Sinnes ermangeln . Wie müßten wir verzweifeln , das Äußere so kalt , so leblos zu erblicken , wenn nicht in unserm Innern sich etwas entwickelte , das auf eine ganz andere Weise die Natur verherrlicht , indem es uns selbst in ihr zu verschönen eine schöpferische Kraft erweist . Es dämmerte schon , als wir uns der Waldecke wieder näherten , wo der junge Freund meiner zu warten versprochen hatte . Ich strengte die Sehkraft möglichst an , um seine Gegenwart zu erforschen ; als es mir nicht gelingen wollte , lief ich ungeduldig der langsam schreitenden Gesellschaft voraus , rannte durchs Gebüsche hin und wider . Ich rief , ich ängstigte mich ; er war nicht zu sehen und antwortete nicht ; ich empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen Schmerz , doppelt und vielfach . Schon entwickelte sich in mir die unmäßige Forderung vertraulicher Zuneigung , schon war es ein unwiderstehlich Bedürfnis , meinen Geist von dem Bilde jener Blondine durch Plaudern zu befreien , mein Herz von den Gefühlen zu erlösen , die sie in mir aufgeregt hatte . Es war voll , der Mund lispelte schon , um überzufließen ; ich tadelte laut den guten Knaben wegen verletzter Freundschaft , wegen vernachlässigter Zusage . Bald aber sollten mir schwerere Prüfungen zugedacht sein . Aus den ersten Häusern des Ortes stürzten Weiber schreiend heraus , heulende Kinder folgten , niemand gab Red ' und Antwort . Von der einen Seite her um das Eckhaus sahen wir einen Trauerzug herumziehen , er bewegte sich langsam die lange Straße hin ; es schien wie ein Leichenzug , aber ein vielfacher ; des Tragens und Schleppens war kein Ende . Das Geschrei dauerte fort , es vermehrte sich , die Menge lief zusammen . » Sie sind ertrunken , alle , sämtlich ertrunken ! Der ! wer ? welcher ? « Die Mütter , die ihre Kinder um sich sahen , schienen getröstet . Aber ein ernster Mann trat heran und sprach zur Pfarrerin : » Unglücklicherweise bin ich zu lange außen geblieben , ertrunken ist Adolf selbfünfe , er wollte sein Versprechen halten und meins . « Der Mann , der Fischer selbst war es , ging weiter dem Zuge nach , wir standen erschreckt und erstarrt . Da trat ein kleiner Knabe heran , reichte einen Sack dar : » Hier die Krebse , Frau Pfarrerin « , und hielt das Zeichen hoch in die Höhe . Man entsetzte sich davor wie vor dem Schädlichsten , man fragte , man forschte und erfuhr so viel : dieser letzte Kleine war am Ufer geblieben , er las die Krebse auf , die sie ihm von unten zuwarfen . Alsdann aber nach vielem Fragen und Widerfragen erfuhr man : Adolf mit zwei verständigen Knaben sei unten am und im Wasser hingegangen , zwei andere , jüngere haben sich ungebeten dazu gesellt , die durch kein Schelten und Drohen abzuhalten gewesen . Nun waren über eine steinige , gefährliche Stelle die ersten fast hinaus , die letzten gleiteten , griffen zu und zerrten immer einer den andern hinunter ; so geschah es zuletzt auch dem Vordersten , und alle stürzten in die Tiefe . Adolf , als guter Schwimmer , hätte sich gerettet , alles aber hielt in der Angst sich an ihn , er ward niedergezogen . Dieser Kleine sodann war schreiend ins Dorf gelaufen , seinen Sack mit Krebsen fest in den Händen . Mit andern Aufgerufenen eilte der zufällig spät rückkehrende Fischer dorthin ; man hatte sie nach und nach herausgezogen , tot gefunden , und nun trug man sie herein . Der Pfarrherr mit dem Vater gingen bedenklich dem Gemeindehause zu ; der volle Mond war aufgegangen und beleuchtete die Pfade des Todes ; ich folgte leidenschaftlich , man wollte mich nicht einlassen ; ich war im schrecklichsten Zustande . Ich umging das Haus und rastete nicht ; endlich ersah ich meinen Vorteil und sprang zum offenen Fenster hinein . In dem großen Saale , wo Versammlungen aller Art gehalten werden , lagen die Unglückseligen auf Stroh , nackt , ausgestreckt , glänzend-weiße Leiber , auch bei düsterm Lampenschein hervorleuchtend . Ich warf mich auf den größten , auf meinen Freund ; ich wüßte nicht von meinem Zustand zu sagen , ich weinte bitterlich und überschwemmte seine breite Brust mit unendlichen Tränen . Ich hatte etwas von Reiben gehört , das in solchem Falle hülfreich sein sollte , ich rieb meine Tränen ein und belog mich mit der Wärme , die ich erregte . In der Verwirrung dacht ' ich ihm Atem einzublasen , aber die Perlenreihen seiner Zähne waren fest verschlossen , die Lippen , auf denen der Abschiedskuß noch zu ruhen schien , versagten auch das leiseste Zeichen der Erwiderung . An menschlicher Hülfe verzweifelnd , wandt ' ich mich zum Gebet ; ich flehte , ich betete , es war mir , als wenn ich in diesem Augenblicke Wunder tun müßte , die noch inwohnende Seele hervorzurufen , die noch in der Nähe schwebende wieder hineinzulocken . Man riß mich weg ; weinend , schluchzend saß ich im Wagen und vernahm kaum , was die Eltern sagten : unsere Mutter , was ich nachher so oft wiederholen hörte , hatte sich in den Willen Gottes ergeben . Ich war indessen eingeschlafen und erwachte verdüstert am späten Morgen in einem rätselhaften , verwirrten Zustande . Als ich mich aber zum Frühstück begab , fand ich Mutter , Tante und Köchin in wichtiger Beratung . Die Krebse sollten nicht gesotten , nicht auf den Tisch gebracht werden ; der Vater wollte eine so unmittelbare Erinnerung an das nächstvergangene Unglück nicht erdulden . Die Tante schien sich dieser seltenen Geschöpfe eifrigst bemächtigen zu wollen , schalt aber nebenher auf mich , daß wir die Schlüsselblumen mitzubringen versäumt ; doch schien sie sich bald hierüber zu beruhigen , als man jene lebhaft durcheinander kriechenden Mißgestalten ihr zu beliebiger Verfügung übergab , worauf sie denn deren weitere Behandlung mit der Köchin verabredete . Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen , muß ich von dem Charakter und dem Wesen dieser Frau das Nähere vermelden : Die Eigenschaften , von denen sie beherrscht wurde , konnte man , sittlich betrachtet , keineswegs rühmen ; und doch brachten sie , bürgerlich und politisch angesehen , manche gute Wirkung hervor . Sie war im eigentlichen Sinne geldgeizig , denn es dauerte sie jeder bare Pfennig , den sie aus der Hand geben sollte , und sah sich überall für ihre Bedürfnisse nach Surrogaten um , welche man umsonst , durch Tausch oder irgendeine Weise beischaffen konnte . So waren die Schlüsselblumen zum Tee bestimmt , den sie für gesünder hielt als irgendeinen chinesischen . Gott habe einem jeden Land das Notwendige verliehen , es sei nun zur Nahrung , zur Würze , zur Arzenei ; man brauche sich deshalb nicht an fremde Länder zu wenden . So besorgte sie in einem kleinen Garten alles , was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft mache und Kranken zuträglich wäre : sie besuchte keinen fremden Garten , ohne dergleichen von da mitzubringen . Diese Gesinnung und was daraus folgte , konnte man ihr sehr gerne zugeben , da ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich zugute kommen sollte ; auch wußten Vater und Mutter hierin durchaus ihr nachzugeben und förderlich zu sein . Eine andere Leidenschaft jedoch , eine tätige , die sich unermüdet geschäftig hervortat , war der Stolz , für eine bedeutende , einflußreiche Person gehalten zu werden . Und sie hatte fürwahr diesen Ruhm sich verdient und erreicht ; denn die sonst unnützen , sogar oft schädlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien wußte sie zu ihrem Vorteil anzuwenden . Alles , was in der Stadt vorging , und daher auch das Innere der Familien , war ihr genau bekannt , und es ereignete sich nicht leicht ein zweifelhafter Fall , in den sie sich nicht zu mischen gewußt hätte , welches ihr um desto mehr gelang , als sie immer nur zu nutzen trachtete , dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern wußte . Manche Heirat hatte sie geschlossen , wobei wenigstens der eine Teil vielleicht zufrieden blieb . Was sie aber am meisten beschäftigte , war das Fördern und Befördern solcher Personen , die ein Amt , eine Anstellung suchten , wodurch sie sich denn wirklich eine große Anzahl Klienten erwarb , deren Einfluß sie dann wieder zu benutzen wußte . Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten , eines rechtlichen , strengen Mannes , hatte sie denn doch gelernt , wie man diejenigen durch Kleinigkeiten gewinnt , denen man durch bedeutendes Anerbieten nicht beikommen kann . Um aber ohne fernere Weitläufigkeit auf dem betretenen Pfade zu bleiben , sei zunächst bemerkt , daß sie auf einen Mann , der eine wichtige Stelle bekleidete , sich großen Einfluß zu verschaffen gewußt . Er war geizig gleich ihr , und zu seinem Unglück ebenso speiselustig und genäschig . Ihm also unter irgendeinem Vorwande ein schmackhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen , blieb ihre erste Sorge . Sein Gewissen war nicht das zarteste , aber auch sein Mut , seine Verwegenheit mußte in Anspruch genommen werden , wenn er in bedenklichen Fällen den Widerstand seiner Kollegen überwinden und die Stimme der Pflicht , die sie ihm entgegensetzten , übertäuben sollte . Nun war gerade der Fall , daß sie einen Unwürdigen begünstigte ; sie hatte das möglichste getan , ihn einzuschieben ; die Angelegenheit hatte für sie eine günstige Wendung genommen , und nun kamen ihr die Krebse , dergleichen man freilich selten gesehen , glücklicherweise zustatten . Sie sollten sorgfältig gefüttert und nach und nach dem hohen Gönner , der gewöhnlich ganz allein sehr kärglich speiste , auf die Tafel gebracht werden . Übrigens gab der unglückliche Vorfall zu manchen Gesprächen und geselligen Bewegungen Anlaß . Mein Vater war jener Zeit einer der ersten , der seine Betrachtung , seine Sorge über die Familie , über die Stadt hinaus zu erstrecken durch einen allgemeinen , wohlwollenden Geist getrieben ward . Die großen Hindernisse , welche der Einimpfung der Blattern anfangs entgegenstanden , zu beseitigen , war er mit verständigen Ärzten und Polizeiverwandten bemüht . Größere Sorgfalt in den Hospitälern , menschlichere Behandlung der Gefangenen und was sich hieran ferner schließen mag , machte das Geschäft wo nicht seines Lebens , doch seines Lesens und Nachdenkens ; wie er denn auch seine Überzeugung überall aussprach und dadurch manches Gute bewirkte . Er sah die bürgerliche Gesellschaft , welcher Staatsform sie auch untergeordnet wäre , als einen Naturzustand an , der sein Gutes und sein Böses habe , seine gewöhnlichen Lebensläufe , abwechselnd reiche und kümmerliche Jahre , nicht weniger zufällig und unregelmäßig Hagelschlag , Wasserfluten und Brandschäden ; das Gute sei zu ergreifen und zu nutzen , das Böse abzuwenden oder zu ertragen ; nichts aber , meinte er , sei wünschenswerter als die Verbreitung des allgemeinen guten Willens , unabhängig von jeder andern Bedingung . In Gefolg einer solchen Gemütsart mußte er nun bestimmt werden , eine schon früher angeregte wohltätige Angelegenheit wieder zur Sprache zu bringen ; es war die Wiederbelebung der für tot Gehaltenen , auf welche Weise sich auch die äußern Zeichen des Lebens möchten verloren haben . Bei solchen Gesprächen erhorchte ich mir nun , daß man bei jenen Kindern das Umgekehrte versucht und angewendet , ja sie gewissermaßen erst ermordet ; ferner hielt man dafür , daß durch einen Aderlaß vielleicht ihnen allen wäre zu helfen gewesen . In meinem jugendlichen Eifer nahm ich mir daher im stillen vor , ich wollte keine Gelegenheit versäumen , alles zu lernen , was in solchem Falle nötig wäre , besonders das Aderlassen und was dergleichen Dinge mehr waren . Allein wie bald nahm mich der gewöhnliche Tag mit sich fort . Das Bedürfnis nach Freundschaft und Liebe war aufgeregt , überall schaut ' ich mich um , es zu befriedigen . Indessen ward Sinnlichkeit , Einbildungskraft und Geist durch das Theater übermäßig beschäftigt ; wie weit ich hier geführt und verführt worden , darf ich nicht wiederholen . Wenn ich nun aber nach dieser umständlichen Erzählung zu bekennen habe , daß ich noch immer nicht ans Ziel meiner Absicht gelangt sei und daß ich nur durch einen Umweg dahin zu gelangen hoffen darf , was soll ich da sagen ! wie kann ich mich entschuldigen ! Allenfalls hätte ich folgendes vorzubringen : Wenn es dem Humoristen erlaubt ist , das Hundertste ins Tausendste durcheinanderzuwerfen , wenn er kecklich seinem Leser überläßt , das , was allenfalls daraus zu nehmen sei , in halber Bedeutung endlich aufzufinden , sollte es dem Verständigen , dem Vernünftigen nicht zustehen , auf eine seltsam scheinende Weise ringsumher nach vielen Punkten hinzuwirken , damit man sie in einem Brennpunkte zuletzt abgespielt und zusammengefaßt erkenne , einsehen lerne , wie die verschiedensten Einwirkungen den Menschen umringend zu einem Entschluß treiben , den er auf keine andere Weise , weder aus innerm Trieb noch äußerm Anlaß , hätte ergreifen können ? Bei dem Mannigfaltigen , was mir noch zu sagen übrigbleibt , habe ich die Wahl , was ich zuerst vornehmen will ; aber auch dies ist gleichgültig , du mußt dich eben in Geduld fassen , lesen und weiter lesen , zuletzt wird denn doch auf einmal hervorspringen und dir ganz natürlich scheinen , was mit einem Worte ausgesprochen dir höchst seltsam vorgekommen wäre , und zwar auf einen Grad , daß du nachher diesen Einleitungen in Form von Erklärungen kaum einen Augenblick hättest schenken mögen . Um nun aber einigermaßen in die Richte zu kommen , will ich mich wieder nach jenem Ruderpflock umsehen und eines Gesprächs gedenken , das ich mit unserem geprüften Freunde Jarno , den ich unter dem Namen Montan im Gebirge fand , zu ganz besonderer Erweckung eigner Gefühle zufällig zu führen veranlaßt ward . Die Angelegenheiten unseres Lebens haben einen geheimnisvollen Gang , der sich nicht berechnen läßt . Du erinnerst dich gewiß jenes Bestecks , das euer tüchtiger Wundarzt hervorzog , als du dich mir , wie ich verwundet im Walde hingestreckt lag , hülfreich nähertest ? Es leuchtete mir damals dergestalt in die Augen und machte einen so tiefen Eindruck , daß ich ganz entzückt war , als ich nach Jahren es in den Händen eines Jüngeren wiederfand . Dieser legte keinen besondern Wert darauf ; die Instrumente sämtlich hatten sich in neuerer Zeit verbessert und waren zweckmäßiger eingerichtet , und ich erlangte jenes um desto eher , als ihm die Anschaffung eines neuen dadurch erleichtert wurde . Nun führte ich es immer mit mir , freilich zu keinem Gebrauch , aber desto sicherer zu tröstlicher Erinnerung : Es war Zeuge des Augenblicks , wo mein Glück begann , zu dem ich erst durch großen Umweg gelangen sollte . Zufällig sah es Jarno , als wir bei dem Köhler übernachteten , der es alsobald erkannte und auf meine Erklärung erwiderte : » Ich habe nichts dagegen , daß man sich einen solchen Fetisch aufstellt , zur Erinnerung an manches unerwartete Gute , an bedeutende Folgen eines gleichgültigen Umstandes ; es hebt uns empor als etwas , das auf ein Unbegreifliches deutet , erquickt uns in Verlegenheiten und ermutigt unsere Hoffnungen ; aber schöner wäre es , wenn du dich durch jene Werkzeuge hättest anreizen lassen , auch ihren Gebrauch zu verstehen und dasjenige zu leisten , was sie stumm von dir fordern . « » Laß mich bekennen « , versetzte ich darauf , » daß mir dies hundertmal eingefallen ist ; es regte sich in mir eine innere Stimme , die mich meinen eigentlichen Beruf hieran erkennen ließ . « Ich erzählte ihm hierauf die Geschichte der ertrunkenen Knaben , und wie ich damals gehört , ihnen wäre zu helfen gewesen , wenn man ihnen zur Ader gelassen hätte ; ich nahm mir vor , es zu lernen , doch jede Stunde löschte den Vorsatz aus . » So ergreif ihn jetzt « , versetzte jener , » ich sehe dich schon so lange mit Angelegenheiten beschäftigt , die des Menschen Geist , Gemüt , Herz , und wie man das alles nennt , betreffen und sich darauf beziehen ; allein was hast du dabei für dich und andere gewonnen ? Seelenleiden , in die wir durch Unglück oder eigne Fehler geraten , sie zu heilen vermag der Verstand nichts , die Vernunft wenig , die Zeit viel , entschlossene Tätigkeit hingegen alles . Hier wirke jeder mit und auf sich selbst , das hast du an dir , hast es an andern erfahren . « Mit heftigen und bittern Worten , wie er gewohnt ist , setzte er mir zu und sagte manches Harte , das ich nicht wiederholen mag . Es sei nichts mehr der Mühe wert , schloß er endlich , zu lernen und zu leisten , als dem Gesunden zu helfen , wenn er durch irgendeinen Zufall verletzt sei : durch einsichtige Behandlung stelle sich die Natur leicht wieder her ; die Kranken müsse man den Ärzten überlassen , niemand aber bedürfe eines Wundarztes mehr als der Gesunde . In der Stille des Landlebens , im engsten Kreis der Familie sei er ebenso willkommen als in und nach dem Getümmel der Schlacht ; in den süßesten Augenblicken wie in den bittersten und gräßlichsten ; überall walte das böse Geschick grimmiger als der Tod , und ebenso rücksichtslos , ja noch auf eine schmählichere , Lust und Leben verletzende Weise . Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung , daß er mich so wenig als die Welt schonte . Am stärksten aber lehnte er sich auf das Argument , das er im Namen der großen Gesellschaft gegen mich wendete . » Narrenpossen « , sagte er , » sind eure allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu . Daß ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe , vorzüglich leiste , wie nicht leicht ein anderer in der nächsten Umgebung , darauf kommt es an , und besonders in unserm Verbande spricht es sich von selbst aus . Du bist gerade in einem Alter , wo man sich mit Verstande etwas vorsetzt , mit Einsicht das Vorliegende beurteilt , es von der rechten Seite angreift , seine Fähigkeiten und Fertigkeiten auf den rechten Zweck hinlenkt . « Was soll ich nun weiter fortfahren auszusprechen , was sich von selbst versteht ! Er machte mir deutlich , daß ich Dispensation von dem so wunderlich gebotenen unstäten Leben erhalten könne ; es werde jedoch schwer sein , es für mich zu erlangen . » Du bist von der Menschenart « , sprach er , » die sich leicht an einen Ort , nicht leicht an eine Bestimmung gewöhnen . Allen solchen wird die unstäte Lebensart vorgeschrieben , damit sie vielleicht zu einer sichern Lebensweise gelangen . Willst du dich ernstlich dem göttlichsten aller Geschäfte widmen , ohne Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun , so verwende ich mich für dich . « So sprach er hastig und fügte hinzu , was seine Beredsamkeit noch alles für gewaltige Gründe vorzubringen wußte . Hier nun bin ich geneigt zu enden , zunächst aber sollst du umständlich erfahren , wie ich die Erlaubnis , an bestimmten Orten mich länger aufhalten zu dürfen , benutzt habe , wie ich in das Geschäft , wozu ich immer eine stille Neigung empfunden , mich gar bald zu fügen , mich darin auszubilden wußte . Genug ! bei dem großen Unternehmen , dem ihr entgegengeht , werd ' ich als ein nützliches , als ein nötiges Glied der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen , mit einer gewissen Sicherheit , mich anschließen ; mit einigem Stolze , denn es ist ein löblicher Stolz , euer wert zu sein . Betrachtungen im Sinne der Wanderer Kunst , Ethisches , Natur Alles Gescheite ist schon gedacht worden , man muß nur versuchen , es noch einmal zu denken . Wie kann man sich selbst kennen lernen ? Durch Betrachten niemals , wohl aber durch Handeln . Versuche deine Pflicht zu tun , und du weißt gleich , was an dir ist . Was aber ist deine Pflicht ? Die Forderung des Tages . Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten , das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn macht . Mir wird , je länger ich lebe , immer verdrießlicher , wenn ich den Menschen sehe , der eigentlich auf seiner höchsten Stelle da ist , um der Natur zu gebieten , um sich und die Seinigen von der gewalttätigen Notwendigkeit zu befreien ; wenn ich sehe , wie er aus irgendeinem vorgefaßten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem , was er will , und sich alsdann , weil die Anlage im Ganzen verdorben ist , im Einzelnen kümmerlich herumpfuschet . Tüchtiger , tätiger Mann , verdiene dir und erwarte : von den Großen - Gnade , von den Mächtigen - Gunst , von Tätigen und Guten - Förderung , von der Menge - Neigung , von dem Einzelnen - Liebe . Die Dilettanten , wenn sie das Möglichste getan haben , pflegen zu ihrer Entschuldigung zu sagen , die Arbeit sei noch nicht fertig . Freilich kann sie nie fertig werden , weil sie nie recht angefangen ward . Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar , ausgeführt oder nicht , schon ist es vollendet . Der geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen , und wie die Ausführung wächst , kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein . Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte , das nicht auszugleichen ist , und so kann das Werk freilich nicht fertig werden . In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule , wohl aber Vorbereitungen ; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten Schülers am Geschäft des Meisters . Aus Farbenreibern sind treffliche Maler hervorgegangen . Ein anderes ist die Nachäffung , zu welcher die natürliche allgemeine Tätigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Künstler , der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt , zufällig angeregt wird . Von der Notwendigkeit : daß der bildende Künstler Studien nach der Natur mache , und von dem Werte derselben überhaupt sind wir genugsam überzeugt ; allein wir leugnen nicht , daß es uns öfters betrübt , wenn wir den Mißbrauch eines so löblichen Strebens gewahr werden . Nach unserer Überzeugung sollte der junge Künstler wenig oder gar keine Studien nach der Natur beginnen , wobei er nicht zugleich dächte , wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden , wie er diese Einzelnheit , in ein angenehmes Bild verwandelt , in einen Rahmen eingeschlossen , dem Liebhaber und Kenner gefällig anbieten möge . Es steht manches Schöne isoliert in der Welt , doch der Geist ist es , der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat . - Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt , das ihr anhängt , durch den Tautropfen , der sie befeuchtet , durch das Gefäß , woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht . Kein Busch , kein Baum , dem man nicht durch die Nachbarschaft eines Felsens , einer Quelle Bedeutung geben , durch eine mäßige einfache Ferne größern Reiz verleihen könnte . So ist es mit menschlichen Figuren und so mit Tieren aller Art beschaffen . Der Vorteil , den sich der junge Künstler hiedurch verschafft , ist gar mannigfaltig . Er lernt denken , das Passende gehörig zusammenbinden , und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert , wird es ihm zuletzt auch an dem , was man Erfindung nennt , an dem Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen , keineswegs fehlen können . Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaft Genüge , so hat er noch nebenher den großen nicht zu verachtenden Gewinn , daß er lernt , verkäufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Blätter hervorzubringen . Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt und vollendet zu sein ; wenn sie gut gesehen , gedacht und fertig ist , so ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres ausgeführtes Werk . Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Büchelchen und im Portefeuille und überlege , wie viele Blätter er davon auf jene Weise genießbar und wünschenswert hätte machen können . Es ist nicht die Rede vom Höheren , wovon man wohl auch sprechen könnte , sondern es soll nur als Warnung gesagt sein , die von einem Abwege zurückruft und aufs Höhere hindeutet . Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch und setze weder Kohle noch Pinsel an ohne Intention , einen vorliegenden Naturgegenstand als Bild abzuschließen . Hat er angebornes Talent , so wird sich ' s bald offenbaren , welche Absicht wir bei diesen Andeutungen im Sinne hegten . Sage mir , mit wem du umgehst , so sage ich dir , wer du bist ; weiß ich , womit du dich beschäftigst , so weiß ich , was aus dir werden kann . Jeder Mensch muß nach seiner Weise denken , denn er findet auf seinem Wege immer ein Wahres , oder eine Art von Wahrem , die ihm durchs Leben hilft ; nur darf er sich nicht gehen lassen ; er muß sich kontrollieren ; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen . Unbedingte Tätigkeit , von welcher Art sie sei , macht zuletzt bankerott . In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert . Die Menschen werden an sich und andern irre , weil sie die Mittel als Zweck behandeln , da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar das Widerwärtige . Was wir ausdenken , was wir vornehmen , sollte schon vollkommen so rein und schön sein , daß die Welt nur daran zu verderben hätte ; wir blieben dadurch in dem Vorteil , das Verschobene zurechtzurücken , das Zerstörte wiederherzustellen . Ganze , Halb- und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam zurechtzulegen , zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen , wohin es gehört . Es ist nicht immer nötig , daß das Wahre sich verkörpere ; schon genug , wenn es geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt ; wenn es wie Glockenton ernstfreundlich durch die Lüfte wogt . Wenn ich jüngere deutsche Maler , sogar solche , die sich eine Zeitlang in Italien aufgehalten , befrage : warum sie doch , besonders in ihren Landschaften , so widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen ? so geben sie wohl ganz dreist und getrost zur Antwort : sie sähen die Natur genau auf solche Weise . Kant hat uns aufmerksam gemacht , daß es eine Kritik der Vernunft gebe , daß dieses höchste Vermögen , was der Mensch besitzt , Ursache habe , über sich selbst zu wachen . Wie großen Vorteil uns diese Stimme gebracht , möge jeder an sich selbst geprüft haben . Ich aber möchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen , daß eine Kritik der Sinne nötig sei , wenn die Kunst überhaupt , besonders die deutsche , irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwärts gehen solle . Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch großer Bildung , sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher , durch friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach offenbaren . Ebenso wird zwar der angehende Künstler , aber nicht der vollendete geboren ; sein Auge komme frisch auf die Welt , er habe glücklichen Blick für Gestalt , Proportion , Bewegung ; aber für höhere Komposition , für Haltung , Licht , Schatten , Farben kann ihm die natürliche Anlage fehlen , ohne daß er es gewahr wird . Ist er nun nicht geneigt , von höher ausgebildeten Künstlern der Vor- und Mitzeit das zu lernen , was ihm fehlt um eigentlicher Künstler zu sein , so wird er im falschen Begriff von bewahrter Originalität hinter sich selbst zurückbleiben ; denn nicht allein das , was mit uns geboren ist , sondern auch das , was wir erwerben können , gehört uns an , und wir sind es . Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Wege , entsetzliches Unglück anzurichten . » Blasen ist nicht flöten , ihr müßt die Finger bewegen . « Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung , die